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Diskurs zur Auslegungs- und Deutungswissenschaft mit Fokus auf Gadamers Verständnis der philosophischen Universalhermeneutik

Hausarbeit 2012 22 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Begriffsbestimmung und Hinführung zum Thema

3. Historische Eckpfeiler der hermeneutisch Entwicklungsgeschichte
3.1 Sinnvermittlung in der Antike
3.2 Die Verständnis-Schule im Neuplatonismus
3.3 Die Auslegungslehre in der Patristik
3.4. Die Kritik an die „sola scriptura“ während der Reformation
3.5 Die Kunstlehre des Verstehens im Deutschen Idealismus
3.6 Die ontologische Wende zur philosophischen (Universal-)Hermeneutik

4. Die Bedeutung der Hermeneutik in der Praxis
4.1 Philosophische (Universal-)Hermeneutik als Beratungstool

5. Zusammenfassung

Bibliografie

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„ Das Grundgesetz alles Verstehens und Erkennens ist, aus dem Einzelnen den Geist des ganzen zu finden und durch das Ganze den Einzelnen zu begreifen. “

Melanchthon

1. Einleitung

Verstehen und Sicherheit im Verständnis sind zu den menschlichen Grundbedürfnissen im kommunikativen Umgang im Wort- und Schriftverkehr geworden. Dennoch ist diese Selbstverständlichkeit und Eindeutigkeit kein neuzeitliches Normalphänomen, sondern hat sich in der Menschheitsgeschichte über viele zeitgeschichtliche Epochen entwickelt. Die wissenschaftliche Disziplin, welche sich mit dem Aspekt Sprache und Schrift beschäftigt hinsichtlich der Untersuchung, Analyse und Wirkung von rezipierbaren Informationen aller Art, hat sich unter dem Namen „Hermeneutik“ behauptet.

Diese Arbeit soll darstellen, wie sich die philosophische Hermeneutik entwickelt hat. Dazu wird zunächst eine geschichtliche Abhandlung vollzogen, welche die Meilensteine der Entwicklung hervorheben soll, um das heutige Verständnis im Epochenwandel begreiflicher zu machen. Anschließend soll ein ausgewählter Vertreter der Hermeneutik exemplarisch näher beleuchtet werden, um das hermeneutische Problembewusstsein des 21. Jahrhunderts darzustellen. Abschließend soll der Versucht gewagt werden einen fachpraktischen Bezug in der wissenschaftliche Disziplin der Beratung aufzuzeigen, um die Frage zu klären, ob Hermeneutik einen praxisrelevanten Aspekt in der aktuellen Neuzeit darstellt.

2. Allgemeine Begriffsbestimmung und Hinführung zum Thema

Unter Hermeneutik versteht man seit dem ersten Auftauchen des Wortes im 17. Jh. die „Wissenschaft bzw. Kunst der Auslegung“ oder auch „Kunstlehre des Verstehens“, welche dem damaligen Schöngeist des Rationalismus folgte.1 Die eigentlich Intention dieser analytischen Disziplin war de facto eine normativ-methodische oder phänomenologischen Theorie der Interpretation mit dem Anspruch auf Universalität, um Willkür bei der Herangehensweise bzw. Auslegung möglichst vorzubeugen. Folgt man Helmut Danners Versuch der Definition, so dient die Hermeneutik - wenngleich sie auch lange Zeit eine nach außen hin weitestgehend unsichtbare „Hilfsdisziplin“ innerhalb der etablierten „interpretierenden“ Wissenszweige war - dem „Verständlichmachen“ oder Übersetzen von fremdem Sinn in Verständliches. Wenngleich Hermeneutik oft auf die Textinterpretation eingegrenzt wird, weil sie hier besonders plastisch angewendet kann erstreckt sich ihr Sinn jedoch nicht ausschließlich auf dieses Gebiet. Vielmehr kann vorgreifend festgehalten werden, dass immer hermeneutisch vorgegangen wird, wenn

Menschen miteinander und Menschen mit menschlichen Erzeugnissen in Kontakt kommen.2

Die Abb. 1 soll dazu verwendet werden die o.g. Definitionsversuche Danners zu verdeutlichen.

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Abb. 1 Hermeneutischer Zyklus der Verständnisentwicklung

3. Historische Eckpfeiler der hermeneutisch Entwicklungsgeschichte

Da sich die moderne (philosophische) Hermeneutik entlang einer langen Tradition verschiedener Schulen entwickelt hat, soll dieses Kapitel dazu verwendet werden einen horizontalen Längsschnitt durch die verschiedenen Epochen zu vollziehen, um diesen Weg nachzuzeichnen. Wichtig und außerordentlich zu erwähnen bleibt jedoch, dass die gewählten Zeitpunkte und darin thematisch besprochenen Personen - wenn auch von immanentem Einfluss - dennoch nicht einzigartig sind, sondern jeweils nur ausgewählte Vertreter neben einer Reihe vieler anderer. Die Abb. 2 soll eine Schnellübersicht liefern zu der nachfolgend hermeneutischen Entwicklungsgeschichte.

