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Heteronormativität im Schullalltag

Eine qualitative Analyse

Hausarbeit 2011 19 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Heteronormativität in der Theorie
2.1. Foucault und die Macht
2.2. Butler und die Performanz

3. Heteronormativität im schulischen Kontext
3.1. Herstellung und Reproduktion durch Schülerinnen
3.1.1. Einfluss der Mitschülerinnen
3.1.2. Einfluss der Lehrerinnen
3.1.3. Einfluss der Eltern

4. Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff „Heteronormativität“ ist einer der meistverwendeten Termini der soziologischen Teildisziplin Gender Studies und gilt als unverzichtba­rer Bestandteil der Queer Theory. Er beschreibt eine Welt, in welcher he­terosexuelle Beziehungsformen als unhinterfragte soziale Norm betrachtet werden, ohne jedoch kulturelle, soziale oder historische Bedingtheiten zu berücksichtigen (vgl. Bartel u.a. 2 007: 13). Diese Sicht der Dinge geht meist mit einem binären, sprich zweiteiligen Geschlechtssystem einher, bei welchem das biologische Geschlecht sowohl mit der Geschlechtsiden­tität als auch mit spezifischen Geschlechtsrollen in Einklang steht.

Die folgende Hausarbeit befasst sich mit der leitenden Fragestellung, auf welche Art und Weise Heteronormativität im schulischen Kontext herge­stellt und reproduziert wird. Des Weiteren soll erörtert werden, welche Faktoren für die Manifestierung von heteronormativen Strukturen ent­scheidend sind, und in welchem Verhältnis diese zueinander stehen. Es wird untersucht, in welchem Ausmaß der Grundstein für die reflexionsfreie Akzeptanz von heterosexuellen Beziehungen als unhinterfragte Norm be­reits in jungen Jahren gelegt wird. Den Schwerpunkt soll hierbei die Be­trachtung des Schulalltags unter Berücksichtigung heteronormativer As­pekte aus Sicht der Schülerinnen und Schüler bilden, da es sich bei die­sen um die zentralen Akteure des relevanten Forschungsgebiets handelt. Aus Komplexitätsgründen wird im Rahmen dieser Arbeit auf eine qualitati­ve Befragung von Lehrkräften und Eltern verzichtet.

Im ersten Schritt sollen die theoretischen Aspekte der Heteronormativität genauer erläutert werden. Es muss zunächst eine allgemeine Begriffsnä­herung stattfinden, bei welcher versucht wird, aus verschiedenen Definiti­onsansätzen Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. An­schließend werden thematisch relevante Theorieansätze von Michel Fou­cault und Judith Butler genauer unter die Lupe genommen. Im nächsten Schritt können die theoretischen Erkenntnisse auf die Praxis angewendet werden. Dies geschieht mit Hilfe von qualitativen Interviews, deren Aussa­gekraft die zuvor behandelten Thesen unterstreichen sollen. Durch die Befragungen von Schülerinnen und Schüler kann nicht nur eine Verifizie­rung der Theorie stattfinden, auch thematisch relevante Einflussfaktoren werden auf diese Art und Weise erkennbar gemacht.

Es existieren bereits einige Werke, welche sich mit dem Thema Hetero­normativität beschäftigen. Zu den Bekanntesten zählen Judith Butlers Schriften Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity (1990), dessen Ausgangspunkt die Reproduktion von Geschlechterver­hältnissen beschreibt, sowie Bodies that Matter. On the Discursive Limits of Sex (1993), in welchem sich Butler mit dem Problem der Materialität des biologischen Geschlechtskörpers auseinandersetzt. Auch Michel Fou­cault gilt spätestens seit seiner Veröffentlichung von Histoire de la sexualité (1984) als einer der wichtigsten Theoretiker im Bereich der Queer Theory. Er beschreibt in drei Bänden Sexualität als Effekt von Dis­kurs, Wissen und Macht und widerspricht zugleich der Behauptung, dass Sexualität eine natürliche Kraft sei, da sie viel mehr als eine kulturell kon­struierte Kategorie der Erfahrungen betrachtet werden müsse.

