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Muslimische Eliten in Deutschland

Frauen mit Kopftuch in der Arbeitswelt

Hausarbeit 2012 24 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Der Begriff „Elite“ – Eine Definition
Muslimische Eliten

Der Islam in Europa

Der Islam in Deutschland

Europas muslimische Eliten

Muslimische Eliten in Deutschland
Bildungssituation von Migranten in Deutschland
Das Kopftuch in der Arbeitswelt
Akademikerinnen mit Kopftuch

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„‘Deutschland braucht wieder Eliten‘, heißt es von allen Seiten. Wer oder was aber ist heute Elite?“[1] diese Frage stellte sich Julia Friedrichs und machte sich in ihrem Buch Gestatten: Elite auf die Suche nach den Eliten in Deutschland.

Zwei andere Fragen, die sich die Deutsche Gesellschaft stellt sind: „Gehört der Islam zu Deutschland?“ und „Was tun gegen den Fachkräftemangel?“ Erstere Frage möchte ich für mich ganz klar mit „ja“ beantworten, und ich würde es sehr begrüßen, wenn sich die deutschen Eliten und Politiker ebenso klar und positiv dazu äußern würden. Die Antwort auf die zweite Frage ist nicht gerade leicht. Jedoch wäre für mich ein wichtiger Punkt, Deutschland als Arbeitsstandort attraktiver zu gestalten. Aufgrund des demografischen Wandels sind wir auf ausländische Fachkräfte angewiesen und der demografische Wandel zeigt auch, dass die muslimische Community in Deutschland immer größer wird.[2] Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich eine eigene muslimische Elite herausbildet. Doch wie sieht so eine muslimische Elite aus und wie wird sie von der deutschen Mehrheitsgesellschaft angesehen und akzeptiert?

Nicht nur weil aktuell die Berufstätigkeit und Karriere von Frauen allgemein im Fokus der Öffentlichkeit steht möchte ich in der folgenden Arbeit ein besonderes Augenmerk auf die muslimischen Frauen legen. Musliminnen, die ein Kopftuch tragen fallen durch ihr äußerliches Erscheinungsbild unweigerlich stärker auf als muslimische Männer, die größtenteils kein Bekleidungsstück tragen, welches sie eindeutig als Muslim identifiziert. Daher haben Frauen häufig unweigerlich ein Problem bei Suche nach einem Arbeitsplatz und dies ist auch der Grund, warum ich mich am Ende meiner Arbeit intensiver mit Akademikerinnen auseinander setzen möchte, die ein Kopftuch tragen.

Der Begriff „Elite“ – Eine Definition

Definition vom Brockhaus: „Elite [zu frz. élire „auswählen“] die, -/-n, 1) allg.: eine Auslese darstellende Gruppe von Menschen mit besonderer Befähigung, besonderen Qualitäten; Führungsschicht.“[3] [4]

„Eliten, Bez. für Personen bzw. Personengruppen, die sich von der Bev.-Mehrheit durch herausragende Qualifikationen, Leistungen oder ihren polit. Einfluss abheben. E. lassen sich in jeder hierarchisch aufgebauten Organisation und auf jeder Ebene des polit. Systems (national, regional, lokal, ggf. auch transnational) finden. Vorrangig wir der Begriff jedoch auf gesamtgesellschaftl. E. bezogen.“[5]

Eike Bohlken gibt in seinem Buch „Die Verantwortung der Eliten. Eine Theorie der Gemeinwohlpflichten“ einen Einblick in die Entstehung und Entwicklung des Elitebegriffs. So habe der Begriff Elite seine etymologische Wurzel im Französischen des 16. bis 18. Jahrhunderts. Ebenso wie das lateinische eligere bedeute das französische faire élite zunächst einfach „auswählen“, „eine Auswahl treffen“. Im 17. und 18. Jahrhundert sei es dann zu spezifischeren Ausbildungen des Begriffs Elite gekommen. So stünde élite einerseits im kaufmännischen Bereich für ausgewählte, besonders erlesene Waren, andererseits für eine bestimmte Gruppe des Adels, die sich durch ihre Haltung und ihren Rang als besonders distinguiert, als élite de la noblesse, verstehe. Als dritte Bedeutung für den Elite Begriff gibt Bohlken die Verwendung des Begriffs beim Militär an, welche dort ab dem 18. Jahrhundert stattfand. So wurden dort besonders kampfstarke Einheiten als Elitetruppen benannt. Diese Verwendungsweise habe sich zusammen mit dem Ausdruck der „Rekrutierung“ von Eliten bis heute erhalten. Die Verbindung von „Elite“ und „Leistung“ werde vom aufstrebenden Bürgertum für sich in Anspruch genommen, so Bohlken, um sich als neue Leistungselite gegenüber der traditionellen Erbelite des Adels so positionieren.