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Abb. 2 Diskursradius der hermeneutischen Geschichtebetrachtung

3.1 Sinnvermittlung in der Antike

Die „Verständlichmachung“ findet ihren sinnhaften Ursprung in der Etymologie. Als Ausgangspunkt der Zeitreise hin zur zeitgenössischen philosophischen Hermeneutik werfen wir zunächst einen Blick in die Antike. So ist unter Berücksichtigung des griechischen Wortes έρμηνεΰειυ erstmals zwischen „Ausdrücken“ und „Interpretieren“ und somit zwischen einer rhetorischen und hermeneutischen Sinnvermittlung zu unterscheiden. Folgt man Joisten (2009) so muss man feststellen, dass das griechische Verb hermene ú m bedeutet bereits um 350 v.Chr. substantiviert wurde und im Sinn eines sinnverstehenden Auslegevorgang u.a. zur Mantik verwendet wurde.3 Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass die Aussage έρμηνεία stets eine Übertragung der Seele in die äußere Sprache meint und somit der Hermeneut eine Mittlerfunktion zwischen seinen Gedanken und dem Adressaten einnimmt. Diese griechische Auffassung der Rede gipfelte in der stoischen Unterscheidung zwischen dem λόγος προφοσιχός und dem λόγος έυδιάθετος. Es geht also um die Idee, dass das (sprachliche) Wort stets die Übertragung oder Übersetzung eines Geistigen verkörpert.4 Dieser Ansatz taucht bereits bei Greisch auf, welcher radikal formulierte, dass der Dialog als „erster philosophischer Traktat über die Hermeneutik“ aufzufassen sei, da dadurch das subjektive Moment der Auslegung erstmals herausgearbeitet wird.5 Demzufolge lässt sich erkennen, dass es die Haltung des Hermeneuten in der Antike gegenüber dem Interpretationsgegenstand von besonderem Interesse war und keineswegs neutral und objektiv geprägt ist. Die stoische Unterscheidung zwischen einem λόγος προφοσιχός und dem λόγος έυδιάθετος zeigt dementsprechend, dass die Sprache lediglich dazu einlädt den literarischen Logos in seinen Schranken zu erkennen und über ihn hinauszusehen. Es ging in der Verstehenslehre der Antike daher also vornehmlich um die Erkenntnis bzgl. des „inneren“ Logos und nicht des Wortes selber. Diese Erkenntnis stellt den Ausgangspunkt der Zweiteilung zwischen Allegorie6 und Allegorese7 dar und legte den Grundstein für die nachfolgend besprochene Phase des Neuplatonimus.

3.2 Die Verständnis-Schule im Neuplatonismus

Die zweite monumentale Etappe der hermeneutischen Entwicklung wird im 1. Jh. n.Chr. durch den Stoiker Philon von Alexandria als Urvater der allegorischen Mythenauslegung markiert. In der allegorischen Methode wird erstmals eine vernunftgeleitete Auslegung von (mythologischen oder heiligen) Texten vorgenommen. Ziel ist es dabei Überlieferungen bzw. geschriebene und gesprochene Sprache hinsichtlich ihrer wörtlichen Aussagen auf unglaubwürdige, unverständliche oder mystifizierte Passagen bzw. auf verborgene Weisheit und Wahrheit zu untersuchen.8 Diesen Ansatz beleuchtet auch Jung (2001) kritisch und stellt klar heraus, dass Philon eher einen technischen Ansatz postuliert, welcher mit einer dualistischen Hintergrundmetaphysik einhergeht. Jung zufolge setzt er dabei das Verhältnis zwischen Literalsinn vs. Allegorischen Sinn dem zwischen Körper vs. Seele gleich und versucht so den Brückenschlag Kirchentext vs. Menschenverständnis zu vollbringen, um ein besseres Feingefühl zu initiieren.9 Die angestellte Abb. 3 soll Jungs - respektive Philons - Aussage/Ansatz illustrativ veranschaulichen.

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Abb. 3 Subjekt-Objekt-Kontextualisierung nach Philon von Alexandria

Unter Zugrundelegung der vorangestellten Aussagen muss man also festhalten, dass Philons Idee demzufolge die Suche nach dem wahren, verborgenen Schriftsinn vordergründig von Interesse im Textverständnis ist. In der Ableitung bedeutet dies, dass wenn das geistige Empfinden/Gespür des Interpreten entscheidend für das richtige Verständnis ist, die Gefahr besteht, dass der Text zur Projektionsfläche für Deutungen wird, die dem Leser bzw. Interpreten fremd sind. Zusammengefasst muss also konstatiert werden, dass hier erstmals die Idee geäußert wurde, dass alles Wörtliche auf ein Vorwörtliches verweisen muss, um voll erfasst zu werden. Diese Erkenntnis innerhalb des Neuplatonismus bzw. die Theorielehre Philons von Alexandria als Abschluss der Antike zeigt demnach, dass auf der ersten Stufe der theoretischen Auslegung der universelle Charakter von Schrift, Symbolen und Zeichen erkannt wurde. Dies stellt in gewissem Maße einen Initialpunkt hin zum Universalitätsanspruch der späteren Hermeneutik dar. Im anschließenden Unterkapitel wird nunmehr auf die Allegorese und Allegorie im Mittelalter und der „innovativen Hermeneutik“ anhand von Aurelius

