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Architektur und Hauptstadtplanung in der stalinistischen Sowjetunion am Beispiel Moskaus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 34 Seiten

Geschichte - Asien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 . Einleitung
1.1. Forschungsstand
1.2. Definitionsansätze zur stalinistischen Architektur

2.1.Die pluralistische Periode: Kräftemessen zwischen Modernisten und Traditionalisten
2.2. Der Weg zur Unifizierung und die Erfindung des sozialistischen Realismus

3.1. Der Wettbewerb um den Palast der Sowjets: Endgültige Bestimmung des stalinistischen Stils
3.2. Moskau – Die Rote Metropole und der Generalplan zur Stadterneuerung
3.3. Der Bau der Metro als Propagandafeldzug

4.0. Schlussbemerkung

5.0 Literaturverzeichnis

1.0. Einleitung

Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich mit dem Thema der stalinistischen Architektur und ihrer propagandistischen Verwertung durch den sowjetischen Machtapparat. Die Darstellung beschränkt sich hierbei räumlich auf das Beispiel Moskaus, da sich dort – vor allem wegen der exponierten Rolle als (rote) Hauptstadt – alle wesentlichen Merkmale der stalinistischen Verflechtungen zwischen Architektur und Propaganda exemplarisch belegen lassen. Als zeitlicher Rahmen ist die Zwischenkriegszeit vorgegeben.

Nach einigen Bemerkungen zum derzeitigen Forschungsstand, wird der Frage nachzugehen sein, wie stalinistische Architektur definiert werden kann und welche Spezifika in ihr zum Ausdruck kommen.

Dabei können im Wesentlichen zwischen zwei Phasen in der architektonischen Debatte der Zwischenkriegszeit, analog zur denen der bildenden Kunst, unterschieden werden.

Die erste Phase, die als avantgardistisch bzw. pluralistisch bezeichnet werden kann, ist durch das Ringen der verschiedenen Architekturströmungen in den 20er Jahren, bei dem die Vertreter moderner, konstruktivistischer Vorstellungen unterlagen, gekennzeichnet.

In der sich anschließenden Unifizierungsphase kam die Verengung der Diskussions-möglichkeiten durch den Primat des Sozialistischen Realismus als Voraussetzung für die Durchsetzung eines einheitlichen sowjetischen Stils zum tragen.

Die Beobachtungen werden darauf folgend anhand von drei Beispielen konkretisiert, die für die stalinistische Architektur in Moskau von herausragender Bedeutung sind.

Zunächst wird in diesem Zusammenhang auf den Wettbewerb um den Palast der Sowjets eingegangen, mit dem die Suche nach dem sowjetischen Stil zu Ende gebracht wurde.

Daraufhin sollen die Rolle Moskaus als „rote Hauptstadt“ und die vorgenommenen bzw. projektierten Veränderungen, die aus dem Generalplan zur Stadterneuerung Moskaus von 1935 resultierten, illustriert werden.

Als letztes Beispiel verdeutlicht die Kampagne, die den Bau der Moskauer Metro begleitete, das Instrumentarium und die Funktionsweise der sowjetischen Propaganda und ihre Rezeption.

Die der Betrachtung übergeordnete Frage nach dem Wesen der stalinistischen Architektur soll nicht das ästhetische Für und Wider abwägen, sondern vielmehr zeigen, wie sich die sowjetische Staatsmacht der Architektur mittels des propagandistischen Vehikels gezielt bediente und welche Effekte damit erzielt werden sollten und wurden, wobei auch auf die Außenwirkung der Propaganda zur Selbstdarstellung des Sowjetstaates gegenüber dem Ausland eingegangen wird.

1.1. Forschungsstand

Die geschichtswissenschaftliche Forschung hat sich der Chancen, die aus dem Zerfall der Sowjetunion resultierten und mit einem leichteren Zugang zu den Archiven einhergingen, durchaus bedient, was sich an Hand zahlreicher Publikationen leicht nachvollziehen lässt.[1] Allgemeine Darstellungen profitieren von der geschichtlichen Zäsur, die der Niedergang des Kommunismus der Geschichtswissenschaft in diesem Bereich beschert hat und der Möglichkeit, bestimmte Phänomene nun als abgeschlossen zu betrachten.

