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Vergleich zwischen mentalem Training und differenziellem Lernen in der Disziplin Kugelstoßen

Eine empirische Untersuchung

von Andreas Adler (Autor) Benjamin Hövel (Autor)

Diplomarbeit 2010 138 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 PROBLEMSTELLUNG DER ARBEIT
2.1 Problemfeld
2.2 Fragestellung
2.3 Hypothesenformulierung
2.3.1 1. Haupthypothese
2.3.2 2. Haupthypothese

3 SACHANALYSE KUGELSTOSSEN
3.1 Vorbemerkung
3.1.1 Historisches
3.1.2 Strukturvergleich der Wurf- und Stoßbewegungen
3.1.3 Biomechanische Aspekte
3.2 Bewegungsbeschreibung
3.2.1 Standstoß
3.2.2 Technikvarianten der Vorbeschleunigung
3.3 Methodische Hinweise
3.3.1 Vorüberlegung
3.3.2 Zweckgymnastik
3.3.3 Funktionelles Krafttraining
3.3.4 Fehlerbilder
3.3.5 Wettkampbestimmungen

4 Das mentale Training
4.1 Einleitung
4.2 Ursprung des mentalen Trainings
4.3 Methoden des mentalen Trainings
4.3.1 Verdecktes Wahrnehmungstraining
4.3.2 Verbales Training
4.3.3 Ideomotorisches Training
4.4 Ziele des mentalen Trainings

5 Das differenzielle Lernen
5.1 Entstehung
5.1.1 Vorbemerkung
5.1.2 Individualität
5.1.3 Situativität
5.2 Der systemdynamische Ansatz
5.2.1 Systemdynamik und Bewegung
5.2.2 Systemdynamik und Situativität
5.2.3 Systemdynamik und Individualität
5.2.4 Kritik an klassischen Trainingsansätzen
5.2.5 Konsequenzen für das Techniktraining
5.3 Untersuchungen zum differenziellen Lernen
5.3.1 Im Tennis
5.3.2 Im Fußball
5.3.3 Im Volleyball
5.3.3 Im Kugelstoßen

6 Versuchsplanung und -durchführung
6.1 Untersuchungsverfahren
6.2 Untersuchungsplan
6.2.1 Instruktionen zum Versuchsablauf
6.2.2 Stichprobe
6.3 Untersuchungsdurchführung
6.3.1 Untersuchungsort
6.3.2 Einteilung in die Gruppen
6.4 Ablaufphasen der Trainingsmethoden
6.4.1 Ablaufphase der methodischen Übungsreihe
6.4.2 Ablaufphase des mentalen Trainings
6.4.3 Ablaufphase des differenziellen Trainings
6.5 Ausgangstests

7 Untersuchungsergebnisse und Diskussion
7.1 Voraussetzungen der Testsituation
7.1.1 Skalenniveau
7.1.2 Verteilung
7.1.3 Abhängigkeit der Stichproben
7.2 Deskriptive Auswertung
7.2.1 Ergebnisse der KG
7.2.2 Ergebnisse der MTG
7.2.3 Ergebnisse der DTG
7.2.4 Gegenüberstellung der Ergebnisse
7.2.5 Technikergebnisse der DTG
7.3 Analytische Auswertung
7.3.1 T-Test bei gepaarten Stichproben
7.3.2 Einfaktorielle ANOVA
7.3.3 T-Test bei unabhängigen Stichproben
7.3.4 Zusammenfassung
7.4 Persönliche Stellungnahme
7.4.1 Zur Untersuchung
7.4.2 Zum mentalen Training
7.4.3 Zum differenziellen Lernen

8 Abschließende Betrachtung und Ausblick

9 Abkürzungsverzeichnis

10 Literaturverzeichnis

11 Anhang

Vorwort

Die vorliegende Diplomarbeit ist im Zeitraum zwischen Mai und November 2010 an der Universität der Bundeswehr München in der Fakultät für Pädagogik am Institut für Sportwissenschaft und Sport für das Lehrgebiet Sportpsychologie entstanden.

Die empirische Untersuchung wurde mit Hilfe von 48 Probanden durchgeführt, welche alle Studenten an der hiesigen Universität sind. Ihre Einsatzbereitschaft und ihr Engagement haben im erheblichen Maße zum Gelingen dieser Diplomarbeit beigetragen. Lob und Anerkennung für den aufgebrachten Fleiß und die regelmäßig Teilnahme am Training.

Ein weiterer Dank gilt unserem Betreuer und Aufgabensteller Prof. Dr. Künzell, welcher uns nicht nur richtungsweisend und ideenfördernd beiseite stand, sondern auch zu jeder Zeit für Fragen und Anmerkungen offen war, obschon er im Zeitraum unserer Bearbeitung nicht mehr auf dem Campus tätig war.

Für die sofortige Bereiterklärung sich als Zweitkorrektor zur Verfügung zu stellen, auch ein herzliches Dankeschön an Prof. Dr. Maes.

Die abschließende Danksagung gilt unseren Familien, Frau und Freundin, welche uns während der gesamten Bearbeitungszeit unterstützt, motiviert und hin und wieder auch abgelenkt haben, je nachdem was nötig war.

Andreas Adler und Benjamin Hövel

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Flugbahn der Kugel beim Kugelstoßen

Abb. 3: Körperverwringung beim Stoß

Abb. 4: Kugelhaltung

Abb. 5: Kennlinien der Stoßauslage

Abb. 6: Bewegungsablauf des Standstoßes

Abb. 7: Bewegungsablauf Nachstellschritt- Technik

Abb. 8: Bewegungsablauf Kreuzschritt- Technik

Abb. 9: Bewegungsablauf Angleiten seitwärts

Abb. 10: Bewegungsablauf Angehen rückwärts)

Abb. 11: Ausgangsstellung Angleiten rückwärts

Abb. 12: Stoßauslage

Abb. 13: Bewegungsablauf Angleiten rückwärts

Abb. 14: Kugelstoßanlage in der Aufsicht und im Schnitt

Abb. 15: Ziele, Inhalte und Methoden des mentalen Trainings

Abb. 16: Die Straddle-Technik

Abb. 17: Gesamtgruppenpunktzahlen

Abb. 18: Untersuchungsplan

Abb. 19: Untersuchungsplan

Abb. 20: Kugelstoßanlage am Versuchsort; Seitenansicht.

Abb. 21: Kugelstoßring am Versuchsort.

Abb. 22: Beispiel für eine Jahresperiodisierung

Abb. 23: Entspannungsverfahren

Abb. 24: Voraussetzungen für die Stoßweite

Abb. 25: Lernstrukturdiagramm

Abb. 26: Technische Hauptfehler 1

Abb. 27: Technische Hauptfehler 2

Abb. 28: Technische Hauptfehler 3

Abb. 29: Histogramm des Ausgangstests der DTG

Abb. 30:Q-Q Diagramm des Ausgangstests der DTG

Abb. 31: Vergleich der Stoßleistungen.

Abb. 32: Vergleich der Standardabweichungen

Abb. 33: Verteilung der Techniknoten

Abb. 34: Beispiel für den Bewegungsstereotyp: Ganzkörperstreckung

Abb. 35: Beispiel für den Bewegungsstereotyp: Abstoßwinkel

Abb. 36: Beispiel für perfekte Stoßphase

Abb. 37: Beispiel für den Bewegungsstereotyp: Ellbogenposition

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Schematische Darstellung des Versuchsdesigns

Tab. 2: Klassisches und differenzielles Training gegenübergestellt

Tab. 3: Übersicht der Untersuchungsergebnisse

Tab. 4: Schema Gruppeneinteilung

Tab. 5: Ergebnisse Eingangstest und Gruppeneinteilung

Tab. 6: Periodisierung mit zwei Leistungsgipfeln

Tab. 7: Aufbau einer Übungseinheit

Tab. 8: Abschnittsplan der zwölf Übungseinheiten

Tab. 9: Überforderungsaspekte und Vereinfachungsstrategien

Tab. 10: Bewegungsmerkmale Kugelstoßen

Tab. 11: Knotenpunkte (KP) des Kugelstoßens

Tab. 12: Ergebnisse des Kolmogorov- Smirnoff- Tests

Tab. 13: Ergebnisse der KG (Æ = Mittelwert, sd = Standardabweichung)

