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Die Textproduktion am Beispiel des Modells von Hayes/ Flower und dessen Praktikabilität

Eine Darstellung des Modells von Hayes/ Flower sowie die Frage nach dessen Praktikabilität

Hausarbeit 2012 20 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Textproduktion
2.1 Allgemeine Definition der Textproduktion

3. Das Textproduktionsmodell von Hayes/ Flower (1980)
3.1 Entstehungshintergrund
3.2 Protokolle lauten Denkens
3.3 Das Aufgabenumfeld
3.4 Das Langzeitgedächtnis
3.5 Planen
3.6 Formulieren
3.6.1 Die Unterscheidung von vier Textproduktionstypen
3.7 Überarbeiten
3.8 Der Monitor: Die Kontroll- und Steuerungsinstanz

4. Die Praktikabilität des Modells

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Das Herstellen von Text kann als komplexer Prozess angesehen werden, welcher in dem Problemlösemodell von Hayes/ Flower (1980) in detaillierter Art und Weise aufgeschlüsselt sowie dargestellt wird. Der Fokus dieser Arbeit liegt daher sowohl auf den Untersuchungen von John R. Hayes und Linda Flower selbst, als auch auf den Ausführungen von Sylvie Molitor-Lübbert, Alexander Winter und Arne Wrobel, die sich ausgiebig mit dem Modell der Textproduktionsphasen auseinander gesetzt haben.

Die vorliegende Arbeit soll einen kurzen Überblick zum Aufbau des Modells geben und die einzelnen Teilschritte der Textproduktion erläuternd darstellen. Hierzu ist es notwendig, zunächst eine allgemeine Definition der Textproduktion in Augenschein zu nehmen. Anschließend soll auf den Entstehungshintergrund des Modells sowie auf die von Hayes/ Flower entwickelten Protokolle lauten Denkens eingegangen werden, die ausschlaggebend für ihre Untersuchungen sind.

Die erste Teilkomponente des Modells, das Aufgabenumfeld, beschreibt die externen Faktoren, welche auf die Textproduktion einwirkenden. Das Gebiet des Langzeitgedächtnisses hingegen zielt auf das bereits vorhandene Wissen des Textproduzenten über seinen zu erstellenden Text ab. Daraufhin werden die eigentlichen Prozesse des Schreibens erläutert, welche sich in dem Modell in die Phasen der Planung, des Formulierens und der Überarbeitung einteilen lassen. Zu der Phase des Formulierens sind ebenfalls die von Hayes/ Flower herausgearbeiteten vier Typen der Textproduktion hinzuzufügen, die jeweils verschiedene Merkmale aufweisen. Anschließend soll die Funktion des Monitors näher beschrieben werden, welcher die Kontroll- und Steuerungsinstanz innerhalb des Modells darstellt.

Nach den Erläuterungen bezüglich des Modells soll dann die Frage nach dessen Praktikabilität untersucht werden, welche durchaus als gegeben angesehen werden kann.

Das Ziel dieser Arbeit ist eine übersichtliche Darstellung der verschiedenen Phasen des Textproduktionsmodells von Hayes/ Flower sowie die Klärung der Frage nach dessen Praktikabilität.

2. Die Textproduktion

2.1 Allgemeine Definition

Diesen komplexen Prozess der Textproduktion also sehen Hayes/ Flower in ihrem kognitiv orientierten Modell von 1980 als Gesamthandlung an, die analytisch in Teilkomponenten zerlegt wird (vgl. Winter, S. 19).

3. Das Textproduktionsmodell von Hayes/ Flower

3.1 Entstehungshintergrund

Das Problemlösemodell von Hayes/ Flower wurde aufgrund von Protokollen lauten Denkens entwickelt, auf die später noch genauer eingegangen wird (vgl. Hayes/ Flower, S.4).

Desweiteren basiert das Modell auf dem mathematischen Konzept der Rekursivität, was in Bezug auf die Textproduktion eine variable Abfolge der beteiligten Handlungen bedeutet, sowie die Überschneidung oder die übergreifende Auswirkung verschiedener Handlungen auf diverse Teilschritte der Textherstellung (vgl. Winter, S. 22).

