Lade Inhalt...

Die Bedeutung der Mihna für die Entstehung der Lehre von der Erschaffenheit des Korans

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 18 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Genese einer Häresie
1.1. ahm ibn Safw n: tatsächlicher oder retrospektiver Urheber?
1.2. Die Genese nach Harry Wolfson
1.3. Die Genese nach Richard Frank
1.4. Zusammenfassung

2. Die Erschaffenheitsdoktrin unter al-Ma’m n
2.1. Die politische Krise des Kalifats
2.2. Die Erschaffenheitsdoktrin als Staatsdoktrin
3. Die Erschaffenheitsdoktrin bei Ibn Hanbal und ad-D rim
3.1. Exkurs: Die Sekte der ahmiyya
3.2. Ahmad ibn Hanbals Kit b ar-radd ‘ala az-zan diqa wa’l- ahmiyya 15
3.3. ‘Utm n ibn Sa‘ d ad-D rim s Kit b ar-radd ‘ala al- ahmiyya 16

Conclusio

Literatur

Einleitung

„Ever since the end of the great Trial (...), the thesis that the Koran is “the speech of God, uncreated (...)” has been a firmly established part of the Sunnite creed. (...). While this discussion from the time of the mihna on is well documented (...), the examination of the origins of the controversy and its development until the mihna is severely hampered by the lack of contemporary sources and the reticence and often ambiguity of later sources.1

Üblicherweise wird die Halq al-qur’ n -Doktrin, die Doktrin von der Erschaffenheit des Korans, auf den persischen Maul ahm ibn Safw n bzw. dessen möglichen Lehrmeister a‘d ibn Dirham zurückgeführt, die beide in der ersten Hälfte des achten Jahrhunderts gelebt haben.2 Montgomery Watt setzt ihren Entstehungszeitpunkt hingegen etwas später an. Er hält es für wahrscheinlicher, dass sie auf Bišr al-Mar s (gest. 833) zurückgeht, da seines Erachtens die Frage der Erschaffenheit des Korans um die Mitte des achten Jahrhunderts noch nicht thematisiert worden war.3 Diese Ansicht hat einiges für sich und die Möglichkeit, dass es sich bei der Darstellung der Ansichten ahm ibn Safw ns um Rückprojektionen späterer Gelehrter handeln könnte, wird auch von Josef van Ess nicht ausgeschlossen.4

Wilferd Madelung schreibt, dass die ältesten Schriften über die Halq al-qur’ n Doktrin aus der Zeit um die Wende vom achten zum neunten Jahrhundert stammen.5 Dies entspricht in etwa der Zeit, in der Bišr al-Mar s gewirkt hat. Watt kam in seinen Studien zu dem Ergebnis, dass er durch die zu dieser Zeit begonnene Übersetzung griechischer Texte beeinflusst worden sein könnte.6 Insgesamt wird diese These indes als wenig wahrscheinlich angesehen. In Bezug auf die griechische Philosophie hat Richard Frank die Nähe der Halq al-qur’ n -Doktrin zu neoplatonischem Gedankengut nachgewiesen. Obgleich es schon zu Lebzeiten Bišr al-Mar s s Übersetzungen griechischer Texte gegeben haben mag, so begann doch die Übersetzung der griechischen Neoplatoniker erst in der Mitte des neunten Jahrhunderts durch al-Kind und al-Hims .7

Was für Bišr al-Mar s gilt, dass gilt natürlich in viel stärkerem Maße auch für ahm ibn Safw n. Dieser lebte in der ersten Hälfte des achten Jahrhunderts und somit gut 100 Jahre vor der Übersetzung der Neoplatoniker. Wie kann er also von ihnen inspiriert worden sein? Oder liegt der Ursprung dieser Doktrin doch woanders? Für Harry Wolfson besteht eine Verbindung der Halq al-qur’ n -Doktrin zur christlichen Trinitätslehre bzw. zu diesbezüglichen christlich-muslimischen Disputen in der Frühzeit des Islams.8

Halq al-qur’ n als Ergebnis christlich-muslimischer theologischer

Auseinandersetzungen oder die Folge neoplatonischer Philosophie? Vorliegend werden Franks und Wolfsons Thesen anhand einer pointierten Darstellung der Genese und Entwicklung der Halq al-qur’ n -Doktrin überprüft und verglichen werden. Da sich meist nur in häresiographischen Schriften Hinweise auf diese Doktrin finden, wird im letzten Teil ihre Darstellung in zwei häresiographischen Werken verglichen.

1. Genese einer Häresie

Da ahm ibn Safw n - mit Ausnahme von Watt, der sich in dieser Frage aber nicht festlegt -als Begründer dieser Doktrin angesehen wird, werden zunächst die spärlichen Informationen über ihn dargestellt werden und sein spezifisches Halq al-qur’ n Verständnis erläutert.

1.1 ahm ibn Safw n: tatsächlicher oder retrospektiver Urheber?

