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Dante und die mittelalterliche Theologie

Allegorisches Denken am Beispiel des Forschungsansatzes Manfred Bambecks

Seminararbeit 1999 21 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Mittelalterliche Deutungsebenen: Die Exegese

III Die Vorgehensweise Manfred Bambecks
III.1 Rechts und links

IV Die Frösche – Der Themenkreis der Ketzerei

V Die bleischweren Mäntel – die Heuchler

VI Dante als Gelehrter der Theologie
VI.1 stolti, spade, volti – die Häretiker
VI.2 Der Hirte, der wiederkäuen kann

VII Kritische Betrachtung des bambeckschen Forschungsansatzes

Bibliographie

Quellen

Sekundärquellen

I Einleitung

Die theologische Gesinnung der Divina Commedia ist bestätigt, da Dante Alighieri selbst sein Werk als poema sacro bezeichnete. Es wäre ein riesiges Unterfangen, sämtliche theologische Verweise bei Dante aufzuarbeiten, deswegen beschränke ich mich darauf, anhand mehrerer konkreter Beispiele aus Inferno, Purgatorio und Paradiso zu zeigen, auf welche Art der Dichter Theologie rezipiert hat. Wie versteht er die Heiligen Texte, auf welche Quellen greift er zurück, wie vielschichtig setzt er sie ein, passt er sie an, verändert er sie oder dichtet er sie religiös (im Sinne von treu) nach?

Die Wissenschaft hat gerne widersprüchliche oder nicht klar begründbare Details in der Commedia als Fehler, Zufall oder Reimnot abgestempelt. Der Dante-Philologe Manfred Bambeck hat nachgewiesen, daß seine Kollegen in ihrer Deutung zu bequem waren. Er geht in die Tiefe und kehrt die theologische Verankerung der Commedia hervor. Sein praktischer Ansatz eignet sich dabei gut, um die von ihm ausgewählten Textpassagen näher zu erforschen. Ich habe nicht nur die danteschen Stellen untersucht, sondern auch Bambecks Interpretationen hinterfragt und neu analysiert.

Manfred Bambeck untersucht in "Studien zu Dantes Paradiso" (1975) und in "Göttliche Komödie und Exegese" (1979) nicht den allgemeinen Einfluß christlicher Grundgedanken und Dogmen,[1] sondern beweist durch den Vergleich einzelner Verse mit Bibelpassagen, wie präzise sich Dante bei seiner Wortwahl an die Heilige Schrift und ihre Auslegung hielt. Bambecks Hauptansatz stützt sich dabei auf die Tatsache, daß den kanonisierten Exegesen und Schriften der Kirchenväter inhaltlich der gleiche Stellenwert zukam, wie den eigentlichen Testamenten.

Er (Dante) hat sie gelesen – und dazu die patristisch-mittelalterlichen Kommentatoren. Sie sind es, die ihm den symbolisch-allegorischen Sinn vermittelt haben. Theologen haben Dante die Hand geführt, ihm ein Reservoir an Bildern und Sinnbezügen geliefert, das man kennen muß, wenn man einen Zugang zum Innersten seiner Gedanken und Vorstellungswelt gewinnen will.[2]

II Mittelalterliche Deutungsebenen: Die Exegese

Die Scholastiker und Kommentatoren interpretierten das "Wort Gottes", indem sie ihm einen mehrfachen Schriftsinn (1. litteralen, 2. allegorischen, 3. moralischen, 4. anagogischen) verliehen, dem stufenweise vier Bedeutungsebenen zugrundelagen, die in einem mittelalterlichen Sprichwort vereinfacht erläutert werden:

"Der Buchstabe lehrt die Ereignisse;

was du zu glauben hast, die Allegorie;

die Moral, was du zu tun hast;

wohin du streben sollst, die Anagogie."[3]

Angewandt auf das Wort Jerusalem ergeben sich demnach diese Bedeutungsschichten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anagogie: J. = Himmelsstadt Gottes.[4]

Auf diese Weise wurden nicht nur einzelne Begriffe, sondern auch ganze Handlungsabläufe gedeutet, was zu – für heutige Begriffe – abenteuerlichen Ergebnissen führen konnte.

