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Scripted Reality. Fusion von Realität und Fiktion

Seminararbeit 2012 21 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Konstruktivismus als theoretische Basis
2.1. Realität und Wirklichkeit
2.2. Fiktion und Inszenierung

3. Das Fernsehen - Fusion von Realität und Fiktion
3.1. Die Innovation - Der Werdegang eines Formates
3.2. Vom Reality-TV zu „Scripted Reality”
3.3. Die drehbuchgeschriebene Realität
3.3.1. Erschaffung einer fiktiven Realität
3.3.1.1. Auswahl des Themenfeldes
3.3.1.2. Wahl des Schauplatzes
3.3.1.3. Die digitale Produktion
3.3.1.4. Das perfekte Unperfekte
3.3.2. Umsetzung der fiktiven Realität
3.3.2.1. Personen wie „Du und Ich”

4. Fazit und Ausblick

5. Literatur

6. Internet

1. Einleitung

Musste nach dem 1. Rundfunkurteil des Bundesverfassungsgerichts 1961 das Deutsche Fernse­hen ein „Mindestmaß von inhaltlicher Ausgewogenheit, Sachlichkeit und gegenseitiger Achtung ge-währleisten” (BverfG 1961: 10. Art. 5 GG), so ist es heutzutage überschwemmt von fiktionalen Unterhaltungsformaten. Bis zu dem Zeitpunkt, als die Vermischung von Information und Entertain-ment Einzug in die Deutsche Fernsehlandschaft erhielt, wurden Dokumentationen noch mit einem Interesse daran gedreht, Wissen zu vermitteln. Nun ist es mehr eine Frage der genauen Analyse einzelner Fernsehsendungen, Fakt von Fiktion zu unterscheiden. Wenn Realität und Fiktion ver-schmelzen, sollte das Medium Fernsehen mit seinen Kommunikationsinhalten, rückwirkend auf seinen enormen Stellenwert innerhalb der Gesellschaft, daher skeptisch betrachtet werden.

Obwohl den meisten Zuschauern durchaus bewusst ist, dass es sich bei dem Sendematerial nicht um ein genaues Abbild einer Situation handelt, sondern Ausschnitte zu einem Konstrukt zusam-mengeschnitten werden, übertragen Rezipienten teilweise ungefiltert tele­visuelle Realitätsentwürfe auf die außermediale Realität. Hinsichtlich der Debatte über die Notwendigkeit von vertrauens-würdigen Informationen im Rahmen des Mediums Fernsehen, steht daher immer häufiger der potentielle Anstieg fiktionaler Programmformate im Fokus. Insbesondere die Struktur des privat-wirtschaftlichen Fernsehprogrammes verzeichnet ein klares Ungleichgewicht von Information zu Entertainment. Mit dem Hinter­grund, dass die echte Realiät zu unspektakulär ist, Themen wiederholt werden, Happyends voraussehbar sind und wenig Möglichkeit besteht, sich mit dem Gebotenen zu identifizieren, stieg der Innovations-Druck der Fernsehanstalten. Das Repertoire der reinen Fiktion war erschöpft und konnte Rezipienten nicht mehr überzeugen. Der Wunsch nach Identifikation, Realitätsnähe und Authentizität wuchs stetig. Das Ausmaß der Reichweite des Internets sowie die Zerstreuung der Einschaltquoten auf Grund einer Variation an Fernsehpro-grammangeboten brachte Autoren und Produzenten der privaten Fernsehsender letztendlich dazu, neue, außer­gewöhnlichere Fernsehformate zu entwickeln.

Das „Scripted Reality” – Format wurde geboren und läutete ein neues Zeitalter des Realitäts-fernsehens ein. Gestellte Gerichtsszenarien, Soaps und Talkshows stehen nun endgültig im Schatten dieser Form des Reality-TV. Dem Verlangen nach außergewöhnlichen und trotzdem authentischen Szenarien, welche in dargestellter Form normalerweise nicht zugänglich sind, scheint dieses Format – so beweisen es die hohen Einschaltquoten – in jeder Hinsicht gerecht zu werden. Reale Personen in Aktion lassen Zuschauer die scheinbar ungeschminkte Wirklichkeit hautnah miterleben - so empfinden RezipientInnen, die den fiktiven Charakter nicht erkennen.