Über die Person ahm ibn Safw ns ist nur wenig bekannt; weder kennt man sein Geburtsjahr noch seinen Herkunftsort. Als gesichert gilt, dass er ein in Khorasan lebender persischer Maul war, dem es gelang, sich eine mehr oder weniger gleichwertige Stellung innerhalb der muslimischen Gemeinde zu erarbeiten.9 Nachdem er sich am Aufstand des al-H rit ibn Surai beteiligt hatte, wurde er 745/4610 hingerichtet.11 Bezüglich der Halq al-qur’ n- Doktrin soll er von a‘d ibn Dirham inspiriert worden sein, über den ebenso wenig bekannt ist, wie über ibn Safw n. Ebenso wie dieser, war auch er ein, im Irak lebender, persischer Maul ; sein Vater soll noch ein Kriegsgefangener der arabischen Eroberungsfeldzüge gewesen sein.12 Über seine theologischen Ansichten ist kaum etwas bekannt, außer, dass sie sich in etwa mit denen ahm ibn Safw ns deckten. Jedoch ist die Quellenlage ! %13 und sogar dieser Konklusion fehlen gesicherte Grundlagen. Zwar gibt es eine Überlieferung, der zufolge a‘d ibn Dirham sogar mit ahm ibn Safw n verwandt gewesen sein soll,14 doch ist nicht gesichert, ob sich die beiden jemals begegnet sind.15

Ibn Safw ns Heimat Transoxanien wurde erst in der Endphase der arabischen Expansion zu Beginn des achten Jahrhunderts eingenommen und blieb noch lange Zeit eine religiös sehr heterogene Provinz.16 Zu dieser Zeit konnten die Lokalgouverneure der Randprovinzen noch sehr stark unabhängig vom Kalifenhof agieren. Dies ergab sich auch aus der besonderen Situation des ständigen Grenzkrieges gegen ungläubige Stämme und Reiche. Lokale Richter wurden durch die Gouverneure ernannt, mit der Konsequenz, dass sich die Rechtsprechung eher an den Erfordernissen und Vorgaben des Gouverneurs orientierte, als an denen des Kalifen.17

Diese dezentrale Politik führte 718/19 und nochmals 728/29 zu Protesten der dort lebenden Maw l gegen den Gouverneur. Sie forderten die Gleichstellung mit den arabischen Muslimen und die Befreiung von der Kopfsteuer, welche sie als Muslime nicht mehr entrichten mussten, jedoch weiter von ihnen erhoben wurde.18 Hierbei wurden sie durch mur i’itische Gruppen unterstützt, die sich für eine gerechtere Behandlung der Maw l stark machten. In den Jahren 728/29 kam es zu einem ersten kleinen Aufstand der dortigen Mur i’a, dessen Anführer jedoch verhaftet wurden.19 Da sich die Situation der Maw l auch in den folgenden Jahren nicht grundlegend verbesserte,20 brach 735/36 ein großer Aufstand unter al-H rit ibn Surai aus, als dessen Sekretär und theologischer Ratgeber ahm ibn Safw n diente.21

Es spricht vieles dafür, ihn als einen frühen Mutakallim zu bezeichnen. Diese waren der Ansicht, dass bestimmte Verse im Koran erst durch logisch argumentierte Interpretation verstanden werden könnten. Hierzu zählten sie auch die Verse, in denen von Attributen Gottes die Rede ist.22 In diese Debatte muss auch die Halq al-qur’ n Doktrin, so wie ahm ibn Safw n sie formuliert hat, eingeordnet werden. So soll er gesagt haben, dass All h nicht spricht und niemals gesprochen habe, da er hierzu

Organe benötige, die er nicht besitze, denn All h sei „different from his creation in every aspect.23

Doch wie konnte der Koran dann offenbart werden? Indem ahm ibn Safw n den Anthropomorphismus ablehnte und erklärte, All h könne durch seine Einzigartigkeit und Verschiedenheit von seiner Schöpfung schlechthin nicht durch menschliche Attribute beschrieben werden bzw. diese auch nicht haben,24 geriet er in den Verdacht, in Wirklichkeit den Koran als göttliche Offenbarung abzulehnen. Dieser Verdacht wurde noch genährt durch ein zeitweiliges Bündnis, welches al-H rit ibn Surai während seines Aufstandes mit nichtmuslimischen türkischen Stämmen einging.25 Er traf so jedoch nicht zu. Vielmehr nahm ahm ibn Safw n an, dass All h zum Zwecke der Offenbarung ein Geräusch erschaffen habe, welches er dann für den Menschen in irgendeiner Form wahrnehmbar machte. Dies bezog er auf jedes Wort All hs, so dass auch der Koran in seiner offenbarten Form das erschaffene Wort All hs sei.26 Er unterschied weiterhin zwischen All h und Dingen. Da All h der Schaffer aller Dinge und der Koran ein Ding sei, müsse dieser erschaffen sein. Die Dinglichkeit des Korans ergab sich für ihn logisch aus der Tatsache, dass All h einzigartig und eins sei.27

1.2 Die Genese nach Harry Wolfson

Nach der Eroberung Syriens durch die Araber kamen muslimische Gelehrte erstmals mit ausgebildeten christlichen Gelehrten in Kontakt. In der Folge kam es zwischen ihnen wiederholt zu Diskussionen über verschiedene Aspekte der jeweils anderen Religion, die mitunter auch zu neuen theologischen Ansätzen führten. Noch zu Beginn des achten Jahrhunderts wurden innerislamische theologische Debatten mitunter durch Dispute mit Christen, oder innerchristliche theologische Streitfragen, angestoßen.28

