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Untersuchungsansätze zum Sprachgebrauch im Rechtsextremismus

Eine pragmatische Studie zur Anwendbarkeit lexikologischer und semantischer Analyseverfahren der Politolinguistik auf ausgesuchte rechtsextremistische Texte

Magisterarbeit 2010 123 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

0 Vorwort

1 Vorbemerkungen
1.1 Politolinguistik als linguistische Disziplin: Entwicklung und Einordnung
1.2 Überblick zum aktuellen Forschungsstand
1.3 Anmerkungen zur Semiotik und politischen Kommunikation
1.3 Pragmatische Sprachbetrachtung
1.4 Untersuchungsansatz und Definitionen der angewandten Begriffe
1.4.1 Weiter Politikbegriff
1.4.2 Ideologie und Utopie
1.4.3 Rechtsextremismus
1.5 Vorbemerkungen zur Textauswahl

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Vorbemerkungen zur Untersuchung politisch verwendeter Sprache
2.1.1 Merkmale des Kommunikationsbereichs „Politik und Ideologie“
2.1.2 Modelle zur Analyse politisch/ideologisch gebrauchter Sprache
2.1.3 Schlussfolgerungen zur Anwendung auf rechtsextremistisches Textmaterial
2.2 Politische und ideologische Lexik
2.2.1 Gliederung des Wortschatzes (nach Dieckmann, Lasswell, Klein)
2.2.2 Binnengliederung des (politischen/ideologischen)Wortschatzes: Schlagwörter, Hochwertwörter und Schlüsselwörter
2.2.3 Besondere Ausdrucksformen: Euphemismus, Neologismus, Archaismus
2.2.4 Schlussfolgerungen zur Anwendung auf rechtsextremistisches Textmaterial
2.3 Ideologiegebundenheit und Ideologiesprache
2.3.1 Ideologiegebundenheit
2.3.2 ideologische Polysemie / semantische Varianz
2.3.3 Typologisierung ideologiegebundener Lexik nach Strauß/Zifonun
2.3.4 Schlussfolgerungen zur Anwendung auf rechtsextremistisches Textmaterial
2.4 Politische und ideologische Semantik
2.4.1 Das Konzept des „Begriffe Besetzens“
2.4.2 Erscheinungsformen semantischer Konkurrenz / Typen des strategischen Operierens mit Wörtern
2.4.3 Unbestimmtheiten des Wortinhalts
2.4.4 Schlussfolgerungen zur Anwendung auf rechtsextremistisches Textmaterial
2.5 Pragmatische Analyseansätze
2.5.1 Sprachspiel und (politische) Sprachfunktion
2.5.2 Sprechakttheorie
2.5.3 Handlungsfelder / Sprechakttypen / Sprachverwendungstypen
2.5.4 Schlussfolgerungen zur Anwendung auf rechtsextremistisches Textmaterial

3. Analytischer Teil
3.1 Analyse des Textes „Aktivismus - die elementare Notwendigkeit des praktischen Handelns“
3.1.1 Rahmenbedingungen der Produktion
3.1.2 Untersuchung unter Sachperspektive
3.1.3 Untersuchung unter Handlungsperspektive
3.1.4 Untersuchung unter formaler Perspektive
3.2 Analyse des Textes „Regeln des Thiazi Forums“
3.2.1 Rahmenbedingungen der Produktion
3.2.2 Untersuchung unter Sachperspektive
3.2.3 Untersuchung unter Handlungsperspektive
3.2.4 Untersuchung unter formaler Perspektive
3.3 Analyse des Textes „Ausländerfeindlicher Überfall in Viersen“
3.3.1 Rahmenbedingungen der Produktion
3.3.2 Untersuchung unter Sachperspektive
3.3.3 Untersuchung unter Handlungsperspektive
3.3.4 Untersuchung unter formaler Perspektive

4. Fazit

Anhang

A Text 1: „Aktivismus - Die elementare Notwendigkeit praktischen Handelns“ (Webseite)

B Text 1: „Aktivismus - Die elementare Notwendigkeit praktischen Handelns“ (Text)

C Text 2: „Regeln des Thiazi Forums“ (Webseite)

C Text 3: „Regeln des Thiazi-Forums“ (Text)

C Text 3: „Ausländerfeindlicher (?) Überfall in Viersen“ (Webseite)

C Text 3: „Ausländerfeindlicher (?) Überfall in Viersen“ (Text)

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Binnengliederung der Linguistik nach Linke/Nussbaumer/Portmann

Abb. 2: Gliederung des politischen Wortschatzes nach Dieckmann (1975)

Abb. 3: Gliederung des politischen Wortschatzes nach Klein (1989)

Abb. 4: Klassifikation der Schlagwörter nach Burkhardt (1998)

Abb. 5: Merkmalskatalog von Schlagwörtern nach Felbicks (2003)

Abb. 6: Bedeutungskomponenten eines Wortes

Abb. 7: Typen ideologiegebundener Lexik nach Strauß/Zifonun (1986)

Abb. 8: Politisches Interaktionsmodell (nach Girnth 2001)

Abb. 9: Schema der Teilakte eines Sprechaktes

0 Vorwort

Diese Arbeit hat neonazistische rechtsextremistische Texte zum Untersuchungsgegen- stand. Dies allein birgt bereits das Potential, sich in Begriffsbestimmungen und Abgren- zungsversuchen zu erschöpfen. Eine zweite Schwierigkeit zeigte sich im Laufe des Entstehungsprozesses: Ein klares Analyseinstrumentarium existiert nicht. Aus diesem Grund nehmen theoretische Überlegungen mehr Platz ein, als zu Beginn erwartet. Es soll sich eingangs theoretisch mit einigen ausgewählten politolinguistischen Analyse- methoden auseinandergesetzt werden und so ein, vermutlich in Umfang und Anwen- dungspotential beschränkter, Untersuchungskatalog entstehen. Zu Beginn gilt es also auch zu klären, ob sich der Untersuchungsgegenstand der Politolinguistik zuordnen lässt. Damit stellt diese Arbeit auch einen Versuch dar: Einen Versuch der Anwendung politolinguistischer Methoden, welche ganz überwiegend auf die Institutionen und funk- tionellen Träger des politischen Systems hin entwickelt wurden, auf rechtsextremisti- sche Gruppierungen, welche sich einer solchen institutionellen Eingliederung naturge- mäß gänzlich entziehen. Statt die Politolinguistik zurate zu ziehen, käme womöglich auch eine Untersuchung in Richtung Soziolekte und Gruppensprachen in Betracht. Es gäbe durchaus Ansätze dafür, jedoch entstanden bei näherer Beschäftigung mit dem Gegenstand Zweifel, ob dies praktikabel ist: ein eindeutiges Vorhandensein eines Wil- lens zur Abgrenzung konnte nicht zweifelsfrei angenommen werden. Wenn die Grup- pen trotzdem sondersprachlich beschränkt bleiben, dann liegt das vermutlich an der mangelnden Kenntnis der institutionellen Vorgänge. Das Gruppenprofil ließe sich wohl nur im Kontrast definieren (‚wir’ vs. ‚die’), und eine homogene und umfassende Theo- rie der Gruppe, die u.a. Angaben zu Topographie, Alter, Fachwissen, Wertesystem etc. enthalten müsste, wäre nur schwer zu bilden. Es wurde daher entschieden, den gruppen- sprachlichen Untersuchungskomplex gänzlich auszuklammern. Ebenfalls wird, aus Platzgründen, übereinzelsprachlicher Sprachgebrauch hier ausgeklammert. Lediglich die einzelsprachliche Perspektive wird in den Blick genommen. Im Folgenden werden also neben einer Einführung in den Untersuchungsgegenstand und einem Forschungs- überblick sowie grundlegenden Begriffsdefinitionen erst einige theoretische Grundlagen politisch und ideologisch gebrauchter Sprache behandelt, woran sich Ausführungen zu Spezifika der politischen und ideologischen Lexik, der Semantik und der Pragmatik anschließen, abgeschlossen durch einige praktische Beispielanalysen.

Ein Wort des herzlichen Dankes geht an Herrn Prof. Dr. Liedtke und Herrn Prof. Dr. Dr. Schuppener für die Betreuung und Geduld. Herrn Dr. Scholz vom Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen und an die vielen Ratgeber, welche hier aufzuzählen zugunsten eines persönlich zu überbringenden Dankes unterbleibt.

1 Vorbemerkungen

1.1 Politolinguistik als linguistische Disziplin: Entwicklung und Einordnung

Der Terminus „Politolinguistik” wurde von Armin Burkhardt eingeführt zu einer Zeit, als die Beschäftigung mit politischer Sprache und ihren Teilbereichen bereits jahrzehntelang mangels klarer Benennung das Dasein einer namenlosen Disziplin der Sprachwissenschaft fristete. Burkhardt definiert sie als “Teildisziplin im Grenzbereich zwischen Linguistik und Politologie”, die weniger dem theoretischen als dem angewandten und hierin dem kritischen Teilbereich zuzuordnen sei.1

Nachdem sich die Sprachwissenschaft jahrhundertelang fast ausschlie ß lich als 'harte' Systemlinguistik verstand, in deren Rahmen die als 'weich' geltende Un- tersuchung der gesellschaftlichen Dimensionen von Sprache nur selten Platz fand, hat sich in den letzten Jahrzehnten nach und nach die Erkenntnis durchgesetzt, dass - neben vielen anderen Bereichen der Angewandten Linguistik - auch die Linguistik der politischen Sprache eine ebenso wichtige wie legitime Teildisziplin der Sprachwissenschaft darstellt.2