Den Marktführer, die RTL Media Group, stört die laut werdende Kritik gegenüber „Scripted Reality” wenig. Aus dessen Sicht besteht kein Zweifel am kommerziellen Potenzial der Formate.

Das Problem der Authentizitätsstärke dieses Formates, welche mittels bestimmter Erzähl- und Kameratechnik erzeugt wird, ist vor allem gesellschaftlich von großer Relevanz und führt aktuell zu einem Diskurs über das Für und Wider dieser Art. Welches Außmaß eine falsche Einstufung des Wahrheitsgehaltes eines „Scripted Reality” – Formates annehmen kann, wird in folgendem Zitat deutlich:

,, Diese suggerierte Realität, welche nur Vorurteile aufgreift, ist deshalb so gefährlich, weil genau diese Vorurteile nicht mehr nur als Vorurteile betrachtet werden, sondern als Fakten. [ ... ] Scripted Reality Formate haben somit eine meinungsbildende Wirkung auf bestimmte Rezipienten. Aus diesen Meinungen können auch schnell Einstellungen werden und spätestens dann folgen falsche konkrete Handlungen. ” (Hofbauer 2011: o.S.)

Wie es Fernsehsender schaffen eine Sendung mit fiktivem Charakter trotzdem für RezipientInnen authentisch wirken zu lassen und ob die Grenze zwischen Realität und Fiktion im Wandel des Mediums Fernsehen verschwommen ist, soll Kern dieser Arbeit sein.

Zunächst soll die Thematik „Realität und Fiktion” innerhalb eines theoretischen Rahmens beispiel-haft dargestellt werden. Hierzu gehört eine kurze Einführung in die Ansicht des Konstruktivismus. Im Ergebnis soll klar werden, dass es sich bei den genannten Schlagwörtern um subjektive Be­griffe handelt, welche individuell von jedem Individuum geformt und verstanden werden. Den Hauptteil bildet der Umriss des Genres hinsichtlich dessen Formatzugehörigkeit. Im Rahmen des Erkenntnis-interesses werden Charaktereigenschaften sowie die Besonderheit von „Scripted Reality” anhand ausgewählter Stilmittel allgemein dargestellt. Der Fokus liegt hierbei auf den Laiendarstellern.

Im Rahmen dieser Arbeit stütze ich mich überwiegend auf vorhandene Literatur zum Thema Fernsehanalyse, Konstruktivismus, Soziologie, Psychologie sowie Reality-TV. Es wird allein nach der Entstehung des „Scipted Reality” gefragt. Die Frage, weshalb dieses Gerne so erfolgreich ist, weshalb Rezipienten diese Sendungen ansehen und in welchem Ausmaß „Scripted Reality” wirkt, wird kein Bestandteil dieser Arbeit sein. Abstand genommen wird auch zu der Diskussion über den Ursprung des Reality-TV. Häufig wird davon ausgegangen, dass das Format dem Doku-Format entstammt – dieser Behauptung folge ich nicht. Diese Arbeit ist der Ansicht, dass sich „Scriped Reality” zwar aus dem Reality-TV entwickelt hat, allerdings keine genaue Zuordnung zu einem Sub-Genre des Reality-TV vorgenommen werden kann. Dies ist zukünftig zu analysieren und im Rahmen einer empirischen Studie zu prüfen.

