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Die Camp David Verhandlungen 1978

Eine Betrachtung aus der theoretischen Sichtweise des Two-Level-Games-Ansatzes

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Bezugsrahmen

3. Historischer Kontext und Verhandlungsziele

4. Einfluss des Zwei-Ebenen-Spiels auf die Camp-David-Verhandlungen
4.1 Sadats Besuch in der Knesset
4.2 Einfluss der politischen Systeme auf die Verhandlungen
4.3 Einfluss der amerikanischen Rolle als Mediator

5. Resümee

Literatur

1. Einleitung

Das Camp-David Abkommen vom 17. September 1978 stellt einen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Israel und Ägypten dar. Es führte zu einem dauerhaften Frieden und einer Normalisierung der Beziehung zwischen den beiden Staaten, welche sich in drei Jahrzehnten vier Kriege geliefert hatten.

Eine Annahme, welche insbesondere in der Theorieschule des (Neo-)realismus verbreitet ist, unterstellt die Trennung der Sphären von Außen- und Innenpolitik. Aus neorealistischer Sichtweise spielen innenpolitische Faktoren in den Außenpolitiken von Staaten keine Rolle. Vielmehr ist die Außenpolitik eines Staates durch die Zwänge des internationalen Systems determiniert.

Dieser Beitrag stellt diese Annahme in Frage und will anhand der Camp-David Verhandlungen aufzeigen, wie innenpolitische Faktoren in der Außenpolitik wirksam werden.

Hierbei liegt der Arbeit folgende These zu Grunde: Im Vorfeld und während der Camp David-Verhandlungen waren sich sowohl Israel, Ägypten als auch die USA der jeweiligen innenpolitischen Zwänge ihrer Verhandlungspartner bewusst und versuchten diese zu nutzen, um ein für sie vorteilhaftes Verhandlungsresultat zu erzielen. Dabei stellte sich im Bargaining-Prozess die zentralisierte Verfasstheit des politischen Systems Ägyptens, gerade im Vergleich zum dezentralisierten Systems Israels als ein Nachteil für die ägyptische Seite heraus.

Verschärft wurde dieser Nachteil durch eine suboptimale Verhandlungsführung des ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat, welcher die innenpolitischen Handlungszwänge des US-Präsidenten Jimmy Carter falsch einschätzte.

Als theoretischer Bezugsrahmen wird der Analyse der von Robert Putnam entwickelte Two-Level-Games-Ansatz zu Grunde gelegt. Dieser wird in Kapitel zwei vorgestellt. Abgeleitet aus diesem Ansatz sollen auch die Grundgedanken für eine optimale Verhandlungstaktik umrissen werden um einen Rückschluss auf Verhandlungsfehler zu ziehen zu können. Bevor die Theorie in Kapitel vier auf die Camp-David- Verhandlungen und deren Vorbereitung angewandt wird, umreißt Kapitel drei aus einer systemischen Sichtweise den historischen Kontext in dem die Verhandlungen stattfanden und beschreibt die Verhandlungsziele und Interessen der an den Camp David Verhandlungen beteiligten Parteien. Abschließend folgt unter der Bezugnahme der hier vorgestellten These ein Resümee.

2. Theoretischer Bezugsrahmen

Der theoretische Bezugsrahmen, welcher in dieser Arbeit zu Grund gelegt wird, ist der des „Two-Level-Games“. Dieser maßgeblich durch Robert Putnam entwickelte, an die Spieltheorie angelehnte Theorieansatz, beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel der nationalen und der internationalen Ebene. Putnam lehnt dabei eine monokausale Erklärungsweise zur Analyse staatlicher Außenpolitik, bei der nur eine Ebene betrachtet wird ab. Stattdessen integriert er systemische und subsystemische Variablen in ein Analysekonzept und begreift das Zusammenwirken der zwei Ebenen als eine wechselseitige Interdependenzbeziehung.1

Die Regierung eines Landes steht jeweils an der Schnittstelle zwischen der nationalen und der internationalen Ebene und muss in internationalen Verhandlungen ein Ergebnis erzielen, welches in seiner Gesamtheit ein Pareto optimales Ergebnis für beide Ebenen darstellt. Die Notwendigkeit des Ausgleichs zwischen den Ebenen besteht dabei aufgrund des Auseinanderklaffens der Zielvorstellungen der Akteure auf der nationalen Ebene, etwa von Interessengruppen, sozialen Klassen oder der Öffentlichkeit einerseits und den Handlungszwängen für die Regierung auf der internationalen Ebene andererseits, die den Staat in Verhandlungen mit anderen Staaten und im Geflecht der internationalen Beziehungen verantwortungsvoll positionieren muss.2 Robert Putnam bringt die Essenz des Two-Level-Games folgendermaßen auf den Punkt:

At the national level, domestic groups pursue their interest by pressuring the government to adopt favorable policies, and politicians seek power by constructing coalitions among these groups. At the international level, national governments seek to maximize their own ability to satisfy domestic pressures, while minimizing the adverse consequences of foreign developments.”3

