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"Die bürgerliche Familie" zwischen Leitbild und gesellschaftlichen Realitäten

Essay 2012 10 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, wie es historisch dazu kommen konnte, dass „die bürgerliche Familie“ im Laufe der westeuropäischen Industrialisierung von einer Lebensform, die nur eine kleine gesellschaftliche Minderheit praktizierte, zu einem so allgemeinen Leitbild westeuropäischer Gesellschaften wurde, dass sie sich Mitte des 20. Jahrhunderts tatsächlich in der gesellschaftlichen Praxis breiter Bevölkerungsschichten durchgesetzt hatte und bis heute Familienrhetoriken und -diskurse konstitutiv prägt. Bei der Beschäftigung mit sozialwissenschaftlicher Literatur der Familienforschung fallen jedoch zwei problematische Tendenzen auf, denen hier durch verschiedene Einschränkungen vorgebeugt werden soll. Zum einen werden aus spezifischen Daten einer bestimmten Region zu einer bestimmten Zeit regelmäßig generalisierende Thesen ohne jegliche raum-zeitliche oder kulturelle Einschränkung abgeleitet. Zum anderen wird oft vorschnell aus verschiedenen Familiendiskursen und Familienleitbildern auf gesellschaftliche Realitäten geschlossen, ohne dies anhand empirischen Materials näher zu prüfen (vgl. Vaskovics 1997: S. 21). So entstand eine Situation, in der populäre und teilweise auch wissenschaftliche Vorstellungen über (Geschichte von) Familie von allerlei Mythen überlagert werden. Zu nennen wären hier beispielsweise ein Harmoniemythos, Größenmythos oder Konstanzmythos (vgl. Lenz/Böhnsch 1997: S. 11). In dieser Arbeit werde ich mich dem Mythos „bürgerliche Familie“ zuwenden und mich dabei auf die gesellschaftlichen Umbrüche in den (späteren) deutschen Gebieten seit Ende des 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts konzentrieren. Bezüge zu früheren oder späteren Zeiten oder anderen Regionen dienen ausschließlich der Kontextualisierung und haben nicht den Anspruch, verallgemeinerbare Aussagen über diese zu treffen. Inwiefern die darzustellende Entwicklung auf ganz Westeuropa übertragbar ist, wie der Einleitungssatz andeutet, kann hierbei nicht empirisch geprüft werden, obwohl eine Übertragbarkeit zumindest bis zu einem gewissen Grad plausibel erscheint, da ähnliche Entwicklungen in diesem gesamten Gebiet beim Umbruch des spätmittelalterlichen Feudalsystems in die neuzeitliche Moderne stattgefunden haben. Des Weiteren wird versucht werden, die Vermischung von Familienleitbildern mit Familienrealitäten konsequent zu vermeiden, indem gesellschaftliche Diskurse und Ideale mit empirischen Daten in Beziehung gesetzt werden. Es soll gerade der Versuch unternommen werden, eine mögliche Erklärung für das wechselseitige Verhältnis der beiden Ebenen während dieser eingegrenzten Phase zu finden. Dazu werden zunächst die empirischen Familienrealitäten während dieser Entwicklung dargestellt, um anschließend die parallelen Diskurse über Familie nachzuvollziehen und in einem dritten Schritt eine These zur Erklärung des Verhältnisses zueinander zu entwickeln und zu diskutieren.

