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Die 'Villa der Lilien': Ein minoisches Gebäude in Amnisos auf Kreta

Bachelorarbeit 2012 42 Seiten

Archäologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Amnisos

3. Die 'Villa der Lilien'
3.1 Räume
3.2 Fassaden
3.3 Bauphasen
3.4 Baumaterialien
3.5 Funde
3.6 Datierung

4. Einordnung
4.1 System von Betancourt / Marinatos
4.2 System von McEnroe
4.3 System von Westerburg-Eberl
4.4 Vergleich zu Nirou Chani

5. Zusammenfassung

6. Abbildungsverzeichnis

7. Bibliographie

1. Einleitung

Die in dieser Arbeit behandelte 'Villa der Lilien' stellt, aufgrund ihrer qualitativ hochwertigen Architektur und v.a. aufgrund ihrer berühmten Ausstattung mit Fresken, wie dem bekannten Lilienfresko, dem Minzenfresko und dem Papyrusfresko, ein wissenschaftlich und historisch sehr bedeutendes Monument der Minoischen Kultur der Ägäischen Bronzezeit dar.

Da es sich bei der 'Villa' um die Hinterlassenschaft einer für uns vorhistorischen Kultur han­delt - weil wir die Sprache, die ihren Schriften (Hieroglyphen und Linear A) zugrunde liegt, nicht verstehen können - ist der archäologische Befund die einzige Quelle und umso wichti­ger, für das Verständnis des Gebäudes und seiner Zusammenhänge.

So kann man zum einen anhand der Architektur der 'Villa', die in den Punkten 3.1 - 3.4 be­handelt ist, Rückschlüsse auf Zeitstellung (Datierung bei Punkt 3.6), Bedeutung und Funkti­on des Baues ziehen. Ebenso ist es möglich, Erkenntnisse darüber zu gewinnen durch eine Auswertung der in der 'Villa' gefundenen Reste der Ausstattung und des Inventars. Das sind bei der leider ziemlich fundarmen 'Villa der Lilien' als Bestandteil der ursprünglichen Ausstat­tung v.a. die Freskenbruchstücke , und als Bestandteil des ursprünglichen Inventars die gefun­dene Keramik, beide Fundgruppen sind behandelt im Punkt 3.5.

Genauso wichtig wie der archäologische Befund an sich selbst ist die Kontextualisierung des­selben in eine zeitliche und kunststilistische Phase der Minoischen Kultur und in den räumli­chen und funktionellen Kontext, v.a. also zur Hafensiedlung Amnisos und zum nahebei lie­genden bedeutendsten Zentrum dieser Kultur, Knossos (behandelt in Punkt 2). Wichtig ist auch die funktionelle Einordnung (Punkt 4) in den Bautyp minoischer Gebäude, der in der Forschung als „Minoische Villa“ benannt wird.

Zu beachten sind die großen Herausforderungen und offenen Fragestellungen, die beim Blick auf den topographischen Kontext der 'Villa der Lilien' auftauchen. So ist z.B. das direkte Um­feld des Gebäudes nicht ergraben und von der minoischen Hafensiedlung Amnisos ebenso auch nur ein Bruchteil einer ursprünglich ziemlich großen Fläche (siehe 2.), außerdem ist auf­grund der unzureichenden Ergrabung auch die Funktion einiger gefundener Gebäude unklar und direkt daraus resultierend bestehen auch Unklarheiten über den Charakter des Fundplat­zes Amnisos selbst (Siedlung/Hafen(Stadt/Dorf/Garnison u.a-siehe 2.). Der Bautyp von Ge­bäuden, den der Terminus „Minoische Villa“ definiert (siehe 4.-Einordnung), umfasst eine Vielzahl von Gebäuden unterschiedlicher Funktion, die manchmal nur teilweise vergleichbar sind. Aufgrund dieser Umstände sind der Einordnung des Gebäudes in seinen funktionellen Kontext Grenzen gesetzt. Gleichwohl kann man aus dem Befund sehr wichtige Aussagen über dieses Gebäude treffen, das 3500 Jahre unter der Erde seiner Entdeckung harrte.