Aus diesem Grundgedanken heraus folgen bestimmte Regeln, wie das Two-Level- Game in internationalen Verhandlungen optimal gespielt werden kann. Der zentrale Begriff den Putnam benennt ist der des „Win-Sets“ eines Staates, also der Bereich der möglichen Verhandlungsergebnisse, welche von einer Regierung als zumutbar und damit als eine Besserstellung gegenüber dem Status Quo erachtet wird. Je größer das Win-Set eines Staates, desto wahrscheinlicher ist eine Überschneidung mit dem Win-Set des Verhandlungspartners und desto wahrscheinlicher wird es zu einem Kompromiss kommen: „[…] Agreement is possible only, if those win sets operlap (Hervorheb. i. O.)“4

Ein breites Win-Set ermöglicht es einem Verhandlungspartner auch, größere Konzessionen einzugehen. Denn je größer der Verhandlungsspielraum eines Staates A ist, desto näher kann eine Verhandlungslösung erzielt werden, welche sich an dem für den Staat B selber als optimal erachteten Verhandlungsergebnis befindet: „ The larger the perceived win-set of a negotiator, the more he (der Verhandlungspartner, Anm. d. Verf.) can be „ pushed around “ by the other [ … ] negotiator.“5 Eine gute Verhandlungsstrategie sollte deshalb darin bestehen, dem Verhandlungspartner vor Verhandlungsbeginn ein breiters Win-Set zu verschaffen.

Dies kann etwa erreicht werden, indem durch öffentliche Statements die wichtigen Akteure auf der nationalen Ebene, also die Interessengruppen oder die Öffentlichkeit angesprochen, beziehungsweise deren Vertrauen gewonnen wird, um so die innenpolitischen Handlungszwänge einer Regierung zu mildern.

Während sich geringe Restriktionen, welche ein Staat A auf der nationalen Ebene zu berücksichtigen hat, positiv für die Verhandlungsposition von Staat B auswirken, da sie Staat A in die Lage versetzt auf weitreichende Konzessionen einzugehen, verschaffen starke Restriktionen auf der nationalen Ebene umgekehrt einen Vorwand, Kompromissvorschläge abzulehnen und stärkere Zugeständnisse vom Verhandlungspartner zu fordern. Eine strategische Verhandlungsführung kann so den Verweis auf die Unannehmbarkeit von Kompromissvorschlägen beinhalten, da diese im eignen Land als nicht akzeptabel angesehen werden. Auf diese Weise kann der Verhandlungspartner zu noch größeren Zugeständnissen gedrängt werden.

Die Kunst der Verhandlung besteht so ein Stück auch darin, dem Verhandlungspartner den Glauben zu geben, selbst starken nationalen Handlungszwängen zu unterliegen. Hieraus folgt die Notwendigkeit, dem Verhandlungspartner über den tatsächlichen eigenen Verhandlungsraum bzw. das eigene Win-Set im Unklaren zu lassen: „ [ … ] bargainers must avoid being overly predictable.“6

Bevor nun auf die den Einfluss der innenpolitischen Faktoren auf die Camp David Verhandlungen Bezug genommen wird, soll an dieser Stelle der historische Kontext umrissen werden, in der die Verhandlungen stattfanden.

3. Historischer Kontext und Verhandlungsziele

Der Sechs-Tage-Krieg von 1967 stellte einen entscheidenden Wendepunkt im Konflikt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn dar. Innerhalb nicht mal einer Woche fügte Israel Ägypten und seinen Alliierten eine demütigende und nachhaltige Niederlage zu. Nicht nur wurden die arabischen Armeen vernichtend geschlagen - so wurden fast die gesamte ägyptische und syrische Luftwaffe vernichtet - und damit die ständige Bedrohung derer für Israel ausgeschalten. Auch wurden weitreichende Territorien erobert. So besetze Israel die zu Ägypten gehörende Sinai-Halbinsel, den Gaza-Streifen, das militärstrategisch wichtige Gebiet der Golan-Höhen, sowie die West Bank und Ost-Jerusalem.7

Der Sieg Israels schuf darüber hinaus auch eine völlig veränderte politische Situation für alle Akteure in der Region. Vor dem Krieg stilisierte der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser den Konflikt als ein „Aufeinanderprall der Schicksale“ zwischen Israelis und Arabern und bestand auf die völlige Aufgabe des israelischen Staates: „ We want the rights of the people of Palestine - complete8 Nach Ende des Krieges rückte stattdessen die Rückgabe der für die arabischen Staaten verlorenen Gebiete in den Mittelpunkt des Interesses. Mit der Unterzeichnung der UN-Resolution 242, welche auf dem Prinzip „Land-für-Frieden“ basierte, akzeptierten die arabischen Staaten die Existenz Israels implizit und stillschweigend.9

Eine neue Konstellation entstand mit dem Angriff Ägyptens und Syriens auf Israel im Oktoberkrieg von 1973. Vielmehr als ein militärischer Erfolg war dieser Krieg für die arabische Seite ein psychologischer Befreiungsschlag. So erschütterten die anfänglichen militärischen Erfolge der Ägypter den Mythos der Unverwundbarkeit der israelischen Armee. In Anlehnung an Clausewitz Ausspruch vom Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln versteht Oakman den Oktoberkrieg daher in erster Linie als einen politischen Katalysator für die darauf folgenden diplomatischen Bemühungen: „ In retrospect, it is generally agreed that this war was the first step by Egypt in the negotiating process. It raised awareness of the need for a lasting solution to the conflict and galvanized the U.S. and the Soviet Union to take action.“10