Definitionen

Bevor jedoch in diese Darstellungen eingestiegen wird, muss noch geklärt werden, was mit einigen Begriffen genau gemeint ist. Gerade bei einer familiensoziologischen Arbeit erscheint dies wichtig, da hier die alltagsweltlichen Familienbegriffe stark von den wissenschaftlichen abweichen können und auch innerhalb der Wissenschaft sehr unterschiedliche Definitionen existieren (vgl. Nave-Herz 1997: S. 37f.). Um einen Familienbegriff zu wählen, der sowohl auf unterschiedliche historische Zeiträume, als auch auf verschiedene Regionen und Kulturen anwendbar ist, wird diese hier verstanden als „Lebensform, in der zumindest eine Generationenbeziehung in Form einer Elter- Kind-Beziehung vorhanden ist“ (Lenz/Adler 2011: S. 146). Diese sehr offene Definition bietet den Vorteil, sehr unterschiedliche Lebensformen als Familienformen begreifen zu können und so die historische und aktuelle Pluralität dieser Formen zu erfassen. So kann im Gegensatz zu engeren Definitionen, wie der populären, welche Familie im Sinne des bürgerlichen Modells mit Kernfamilie gleichsetzt, auch die Lebensform des „ganzen Hauses“ oder andere zu Zeiten der Industrialisierung vorhandene Modelle miteinbezogen werden, in denen beispielsweise Blutsverwandtschaft nur eine nachgeordnete Rolle spielte. Dies ist insofern auch historisch- begriffsgeschichtlich angemessen, als der seit dem späten 17. Jahrhundert in die deutsche Alltagssprache einsickernde Begriff „Familie“ zunächst den vorher gebräuchlichen „Haus“ ohne Bedeutungswandel ersetzte und so bis dato keine sprachliche Abgrenzung eines durch direkte Verwandtschaft abgegrenzten Personenkreises zur Verfügung stand (vgl. Gestrich 1999: S. 4).

Daran anschließend stellt sich die Frage, was genau unter „bürgerlicher Familie“ zu verstehen ist. Kurt Lüscher beschreibt zusammenfassend folgende Merkmale als konstitutiv für dieses Modell: Einerseits fallen Heirat und Haushaltsgründung zeitlich zusammen, wobei damit die Erwartung verknüpft ist, dass sich eine baldige Elternschaft anschließt. Damit verbunden ist eine Aufwertung der Ehe und folglich eine Abwertung von Scheidung und außerehelichen Kindern. Viel folgenreicher ist allerdings das Verhältnis von Geschlecht, öffentlicher und privater Sphäre und Kindheit. Dabei wird eine strikte Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit etabliert, wobei erstmalig überhaupt eine private Sphäre geschaffen wird, die gegen äußeren Einfluss abgeschottet wird. Diesen Sphären werden jeweils die Geschlechtscharaktere männlich und weiblich zugeordnet und eine Arbeitsteilung entlang ihrer Grenzen vollzogen. So ist der Mann zuständig für die Erwerbsarbeit außerhalb des Hauses und nimmt die Funktion als Ernährer ein, während die Frau die reproduktiven Arbeiten im privaten Raum übernimmt und für die emotionale Integration der Familie zuständig ist. So wird ein komplementäres Geschlechtermodell geschaffen, in dem Mann und Frau wesenhaft unterschiedlich sind und sich gegenseitig ergänzen. Auf diesen weitreichenden Komplex wird weiter unten noch näher eingegangen werden. Darüber hinaus kann der „bürgerlichen Familie“ noch die Erfindung der Kindheit zugeschrieben werden. Es wird eine eigene Lebensphase des Lernens geschaffen, in der die Kinder von der Arbeit freigestellt sind. Zuletzt ist noch die Entwicklung einer Wohnkultur zu erwähnen, die eine funktionale Differenzierung der einzelnen Räume vornimmt (vgl. Lüscher 1997: S. 61).