2. Amnisos

An der Nordküste der Mittelmeerinsel Kreta, ungefähr 7 Kilometer östlich der heutigen kreti­schen Hauptstadt Iraklio und direkt an der Küste der Kretischen See gelegen, befindet sich der archäologische Fundplatz der Minoischen Kultur, der Amnisos oder auch Amnissos genannt wird (siehe Abbildung 1). Die zugehörige Region wird Zentralkreta genannt.

Amnisos liegt in einer Ebene, die sich ungefähr folgendermaßen abgrenzen lässt (s. Abbil­dung 2): im Westen durch den Fluss Karteros, im Süden durch Höhenzüge, im Osten ebenfalls durch Höhenzüge, sowie im Norden durch das Meer, das hier eine Bucht bildet und das ca. 300 m vor der heutigen Strand-Linie entfernt Richtung Norden, eine kleine Felseninsel auf­weist. Zusätzlich wird diese Ebene von einem Hügel, der Paliochora- Hügel genannt wird, ge­wissermaßen topographisch in einen östlichen und einen westlichen Teil gespalten.

Der Archäologe Jörg Schäfer beschreibt diese Landschaftsform als ,,[...] für die Küstenform des nördlichen Kreta charakteristisch [...]“(1 ) und äußert zur Siedlungslage, dass Amnisos heute dem geschichtswissenschaftlichen Betrachter wie ,,[...] ein Glied in der Perlenkette der nordkretischen Küstenstädte [...]“(2 ) erscheinen kann.

Im Altertum wurde der Fluss, der heute Karteros heißt, Amnisos genannt und die Ebene be-

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Karte von Kreta

zeichnete man nach dem Fluss als „Ebene von Amnisos“.(3 ) Diese Ebene bildet vom Meer aus gesehen einen teilweise vor der Gewalt des Meeres geschützten geographischen Bereich mit einem 2km langen Sandstrand und diese Lage direkt an der Nordküste spielt auch eine Rolle bei der von dem griechischen Archäologen Spyridon Marinatos entwickelten Theorie zum Untergang des Ortes. Dieser vermutete einen Zusammenhang zu einer Flutwelle bzw. ei­nem Tsunami, der nach seiner Ansicht bei dem Ausbruch des Vulkans von Santorin aufgetre­ten war. Südlich von Amnisos befindet sich die Eileithyia-Höhle (siehe Abbildung 2 unten Mitte), die in minoischer und griechischer Zeit eine wichtige Kultstätte war.(4 )

Weiter in östlicher Richtung, einige Kilometer von Amnisos entfernt am Meer entlang, liegt die minoische 'Villa' von Nirou Chani (siehe Abbildung 1). Kreta war zu minoischer Zeit flä­chendeckend relativ dicht besiedelt und die Siedlungen waren wahrscheinlich durch ein We­ge- bzw. Strassennetz verbunden, das auch Amnisos einschloss und dem Transport von Waren und anderen Zwecken diente.(5 )

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Abbildung2: Amnisos/Karteros. TopographischerPlan. UnterbrocheneLinien: Hypotheti­sche Wegführung nach Knosos

In unmittelbarer Nähe zu Amnisos, nämlich nur 7 km in südwestlicher Richtung, befindet sich ein Hauptort und das nach unserem Kenntnisstand ehemals größte Zentrum der Minoischen Kultur, der Palast von Knossos und die minoische Stadt, die den Palast umgeben hat (siehe Abbildung 1). Amnisos muss zu diesem Zentrum, allein schon bedingt durch die geringe räumliche Entfernung und die Zeitgleichheit der Besiedlung, in engster funktioneller, kulturel­ler, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher Verbindung gestanden haben.

Die Stadt Amnisos war nämlich eine der Hafenanlagen von Knossos, das selbst nicht direkt am Meer, sondern einige Kilometer landeinwärts liegt. Amnisos war vielleicht der Haupthafen (6 ), oder ein Nebenhafen. Ein weiterer Hafen von Knossos befindet sich unter dem heutigen Iraklio, der antike Name dieses Hafens istjedoch unbekannt, auch weil er nicht gut erforscht ist und größtenteils unter der modernen Bebauung liegt.