Die Verstärkung des diplomatischen Engagements der beiden Supermächte zur Beilegung des Konfliktes zwischen Israel und den arabischen Nachbarn muss dabei im Kontext des Kalten Krieges verstanden werden. Sowohl die USA als auch die Sowjetunion hatten seit Ausbruch des Kalten Krieges Interessen in der Nahost- Region verfolgt und versucht ihre Einflusssphäre, der Logik des Null-Summen-Spiels zufolge bei der die Gewinne der einen Partei den Verlusten der anderen Partei entsprechen, in der Region zu stärken. Wie Bassam Tibi bemerkt, war der Nahe Osten im Oktober 1973 bereits eine völlig durch die beiden Supermächte penetrierte Region.11 In den Kriegen von 1968 und 1973 protegierten die USA in erster Linie Israel, während die Sowjetunion die arabischen Staaten unterstützten. Gerade aber der Oktoberkrieg zeigte den Supermächten deutlich, dass ihre nahöstlichen Satellitenstaaten keinesfalls, Schachfiguren gleich, beliebig zu steuern waren, sondern durchaus ihre eigenen Interessen verfolgten, welche nicht unbedingt im Einklag mit den Interessen der Schutzmächte standen. So führte der Krieg beiden Supermächten die Gefahr des Eskalationspotentials dieses Konfliktes vor Augen. Gerade da der Einfluss der Supermächte auf ihre Satellitenstaaten nur indirekt erfolgen konnte und so nur begrenzt war, konnten sie im Falle eines möglichen weiteren Krieg nicht ausschließen, ungewollt in eine direkte Konfrontation verwickelt zu werden.12

In verschiedenen Verhandlungsformaten waren die USA und die Sowjetunion nach Ende der Kämpfe bemüht, eine Lösung des Konfliktes herbeizuführen. Dabei wurde deutlich, dass die USA sich nach 1973 in eine gestärkte Position manövriert hatten. So konstatiert Tibi: „ Als Sieger aus dem Oktoberkrieg ging Amerika hervor.“13 Während die Genfer Friedenskonferenz 1975, bei der beide Supermächte am Verhandlungstisch saßen scheiterte, erzielte US-Außenminister Henry Kissinger in denen als „Pendeldiplomatie“ bekannt gewordenen Verhandlungen zwischen Israel, Ägypten und weiteren arabischen Staaten, Erfolge bei der Stabilisierung des Friedens. Vor allem jedoch gelang es ihm, Ägypten aus der Einflusssphäre der Sowjetunion herauszubrechen. Hauptgrund für das Umschwenken Ägyptens war die Einsicht Sadats, das eine Wiedererlangung der Kontrolle über den Sinai kaum durch einen weiteren Waffengang, sondern nur über eine Einigung am Verhandlungstisch zu erreichen war. Für eine Einigung mit Israel brauchte Sadat jedoch deren Schutzmacht, die USA mit im Boot. Quandt bemerkt hierzu: „ [ … ] the Soviets could provide arms to the Arabs, but only the United States could produce Israeli territorial

[...]


1 Vgl. Website Ludwig Maximilian Universität, Zwei-Ebenen Ansatz Robert Putnams, http://kla ndestino.org/? p=154

2 Putnam, R. D. (1993): Diplomacy and Domestic Politics. The Logic of Two-Level-Games, S. 435ff, in: International Organization 42/3, Berkely, S. 427-460

3 Ebd., S. 436

4 Ebd. 438

5 Ebd. S. 440

6 Telhami, S. (1992): S. 634

7 Vgl. Johannsen, M. (32011): Der Nahost-Konflikt, VS-Verlag, Wiesbaden, S. 26

8 Nasser, G.A. zit. nach: Gelvin,J.L (2005): The Israel-PalestineConflict. One hundred years of war, Cambridge University Press, Cambridge, S. 174

9 Vgl. ebd.

10 Website Princton University, Oakman, J. (2002): The Camp David Accords. A case study on international negotiations. Woodrow Wilson School of Public and International Affairs, Princeton University, S. 1, http://www.wws.princeton.edu/~cases/papers/campdavid.html

11 Vgl. Tibi, B. (21991): Konfliktregion Naher Osten, C.H. Beck Verlag, München, S. 138

12 Vgl. ebd., S. 151

13 Ebd. S. 137

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656273950
ISBN (Buch)
9783656274773
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200754
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Two-Level-Games Nahost Nahost Konflikt theoretischer Ansatz Camp David Verhandlung 1978 Israel Ägypten Nasser Putnam Robert Putnam Friedensabkommen Waffenstillstand Oktoberkrieg Yom Kippur sadat Begin Sinai Zwei Ebenen Spiel Menachem Jimmy Carter carter

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Titel: Die Camp David Verhandlungen 1978