Bevor dies geschehen konnte, verlief die linguistische Beschäftigung mit politischer Sprache nach Burkhardt in fünf Phasen, die interessanterweise alle an äußere Ereignisse geknüpft sind. Als Vorläufer kann sicher die historische Schlagwortforschung gelten, die um 1900 zum Gegenstand germanistischer Forschung wurde und mit Otto Laden- dorfs „Historischem Schlagwörterbuch” von 1906 zum Durchbruch gelangte.3 In einer ersten Phase dann war die Bewältigung des Dritten Reiches prägend, und damit auch Untersuchungen zur Sprache des Nationalsozialismus.4 Zu Beginn der 60er Jahre dann, unter Einfluss von Kuba-Krise, Mauerbau und Kaltem Krieg, stand vor allem der syn- chrone Vergleich der deutschen Sprache in der Bundesrepublik und in der DDR. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre trat unter dem Eindruck der Umwälzungen und Um- strukturierungen in der Gesellschaft und der Entstehung der Soziolinguistik die Frage nach den manipulativen Möglichkeiten der Sprache in den Vordergrund, die dann im Zuge der Diskussionen um nukleare Aufrüstung in ein wieder erstarkendes gesell- schaftspolitisches Moment der Linguistik mündete und die Sprache im militärischen Bereich in den Mittelpunkt rückte. Seit 1989 dann war es vor allem die Verarbeitung der Wiedervereinigung und sprachliche Bewältigung der deutsch-deutschen Teilung, später dann ergänzt durch Arbeiten zu den spezielleren Schwerpunkten wie „Migrati- on” oder „Verarbeitung politischer Skandale”. „ Auch wenn zunehmend pragmatische Ans ä tze eine Rolle spielen, hat doch die Deskription und (kritische) Analyse politischer Lexik stets im Vordergrund der Bem ü hungen gestanden. ” 5 Dieckmanns 1969 erschie- nenes Grundlagenwerk „Sprache in der Politik“ ist als „Einführung in die Pragmatik und Semantik der politischen Sprache“ gedacht und ist bis heute ein vielzitiertes Grund- lagenwerk. Bachem (1979) unterschied zwischen sprachpragmatischer Analyse, semio- tischer Analyse, lexikalisch-semantischer Analyse, Inhaltsanalyse, psycholinguistischer Untersuchung und rhetorischer Analyse. Ähnlich Burkhardt (1988), der einen pragmati- schen Ansatz, eine lexikalisch-semantische Analyse, eine satzsemantische Analyse, textlinguistische Ansätze, die Stilanalyse und den semiotischen Ansatz benennt. Mit dem von Klein (1989) herausgegebenen Band „Politische Semantik“ wurde die Trennung von pragmatischer und semantischer Analyse aufgehoben. Die Bedeutung eines politisch gebrauchten Begriffes setze sich nach dieser Auffassung auch aus seinen Funktionen zusammen, womit diese selbst pragmatisch sei.6 In Kleins Band wird bereits die jüngste Weiterführung angedeutet: die Etablierung einer Diskurssemantik innerhalb der Sprachwissenschaft.7

1.2 Überblick zum aktuellen Forschungsstand

Die wichtigsten Tendenzen des Forschungsbereiches lassen sich im Prinzip zwei Rich- tungen zuordnen. Auf der einen Seite hat sich die lexikonorientiere Stoßrichtung her- ausgebildet, auf der anderen Seite finden sich Arbeiten mit Text-Diskurs-Orientierung. Erstere geht auf die semantische Einzelanalyse politisch relevanter Wörter zurück (vgl. Kap. 1.1). Wörter werden hier begriffen als mächtige und strategische persuasive Mittel, was auf die spezifischen deutschen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus zurückge- führt wurde und gelegentlich auch abweisend als „Begriffsfetischismus“ bezeichnet wird.8 Zentrale Aufgaben dieser Richtung bestehen im Aufstellen von Gliederungsan- sätzen für das politische Lexikon, in der semantischen Beschreibung ideologiegebunde- ner Wörter und in Versuchen, das „ideologische Moment“ in den semantischen Kom- ponenten der Wörter zu beschreiben. Auch der pragmatische Ansatz, der mit der sog. kommunikativ-pragmatischen Wende Einzug hielt, wird hier eingeordnet. Der rein se- mantische Zugang der lexikonorientierten Forschung wurde so um pragmatische Fakto- ren ergänzt. Exemplarisch seien hier die Arbeiten von Manfred Klein, Heiko Girnth, Walter Dieckmann, Armin Burkhardt, Fritz Herrmanns, Joachim Herrgen und Gerhard Strauß genannt.

Die text-/diskursorientierten Arbeiten nehmen nicht Worte, sondern Texte in ihrer Ge- samtheit und damit verknüpfte Diskurse in den Blick. „ Grundlegend ist die Annahme, da ß man bei der Analyse des Sprachgebrauchs immer auch die Kontexte und damit insbesondere Texte zu ber ü cksichtigen hat. “ 9 Text wird als primäre, originärste Grundein- heit von Sprache im Gebrauch gesehen. Eine aufschlussreiche Untersuchungsrichtung ist der Versuch der Aufdeckung typischer Sprachhandlungsmuster im politischen Sprachgebrauch.10 Die Einbeziehung der konkreten politisch-gesellschaftlich- historischen Situation mit all ihren Facetten wird hier ebenfalls angestrebt. Geleistet werden soll demnach: „ Eine genaue Erfassung von Setting und Kontext, eine Textbe- schreibung auf allen sprachlichen Ebenen, die Konfrontation des Ä u ß erungsinhaltes mit den bekannten historischen Fakten sowie eine interdisziplin ä re Interpretation der Texte (Historiker, Psychologen, Soziologen). “ 11 Besonders zu nennen sind hier die Arbeiten von Foucault (1966), auf denen der hier verwendete Diskursbegriff beruht, Jäger (Un- tersuchung von Rassismus- und Migrationsdiskursen), Franz Januschek, Peter Nowak und Ruth Wodak.

Eine weitere Richtung ist die historische Pragmalinguistik, die ebenfalls umfassend bestimmte Diskurse rekonstruieren will, die jedoch öfter mit der Komplexität ihrer Untersuchungsgegenstände zu kämpfen hat. Herrgen (2002) empfahl eine „Komplexitätsreduktion des Gegenstandes als auch eine Reduktion der methodologischen Optionen“, da es sich in der Praxis oft als kaum machbar erwiesen habe, die angeführten Kriterien in ihrer Gesamtheit zu behandeln.12

Als Zwischenfazit kann hier aber festgehalten werden, dass die gesamte Politolinguistik „im Kontext des pragmatischen Ansatzes steht und zwar unabhängig davon, ob sie eher vom Wort oder von komplexeren sprachlichen Handlungsmustern wie dem Text aus- geht.“13

1.3 Anmerkungen zur Semiotik und politischen Kommunikation

Weitgehend anerkannt ist heute der Vorschlag von Linke/Nussbaumer/Portmann zur Binnengliederung der Linguistik:14

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Binnengliederung der Linguistik nach Linke/Nussbaumer/Portmann

Demnach fungiert als Grundlagenwissenschaft zur Auseinandersetzung mit Sprache die Semiotik, welche neben dem Instrumentarium auch die nötigen Begriffe und Konzepte liefert. Die Semiotik unterscheidet verschiedene Zeichenarten, befasst sich mit allen, auch nichtsprachlichen, Zeichen und bezieht in ihre Analysen auch den Zeichenverwen- der mit ein. Vom amerikanischen Philosophen Charles Sanders Peirce als eigene Wis- senschaftsdisziplin begründet, schloss Ferdinand de Saussure die Zeichenlehre im lin- guistischen Raum an, woran Charles William Morris anknüpfte mit seiner bis heute grundlegenden Dreiteilung in Semantik (= Bedeutung eines Zeichens), Syntax (= Kom- binationsmöglichkeiten von Zeichen) und Pragmatik (= Verwendung eines Zeichens).

Diese Arbeit verfolgt einen semantischen und pragmatischen Ansatz. Beides sind Teil- bereiche der Semiotik, und obgleich der Unterschied und Zusammenhang als bekannt vorausgesetzt und damit hier nicht ausführlich erläutert wird, scheint an dieser Stelle doch ein klärender Absatz sinnvoll:15 „In der Geschichte der Zeichentheorie wird die Semiotik häufig nicht deutlich von der Semantik (...) unterschieden“, beklagt schon Win- fried Nöth.16 Und besonders im Bereich der politischen und ideologischen Sprache soll- te hier auf Klärung Wert gelegt werden. Es geht um Zeichen als Informationsträger, also Wörter, Bilder u.a., die miteinander in Kombination gebracht werden können. Sie haben eine sinnlich wahrnehmbare und eine kognitiv erfassbare Seite. Semiotik ist dabei eine allgemeine Zeichentheorie, verstanden als Wissenschaft von den Zeichenprozessen, von ihren Wirkungen, Neuschöpfungen, ihrer Ästhetik, Kombination und ihrem Mit- und Aufeinanderwirken mit Blick auf sprachliche und nichtsprachliche Zeichen und Zei- chenprozesse. Nach Morris (1964), der als Begründer der modernen Semiotik gilt, hat sie vier Untersuchungsaspekte.17 (1.) den syntaktischen: die Relation zwischen ver- schiedenen Zeichen, (2.) den semantischen: Relation zwischen Zeichen und Bedeutung, (3.) den pragmatischen: Relation zwischen Zeichen und eigentlicher Handlung des Zei- chen verarbeitenden Zeichenbenutzers und (4.) der sigmatische: Relation zwischen Zei- chen und Realität.18 Es ist also eine Disziplin, die der Frage der Referenz der Zeichen auf die „Welt“ nachgeht. Die Semiotik in ihrer Ganzheit zu berücksichtigen, wäre für diese Arbeit aus verschiedenen Gründen schwierig: Vordergründig aus den gegebenen Beschränkungen des Umfangs, weshalb u.a. der Bereich der Syntax unberücksichtigt bleibt. Der 4. Aspekt, der sigmatische, bleibt unberührt, weil die Frage nach Existenz und Definition von Realität zu komplex ist, um sie hier erschöpfend berücksichtigen zu können.19

Unter semiotischen Fragestellungen bestehen Texte des Politischen vor allem aus Bot- schaften, die „ausschließlich der Meinungsbildung (im Sinne von Überredung) dienen“ und „oft aus Kombinationen von Zeichen aus verschiedenen Kodes, mit denen lange andauernde, dem Empfänger unbewusst bleibende Beeinflussungen des Unterbewusstseins“ bestehen.20 Sie können „sehr stark das Bewusstsein prägen“ und sie „tragen zur Verankerung von Ideologien wesentlich bei“.21

Die vom Strukturalismus dominierte Linguistik verstand sich seit den 60er Jahren als eine deskriptive Wissenschaft und tut dies größtenteils heute noch. Die ursprüngliche Einheit von Sprachwissenschaft und normierender Sprachpflege und -kritik löste sich nach der Rezeption von Saussure und Chomsky auf, die politische Sprachkritik behielt eine, jedoch stets umstrittene, Nischenexistenz. Dieser Erfolg ist auch einer Entwicklung der späten 60er Jahre zuzuschreiben: der „Pragmatischen Wende“.