Zwischen 1890 und 1920 habe dann eine Übertragung des Elitebegriffs in den Bereich der Politik und der Sozialwissenschaften stattgefunden. Bohlken führt die Arbeiten von Gaetano Mosca, Robert Michels und Vilfredo Pareto an, durch welche der Begriff Elite zu einer Schlüsselkategorie der gesellschaftlichen Diskussion avanciert sei. Mosca und Michels würden den Begriff allerdings nur sporadisch verwenden. Mosca spreche stattdessen von „politischer“ oder „herrschender Klasse“, Michels gebrauche fast ausschließlich Begriffe wie „Führer“ oder „Oligarchie“. Eine tragende Funktion habe der Elitebegriff erst in Paretos Allgemeiner Soziologie erhalten. Inhaltlich würden sich aber Moscas Begriff der „politischen Klasse“ als auch Michels‘ „Ehernes Gesetz der Oligarchie“ auf den gleichen Gegenstand beziehen, wie Paretos „herrschende Elite“.[6]

Muslimische Eliten

„Eine muslimische Elite kann zweierlei bedeuten. Einerseits kann damit die Elite gemeint sein, die in ihren Aktivitäten einem muslimischen Bezug hat, wie etwa Vertreter von muslimischen Interessenorganisationen oder Verbänden. Andererseits kann jemand, der in der Gesellschaft in den verschiedensten Sektoren wie Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Justiz, Wissenschaft, Medien, Kultur und Militär überdurchschnittlich mitwirkt und dort der Elite angehört und eben muslimisch ist, als muslimische Elite verstanden werden. Meist wird darunter Ersteres verstanden und die muslimische Elite nicht als Elite, die auch muslimisch ist, betrachtet, sondern als Elite, in der insbesondere Muslime aktiv sind. Dies ist auch der Fall, weil Muslime verhältnismäßig wenig in den europäischen gesellschaftlichen Eliten vertreten sind.“[7]

Für die folgende Arbeit möchte ich den zweiten Teil der o.g. Definition verwenden. D.h. ich spreche von Personen, die sich überdurchschnittlich in den genannten Sektoren engagieren und muslimisch sind. Insbesondere im letzten Teil meiner Arbeit gehe ich zusätzlich davon aus, dass die befragten Frauen Akademikerinnen sind und auch daher einer entsprechenden Elite gemäß der Brockhaus Definition angehören.

Der Islam in Europa

Der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan hat in seinem Buch „Muslimsein in Europa“ den Artikel „Der europäische Islam befreit sich aus der Isolation“ veröffentlicht, der im April 1998 in Le Monde diplomatique erschien und meiner Meinung nach nicht wesentlich an Aktualität über die Situation der (jungen) Muslime in Europa verloren hat.

Ramadan beginnt in seinem Artikel mit der Präsenz des Islams im Europa des Mittelalters. Zu dieser Zeit habe der Islam in hohem Maße zur Ausbildung des rationalistischen, laizistischen und modernen westlichen Denkens beigetragen. Die neue muslimische Präsenz in Europa sei hingegen eine kurze Geschichte von etwa sechzig oder siebzig Jahren und sei damit historisch gesehen ein junges Phänomen. Da nach Ramadan die anderen religiösen oder nationalen Minderheiten (je nach Land seien dies Juden, Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, Polen, Italiener, Portugiesen usw.) erst nach jahrhundertelangen Diskussionen und Auseinandersetzungen ihren Platz in den Aufnahmeländern gefunden und ihre Rechte erhalten hätten, stelle sich ihm die Frage, wie es hinsichtlich der Muslime möglich sein solle, diese Frage in nur zwei oder drei Generationen zu lösen.

Bei den muslimischen Migranten handle es sich, so Ramadan, um aus bescheidenen Verhältnissen stammende nordafrikanische, türkische oder indisch-pakistanische Arbeiter, die ihre Heimat aus wirtschaftlicher Not verlassen hätten. Daher hätten ihr niedriges Bildungsniveau und ihr prekärer Sozialstatus zunächst die Entwicklung von den europäischen Verhältnissen angemessenen islamischen Denk- und Handlungsmuster verhindert. So habe sich erst in der zweiten und dritten Generation die Selbstwahrnehmung der Arbeitsmigranten verändert. Dies hätte sich besonders deutlich in Frankreich gezeigt, während in Großbritannien sich die aus den jeweiligen Herkunftsregionen mitgebrachten Sozialstrukturen oftmals stärker erwiesen hätten und weiterhin reproduziert werden.