So nimmt Wolfson an, dass die Attribute Gottes - d. h. genauer Attribute wie Sprache, Macht, Wissen - nicht lange nach der Eroberung Syriens 635 von muslimischen Gelehrten als göttliche Attribute anerkannt wurden. Zur selben Zeit soll sich im nahöstlichen Christentum eine Debatte über die Trinitätslehre entwickelt haben und Wolfson führt an, dass die später in der islamischen Attributenlehre verwendeten Begriffe, wie z. B. sif t und ma‘ n , direkte Übersetzungen der in der Trinitätslehre verwendeten griechischen Begriffe gewesen seien. Da aber vor der Eroberung Syriens kaum Kontakte zwischen christlichen und muslimischen Gelehrten stattgefunden hätten, könne diese Meinung über die Göttlichkeit der Attribute nicht vor 635 entstanden sein.29

[...]


1 MADELUNG, Wilferd F.: The Origins of the Controversy Concerning the Creation of the Koran; in: Orientalia Hispanica sive studia F. M. Pareja octogenario dicata, ed. J. M. Barral, vol. I/1, Leiden 1974; S. 504-525: hier S. 504.

2 FRANK, Richard M.: The Neoplatonism of ahm ibn Safw n; in: Le Muséon 78 (1965), S. 395-424: hier S. 396; WOLFSON, Harry A.: The Philosophy of Kalam, Cambridge et al. 1976, S. 265f.

3 WATT, J. Montgomery: Early Islam. Collected Articles, Edinburgh 1990, S. 178f; WATT, J.

Montgomery/ MARMURA, Michael: Der Islam Bd. 2. Politische Entwicklungen und theologische Konzepte, übersetzt von Sylvia Höfer, Stuttgart et al. 1985, S. 147

4 ESS, Josef van: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra. Eine Geschichte des religiösen Denkens im frühen Islam Bd. 2, Berlin 1991, S. 496.

5 MADELUNG 1974, S. 504.

6 WATT 1990, S. 178.

7 FRANK 1965, S. 395.

8 WOLFSON 1976, S. 237-241.

9 ESS Bd. 2, S. 493.

10 Madelung nennt das Jahr 745, bzw. 128 H. als Todesjahr, während Watt das Jahr 746 angibt, Madelung: creation of the Koran, S. 505; WATT/ MARMURA 1985, S. 144. Eine möglicherweise irrtümliche Umrechnung des Jahres 128 H. in den gregorianischen Kalender ist wenig wahrscheinlich, denn Pavlin nennt als Todesjahr 127 H., PAVLIN, James: Sunni kal m and Theological Controversies; in: History of Islamic Philosophy Part I, ed by. Seyyed Hossein Nasr & Oliver Leaman, London/ New York 1996; S. 105-118: hier S. 106 .

11 MADELUNG, Wilferd F.: The early Murji’a in Khur s n and Transoxania and the Spread of Hanafism; in: Der Islam 59 (1982); S. 32-39: hier S. 33f.

12 ESS Bd. 2, S. 450ff.

13 FRANK 1965, S. 396.

14 MADELUNG 1974, S. 505, Fn 3.

15 FRANK 1965, S. 396.

16 HAQ, Syed Nomanul: The Indian and Persian background; in: History of Islamic Philosophy Part I, ed. by Seyyed Hossein Nasr & Oliver Leaman, London/ New York 1996; S. 52-70: hier S. 53.

17 SOURDEL, Dominique: Medieval Islam, translated by J. Montgomery Watt, London et al. 1983, S. 59.

18 Madelung 1982, S. 33.

19 MADELUNG, Wilferd F.: Religious Trends in Early Islamic Iran, Albany 1988, S. 15-17.

20 ESS Bd. 2, S. 492f.

21 MADELUNG 1985, S. 33-35.

22 PAVLIN 1996, S. 105f.

23 MADELUNG 1974, S. 506. a‘d ibn Dirham wird nachgesagt, derselben Ansicht gewesen zu sein, s. hierzu AD-D RIM , ‘Utm n ibn Sa‘ d: Kit b ar-radd ‘ala al- ahmiyya; in: ‘Aq ’id as-salaf, hrsg. von ‘Al S m an-Našš r & ‘Amm r ami‘ at-T lib, Alexandria 1971; S. 253-356: hier S. 349f.

24 FRANK 1965, S. 402.

25 MADELUNG 1985, S. 34ff.

26 MADELUNG 1974, S. 506f; WOLFSON 1976, S. 266.

27 FRANK 1965, S. 398f.

28 SOURDEL 1983, S. 70.

29 WOLFSON 1976, S. 235-237.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656266327
ISBN (Buch)
9783656269601
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200524
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,3
Schlagworte
Kalifat Islamische Theologie Mihna

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Bedeutung der Mihna für die Entstehung der Lehre von der Erschaffenheit des Korans