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Anna Magnani - Die "Urmutter des italienischen Films"

Fachbuch 2012 29 Seiten

Kunst - Fotografie und Film

Leseprobe

Ernst Probst

Anna Magnani

Die „Urmutter des italienischen Films“

Eine der talentiertesten Schauspielerinnen der Welt war die Künstlerin Anna Magnani (1908–1973), die man als „Urmutter des italienischen Films“ bezeichnete. Auf der Kinoleinwand brachte die 1,60 Meter große Künstlerin mit ihrem scharf geschnittenen Gesicht und ihren großen finsteren Augen perfekt sowohl die Bitterkeit als auch den Humor der Nachkriegszeit in Italien zum Ausdruck. Oft spielte sie einfache Frauen aus dem Volk, die um ihre Liebe, ihr Glück oder ihre Kinder leidenschaftlich kämpften.

Anna Magnani wurde am 7. März 1908 unehelich in Rom geboren – und nicht in Ägypten, wie es in einigen Biografien heißt. Sie erhielt den Familienamen ihrer jungen Mutter Marina Magnani, die als Näherin arbeitete. Ihren aus Kalabrien stammenden Vater, dessen Namen sie nicht wusste, sah sie nie, weil er verschwand, als sie einen Monat alt war.

Die Mutter ging 1911 als 18-Jährige alleine nach Alexandria in Ägypten, um dort zu arbeiten und Geld zu verdienen. Zurück ließ sie ihre dreijährige Tochter, die fortan von ihrer Großmutter mütterlicherseits erzogen wurde und in ärmlichen Verhältnissen im römischen Arbeiterviertel Trastevere aufwuchs. Erst im Alter von neun Jahren sah Anna ihre Mutter wieder, die angeblich in Ägypten einen wohlhabenden Österreicher geheiratet hatte.

1915 kam die siebenjährige Anna Magnani in ein von katholischen Nonnen geleitetes Internat in Trinita bei Monti. Dort lernte sie die französische Sprache und Klavierspielen. Sie war sehr musikalisch, hatte eine tiefe Singstimme und beherrschte irgendwann auch die Gitarre. 1923 wechselte sie auf ein Gymnasium.

1925 begann die 17-jährige Anna Magnani eine Ausbildung an der „Accademia d’Arte Drammatica Eleonora Duse“ („Akademie der Dramatischen Künste“) in Rom. Diese Ausbildung finanzierte sie mit Auftritten in Nachtlokalen, wo sie als Sängerin gepfefferte dialektgefärbte römische Gassenhauer – so genannte „stornélli“ – zum Besten gab. Bereits nach Ablauf der halben Ausbildungszeit verließ sie die Akademie und schloss sich Wanderbühnen an, bei denen sie auftrat. Zu ihrem Repertoire gehörten bald Komödien, Singspiele sowie Tragödien von der Klassik bis in die Moderne. Eine Tournee führte sie sogar bis nach Argentinien in Südamerika.

Erstmals kurz auf der Kinoleinwand sah man Anna Magnani in dem Stummfilm „Scampolo“ („Die Mädchen der Straße“, 1928) von Augusto Genina (1892–1957). Allerdings wurde ihre kleine Rolle nicht im Abspann dieses Streifens erwähnt.

1933 lernte die 25-jährige Anna Magnani auf der römischen Experimentierbühne „Tetro Vallo“, wo sie Chansons sang, den Filmregisseur Goffredo Alessandrini (1904–1978) kennen. Er war ihre große Liebe und wurde 1933 ihr Ehemann.

Ihrem Gatten Alessandrini verdankte Anna Magnani den Kontakt zu dem Drehbuchautor Nunzio Malasomma (1894–1974). Sie bekam in dessen Streifen „La cieca di Sorrento“ („Die Blinde von Sorrent“, 1934) eine kleine Rolle. Danach wirkte sie in „Tempo massimo“ (1934) und „Quei due“ (1935) mit. In letzterem Film erwähnte man sie wieder nicht im Abspann. Erneut unter der Regie von Malasomma spielte sie in „Cavalleria“ („Fanny“, 1935).

Mitte der 1930-er Jahre arbeitete Anna Magnani am „Eliseo-Theater“ in Rom. Dort wirkte sie an mehreren Revuen mit. Es folgten die Filme „Trenta secondi d’amore“ (1936), „Marietta, la cameria“ („Rivalin der Zarin“, auch bekannt als „La principessa Tarakanova“, 1936) und „La fuggitiva“ („Wanda Reni“, 1940).

Anna Magnani entsprach nicht dem Schönheitsideal der 1930-er Jahre wie andere große weibliche Filmstars jener Zeit. Doch ihr wirrer Haarwuchs, ihre feurigen und ausdrucksvollen Augen sowie ihr intensiver Blick machten sie zu einer Persönlichkeit, deren Zauber man sich nicht entziehen konnte.