1.3 Pragmatische Sprachbetrachtung

„Der Gegenstandsbereich der linguistischen Pragmatik ist bislang keineswegs klar defi- niert.“22 Dieser Feststellung wohnt auch nach zwanzig Jahren noch eine Aktualität inne. Es handelt sich nicht um einen klar abgegrenzten Wissenschaftszweig, eher um eine spezielle Art der Sprachbetrachtung, die auch die sprechenden Subjekte und die Sprache in ihrer konkreten Anwendung betrachtet: „Die Vorstellung, die hinter der Pragmatik steht, ist jene, dass der Sprechende mit Sprache handelt oder dass Sprache eine besonde- re Rolle im menschlichen Handeln spielt.“23 Sprechen wird hier also als eine besondere Form menschlichen Handelns aufgefasst, Sprechhandlungen als eingebettet in nicht- sprachliche Handlungen. Wie oben schon angedeutet fungiert „Pragmatik“ oft als Ober- begriff, der sich im Allgemeinen auf menschliches Handeln bezieht, und dementspre- chend Pragmalinguistik als ein auf Handeln durch Sprache eingeengter Unterbegriff.24 Eine philosophisch erschöpfende Klärung, was „Handeln“ genau ist, kann hier nicht erfolgen, sei aber durch den Hinweis ergänzt, dass es nicht mit Verhalten gleichzusetzen ist.25 Deutlich wird also, dass Sprache im Zusammenhang mit der konkreten Situation und Umwelt und nicht isoliert betrachtet wird. Dieser „Kontext“ ist zu unterscheiden vom „Kotext“.26

Dieser Schulterschluss zu Sprachexterna verweist auch auf den Bereich der Semantik, also dem Verhältnis der sprachlichen Zeichen zu außersprachlicher Umwelt. In man- chen Arbeiten werden pragmatische Teilbereiche (wie zum Beispiel der Sprechakt) der Semantik zugerechnet.27 Üblicherweise, und so wird es auch in dieser Arbeit gehand- habt, wird aber unterschieden zwischen der wörtlichen Bedeutung eines Satzes, wie sie die Semantik untersucht, und der durch den Kontext zustande kommenden Bedeutungs- aspekte, die in der Pragmatik (s.u.) untersucht werden. Oder anders: Die semantischen Einheiten sind in der Regel kontextunabhängig, die pragmatischen Einheiten kontextab- hängig. Gerald Gazdar brachte das auf die bekannte Formel „Pragmatik = Bedeutung - Wahrheitsbedingungen“. Das meint nichts anderes, als dass für Gazdar Pragmatik iden- tisch ist mit Bedeutungslehre, wenn die sog. Wahrheitsbedingungen weggelassen werden.28 Der Terminus „Wahrheitsbedingungen“ verweist auf die Grundidee, dass man die wörtliche Bedeutung eines Aussagesatzes erst dann rekonstruieren könne, wenn man auch weiß, unter welchen Bedingungen seine Aussage wahr oder falsch ist. Diese Wahrheitswerte selbst können wiederum nur in Bezug auf eine bestimmte Situation festgelegt werden.

Was nun den meisten Vorstellungen vom Gegenstandsbereich einer linguistischen Pragmatik gemein ist, ist die Vorstellung einer Disziplin, die über die Systemlinguistik hinausgeht. Dies ist keine hierarchische Wertung, denn alle Auffassungen unterstreichen auch, dass die Kenntnis des Systems, der Grammatik einer Sprache allein noch nicht ausreicht, um diese Sprache auch anzuwenden. Es wird folglich zwischen einer grammatischen Kompetenz und einer pragmatischen Kompetenz unterschieden: Das systematische Wissen um die grammatischen Regeln einer Sprache allein versetzt noch niemanden in die Lage, innerhalb der Sprache zu kommunizieren. Situationen und angemessenes Verhalten sind in dieser Grammatik nicht enthalten.

Aus all dem bisher Gesagten (also der Einbeziehung einer sprachlichen Äußerung in ihrer realen Äußerungssituation und mit ihren Verflechtungen ins Außersprachliche, dem Wissen um eine Systematik oder Grammatik hinter den Äußerungen, dem Verhältnis zu Wahrheitsbedingungen usw.) hat Ernst (2002) versucht, eine Definition zu entwickeln, und kommt dabei zu folgender Variante:

„ Pragmalinguistik ist die Lehre von den grammatikalisierten Beziehungen der sprachlichen Ä u ß erungen zu ihrem Kontext, die sich sowohl in den grammati- schen Strukturen als auch in der realen Sprachverwendungssituation manifestie-

ren. “ 29

Die Pragmatik verfolgt verschiedene Ansätze, die sich schwer auf einen Nenner bringen lassen. Die bekanntesten sind sicher die Sprechakttheorie (nach Austin/Searle), die Konversationsmaximen (nach Grice), die im Anschluss an die Sprechakttheorie ent- wickelte Universalpragmatik (Habermas), die funktionale Pragmatik (Bühler, Ehlich, Rehbein) und die Gesprächsanalyse (Sacks).30 Stephen C. Levinson, dessen 1983 er- schienenes Werk „Pragmatik“ bis heute ein Klassiker des Gebiets ist, gliedert in folgen- de fünf Teilbereiche: Deixis - Präsuppositionen - Konversationsstrukturanalyse - Kon- versations-Implikaturen - Sprechakte.31

Die Politolinguistik als Disziplin wird als Teilbereich in neueren Arbeiten ebenfalls der Pragmatik zugerechnet. Diese Arbeit kann keine vollumfänglichen pragmatischen Ana- lysen, die alle fünf Teilbereiche abdecken, liefern. Es wird daher ein besonderer Schwerpunkt auf Sprechakte gelegt; andere Bereiche werden, wo es sich anbietet, kurz angerissen. Wichtiger ist aber die Feststellung, dass die pragmatische Auffassung hier als spezifische Art der Sprachbetrachtung den Zugang zu den Texten liefert und be- stimmt.

1.4 Untersuchungsansatz und Definitionen der angewandten Begriffe

Wie oben bereits ausgeführt unterstellt diese Arbeit, teils auch aus heuristischen Grün- den, die Anwendbarkeit politolinguistischer Instrumente auf eine Gruppe von Sprach- nutzern, die vom klassischen Untersuchungsgegenstand der Disziplin etwas abweicht: den geistigen Anhängern des modernen Rechtsextremismus. Es geht also um Sprach- nutzer, die nicht parteigebunden sind, nicht in ressortgegliederten Apparaten der Regie- rungsorgane auftreten, keine Parteiämter bekleiden oder sonstige hierin nicht enthalte- nen institutionalisierte (Regierungs-)Ämter der Legislative innehaben. Dabei stellt die Analyse genau solcher Texte in den letzten Jahrzehnten den Löwenanteil der Untersu- chungen dar. Hier nun wird eine abweichende und diffusere Menge von Sprachnutzern zur Grundlage genommen: rechtsextremistische Texte. Dabei wird durchaus nicht aus- geblendet, dass es DEN Rechtsextremismus nicht gibt. Beinahe unüberschaubar viel- schichtig sind seine Strömungen, dennoch: Seine „Macher treffen sich in der Ablehnung der bestehenden Gesellschaftsordnung und des Christentums, in der Überzeugung vom Kampf zur Bildung einer völkischen Gemeinschaft und in der Abgrenzung von der Ge- genwartskultur.“32 Insofern wäre sicherlich auch eine soziolinguistische Perspektive aufschlussreich, die dann natürlich genauere Kenntnis über den soziodemographischen Aufbau der Sprachgemeinschaft in Bezug auf außersprachliche Parameter haben müss- te, als es die vorliegende Untersuchung hat.33 Hier aber wird nun eine Einengung wie oben beschrieben vorgenommen - und weitere Einengungen sind dringend von Nöten. So soll im Folgenden zuerst der Politikbegriff spezifiziert werden, danach folgen An- merkungen zum Verhältnis von Ideologie und Utopie und darauf anknüpfend einige kurze Bemerkungen zum Verständnis von Rechtsextremismus.

1.4.1 Weiter Politikbegriff

Der ganz überwiegende Anteil der politolinguistischen Analysen teilt die pragmatische Auffassung, wonach politisches Handeln meist sprachliches Handeln ist. „Sprache kon- stituiert gesellschaftliche Wirklichkeit (...)“, heißt es bei Girnth/Spieß (2002) mit Ver- weis auf Humboldt, der bereits die unbedingte Angewiesenheit der Sprache auf Gesell- schaft formulierte, und auf Wittgenstein, der die Existenz einer Privatsprache verneint.34 So dreht es sich bei politischem Sprachhandeln also auch um Wirklichkeitsdeutungen und die Konstitution von Wirklichkeit innerhalb bestimmter Situationen und Kontex- te.35 Diese pragmatische Analysestoßrichtung in Verbindung mit einem weiten Politik- begriff, der „alle Arten öffentlichen, institutionellen und privaten Sprechens über politi- sche Fragen (...)“ einschließt, hat einen offenen und weiten Gegenstandsbereich zur Folge:36 „Denn alles, was politisch wird, kann Gegenstand der Politolinguistik sein.“ Dem folgend ordnet diese Arbeit auch die um Zustimmung und Meinungsdurchsetzung werbenden rechtsextremistischen Texte dem Untersuchungsgegenstand zu.37 Inwiefern die Texte damit Untersuchungsgegenstand der Politolinguistik sein können, soll im Fol- genden behandelt werden.