Die Bedeutung der Architektur bzw. ihre propagandistische Nutzbarmachung innerhalb des stalinistischen Herrschaftssystems, ist jedoch nur in gewissen Teilbereichen umfassend akzentuiert worden. Hierbei ist die Arbeit von Dietmar Neutatz über den Bau der Moskauer Metro ihrer Qualität wegen besonders hervorzuheben. Sie könnte richtungweisend sein für die Beschäftigung mit anderen (architektonischen) Groß-Projekten der stalinistischen Periode.

Des Weiteren finden sich nur einzelne Arbeiten zur stalinistischen Architektur, was den Eindruck nahe legt, dass die Thematik zumindest von der deutschen Geschichtsforschung im Schwerpunkt Osteuropa noch nicht ausreichend erfasst wurde.

Dabei lässt gerade die Betrachtung der Verknüpfung von Architektur und Propaganda im sowjetischen System der Zwischenkriegszeit interessante Rückschlüsse auf die gesellschaft-lichen Befindlichkeiten zu und kann gleichzeitig als einzelner Aspekt zur Charakterisierung des stalinistischen Phänomens beitragen.

1.2. Definitionsansätze zur stalinistischen Architektur

Vorab soll festgestellt werden, dass die Architektur in der von Stalins totalitärer Herrschaft geprägten Periode, also spätestens ab 1933/34 bis zum Tode des Diktators 1953, nicht nur als Instrument eines totalitären Regimes gesehen werden kann. Ein Versuch, die Entstehung der spezifischen „stalinistischen“ Formgebung nur aus ihrem diktatorischen Gesellschafts-zusammenhang zu erklären, würde zu kurz greifen, da die eklektizistische Architektursprache auch in demokratischen Ländern benutzt wurde.[2]

Andererseits kann nicht verschwiegen werden, dass Stalin in seiner Eigenschaft als Alleinherrscher in der Lage war, Einfluss auf die Planung und Ausgestaltung architektonischer Projekte zu nehmen. Sein Eingreifen lässt sich an verschiedensten Stellen belegen, worauf an späterer Stelle noch eingegangen wird.[3]

Die besondere Eigenschaft der stalinistischen Architektur ist das Ineinanderwirken verschiedenster Stilrichtungen, also die eklektizistische Verwendung unterschiedlicher Architekturtopoi. So war der Klassizismus bereits im vorrevolutionären Russland importiert worden, was sich an der Gestaltung St. Petersburgs unschwer erkennen lässt.

Nach der Revolution gesellten sich zu den traditionellen Architekturvorstellungen Elemente des Modernismus, die durch konstruktivistische Ansätze in der Architektur verkörpert wurden. Neben den importierten Architekturstilen Klassizismus und Konstruktivismus wirkte, zumindest im russischen Teil der Sowjetunion, auch noch die ornamentale Formensprache der russisch-orthodoxen Sakralbauten nach.

Aus diesen verschiedenen Vorbildern wurde die Architektur der Stalin-Zeit entwickelt, was ihre innere Widersprüchlichkeit erklären mag. Sie ist in gleichem Maße paradox, wie die Forderungen und Gestaltungsvorgaben an die Architekten von damals als paradox erscheinen müssen: Zwar führte die sowjetische Architekturkritik der 30er Jahre einen stetigen Kampf gegen das so genannte „Fassadentum“, dennoch fällt dem heutigen Betrachter stalinistischer Architektur gerade die schmuckvolle, teilweise überladen erscheinende Ausgestaltung der Fassaden auf, weshalb sie salopp auch als „Zuckerbäckerstil“ bezeichnet wird.

