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Paulus - Apostel und Revolutionsführer?

Zu Taubes’ „Die politische Theologie des Paulus“

Seminararbeit 2010 17 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Römerbrief
2.1. Äußere Form des Römerbriefs
2.2. Thematische Wiedergabe des Römerbriefs

3. Der Römerbrief 1,1-7
3.1. Die Epistelform des Römerbriefs 1,1-7
3.2. Inhaltliche Betrachtung des Präskripts
3.2.1. Röm. 1,1 – Der Sklave Christi
3.2.2. Röm. 1,2-5
3.2.3. Röm. 1,6-7

4. Jacob Taubes und Paulus
4.1. Revolutionäres Potenzial im Römerbrief nach Taubes’ Auslegung
4.1.1 Der revolutionäre Charakter von Röm 1,1-7 nach Taube

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Paulus - Deismann beginnt sein Kapitel über ihn, mit „Ein anatolischer Paulus und ein antiker Paulus, ein homo novus, der aus der Masse der Vielen und Kleinen herauswächst und, von keinem Literaten der heidnischen Umwelt beachtet zur welthistorischen Führerpersönlichkeit bestimmt ist, ein homo religiosus,…“[1].

Er ist ein Jude aus er Diaspora, in Jerusalem ausgebildeter Schriftgelehrter, erst Verfolger der jungen Christengemeinde, durch die „Erscheinung“ Jesus Christus bei seinem Damaskuserlebnis beeindruckt[2] und danach der wohl wirksamster Apostel in der antiken jüdischen Diaspora und in der heidnischen Welt. Der Apostel gehört zu den einflussreichsten Personen der gesamten Geistesgeschichte.

Facettenreich dient er Theologen, Philosophen, Schriftstellern, Künstlern und Musikern aus verschiedensten Epochen als Inspiration.

Für Jacob Taubes wächst die Beschäftigung mit Paulus Briefen zu einer Lebensaufgabe bis hin zu seinem Tod.

In vier im Februar 1987 gehaltenen Vorlesungen befasst er sich unter anderem intensiv mit Römerbrief, bevor er einen Monat später stirbt. In diesen Vorlesungen und Diskussionen inmitten des Heidelberger Studienzirkels schlägt der jüdische Religionsphilosoph einen brillanten, anspruchsvollen Bogen von Paulus über Markion zu Walter Benjamin. Dabei sieht er Paulus tief im Judentum verwurzelt und gelangt zu zahllosen inspirierenden Thesen, die die traditionelle christliche Römerbrief-Exegese originell angeregt haben.

Das im selben Jahr noch nach Taubes Tonband-Protokollen erschiene Buch „Die Politische Theologie des Paulus“ ist das Ergebnis dieser Vorträge.

In dieser Hausarbeit werde ich mich primär mit dem Abschnitt Röm. 1,1-7 beschäftigen, dann die initiierten politischen Ansätze Taubes gegenüberstellen und untersuchen.

2. Der Römerbrief

Der Römerbrief ist der umfangreichste und ausführlichste paulinische Brief[3] und stellt deswegen den Anfang des corpus Paulinum[4] dar. Nach Meinung der meisten Exegeten wird seine Entstehung um 56 n. Chr. datiert[5]. Genaue Faktoren zur Entstehung der Gemeinde sind nicht bekannt[6].

2.1. Äußere Form des Römerbriefes

Zusammenfassend lässt sich Röm 1,1–7 als Präskript sehen, worauf eine Präambel (Röm 1,8–15) und Paulus’ These (Röm 1,16–17) folgt.

Der Rest des Briefes lässt sich grob in 3 Teile teilen. Röm 1,18–8,39 tut die Schuld aller Menschen dar, Röm 9,1–11,36 zeigt den Ausweg durch den Glauben und Röm 12,1–15,14 zeigt das aus dem heil gewonnene Leben auf.

Der Brief endet dann mit einem Schlussprotokoll (Röm 15,14–33), einer Reihe von Grüßen, und einer Doxologie (Röm 16,1–23).

2.2 Thematische Wiedergabe des Römerbriefes

Der Hauptteil beschäftigt sich sehr mit der Errettung des Menschen und der damit verbundenen der Erlösung. Diese wird bei Paulus oft mit dem Ausdruck „Gerechtigkeit Gottes“ ausgedrückt, was auch den zentralen Begriff der paulinischen Rechtfertigungslehre darstellt[7].