Ohne daß das Judentum assimiliert, geschweige denn akzeptiert werden sollte, wurde Altes und Neues Testament als Einheit betrachtet. Die typologische Lesung des Alten Testamentes, das zugunsten des Neuen und im Dienste der Kirche vollkommen uminterpretiert wurde, ist ein Beispiel für die Denkleistungen der Kirchenväter. Der christlichen Patristik nach vollendet sich das, was im Alten Testament „angekündigt“ wird, im Neuen. "Das Neue Testament ist im Alten verhüllt, das Alte ist im Neuen enthüllt"[5].

Beispiel: Mann und Frau = ein Fleisch (AT) werden zur Einheit zwischen Christus und seiner Gemeinde (NT). Die alttestamentarische Opferung Isaaks „kündigt an“, daß Gott seinen Sohn Jesus auch nicht verschonen wird...

Doch nicht nur das Alte Testament wird umgedeutet um das Christentum zu avisieren. Auch antike Mythologie und profane Sagen werden herangezogen, um christliche Inhalte zu enthüllen: Phönix erhebt sich aus der Asche, so wie Christus von den Toten aufersteht. Diese zielausgerichteten Interpretationen beweisen, wie gern sich die Gelehrten des Mittelalters mit Symbolik und Analogien befassten und erklärt, warum sich die Deutung der Commedia so vielschichtig gestaltet.

III Die Vorgehensweise Manfred Bambecks

Unter diesen Umständen, wegen der Fülle an Bibelkommentaren, gestaltet sich Bambecks Vorhaben aufwendig.

Die Auswahl der verschiedenen Textstellen trifft er jedoch nach Belieben, zufällig. Er beschäftigt sich mit jenen danteschen Begriffen und Wendungen, die ihm auf den ersten Blick ungewöhnlich oder für den jeweiligen Kontext unpassend scheinen.

III.1 Rechts und links

So z.B. widmet er sich zwei Passagen aus dem Inferno (9,132 und 17,31)[6]: Beim Eintritt in den Kreis der Ketzer und der Wucherer drehen sich Dante und Virgil jeweils nicht – wie sonst im Inferno üblich – nach links, wo die Verdammten normalerweise immer ihr Dasein fristen, sondern nach rechts. Er analysiert die Quellen und erfährt, daß die Rechte nicht immer die Seite der Rechtschaffenheit ist, da sie auch zur Täuschung eingesetzt werden kann, um einem Schwindel den Anschein des Guten zu verleihen.

Die Ketzer, welche ihre Irrlehren als die wahren ausgeben, und die Betrüger befinden sich deswegen hier zur Rechten und der Autor leitet das Ausnahmeverhalten aus der Exegese der Heiligen Schrift ab.

Obwohl die Selektion erklärenswürdiger Motive keiner Methodologie folgt, wählt der Philologe für die Ausarbeitung seiner Interpretation sehr wohl immer die gleiche Vorgehensweise: Er sucht übereinstimmende Parallelen aus der Bibel, zieht die Kommentare der Scholastiker heran und stellt sie den Versen gegenüber (dabei greift er u.a. auf Mignes Patrologia Latina und die Clavis patrum Latinorum zurück)[7].

Letztendlich kommt er zu dem Schluß, daß Dantes Wortwahl einer festen Absicht entspricht, sehr wohl in den Kontext passt und seiner exegetischen Gelehrsamkeit entstammt. Die vormaligen Argumente, diese Zeilen seien das Ergebnis des Zufalls, oder ein Vokabel sei aus Reimnot eingesetzt worden, werden damit treffend widerlegt. Bambeck bestätigt dadurch auch seine berechtigte Annahme, ein Poet von Dantes Niveau sei nicht auf solche Mittel angewiesen.

[...]


[1] Hintergrundinformationen zum allgemeinen Umgang mit christlicher Theologie sowie zu Interpretationen von zwei anderen Textstellen aus der Commedia, s. Knieper, S. 11-17, in diesem Verlag

[2] Bambeck 1975, S.4

[3] Ecclesia Catholica, S.67

[4] Wilpert 1989 unter dem Stichwort "Schriftsinn", S.832

[5] Katechismus, S.70

[6] vg1. Bambeck 1975, S. 43- 59

[7] vgl. Bambeck 1979, S. XII

Details

Seiten
21
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783656264255
ISBN (Buch)
9783656264835
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200060
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Institut für Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Dante Alighieri Theologie Mittelalter Literaturwissenschaften Exegese Romanistik Bibel Patristik Kirchenväter Scholastik Bibelauslegung Ovid

Autor

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Titel: Dante und die mittelalterliche Theologie