Diese Teilschritte (subprocesses), die zunächst analytisch aus der Gesamthandlung (writing process) herausgelöst sind, werden anschließend erneut aufgegliedert, sodass sie schließlich einen Auflösungsgrad aufweisen, der einzelne Vorgänge umfasst und nicht weiter spezifiziert werden muss (vgl. Winter, S.19). Dadurch weist das Modell also eine Hierarchie von bis zu drei Auflösungsstufen auf, bei der das Textproduzieren als Gesamthandlung zunächst die oberste Ebene darstellt. Diese Ebene wird dann wiederum in die Teilkomponenten Planung (planning), Formulierung (translating), Überarbeitung (reviewing) und Überwachung (monitor) zerlegt, wobei die Komponente der Planung abermals in die Teilschritte Generieren (generating), Organisieren (organizing) sowie Zielsetzung (goal setting) gegliedert wird. Auf der untersten Auflösungsstufe werden dann Handlungen in Fließdiagrammen dargestellt, welche die einzelnen vom Textproduzenten auszuführenden Handlungsschritte beschreiben (vgl. Winter, S.19) (vgl. Abb. 1).

Vor allem aber basiert das Modell von Hayes/ Flower auf Analysen der für den Schreibprozess konstitutiven Aktivitäten und ihres Zusammenhangs untereinander, welche zwei unterschiedliche methodische Zugänge beschreiben (vgl. Wrobel, S. 458). Zum einen werden daher unmittelbare Beobachtungen der äußeren Merkmale des Schreibprozesses wie der zeitliche Verlauf, die beobachtbaren Handlungsphasen oder die sichtbar werdenden Zwischenergebnisse, Revisionen sowie Korrekturen in Betracht gezogen, während zum anderen ebenfalls die nicht unmittelbar beobachtbaren, mentalen Vorgänge der Textproduktion analysiert werden (Ebd., S. 358-259).

3.2 Protokolle lauten Denkens

Rekonstruktionen der nicht äußerlich wahrnehmbaren, inneren Vorgänge des Textproduzenten haben Hayes/ Flower durch Protokolle lauten Denkens erstellt, bei denen die Produzenten aufgefordert wurden, alles, was ihnen während des Textproduzierens in den Sinn komme, laut auszusprechen, sodass anschließend die für das Textherstellen wichtigen nicht beobachtbaren Aktionen erfasst werden und die Strukturen der einzelnen Handlungen auf dieser Basis bestimmt werden konnten (vgl. Hayes/ Flower S.4). Auffällig war dabei das Prinzip der „priority interrupts“, welches zeigt, dass Textproduktionshandlungen durch mehr oder weniger abrupte Unterbrechungen gekennzeichnet sein können, wenn beispielsweise Schreibfehler oder falsche bzw. unzulängliche Formulierungen auftreten (vgl. Winter, S. 23).

Gemäß der geläufigen Definition von Protokollen sind auch diese Protokolle Beschreibungen von Aktivitäten, in die ein Subjekt verwickelt ist, während eine Aufgabe bearbeitet wird, wobei die Abfolge dieser Aktivitäten chronologisch aufgelistet ist (vgl. Hayes/ Flower, S. 4.). Um lückenlose Ergebnisse bei der Analyse der mentalen Vorgänge des Textproduzierens zu bekommen, werden hierbei auch Dinge aufgelistet, die zunächst weniger wichtig erscheinen, da Textproduzenten selbst mit ganz expliziten Anweisungen vergessen könnten, wirklich alle Gedanken laut auszusprechen. Protokolle lauten Denkens wurden also von Hayes/ Flower entwickelt, um sämtliche gedankliche Vorgänge der Textherstellung zu untersuchen und sind damit eine wichtige Grundlage ihres Modells.

3.3 Das Aufgabenumfeld

Eine der beiden externen Komponenten des Modells, welche mit dem Textproduktionsprozess in Zusammenhang stehen, ist (neben dem Langzeitgedächtnis[2] ) das Aufgabenumfeld, das alle Faktoren umfasst, die außerhalb des Textproduzenten existieren und auf die Textherstellung einwirken. Gemeint sind damit Komponenten, die den Schreibauftrag umfassen, wie also Thema, Adressaten und Motivation des Schreibenden, aber auch der bereits im Verlauf des Schreibens erzeugte Text, sobald der Produzent damit begonnen hat (vgl. Wrobel, S. 459).

Die Schreibaufgabe stellt [dabei] das Problem dar, dessen Lösung die erfolgreiche Durchführung verschiedener Prozesse erfordert “ (Molitor-Lübbert, S. 1006) und wiederum Auswirkung auf alle anderen Teilschritte des Textproduzierens hat, welche innerhalb des Modells keiner festen Abfolge unterliegen und somit ebenfalls beliebig oft wiederholt werden können.