Die Widersprüchlichkeit der Architektur resultiert also nicht nur aus der Verschiedenheit der verwendeten Stile, sondern gleichermaßen aus dem widersprüchlichen Wesen der offiziellen Kritik in der Sowjetunion, die sich spätestens ab Mitte der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts praktisch gegen alle bekannten Stile bzw. ihre eklektizistische Verwendung wand. Demnach hätte gar nicht mehr gebaut werden können.[4]

Trotzdem nahm die Bautätigkeit in großem Maße zu, und es existierten erfüllbare Vorgaben: Die Gebäude sollten allgemein verständlich erscheinen, dadurch gefühlsmäßig durch die Massen erfassbar sein und in ihrer Monumentalität die Stärke der Sowjetmacht widerspiegeln.

2.1.Die pluralistische Periode: Kräftemessen zwischen Modernisten und Traditionalisten

Auf der Suche nach einem angemessenen Stil für die Gebäude des ersten sozialistischen Staates konkurrierten in den 20er Jahren im wesentlichen zwei Gruppen um die Durchführung von Projekten, die öffentlich ausgeschrieben wurden, wobei der Staat allein als Auftraggeber in Betracht kam.

Auf der einen Seite standen die Modernisten, die eine streng funktionale, konstruktivistische Formensprache präferierten. Sie profitierten zunächst von der nachrevolutionären Euphorie, in der alles Überkommene und Tradierte als obsolet betrachtet wurde, was eine deutliche Abgrenzung zur Vergangenheit angezeigt erscheinen ließ. Le Corbusier kann als Vordenker der konstruktivistischen Architekturschule betrachtet werden, der in der experimentellen Phase der Sowjetarchitektur in den 20er Jahren an zahlreichen Wettbewerben teilnahm und verschiedene Projekte realisieren konnte. Seine Vorstellungen wurden in der Sowjetunion von verschiedenen Architekten, wie den Gebrüdern Wesnin aufgenommen und entwickelt.[5]

Andererseits hatte der postulierte Bruch mit der Vergangenheit nicht dazu geführt, dass klassizistischen Vorstellungen gänzlich abgeschworen worden wäre, zumal diese als Verweis auf antike Ideale weiterhin geschätzt wurden. Im Rahmen der Neuen Ökonomischen Politik wuchs ab 1921 das Bedürfnis nach Sicherheit und Behaglichkeit, die revolutionären Wirren und Grausamkeiten sollten als beendet betrachtet werden. Die Sehnsüchte übertrugen sich auch auf den Bereich der Architektur, wovon die Traditionalisten besonders profitierten.

Sie hatten bereits Erfahrungen mit der sowjetischen Wettbewerbspraxis sammeln und sich bei prestigeträchtigen Bauvorhaben, wie dem Zentralen Telegrafenamt (1927) oder dem Gebäude der Sowjetischen Staatsbank (1929) gegenüber der konstruktivistischen Konkurrenz durchsetzen können.[6]

Leo Trotzki drückte bereits 1925 das Spannungsverhältnis zwischen den beiden Haupt- strömungen treffend aus, indem er folgerte: „ Falls sich der Futurismus zur chaotischen Dynamik der Revolution hingezogen fühlte (…), dann drückte der Neoklassizismus das Bedürfnis nach Frieden, nach bleibenden Formen aus.“[7]

Bemerkenswert ist die Bereitschaft von Vertretern des Traditionalismus, auch im konstruktivistischen Stil zu arbeiten, wenn die Vorgaben dies erforderten. Als Beispiel hierfür können Ščuko und Gelfreich genannt werden, die offiziell für den traditionellen Stil eintraten, gleichzeitig aber auch konstruktivistische Entwürfe hervorbrachten, wie das Gorki-Theater (1934) in Rostov, das in Form eines Traktors errichtet wurde.