Ob Amnisos Haupt-oder Nebenhafen von Knossos war, ist somit jedoch nicht endgültig ge­klärt, zumal in der Literatur auch von einem dritten Hafen gesprochen wird (Hagia Theodo- rioi), denn es ist insgesamt flächenmäßig zu wenig von der minoischen Infrastruktur ergra­ben. Das Siedlungsgebiet von Amnisos zum Beispiel umfasst mindestens 200000 m2 (7 ), aber hiervon sind „nur“ 5200m2 archäologisch erschlossen. Die Einwohnerzahl des minoischen Amnisos ist ebenso unbekannt, es gibt Schätzungen, die ca. 10000 Einwohner vermuten (8 ).

Die Anlage von Häfen, Städten und Palästen in räumlicher Trennung, aber funktioneller Ab­hängigkeit voneinander, wirft ein Schlaglicht auf das hohe Entwicklungsniveau der Minoi­schen Kultur als erste europäische Hochkultur. Es ist ein Niveau, das zu dieser Zeit mit dem von Ägypten, Mesopotamien, Syrien, also anderen zeitgleichen Hochkulturen die Anrainer des Mittelmeeres waren, keinen Vergleich zu scheuen braucht. Die Natur der Minoer als See­fahrer und in einem weiten geographischen Raum, im Mittelmeerraum nämlich, Handel trei­bende Menschen machte solche komplexen Hafenstrukturen erforderlich. Der Entwicklungs­stand der minoischen Ökonomie, der einen umfangreichen Export und Import von verschiede­nen Waren über das Meer einschloss, bedingte also zwingend die Errichtung solcher Hafenan­lagen zur Abwicklung der anfallenden Arbeiten wie der Abwicklung von Verlade-Vorgängen usw. und für viele andere Zwecke, wie Verwaltung, Instandhaltung und Lagerung. In diesen Kontext muss man auch die Hafensiedlung Amnisos und die 'Villa der Lilien' stellen. Die große Bedeutung, die das minoische Amnisos - auch für nicht-minoische Anrainerstaaten des des Mittelmeeres - besessen haben muss, wird auch deutlich durch die Erwähnung des Plat­zes in zeitgleichen bronzezeitlichen, nämlich ägyptischen und mykenischen, sowie in späteren griechischen Schriftquellen. Konkret handelt es sich dabei um folgende Nennungen:

- mindestens 37mal aufLinear-B Tafeln aus Knossos (als a-mi-ni-so) (9 ), die auf SMIIIB datiert werden. Hier wird die sehr enge Beziehung von Amnisos und Knossos in administrativer und wirtschaftlicher Hinsicht sehr deutlich
- auf einer Stele am Grabtempel des ägyptischen Pharaos Amenophis III., dort direkt hinter Knossos zusammen mit anderen Orten aufgelistet (10 )
- außerdem wird Amnisos auch in späterer Zeit, durch die Griechen bei Homer in der Odyssee als wichtiger und ehrwürdiger Platz erwähnt (11 )

Unter der Leitung des berühmten griechischen Archäologen Spyridon Marinatos fanden erst­malig in den Jahren 1932-1934 Grabungen in der Ebene von Amnisos statt. Diese führten zur Identifizierung des Fundplatzes als aus den Schriftquellen bekannte antike Stätte Amnisos und es wurden unter anderem folgende Gebäude bzw. Komplexe hierbei ergraben:

- die 'Villa der Lilien' (Grabungsareal A in Abbildung 2), ein repräsentatives Gebäude
- das Brunnenhaus oder fountain building (B), eine große minoische Wasserversor­gungsanlage, ein Quellhaus
- das „Megaron“ (C), ein minoisches rechteckiges Gebäude unklarer Funktion
- das „Heiligtum des Zeus Thenatas“ (D), eine große minoische Struktur unklarer Funk­tion (Hafengebäude?), in späterer Zeit weiter in Benutzung