Tab. 14: Ergebnisse der MTG

Tab. 15: Ergebnisse der DTG

Tab. 16: Übersicht über die Untersuchungsergebnisse

Tab. 17: Technikergebnisse der DTG

Tab. 18: T-Test der KG

Tab. 19: T-Test der MTG

Tab. 20: T-Test der DTG

Tab. 21: Ergebnisse der einfaktoriellen Varianzanalyse

Tab. 22: Vergleich KG und MTG

Tab. 23: Vergleich KG und DTG

Tab. 24: Vergleich MTG und Gruppe DTG

1 EINLEITUNG

Im Juli 2009 führten wir mit der Leichtathletik Gruppe des Sportvereins Neuperlach (SVN) eine einwöchige Untersuchung zur Verbesserung des Bewegungslernens im Weitsprung durch ideomotorisches Training durch. Dabei sollte sich herausstellen, ob sich Schüler im Nachwuchsbereich nach einer einwöchigen mentalen Trainingsphase signifikant von einer Kontrollgruppe in den gesprungenen Weiten unterscheiden. Dies war nicht der Fall, denn die mittleren Sprungweiten unterschieden sich nicht signifikant von denen der Kontrollgruppe. Jedoch wurden sowohl in der Untersuchungsplanung, als auch in der Trainingsdurchführung Fehler begangen, welche großen Einfluss auf die Untersuchungsergebnisse hatten, sodass der ausbleibende Trainingseffekt nicht einzig und allein auf die Wirksamkeit des Treatments zurückzuführen ist. Zum Einen waren Konzentrationsfähigkeit und Vorstellungskraft bei der ausgewählten Altersgruppe unzureichend, zum Anderen bestand keine Kontrollmöglichkeit über die Durchführung des Trainings, das die Probanden das mentale Training selbstständig zuhause durchführen sollten.

Mit der vorliegenden Untersuchung sollen diese Fehler nun revidiert werden, um ein für die Trainings- und Bewegungsforschung verlässliches Ergebnis zu erhalten.

„Man kann niemanden überholen wenn man in seine Fußstapfen tritt.“

- Francois Truffaut

Zusätzlich soll mit dieser Arbeit eine relativ neue und noch wenig beachtete Trainingsmethode, das differenzielle Lernen, auf den Prüfstand gestellt und mit dem mentalen Training verglichen werden. Dieser, von Wolfgang Schöllhorn erarbeitete Lösungsansatz zum Bewegungslernen stellt die Individualität der sportlichen Bewegung in den Vordergrund, und führt als Beispiel für das oben stehende Zitat des französischen Regisseurs Francois Truffaut die Erfolge von O’Brien und Fosbury in der Leichtathletik auf. Dabei wird deutlich, dass Techniken welche heutzutage als Leitbild gelehrt und gelernt werden, auf einzelne experimentierfreudige Sportler zurückzuführen sind, welche eine individuelle Technik bevorzugten.

Auch wir selbst konnten während unseres Sportstudiums an der UniBw München eigene Erfahrungen mit diesem Paradoxon sammeln. In der Veranstaltung Leichtathletik 2 wurde bei Technikprüfungen versucht, das Technikleitbild (beispielsweise die Schrittsprungtechnik im Weitsprung) möglichst exakt zu kopieren. Wurde jedoch die Leistung bewertet, so wählte ein Großteil der Studenten eine individuelle Technik, mit welcher sie aus eigener Erfahrung sehr viel weiter kamen als mit jener, welche in der Veranstaltung trainiert wurde. Das differenzielle Lernen soll nun die Möglichkeit bieten, eben jene individuelle Technik zu finden und zu optimieren. Dies wird im Rahmen dieser empirischen Untersuchungen überprüft.

2 PROBLEMSTELLUNG DER ARBEIT

2.1 Problemfeld

Mentales Training erfreut sich im Spitzensport immer größerer Beliebtheit. Es wird aufgrund seiner vielen Vorteile immer wichtigerer Bestandteil des Leistungssports wobei die Psychologische Betreuung der Athleten im Vordergrund steht. Das breite Spektrum an Sportarten, bei denen das mentale Training angewandt werden kann, ist ein weiterer Grund für die wachsende Beliebtheit.

Je normierter die Bewegung (Turnen, Leichtathletik, Tennisaufschlag) und je standardisierter die Handlungssituation (Freistoß, Freiwurf, Vortaktik) sind, desto leichter fällt es, sie als anschauliche mentale Trainingsinhalte zu verwenden. (Baumann, 2009, S. 70)

Mentales Training findet sich mittlerweile in jeder Sportart wieder. So untersuchten Volkamer und Thomas den positiven Einfluss des mentalen Trainings bei der spezifischen Leichtathletikdisziplin Hürdenlauf, Wiesmann wies einen positiven Lerneffekt bei Turnern nach und Volkamer führte ebenfalls positive Studien bei den Untersuchungen von Hindernisläufern durch.

Ein Boxer, ein Fechter oder ein Tischtennisspieler kennen die Fähigkeiten ihrer Gegner, im Verlauf des Wettkampfes in überraschender Art und Weise spezifische Angriffsaktionen durchzuführen. Der Zeitpunkt dieser Aktionen lässt sich nicht genau festlegen. Die mentale Vorbereitung besteht darin, sich diese Aktionen zu vergegenwärtigen und eine latente Bereitschaft zur Reaktion zu entwickeln, die in der aktiven Auseinandersetzung Überraschungseffekte des Gegners ausschließt. Schellenberger nennt diese latente Antizipation unvorhersehbarer Handlungen „Wahrscheinlichkeitslernen“. (Baumann, 2009, S. 70)

Die meisten dieser Untersuchungen beziehen sich jedoch auf den Bereich Leistungssport. Es stellt sich also die Frage, ob mentales Training auch für den Freizeit- und Breitensport angewandt werden kann.

Eine weitere eher unbekannte Trainingsmethode ist die des differenziellen Lernens. Auch hier wurden bereits einige Untersuchungen durchgeführt, welche sich auf den Amateurbereich beziehen. So untersuchten Schöllhorn, Humpert, Oelenberg, Michelbrink und Beckmann einen positiven Einfluss des differenziellen Lernens im Tennis, Trockel und Schöllhorn befassten sich mit dem differenziellen Training im Fußball und Römer, Schöllhorn, Jaitner und Preiss untersuchten diese Trainingsmethode im Volleyball.

2.2 Fragestellung

Ziel dieser experimentellen Feldstudie ist es, zu untersuchen, ob im Freizeit- und Breitensport im Bereich Leichtathletik speziell für das Kugelstoßen die Anwendung von mentalem Training und differenziellen Lernen sinnvoll ist und zu einer Verbesserung im Bewegungslernen führen kann. Es soll versucht werden herauszufinden, ob diese zwei Trainingsmethoden im Kugelstoßen wirken. Ebenfalls soll verglichen werden, welche Trainingsmethode – mentales Training oder differenzielles Lernen – am erfolgversprechendsten ist. Hierbei soll festgestellt werden, welche Trainingsmethode bessere und schnellere Fortschritte in der Bewegungsvorstellung und der motorischen Bewegung macht. Zudem soll untersucht werden, ob diese Trainingsmethoden im Untersuchungszeitraum Erfolge aufweisen können. Eine wichtige Fragestellung lautet demnach:

Lassen sich die oben aufgeführten Untersuchungen über das mentale Training und das differenzielle Lernen und die daraus entstandenen Leistungsgewinne in dieser Arbeit nachweisen?

Im Wesentlichen gilt es zwei allgemeine Fragen zu beantworten:

1. Führen die Trainingsmethoden zu einer Leistungsverbesserung?
2. Unterscheiden sich die Trainingsgruppen in den gestoßenen Weiten?

Es soll also im Rahmen dieser empirischen Untersuchung überprüft werden, ob sich die Trainingsgruppen in dem geplanten Untersuchungszeitraum signifikant verbessern, und ob es einen signifikanten Unterschied zu der angenommenen Leistungsverbesserung einer Kontrollgruppe gibt, sodass eine vermeintlich beste Trainingsmethode identifiziert werden kann.

Aus den Fragestellungen leiten sich zwei Haupthypothesen ab, welche sich wiederum in jeweils drei Unterhypothesen unterteilen:

2.3 Hypothesenformulierung

2.3.1 1. Haupthypothese

H1: Es wird angenommen, dass mit Hilfe jeder der drei Trainingsmethoden die Leistung im Kugelstoßen verbessert wird.

H11: Es wird angenommen, dass mit Hilfe der methodischen Reihe die Leistung im Kugelstoßen verbessert wird.

H12: Es wird angenommen, dass mit Hilfe des mentalen Trainings die Leistung im Kugelstoßen verbessert wird.

H13: Es wird angenommen, dass mit Hilfe des differenziellen Lernens die Leistung im Kugelstoßen verbessert wird.