1.4.2 Ideologie und Utopie

Wenn hier versucht werden soll, politolinguistische Verfahren auf den modernen Rechtsextremismus anzuwenden, könnte die Legitimität dieses Verfahrens auch aus definitorischen Gründen bestritten werden. Es hat sich etabliert, Ideologien als Untersuchungsgegenstand der Politolinguistik anzuerkennen.38 Daher soll im Folgenden diskutiert werden, ob der moderne Rechtsextremismus mit dem Konzept der Ideologie gefasst werden kann.39

Neusüss (1972) bemerkt zu Recht, daß die Vokabel „Utopie“ sehr unbeliebt, weil in- haltlich unscharf ist. Er vertritt die Position, daß beide voneinander abzugrenzen seien: „Ideologie und Utopie sind einander strikt entgegenzusetzende Begriffe und Phänome- ne.“40 Frei nach Horkheimer könne man sagen: Ideologie ist, während Utopie dagegen wirkt. „Bewirkt die Ideologie den Schein, so ist dagegen die Utopie der Traum von der „wahren“ und gerechten Lebensordnung.“41 Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal be- steht Neusüss zufolge darin, daß die Utopie stets einen primär deskriptiven Sinn, Ideo- logie meist einen analytischen Sinn habe.42 Utopie umreiße den Traum von der wahren und gerechten Lebensordnung. „Dann ist Utopie nicht bloß Alternative zum Ideologi- schen, sondern zugleich dessen Ferment, ja, vielleicht sein Anlass.“43

Mit Mannheim wurde es geläufig, den Begriff der Utopie im Zusammenhang mit Ideologie zu denken. Dies stellt auch Neusüss in Rechnung, wenn er formuliert: „Utopien wie Ideologien ist gemeinsam, dass sie standortgebundene und also partikulare Sichten der gesellschaftlichen Wirklichkeit sind.“44 Damit seien letztlich Formen utopischen Bewusstseins auch nur Ideologien: „Sie versuchen nicht, wie die Ideologien, vergangene Stufen des Seins als noch bestehend auszugeben, bleiben also nicht hinter der Gegenwart zurück, wollen vielmehr die erreichte Seinsstufe „transzendieren“, geistig und womöglich auch praktisch überholen. Der Unterschied zwischen Ideologien und Utopien besteht letztlich in der zeitlichen Richtungsorientiertheit.“45

Ähnlich argumentieren Ivaldi/Swyngedouw in einer Untersuchung französischer und flämischer rechtsextremistischer Vereinigungen:

„ Nach der Definition von Mannheim in Ideologie und Utopie (1929) kann die rechtsextreme Ideologie als ein ausgekl ü geltes System von Ideen bezeichnet werden, deren utopischer Charakter darin besteht, dass sie den gesellschaftlichen und politischen Status quo zur ü ckdrehen m ö chte. Hauptziel der rechtsex- tremen Utopie ist es, die bestehenden Machtverh ä ltnisse und regulierenden Normen in der heutigen Gesellschaft zu ver ä ndern. (...) Die extreme Rechte po- stuliert eine gesellschaftliche Ordnung, die noch nie wirklich existiert hat, und in ihrer Frustration ü ber die angebliche Unvollkommenheit der existierenden Ver- h ä ltnisse drohen sie damit, diese Utopie mit Gewalt wahr werden zu lassen (Merkl / Weinberg 1997). Der Charakter dieser Utopie als ein fest strukturiertes System ideologischer Glaubenss ä tze ist ein Schl ü sselfaktor, um den Aufstieg und die elektorale Stabilisierung des Rechtsextremismus nachvollziehen zu k ö n- nen. “ 46

Trotz bedeutsamer Veränderungen im Parteienwettbewerb habe sich das ideologische Fundament rechtsextremistischer Organisationen über die Jahre als beständig, ja sogar als anpassungsfähig bewiesen. So blieben oft taktische Anpassungen auf die Politur des politischen Stils und die Glättung radikaler Elemente reduziert.

Für Peter Zima grenzen sich Ideologien und Utopien ebenfalls in ihrer zeitlichen Orien- tierung voneinander ab: Während „(...) Ideologien anachronistisch sind und den sozialen Verhältnissen nicht mehr entsprechen (...) ist die Inkongruenz der Utopien dadurch zu erklären, daß sie ihrer Zeit vorauseilen.“47 Das Kriterium bei Mannheim war „Verwirk- lichung“, weshalb auch erst nachträglich beurteilt werden könne, ob Ideen Ideologien blieben oder adäquat verwirklichbar und damit (relative) Utopien wurden. Dies gipfele in einem alten Problem: es gibt keine Instanz, die dies entscheiden könnte. „Gäbe es eine homogene Gruppe in der Gesellschaft, die in der Lage wäre, wertneutral und ideo- logiefrei zu urteilen, könnte es möglicherweise gelingen, Ideologien von Utopien zu unterscheiden.“48 Da dies nicht gegeben ist, sei es nicht leicht, zu entscheiden, ob z.B. Nationalsozialismus und Faschismus Ideologien waren oder Utopien. Allerdings räumt Zima ein, dass der Gegensatz zwischen Ideologie und Utopie nicht wirklich relevant sei: „(...) weil jede Utopie aus einer Ideologie hervorgeht und (...) jederzeit zu einer Ideolo- gie im Sinne von Mannheim verkommen kann.“49 An Peter Zima anknüpfend geht diese Arbeit davon aus, dass der Rechtsextremismus in all seinen Varianten ein Ensemble von Ideologien ist. Er enthält beinahe immer die gleichen Ideologeme (siehe 1.4.3.). Zwar gibt es auch utopische Elemente, die jedoch, wie auch Zima argumentiert, an einzelne Anhänger geknüpft sind: „Subjektiv können seine Anhänger utopische Vorstellungen einbringen. Nach „außen“ hin kann er (in allen seinen Varianten) kaum mehr utopisch WIRKEN (sic!), weil seine utopische Wirkung durch den Zusammenbruch von Natio- nalsozialismus und Faschismus (...) stark eingeschränkt wird.“50 Damit kann die Unter- suchung rechtsextremistischer Äußerungen als Analyse ideologischer Texte mit polito- linguistischen Verfahren aus rein definitorischer Sicht versucht werden. Genauere Ana- lyseansätze werden in Kap. 2.3 ausgeführt.

1.4.3 Rechtsextremismus

Der moderne Rechtsextremismus ist derart vielschichtig, dass eine Definition fast von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. In vielen Studien wurde mit Recht auf die Hete- rogenität rechter Gruppen und ihre Verwurzelung in die je nationalen politischen Partei- ensysteme verwiesen.51 Im Folgenden sollen dennoch einige wichtige Hauptlinien skiz- ziert werden. Es handelt sich hierbei um Punkte, die rein statistisch gesehen bei den meisten rechtsextremistischen Gruppierungen vorkommen, jedoch nicht immer alle ge- geben sein müssen. Der moderne Rechtsextremismus ist eine Form des Nationalismus in aggressiver Ausprägung und in Verbindung mit Feindschaft oder Hass gegen Min- derheiten und Menschen anderer Herkunft. Dabei ist er ideologisch rigider und weniger kompromissbereit als die populistischen oder neo-populistischen Konzepte, die eher kontextunabhängig agieren und flexibler mit ihren Ideen umgehen. Er speist sich aus rassistischen, dualistischen und Anti-System-Strömungen und ist am äußersten rechten Rand zu verorten. Daneben setzen sich die ideologischen Inhalte aus antisemitischen, antiamerikanischen und anti-demokratischen Theorien zusammen und formieren einen Widerstand gegen demokratische Institutionen.52 Antiegalitäre Annahmen von der Un- gleichheit der Menschen bilden einen Kernwert. Der Mensch wird oftmals in ethnozen- tristischer Begründung von seiner Herkunft her gedacht: Im Neo-Rassismus, einem der größten ‚Steinbrüche’ zur Theorienbildung der neuen Rechten, wird die Menschheit in in-groups (zu denen das Individuum angeblich gehört) und out-groups (all die als anders wahrgenommenen Menschen) geteilt, jedoch wird diese Zuordnung nicht mehr nur aus der ethnischen Abstammung („Rasse“ ) hergeleitet, sondern z.B. auch aus Religion oder Kultur.53 Innerhalb der in-group wird unterschieden zwischen Menschen mit „richtiger“ Einstellung (national orientiert, ethnisch engagiert) und denen mit „falscher“ Einstel- lung (anti-national, kosmopolitisch, die sich ihrer Ethnie nicht verpflichtet fühlen). Die ersteren haben demnach höhere moralische Wertvorstellungen inne, die notwendig sei- en, um ein Gegengewicht zum herrschenden Egoismus herzustellen - also z.B. Opferbe- reitschaft, Verantwortungsbewusstsein, Solidarität u.ä. Sie bilden so einen Teil der Eli- te, die der ‚Volksmasse’ den richtigen Weg weisen soll, wobei die Unterscheidung zwi- schen Elite und Volk auf der Annahme beruht, die Menschheit sei im Wesentlichen schwach, aber in der Lage, die Bedrohung die auf ihr liegt zu erkennen. Ein solches elitär-unduldsames Sendungsbewusstsein, das Anstreben eines Führertums mit Tendenz zum Militarismus gelten als Weg hierhin.

Der moderne Rechtsextremismus folgt in aller Regel einem geschlossenen, monokausa- len Weltbild, verbunden mit der Annahme der Existenz eines generellen moralischen Verfalls (so können z.B. alle Formen der außerehelichen Beziehung, die keine Kinder hervorbringt, oder der Gebrauch von Drogen als unethisch gelten). Dies speist Kom- promissunwilligkeit und Intoleranz und befördert dualistische Deutungsmuster. Es gilt darüber hinaus das Primat der Unterordnung des Individuums unter die Gemeinschaft, eine holistische Gesellschaftskonzeption, in der der Einzelne aus seiner personalen Exi- stenz keine unabhängigen universellen Rechte ableiten kann, sondern im Gegenteil durch die Kerneinheit Familie aufs Engste mit der Gemeinschaft verwoben ist. Darüber hinaus besteht die Annahme eines Rechts durch Stärke sowie die Bereitschaft zur Ge- walt als Mittel der Durchsetzung eigener Vorstellungen. Gesellschaftstheoretisch wird ein dritter Weg neben Kommunismus und Kapitalismus angestrebt, unter Vorherrschen einer Anti-Parteien- und Anti-Establishment-Einstellung in Form einer generellen Ab- grenzung zum bestehenden politischen System. Es gilt das Konzept des Aufbaus einer neuen politischen Klasse mit dem Appell an den „Mann auf der Straße“, und es kommt auch weiterhin zur Verherrlichung und Bewunderung des NS-Staates bzw. der Relati- vierung seiner Verbrechen. Darüber hinaus ist eine hohe Anfälligkeit für Konspirations- theorien oder Esoterisches festzustellen.