Diese Gebäude gruppieren sich um den Paliochora-Hügel, und zwar am Fuß von dessen Nord-und Ostseite. Sie wurden alle in minoischer Zeit erstmalig aufgebaut und genutzt. Teil­weise wurden diese Gebäude aber auch schon in minoischer Zeit wieder zerstört, wie z.B. die 'Villa', die ca. 1500 v. Chr. (traditionelle, kurze Chronologie-siehe 3.6 Datierung) zerstörtwur­de. Andere Gebäude jedoch wurden auch noch in späteren Phasen und Zeiten, wie z.B. zur Zeit der Zeit der achäischen Okkupation Kretas (ab 1450 v. Chr. - siehe 3.6 Datierung), in den zeitlich anschließenden Phasen, und z.B. das „Heiligtum des Zeus Thenatas“ in der grie­chisch-römischen Zeit genutzt. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch schwere Brüche in der Besiedlungskontinuität von Amnisos gegeben haben kann und muss. Nicht umsonst ist diese Ebeneja in historischer Zeit für die Griechen mehr ein Ort der Sage und keine minoische Ha­fensiedlung mehr gewesen, eben weil fast keine Kenntnis mehr darüber vorhanden war. Es muss also Zeiten gegeben haben, in der die Ebene von Amnisos weitgehend komplett verlas­sen war und ihre Geschichte zum größten Teil vergessen wurde.

In den Jahren 1963 und 1967 erfolgten wieder Grabungen unter der Leitung des griechischen Archäologen Stylianos Alexiou in den Grabungsarealen E,F,G,H (siehe Abb. 2). Diese brach­ten Überreste weiterer minoischer Bauten zum Vorschein, z.B. Wohngebäude und Wirtschafts­gebäude wie eine Anlage zum Mahlen von Getreide (12 ) die in die mittel-und spätminoische Zeit datieren. Die Grabungsareale dieser Grabung liegen in der Ebene zwischen dem Fluss Karteros im Westen und dem Paliochora-Hügel im Osten. Hier hat sich die minoische Hafen­siedlung erstreckt. Ein Gebäude der Grabung liegt heute teilweise unter Wasser, bedingt durch die Senkung der Nordseite der Insel Kreta durch geologische Prozesse und Veränderungen des Meeresspiegels des Mittelmeeres über die Jahrtausende. In den Jahren 1983-1985 erfolgten Nachgrabungen der früher ergrabenen Strukturen unter der Leitung von Jörg Schäfer. Hierbei wurden auch die Überreste der 'Villa der Lilien' restauriert.

Insgesamt spiegelt sich die Bedeutung des Platzes Amnisos in der minoischen Zeit auch darin wider, „[...] daß für die neupalatiale Epoche vom Areal A im Osten bis zum Areal F im Wes­ten immer wieder Bauten nachgewiesen sind, deren architektonische Qualität 'palatial' ist.“(13 ) Der Begriff'palatial' bezeichnet hierbei repräsentative minoische Bauten, die archi­tektonische Elemente aufweisen, die sonst nur bei den minoischen Palästen von Knossos, Phaistos, Malia und Kato Zakros zur Ausführung kamen (wie z.B. Polythyronsäle-“Räume mit vielen Türen“).

Direkt am Fuße des Osthanges des Paliocho- ra-Hügels, nicht weit südlich von der heutigen Strandlinie (siehe Abbildung 3), befindet sich die Ruine des Gebäudes, das heute aufgrund seines Freskenschmucks 'Villa der Lilien' genannt wird.

Da das Gebäude sich am Rand eines Hügels be­findet, fällt das Gelände dort leicht von Westen nach Osten ab (14 ). Aufgrund dieser Hanglage wurde der Untergrund im Altertum vor dem Bau begradigt. Diese ist auch ein Grund dafür, dass sich von der östlichen Seite des Gebäudes weni­ger erhalten hat, denn diese Seite lag sozusagen näher an der Oberfläche des Bodenniveaus und wurde im Lauf der Zeit stärker abgetragen, wäh­rend der West-und Mittelteil des Gebäudes sich besser erhalten haben, weil sie tiefer unter Material vom Hügel, Sandanlagerungen und ande­ren Schichten begraben waren. Auf dem Foto Abbildung 4 erkennt man das, auf diesem Foto ist die schlechter erhaltene Ostseite links (vom Fotografen bzw. Betrachter aus gesehen) und die besser erhaltene Westseite mit höher erhaltenen Mauern etc. befindet sich rechts.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Warum die Erbauer diese Lage wählten, erschließt sich nicht, auch weil das direkt umliegende Gelände nicht ergraben ist. Vielleicht spielte (Wetter-)-Schutz eine Rolle, vielleicht auch der

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Kontext zu den anderen minoischen Bauten am Paliochora-Hügel, vielleicht ganz andere Aspekte. Der direkte räumliche Kontext des Gebäudes kann somit nur teilweise erhellt wer­den. Bei den Grabungen unter der Leitung von Spyridon Marinatos im Jahr 1932, die zur Ent­deckung des Gebäudes führten (15 ), wurde das Gelände in einem Rechteck mit der Seitenlän­ge von 24 m x 21,5 m Kanten­länge (516 qm) ergraben (16 ).