2.3.2 2. Haupthypothese

H2: Es wird angenommen, dass sich die drei Trainingsgruppen in den erreichten mittleren Stoßweiten voneinander unterscheiden.

H21: Es wird angenommen, dass sich die Kontrollgruppe und die Mentale Trainingsgruppe in den erreichten mittleren Stoßweiten voneinander unterscheiden.

H22: Es wird angenommen, dass sich die Kontrollgruppe und die Differenzielle Trainingsgruppe in den erreichten mittleren Stoßweiten voneinander unterscheiden.

H23: Es wird angenommen, dass sich die Mentale Trainingsgruppe und die Differenzielle Trainingsgruppe in den erreichten mittleren Stoßweiten voneinander unterscheiden.

3 SACHANALYSE KUGELSTOSSEN

3.1 Vorbemerkung

3.1.1 Historisches

Die Geschichte des Kugelstoßens geht bis in die Zeit der Kelten zurück, welche mit Gesteinsbrocken und Baumstämmen gestoßen haben. Das Stoßen mit einem quaderförmigen 15kg-Stein hat sich dabei bis heute gehalten, und kann als Disziplin zum Erwerb des Deutschen Sportabzeichens abgelegt werden. Eine Kugel als Stoßgegenstand wurde erstmals im Mittelalter von Soldaten in Form einer Kanonenkugel verwendet. Das heute noch gültige Kugelgewicht von 7,257kg wurde 1857 in England festgelegt. Diese nicht gerade „runde“ Zahl kam durch die Umrechnung von der englischen Gewichtseinheit „Pfund“ zustande. 7,257kg entsprechen dabei genau 16 englischen Pfund (lb). Ebenso verhält es sich mit der Bemessung des Stoßkreises. Dieser hatte bei seiner Einführung gegen Ende des 19. Jahrhunderts einen Durchmesser von genau 7 Fuß. Dies entspricht umgerechnet 2,135m (Haberkorn & Plaß, 1992).

3.1.2 Strukturvergleich der Wurf- und Stoßbewegungen

Das Fremdgewicht welches bei einer Wurf/Stoßbewegung beschleunigt werden muss, hat direkte Auswirkung auf die Hauptfunktionsphase der Bewegungsstruktur. Können Schlag- und Wurfbälle oder auch der Speer mit einem Gewicht unter 1kg noch geradlinig über dem Kopf abgeworfen werden, so erfolgt dies bei mittelschweren Geräten (z.B. Diskus, Schleuderball) in einer seitlichen Schleuderbewegung mit Abwurf auf Schulterhöhe. Bei noch schwereren Geräten wie der Kugel oder dem Stein sind Würfe und Schleuderbewegungen aus funktioneller und medizinischer Sicht nicht mehr ratsam. Hier erfolgt die Beschleunigung mit einer Stoßbewegung. Dabei befindet sich das Gerät nie hinter der Schulterachse, sondern stets vor der Hand welche sich durch eine drückend-schiebende Bewegung aus der spitzwinkligen Beugung heraus streckt, und dabei das Gerät herausstößt. Die bereits angesprochene Hauptfunktionsphase, also die eigentliche Wurf-, Schleuder- oder Stoßbewegung hat dabei unterschiedlich hohe Bedeutung für die Wurfleistung. Sie ist beim Dreh/Schleuderwurf am niedrigsten, nimmt über den geraden Wurf hin zu, und ist beim Stoß schließlich am größten. Umgekehrt verhält es sich hingegen mit der vorbereitenden Funktionsphase. Somit ist es zu erklären, dass vor allem im Anfängerbereich Stoßleistungen aus dem Stand erzielt werden, welche sich von der Bestleistung bei Stößen mit Vorbeschleunigung oft nur geringfügig unterscheiden, bzw. diese sogar übertreffen. Beim Stoß existieren für die vorbereitende Funktionsphase zwei Lösungsmöglichkeiten: Zum Einen eine geradlinige (z.B. Rückenstoßtechnik), zum Anderen eine kreisförmige Beschleunigung, so wie es bei der Drehstoßtechnik der Fall ist (Haberkorn & Plaß, 1992).

3.1.3 Biomechanische Aspekte

Eine maximale Stoßweite hängt hauptsächlich von der Optimierung der Komponenten Abfluggeschwindigkeit und Abflugwinkel ab. Die Abflughöhe der Kugel hängt von den konstitutionellen Voraussetzungen des Athleten ab, und ist somit so gut wie nicht beeinflussbar.

3.1.3.1 Abflugwinkel

Durch ihre hohe Masse ist die Kugel stärker den Gesetzen der Ballistik unterworfen. Dies bedeutet, dass Luftdruck, Auf- und Abtrieb sowie andere Gesetze der Aerodynamik für das Kugelstoßen zu vernachlässigen sind. Es muss also einzig und allein der Schwerkraft entgegengewirkt werden. Normalerweise ergibt sich unter idealisierten Bedingungen bei einem Abflugwinkel von 45° die größte Flugweite. Dadurch dass die Kugel aber nicht vom Boden abgestoßen wird, sondern von einer Höhe welche sich nach Größe, Armlänge und Stoßtechnik des Athleten richtet, muss der Abstoßwinkel dementsprechend verkleinert werden (vgl. Abb. 2). Bei einer Durchschnittshöhe von 2m ergibt sich somit ein Winkel von ca. 40° (Haberkorn, 1992).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Flugbahn der Kugel beim Kugelstoßen (Haberkorn & Plaß, 1991, S. 124)

3.1.3.2 Abfluggeschwindigkeit

Sie stellt die entscheidende Größe für die Leistung dar, und wird von den Teilfaktoren Schnellkraft, Beschleunigungsweg und Impulsübertragung bestimmt. Die Schnellkraft, welche in der Stoßkraft resultiert, hängt dabei maßgeblich von der Maximalkraft ab, welche wiederum explosiv umgesetzt werden muss, um eine möglichst hohe Beschleunigung und somit eine hohe Abfluggeschwindigkeit zu erzielen. Dies ist jedoch nur möglich, wenn die leistungsrelevanten Muskelgruppen möglichst lange auf das Gerät einwirken können, was nur durch einen optimal langen Beschleunigungsweg erreicht werden kann. Dieser bezieht sich nicht nur auf die „Ausholbewegung“, also die vorbereitende Funktionsphase (vgl. 3.2.2), sondern auch auf die richtige Stoßauslage in der Hauptfunktionsphase (vgl. 3.2.1.2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Körperverwringung beim Stoß (Haberkorn & Plaß, 1991, S. 126)

Der Athlet muss nun versuchen, alle bei der Beschleunigung aufgewandten Kräfte, möglichst ohne Verlust auf die Kugel übertragen zu können. Dies erfordert eine Koordination aller Teilimpulse in Form einer Impulsübertragung. Durch ein aktives Vordrücken der rechten Körperflanke (beim Rechtsstoßer) kommt es zu einer Muskelvorspannung im Rumpf-Schulter-Arm-Bereich, welche sich in einer Körperverwringung manifestiert (vgl. Abb. 3). Diese Vorspannung stellt einen Energiespeicher dar, welcher durch eine Kontraktionswelle von unten nach oben entladen wird, wobei der Stoßarm das letzte Glied darstellt, welcher die Energie auf die Kugel überträgt. Dabei wird der Gegenarm nach anfangs schwunghaftem Zurückführen hart abgebremst, was wiederum in einer Impulsübertragung auf den Schwungarm resultiert (Haberkorn & Plaß, 1991).

3.2 Bewegungsbeschreibung

Die hier dargestellten Bewegungsbeschreibungen wurden aus Haberkorn & Plaß (1991), Lothar & Hinz (1991) sowie Lenz & Losch (1991) zusammengetragen, und werden somit als Quellen nicht mehr gesondert aufgeführt. Die Reihenfolge der Beschreibungen wird dabei so gewählt, wie sie auch im Lehrmodell der Methodischen Reihe Anwendung finden. Wie bereits angesprochen, können im Anfängerbereich selbst bei Stößen aus dem Stand beachtliche Leistungen erzielt werden, da die Hauptfunktionsphase, also der Stoß aus der Stoßauslage, den höchsten prozentualen Anteil an der Abfluggeschwindigkeit der Kugel darstellt. Haberkorn & Plaß (1991) geben den Anteil mit ca. 85% an. Der Standstoß wird deshalb zuerst und gesondert behandelt. Alle Bewegungsbeschreibungen beziehen sich auf Rechtsstoßer.