Einen weiteren Faktor in diesem Zusammenhang sieht Ramadan in den Auswirkungen internationaler Ereignisse auf die Situation in Europa lebender Muslime. Man könne nicht oft genug betonen, so Ramadan, wie sehr bestimmte Ereignisse, angefangen mit der iranischen Revolution von 1979, die europäische Geisteshaltung und das vorherrschende negative Bild vom Islam geprägt hätten.[8] „ Von der Salman-Rushdie-Affäre über Attentate und Gewalt im Nahen Osten und den täglichen Schrecken in Algerien bis hin zu den Wahnsinnstaten der Taliban in Afghanistan – all dies hat in Europa Feindseligkeiten gegenüber den Muslimen geschürt. Sie werden verschärft durch Krisenerscheinungen wie Arbeitslosigkeit, soziale Ausgrenzung städtische Gewalt.“[9]

Nach Ramadan sei die Debatte über die Präsenz der Muslime, welche in Eile häufig mit dem Problem der Einwanderung in einen Topfgeworfen werde, nicht zufällig höchst kompliziert, wenn nicht gar unmöglich. Man könne sogar, so Ramadan, der sich auf eine Studie aus dem Jahre 1997 bezieht, von einer Art „Islamophobie“ sprechen. Außerdem verhindere die Diabolisierung der Muslime eine ernsthafte Beschäftigung mit der Frage, ob und wie sich die muslimischen Gemeinschaften in Europa gewandelt haben.

Es sei, so Ramadan, gerade die zweite und dritte Generation, die eine entscheidende Rolle für den Einstellungswandel innerhalb der verschiedenen muslimischen Gemeinschaften in Europa gespielt hätte, und dies aus zwei sich scheinbar widersprechenden Gründen. So bleibe einerseits bei den meisten jungen Muslimen die tägliche religiöse Praxis relativ begrenzt, so dass die Integration in die Aufnahmegesellschaft oft eher einer Assimilation gleich komme. In der zugehörigen Fußnote gibt Ramadan an, dass[10] „60 bis 70 Prozent [angeben], das Fasten im Monat Ramadān zu praktizieren, aber nur 12 bis 18 Prozent verrichten tägliche Gebete; 75 bis 80 Prozent sprechen ihre Herkunftssprache nicht mehr oder nur sehr schlecht.“[11] Daher würden sich die Verantwortlichen in den Moscheen und die Leiter der islamischen Organisationen aus der ersten Generation gezwungen sehen, ihre Handlungsweisen zu überdenken. Da sie selbst noch im Auftrag von Regierungen oder als engagierte Muslime aus dem politischen Exil gekommen waren, muss sie erst lernen, sich auf die Situation der Jugend einzustellen, ihre Sprache lernen, die Religionserziehung dem europäischen Kontext anpassen und die sozialen und kulturellen Aktivitäten verändern, so Ramadan.

Im zweiten Teil seines Artikels geht Ramadan intensiv auf die Bedeutung der zweiten (und dritten) Generation der Migranten ein. Er sagt, dass eine Minderheit unter den muslimischen Jugendlichen sich wieder zunehmend zum Islam hinwendet. Diese Hinwendung habe zu vielen Gründungen von Organisationen geführt. Ihre Zahl habe sich innerhalb von fünfzehn Jahren verdoppelt bis verdreifacht. So würde das heutige Leben der Gemeinschaften stark von den zunehmend aktiven jungen Muslimen und Musliminnen um die Dreißig gestaltet, welche in Europa geboren wurden und oft Studenten und Absolventen europäischer Universitäten sind. Ihr Engagement habe, so Ramadan, grundlegende Veränderungen in der Geisteshaltung bewirkt, denn sie würden davon ausgehen, in Europa zu Hause zu sein und hier ihre Rechte geltend machen zu müssen. Die Folge sei ein Generationenbruch, denn diese Jungen würden im Gegensatz zu den Ersteinwanderern ganz offen versuchen, das intellektuelle und soziale Terrain einzunehmen.