Dabei kamen 14 Räume (die Räume 1-13 und Raum 16), so­wie die westliche, südliche und nördliche Begrenzung zutage, die östliche Begrenzung des Ge­bäudes war zerstört (17 ).

Der Grundriss (Abbildung 5), gibt die Räume des Gebäudes wieder (schwarz), sowie Umbau­ten einer zweiten Phase und nicht zur ursprünglichen 'Villa' gehörige architektonische Reste

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(zweiteres beides schräg gestrichelt dargestellt). Das Gebäude ist ungefähr entlang den Him­melsrichtungen an einer Achse ausgerichtet, mit einer leichten Abweichung von einer vorge­stellten Nord-Süd-Achse.

Von der ursprünglich zweistöckigen 'Villa' waren die Grundmauern und Fundamentlagen, die Fußböden des Erdgeschosses, Säulenbasen, Türwangenbasen, Türschwellen, aufgehendes Mauerwerk von unterschiedlicher Höhe (meistens einigen Dutzend Zentimetern, v.a. im Westteil, siehe Abbildung 4) und weiteres Baumaterial erhalten, sowie verschiedene Reste der Ausstattung wie z.B. die Freskenbruchstücke (siehe 3.5).

Das aus der Neupalastzeit (siehe 3.6-Chronologie der Ägäischen Bronzezeit) stammende Ge­bäude verfügt, wie schon im Grundriss ersichtlich, über verschiedene besondere Merkmale.

So wird die typisch minoische, kleinteilige und verwinkelte, sozusagen 'labyrinthartige' In­nengliederung der Räume (v.a. im Südostbereich bei den Räumen 2-6) durchbrochen durch zwei große Bereiche, die Säulen- bzw. Polythyronarchitektur aufweisen und gepflasterte Vor­plätze besitzen (Raum 1, Vorhalle 7a und gepflasterter Hof 7b).

Die 'Villa der Lilien' weist somit eine besondere Architektur auf, die große Fragen hinsicht­lich der Funktion des Gebäudes aufwerfen.

Diese Architektur kann man bezeichnen als Element einer minoischen Villenarchitektur oder als Element einer Art des Bauens, die auch in den minoischen Palästen, also in Knossos Phai- stos, Malia und Kato Zakros, angewandt wurde, nämlich der schon eingangs (auf Seite 8 un­ten) erwähnten palatialen Bauweise. Diese weist einen kanonartigen Charakter bei der Ausge­staltung auf und tritt bei der 'Villa' in Amnisos in Erscheinung mit

- der Fassadenarchitektur, d.h. repräsentativ gestalteten Außenmauern (siehe 3.2), in Amnisos noch nachweisbar v.a. an den westlichen und nördlichen Außenmauern und an einem Teil der südlichen Außenmauern
- dem Polythyronsaal, dem „Raum der vielen Türen“ (Raum 1), auch „Minoische Halle“ genannt, sowie dessen vorgelagerten, mit Schieferplatten gepflastertem Hof
- dem „Lustralbad“, einem Raum, der ein tieferes Bodenniveau als die restlichen Räume des Gebäudes aufweist, im nordöstlichen Bereich der 'Villa' (Raum 11, siehe 3.1)
- der künstlerischen Ausstattung mit sehr qualitätvollen Fresken im Obergeschoß (siehe 3.5)
- der Mehrstöckigkeit (Zweistöckigkeit) des Gebäudes, die sich aus der Füllschicht vom Zerstörungshorizont und dem Vorhandensein einer Treppe rekonstruieren lässt
- den Säulenstellung in einem exponierten, besonderen Bereich (Vorhalle 7a und ge­pflasterter Hof 7b-siehe Abbildung 6)
- der Pflasterung der Fußböden im Gebäude und bei den Vorplätzen nördlich von Raum 1 und bei Eingangsareal 7b, teilweise mit rechteckigen Platten (siehe 3.4)
- dem Einsatz von Fußbodenestrich in verschiedenen Farben zur Dekoration (weiß und rot)