Im Gegensatz dazu steht das Leitbild, das mit Entstehen der Moderne allmählich durch die „bürgerliche Familie“ abgelöst wurde - das Modell des „ganzen Hauses“. Hierbei gab es keine Sphärentrennung dieser Art, es zeichnete sich aus durch eine Einheit aus Produktion, Konsumtion, Wohnen und Leben. Das Wirtschaften war auf Subsistenz ausgerichtet, für den Markt wurde, wenn überhaupt, nur in sehr geringen Mengen produziert. Außerdem gehörten neben der Frau und den Kindern des männlichen Haushaltsvorstandes auch das Gesinde - alle Arten von Hausangestellten, wie wir sie heute nennen würden - sowie eventuelle nicht verheiratete Verwandte zum Haus. Alle Mitglieder arbeiteten in praktisch allen Bereichen mit, auch Kinder wurden in den Produktionsprozess eingebunden, sobald sie dazu in der Lage waren. Es gab zwar schon Ansätze geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und auch weibliche und männliche Domänen, aber keine spezifisch „weibliche“ und „männliche“ Arbeit im bürgerlichen Sinne. Die Grenzen waren fließend, obwohl das Haus patriarchal organisiert war - der männliche Haushaltsvorstand hatte die oberste Autorität inne und vertrat das Haus nach außen. Zwischen Kernfamilie und erweiterter Familie wurde nicht besonders unterschieden, auch gab es keine feste Differenzierung der Wohnräume. Außerdem war das Haus durch eine große Mitgliederfluktuation geprägt, wegen hoher Sterblichkeitsraten und weil Kinder den Haushalt früh verließen, um einen eigenen zu gründen. Auf diese Weise ausgefallene Arbeitskräfte mussten durch Wiederheirat oder Aufnahme von neuen Mägden oder Knechten ersetzt werden (vgl. Huinink/Konietzka 2007: S. 63f., Lenz 2010: S. 84f.).

Festzuhalten bleibt allerdings, dass es sich bei diesen beiden Modellen in erster Linie um Familienleitbilder handelt, die in Reinform nur in sehr eingeschränkten Zeiträumen oder kleinen gesellschaftlichen Gruppen gelebt wurden, wie im Folgenden zu zeigen sein wird (vgl. Fuhs 2007: S. 20).

Familienrealitäten

Die Haushalts- und Familienformen im 19. Jahrhundert waren höchst unterschiedlich, aus heutiger Sicht geradezu postmodern, sodass es sich schwierig gestaltet, eine klare Struktur abzuleiten. Analytisch unterscheiden lässt sich zwischen meist bäuerlich geprägter Landbevölkerung, städtischen Arbeiterfamilien und dem städtischen Bürgertum. Mit einsetzender Industrialisierung verringerte sich die Landbevölkerung deutlich langsamer, als die Zahl der von Landwirtschaft lebenden Menschen. Es entstanden Mischformen zwischen bäuerlicher Produktion, ländlichem Handwerk und Industrie, sodass beispielsweise im Bergbau beschäftigte Arbeiter lange Zeit noch mehrheitlich nebenbei Subsistenzwirtschaft betrieben. Umgekehrt war es in anderen Regionen üblich, dass neben der Landwirtschaft in Heimarbeit beispielsweise für die Textilindustrie gearbeitet wurde, und so weiter.

So lässt sich gerade für die Landbevölkerung ein sehr heterogenes Bild feststellen, das vor allem von regionalen Unterschieden geprägt war. In den norddeutschen Gebieten funktionierte beispielsweise die traditionelle am Leitbild des „ganzen Hauses“ orientierte Lebensform noch relativ lange, während in den südlichen Gebieten durch eine aufgrund des Erbrechts fortschreitende Parzellierung des Landes fast alle Familien unterschiedlichste Formen des Nebenerwerbs praktizieren mussten. Während sich jedoch im Norden schon im Lauf des späten 18. Jahrhunderts Ansätze bürgerlicher Wohnkultur entwickelten, setzte dieser Prozess in manchen Alpengebieten erst im 20. Jahrhundert ein. Dagegen funktionierte die Einheit von Produktion und Konsumtion im Norden länger, während im Süden sich schon früh Formen von Lohnarbeit außerhalb des Hauses durchsetzten. Leitbild war dabei in allen landwirtschaftlich geprägten Gebieten bis Mitte des 20. Jahrhunderts das „ganze Haus“ und hier entsprachen auch die realen Strukturen diesem am ehesten. Ähnlich sah es im städtischen Handwerk aus. Das „ganze Haus“ behielt normative Gültigkeit, allerdings blieb bis auf die Verschränkung von Unternehmen und Familie davon nicht viel übrig. Zwar wohnte in einigen Regionen noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Mehrzahl der Gesellen bei der Meisterfamilie, doch war hier schon eine klare Abgrenzung der Kernfamilie zu erkennen.