Forschungsgeschichtlich herrscht eine mehrheitliche Einigkeit in der Annahme, dass es sich beim Römerbrief um den letzen echten erhaltenen Brief des Apostels Paulus handelt. Ob der Text des Briefes persönlich von Paulus geschrieben wurde, möglicherweise von ihm diktiert wurde oder womöglich auf Aufzeichnung paulinischer Worte zurückgeht ist nicht ausreichend geklärt, da dies angesichts Röm 16,22 ebenso möglich erscheint, wenn ein Tertius als Schreiber des Briefes genannt wird.

Eine weitere Besonderheit stellt die Anreihung von Grüßen am Ende des Schreibens dar, die in diesem Ausmaß in keinem andern Brief zu finden ist. Das ist besonders erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Paulus diese Gemeinde nicht selbst gegründet und noch nie besucht hat[8]. Ebenso eindrucksvoll erscheint der theologisch-politische Hintergrund, wie auch seine Wirkung angesichts der Tatsache, dass es sich hierbei um die wohl älteste Gemeinde christusgläubiger Juden in der westlichen Diaspora handelt[9].

3. Der Römerbrief 1,1-7

3.1. Die Epistelform von Röm. 1,1-7

Formell gesehen handelt es sich bei Röm. 1, 1-7 um einen einzigen Satz. Röm. 1,1 gibt den Absender bekannt, Vers 2-5 besteht aus einer Christologischen Ergänzung, Vers 6 und teilweise 7 geben die Adressaten an, worauf der Gruß folgt.

Grob strukturiert könnte man sagen, erst würden der Absender und der Adressat angeführt, worauf der Segenswunsch folgt.

Anhand dieser 2-Teilung lässt sich erkennen, dass sich dieser Briefanfang, wie auch die meisten Briefe des Neuen Testaments, der orientalischen Form bedienen. Anders als bei griechischen Präskripten wird in der orientalischen Form erst in einem prädikatlosen Satz in 3. Person gegrüßt, worauf hin ein Gruß in 2. Person folgt[10]. Die Angabe des Absenders im Nominativ vor dem Adressaten im Dativ kommt allerdings der hellenistischen Form gleich, womit es sich bei dem Briefanfang eher um eine Mischform handelt[11]. Er ist in der für Paulus typische Epistelform verfasst[12], der sich bereits Isokrates und Horaz in historischen, philosophischen wie auch moralischen und ethischen Belangen bedienten[13]. Im weitesten Sinne bedeutet das nur, dass es sich hierbei um einen, auf eine bestimmte Lebenssituation beziehenden, emotionalen Brief handelt, und nicht nur um einen allgemeinen Traktat. Bereits in Nehemia wird mehrfach internationaler Briefverkehr angedeutet[14], was Paulus durchaus bekannt ist. Die midraschische Form aus Paulus Briefen wird auch späteren Episteln innewohnen, wie beispielsweise der Epistel der Konversion (Iggeret ha-shemad) und der Epistel über die Ehe (Iggeret ha-qodesh). Diesen wohnen ebenso juristische Funktionen inne, wie man ja auch bereits bei Paulus eine Art von Rechtsprüchen herauslesen kann. Damit hat Paulus im Betreiben halakhischen Midraschs seinen Platz in seiner jüdischen Tradition[15].

In diesen recht gewöhnlichen Briefeingangs drängt sich jedoch ein auffälliger Christologischer Einschub , der 4 Verse umfasst. Sie haben inzwischen den Rang einer traditionellen Lehr- und Bekenntnisformel erworben. In diesen Versen werden Inhalte des Evangeliums und christologische Aussagen in den Vordergrund gestellt. Weiter erläutern sie das Wirken Jesu Christi hinsichtlich des Apostels und seiner Mission, wie auch bezüglich der Adressaten, die das Evangelium empfangen. Dabei ist der Gnadenwunsch, der mit dem Friedensgruß einhergeht, charakteristisch für Paulus. Der Gnadenwunsch wird am Ende der Paulinischen Briefe in der Regel wieder aufgenommen[16].

3.2. Inhaltliche Betrachtung des Präskripts

3.2.1. Röm.1,1 - Der Sklave Christi

Der Apostel stellt sich selbst in erster Linie als Sklave Christi vor[17].

Der Bezeichnung doulos ist offenkundig ein Ausdruck von Bescheidenheit, der Angesichts seiner Situation auch die Erniedrigung seiner Selbst innehaben könnte, da alle „ Wörter, die zur Wortgruppe gehören, dienen entweder der Beschreibung des Sklavenstandes oder der Beschreibung einer Haltung, die der Haltung des Sklaven entspricht[18].