und der insgesamt aufwendigen, einen reinen Zweck-Funktions-Wirtschafts- oder Wohnbau weit überschreitende Bauweise, die einer im Einzelnen leider nicht ganz genau zu erhellenden Funktion gedient haben muss. Das Gebäude gehörte somit zusammen mit anderen Gebäuden, die eine 'palatiale' Architektur aufwiesen, zu den besonderen Bauten der Hafensiedlung Am­nisos.

[...]


1 Schäfer, Jörg: Amnisos. Nach den archäologischen, historischen und epigraphischen Zeugnissen des Alter­tums und der Neuzeit. Berlin 1992, Seite 1, Zeilen 3-4

2 Ebd.; Seite 5, Zeile 8

3 Ebd.; Seite 1 Zeile 7

4 Marinatos, Spyridon: Kreta, Thera und das mykenische Hellas. Hirmer Verlag. München 1986 (4. Aufl.), Seite 20, Zeilen 22-28

5 Geiss, Heinz: Reise in das alte Knossos. Prisma-Verlag. Leipzig 1981, Seite 39, Zeile 17-18

6 Ebd.; Seite 36, Zeile 32

7 Schäfer, Jörg: Amnisos. Nach den archäologischen, historischen und epigraphischen Zeugnissen des Alter­tums und derNeuzeit. Berlin 1992, Seite 336, Zeile 12

8 Geiss, Heinz: Reise in das alte Knossos. Prisma-Verlag. Leipzig 1981, Seite 36, Zeilen 29-34

9 Schäfer, Jörg: Amnisos Harbour-Town of Minos? In: Robert Laffineur/ Lucien Basch (édités par):"Thalassa. L'Egée préhistorique et la mer." Actes dela 3 e Rencontre égéenne internationale de l'Université de Liège, Station de recherches sous-marines et océanographiques, Calvi, Corse, 23-25 avril 1990

10 Helck, W.: Amnisos in einem ägyptischen Text Amenophis' III. In: Schäfer, Jörg: Amnisos. Nach den ar­chäologischen, historischen und epigraphischen Zeugnissen des Altertums und der Neuzeit. Berlin 1992, Seite 13, Zeilen 1-3

11 Marinatos, Spyridon: Kreta, Thera und das mykenische Hellas. Hirmer Verlag. München 1986 (4. Aufl.), Seite 20, Zeile 26

12 Alexiou, St.: Areale H. G. F. E.: Bericht über die Ausgrabungen der Jahre 1963 und 1967 In: Schäfer, Jörg: Amnisos. Nach den archäologischen, historischen und epigraphischen Zeugnissen des Altertums und der Neu­zeit. Berlin 1992, Seite 16, Zeile 12

13 Schäfer, Jörg: Amnisos. Nach den archäologischen, historischen und epigraphischen Zeugnissen des Alter­tums und der Neuzeit. Berlin 1992, Seite 343, Zeile 32-34

14 V. Stürmer, Areal A: Die 'Villa der Lilien' In: Schäfer, Jörg: Amnisos. Nach den archäologischen, histori­schen und epigraphischen Zeugnissen des Altertums und der Neuzeit. Berlin 1992, Seite 129, Zeile 1

15 Doniert, Evely: Fresco, a passport into the past. Minoan Crete through the eyes of Marc Cameron. Athens 1999, Seite 131,Zeile4

16 V. Stürmer, Areal A: Die 'Villa der Lilien' In: Schäfer, Jörg: Amnisos. Nach den archäologischen, histori­schen und epigraphischen Zeugnissen des Altertums und der Neuzeit. Berlin 1992, Seite 130, Zeile 5

17 Ebd., Seite 133,Zeile5

Details

Seiten
42
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656303305
ISBN (Buch)
9783656303466
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200208
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Schlagworte
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