Im Gegensatz dazu war bei städtischen Arbeiterfamilien an eine Lebensform im Sinne eines dieser Leitbilder nicht zu denken. Die materielle Not erzwang hier mehrheitlich, dass bis Ende des 19. Jahrhunderts alle Familienmitglieder arbeiteten - die Arbeit von Männern war zwar besser bezahlt, aber die Familie war auch auf den Lohn von Frauen und Kinder angewiesen. Da jedoch trotz dessen der Unterhalt vieler Familien kaum zu bestreiten war, wurde die Haushaltskasse noch durch das Aufnehmen von Untermietern in die Wohnung aufgebessert, sodass auf ein Zimmer einer Wohnung bis zu sechs und mehr Menschen kommen konnten. So entstanden auch Lebensformen wie komplexe und erweiterte Familien, Mehrgenerationenfamilien und ähnliches. Charakteristisches Merkmal all dieser Formen war, dass sich das komplette Familienleben im halböffentlichen Raum bewegte, sich also keine private Sphäre im bürgerlichen Sinne herausbilden konnte.

Im städtischen Bürgertum hingegen lassen sich im 19. Jahrhundert eindeutige Tendenzen erkennen. Die Kinderzahlen verringerten sich drastisch, die Kernfamilie wurde klar vom Gesinde abgegrenzt, die subsistenzwirtschaftliche Komponente verlor deutlich an Bedeutung und die einzelnen Wohnbereiche wurden nach verschiedenen Funktionen differenziert. So entstand in dieser Schicht eine Wohnform, die relativ genau dem Leitbild der „bürgerlichen Familie“ entsprach. Mit Ausschluss des Gesindes aus der Familie und der Differenzierung der einzelnen Räume entstand eine private Sphäre, die strikt vom öffentlichen Raum abgeschottet werden konnte. Gleichzeitig wurde auch die Produktion vollständig aus dem Haus ausgelagert und von der Konsumtion getrennt. Der Ehemann konnte nun seine Ernährerfunktion außerhalb des Hauses erfüllen, während die Ehefrau für die emotionale Fürsorge und die Erziehung der Kinder zuständig war. Letztendlich ist festzuhalten, dass es in der genannten Zeitspanne eine Fülle von Familienformen gab, die von verschiedenen Ungleichzeitigkeiten und widersprüchlichen Entwicklungen geprägt waren, ohne dass sich beispielsweise eine dominante ausmachen ließe (vgl. zu diesem Kapitel Gestrich 1999: S. 10ff.).