3.2.1 Standstoß

Der Standstoß hat als Hauptfunktionsphase der gesamten Stoßbewegung die Funktion die Kugel maximal zu beschleunigen, sowie einen optimalen Abstoßwinkel zu erzielen (vgl. 3.1.3).

3.2.1.1 Kugelhaltung

Die Kugel liegt gemäß Abb. 4 auf den Fingerwurzeln der rechten Stoßhand. Diese ist dabei leicht gespreizt, wobei Daumen und Kleinfinger seitlich abgestützt sind. Bei hoher Fingermuskelkraft und einem stabilen Handgelenk, was zumeist bei Leistungssportlern gegeben ist, kann die Kugel auf die obere Hälfte der drei mittleren Finger gelegt werden. Die Kugel wird an der Schlüsselbeingrube rechts vom Kinn an den Hals gedrückt. Der Ellbogen zeigt im Winkel von ca. 45° vom Oberkörper weg und liegt dabei unter, aber hinter der Kugel.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Kugelhaltung (Haberkorn & Plaß, 1991, S. 179)

3.2.1.2 Stoßauslage

Der Athlet steht gemäß Abb. 4 seitlich in einer Schrittstellung, welche ca. 3 Fußlängen misst, zur Stoßrichtung. Der Körperschwerpunkt (KSP) ruht durch Verlagerung des Körpergewichts auf dem leicht angewinkelten (ca. 120°) rechten Bein, welches das Standbein darstellt. Die Fußspitze zeigt rechtwinklig zur Stoßrichtung und der Oberkörper ist in einem Winkel von ca. 135° nach hinten gedreht, was zu einer Verwringung zwischen Schulter- und Beckenachse führt (vgl. Abb. 5). Die Stoßschulter bildet dabei den tiefsten Punkt der Schulterachse. Der Blick ist zusammen mit dem Gegenarm bewusst nach hinten unten gerichtet, was in einer geschlossenen Körperhaltung resultiert. Das linke Bein, das sog. Stemmbein, ist entlastet, und berührt mit der Innenseite des Vorderfußes den Boden. Das linke Kniegelenk ist leicht gebeugt, aber fixiert. Damit die Stoßfreiheit gewährleistet ist, weicht die Kontaktstelle des linken Beines ca. 10 cm von der Stoßrichtung nach links ab. Somit wird die Schwenkbewegung des Beckens nicht behindert. Stemmbein und Oberkörper bilden in etwa eine Gerade.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Kennlinien der Stoßauslage (Haberkorn & Plaß, 1991, S. 179)

3.2.1.3 Stoßbewegung

Eingeleitet wird der Stoß mit einer kräftigen Drehbewegung des Standbeines. Dabei wird der Rumpf angehoben, und das Gewicht auf das linke Stemmbein verlagert. Die vorwärts- einwärts gerichtete Drehung des rechten Fußballens wird durch das aktive Vordrücken der rechten Hüfte in Stoßrichtung unterstützt. Dies verstärkt die Verwringung zwischen Schulter- und Beckenachse. Diese wird durch das Einschwenken und Aufrichten des Rumpfes in Stoßrichtung im Anschluss aufgelöst. Der Gegenarm wird dabei nach seitwärts- hinten geschwungen und bei Erreichen der frontalen Stoßstellung blockiert. Dabei erreicht der Ellbogen, welcher seit Bewegungsbeginn kontinuierlich angehoben wurde, mit dem Oberarm die Waagrechte. Mit Einsatz des Schulterblocks erfolgt eine explosive Streckung des rechten Stoßarmes, wobei der Ellbogen die Kugel in die Flugbahn hebt und drückt, und somit den Abflugwinkel von 40° vorgibt (vgl. 3.1.3.1). Beendet wird der Bewegungsablauf (vgl. Abb. 6) durch das Nachdrücken der Finger und dem Ausklappen der Hand. Ein Abfangen des

Schwungs durch Umspringen ist beim Standstoß noch nicht erforderlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Bewegungsablauf des Standstoßes (Haberkorn & Plaß, 1991, S. 180)

3.2.2 Technikvarianten der Vorbeschleunigung

Die Vorbeschleunigung stellt die bereits erwähnte einleitende Funktionsphase dar. Sie hat die Aufgabe, eine optimale Anfangsgeschwindigkeit des Systems Kugel/Athlet zu erzielen, sowie eine biomechanisch zweckmäßige Stoßauslage (vgl. 3.2.1.2) zu erreichen. Mit Ausnahme der Drehstoßtechnik, welche aufgrund ihrer Komplexität im Anfängerbereich keine Rolle spielt, und hier nicht weiter behandelt wird, unterscheidet man drei Angeh-/Angleit-Techniken im Anfängerbereich, sowie die O’Brien-Technik, welche sowohl im Schul- und Vereins-, als auch im Hochleistungssport Anwendung findet.

3.2.2.1 Angehen seitwärts

Das Angehen stellt verglichen mit dem Angleiten die leichtere Form der Bewegungseinleitung dar. Seitwärts kann sie dabei in zwei unterschiedlichen Variationen ausgeführt werden, der Nachstellschritt- und der Kreuzschritt-Technik. Beide Varianten werden rhythmisiert ausgeführt, wobei besonderes Augenmerk auf die schnellen Bodenkontaktfolge rechts-links zur Einnahme der Bodenkontaktfolge zu legen ist. In der Ausgangsstellung befindet sich der Athlet mit schulterbreiter Parallelstellung bei gleichmäßiger Gewichtsverlagerung seitlich zur Stoßrichtung.

Bei der Nachstellschritt- Technik wird nach einem vorgeschalteten Auftaktschritt, welcher lediglich aus einem flüchtigen Stütz des linken Fußes besteht, das Standbein sofort nachgezogen, und das Stemmbein nach dem Aufsetzen zum Balken bewegt (vgl. Abb. 7).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Bewegungsablauf Nachstellschritt- Technik (Haberkorn & Plaß, 1991, S. 181)

Bei der Kreuzschritt- Technik erfolgt beim zweiten Schritt der normalen Schrittfolge links- rechts- links ein kurzer Kreuzschritt (vgl. Abb. 8). Im Anschluss wird wie bei der ersten Variante das linke Bein zum Balken bewegt und die Stoßauslage eingenommen (vgl. 3.2.1.2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Bewegungsablauf Kreuzschritt- Technik (Haberkorn & Plaß, 1991, S. 182)

3.2.2.2 Angleiten seitwärts

Die Ausgangsstellung ist hier wie bei der Angehtechnik. Nach dem Lösen des linken Beines verlagert sich das Körpergewicht auf das rechte Bein, welches leicht gebeugt wird und dazu führt das der KSP abgesenkt wird. Das linke Bein wird kräftig nach vorne in Stoßrichtung geschwungen. Gleichzeitig drückt sich der Athlet mit dem Standbein flach ab, und landet etwa in Kreismitte. Kurz danach setzt das Schwungbein fast gestreckt mit der Innenkante in der Nähe des Balkens auf. Der Oberkörper bleibt dabei weit zurück während die linke Flanke in Stoßrichtung weist. Das Schwungbein wird zum Stemmbein (vgl. Abb. 9).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Bewegungsablauf Angleiten seitwärts (Haberkorn & Plaß, 1991, S. 181)

3.2.2.3 Angehen rückwärts

Im Gegensatz zu den vorhergehenden Techniken steht der Athlet in der Ausgangsstellung nun mit dem Rücken zur Stoßrichtung. Die Füße haben dabei einen hüftbreiten Abstand und sind parallel. Der Auftakt der Bewegung erfolgt durch Beugen des Knie- und Hüftgelenks, wobei das Körpergewicht nach rechts verlagert und der KSP über das rechte Standbein verlagert wird. Der Gegenarm zeigt in Blickrichtung. Das Angehen beginnt mit einem flachen Zurückführen des linken Fußes in Stoßrichtung. Nach ca. einer Fußlänge auf dem Ballen auf, woraufhin ein schneller Schritt mit dem Standbein erfolgt. Der Oberkörper bleibt dabei in Vorlageposition. Das etwa in Kreismitte aufgesetzte Standbein wird aktiv unter den Körper gezogen und um nahezu 90° nach einwärts gedreht. Der Oberkörper schwenkt hingegen nur um ca. 45° ein, und es kommt zu der bereits beschriebenen Körperverwringung (vgl. 3.1.3.2). Währenddessen wird das linke Bein in Form eines weiteren Schrittes am Balken aufgesetzt. Somit ist die Stoßauslage erreicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Bewegungsablauf Angehen rückwärts (Haberkorn & Plaß, 1991, S. 182)

