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Die Wissensklufthypothese - Der Einfluss motivationaler Faktoren auf Wissensklüfte

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Wissensklufthypothese
2.1 Basisannahme
2.2 Zentrale Begriffe und Konstrukte
2.2.1 SozioökonomischerStatus
2.2.2 Informationszuwachs
2.2.3 Zeitdimension
2.2.4 Wissenszuwachs
2.3 Empirische Begründung der Wissensklufthypothese

3. Motivationale Faktoren in der Wissenskluftforschung
3.1 Das Differenzmodell
3.2 Das Kontingenzmodell

4. Fazit und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Sommer 1970 haben der Kommunikationswissenschaftler Philip J. Tichenor und die Soziologen George A. Donohue und Clarice N. Olien in der ameri­kanischen Fachzeitschrift Public Opinion Quarterly einen Aufsatz mit dem Titel Mass media flow and differential growth in knowledge veröffentlicht. In diesem formulierte das Forscherteam der Universität Minnesota erstmals die Hypothese der wachsenden Wissenskluft, die einen Zusammenhang zwischen dem sozio- ökonomischen Status einer gesellschaftlichen Gruppe und deren Wissenserwerb postuliert.

Seitdem hat die nicht umumstrittene Wirkungstheorie (vgl. Wirth 2006, S. 168) zahlreiche Differenzierungen und Weiterentwicklungen erfahren. Einen der wichtigsten Anstöße haben dabei Ettema und Kline mit ihrem Aufsatz Deficits, Differences, and Ceilings. Contingent Conditions for Understanding the Knowledge Gap geliefert. Sie erklären das Entstehen von Wissensklüften darin nicht durch den sozioökonomischen Status, sondern durch die unterschiedlich stark ausgeprägte Motivation verschiedener gesellschaftlicher Gruppen (vgl. 1977, S. 188). Den beiden Wissenschaftlern der Universität Michigan ist es maß­geblich zu verdanken, dass die Wissenskluftforschung seither neben dem sozialen Status gesellschaftlicher Gruppen auch motivationale Faktoren bei der Entstehung von Wissensklüften berücksichtigt.

Vor dem Hintergrund der angedeuteten Entwicklung soll in dieser Arbeit untersucht werden, welche Vor- und Nachteile solch ein differenzierter Blick auf das Phänomen der Wissensklüfte bietet und motivationale Faktoren dabei als Elemente plausibilisiert werden, die einen entscheidenden Einfluss auf das Entstehen von Wissensklüften haben.

Unter Rückgriff auf die Initialstudie der Minnesota-Gruppe wird es im ersten Teil der vorliegenden Arbeit zunächst darum gehen, die Hypothese der wachsenden Wissenskluft komprimiert und in ihren wesentlichen Bestandteilen darzustellen.

Der zweite Teil der Arbeit widmet sich im Anschluss den richtungsweisenden Weiterentwicklungen der Wissenskluftforschung, die auch motivationale Faktoren bei der Entstehung von Wissensklüften berücksichtigen. Dabei handelt es sich zum einen um das bereits angesprochene von Ettema und Kline (Differenz­modell), zum anderen um das erstmals von Nojin Kwak eindeutig überprüfte Kontingenzmodell (vgl. 1999, S. 388).

2. Die Wissensklufthypothese

2.1 Basisannahme

Wie bereits angesprochen, stellt die Wissensklufthypothese einen Zusammen­hang zwischen dem sozioökonomischen Status einer gesellschaftlichen Gruppe und deren Wissenserwerb her. Welcher Art diese Beziehung ist, verdeutlicht ein Blick auf die in der Initialstudie von Tichenor et al. wie folgt formulierte Hypo­these der wachsenden Wissenskluft:

"As the infusion of mass media information into a social system increases, segments of the population with higher socioeconomic status tend to acquire this information at a faster rate than the lower status segments, so that the gap bet­ween these segments tends to increase rather than decrease." (1970, S. 159 f.).