[...]


[1] A. Deissmann, Paulus. Eine kultur- und religionsgeschichtliche Skizze, Tübingen, 1911

[2] Ich vermeide den Ausdruck „bekehrt“, weil dies bei manchen Lesern den Eindruck hinterlässt, Paulus hätte dem Judentum den Rücken gekehrt.

[3] Balz, S. 291, wo es heißt: „ Der Römerbrief ist der umfangreichste (etwa 7.100 Wörter), theologisch gewichtigste und zugleich letzte . . . Brief des Apostels Paulus.“

[4] Balz, ebd.: „ In der seit Pap. 46 (um 200 n. Chr. ) greifbaren handschriftlichen Überlieferung der Paulusbriefe steht er – wohl wegen seiner Bedeutung und seines Umfangs, der allerdings den des 1. Korintherbriefes nur wenig übertrifft (um knapp 300 Wörter) – am Beginn des Corpus Paulinum, fast durchgehend gefolgt von den beiden Korintherbriefen . . .

[5] Diese Zahlen bis zu zwei Jahren variieren. Siehe hierzu: Lohse, Eduard; Becker, Jürgen, Paulus. Der Apostel der Völker, Tübingen 1998. 25-32; 359; Schnelle, Udo , Paulus. Leben und Denken, Berlin 2003. 334

[6] Lohse, Eduard, 37f

[7] im Kommentar von Ernst Käsemann

[8] Wegen der hohen Anzahl persönlich genannter Personen „…hat man seit langem die ansprechende Annahme vertreten, Röm 16 habe nicht ursprünglich zum Römerbrief gehört, sondern sei das Fragment eines verlorenen, nach Ephesus gerichteten Briefes. Dafür spricht auch, daß 16,17–20 aufs schärfste vor Irrlehrern

und Zwiespaltstiftern warnt, von deren Umtrieben der sonstige Brief nichts erkennen lässt. Wer die Ephesushypothese ablehnt, muss die Frage überzeugend beantworten, wie die vielen Bekannten des Paulus inzwischen aus dem Osten nach Rom gekommen sind.“ Bornkamm, G., Der Römerbrief als Testament des Paulus, S. 127f.

[9] Laut Jürgen Becker handelt es sich hierbei um „ synagogal eingebundene Judenchristen “, s. Becker, J., Paulus, der Apostel der Völker, Mohr Siebeck, Tübingen 1998

[10] Schnider, Franz; Stenger, Werner: Studien zum neutestamentlichen Briefformular, S. 3

[11] Ebenso auch bei anderen Paulinischen Briefeingängen

[12] Hendriksen,W., 1 & 2 Thessalonians, New Testament Commentary 1976, S. 20

[13] Entgegen der Annahme die Epistelform sei nur im Neuen Testament zu finden, ist sie ebenso im Alten Testament vorhanden. In ihnen wird in der Regel die eröffnung und der Schlussteil des Epistelform weggelassen und nur die zu vermittelnde Nachricht zusammengefasst, wie es bspw. In 2. Sam. 11,15 oder 1. Könige 21,9-10 der Fall ist; s. Osborn, G., The Hermeneutical Spiral: A Comprehensive Introduction to Biblical Interpretation, Inta Varsity Press 1991, S. 314

[14] Neh. 2,7ff; 6,5; 6,17ff., s.” Iggeret” in: Renn, S., Expository dictionary of Bible words, Hendrikson P. 2005, S.591

[15] Tomson, P., Paul and the Jewish law: halakha in the Letters of the Apostle to the Gentiles, Van Gorcum 1990, S. 144f.

[16] Lohse, Eduard, 58f.; vgl. Röm. 16, 20; 1. Kor. 16, 23; 2. Kor. 13, 13; Gal. 6, 18; Phil. 4, 23; 1. Thess. 5, 28; Phlm. 25.

[17] Vgl. auch 2. Kor. 4, 3; Gal. 1, 10; Phil. 1, 1 und Tit. 1, 1.

[18] Rengstorf, Karl Heinrich, Art.: δοΰλος , δούλη in: ThWNT II, 1935, S. 264

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656266273
ISBN (Buch)
9783656267874
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200550
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Katholische Theologie
Note
1,7
Schlagworte
Heilswege

Autor

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Titel: Paulus - Apostel und Revolutionsführer?