Ein daraus hervorgehender und sicherlich berechtigter Einwand ist der Variantenreich- tum des modernen Rechtextremismus.54 Ob man daher von einer „Sprache des Rechts- extremismus“ sprechen kann, ist äußerst zweifelhaft - zu uneinheitlich sind seine Aus- prägungen. Wenn dies hier trotzdem geschieht, dann aus dreierlei Gründen: Zum Ersten ist es unvorteilhaft, einen Kommunikationsbereich wegen seiner Vielgestaltigkeit von vornherein auszuschließen. Eine Generalisierung eröffnet schließlich, wie es auch ande- re linguistische Bereiche (z.B. die Jugendsprache, Arbeitersprache usw.) zeigen, eine Grundlage, auf der weitere Spezifizierungen vorgenommen werden können. Zum Zwei- ten steht der Verdacht, die gänzlich uneinheitliche Gruppe der Rechtsextremisten könne gerade in der Sprache ein (das?) verbindende Glied haben: Sprachliche Chiffren und verschlüsselte Codes deuten darauf hin, „dass Geheimsprachlichkeit bewusst angestrebt wird“ und „das Ziel darin [besteht], sich gegen Verfassungsschutz und Polizei sprach- lich abzugrenzen. Die Möglichkeit, über solche Codes zudem Gruppenidentität zu stif- ten, ist ein weiteres Element, das zur sondersprachlichen Spezifik der Sprache des Rechtsextremismus zählt.“55 Letztlich kommen verschiedene sprachwissenschaftliche Untersuchungen durchaus zu Gemeinsamkeiten oder ähnlichen Befunden, was auf die Richtigkeit der These hindeutet, jedoch noch durch ausführlichere Untersuchungen abgesichert werden muss.

1.5 Vorbemerkungen zur Textauswahl

Als erste Einschränkung und anknüpfend an das vorangegangene Kapitel muss hier ge- sagt werden, dass in dieser Arbeit Texte des deutschsprachigen Raumes betrachtet wer- den. Darüber hinaus werden die theoretischen Abhandlungen mit praktischen Beispielen konfrontiert, welche zumeist aus Online-Quellen stammen. Dabei handelt es sich vor- rangig um Texte aus den rechtsextremen Foren „thiazi“ und „Freies Netz“. Die Foren enthalten eine sehr große Anzahl an Texten, deren umfassende Untersuchung den Rah- men dieser Arbeit bei Weitem sprengen würde. Um dennoch einen gewissen Quer- schnitt entstehen zu lassen, werden die folgenden Filterregeln für die Textauswahl auf- gestellt. Die Texte sollen nicht parteigebunden sein, nicht zu kurz sein (d.h. eine Länge von 15 Wörtern nicht unterschreiten), keine Erlebnisberichte sein (d.h. Demo-, Konzert- oder sonstige Veranstaltungsberichte o.ä.), keine Rezensionen sein (Besprechungen von Musik, Literatur, Magazinen oder Webseiten) bzw. sonstige wertende Kommentare über szenezugehörige Medien, wenn sie dem „Freien Netz“ entstammen, aus Sachsen kom- men (d.h. Freies Netz Leipzig, Dresden, Zwickau oder Chemnitz), und wenn sie nicht dem „Freien Netz“ entstammen, aus einem überregional nutzungsintensiven Web stammen (z.B. Störtebecker, altermedia oder thiazi). Wenn sie aus dem Forum „thiazi“ stammen, werden sie vermutlich aus einem Bereich des Forums kommen, der einen erhöhten ideologischen Gehalt erwarten lässt (das sind vermutlich die Bereiche „Regeln und Ausrichtung des Forums“, „Politische Diskussionen“, „Stammtisch“ und „Philoso- phie“).

Wie bereits eingangs erwähnt werden lediglich Texte gewählt, die keinen parteipolitischen Hintergrund haben, d. h. weder zum offiziellen Programm von oder zu Äußerungen von Funktionären der Parteien NPD, DVU o.ä. gehören. Auch diese Einschränkung geschieht aus praktischen Gründen zur Eingrenzung der in Frage kommenden Texte, andererseits aber auch, da sich jegliche Beurteilung politisch-administrativer „Durchsetzungskraft“ so von vornherein erübrigt.

Da sich auf Online-Quellen gestützt wird, scheint es angebracht, ein paar Bemerkungen zum Hypertext einzuschieben.56 Diese Arbeit geht davon aus, dass auch Hypertext mit den angewandten Analysen untersucht werden kann. Jedoch bestehen einige signifikan- te Unterschiede. Beim linearen Text kann sich der Leser, anhand der Gliederungshilfen, über die vorgegebene Textrichtung hinwegsetzen. Dies gilt für Hypertext in potenzier- tem Maße. Hypertexte jedoch sind offen für Interaktion durch den Rezipienten, es be- steht die Möglichkeit des aktiven Eingreifens in den Textwerdungsprozess. So ver- schwimmen die strikten Grenzen zwischen Rezipient und Konsument, Kohärenzbildung wird zu einer Aufgabe auf Rezipientenseite. Lineare Texte sind formal angeschlossen, Hypertexte hingegen von ihrer Struktur her unabschließbar. Die Schrift im Hypertext ist nicht an ihre Materialität gebunden, und es können gar unterschiedliche Textsegmente gleichzeitig dargestellt werden.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Vorbemerkungen zur Untersuchung politisch verwendeter Sprache

Wie also bereits im ersten Kapitel angedeutet, gilt es eingangs, den politischen und ideologischen Kommunikationsbereich deutlicher abzugrenzen. Nach der Abgrenzung sollen dann einige der bisher „erfolgreichsten“ Modelle, welche zur Analyse von Texten ebenjenes Kommunikationsbereichs entwickelt wurden, beschrieben und mit einer kurzen Kritik versehen werden.

2.1.1 Merkmale des Kommunikationsbereichs „Politik und Ideologie“

Der Kommunikationsbereich “Politik/Ideologie” wird in der Forschung mit einer Vielzahl von Differenzierungskriterien beschrieben und gegenüber anderen Bereichen abgegrenzt.57 Mit Girnth (2002) sollen hier die folgenden vier Kriterien, die bei weitem nicht alle vorgeschlagenen Punkte beinhalten, kurz umrissen werden:58

a) Ö ffentlichkeit: Innerhalb demokratischer Staatsformen vollzieht sich ein Großteil politischen Handelns im Spannungsfeld öffentlicher Meinungsbildung. Dennoch gibt es auch nicht-öffentliche Bereiche. Politik bedient sich jedoch fast immer massenmedialer Vermittlung und ist damit auf Massenmedialität (mit allen entsprechenden Folgen wie disperses Publikum, Verzögerung des Rückkanals etc.) angewiesen.
b) Gruppenbezogenheit: Dies drückt aus, dass in politischen Diskursen einzelne Teilnehmer auch immer Gruppen repräsentieren, nämlich eine als positiv begriffene Eigengruppe oder eine negative Fremdgruppe, mit entsprechend deckungsgleichen oder abweichenden Einstellungsstrukturen. Die Dichotomie von Eigen- und Fremdgruppe ist ein konstituierendes Element des Kommunikationsbereichs.
c) Mehrfachadressiertheit/Inszeniertheit: Politische Botschaften richten sich an ein massenhaftes, disperses Publikum. Diese Tatsache steht in enger Beziehung zum erst- mals von Edelmann (1964) formulierten doppelten Charakter politischer Kommunikation. Sie kann demnach auf der Ebene der direkten Interaktion zwischen den Akteuren wie auch auf der Ebene zwischen den Akteuren und einer nur indirekt beteiligten Öf- fentlichkeit stattfinden. Diese Mehrfachadressierung hat oft eine Vagheit und Polysemie der Ausdrücke zur Folge, da ungleiche Interessen verschiedener Gruppen berücksichtigt werden müssen.
d) Konsens-/Dissensorientiertheit: Politisch angewandte Sprache verfolgt als Ziel eine kommunikative Verständigung, wobei es die These eines Minimalkonsens gibt: Der „antiautoritäre Grundkonsens“ als „Überlebensvoraussetzung der pluralistischen Demo- kratie“59. Ein Ziel muss hierbei nicht zwingend durch Konsens erreicht werden, indem das Anstoßen eines Diskurses auch zur Schaffung oder Aufrechterhaltung eines Dissen- ses geschehen kann.