3.2.2.4 Angleiten rückwärts (O’Brien- Technik)

Diese Technik, welche auf die Angehen rückwärts- Technik (vgl. 3.2.2.3) aufbaut, ist zusammen mit der Drehstoßtechnik die verbreiteteste Technik im Hochleistungssport. Das sie jedoch koordinativ wesentlich leichter zu erlernen ist, stellt sie die bevorzugte Technik im Schul- und Vereinssport dar. Nichtsdestotrotz sind gute koordinative Fähigkeiten und langes Training unerlässlich um diese Bewegungsform zu beherrschen. Gerade im Anfängerbereich werden mit dem Standstoß fast die gleichen Leistungen erzielt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 10: Ausgangsstellung Angleiten rückwärts (Haberkorn & Plaß, 1991, S. 183)

Der Athlet befindet sich in der Ausgangsstellung am hinteren Kreisrand mit dem Rücken in Stoßrichtung. Je nach Leistungsstand kann die O’Brien- Technik in zwei verschiedenen Varianten eingeleitet werden. Wie in Abb. 11 links dargestellt, liegt das Körpergewicht bei der leichteren Variante hauptsächlich auf dem gebeugten Standbein. Das linke Bein (Schwungbein) ist um ca. zweieinhalb Fußlängen in Stoßrichtung versetzt und dient als Gleichgewichtsstütze. Der Oberkörper ist gebeugt, wobei Schulter und Beckenachse parallel sind. Blick und Gegenarm sind nach vorne unten gerichtet.

Bei der Variante für Fortgeschrittene (Abb. 11 rechts) ist der Rumpf hingegen aufgerichtet und das entlastete Schwungbein ist um lediglich eine Fußlänge zurückversetzt. Der Gegenarm zeigt nach vorne oben. Vorteil dieser Variante ist die intensivere Muskelvorspannung und die damit verbundene dynamischere Startbeschleunigung. Jedoch erfordern die labilere Gleichgewichtslage und die zusätzliche Senkbewegung des Rumpfes und Gegenarms im Anschluss ein erhöhtes Maß an Koordinationsfähigkeit. Der weitere Bewegungsablauf erfolgt nun bei beiden Varianten gleichermaßen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 11: Stoßauslage (Haberkorn & Plaß, 1991, S. 184)

Aus der Ausgangsstellung heraus führt der Athlet das Schwungbein an das Standbein heran und senkt den Rumpf ab. Aus dieser Kauerstellung (vgl. Abb. 12) leitet der Athlet ohne zeitliche Verzögerung die Gegenbewegung ein. Dabei wird das Schwungbein gemäß Abb. 13 bei fast vollständiger Streckung energisch nach hinten in Richtung Balken gestoßen. Gleichzeitig erfolgt ein kräftiger und flacher Abdruck mit dem Standbein. Bei diesem Ineinandergreifen von Abdruck und Ausstoß müssen sich Stand- und Schwungbein optimal ergänzen. Das Standbein gleitet flach über den Boden, überholt den Rumpf und setzt in etwa bei Kreismitte auf. Dabei wird der Fuß um mindestens 60° einwärts gedreht um die Stoßfreiheit sicherzustellen. Der Schwungbeinfuß landet kurz danach mit der Innenkante der Spitze leicht von der Mittellinie versetzt am Balken. Der Körper wird während der gesamten Auftaktbewegung nur leicht angehoben und weist noch eine deutliche Vorlage und Verwringung auf. Mit der Einnahme der Stoßauslage geht der Athlet in die Stoßbewegung über (vgl. 3.2.1.3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 12: Bewegungsablauf Angleiten rückwärts (Haberkorn & Plaß, 1991, S. 184)

3.3 Methodische Hinweise

Die hier aufgeführten Themen stellen keine Beschreibung der methodischen Vorgehensweise im Detail dar. Dies wird in Punkt 4, Methodische Reihe, behandelt. In diesem Punkt sollen vielmehr die für das Kugelstoßen wichtigen Trainingsinhalte und den Trainingsprozess beeinflussende Faktoren aufgelistet werden. Dadurch fällt es leichter, die Auswahl bestimmter Übungen und Verfahrensweisen in der Testphase nachzuempfinden.

3.3.1 Vorüberlegung

Die Kugel muss sich zu Beginn des Stoßes in unmittelbarer Nähe des Kinns befinden und die Hand darf während des Stoßes nicht hinter die Schulterlinie gebracht werden. Dies bedeutet für den Athleten in der Konsequenz, dass die Kugel weder geschleudert, noch geworfen werden darf, sondern gestoßen werden muss (vgl. 3.1.2). Entgegen der Meinung, dass das Kugelstoßen eine technisch einfache Disziplin darstellt, müssen also die erforderlichen Beschleunigungskräfte in einem im Vergleich zu anderen Disziplinen kürzeren Beschleunigungsweg entfaltet werden, um der schweren Kugel die nötige Abfluggeschwindigkeit mitzugeben. Zum Erreichen von Spitzenleistungen sind also die sporttechnische Perfektion sowie ein ausgeprägtes Kraftpotential erforderlich (Lothar & Hinz, 1991). Ein funktionelles Krafttraining und eine zur Verletzungsvorbeugung durchgeführte Zweckgymnastik sind daher unerlässlich. Zudem sollten dem Athleten das theoretische Hintergrundwissen und die häufigsten Fehlerbilder des Bewegungsablaufs vermittelt werden.

3.3.2 Zweckgymnastik

Die relativ hohe Beanspruchung des Muskel- Bandapparates und der beteiligten Gelenke im Kugelstoßtraining erfordern einen langen und gründlichen Erwärmungs- und Mobilisierungsprozess. Schnabel & Harre (2008, S. 318) begründen dies wie folgt:

„Aktives Einarbeiten ist vor intensiveren Beweglichkeitsübungen unbedingt erforderlich, um Verletzungen bzw. Mikrotraumen zu vermeiden und eine hinreichende Wirkung zu erzielen. Es dient sowohl zum Einspielen der sensomotorischen bzw. der neuromuskulären Koordination als auch zum Erreichen einer optimalen Betriebstemperatur als Voraussetzung für eine relativ hohe sportliche Leistungsfähigkeit.“

Neben der Allgemeinen Erwärmung ist für die Disziplin Kugelstoßen eine zusätzliche disziplingebundene Spezielle Erwärmung erforderlich. Eine funktionelle Zweckgymnastik mit der Kugel gewöhnt den Athleten an sein „Arbeitsgerät“ und innerviert die für die explosive Kontraktion benötigten Muskelfasern. Haberkorn & Plaß (1991, S. 188f) schlagen hierfür folgende Übungen vor:

- Übergeben der Kugel von einer Hand in die andere (Hüft-, Brust- und Kopfbereich)
- Kugelkreisen um den Rumpf (waagrecht, spiralförmig)
- Achterkreisen durch gegrätschte Beine
- „Holzhacken“: Kugel beidhändig aus der Hochhalte durch die gegrätschten Beine nach vorne-hinten-unten schwingen und zurück
- Kugel einarmig in die Hochhalte drücken
- Arm neben dem Rumpf in Tiefhalte: Kugel loslassen und im Fallen von oben greifen (Knie beugen!)
- Kugel aus der Tiefhalte seitlich über Kopfhöhe in die Tiefhalte auf der anderen Seite bringen (Grätschstellung, Rumpfbeugen seitwärts; Übergabe in die andere Hand)
- Kugel etwas über Kopfhöhe von einer Hand in die andere „stoßen“ (Ellbogen seitlich angehoben); im gleichseitigen Kniegelenk jeweils beugen und strecken
- Kugelrollen („Kegeln“; ein- und beidarmig; Ziel, Weite)
- „Kugelschocken“ beidarmig (Ganzkörperstreckung); vorwärts-aufwärts und rückwärts-aufwärts
- Kugelstoßen beidarmig aus der Frontalstellung (Stand, Hock- Schrittstellung; Beinstreckung
- Tiefstoß einarmig mit der Kugel

3.3.3 Funktionelles Krafttraining

Neben den originalen Wettkampfübungen haben im Kugelstoßen, bedingt durch das hohe Gewicht des Gerätes, besonders Trainingsübungen des Krafttrainings großen Einfluss auf die technische Vervollkommnung. Dadurch werden unmittelbare Trainingswirkungen auf den Krafteinsatz ausgeübt. In den meisten Fällen werden dabei Körper- oder Gerätemassen erhöht. Dabei ist darauf zu achten, dass die Technik, infolge der Begleiterscheinungen solcher Erschwerungen, nicht negativ beeinflusst wird. Lothar & Hinz (1991) weisen darauf hin, dass Trainingskugeln nur 2 bis 3kg schwerer als das Wettkampfgerät sein dürfen, da es sonst zu einer zusätzlichen Abstützbewegung gegen das hohe Gewicht kommen könne. Höhere Stoßmassen sind dabei nur mit einer dem Abstoßwinkel entsprechenden Schiene einwandfrei zu bewältigen. Der Vorteil bei Stößen mit schweren Geräten liegt in der gezielten Entwicklung größerer Beschleunigungskräfte, bezogen auf Bein, Rumpf und Stoßarm, sowie einer größeren Reizwirksamkeit für die spezielle Kraftentwicklung. Dabei ist auf die Zunahme der Verletzungsgefahr, vor allem für das Handgelenk der Stoßhand zu achten.