Unter der Bedingung eines steigenden massenmedialen Informationsflusses ten­dierten Bevölkerungsteile mit höherem sozioökonomischen Status laut Tichenor et al. dazu, sich die neuen Informationen schneller anzueignen als statusniedri­gere Bevölkerungsgruppen. Als Folge weite sich die zwischen diesen Gruppen vorhandene Wissenskluft tendenziell weiter aus als dass sie sich schließe. Im Gegensatz zu einigen populären Rezeptionen der Wissensklufthypothese (vgl. Bonfadelli 1994, S. 62) behaupten Tichenor et al. damit aber nicht, dass Bevölkerungsgruppen mit niedrigerem sozioökonomischen Status vollkommen uninformiert bleiben.1 Vielmehr sei ihr Wissenszuwachs in Relation zu den status­höheren Bevölkerungsteilen geringer (vgl. 1970. S. 160), da sie das Informations­angebot der Massenmedien weniger effektiv als diese verarbeiten (vgl. Bonfadelli 1994, S. 62). Berücksichtigt man den etwa um 1970 einsetzenden Paradigmen­wechsel in der Betrachtung massenmedialer Wirkungseffekte (vgl. Schenk 2007, S. 38), dann lässt sich der Tichenor et al. in ihrer Initialstudie beschriebene Effekt der massenmedialen Berichterstattung als kognitiver Wirkungseffekt beschrei­ben - die Wissensklufthypothese beschreibt den differenziellen Wissenserwerb.2 Neben dieser Spezifizierung haben die Forscher des Minnesota-Teams in ihrem Initialaufsatz weitere Grundannahmen formuliert, die den Geltungsbereich der Wissensklufthypothese einschränken. Zum einen wird postuliert, dass der beim Menschen linear oder kurvilinear verlaufende Wissenszuwachs bezüglich Unter­suchungsthema und -zeitraum nicht umkehrbar sei. Einmal erworbenes Wissen geht also nicht wieder verloren. Zum anderen besitze die Wissensklufthypothese nur dann Gültigkeit, wenn der massenmediale Informationsfluss bezüglich eines Themas seinen Höhepunkt noch nicht überschritten hat. Dies impliziert, dass Wissensklüfte im Sinne von Tichenor et al. nur dann nachgewiesen werden können, wenn die von den Massenmedien vermittelte Informationsmenge im betrachteten Zeitverlauf zunimmt (vgl. Tichenor et al. 1970, S: 159). Des weiteren entstünden Wissensklüfte vorrangig dann, wenn über public affairs, also über "politische Probleme des öffentlichen Lebens"3 (Bonfadelli 1994, S. 63) oder über wissenschafltiche Themen berichtet würde (vgl. Tichenor et al. 1970, S. 160).

2.2 Zentrale Begriffe und Konstrukte 2.2.1 Sozioökonomischer Status

Die Beschränkung auf politische und wissenschafltiche Themen plausibilisieren die Forscher durch die gewählte Operationalisierung des abstrakten Gebildes sozioökonomischer Status. Um dieses zentrale Konstrukt der makrotheoretisch formulierten Wissensklufthypothese4 (vgl. Wirth 2006, S. 169) auch empirisch überprüfbar zu machen, haben Tichenor et al. den formalen Bildungsgrad einer gesellschaftlichen Gruppe als Indikator für deren sozioökonomischen Status' (vgl. 1970, S. 160) benannt und damit einen indirekten Zusammenhang zwischen dem formalen Bildungsgrad einer gesellschaftlichen Gruppe und deren Fähigkeit zum Wissenserwerb postuliert. Neben dem Verweis auf ältere Arbeiten5, in denen eine hohe Korrelation von Bildung und Wissen bzw. Informationszunahme bezüglich politischer und wissenschaflticher Themen festgestellt worden ist (vgl. Bonfadelli 1994, S. 66), haben Tichenor et al. fünf Begründungen für einen solchen Zusam­menhang vorgebracht.

So verfügten Mediennutzer mit höherer formaler Bildung über bessere communication skills, besäßen also besser ausgebildete Lese- und Ver­stehensfertigkeiten und könnten sich damit Wissen über politische und wissen- schafltiche Themen eher aneignen als Personen eines niedrigeren formalen Bildungsniveaus.