2.1.2 Modelle zur Analyse politisch/ideologisch gebrauchter Sprache

Nach der Abgrenzung des Bereichs schließt sich folgerichtig die Frage an, nach wel- chen Modellen eine Analyse geschehen könnte, welche Fragen sie leiten könnten. Die folgenden fünf Modelle zur Analyse politisch gebrauchter Sprache, basierend auf der Beschreibung in Girnth (2001), eint, dass sie von einer pragmatischen Auffassung aus- gehen.

a) Agitationsmodell (Klaus 1971)

Im Band „Sprache in der Politik“ führt Klaus die Rolle des Agitators als derjenigen Per- son, die sich in der Sprache der Politik bewegt, aus. Klaus argumentiert aus einer marxi- stisch-leninistischen Ausrichtung heraus und bestimmt die Aufgabe des Agitators als mit Beeinflussung der angesprochenen Menschen mit dem Ziel einer intendierten Ver- haltensänderung. Den Agitator fasst Klaus als parteilich auf, was kein Nachteil sei, und das richtige Vorgehen zum Erreichen des Primärzieles lautet: „Langweilige Agitation, die also an sich Richtiges sagt, aber so, daß es nicht aufgenommen wird, hebt sich in ihrer Wirkung mehr oder weniger selbst auf.“60 Ein sekundäres Ziel der Arbeit des Agi- tators bestehe darin, agitative Anstrengungen gegnerischer Lager (von Klaus abwertend mit „Manipulation“ bezeichnet) zu durchschauen und auszuhebeln. Klaus benennt vier Arten von Zeichenrelation61: die syntaktische Relation (Verknüpfung des Zeichens mit anderen Zeichen), die semantische Relation (das Zeichen bedeutet), die Stigmatische Relation (das Zeichen bezeichnet etwas) sowie die pragmatische Relation (das Zeichen wird benutzt, verstanden und löst eine Reaktion aus). Aufbauend auf diesem Modell analysiert Klaus die in der politisch angewandten Sprache auftretenden Zeichen unter semiotischen Gesichtspunkten und benennt ihre Funktion dahingehend, dass sich unter ihrem Einfluss die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Verhalten von Individuen, Gruppen oder „Klassen“ erhöhe. Da die Zeichen eine triadische Struktur aufweisen, könne auch der Agitator diese in dreifacher Hinsicht verwenden und müsse je nach Si- tuation entscheiden, welche der drei Komponenten in der jeweils aktuellen Situation Vorrang haben soll: die Möglichkeit zur Bezeichnung (designative Komponente), Be- wertung (appraisive Komponente) oder Verhaltensanweisung (preskriptive Komponen- te).62 Folglich können Texte auch auf ihre designative Komponente, appraisive Kompo- nente oder preskriptive Komponente hin untersucht werden. Die ideologische Vorprä- gung der Studie ausgeblendet kommt ihr der Verdienst zu, die pragmatische Dimension einer politisch verwendeten Sprache erstmals durchgängig in den Vordergrund zu stel- len. Sie stellt damit auch ein Inventarium zur systematischen Beschreibung politischer Sprache vor.

b) Persuasionsmodell (Kopperschmidt 1973)

Kopperschmidt fragt nach den „situativ-konkreten Randbedingungen in Kommunikati- onsakten persuasiven Charakters“ und setzt als Ziel seiner Theorie, eine Rhetorik zu entwickeln, die dies in eine anwendbare Theorie einarbeitet. Rhetorik begreift er dabei als vernunftgeleitete Disziplin, nicht als technologische Theorie. Vernünftiges Reden sei, durch Argumentation die handlungsleitenden Ziele des Empfängers mit denen des Senders in Einklang zu bringen. Wenn Kommunikationsakte dieses erreichen, seien sie persuasive Kommunikationsakte.63 Er sucht somit nach einer Grammatik des vernünfti- gen Redens. Persuasive Kommunikation hat für Kopperschmidt drei wesentliche Merkmale: Sie ist mittelbar, sprachlich und argumentativ. Daran anschließend stellt Kopperschmidt den Versuch auf, die Struktur persuasiver Sprechakte, basierend auf Austin und Searle, zu beschreiben: Die vorgenommene Handlung sei demnach das An- führen bestimmter Argumente für oder gegen einen Sachverhalt. Sieben Bedingungen seien es demnach, die für das Gelingen eines persuasiven Sprechaktes notwendig sind:

Beziehungsebene: Beide Kommunikationspartner sind subjektiv und faktisch in der Lage und willens, gleichberechtigt zu interagieren Glaubw ü rdigkeit: Der Argumentierende ist am Konsens ernsthaft interessiert Mittelwahl: Gleichwohl verpflichtet sich der Argumentierendem jedwede Ent- scheidung seines Gegenübers zu respektieren und nicht durch persuasionsfremde Mittel zu beeinflussen (Bsp.: Befehl als nachfolgender Sprechakt ausgeschlos- sen) Verm ö gen: Das Gegenüber ist in der Lage zu einer Auseinandersetzung mit den vorgebrachten Argumenten und könnte grundsätzlich überzeugt werden Bereitschaft: Das Gegenüber ist ferner bereit, sich überzeugen zu lassen Verl ä sslichkeit: Das Gegenüber verpflichtet sich, nicht wider seine Überzeugungen zu handeln Thematik: Thema der Auseinandersetzung ist ein Sachverhalt, der einen stritti- gen Charakter inne hat und so einen Dissens zwischen den Beteiligten zulässt Augenscheinlich ist, dass nicht alle Aspekte uneingeschränkt auf alle Bereich politisch oder ideologisch angewandter Sprache anwendbar sind. Parteiinterne Kommunikation kann durchaus anders verlaufen. Die strukturelle Kenntnis konsensorientierter überzeu- gender Sprechakte ist dennoch nützlich zur Erfassung anderer Formen des Überredens.

c) Lexikologisch-argumentatives Modell (Gr ü nert 1974)

Grünert geht von der Existenz gruppenspezifischer Zeicheninventare aus, in denen sich die jeweiligen Denkmuster und Wertvorstellungen bündeln, und nennt diese „Ideologie- sprache“. Explizit verweist Grünert auf den pragmatischen Aspekt, wenn er in einer Untersuchung den Menschen und seine Gesellschaft einbezieht: Das isolierte ideologie- sprachliche Zeichen sei in einen engeren Kontext (Beziehung der sprachlichen Zeichen untereinander) und in einen weiteren Kontext (die historisch-gesellschaftliche Situie- rung, die politisch-ideologischen Umstände und die argumentativ-kommunikativen Fak- toren des Sprachgebrauchs; auch: ideologischer Kontext) eingebettet. Erst in diesen Kontexten könne das Zeichen seine Funktion im pragmatischen Sinn, seinen argumenta- tiven Wert seine Funktion entfalten.

Um zu zeigen, wie die vonstatten geht, entwickelt Grünert ein Modell innerhalb eines theoretischen Rahmens, in dem er fünf Argumentationskategorien annimmt:

Destination (= in der politischen Kommunikation thematisierte, außersprachliche Gegenstände) Fundation (= sprachliche Kodierungen politischer Theoreme, also politische Theorie und Philosophie) Motivation (= Motivierung einer gegebenen Destination, also sprachliche Mittel zur Erreichung eines Ziels), die auf einer präsentisch-horizontalen Achse liegen retrospektive Kausation (= Begründung einer bestimmten Destination) und prospektive Konsekution (= zukünftige Folgen aus der Realisierung einer bestimmten Destination, die auf einer präterital-futuristischen Achse liegen.)

Die Destination ist die zentrale Argumentationskategorie, da alle anderen Kategorien schlussendlich auf sie bezogen sind. Innerhalb dieser Kategorien lassen sich nun ideologiesprachliche Zeichen einordnen, wobei der Argumentationsweg je nach Lauf über verschiedene Kategorien effektiver sein kann oder auch nicht. Um dieses Kategoriensystem für die Analyse politischer Sprache sinnvoll einzusetzen, muss noch der Faktor Zweiwertigkeit eingezogen werden: Zeichensysteme sind dualistisch, besonders in der politischen Auseinandersetzung. Sie referieren auf ein ideologiesprachliches Eigensystem (Internum) ebenso wie auf ein ideologiesprachliches Fremdsystem (Externum), und dienen in beide Richtungen zur Identifikation.

Grünerts lexikalisch-argumentatives Modell erlaubt detaillierte Sprachgebrauchsanalysen, nicht zuletzt dank der Einbettung des (ideologischen und zweiwertigen) Vokabulars in Argumentationsmodelle.

d) Sprachhandlungsmodell (Holly 1990)

Holly untersucht sprachliche Handlungen innerhalb bestimmter institutioneller Formen von Kommunikation, und stellt diese Frage in das Zentrum seines Sprachhandlungsmo- delles. Er unterscheidet in seiner Studie (Forschungsdesign war die Begleitung eines Bundestagsabgeordneten) zwischen internen und externen Funktionen. So zeigt Holly, dass von einem Gespräch oder einer Sprechhandlung neben der dominierenden, vorder- gründigen Sprechhandlung auch weitere Sprechhandlungen realisiert werden.64 Grund- sätzlich können Handlungen durch Ketten von Mustern beschrieben werden. Diese Mu- ster sind dann durch „indem-Relationen“ verknüpft. Außerdem ist es auch möglich, nach mehreren Mustern gleichzeitig zu handeln, was dann in „und zugleich“ oder „wo- bei“ seinen Ausdruck findet. Allein stehend ist das Sprachhandlungsmodell, das den pragmatischen Ansatz am konsequentesten verfolgt, sicher zu fokussiert, um aussage- kräftige Analysen erstellen zu können. Es sollte in der Kombination mit anderen Me- thoden angewandt werden, um der Gefahr eines bloßen interpretierenden Nacherzählens zu entgehen.

e) Kommunikationsmaximen (Heringer 1990, Grice 1975/1979)

Heringer und Grice rekonstruieren Voraussetzungen, deren Befolgung eine gelingende, also effektive und moralisch begründete Kommunikation seien. Die Idee, es gebe Prinzipien, die den Verstehensprozess steuern, findet sich bei Grice: Er nennt folgende vier „Kommunikationsmaximen“:

Quantit ä t: Dein Beitrag sei so informativ, wie für die gegebenen Zwecke nötig. Dein Beitrag sei aber nicht informativer als nötig.

Qualit ä t: Dein Beitrag enthalte nichts, was du für falsch hältst. Die Beitrag enthalte nichts, was nicht angemessen begründet sei.

Relation: Dein Beitrag sei relevant.

Modalit ä t: Vermeide Undeutlichkeit, Mehrdeutigkeit, unnötiges Ausschweifen deines Beitrages. Vermeide ein Vorgehen nicht der Reihe nach!

[...]


1 Burkhardt (1996), S.75. Auf die zwar durchaus berechtigte terminologische Auseinandersetzung inner- halb des Forschungsbereichs, ob die Benennung „politische Sprache“ oder „Sprache der Politik“ tauglicher sei, sei aus Platzgründen an dieser nur verwiesen. Sie wird skizziert ebd., S. 77 ff. An dieser Stelle sei der Vollständigkeit halber noch darauf verwiesen, dass ich Zitate und Über- nahmen der neuen Rechtschreibung anpasse, wo dies nicht aus stilistischen, gestalterischen oder künstlerischen Gründen verfremdend wirkt. In solch einem Fall erfolgt eine gesonderte Kenn- zeichnung. Darüber hinaus werden in dieser Arbeit, der einfacheren Lesbarkeit halber, nur männliche Formen verwendet, wo Formen beiderlei Geschlechts nutzbar wären. Es stellt dies selbstverständlich keinerlei (Ab-)Wertung oder gar Diskriminierung dar und steht stets für beide Geschlechter. Schließlich wird in einigen Fällen, ebenfalls aus Gründen der vereinfachten Lesbarkeit, lediglich der einfache Konjunktiv verwendet.