Ramadan führt weiter aus und geht darauf ein, wie die Dynamik der Jüngeren und ihre europäische Kultur die „ältere Generation“ zum Überdenken ihres Wirkens und ihrer geistigen Haltung gegenüber dem Kontinent gezwungen habe. Dies hätte zu wichtigen Diskussionen innerhalb der muslimischen Gemeinden und besonders unter den Gelehrten (ʿulamāʾ) geführt. So hätten auch diese in den neuen Rechtsgutachten (fatwa) entsprechend der Realitäten des westlichen Lebens ihre Position neu bestimmen müssen.

In den achtziger und neunziger Jahren wäre laut Ramadan die Einsicht gewachsen, die die Notwendigkeit einer Erneuerung des islamischen Denkens in Europa sah. Die jungen Muslime, die längst Europäer sind, würden indirekt oder direkt Fragen stellen, die deutliche Antworten erfordern.[12] „Muss man in Europa immer noch - wie im 19. Jahrhundert in der Terminologie und den geopolitischen Auffassungen der ʿulamāʾ festgeschrieben – als dār al-harb (Bereich des Krieges) ansehen, im Gegensatz zu dār al-islām (dem Bereich, in dem die Muslime als Mehrheit in Sicherheit und nach ihrem eigenen Recht leben können)? Anders gefragt: Kann man überhaupt als Muslim in Europa leben? Wenn ja, wie soll man sich gegenüber den nationalen Gesetzen verhalten? Darf ein junger Muslim eine europäische Staatsangehörigkeit annehmen und sich in vollem Umfang als Staatsbürger beteiligen?“[13] Keine dieser Fragen hätten die islamischen Gelehrten bis dahin jemals übereinstimmend, vollständig und detailliert beantwortet, so Ramadan.

Für die islamische Rechtsprechung wichtige Ergebnisse hätten theologische und juristische Grundsatzdebatten gebracht, die seit Beginn der neunziger Jahre veranstaltet wurden. An diesen hätten nicht nur Gelehrte aus der muslimischen Welt teilgenommen, sondern auch zunehmend mehr in Europa lebende Imame und Intellektuelle. In ihren Ergebnissen würden sich nach Ramadan fünf Grundsätze abzeichnen, über die unter den Gelehrten, also auch in den muslimischen Gemeinschaften in Europa ein weitgehender Konsens bestünde.[14]

- „Muslime sollen sich als Bewohner oder Staatsbürger wie durch einen zugleich moralischen und gesellschaftlichen Vertrag mit ihrem Aufenthaltsland verbunden fühlen und dessen Gesetze achten;
- Die europäischen Rechtsordnungen (also faktisch der säkulare Rahmen) erlauben den Muslimen im wesentlichen die Ausübung ihrer Religion;
- Die alte Bezeichnung dār al-harb – die im Koran nicht vorkommt und auch nicht Teil der Überlieferung des Propheten ist – gilt als überholt. Statt dessen werden andere Konzepte vorgeschlagen, um die Präsenz der Muslime in Europa positiv umzusetzen;
- Muslime sollen sich voll als Staatsbürger betrachten und unter Achtung der eigenen Werte am gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Leben des Aufenthaltslandes teilnehmen;
- Im Rahmen der europäischen Rechtsordnungen sind Muslime in keiner Weise gehindert, Entscheidungen wie jeder andere Staatsbürger gemäß den Erfordernissen ihres Glaubens zu treffen.“[15]

[...]


[1] Vgl. (Friedrichs, 2008)

[2] Vgl. dazu das Kapitel „Der Islam in Deutschland“

[3] (Unbekannt, 2006 S. 769)

[4] Die unter 2) aufgeführte Definition ist für diese Arbeit unerheblich.

[5] (Unbekannt, 2006 S. 770)

[6] Vgl. (Bohlken, 2011 S. 23-24)

[7] (Gümüsay, 2012 S. 358)

[8] Vgl. (Ramadan, 2001 S. 305)

[9] (Ramadan, 2001 S. 305-306)

[10] Vgl. (Ramadan, 2001 S. 306)

[11] (Ramadan, 2001 S. 306)

[12] Vgl. (Ramadan, 2001 S. 306-307)

[13] (Ramadan, 2001 S. 307-308)

[14] Vgl. (Ramadan, 2001 S. 308)

[15] (Ramadan, 2001 S. 308-309)

Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656266624
ISBN (Buch)
9783656267393
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200210
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Asien-Orient-Institut
Note
1,3
Schlagworte
Islam Elite Kopftuch Frauen muslimische Elite Deutschland Muslime Eliten

Autor

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Titel: Muslimische Eliten in Deutschland