Zusätzlich kann das energetische Kraftpotential durch eine gezielte Hypertrophie leistungsrelevanter Muskelgruppen verbessert werden. Hierbei haben sich vor allem Hantelübungen, insbesondere Verbundübungen wie Bankdrücken, Stoßen, Kniebeuge und Reißen bewährt. Neben der Hypertrophie kommt es dabei auch zu einer Verbesserung der intramuskulären Koordination, also der willentlichen Verfügbarkeit des energetischen Kraftpotentials. Unzweckmäßige Belastung und unzureichende Kompensation sind unbedingt zu vermeiden. Diese würden sonst zu einer Verschlechterung der intermuskulären Koordination, einer unspezifischen Entwicklung nervaler Steuerprogramme, einer Verschlechterung des kinästhetischen Empfindens für Wettkampfübungen und einem Verlust an Lockerheit und Entspannungsfähigkeit führen (Lothar & Hinz, 1991).

3.3.4 Fehlerbilder

Die Fehlerbeseitigung im Bewegungslernen gliedert sich in drei zusammengehörende Elemente. Diese sind nach Lenz & Losch (1991, S.11): „Fehler sehen/Fehler erkennen, die Ursache bestimmen und die geeigneten Korrekturmaßnahmen festlegen.“ Dabei sind genaue Kenntnisse über die richtige Technik, eine detaillierte Bewegungsvorstellung und die Fähigkeit des Bewegungssehens für das Fehlererkennen unumgänglich. Lenz und Losch (1991, S. 12) führen zudem 10 Regeln für die Fehlerkorrektur auf:

1. Beginne mit der Fehlerkorrektur so früh wie möglich, damit sich keine falschen Stereotype (automatisierte Bewegungen) herausbilden!
2. Überzeuge deinen Partner von der Notwendigkeit der Fehlerkorrektur und aktiviere so seine Lernbereitschaft und Konzentration!
3. Verwende die wirkungsvollste Korrekturmethode und -übung!
4. Korrigiere erst, wenn du die entscheidende Ursache gefunden hast!
5. Verbessere nie mehrere Fehler gleichzeitig!
6. Korrigiere zuerst die Fehler in der Hauptphase und dann die in der Nebenphase!
7. Beschränke dich bei der Einführung eines neuen Lernschrittes auf die Korrektur der Hauptfehler!
8. Übertreibe das Korrigieren nicht! Benutze so wenig wie möglich Korrekturübungen, diese aber bis zum Erfolg!
9. Korrigiere unmittelbar nach dem Auftreten fehlerhafter Bewegungen!
10. Gib Korrekturhinweise kurz und für den Partner verständlich!

Lothar und Hinz (1991, S. 54) nennen dabei für das Kugelstoßen drei Hauptfehler in der Bewegungsausführung, welche sich während jahrelanger Wettkampfanalysen im Hochleistungs- und Juniorenbereich herauskristallisierten:

1. Zu stark vertikal gerichtete Geschwindigkeit des Körperschwerpunktes beim Angleiten,
2. Passives Auf- und Absetzen des rechten Fußes und geringe Druckarbeit des rechten Beines bei und nach der Position „Setzendes rechte Beines“,
3. ungenügender Spannungsaufbau durch frühzeitigen, überbetonten Oberkörpereinsatz

3.3.5 Wettkampbestimmungen

Gerade im Kugelstoßen führen unzureichende Kenntnisse der Wettkampfbestimmung zu ungültigen Versuchen, welche man natürlich vermeiden sollte. Diese hängen dabei aus eigenen Erfahrungen zumeist nicht mit dem Stoß bzw. der Leistung an sich zusammen, sondern sind lediglich „kleine“ Verhaltensfehler nach der Ausführung, welche auf ungenügende Konzentration zurückzuführen sind. Haberkorn und Plaß (1991, S. 195) fassen die ungültigen Versuche wie folgt zusammen:

Ungültiger Versuch:

- wenn der Stoßer während des Versuches mit irgendeinem Körperteil den Boden außerhalb des Kreises, die Oberfläche des Stoßbalkens oder des Ringes berührt (dazu zählen auch „Kanten“ mit der Fußsohle),
- während des Versuches die Kugel fallen lässt,
- beim Verlassen des Kreises der erste Schritt nicht vollständig hinter einer der beiden seitlichen Linien (0,75m) erfolgt,
- den Kreis verlässt, bevor die Kugel den Boden berührt hat,
- die Kugel nicht innerhalb des 40°- Sektors (innere Ränder) aufkommt, d.h. eine der beiden Begrenzungslinien berührt!

Ist ein Versuch gültig, so wird zum Messen der Weite der 0-Punkt des Maßbandes am hinteren Eindruck der Kugel angelegt, und straff über den Stoßbalken zum Mittelpunkt des Stoßkreises gezogen. Dabei wird die Leistung an der Innenkante des Balkens abgelesen (vgl. Abb. 14).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 13: Kugelstoßanlage in der Aufsicht und im Schnitt (Haberkorn & Plaß, 1991, S. 195)

Der Kugelstoßkreis hat einen Durchmesser von 2,135m. Der Stoßsektor beträgt 40°. Das Gewicht der Kugel für Jungen ab 20 Jahren beträgt 7,26kg (Haberkorn & Plaß, 1991).

4 Das mentale Training

4.1 Einleitung

Das mentale Training ist eine ungewöhnliche Trainingsform, die in den letzten Jahren immer weiter entwickelt wurde. Das Training wird schon seit Jahren praktiziert und gehört in technisch betonten Sportarten zu den Standardverfahren. Allerdings wurde die Sache meist nicht so strukturiert angegangen, wie es nach heutiger Sicht richtig gewesen wäre. Das diese Trainingsform bereits seit längerem angewandt wird, wird an dem Beispiel Steffi Graf ersichtlich:

„Steffi Graf gewann 1988 gegen Gabriela Sabatini den ersten Satz, verlor den zweiten Satz knapp und den dritten und entscheidenden Satz mit 6:0. Auf die Gründe dieser überraschenden Niederlage befragt, sagt sie: „Ein dritter Satz war in meinem geistigen Programm des Spiels gar nicht vorgesehen“ (Baumann, 1993, S.88.).

Unter mentalem Training wird ganz allgemein das Sichvorstellen eines Bewegungsablaufes ohne tatsächliche motorische Ausführung verstanden. Weshalb sich diese Trainingsform wachsender Beliebtheit erfreut liegt auf der Hand. Mit sportmedizinischen Forschungen und trainingswissenschaftlicher Praxis sind die Grenzen des Machbaren beim Körper und beim Training bereits erforscht. Aus diesem Grund wird ein immer größerer Blickpunkt auf die Psyche gelegt, welche in den Letzten Jahrzehnten bei der Trainingsplanung meist nur eine Nebenrolle spielte. Dabei ist es bekannt, dass jede Bewegung ein Produkt des ganzen Menschen ist und somit auch das Psychische oder Mentale nicht außer Acht gelassen werden darf. Ein möglicher Grund für die späte Entwicklung des mentalen Trainings ist auch, dass eine Bewegung damals als letztes ausführendes Glied angesehen wurde, wobei sie heute eine wichtige Rolle für das Entstehen psychischer Vorgänge spielt. Das ganze Leben wird erst durch Bewegung nach außen hin sichtbar. Bei jeder Bewegung spielt sich ein innerlicher Prozess ab, der unmittelbar mit dem sich bewegenden Wesen verbunden ist.