2. Der Konstruktivismus als theoretische Basis

Um die Begriffe Realität und Fiktion voneinander abzugenzen, wird in einer kurzen Einführung der Ansatz des Konstruktivismus dargestellt. Zudem wird erläutert in welchem Kontext die Begriff-lichkeiten innerhalb dieser Arbeit verwendet werden. Im Ergebnis soll eindeutig bestimmt sein, wie diese Wörter zu verwenden sind. Zur Kennzeichnug des relativen und subjektiven Charakters, sind die mit den Begriffen in Verbindung stehenden Attribute und Adjektive kursiv gekennzeichnet.

2.1. Wirklichkeit und Realität

Die eine Wirklichkeit. Die eine Realität.

Zwei Begriffe die aus wissenschaftlicher sowie philosophischer Sicht unzählbar oft diskutiert wurden und trotzdem keine eindeutige Definition existiert. Zwei Worte, die auf Grund ihres „anderen Bewusstseins” (Volkmann 2005: 222f.) in Anführungszeichen ge­setzt werden sollten, um durch grafische Indikatoren die eigentliche Bedeutungslosigkeit der Begriffe aufzuheben und die Relativität zum eigentlichen Wortge­brauch zu betonen (vgl. ebd. 2005: 222f.). Realität und Wirklichkeit werden im allgemeinen Sprachgebrauch potenziell mit allem in Verbindung gebracht, was „sichtbar“ ist (vgl. McLuhan/Fiore 1984: 117). Unter Berücksichtigung dieses Vorbehaltes sollen anhand des konstruktivistischen Denkansatzes, ohne eine umfassende Kritik oder Beurtei-lung dieser An­sicht, die Begriffe „Realität” und Wirklichkeit” beispielhaft dargestellt werden.

Bereits vor Beginn der Zeitrechnung haben Philosophen Werke verfasst, welche sich der Frage nach der wahren Wirklichkeit und der realen Realität an­nahmen. Im antiken Griechenland beschrieb Platon, ein Schüler Sokrates, in seinem Lehrbeispiel „Höhlengleichnis” folgendes:

Einige Menschen sind in einer Höhle gefesselt und haben noch nie das Tageslicht gesehen. Lediglich ein kleines Feuer brennt. Als hinter ihrem Rücken etwas vorbeigetragen wird, wirft diese einzige Lichtquelle Schattenbilder der vorbeigetragenen Gegenstände an die Höhlenwand. Unwissend, dass hinter den Schatten Personen stecken, werden die Schatten von den Menschen als Wirklichkeit gedeutet. Würde man die Höhlenmenschen nach dem Ereignis an das Tageslicht bringen, so würden sie erkennen, dass Schatten lediglich eine Idee der wahren Wirklichkeit sind. (Vgl. Vietta 2007: 119) Platon veranschaulicht damit, dass der Mensch dem eigentlichen Ur­sprung dieser Welt nachgehen muss. Denn ohne Erlebnisse und Lernprozesse hat er keinerlei Vorstellung von der wahren Wirklichkeit. An dem Punkt, wo sich der Mensch durch Imagination etwas vorstellt und sich auf Grund dieser Vorstellungskraft „Bilder und Anschauungen formen” (Reich 2005: 12), führt erst ein externer Umweltreiz (im vorangestellten Beispiel die Sonne als Aufklärungsmerkmal der Schattenbildung) zu einer Bestätigung oder Weiterentwicklung des Wirklichkeitsbildes durch die neue Erfahrung.