Auch andere Architekten, die eigentlich der traditionellen Schule zugerechnet werden, arbeiteten im Sinne des Modernismus, wenngleich sich bei ihnen eine Verwässerung der konstruktivistischen Prinzipien bemerkbar machte, wie verschiedene Entwürfe von Ščusev, Fomin und Šoltovskij zeigen, wobei es sich oftmals um Elektrizitätswerke oder ähnliche Bauten handelte, da diese als Attribute der Modernisierung galten, für die eine moderne Gestaltung angemessen erschien.[8]

Während es den Traditionalisten möglich schien, bei bestimmten Vorhaben von ihrem favorisierten Stil abzuweichen, zeigten sich die Konstruktivisten weniger opportunistisch und versuchten, an ihren Prinzipien festzuhalten, was ihnen zumindest bis in die 30er Jahre hinein gelang.[9]

2.2. Der Weg zur Unifizierung und die Erfindung des sozialistischen Realismus

Die in den 20er Jahren zwischen den verschiedenen Architekturschulen und Verbänden geführten Kontroversen können als relativ frei betrachtet werden. Die geringe Politisierung der Diskussionen, die vom durchschnittlichen Sowjet-Bürger eher unbeachtet blieben, und der nachrevolutionäre Wunsch, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, vergrößerte zunächst den Spielraum der Avantgarde. Zum einen war die traditionelle Kultur-Elite in den revolutionären Bürgerkriegswirren dezimiert worden, zum anderen jedoch machten sich schon bald Tendenzen des Aufstiegs einer neuen „roten Intelligenz“ bemerkbar, deren Ursprung in den proletarischen Kreisen der Vorstädte lag. Diese wusste ihre Ablehnung avantgardistischer Experimente geschickt mit dem Empfinden der Sowjetbürger zu verbinden, die in den 20er Jahren vom Land in die Städte strömten und traditionelleren Formen in der Architektur mehr abgewinnen konnten. Die neue Elite besann sich zusehends auf die „klassischen“ architektonischen Werte und propagierte das „Palast-Paradigma“, dessen originäre Bedeutung als Symbol der Macht beibehalten, aber in den neuen sozialen Zusammenhang der Sowjetrealität integriert wurde und den Bürgern auf diese Art als Verweis auf die „goldene Zukunft“ des Sozialismus präsentiert werden konnte.[10]

Gegen Ende der 20er Jahre erfolgte eine Ideologisierung der gesellschaftlichen Debatten, wovon auch die Architektur betroffen war. Die Auseinandersetzungen wurden schärfer, wobei jede Seite versuchte, der anderen „ideologische Etiketten“ anzuheften und sich dazu des Instrumentes der politischen Verunglimpfung bediente. Dies kann im Zusammenhang mit der ab 1925 propagierten These Stalins vom „Sozialismus in einem Land“ gesehen werden, deren sukzessive praktische Umsetzung auf die Abschottung vom Westen hinauslief und auch westliche bzw. moderne Architektur einschloss. Für die sowjetischen Modernisten bedeutete dies eine schwere Niederlage, da sie sich fortan den Vorwurf gefallen lassen mussten, ihre ideologischen Wurzeln lägen im Ausland jenseits der sozialistischen Gesellschaft.

Die Modernisten ihrerseits konterten mit dem Vorwurf, das traditionelle Bauen im neoklassizistischen bzw. eklektizistischen Stil bedeute eine Flucht in die Vergangenheit und sei daher mit der revolutionären Umgestaltung unvereinbar.[11]

Spätestens ab 1930 zeichnete sich die vollständige Niederlage der Modernisten in der Sowjetunion ab, als das Zentralkomitee in einer Resolution über die „Reorganisierung des Alltags“ konstruktivistische Experimente verurteilte. Um alle Kulturschaffenden in das stalinistische System einzubeziehen und auf eine Linie zu bringen, proklamierte das Zentralkomitee am 23. April 1932 per Ukas den Begriff des „sozialistischen Realismus“ und bereitete gleichzeitig, quasi als Kontrollmechanismus, die verbindliche Mitgliedschaft in neu geschaffenen, zentralistisch organisierten Verbänden vor.[12]