Trotz der langsam wachsenden Aufklärung über das mentale Training, stellt Dr. James E. Loehr, Leiter eines Hochleistungs-Trainingsinstitutes für Spitzensportler, folgende interessante Frage:

„Nahezu alle Trainer und Athleten stimmen darin überein, daß mindestens 50% eines guten Spielablaufs geistiger Natur sind. Sind Sie jedoch wie die meisten Sportler, so wenden Sie kaum 5% Ihrer gesamten Trainingszeit dafür auf, um Ihre mentalen Fähigkeiten zu kultivieren. Die naheliegende Frage ist wieso?“

4.2 Ursprung des mentalen Trainings

Der Ursprung des mentalen Trainings kommt aus der Sportpsychologie und bezeichnet eine nicht- körperliche Trainingsmethode zur Leistungsverbesserung der Athleten. Darunter versteht man ein planmäßig, wiederholtes und intensives Vorstellen oder Wahrnehmen von Bewegungsabläufen. Dabei wird diese jedoch nicht praktisch ausgeführt.

„Mentales Training ist Vorstellungstraining, also das durchspielen von bestimmten Handlungsabläufen in der Vorstellung, ohne das gleichzeitig die entsprechende Bewegung praktisch durchgeführt wird“ (Eberspächer, 2001).

Bereits 1873 erforschte der englische Physiologe William H. Carpenter eine Gesetzmäßigkeit, bei welcher die Wahrnehmung von Bewegungen zu nachweisbaren muskulären Reaktionen und Bewegungsimpulsen führt. Dadurch wird die Bewegung unwillkürlich und ansatz- oder teilweise ausgeführt.

Auf dem Grundsatz des eben beschriebenen Carpenter- Effekts, basieren auch die oft in Märchen beschriebenen „Tricks“ mit einer Wünschelrute oder ein Gegenstand an einer Schnur, der sich durch die bloße Vorstellungskraft in eine Richtung bewegt.

Durch die Art des Trainings (mit der bloßen Vorstellungskraft) erlaubt das Mentale Training eine hohe Wiederholungsfrequenz pro Zeiteinheit. Dadurch wirkt das Training sehr energiesparend. Mit einer Kombination von körperlichem und mentalem Training, werden die Lernzeiten für die Aneignung sportlicher Techniken verkürzt.

Das mentale Training hat jedoch auch seine Grenzen. Das Training ist an eine relativ kurze Zeitspanne gebunden und eine Form der Kontrolle gestaltet sich als sehr schwierig.

„Aufgrund der hohen konzentrativen Ermüdung ist mentales Training zeitlich nur begrenzt anwendbar (etwa 2-3 Minuten pro Trainingseinheit).

Mentales Training umfasst nicht die Bewegung der Muskeln und Gliedmaßen selbst und die davon abhängige Kontrolle (über entsprechende Rückkopplungsvorgänge), ob die Bewegung auch richtig ausgeführt wird.

Wird mentales Training ausschließlich oder zu lange ausgeführt, so können sich mangels Kontrolle unter Wirklichkeitsbedingungen fehlerhafte Bewegungsabläufe entwickeln und einprägen“ (Weineck, 2004).

4.3 Methoden des mentalen Trainings

Es werden im mentalen Training drei grundlegende Möglichkeiten Unterschieden: Das verdeckte Wahrnehmungstraining, das verbale Training und das ideomotorische Training.

Voraussetzung für alle drei Trainingsformen ist eine entspannte Haltung, um sich frei von störenden Gedanken auf die Selbstanweisungen und Vorstellungsübungen zu konzentrieren. Die für Sportler am besten geeignete Methode dafür sind die Progressive Muskelentspannung und das Autogene Training.

4.3.1 Verdecktes Wahrnehmungstraining

Bei dem verdeckten Wahrnehmungstraining, wird der gesamte Bewegungsablauf als eine Art Film abgespielt, welchen sich der Athlet aus einer Beobachterrolle vorstellt.

„Der Übende konzentriert sich nicht wie beim observativen Training auf eine zu beobachtende Vorlage, sondern er versucht, den Bewegungsablauf eines anderen in seiner Vorstellung zu beobachten“ (Baumann, 2009).

Um sich eine Bewegung auf diese Art und Weise vorstellen zu können, ist es nötig, die komplette Bewegung in Idealform zu beobachten. Dies kann durch einfaches Vormachen oder aber auch durch das zeigen einer Filmsequenz geschehen. Dabei ist es wichtig, mit Faktoren wie Körpergröße, Gewicht und Bewegungsstil, so nahe am Übenden zu sein wie möglich. Ist das nicht der Fall, wird der Sportler Schwierigkeiten haben, sich mit der Bewegung zu identifizieren.

Wichtig ist bei dieser Methode, sich nicht einfach nur grob auf den gesamten Bewegungsablauf zu konzentrieren, sondern das klare Erkennen von Beschleunigungsakzenten. Wird z.B. ein perfekter Freistoß beim Fußball beobachtet, achtet der Übende auf den richtigen Beschleunigungsweg des Fußes, die Bewegung in der Hüfte und auf den korrekten Ausschwung.

Wie bei allen Methoden ist es auch hier extrem wichtig, in einer völligen Entspannungsphase zu sein. Durch wiederholtes Vorstellen der Bewegung, wird das innere Bild immer klarer und die Kennzeichen der Bewegung immer deutlicher. Da das Training äußerst mühelos und ohne große Anstrengung abläuft, sollte es zwar nicht zu lange aber jedoch mehrmals am Tag durchgeführt werden.

Diese Trainingsform kann sowohl bei Bewegungen angewandt werden, welche neu zu erlernen sind als auch bei Bewegungsabläufen die verbessert oder korrigiert werden müssen.

4.3.2 Verbales Training

Das verbale Training, welches auch als subvokales Training bezeichnet wird, lässt sich gut in Kombination mit dem verdeckten Wahrnehmungstraining anwenden. Bei dem verbalen Training, sagt der Sportler den zu trainierenden Bewegungsablauf als Selbstanweisung im inneren Gespräch immer wieder vor.

„Die Regulationsebene der Sprache ordnet den Vorstellungsinhalt über das zweite Signalsystem in einen übergeordneten Funktionszusammenhang ein, sodass diese Wechselwirkung mit bildhaften Leitvorstellungen die Situationsbedingte Anwendung von sportlichen Techniken vervollkommnet“ (Baumann, 2009).

Wie wichtig die Sprache ist, erkennt man daran, dass Forscher in der Sprachfunktion den entscheidenden Unterschied zwischen Mensch und Tier sehen.

Reize, die menschliches Verhalten auslösen, lassen sich in zwei Systemen darstellen: das erste und das zweite Signalsystem. Bestimmte Reize, die von außen kommen und real sind, lösen im Menschen eine bestimmte Reaktion aus. „Das Kind sieht den Ball, der Skiläufer den Schnee oder der Schwimmer das Wasser und sie reagieren nach bestimmten, bereits vorgebildeten Reaktionsmustern“ (Baumann, 2009).

Sinnesorgane nehmen diese realen Reize auf und verbinden sich zu einem ersten Signalsystem. Mithilfe der Sprache, kann der Mensch ebenfalls reale Reize verarbeiten. Ein einziges Wort, kann die gleichen Empfindungen auslösen wie etwas real Wahrgenommenes. Hierbei handelt es sich um das zweite Signalsystem. „Das Signal „wir gehen Schwimmen“, löst beispielsweise bei einem Kind die gleiche freudige Aktion aus, wie der reale Anblick des Badestandes“ (Baumann, 2009).

Ein einziges Wort kann alle Reize aus dem ersten Signalsystem ersetzen, umwandeln oder erweitern. Da das zweite Signalsystem aus dem ersten hervorgegangen ist, können beide Systeme nur zusammen funktionieren. Ein Wort, das zweite Signalsystem, kann bei einem Sportler nur eine Vorstellung hervorrufen, die er bereits aus dem ersten Signalsystem, also als realen Reiz, kennen gelernt hat. „…“Schwingen“ wird beim Turner eine andere Vorstellung auslösen als beim Skiläufer“ (Baumann, 2009).

4.3.3 Ideomotorisches Training

In der dritten Trainingsmethode versetzt sich der Sportler intensiv in die Eigenwahrnehmung der Bewegung und versucht die körperlichen Prozesse nachzuempfinden. Hierbei wird die gesamte Bewegung nicht von außen beobachtet, sondern die Bewegung läuft in der „Ego“- Perspektive ab.