2. Heteronormativität in der Theorie

Der Ausdruck „Heteronormativität“ wurde zum ersten Mal in den frühen neunziger Jahren von Michael Warner in der Einleitung zu seinem Sam­melband Fear of a Queer Planet (1993) der Zeitschrift Social Text ver­wendet. Seitdem hat eine Vielzahl von Personen versucht, sich dem Be- griffzu nähern. Nina Degele sieht in ihm beispielsweise ein „binäres, zweigeschlechtliches und heterosexuell organisiertes und organisierendes Wahrnehmungs-, Handlungs- und Denk­schema, das als grundlegende gesellschaftliche Institution durch eine Naturalisierung von Heterosexualität und Zweige­schlechtlichkeit zu deren Verselbstverständlichung und zur Re­duktion von Komplexität beiträgt“ (Degele 2008: 89).

Für Jutta Hartmann beschreibt Heteronormativität die „Heterosexualität als ein zentrales Machtverhältnis, das alle wesentlichen gesellschaftlichen und kulturellen Bereiche [...] durchzieht“ (Hartmann u.a. 2007: 9). Es gibt jedoch auch Definitionsversuche, die das inhaltliche Gewicht des mittler­weile enorm bedeutungsschwangeren Begriffs drastisch reduziert darstel­len. So versteht Tamsin Spargo unter Heteronormativität lediglich eine „Tendenz im heutigen westlichen Sex-Gender-System, heterosexuelle Be­ziehungen als die Norm und alle anderen Formen sexuellen Verhaltens als Abweichung von dieser Norm zu sehen“ (Spargo 1999: 73), und Dieter Haller bezeichnet Heteronormativität als Begriff, welcher „im weitesten Sinne all jene Betrachtungsweisen, die wie selbstverständlich davon aus­gehen, dass das heterosexuelle Paar die Chiffre für Menschsein an sich bildet“ (Haller, 2001: 1) beschreibt.

Auch wenn sich die Definitionsversuche in ihrem Ausmaß durchaus unter­scheiden, bleibt festzuhalten, dass weitgehend Einigkeit über eine Verbin­dung zwischen Heteronormativität und gesellschaftlichen Machtverhältnis­sen besteht. (vgl. Hartmann u.a. 2007: 16). Auch die Verwendung und un­reflektierte Akzeptanz eines binären Geschlechtssystems dient stets als Voraussetzung für die Existenz von heteronormativen Strukturen im ge­sellschaftlichen Rahmen, obwohl man erwähnen muss, dass die in Frage Stellung dieser Bipolarität als Naturgegebenheit eine Neuerung in der Queer Theory darstellt (vgl. Engel 2002: 48).

2.1. Foucault und die Macht

Nach Michel Foucault lässt sich Sexualität nicht als essentiell persönliches Attribut sondern als verfügbare kulturelle Kategorie und Effekt von Dis­kurs, Wissen und Macht betrachten. Diese Behauptung richtet sich unmit­telbar gegen die aufklärerische Sichtweise, nach welcher Sexualität als natürliche Kraft menschlicher Existenz betrachtet wurde, welche in der westlichen Gesellschaft seit dem 17. Jahrhundert einzig und allein Objekt der Macht war und von dieser unterdrückt wurde (vgl. Haller 2001: 14). Es wurde die Behauptung aufgestellt, dass unsere innersten Begehrlichkeiten erst durch die sexuelle Revolution an die Öffentlichkeit getragen wurden. Diesem Narrativ kann man entnehmen, dass Sexualität nur darauf gewar­tet hat, endlich entdeckt und daraufhin befreit zu werden. Michel Foucault ist jedoch der Meinung, dass Sexualität „keine natürliche Kraft, sondern eine kulturell konstruierte Kategorie der Erfahrung sei. Ihn interessiert, welchen Stellenwert Institutionen und Diskurse in der Bildung der eigenen Sexualität besitzen. Er geht nicht davon aus, dass Macht grundsätzlich gegen die Sexualität arbeiten würde, sondern spricht vielmehr von einem zunehmenden Anreiz zur Diskursivierung von Sexualität, da er der Ansicht ist, dass der Diskurs Macht „befördert und produziert“ (Foucault 1977: 122). Eine wichtige Rolle spielt dabei das christlich verwurzelte Geständ­nis und dessen Einfluss in der Psychoanalyse ein:

„Die Wirkungen des Geständnisses sind breit gestreut: in der Justiz, in der Medizin, in der Pädagogik, in den Familien- wie in den Liebesbeziehungen, im Alltagsleben wie in den feierlichen Riten gesteht man seine Verbrechen, gesteht man seine Sün­den, gesteht man seine Gedanken und Begehren, gesteht man seine Vergangenheit und seine Träume, gesteht man seine Kindheit, gesteht man seine Krankheiten und Leiden“ (Foucault 1977: 75ff)

Die anhaltende ritualisierte Thematisierung der eigenen Sexualität erreich­te ihren ersten Höhepunkt im 18. Jahrhundert, nachdem die Bevölkerung als Problem von Politik und Ökonomie in den Mittelpunkt der Aufmerk­samkeit geraten ist. Sie ist eine Auswirkung einer modifizierten Form der Machtausübung, welche sich um die Regulierung der Bevölkerung dreht. Foucault bezeichnet sie als „Bio-Macht“, da sie auf die Kontrolle des Le­bens ausgerichtet ist (vgl. Foucault 1977: 135ff). Sexualität erlaubt somit einerseits Zugriff auf den individuellen Körper als Ansatzpunkt für Disziplin und zum anderen Zugriff auf die Fortpflanzung als Ansatzpunkt für die Regulierung der Bevölkerung.

Foucault beschreibt Sexualität als ein sozial bestimmtes Feld, da sie stets von gesellschaftlichen Normen geprägt ist. Es existiert kein einzelnes Sub­jekt, welches die menschliche Sexualität unterdrücken könnte, da das Se­xualdispositiv aus dem Zusammenwirken sämtlicher Bestandteile unserer Gesellschaft entsteht. Dies hat im Bezug auf die Entstehung von Hetero­normativität zur Folge, dass erst durch gemeinsam geformte Normvorstel- lungen die Beziehung zwischen Mann und Frau, zumeist legitimiert durch die Möglichkeit der Nachwuchszeugung, als „natürliche“ Form der menschlichen Beziehung angesehen wird und dementsprechend auch mit viel Macht ausgestattet ist. Dies hat im Umkehrschluss selbstverständlich einen ausgrenzenden Charakter gegenüber allen anderen Formen der Sexualität zur Folge, weshalb ein gewisser Distinktionsmechanismus nicht abzustreiten ist.

2.2. Butler und die Performanz

Laut Judith Butler wird der Zwangscharakter von heteronormativen Struk­turen primär durch das wechselseitige Zusammenspiel verschiedener Fak­toren begünstigt. In einer heterosexuellen Matrix beziehen sich körperliche Geschlechtsmerkmale, Geschlechtsidentität und sexuelles Begehren in spezifischer Weise aufeinander (vgl. Butler 1991: 202). Die Matrix be­stimmt somit den Handlungsrahmen der geschlechtlichen Repräsentation, die als kohärent wahrgenommen wird. Das bedeutet, dass einem männli­chen oder weiblichen Körper stets die dementsprechende Geschlechts­identität und ein auf das andere Geschlecht gerichtetes sexuelles Begeh­ren zugeschrieben werden. Butler bedient sich hier der Sprechakttheorie von John. L. Austin (1979), laut welcher performativen Aussagen diejenige diskursive Praxis herstellt, die „das vollzieht oder produziert, was sie be­nennt“ (Butler 1995: 36) und deutet somit Identitätszuweisung als einen von Performativität durchtränkten Akt, so dass gar unser vorgebliches Ge­schlecht der Sprache nicht vorgelagert sei, sondern sich erst durch diese konstituieren würde. Man muss betonen, dass performative Äußerungen weder falsch noch wahr sind. (Vgl. Krämer 2001: 138)

Als Beispiel lässt sich hier die Trauung eines Brautpaares durch einen Standesbeamten nennen. In dem Moment, in dem der Standesbeamte die Vermählung abgeschlossen hat, ist aus zwei Menschen ein Ehepaar ge­worden. Das Wort ist in diesem Fall die Tat. Ein anderes Beispiel wäre die Urteilsverkündung eines Richters oder einer Richterin, welche aus einem Angeklagten faktisch einen Verbrecher macht (vgl. Villa 2003: 27).

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656262855
ISBN (Buch)
9783656263739
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199991
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
queer queer studies gender studies gender geschlecht geschlechterforschung heteronormativität schule schulalltag sexualität homosexualität heterosexualität doing gender geschlechtermatrix butler judith butler foucault michel foucault

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Titel: Heteronormativität im Schullalltag