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Die Dramenstruktur Goethes "Götz von Berlichingen" vor dem Hintergrund der Epoche des Sturm und Drang

Hausarbeit 2007 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Entstehungsgeschichte des Stückes

3.Die Epoche des Sturm und Drang

4 Die Dramenstruktur und der Sprachstil des Götz von Berlichingen
4.1 Die drei aristotelischen Einheiten
4.2 Auffälligkeiten der Sprache
4.3 Verletzung weiterer Dramentraditionen
4.4 Überreste klassischer Dramenstruktur

5.Schlussbemerkung

6.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Johann Wolfgang Goethes Drama Götz von Berlichingen wirkte wegweisend für die gesamte zeitgenössische als auch für die nachfolgende Literaturproduktion und Literaturrezeption. Das Werk stellte in der damaligen Zeit für die gebildeten Gesellschaftsschichten einen literarischen Skandal erster Güte dar. Goethe brach in seinem Götz von Berlichingen mit der Tradition Dramen im klassischen Stil zu schreiben, der von Aristoteles eingeführt und geprägt worden war. Goethe entschied sich jedoch bewusst gegen diese Norm, was sich vor allem mit seinem Kontakt zu Johann Gottfried Herder als auch mit seiner Faszination für Shakespeare erklären lässt.

,,Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich auf zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ich wie ein Blindgeborener, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenkt. [...]. Ich zweifelte keinen Augenblick, dem regelmäßigen Theater zu entsagen. [...]. Undjetzo, da ich sahe, wie viel Unrecht mir die Herrn der Regeln in ihrem Loch angetan haben, wie viel freie Seelen noch drinne sich krümmen, so wäre mir mein Herz geborsten, wenn ich ihnen nicht Fehde angekündigt hätte und nicht täglich suchte ihre Türme zusammenzuschlagen."1

Der junge Goethe hatte ein Stück geschrieben, welches durch vielerlei Neuerungen bestach, der Regelpoetik eine Absage erteilte und die zeitgenössischen Leser in zwei Lager spaltete. Von den Einen wurde es als skandalös empfunden sich über die bewährten Regeln hinwegzusetzen, die Anderen waren richtiggehend begeistert von dem frischen Wind, der nun durch die Schauspielhäuser und Literatursalons wehte. So kam es, dass Goethes Geschichtsdrama Götz von Berlichingen einen Streit auslöste, der heute Teil der Literaturgeschichte ist.

Diese Neuerungen die dieses Stück in sich birgt sollen nun im Folgenden vor dem Hintergrund der Epoche des Sturm und Drang näher beleuchtet werden.

2. Entstehungsgeschichte des Stückes

Ende 1771 entstand in Frankfurt die erste Fassung des Stückes, der so genannte Urgötz, in einer nur sechswöchigen Schaffensperiode. Dieser sehr schnellen Schöpfungsphase ging eine längere Beschäftigung mit dem historischen Stoff und der Thematik voraus. Den Beginn des Interesses kann man vermutlich in Goethes Straßburger Zeit ansiedeln, inklusive seiner Begegnung mit Herder und den juristischen Studien an der Universität. Dort hatte man seit dem Ende des 17. Jahrhunderts damit begonnen, deutsche mittelalterliche Rechts- und Geschichtsquellen sowie Dichtungen zu sammeln, herauszugeben und zu erforschen. Herder erregte nicht nur Goethes Interesse für Shakespeare, sondern lenkte seine Aufmerksamkeit auch auf Justus Möser und seinen Aufsatz Von dem Faustrechte (1770). Möser zeichnet hierin ein durchaus positives Bild des mittelalterlichen Faustrechts und sieht die Fehde nicht unbedingt als Störung der öffentlichen Ordnung an, sondern vielmehr als eine streng geregelte Selbsthilfemaßnahme, die das Unrecht bekämpft und dem Recht zum Sieg verhilft.

Bei der Lektüre von Stephan Pütters Grundriß der Staatsveränderungen des teutschen Reiches (1764) stieß Goethe auf den Hinweis, dass Die Lebensbeschreibungen Herrn Götzens von Berlichingen mit der eisernen Hand, eines zu Zeiten Kaiser Maximiliani I. und Caroli V. berühmten und tapferen Reichskavalier" hier einen besonders ergiebigen historischen Stoff bieten. Diese Biographie war 1731 von Georg Tobias Pistorius unter dem Pseudonym Veronus Franck von Steigerwald in Nürnberg veröffentlicht worden. Sie beinhaltet die Memoiren Gottfried von Berlichingens die dieser ab 1557 im hohen Alter verfasst hatte, als er auf Burg Hornberg seinen Lebensabend verbrachte. Damit war Goethes Interesse endgültig entfacht, zumal Herder dieser Zeit in seinen Studien große Bedeutung beimaß.