Die Verbände lösten die vorher bestehenden verschiedenartigen Künstler- und Kulturgruppen ab und ersetzten binnen weniger Jahre den zuvor geduldeten rudimentären Pluralismus in diesem Gesellschaftsbereich durch den totalitären Einfluss der Sowjetführung. Dabei übernahmen die Partei-Zellen der jeweiligen Organisation die Federführung unter dem Dach einer zentralen Kommission, die formal den „Austausch von Erfahrungen“ erleichtern sollte, faktisch aber der zentralen Steuerung der Organisationen diente.[13]

Als Einheitsorganisation für die Architektur wurde 1932 der Verband der sowjetischen Architekten gegründet.[14] Die Verbandsstruktur ermöglichte es, einen hohen Druck auf die einzelnen Mitglieder auszuüben. Die ritualisierte „Kritik und Selbstkritik“ wurde zum Tagesgeschäft und renitenten Mitgliedern drohte der Ausschluss aus Partei bzw. Verband, der praktisch einem Berufsverbot gleichkam. Unter der Voraussetzung, dass die höchsten Repräsentanten des Systems , wie das System selbst von der Kritik ausgenommen blieben, erhöhte der Ritus den Druck auf untere und mittlere Hierarchieebenen, vermittelte den Mitgliedern aber auch das Gefühl mit bestimmten Beschwerden eine Verbesserung (z.B. der Arbeitsbedingungen) erreichen zu können.[15]

Die Stalinisierung der Architektur hatte somit organisatorisch den entscheidenden Schritt getan. Der Einfluss der Parteiorgane auf die Verbände war immens, und es standen ihnen wirkungsvolle Instrumente zur Verfügung, abweichende Meinungen bereits im Keim zu ersticken. Der Sozialistische Realismus hatte Eingang in die Satzung des sowjetischen Architektenverbandes gefunden, obschon die Definition äußerst unpräzise blieb, wenn sie „soziale Zweckdienlichkeit“ und eine „Wahrhaftigkeit des Erscheinungsbildes, das von der Form getragen wird“ postulierte.[16]

Der Übergang von pluralistischen Formen zur Unifizierung des Stils war somit vorbereitet und vollzog sich in der Architektur in der ersten Hälfte der 30er Jahre, analog zur Konsolidierung von Stalins Alleinherrschaft. Die folgenden Beispiele verdeutlichen diese

Beobachtung.

3.1. Der Wettbewerb um den Palast der Sowjets: Endgültige Bestimmung des stalinistischen Stils

Wie bereits gezeigt wurde, war es der stalinistischen Führungselite gelungen, die architektonische Diskussion einzuengen und den sozialistischen Realismus als einzig verbindliche Doktrin auch für die Architektur vorzuschreiben. Die Ungenauigkeit der Definition resultierte scheinbar daraus, dass ein einheitlicher sowjetischer Stil bereits postuliert wurde, noch ehe er gefunden bzw. anerkannt worden war.

Der Wettbewerb um den Palast der Sowjets, der zwischen 1931 und 1933 in vier Runden ausgetragen wurde, hatte demnach praktisch die Aufgabe, den sowjetischen Stil zu definieren.

Das Vorhaben war das gigantischste architektonische Projekt, das nach der Revolution in Moskau angegangen wurde und besaß demnach größtes politisches Gewicht, zumal es als „Oberstes Gebäude“ das formell höchste Staatsgremium beherbergen sollte.[17]

Pläne zu dem Bau eines monumentalen Palastes im Moskau waren nach der Revolution immer wieder diskutiert worden und 1923 war bereits ein Wettbewerb für den „Palast der Arbeit“, wie das Gebäude zu dieser Zeit noch genannt werden sollte, durchgeführt worden. Daraufhin war es jedoch einige Jahre still um das Vorhaben geworden.

Um dem Projekt einen neuen Schub zu geben, wurden 1931 verschiedene Kommissionen gegründet, die mit der Durchführung des Projekts beauftragt wurden (Baukommission, Verwaltungskommission, Technische Kommission).