2 Burkhardt (2001), S. 1.

3 vgl. Burkhardt (1998), S. 100.

4 Prominenteste Beispiele sind Victor Klemperers „Lingua Tertii Imperii“ und „Aus dem Wörterbuch der Unmenschen“ von Sternberger / Storz / Süßkind. Tatsächlich wurden die ersten Untersuchungen von Journalisten und Politologen vorgelegt, ab den späten 50er Jahren kamen dann auch ver- mehrt sprachwissenschaftliche Untersuchungen dazu. Das Hauptinteresse galt dabei natürlich Reden und Schriften nationalsozialistischer Führungspersonen.

5 Burkhardt (1996), S. 76. Was hier bisher unterschlagen wurde und hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt sein soll ist eine Schule, die Politlinguistik in sprachreflexiver und sprachkritischer Wei- se versteht (vgl. z.B. Roth, Kersten Sven: Politische Sprachberatung als Symbiose von Linguistik und Sprachkritik. Zu Theorie und Praxis einer kooperativ-kritischen Sprachwissenschaft. Tübin- gen 2004.) Hier wird i.d.R. der Anschluss an die Politologie und Geschichtswissenschaft gefor- dert: „ Die Politolinguistik kann nur als Gesellschaftswissenschaft konzipiert werden. “ (Roth 2004, S. 38). Einer sprachidealistischen Auffassung, wonach „politische Sprache mit anderen Worten das Denken und Handeln der Bürger in genau programmierbare Bahnen zu lenken ver- mag, aus denen es kein Entrinnen gibt“ (Bandhauer, Wolfgang: Kritik der Kritik. Anmerkungen zur politischen und ideologischen Dimension des Sprechens über die Sprache der Politik, S. 235. In: Sprache in der Politik - Politik in der Sprache. Analysen zum öffentlichen Sprachgebrauch. Hg. v. Ruth Wodak u. Florian Menz. Klagenfurt 1990.) steht also eine sprachmaterialistische Sicht gegenüber, welche davon ausgeht, dass vielmehr die Lebensbedingungen der Menschen ihr Bewusstsein und ihre Sprache beeinflussen (vgl. Girnth 2002, S. 5f.).

6 Einen ausführlicheren Forschungsüberblick geben in gegenseitiger Ergänzung die Bände von Klein (1989), Liedtke/Wengeler/Böke (1991) und Dieckmannshenke / Klein (1996)

7 Vgl. hierzu z.B. den Band Busse, Dietrich / Hermanns, Fritz / Teubert, Wolfgang (Hg.): Begriffsge- schichte und Diskursgeschichte. Methodenfragen und Forschungsergebnisse der historischen Semantik. Opladen 1994, sowie die Arbeiten der Düsseldorfer Abteilung für Germanistische Sprachwissenschaft, v.a. das Projekt „Sprache des Migrationsdiskurses“.

8 Die Rückführung auf die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus z.B. bei Girnth (2002), die Bezeich- nung „Begriffsfetischismus“ bei Holly (1990), S. 86.

9 Girnth (2002), S. 10.

10 Besonders zu erwähnen ist hier die Studie von Holly (1990), der das Sprachhandeln eines Bundestags- abgeordneten in bestimmten konkreten Situationen analysiert hat. Die Untersuchung wurde pa- radigmenbildend für den Zweig.

11 Girnth (2002), S. 11.

12 Vgl. Herrgen, Joachim: Die Sprache der Mainzer Republik (1792/93). Historisch-semantische Untersu- chungen zur politischen Kommunikation. Tübingen 2000. S. 37.

13 Girnth (2002), S. 11. Ergänzend sei hier noch der Hinweis gebracht, dass sich eine Hauptfrage durch die gesamte Geschichte des Forschungsbereichs zieht: die nach der Bewertung des Untersu- chungsgegenstandes. Die Frage der Sprachkritik wurde in den 80er Jahren umfassend diskutiert, doch ein methodologisch und linguistisch abgesicherter Katalog für die Bewertung politischer Sprache fehlt noch. Vgl. Kilian, Jörg: Sprache in der Politik. Ein einführender Überblick. In: Praxis Deutsch 21/Nr. 125. 1994. S. 4-10.

14 Schema aus: Linke/Nussbaumer/Portmann (2004), S. 6

15 Vgl. zu ausführlicheren Definitionen: Metzler Lexikon Sprache, Bußmann, Blank: Einführung in die lexikalische Semantik, ausführlicher: Nöth, Winfried: Handbuch der Semiotik. Stuttgart 1985.

16 Nöth, Winfried: Handbuch der Semiotik. Stuttgart 1985. S. 19.

17 Morris, Charles William: Signification and Significance. Cambridge 1964. Weiterhin das 1938 erschie- nene Grundlagenwerk „Grundlagen der Zeichentheorie. Ästhetik und Zeichentheorie“ sowie die zeichentheoretischen Schriften von Charles Sanders Peirce und Umberto Eco.

18 Letzterer wird in manchen Darstellungen ausgelassen. Bußmann (2008) führt ihn mit an.

19 Nur einige wenige Anmerkungen sollen hier, in Anlehnung an Pörksen (2000), gemacht werden. Pörk- sens Arbeit fühlt sich dem (radikalen) Konstruktivismus verpflichtet. Kernthese dieser Auffas- sung ist: „Der Beobachter - der Erkennende - kann aus keinem Prozess des Erkennens heraus- gekürzt werden.“ Diese Auffassung, die in Pörksens Arbeit sehr überzeugend dargelegt und an- gewandt wird, hat einige unbestreitbare Vorteile für die Auseinandersetzung mit neonazisti- schem und rechtsextremistischem Gedankengut zur Folge: „Man gerät (...) nicht mehr so leicht in die Gefahr eines dogmatischen Streits um die korrekte Realitätsauffassung (...). Der Gestus der selbstüberzeugten Entlarvung und die wissenschaftlich bemäntelte Bewertung von Streitfra- gen, die Sprach- und Diskursanalysen innerhalb der Linguistik lange Zeit marginalisiert haben, sind aus dieser konstruktivistischen Perspektive nicht mehr vertretbar. Man ersetzt sie durch die wertneutrale Frage, wie und mit welchen sprachlichen Mitteln (...) feindselige Konstruktionen der Wirklichkeit erzeugt werden und wie sich dieser Prozeß der Beobachtung selbst beobachten läßt.“ (Pörksen 2000, S. 28.). Hieraus erwächst natürlich die unhintergehbare Vielfalt von Reali- tätsauffassungen. Obgleich es als Theoriegebilde für diese Arbeit zu weit führt, schließe ich mich in einigen wichtigen Punkten diesem Ansatz an. So wird darauf verzichtet, die Entgegensetzung der Begriffe Wahrheit, Wissenschaft, Wirklichkeit dem der Ideologie entgegenzusetzen, und es werden jegliche Widerlegungsanstrengungen unterlassen.

20 Rolf Bachem: Einführung in die Analyse politischer Texte, München 1979. S. 23.

21 Bachem (1979), S. 23 mit Verweis auf Eco, Umberto: Einführung in die Semiotik. München 1972. (= UTB 105). S. 168ff.

22 Schlieben-Lange, Brigitte: Linguistische Pragmatik. Stuttgart u.a. 1979. S. 11.

23 Ernst, Peter: Pragmalinguistik. Grundlagen, Anwendungen, Probleme. Berlin/New York 2002. S. 5.

24 Statt Pragmalinguistik als Terminus wird synonym auch verwandt: Linguistische Pragmatik, Sprach- pragmatik oder auch nur Pragmatik. In dieser Arbeit wird letzterer verwendet und in Fällen, in denen nicht der linguistische Zweig gemeint ist, entsprechend darauf hingewiesen.

25 Ob Kommunikation jedoch als Verhalten oder als Handlung zu werten ist, wurde in der Literatur unter- schiedlich beurteilt. Watzlawicks berühmter Feststellung, man könne nicht nicht kommunizieren, lag die Auffassung zugrunde, Kommunikation sei ein Verhalten, welches ein Einzelner zeigt und so andere beeinflußt. Lenke u.a. (1995) schränken ein, Handeln sei eine ganz bestimmte Verhal- tensweise, Verhalten hingegen jedes Tun oder unterlassen (Lenke u.a. 1995, S. 121). Janich (2004) ergänzt, Handlungen seien diejenigen Regungen, die ge- oder mißlingen könnten.

26 Kotext ist ein von J. C. Catford eingeführtes Kunstwort und bezeichnet den 'situationellen Kontext' im Unterschied zu sprachlichem Kontext. Vgl.: Bussmann (2008), S. 379.

27 Zum Beispiel bei: Lyons, John: Linguistic Semantics. An introduction. Cambridge 1995.

28 Vgl. Gazdar, Gerald: Pragmatics. Implicature, Presupposition, and Logical Form. New York 1979; dt. Übersetzung zit. nach Levinson (2000), S. 13; Vgl. auch Ernst (2002) und Meibauer (2001).

29 Ernst (2002), S. 15. Es sei noch auf Meibauers Anmerkung verwiesen, der zwei Wege sieht im Ver- such, Pragmatik zu definieren: Einen eher an der Form orientierten und einen eher an der Funk- tion ausgerichteten. Zur genaueren Unterscheidung und den Positionen der Formalisten und der Funktionalisten vgl.: Meibauer, Jörg (2006), S. 3.

30 Die Gesprächsanalyse ist konstruktivistisch orientiert und wird, obgleich das eigentliche Handeln hier nicht im Mittelpunkt steht, gelegentlich der Pragmatik zugerechnet.

31 Vgl. die aktuelle dritte Auflage: Levinson, Stephen C.: Pragmatik. 3. Aufl. Tübingen 2000.

32 Engert, Marcus: Sprache des Rechtsextremismus - Merkmalsbestimmung auf der Grundlage der sprac- hlichen Analyse von vier sächsischen Magazinen. In: Schuppener, Georg (Hg.): Sprache des Rechtsextremismus. Spezifika der Sprache rechtsextremistischer Publikationen und rechter Mu- sik. Leipzig 2008. S.78-95. S. 94.