Anfang des Jahres 1772 schickte Goethe das Manuskript mit dem Titel Geschichte Gottfrieds von Berlichingen mit der Eisernen Hand, dramatisiert den so genannten Urgötz unter anderem an Herder. Dieser kritisierte das Stück sehr deutlich, wie sich Goethe später in Dichtung und Wahrheit erinnert. So schreibt Herder unter anderem „Shakespeare hat euch ganz verdorben"2. Jedoch ist anzunehmen, dass Goethe die Reaktion Herders im Nachhinein negativer darstellte, als sie war, was wohl mit der Entfremdung der beiden in späteren Jahren zusammenhängt.

Ende 1772 entschloss sich Goethe dann zu einer Umarbeitung des Urgötz. Hierbei wurden einige Szenen gestrichen, einige umgearbeitet, andere neu eingefügt. Der 5. Akt unterlag hierbei den größten Veränderungen. Strukturell jedoch nahm er keine Veränderungen vor, sondern blieb den shakespearschen Prinzipien treu. Sein vornehmlichstes Ziel der Überarbeitung war laut eigener Aussage „anstatt der Lebensbeschreibung Goetzens und der Deutschen Altertümer, [sein] eigenes Werk im Sinne, und suchte ihm immer mehr historischen und nationalen Gehalt zu geben, und was daran fabelhaft oder bloß leidenschaftlich war auszulöschen."3

Durch diese abschließenden Veränderungen war der Urgötz zum Götz geworden, wie wir ihn heute kennen. Er wurde das erste Mal im Juni 1773 herausgegeben.4

3. Die Epoche des Sturm und Drang

Götz von Berlichingen ist in der Epoche des Sturm und Drang entstanden und erschienen. Neben der Epochenbezeichnung des Sturm und Drang kann man in manchen Veröffentlichungen auch von der Geniezeit lesen.

Mit diesen Ausdrücken wird heute der Zeitraum von 1770 bis 1786 beschrieben. Bereits am Namen der Epoche kann man eine gewisse Unzufriedenheit, Ungeduld und den Hang zu Neuerungen erkennen. Das Kennzeichen dieser Zeit ist die Loslösung von Konventionen.

Man kann sie als Abwandlung und Ergänzung der Aufklärung verstehen. Ab dieser Epoche spielte nicht nur die Vernunft eine tragende Rolle, sondern ebenso das Bauchgefühl, eine neue Empfindsamkeit.

„Für den Aufklärer ist der Mensch bestimmt durch den Hinzutritt der Vernunft zur tierischen Natur, für den Sturm und Drang durch seine individuelle Totalität.“5

Die Literatur des Sturm und Drang stellt eine Revolte dar, die sich gegen die althergebrachte, etablierte Literatur richtete.

Man lehnte sich gegen jede Art irgendwelcher Fremdbestimmung aus, wie zum Beispiel im realen Leben durch die scharfe Kritik an den Missständen des feudalen Absolutismus, oder auch im Kunstbetrieb im literarischen Zusammenhang.

Der französische Klassizismus wurde strikt abgelehnt. Man beschloss sich von der Nachahmung einer fremden Kultur zu befreien und sich auf die eigene Nationalgeschichte zu besinnen. Der fremden und feudalen Kulturkonzeption wurde eine auf dem Volkstümlichen und auf den eigenen Traditionen basierende entgegengestellt. Durch die Aufwertung des Volkstümlichen war es den Literaten möglich, sich aus dem Fundus der eigenen Geschichte zu bedienen und ihre Stücke an die deutsche Kultur und Vergangenheit anzulehnen. Dadurch wurden Leser, Kritiker und Zuschauer kulturell näher an die Geschehnisse in den Stücken herangeführt.

An die Stelle der Nachahmung trat die schöpferische Erfindungskraft des Einzelnen der aus sich selbst heraus nun selbst etwas völlig Neues erschaffen konnte.

[...]


1 Goethe, Johann Wolfgang: Zum Shakespeares-Tag 1771, In: Groenewold, Sabine (Hrsg.): Eva Reden, Band 2, o.A., o.A. Seite 8f.

2 Luserke, Matthias: Sturm & Drang, Stuttgart, 1997. Seite 106.

3 Karthaus, Ulrich: Sturm & Drang, München, 2000. Seite 87.

4 vgl. Huyssen, Andreas: Drama des Sturm undDrang, München, 1980. Seite 130ff.

5 Raiswe, Gerhard: Geschichte der deutschen Literatur, München, 1984. Seite 182.

Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656261360
ISBN (Buch)
9783656263807
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199664
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Literaturwissenschaft
Note
2,7
Schlagworte
Goethe Sturm und Drang Drama Götz von Berlichingen Dramenstruktur

Autor

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