Aus den Ansätzen Platons entwickelten die Konstruktivisten schließlich ihre Thesen über die Wirklichkeit: „So soll es sein” und die Realität als Verwirklichung der Wirklichkeit: „So ist es”. Aus konstruktivistischer Sicht ist das Individuum ein kognitives System, welches im Laufe seines Lebens aktiv im Rahmen seiner biologischen Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten sowie den kulturellen Voraussetzungen ein Wirklichkeitsbild seiner Umwelt konstruiert. Der Prozess der Konstruktion ist dabei abhängig von der gesammelten Lebenserfahrung sowie dem angeeigneten Wissen eines Individuums. Die Gesellschaft und diverse soziale Systeme, in denen das Individuum verkehrt sind außerdem von Bedeutung. (Vgl. Großmann 1997: 14) Als wichtigstes Instrument zur Ausbildung einer Wirk­lichkeit ist bei diesem Ansatz die Kommunikation anzusehen (vgl. Watzlawick 1992: 95). Die Welt als Konstrukt unserer Selbst wird demnach erst durch die Kommunikation mit der Umwelt bestätigt und so von der Wirklichkeit „erster Ordnung” zu einer Wirklichkeit „zweiter Ordnung”. Externe Umweltreize werden also zunächst in Form von Sinneswahrnehmungen von dem Individuum aufgenommen. Nach der Reizaufnahme durch das Zurückgreifen auf bereits Erlebtes oder Gedachtes weiterverarbeitet. Mit der aktiven Rezeption werden die Reize folglich nach „wichtig” und „unwichtig” kategorisiert und letztendlich einem komplexen kognitivem Modell zugeordnet. Das Modell, welches einem stetig andauernden Veränderungsprozess unterliegt, kann sich mit jedem Umweltreiz entweder in seiner Form verändern oder bestehen bleiben. Der Konstruktionsprozess verläuft dabei bei jedem Individuum unterschiedlich und wird von diversen Faktoren beeinflusst. Es hängt also davon ab, ob ein Umweltreiz von einem Individuum als wichtig und gehaltvoll eingestuft wird und überhaupt in das kognitive System aufgenommen wird bevor er zur Stabilisierung des konstruierten Weltbildes bei-trägt. Das Eine was wir letztendlich als Wirklichkeit definieren, sagt jedoch bei Weitem nicht aus, wie viele andere Wege der Interpretation der Welt es außerdem gibt (vgl. Glasersfeld 1992: 21-23).

2.2. Fiktion und Inszenierung

Die Illusion der Wirklichkeit. Die Darstellung der möglichen Realität.

Das Erschaffen und Gestalten einer künstlichen Welt. Die Rekonstruktion der Realität als wirkliches Abbild einer vergangenen Situation. Ein kreatives Sinnbild einer möglichen Realität durch die Kraft von Illusion und Imagination. Konstrukte aus Zeichen, Begriffen, Symbolen und Aussagen werden zu Visionen geformt – zum Leben erweckt, so dass sie als ein Leitbild lenken und Bedeutung erzeugen (vgl. Reich 2005: 14). Fiktion hat dabei nicht die Funktion die Wahrheit zu imitieren, sondern spielt mit der Beziehung zwischen „Erfahrungswirklichkeit und ihrer künstlerischen Gestaltung” (Bauer 1992: 13). Das Verhältnis von Dichtung und Wirklichkeit, welches in Ver-bindung mit der „Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt” (Bauer 1992: 13) immer wieder hinterfragt wird, hat besonders mit dem Stellenwert des Fernsehens an Relevanz gewonnen.

War es in der Zeit vor den Massenmedien noch das stille Gemälde oder der Theaterstücke, sind es heute mediale Bilder, die den BetrachterInnen und ZuschauerInnen die vermeintliche Realität darbieten sollen. Unter dem Aspekt, dass eine offensichtliche Inzenierung mit der Deklaration: „Gemälde” oder „Theaterstück” ein Signal der Fiktion darstellt (vgl. Bauer 1992: 23), ist die Analyse von Fernsehsendungen auf ihren Fiktionsgehalt sowie deren Realitätsbezug in der heutigen Zeit nahezu unmöglich.

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Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656263982
ISBN (Buch)
9783656265672
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200238
Institution / Hochschule
Universität Salzburg
Note
1,0
Schlagworte
Realität Fiktion Doku Doku Soap Fusion Inszenierung Scripted Reality Reality TV Scripted Reality Konstruktivismus Höhlengleichnis Fernsehen Wirklichkeit Fernsehanalyse

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Titel: Scripted Reality. Fusion von Realität und Fiktion