33 Und auch psycholinguistische Untersuchungen wären vermutlich sehr reizvoll, indem zwei der traditio- nellen psycholinguistischen Fragestellungen, nämlich des Behaviorismus (Sprache als ein ,Sich- Verhalten’) und der sprachlichen Relativität (Sprachstruktur als Weltdeutung) vielleicht Er- kenntnisse bei der Frage bringen könnten, ob die enorm heterogene Gruppe des Rechtsextremis- mus hier vielleicht übergreifende, verbindende Elemente ein.

34 Girnth/Spieß (2006), S. 7. Der Verweis auf Humboldt bezieht sich auf Humboldts Schrift „Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues (zitierte Ausgabe hier: Flitner, Andreas / Giel, Klaus (Hg.): Schriften zur Sprachphilosophie. Werke in fünf Bänden. Bd.3, S. 196), der Hinweis auf Wittgenstein auf den § 258 in Wittgensteins „Philosophischen Untersuchungen“, vgl. Witt- genstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. Auf der Grundlage der kritisch-genetischen Edition neu hg. v. Joachim Schulte. Frankfurt a. M. 2003.

35 Ebd. Auf die Problematik des Begriffs „Wirklichkeit“ wurde bereits verwiesen.

36 Burkhardt (1996), S. 79. In dieser Auffassung schließt Burkhardt an Strauß (1989 u.a.) und Sarcinelli, Ulrich: Politische Kommunikation in Deutschland. Zur Politikvermittlung im demokratischen System. Wiesbaden 2005. Vgl. Girnth/Spieß (2006), S. 8.

37 Dabei wird nicht ausgeblendet, daß es unter diesen Voraussetzungen keine fest definierten Kriterien geben kann, die den Kommunikationsbereich „Politik i.w.S.“ von anderen Bereichen genau ab- grenzen. Es müßten sich aber doch „einige zentrale und typische Merkmale politischen Spre- chens ausmachen“ (vgl. Girnth/Spieß 2006, S. 9) lassen, die für den Bereich auch konstitutiv sein können. Vgl. hierzu Kap. 2.1.1 dieser Arbeit.

38 Dies scheint zurückzugehen auf Walther Dieckmann, der 1969 in „Sprache in der Politik“ Ideologie- sprache als einen Teil des politischen Wortschatzes aufführt. Dem schlossen sich in der Folge viele Autoren an. Siehe dazu Kap. 2.2.1.

39 Mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Ideologie und Utopie befassen sich u.a.: Arnhelm Neu- süss (Hg.): Utopie. Begriff und Phänomen des Utopischen. 2. Auflage Berlin 1972. (= Soziologi- sche Texte 44); Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 7. Aufl. Frankfurt/Main 1985; Raymond Boudon: Ideologie. Geschichte und Kritik eines Begriffs. Reinbek 1988; Peter V. Zima: Ideolo- gie und Theorie. Eine Diskurskritik. Tübingen 1989.

40 Neusüss (1972), S. 15.

41 Max Horkheimer: Anfänge der bürgerlichen Geschichtsphilosophie. Stuttgart 1930. Zit. nach: Neusüss (1972), S. 15.

42 Neusüss (1972), S. 28. Ebenfalls hier: „Anders verhält es sich dagegen beim Thema der Utopie. Dessen Begriff hatte nie analytischen Charakter und war folglich nie Kernkategorie einer kritischen Ge- sellschaftstheorie.“

43 Neusüss (1972), S. 15.

44 Neusüss (1972), S. 25.

45 Ebd.

46 Ivaldi, Gilles/ Swyngedouw, Marc: Rechtsextremismus in populistischer Gestalt: Front National und Vlaams Blok. In: Decker, Frank: Populismus: Gefahr für die Demokratie oder nützliches Korrek- tiv? Wiesbaden 2006. S.121-143, S. 122.

47 Zima (1989), S. 104.

48 Zima (1989), S. 104.

49 Korrespondenz Zima-Engert vom 24.11.2009, unveröffentlicht.

50 Korrespondenz Zima-Engert vom 24.11.2009, unveröffentlicht. Ideologie stünde demnach also nicht im Gegensatz zur Utopie, vielmehr (da sie durch ihre restriktiven Verfahren das Denken behindere) zur Theorie, was wiederum ein Problemfeld öffnet: Theoriebildung ohne Ideologie als soziales Engagement ist ebenfalls schwer denkbar.

51 Decker, Frank: Der neue Rechtspopulismus. Opladen 2004; Eatwell, Roger / Mudde, Cas: Western Democracies and the New Extreme Right Challenge. London/New York 2004; Schain. Martin / Zolberg, Aristide / Hossay, Patrick (Hg.): Schadows over Europe: the development and impact of the extreme right in Western Europe. New York 2002; Hainsworth, Paul (Hg.): The Politics of the Extreme Right. From the Margins to the Mainstream. London/New York 2000; Betz, Hans- Georg / Immerfall, Stefan (Hg.): The New Politics of the Right. Neo-Populist parties and Move- ments in Established Democracies. New York 1998; Reinalter / Petri / Kaufmann (1998).

52 Wenn von Anti-Autorität gesprochen wird, meint dies nicht das Ablehnen von Autoritäten an sich, sondern die Ablehnung heute gültiger Autoritäten.

53 Dabei ist, wenig überraschend, festzustellen, dass aufgrund eines anti-rassistischen und anti- faschistischen Tabus nach dem Zweiten Weltkrieg und entsprechender Gesetze Formulierungen, welche offen auf biologische, ethnische, genetische usw. Unterschiede anspielen, aus dem Voka- bular der extremen Rechten entfernt und durch andere Bezeichnungen ersetzt wurden. Das ge- dankliche Kernpotential blieb jedoch erhalten. So konnte gezeigt werden, dass in den späten 70er Jahren in Frankreich sich ein theoretischer Rahmen des kulturellen Rassismus herausbilden konnte, der die Betonung auf angebliche sittliche und kulturelle Unterschiede zwischen Europä- ern und Nicht-Europäern legte und sich, um dem Vorwurf des offenen Rassismus zu entgehen, des egalitären Vokabulars der Linken bediente, während in den Neunzigern wieder biologisti- sche Begründungen auftauchten. (vgl. Ivaldi 2003, S.4 und ff.)

54 Als geschlossenes Weltbild trat der Rechtsextremismus erstmal nach dem Ersten Weltkrieg auf und speiste sich aus älteren ideologischen Strömungen wie Sozialdarwinismus, Biologismus, Rassen- antisemitismus, Anti-Bolschewismus etc. (vgl. hierzu z.B. Benz 1988, S. 40). Einiges davon hat sich erhalten, neu ist hingegen die Gewalt auf der Straße, medienwirksame Inszenierungen und Sympathisantenwerbung in bestimmten sozialen Umgebungen.

55 Schuppener (2008), S. 11.

56 Vgl. ausführlicher zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Text und Hypertext: Tiedge, Dagmar (1997).

57 Ein diskurstheoretischer Versuch, den politischen Diskurs durch Abgrenzung zu anderen Diskursen (wie dem poetischen) zu beschreiben, findet sich bei Morris, Charles Williams: Signs Language and Behaviour. Cambridge/London 1946.

58 Für ausführlichere Darstellung sowie jeweils weiterführende Literaturhinweise s. Girnth (2002), S. 33.

59 Bergsdorf, Wolfgang: Herrschaft und Sprache. Studie zur politischen Terminologie der Bundesrepublik Deutschland. Pfullingen 1983. S. 20. Zit. nach: Girnth (2002), S. 35. Dieser Grundkonsens scheint beim vorliegenden Bereich nicht gegeben, vgl. hierzu Kap. 2.1.3.

60 Klaus, Georg: Sprache in der Politik. Berlin (Ost) 1971. S. 17.

61 Klaus baut hierbei auf der Zeichentheorie von Charles W. Morris auf, einem amerikanischen Semioti- ker. Morris entwickelt im Gegensatz zu de Saussure eine Theorie, die mehr dem Zeichenge- brauch zugewandt ist, als dem systemhaften Charakter von Zeichen. Er erkennt die wechselseiti- ge Anerkennung von „langue“ und „parole“ durchaus an, definiert das Zeichen aber in Aktion und nicht unabhängig von seinem Gebrauch. Während Saussure an die „realistische“ Tradition anknüpft, verfolgt Morris die „nominalistische“ Tradition. Vgl. ausführlicher zu Morris´ Theorie: Traban, Jürgen: Elemente der Semiotik, Tübingen 1996, Kap. 5.2, S. 65 ff.

62 Weiterhin benennt Klaus bestimmte „hochaggregierte Symbole“, mit denen auf einer sehr hohen Ab- straktionsstufe Sachverhalte bezeichnet werden. Diese dienten ebenfalls dazu, „bestimmte Hand- lungen der Massen“ (Klaus 1971, S. 169) zu erzeugen.

63 Damit weicht der von Kopperschmidt verwendete Persuasionsbegriff von anderen, allgemeineren Defi- nitionen ab, die schon die Beeinflussung von Meinungen und Einstellungen sowie subtilere For- men, dies zu erreichen (z.B. vorsichtige oder täuschende Überredung), integrieren.

64 Typische Sprachhandlungsmuster sind demnach INFORMATION, BEWERTUNG, LEGITIMATION, WERBUNG, BELEG, SOLIDARISIERUNG u.a. Vgl. Holly, Werner: Politikersprache: Insze- nierungen und Rollenkonflikte im informellen Sprachhandeln eines Bundestagsabgeordneten. Berlin/New York 1990.

Details

Seiten
123
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668315754
ISBN (Buch)
9783668315761
Dateigröße
2.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199900
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,3
Schlagworte
Sprache Rechtsextremismus Sprache des Rechtsextremismus Neonazis Linguistik Politolinguistik politische Sprache Extremismus Pragmatik Lexik Politik Ideologiegebundenheit Polysemie Sprechakt Sprachspiel Sachperspektive Handlungsperspektive rechte Sprache

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Titel: Untersuchungsansätze zum Sprachgebrauch im Rechtsextremismus