3.4 Das Langzeitgedächtnis

Das Langzeitgedächtnis, welches aufgrund des in ihm gespeicherten schreibrelevanten Wissens in wichtigem Zusammenhang mit dem Textproduktionsprozess steht, ist, genau wie die zuvor beschriebene Komponente des Aufgabenumfelds[3], ein externer Bestandteil der Textproduktion im Modell von Hayes/ Flower (vgl. Wrobel, S. 459). Bei den für die Textherstellung wichtigen Kenntnissen im Langzeitgedächtnis handelt es sich folglich um das Wissen des Autors zum Thema, über das er schreiben wird, um das Wissen über den Adressaten und um vorhandene Pläne. Da Schreiben in besonderem Maße auf Wissen basiert, werden im Zuge einer Textherstellung, wie beispielsweise bei einer wissenschaftlichen Arbeit, immer wieder externe Informationsquellen wie eventuell speziell für die Textproduktion angefertigte Notizen, Gespräche oder Lektüren herangezogen (vgl. Winter, S. 41). Einige Kenntnisse entnimmt der Textproduzent hierbei aber auch der internen Quelle des eigenen Langzeitgedächtnisses, wobei aus den abgerufenen Informationen die nützlichsten ausgesucht und zu einem Plan zusammengestellt, also organisiert werden (vgl. Molitor-Lübbert, S. 1007). Hinzu kommt, dass ebenfalls „ das kulturell überlieferte und zu erlernende Wissen über die spezifischen sprachlichen und kommunikativen Aspekte von Texten […] (Orthographie, Grammatik, Textmuster usw.) “ (Wrobel, S. 460) sowie „ individuell verfügbares und prozedierbares „Weltwissen[4] (Ebd., S. 460) beachtet werden muss. Diese Kenntnisse können wiederum externen Quellen entstammen, wenn bei einer wissenschaftlichen Textproduktion beispielsweise zitiert oder exzerpiert wird, oder aber, wie es häufig der Fall ist, aus dem Langzeitgedächtnis resultieren (Ebd., S. 461).

In welcher Form die Informationen im Langzeitgedächtnis vorliegen, ist in der Forschung sehr umstritten, auch wenn einige eher sprachnahe Konzepte „wie etwa propositionale Strukturen (Kintsch 1977) oder semantische Netzwerke (Norman/ Rumelhart 1978), bildhaft-analoge Repräsentationsformen wie mentale Modelle (Johnson-Laird 1983) oder auch Frames, Schemata und Skripts als Formen der Organisation größerer Wissensbereiche (Rumelhart/ Ortony 1977; Schank/ Abelson 1977) (Ebd., S. 461) vorgeschlagen wurden. Die Organisation von Wissen durch das Langzeitgedächtnis wird also erleichtert, indem auf standartisierte Lösungen zurückgegriffen wird (vgl. Wrobel, S. 461).

3.5 Planen

Der eigentliche Schreibprozess beginnt im Modell von Hayes/ Flower mit der Teilkomponente des Planens (planning), welche sich in die Subkomponenten Generieren (generating), Organisieren (organizing) und Zielsetzung (goal setting) einteilen lässt (vgl. Winter, S. 19). Hierbei handelt es sich um eine Form der Lösung komplexer Handlungsprobleme durch Vorausstrukturierung, bei der zunächst das für die Textherstellung relevante Wissen erfasst und erzeugt wird, um es anschließend sinnvoll zu organisieren (vgl. Wrobel, S. 460). Diese Schritte werden dabei von den jeweiligen Zielen des Textproduzenten geleitet, sodass als Resultat der Teilkomponente des Planens eine Rangordnung verschiedener Pläne entsteht, die dann wiederum bereits den nächsten Schritt der Formulierung (translating) einleiten können (vgl. Wrobel, S. 459). Ausgangspunkt für die Planung ist dabei die Orientierung des Textproduzenten an den situativen Bedingungen und die damit verbundene Entwicklung der Textproduktionsabsicht (vgl. Winter, S. 49).

Mit der Subkomponente des Generierens ist dann die Bereitstellung des für die Vertextung wichtigen Materials gemeint, welches einerseits aus Wissenselementen aus dem Langzeitgedächtnis besteht und andererseits aus externen Informationsquellen resultiert. Hiermit wird also eine Assoziationsfolge beschrieben, bei der unter Berücksichtigung der situativen Bedingungen Informationen aus dem Langzeitgedächtnis abgerufen, unter Beachtung des Themas und der Adressatengruppe auf ihre Brauchbarkeit hin überprüft und eventuell notiert werden (vgl. Winter, S. 40). Die Komponente des Organisierens beschreibt die anschließende Auswahl sowie die Selektierung der abgerufenen Informationen, sodass nur die nützlichen Aspekte schließlich zu einem Plan zusammengestellt werden (vgl. Molitor-Lübbert, S. 1007). Unter der Subkomponente der Zielsetzung versteht man dann die Identifikation und Fixierung der Gütekriterien, welche während der Organisationsphase neben den Inhalten, über die geschrieben werden soll, ebenfalls festgehalten werden. Nach diesen Kriterien richtet man sich dann im Laufe der Textherstellung und evaluiert später auch den bis dahin produzierten Text (Ebd., S. 1007).