Familienleitbilder

Entgegen dieser pluralen Familienrealitäten lässt sich feststellen, wie im Lauf des 19. Jahrhunderts im Schatten des Leitbildes des „ganzen Hauses“ die „bürgerliche Familie“ als neues normatives Ideal aufstieg. So hielt beispielsweise der einflussreiche konservative Schriftsteller Wilhelm Heinrich Riehl - auch heute noch hin und wieder als „Klassiker der Familienforschung“ bezeichnet - noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an diesem Ideal fest und verteidigte die angebliche vorindustrielle Großfamilie gegen die Umwälzungen der Industrialisierung. Doch obwohl keines dieser Leitbilder eine größere Verbreitung in den familialen Realitäten der Bevölkerung hatte, setzte sich mehr und mehr die bürgerliche Vorstellung durch. Untrennbar verbunden ist diese wie bereits angedeutet mit einer starren geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und daraus abgeleiteten Zuschreibungen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde allgemein vom sogenannten Ein-Geschlechter-Modell ausgegangen, bei dem Mann und Frau nur als unterschiedliche Ausprägungen des selben Geschlechts betrachtet wurden. Dabei ging es weniger um eine eindeutige anatomische Zuordnung, es wurden vielmehr Aussagen über soziale Positionen und diesen zugewiesene Rollen und Aufgaben getroffen. Entsprechend der fließenden Übergänge in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung waren auch die Geschlechter weniger starr gedacht, sodass ein Geschlechterwechsel ungleich einfacher möglich war. Eine qualitative anatomische Unterscheidung des männlichen und weiblichen Körpers wurde nicht vorgenommen, sondern die Geschlechtsorgane als nach innen oder nach außen gekehrte Formen der gleichen Organe gedacht. Seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts wird allerdings zunehmend das moderne Zwei-Geschlechter-Modell in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung dominant. Vor allem in der Medizin und der Anthropologie wird im Lauf des 19. Jahrhunderts eine fundamentale Differenz zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht hergestellt. Ausgehend von der biologischen Differenz entsteht eine weibliche Sonderanthropologie, die die Frau auf ihre Reproduktionsorgane reduziert und daraus eine natürliche und wesenhafte Differenz auch auf psychisch-intellektueller Ebene ableitet - in zeitgenössischen Wörterbüchern und wissenschaftlichen Texten entsteht hierfür der Begriff Geschlechtscharaktere. Analog zur geschlechtlichen Arbeitsteilung in der bürgerlichen Familie konnte so der aktiv schaffende rationale Mensch an sich - der Mann - und die auf Mutterschaft, Liebe und Fürsorge ausgerichtete emotional-passive Abweichung - die Frau - wissenschaftlich legitimiert werden. Wie das von persönlicher Abhängigkeit geprägte Patriarchat der feudalen Gesellschaft religiös legitimiert werden konnte, so konnte nun das strukturelle Patriarchat mit Verweis auf die Natur begründet werden. Während aber die vorherige Standesdefinition eben nur partikular auf einen gesellschaftlichen Status verwies, wurde mit der allgemein-wesenhaften Charakterdefinition die geschlechtliche Zuweisung absolut und unumkehrbar. Nachdem so eine wissenschaftliche Absicherung der Struktur der „bürgerlichen Familie“ vorhanden war, sickerte diese Vorstellung im Verlauf des 19. Jahrhunderts in die Mehrheitsbevölkerung durch, bis sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts als allgemeines Leitbild in den deutschen Gebieten bezeichnet werden kann (vgl. Gestrich 1999: S. 5ff., Hausen 1976: S. 363ff., Lenz 2010: S. 81ff., Voß 2011: S. 8ff.).