In der ersten Wettbewerbsrunde sollten die Kriterien für die eigentliche Entscheidung festgesetzt werden, wozu auch der Standort gehörte. Zwölf Aufträge wurden an die verschiedenen Architektengruppen und einige Einzelpersonen vergeben. Bemerkenswert ist, dass die eingegangenen Entwürfe im August 1931 zunächst im Historischen Museum Moskaus der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und später in einer Autofabrik in der Umgebung der Belegschaft zur Beurteilung vorgestellt wurden, wo sie von ca. 2.500 Werksangehörigen begutachtet wurden. Dabei zeigte sich, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter mit den konstruktivistischen Entwürfen wenig anzufangen wussten und ein Bauwerk forderten, das „schön und imposant“ sein sollte.[18]

Die Tatsache, das die Entwürfe der Öffentlichkeit zur Diskussion vorgelegt wurden, kann als Kennzeichen des stalinistischen Systems gesehen werden, dass seine Legitimation durch derartige Vorstellungen indirekt stärkte, da die Bürger den Eindruck erhielten, ihre Meinung sei von Belang für die weitergehenden Planungen.

Dieser propagandistische „Trick“ erlaubte es der Sowjetführung, auch später bei der Ablehnung konstruktivistischer Entwürfe auf die Meinung des Volkes zu verweisen und somit seine Einheit mit dem einfachen Bürger zu demonstrieren.

Schon in der zweiten Wettbewerbsrunde kristallisierte sich eine Hinwendung zur eklektizistischen Gestaltung heraus, als der Regierungsrat, dem auch Molotov angehörte, die Weisung ausgab, dass „die Anstrengungen auf die Verwendung der neuen, wie auch der besten klassischen Methoden der Architektur gerichtet sein sollten“.

Außerdem wurden gewisse funktionale und formale Bedingungen formuliert: Das Gebäude musste sich für Massenkundgebungen, Konzerte und Filmvorführungen eignen. Das äußere Erscheinungsbild sollte mit seiner besonderen Bedeutung als Monument der Kunst und Architektur in der Hauptstadt der UdSSR genauso in Einklang stehen, wie mit den Merkmalen der Zeit und darüber hinaus den Willen der Arbeiter, den Sozialismus aufzubauen widerspiegeln.[19]

Insgesamt gingen 160 professionelle Entwürfe und 112 Vorschläge von Werktätigen ein, die trotz offensichtlicher sachlicher Unkenntnis nicht auf die Präsentation ihrer Vorstellungen verzichten wollten. Durchsetzen konnten sich jene Entwürfe, die den modernen Art Deco mit neoklassizistischen Motiven verbanden. Die Preise gingen an Ivan Žolotovskij, Boris Iovan und an den konstruktivistischeren Entwurf Hamiltons.[20]

Sowohl in der Jury als auch in der Baukommission setzten sich neoklassizistische Vorstellungen durch. Man verwies auf das „reiche Erbe der Antike“, welches es einzubeziehen und weiterzuentwickeln gelte und darauf, „dass der Palast der Sowjets die vollkommensten und folglich klassische Formen verdient“.

Der heftige Einspruch der Modernisten zeigt, dass 1931 eine kritische Auseinandersetzung zwischen den Architekturrichtungen noch möglich war, ohne dass dies automatisch zu Repressionen geführt hätte. Die Kritik vermochte sich jedoch nicht durchzusetzen, zumal die Baukommission, die in die Entscheidungsfindung der Jury eingebunden war, aus hochrangigen Vertrauten Stalins, wie Molotov, Kaganovič und Vorošilov, bestand und es ihr oblag, die Vorgaben für die nächste Wettbewerbsrunde zu formulieren.[21]

Durch die Zusammensetzung der Kommission war es Stalin möglich, über seine Vertrauensleute Einfluss auf die Maßgaben und die Entscheidungen der Jury zu nehmen.

In der dritten Runde des Wettbewerbs, die zwischen März und Juni 1932 durchgeführt wurde, wurden zwölf Architektengruppen mit Entwürfen beauftragt. Die Entwürfe boten verschiedenartige eklektizistische Interpretationen der unpräzisen Vorgaben, wobei die wenigsten modernistische Züge aufwiesen.