Darüber hinaus besäßen Personen mit höherer formaler Bildung auf Grund ihrer effizienteren Mediennutzung und/oder ihres höheren Bildungsgrades mehr themenrelevantes Vorwissen (stored knowledge) als weniger Gebildete. Ihre Aufmerksamkeit für weitere themenbezogene Informationen der Massenmedien sowie das Verstehen dieser sei dadurch wahrscheinlicher.

Zum dritten verfügten besser Gebildete über mehr relevante soziale Kontakte, die ebenfalls über Politik informiert sind und damit über ein breiteres Feld themenspezifischer Alltagsaktivitäten, eine größere Anzahl sozialer Referenz­gruppen und mehr interpersonale Kontakte. All dies erhöhe die Wahrscheinlich­keit, über politische Themen zu diskutieren und sich entsprechendes Wissen anzueignen.

Des Weiteren hätten zahlreiche empirische Studien6 gezeigt, dass der selektive Umgang mit der Medienberichterstattung, das heißt die freiwillige Zuwendung zu, sowie die Akezptanz und das Beibehalten von Informationen eng mit dem forma­len Bildungsgrad verknüpt ist.

Schließlich würde über politische und wissenschaftliche Themen vornehmlich in den Printmedien berichtet. Diese orientierten sich vor allem an den Bedürfnissen der höher Gebildeten und würden von diesen auch am ehesten genutzt (vgl. Tichenor et al. 1970, S. 162, Bonfadelli 1994, S. 72, Wirth 2006, S. 169 f.). Ob durch das Fernsehen vermittelte Informationen die Wissensklüfte zwischen verschiedenen Bildungsschichten zu schließen vermögen, ist dagegen nicht Teil der Untersuchung des Minnesota-Teams gewesen, wird von Tichenor et al. aber nicht ausgeschlossen (vgl. 1970, S. 170).

2.2.2 Informationszuwachs

Neben dem sozioökonomischen Status stellt der Informationszuwachs seitens der Massenmedien ein weiteres zentrales Konstrukt der Wissensklufthypothese dar. Obwohl Tichenor et al. den steigenden massenmedialen Informationsfluss explizit als Prämisse für das Entstehen bzw. die Vergrößerung von Wissens­klüften formuliert haben (vgl. 1970, S. 159), wird diese Voraussetzung in der Medienwirkungsforschung "häufig übersehen bzw. nicht explizit zum Forschungs­gegenstand gemacht" (Wirth 2006, S. 170).

Dabei bedarf auch der Begriff des Informationszuwachses einer Klärung. Der seit einigen Jahrzehnten beobachtbare kontinuierliche Anstieg des medialen Ange­bots (vgl. ebd., S. 181) ist keinesfalls gleichzusetzen mit einem Informationszu­wachs im Sinne der Wissensklufthypothese.

[...]


1 Wirth spricht in diesem Zusammenhang von einer unreflektierten Verkürzung der Wissens­klufthypothese auf die Formel: "Die Dummen werden immer dümmer, die Klugen immer klüger" (2006, S. 168).

2 Zum grundlegenden Dilemma der Medienwirkungsforschung verschiedene Arten von Medien­wirkungen trennscharf zu unterscheiden vgl. Maletzke 1972, S. 1526 - 1532.

3 Der Verständlichkeit halber wird im Folgenden bezüglich solcher Themen von politischen Themen gesprochen.

4 Die Wissensklufthypothese bezieht sich "auf die Sozialstruktur einer Gesellschaft" (Bonfadelli 1994, S. 80) und ist daher ein Phänomen der Makroebene.

5 Tichenor et al. beziehen sich unter anderem auf die Arbeiten von Davis (1958) und Schramm / Wade (1967).

6 Tichenor et al. referieren in ihrer Studie auf die Arbeiten von Sears / Freedman (1967) und Klapper (I960).

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656267140
ISBN (Buch)
9783656267850
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200381
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Kommunikationswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
wissensklufthypothese einfluss faktoren wissensklüfte

Autor

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Titel: Die Wissensklufthypothese - Der Einfluss motivationaler Faktoren auf Wissensklüfte