Augustinus eingegangen. Er greift abermals das innere und äußere Wort auf und stellt mit seiner Auslegungslehre einen Meilenstein in der Geschichte der Hermeneutik dar.

3.3 Die Auslegungslehre in der Patristik

Der augustinische Gedanken vom „ verbum “ und dem Zweifel der prozessualen Inkarnation eines Gottes durch Menschen stellt rund 300 Jahre später einen weiteren Meilenstein dar. Aurelius Augustinus stellte hierin deutlich klar, dass ein geschriebenes oder gesprochenes Wort, sei es in kirchlichen Texten, wie z.B. der Heiligen Schrift, oder auch lebensweltlichen Schriften nicht immer gleich verstanden werden darf oder gar pauschale Setzungen bedeuten, sondern es eher vornehmlich einer Deutung und Kontextualisierung bedarf. Augustinus stellt als Erster dem allegorischen Deutungseifer seiner „Vordenker“ die These entgegen, dass bei hermeneutischen Betrachtung von Texten vornehmlich bei der Interpretation auf die sog. „dunklen Stellen“ zu richten sei. Dunkle Stellen sollen seiner Meinung nach aufgehellt werden, indem sie von verständlichen Parallelstellen ausgehen - aus ihrem Zusammenhang heraus - interpretiert werden. Im Unterschied zur traditionellen Vorgehensweise der Allegorese erscheint die Dunkelheit einer Textstelle nicht als Zeichen von geheimnisvoller Tiefe, sondern als ein Problem, das durch Anwendung, wie er es nennt „figürlicher“ Deutung gelöst werden muss. Dies muss Meinung Augustinus’ durch die liebevolle, glaubende, hoffende und wohlwollende Herangehensweise des Lesers an das Wort geschehen, denn nur so kann eine innere Selbstgewissheit und richtiges, skepsisfreies Verständnis entstehen.10 Das menschliche Wort stellt also seiner Aussage zu Folge keine exakte Kopie unserer inneren Gedanken dar, sondern das innere und äußere Wort (logos, verbum) sind voneinander losgelöst zu betrachten. Gleiches gilt dementsprechend - wenn man den Klerikern Glauben schenken darf (und Menschen Gottes Kinder auf Erden sind) - auch für das verbreitete Wort Gottes. Somit sind Texte/Worte nunmehr hinsichtlich des äußeren und kontingenten Gehalt zu trennen.11 Das Ablösen von der Endgültigkeit und Vollkommenheit der sprachlichen Zeichen drückt er wie folgt aus:

„ Das innere Wort ist also gewißnicht auf eine bestimmte Sprache bezogen, und hatüberhaupt nicht den Charakter eines Vorschwebens von Worten, die aus dem Gedächtnis hervorkommen, sondern es ist der bis zu Ende gedachte Sachverhalt (forma excognita). Insofern es sich um ein Zuendedenken handelt, ist auch ihm ein prozessuales Moment anzuerkennen. “ 12

[...]


1 J.C. Dannhauer prägte den Begriff „Hermeneutik“ 1629 und verwendete ihn 1654 als Buchtitel.

2 Vgl. Danner 1998, S.31-34.

3 Vgl. JOISTEN 2009, S.24.

4 Vgl. GRONDIN 2012, S.35-39.

5 Vgl. GREISCH 1993, S.51-65.

6 Anm. d. Verf.: Auslegung der ursprünglichen Redefigur, die auf Überliterarisches aus ist.

7 Anm. d. Verf.: explizite Rückführung des Buchstaben auf den sich mit ihm mitteilenden Sinnwillen.

8 Vgl. GRONDIN 2012, S.43ff.

9 Vgl. JUNG 2001, S.33ff.

10 Vgl. JUNG 2001, S.39-43.

11 Vgl. GRONDIN 2012, S.50-55.

12 Augustinus zit. nach GADAMER 1986, S.426.

Details

Seiten
22
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656265603
ISBN (Buch)
9783656265924
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200126
Institution / Hochschule
Hochschule Neubrandenburg
Note
1,3
Schlagworte
diskurs auslegungs- deutungswissenschaft fokus gadamers verständnis universalhermeneutik

Autor

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Titel: Diskurs zur Auslegungs- und Deutungswissenschaft mit Fokus auf Gadamers Verständnis der philosophischen Universalhermeneutik