Die in der Planungskomponente entwickelte Hierarchie von Plänen spezifiziert die mit dem Text verfolgten Ziele, die inhaltlichen Strukturen des Textes sowie die Inhalte und deren sprachliche Realisierungen (vgl. Wrobel, S. 459). Durch diese Möglichkeit der Vorausgliederung von Wissen kann der Textproduzent ein hohes Maß an Entlastung für die anschließende Texterzeugung schaffen, da das allgemeine Ziel der Textherstellung zunächst in Teilziele zerlegt wird, die nacheinander abgearbeitet werden können (vgl. Winter, S. 29). Somit ist es dann nicht mehr notwendig, alle Einzelheiten im Gedächtnis zu behalten, sondern lediglich die Einzelabsichten zusammen mit ihren Voraussetzungen (Ebd., S. 30). Um diese Teilziele jedoch sinnvoll zu organisieren und zu strukturieren, werden von dem jeweiligen Textproduzenten Entscheidungen zwischen eventuellen Alternativen verlangt (Ebd. S. 30).

Hierzu ein Beispiel: Ein Textproduzent, der sich am Wochenende zu Hause kurzfristig entschließt, mit einer Textproduktion zu beginnen, dann aber feststellt, daß er die dazu notwendigen Unterlagen (Notizen, Informationen usw.) im Büro gelassen hat, sieht mehrere Alternativen: (1) er fängt nicht mit der Textproduktion an, sondern er wartet, bis er am Montag seine Unterlagen hat, (2) er fährt noch am Wochenende ins Büro, um seine Unterlagen zu holen, oder (3) er beginnt mit der Textproduktion ohne seine Unterlagen. Welche diese Alternativen er auswählt, hängt von den situativen Bedingungen ab. Die Entfernung zum Büro kann so groß sein, daß es zu aufwendig ist, die Unterlagen zu holen. Dies würde die zweite Alternative ausschließen. Sind die Unterlagen für die Textproduktion so unerläßlich, daß er nicht ohne sie arbeiten kann, dann würde dies die erste und zweite Alternative favorisieren. Es könnte aber auch sein, daß die Unterlagen zwar wichtig sind, der Textproduzent aber glaubt, es könnte auch einmal ganz interessant sein, ohne diese Unterlagen den Text zu formulieren. In diesem Fall würde er sich für die dritte Alternative entscheiden.[5]

Hier sieht man also, von welch unterschiedlicher Art Entscheidungen sein können und auf welche Weise sie abgewogen und verglichen werden müssen. Die in der Planungsphase festgehaltenen Ziele und Absichten werden im Verlauf der Textproduktion immer wieder als Informationsquelle herangezogen, modifiziert, differenziert und vor allem auch neu gebildet (vgl. Wrobel, S. 460). Dabei wird wiederum das Konzept der Rekursivität deutlich, da Pläne auch zu einem späteren, nicht exakt definierten Zeitpunkt der vorangeschrittenen Textproduktion immer wieder erneuert werden oder bereits erzeugte Planungskonzepte durch verbesserte ersetzt werden können.

[...]


[1] vgl. http://www-user.uni-bremen.de/~schoenke/lg-edu/tlgv7.html (25.01.2012)

[2] Vgl. hierzu Kapitel 3.4 Das Langzeitgedächtnis

[3] Vgl. hierzu Kapitel 3.4 Das Aufgabenumfeld

[4] Vgl. S. 257 aus Linke/ Nussbaumer/ Portmann 2004

[5] Beispiel übernommen und zitiert aus Winter 1992, S. 30

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656266297
ISBN (Buch)
9783656266716
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200541
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Schlagworte
Modell Hayes Flower Textproduktion Text Beispiel Praktikabilität Novize Planen Formulieren Überarbeiten Monitor Textherstellung Textproduktionstyp

Autor

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Titel: Die Textproduktion am Beispiel des Modells von Hayes/ Flower und dessen Praktikabilität