1940 trennten sich Anna Magnani und Goffredo Alessandrini. Offiziell geschieden wurden beide aber erst 1950. In den Kriegsjahren von 1940 bis 1944 trat Anna zusammen mit dem bekannten neapolitanischen Komiker Totò (1898–1967) erfolgreich in Revuen
auf.

In „Teresa Venerdi“ („Verliebte Unschuld“, 1941) unter der Regie von Vittorio de Sica (1901–1974) mimte Anna Magnani eine vulgäre Varietetänzerin. Dieser Film wurde auch außerhalb Italiens in den Kinos gezeigt. Allmählich erregte Anna die Aufmerksamkeit des Publikums und der Kritik.

Am 23. Oktober 1942 brachte Anna Magnani ihren unehelichen Sohn Luca zur Welt. Vater dieses Jungen war der Schauspieler Massimo Serato (1916–1989). Wegen Schwangerschaft und Geburt musste Anna auf die angebotene Hauptrolle in dem Regiedebüt „Ossesione“ („Besessenheit“, 1943) von Luchino Visconti (1906–1976) verzichten. Ihren Sohn zog sie allein auf. Er erkrankte im Alter von zweieinhalb Jahren an Kinderlähmung, wurde in einer Schweizer Klinik behandelt, konnte später mit Krücken gehen und benötigte einen Rollstuhl.

Über Anna Magnani heißt es, sie sei eine Hypochonderin gewesen. Angeblich hatte sie ständig ein Thermometer bei sich, um ihre Körpertemperatur zu messen. Andererseits hatte sie keine Bedenken, oft Zigarren zu rauchen. Es wird ihr auch nachgesagt, sie sei abergläubisch gewesen und hätte gewisse hellseherische Fähigkeiten besessen.

1943 kehrte Anna Magnani zum Filmgeschäft zurück. Damals tobte noch immer der Zweite Weltkrieg (1939–1945) und schränkte ihre Möglichkeiten stark ein. Der Krieg verhinderte, dass sie in internationalen Produktionen mitwirken konnte.

Die Filmografie von Anna Magnani erwähnt für 1943 ein halbes Dutzend Streifen von „L’avventura di Annabella“ bis zu „L’ultima carrozella“. Eine kleine Rolle spielte sie in „In fiore sotto gli occhi“ (1944).

Über Nacht zum Star wurde Anna Magnani durch den Film „Roma, città aperta“ („Rom – offene Stadt, 1945), der den von Widerstand, Verrat und Folter geprägten Alltag von Römerinnen unter deutscher Besatzung schildert. Dieser Streifen entstand unter extrem schwierigen Bedingungen im vom Krieg gezeichneten Italien. Er wurde 1944 gedreht, als die letzten deutschen Besatzer gerade Rom verließen. In jenem Film verkörperte Anna Magnani die schwangere Witwe Pina, die in eine Katastrophe getrieben wird. Der Streifen gilt als ein Meisterwerk des italienischen Neorealismus, den er mitbegründete, und wurde auch international ein großer Erfolg.

Regie bei „Rom – offene Stadt“ führte der italienische Filmregisseur Roberto Rossellini (1906–1977). Zwischen ihm und der 22 Monate jüngeren Anna Magnani kam es zu einer stürmischen Liebesaffäre. Beide stammten aus Rom und hatten bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich. Rossellini war von 1936 bis 1942 mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Marcella De Marchis (1916–2009) verheiratet gewesen und hatte mit ihr zwei Söhne.

Für den Streifen Rom – offene Stadt“ erhielt Anna Magnani den ersten „Nastro d’argento“, den italienischen „Oscar“. Nach ihrer brillanten schauspielerischen Leistung in diesem Film galt sie weltweit als Idealbesetzung für dramatische Rollen. Fortan arbeitete sie überwiegend nicht mehr für das Theater, sondern fast nur noch für den Film.

Für den italienischen Streifen „L’onorevole Angelina“ („Abgeordnete Angelina“, 1947) arbeitete Anna Magnani am Drehbuch mit. Bei den Filmfestspielen in Venedig zeichnete man sie für ihre Rolle in diesem Werk als beste Darstellerin aus. Ein weltweiter Kassenschlager wurde die Komödie „Molti sogni per le strada“ („Straßenträumereien“, 1948), in der die Magnani mitwirkte. In „Amore“ („Liebe“, 1948) stand sie erneut für ihren Lebensgefährten Rossellini vor der Kamera.

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Details

Seiten
29
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656273226
ISBN (Buch)
9783656274872
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200553
Note
Schlagworte
Anna Magnani Film Filmstars Filmschauspielerinnen Schauspielerinnen Frauenbiografien

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Titel: Anna Magnani - Die "Urmutter des italienischen Films"