Verallgemeinerung der „bürgerlichen Familie“

Dass die Entstehung und Durchsetzung dieses Leitbildes in dem genannten Zeitraum verlaufen ist und dass es hierbei entscheidende Differenzen zwischen diesem und den gesellschaftlichen Realitäten gab, ist in der Literatur mittlerweile wenig umstritten. Karin Hausen (1976) zeichnet beispielsweise ideengeschichtlich ausführlich nach, wie sich die Lehre von den polaren Geschlechtscharakteren als Spiegel der bürgerlichen Sphärentrennung im Wettstreit verschiedener wissenschaftlicher und literarischer Strömungen entwickelt und durchsetzt. Ein blinder Fleck in der Literatur scheint allerdings die Frage zu sein, wie sich dieses Ideal zu einem so allgemein anerkannten entwickeln konnte. Zwar wird entweder empirisch festgestellt oder auch logisch abgeleitet, dass eine solche Familienform mit entsprechender geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung bis ins 20. Jahrhundert hinein nur von der kleinen Minderheit des gebildeten Bürgertums gelebt werden konnte, die Erklärungsansätze für deren ideelle Verallgemeinerung bleiben allerdings auf einem fragwürdig instrumentellen Niveau. Hausen beispielsweise schreibt von einer „Herrschaftsideologie“, die entwickelt und benutzt worden sei, um konkrete Emanzipationsforderungen der Frauenbewegung abzuwehren (vgl. Hausen 1976: S. 376f.). Darüber hinaus sei von einer Restabilisierung der Familienverhältnisse eine Befriedung der sozialen Frage erwartet worden, sodass ein gewisses Engagement zur Popularisierung dieser Vorstellungen bei den Arbeiter_innen wahrscheinlich sei (vgl. ebd.: S. 383). Als zentrales Element zur Ausbildung der Geschlechtscharaktere im Bürgertum des späten 18. Jahrhunderts und deren späterer Verbreitung im 19. und 20. Jahrhunderts nennt sie das Bildungswesen, explizit ohne dem wie näher nachgehen zu wollen (vgl. ebd.: S. 387ff.). Auch Lenz und Adler legen nahe hinter dieser Geschlechterordnung ein machtpolitisches Interesse der Männer zu vermuten (Lenz/Adler 2010: S. 90f.). Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Vor dem Hintergrund der Komplexität moderner Gesellschaften ist es allerdings unwahrscheinlich, dass sich eine Bevölkerungsgruppe quasi abspricht, Ideologien entwickelt und diese als allgemeine Ideale durchsetzt, um ihre Herrschaftsinteressen abzusichern. Im Gegenteil - und das wird in den entsprechenden Arbeiten auch angedeutet - haben sich in diesen Gruppen die realen Geschlechtscharaktere hinter ihrem Rücken ausgebildet, sodass sich in Reaktion darauf ein entsprechendes Bewusstsein entwickelte. Mit Marx könnte man in diesem Zusammenhang von „notwendig falschem Bewusstsein“ sprechen. Gegen eine solche Annahme spricht auch, dass beispielsweise literarische Epochen wie Empfindsamkeit, Romantik oder Klassik ihren Teil zur Durchsetzung und Popularisierung der Geschlechterpolarität beigetragen haben, ohne dass man deren Protagonisten ernsthaft vorwerfen könnte, es wäre bewusst auf eine Unterdrückung der Frau hingearbeitet worden. Im Gegenteil wurde dort durch die Idee der Komplementarität die Forderung nach Gleichheit in ein real diskriminierendes Verhältnis integriert (vgl. Hausen 1976: 372f). Wenn mit Michael Meuser davon ausgegangen wird, dass Diskurse insofern Wirklichkeit mitgestalten, dass sie Deutungs- und Orientierungswissen bereitstellen, den Subjekten also eine Interpretation sozialer Wirklichkeit anbieten (vgl. Meuser 2001: S. 221), an der sie ihr Verhalten ausrichten können, kann eine These abgeleitet werden, wie solche Vorstellungen subtiler in die breite Bevölkerung durchsickern konnten. Welche Mechanismen dazu führten, dass sich im 18. Jahrhundert die Polarisierung der Geschlechter im Bürgertum so ausbildete, kann hier nicht näher verfolgt werden. Allerdings scheint Hausens Darstellung, nach der das Bildungswesen eine große Rolle dabei spielte, plausibel. Da dem Bürgertum in Deutschland - im Gegensatz zu England - der gesellschaftliche Aufstieg in erster Linie als Dienstklasse der Monarchien gelang, war Bildung hier besonders wichtig. Weil die Privilegien nicht vererbt werden konnten, sondern die Nachkommen durch Leistung ihre Position behaupten mussten, wurde dort viel in die Bildung und Erziehung der Kinder investiert. So entstand im 19. Jahrhundert eine Situation, in der das Bürgertum in Deutschland zwar nicht politisch herrschte, aber zumindest in Literatur und Wissenschaft eine hegemoniale Position einnahm. Damit ist zu erklären, dass genau in dieser Zeit das neue Familien- und Geschlechterbild sowohl in Philosophie und Wissenschaft als auch in Literatur und Belletristik immer dominanter wurde. Da jedoch der größte Teil der Bevölkerung erst im Laufe des 19. Jahrhunderts überhaupt lesen und schreiben lernte, konnten diese Diskurse nur sehr langsam in andere gesellschaftliche Schichten durchsickern. Schulen waren allerdings entscheidend für deren Popularisierung. Nicht in dem instrumentellen oben beschriebenen Sinne, sondern wegen der kulturellen Hegemonie des Bürgertums. Durch die wissenschaftliche Fundierung ihrer geschlechtlichen Arbeitsteilung war diese auch Grundlage für das staatlich ausgebaute Schulwesen.