In der letzten und entscheidenden Runde des Wettbewerbs, vom August 1932 bis Februar 1933, wurden nur noch fünf Architektengruppen mit der Erstellung von Entwürfen beauftragt. Als einzige hielten die Brüder Vesin an ihren konstruktivistischen Anschauungen fest. Den Sieg trug jedoch das Kollektiv um Boris Jofan mit Ščuko und Gelfreich davon, dessen Entwurf einen dreigeschossigen Podiumssockel mit vier sich aufgesetzten Türmen zeigte, deren Durchmesser von unten nach oben abnahmen. Für die Spitze, als Krönung des 250 m hohen Gebäudes, sah das Kollektiv eine Arbeiterstatue mit einem beleuchteten roten Stern vor.

[...]


[1] Bohn, Thomas / Neutatz, Dietmar: Studienhandbuch Östliches Europa, Köln 2002, Band II, VII.

[2] Noever, Peter (Hg.): Tyrannei des Schönen. Architektur der Stalin-Zeit, München 1994, S. 9.

[3] Tarchanow, Alexej / Kawtaradse, Sergej: Stalinistische Architektur, München 1992, S. 10.

[4] Noever, Peter (Hg.): Tyrannei des Schönen. Architektur der Stalin-Zeit, München 1994, S. 17.

[5] Wetzel, Christoph (Hg.): Belser Stilgeschichte, Band III, Stuttgart 1993, S. 249.

[6] Tarchanow, Alexej / Kawtaradse, Sergej: Stalinistische Architektur, München 1992, S. 18.

[7] Trotzki Leo: Literatur und Revolution, New York, 1925. Zitiert nach: Tarchanow, Alexej / Kawtaradse, Sergej: Stalinistische Architektur, München 1992, S. 35.

[8] Tarchanow, Alexej / Kawtaradse, Sergej: Stalinistische Architektur, München 1992, S. 18.

[9] Ebenda, S. 19.

[10] Noever, Peter (Hg.): Tyrannei des Schönen. Architektur der Stalin-Zeit, München 1994, S. 29 f.

[11] Tarchanow, Alexej / Kawtaradse, Sergej: Stalinistische Architektur, München 1992, S. 19.

[12] Bütow, Hellmuth G. (Hg.): Länderbericht Sowjetunion, München 1986, S. 484.

[13] Hudson, Hugh D.: Blueprints And Blood. The Stalinization of Soviet Architecture 1917 – 1937, Princeton. 1994, S. 138.

[14] Hildermeier, Manfred: Geschichte der Sowjetunion 1917 – 1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, München 1998, S. 571.

[15] Neutatz, Dieter: Die Moskauer Metro, in: Beiträge zur Geschichte Osteuropas, Band 33, Köln 2001, S. 305.

[16] Noever, Peter (Hg.): Tyrannei des Schönen. Architektur der Stalin-Zeit, München 1994, S. 30.

[17] Chan-Magomedow, Selim O.: Pioniere der sowjetischen Architektur. Der Weg zur neuen sowjetischen Architektur in den zwanziger und zu Beginn der dreißiger Jahre, Dresden 1983, S.403.

[18] Tarchanow, Alexej / Kawtaradse, Sergej: Stalinistische Architektur, München 1992, S. 25.

[19] Ebenda, S. 27.

[20] Noever, Peter (Hg.): Tyrannei des Schönen. Architektur der Stalin-Zeit, München 1994, S. 31.

[21] Tarchanow, Alexej / Kawtaradse, Sergej: Stalinistische Architektur, München 1992, S. 27.

Details

Seiten
34
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638240284
ISBN (Buch)
9783656899761
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v20026
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Institut für osteuropäische Geschichte
Note
Gut plus
Schlagworte
Architektur Hauptstadtplanung Sowjetunion Beispiel Moskaus Selbstdarstellung Diktaturen Zwischenkriegszeit

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