Es wurde einerseits geschlechtergetrennt gelehrt - und zwar genau die jeweils “notwendigen“ geschlechtsspezifischen Kompetenzen - weil Frauen und Männer auf unterschiedliche, von ihrer Natur vorgegebene, Karrieren vorbereitet werden mussten, als auch andererseits inhaltlich genau die biologischen Grundlagen vermittelt, die vorher in der bürgerlichen Arbeitsteilung geschaffen wurden. Mit Ausbreitung des Bildungswesens waren so schon reale Grundlagen für die Ausbildung der Geschlechtercharaktere in anderen Schichten geschaffen und mit fortschreitender Alphabetisierung und der Verbilligung von Druckerzeugnissen konnte dann genau die Literatur gelesen werden, die vom Bürgertum in Widerspiegelung ihrer eigenen Lebensverhältnisse geschrieben worden war. So kam es, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts die bürgerliche Familie ihren Aufstieg zu dem familialen Leitbild fast vollständig abgeschlossen hatte, auch wenn die ökonomischen Verhältnisse in breiten Bevölkerungsschichten eine entsprechende Lebensrealität noch nicht zuließen. Erst mit dem „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit waren Bedingungen geschaffen, in der sich die Lebensverhältnisse des Großteils der deutschen Bevölkerung für ein bis zwei Jahrzehnte diesem Ideal angenähert hatten.

Schlussbemerkungen

Ob die kausalen Beziehungen zwischen bürgerlicher Hegemonie in Wissenschaft und Kultur, Bildungswesen und der Popularisierung des Leitbilds der „bürgerlichen Familie“ in breiten Bevölkerungsschichten tatsächlich so eindeutig sind, wie hier skizziert, müssten genauere historische Analysen zunächst noch verifizieren - anzunehmen ist, dass der Zusammenhang nicht ganz so stringent ist, wie es dargestellt wurde. Dazu spielen in das Themenfeld Familien- und Geschlechterbilder zu viele andere Faktoren mit hinein. Die Rolle der Kirche und vor allem auch regionale Verschiebungen zwischen katholisch und protestantisch geprägten Gebieten wären beispielsweise ein Feld, aus dem sich noch einige Modifikationen ergeben könnten. Zudem gestaltet sich eine empirische Feststellung von Einstellungen der Bevölkerung im 19. Jahrhundert prinzipiell sehr schwierig, da aus dieser Zeit faktisch keine Umfragedaten vorliegen. Während sich Statistiken über empirische Lebensrealitäten noch recht gut finden lassen, ist man bei Einstellungsfragen in erster Linie auf geschriebene Texte angewiesen - und handelt sich damit wieder die Verzerrung in Richtung der lesenden und schreibenden Schichten ein. Ein weiteres anschließendes Forschungsfeld wäre die Frage, inwiefern sich der Einfluss dieses Leitbildes noch heute geltend macht und vor allem, wie heute das Verhältnis zwischen Familienleitbild, Familienrhetorik und Familienrealitäten aussieht.

Literaturverzeichnis:

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Hausen, Karin (1976): Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“ - Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- uns Familienleben. In: Conze, Werner (Hrsg.): Sozialgeschichte in der Neuzeit Europas. Stuttgart: Ernst Klett, S. 363-401.

Huinink, Johannes/Konietzka, Dirk (2007): Familiensoziologie. Eine Einführung. Frankfurt am Main: Campus.

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Lüscher, Kurt (1997): Familienrhetorik, Familienwirklichkeit und Familienforschung. In: Vascovics, Laszlo A. (Hrsg.): Familienleitbilder und Familienrealitäten. Opladen: Leske und Budrich, S. 50-67.

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Voß, Heinz-Jürgen (2011): Geschlecht. Wider die Natürlichkeit. Stuttgart: Schmetterling.

Details

Seiten
10
Jahr
2012
ISBN (Buch)
9783656266013
Dateigröße
400 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200398
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
familie leitbild realitäten

Autor

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Titel: "Die bürgerliche Familie" zwischen Leitbild und gesellschaftlichen Realitäten