In der Zeit von 1929 bis 1932 veröffentlichte E. Jacobsen verschieden Experimente zur Untersuchung von Nerv-Muskelreaktionen bei gedachter Arbeit. Die Ergebnisse führten zu einer Reihe von Schlussfolgerungen, die für das Verstehen der ideomotorischen Akte sehr wichtig sind (Puni, 1961).:

1. „Die Vorstellung von irgendeiner Bewegung oder Handlung ruft eine reale, wenn auch nur sehr schwache Kontraktion der tätigen Muskeln hervor. Die Mechanogramme zeigen für die „arbeitende“ Hand eine Verschiebung innerhalb von 0,07 bis 0,32 mm an. Die Muskelanspannung kann von der Versuchsperson wahrgenommen werden, die Bewegung jedoch nicht.
2. Die Mikrobewegungen der Hand entsprechen dem Charakter der in der Vorstellung existierenden Handlung. Bei der Vorstellung eines einzelnen Ballwurfes zeigt das Mechanogramm zum Beispiel eine einzelne Muskelkontraktion, bei der Vorstellung von rhythmischen Bewegungen (Aufpumpen eines Fahrradschlauches, Rudern usw.) registriert das Mechanogramm rhythmische Muskelkontraktionen.
3. Eine rein visuelle Vorstellung von einer Bewegung hat keine Muskelkontraktion der Extremitäten zur Folge, jedoch ziehen sich die Augenmuskeln zusammen.
4. Wenn auf die in der Vorstellung existierende Betätigung keine Reaktion der „arbeitenden“ Muskeln erfolgt, kommt es zu einer visuellen Vorstellung der Handlung, nicht zu einer bewegungsmäßigen.

Das bloße sich Vorstellen von Bewegungen löst motorische Impulse aus. Der Übende muss auch bei dieser Methode komplett entspannt sein und vollzieht die Bewegung schließlich in Gedanken perfekt und mit völliger Sicherheit. Die Kraftimpulse sind optimal gesetzt und Anfang und Schluss der Bewegung sind richtig definiert

Die zu erlernende Bewegung lässt sich in Einzelsequenzen spalten, die dann wiederholt werden. Die Bewegung lässt sich auch in Zeitlupe darstellen. Mit diesen Funktionen lassen sich besonders vernachlässigte Teilaspekte gut trainieren.

Zum kompletten Neuerlernen einer Bewegung eignet sich das Ideomotorische Training jedoch nicht. Gewisse Rückmeldungen aus der Muskulatur wie z.B. Stärke der Anspannung, Dehnungszustände oder Gelenkwinkelstellungen müssen bereits vorhanden sein. Die Feinform der Bewegung muss demnach bereits beherrscht werden.

4.4 Ziele des mentalen Trainings

Die Ziele des mentalen Trainings lassen sich in drei Pfeiler unterteilen: das Lernen, das Präzisieren und das Stabilisieren (vgl. Abb.15). Das Lernen lässt sich mit Hilfe des mentalen Trainings erheblich beschleunigen.

Abb. 14: Ziele, Inhalte und Methoden des mentalen Trainings (Baumann, 2009, S. 163)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Praktische Trainingseinheiten stoßen relativ schnell an ihre Grenzen, durch zeitliche Einschränkungen oder körperliche Überlastungen. Hier kann das mentale Training perfekt eingreifen, aufgrund der geringen körperlichen Belastung, der kurzen Trainingseinheiten und der anspruchslosen Räumlichkeiten. Eine Kombination aus praktischen und mentalen Training hat sich als sehr effektiv erwiesen.

Beim Präzisieren werden die in der Grobform erlernten Bewegungen durch mentales Training schneller in die Feinform übergehen. Die Techniken des mentalen Trainings erlauben es, ganz präzise einige Teilbewegungen wiederholt zu üben. Somit können schneller Schwachstellen, Fehlerquellen oder Abweichungen der Gesamtbewegung verbessert bzw. ausgeschaltet werden.

Durch das mentale Training können Bewegungen gefestigt und stabilisiert werden. Dadurch lässt sich die Bewegung auch längerfristiger bewahren.

Die Ziele decken bereits viele Vorteile des mentalen Trainings auf. Dass bereits viele Profisportler mit dieser Art des Trainings trainieren, zeigt nicht zuletzt, wie Erfolg versprechend diese Methoden sein können. Baumann (2009) hat einige Vorteile in seinem Buch noch einmal zusammengefasst:

- „Sportler, die durch Krankheit und Verletzung vom aktiven Training abgehalten werden, finden im mentalen Training ein wirksames Mittel, Bewegungsmuster oder Technikpläne immer wieder zu aktualisieren, sie bereitzustellen und somit die Pause ohne Qualitätsverlust zu bewältigen. Gleichzeitig wird ein hohes Niveau der Motivation bewahrt, wodurch ebenfalls positive Wirkungen auf die spätere Wiederaufnahme des Trainings zu erwarten sind.
- Bei Sportarten mit hoher körperlicher Belastung ist eine Intensivierung des Trainings durch mentales Training möglich. Zehnkämpfer, Stabhochspringer oder Eiskunstläufer können in den Erholungsphasen durch mentale Übungen eine wesentlich effektivere Trainingswirkung erzielen.
- Mentales Training verleiht sowohl dem aktiv Trainierenden als auch dem durch Krankheit oder Verletzung pausierenden Sportler innere Sicherheit und Selbstvertrauen. Das Erlebnis, die geforderte Aufgabe zumindest mental zu beherrschen, steigert die positive Leistungseinstellung und gibt dem Sportler auch im Falle des Misserfolgs das Gefühl, sein Bestes gegeben zu haben.
- Ängste und Hemmungen bei der Ausführung bestimmter Bewegungen können durch mentales Training erfolgreich bekämpft werden. Das erfolgreiche, angstfreie "Durchspielen" z.B. eines Hochsprungs, ohne die Latte zu berühren, vermindert Höhenangst und Sprunghemmungen. Mentales Training führt zu einer verbesserten konzentrativen Einstimmung auf den Wettkampf.

5 Das differenzielle Lernen

5.1 Entstehung

5.1.1 Vorbemerkung

Um die Frage nach der Entstehung des differenziellen Lernens als Theorie des Bewegungslernens zu beantworten, ist es von Vorteil einen Blick auf die sportliche Historie zu werfen.

Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt, gewann der US-Amerikaner Richard „Dick“ Fosbury die Goldmedaille im Hochsprung. Er überquerte die Latte bei einer Höhe von 2,24m (Kluge, 1981). Für Aufsehen sorgte jedoch weniger die erreichte Höhe, als vielmehr die Technik welche er dabei verwendete. Wurde bis dato die Latte noch vermehrt bäuchlings mit der Wälzsprungtechnik (Straddle, Abb.16) überquert, bei welcher sich der Körperschwerpunkt besonders niedrig über der Latte bewegt, so gelang es Fosbury die Latte rücklings zu überqueren und dabei durch eine bogenförmige Spannung (Brückenposition) den Körperschwerpunkt unter die Latte zu verfrachten. Die daraus entstandene Technik, der sogenannte Fosbury Flop ist eine bis heute bei den weltbesten Sportlerinnen und Sportlerinnen bevorzugte Hochsprungtechnik (Schönfelder, 1983).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 15: Die Straddle-Technik (http://routetactile.com/site.asp?CatId=776160)

Im Hinblick auf das Thema dieser Diplomarbeit ist es jedoch zwingend, auch ein Beispiel aus der Geschichte des Kugelstoßens heranzuziehen.

Zwischen den Jahren 1952 und 1960 gewann der US-Amerikaner Parry O’Brien zwei Gold- und eine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen. 1952 in Helsinki und 1956 in Melbourne erreichte er mit einer Weite von 17,41m, bzw. 18,57m den ersten, sowie 1960 in Rom mit einer Weite von 19,11m den zweiten Platz (Kluge, 1981). Genau wie Richard Fosbury sechzehn Jahre später im Hochsprung, ging auch Parry O’Brien im Kugelstoßen mit einer neuen Technik an den Start. Die dabei entstandene O’Brien Technik (auch als Angleit- oder Rückenstoßtechnik bekannt, vgl. 3.2.2.4), wurde schnell von vielen Sportlern kopiert und mauserte sich zu einer der beiden Standardtechniken im Kugelstoßen (Schönfelder, 1983). Erst mit dem Ende der 90er Jahre, und den Erfolgen vieler US-Amerikaner drängte sich eine neue Technik in den Vordergrund. Die 1976 von dem sowjetischen Kugelstoßer Alexander Baryschnikow eingeführte Drehstoßtechnik kam jedoch nur bei optimalem Bewegungsablauf und extrem guter Koordinationsfähigkeit, sowie bei etwas kleineren und schweren Sportlern zur Geltung (Haberkorn & Plaß, 1991). Große und athletische Sportler wie beispielsweise Ulf Timmermann favorisierten weiterhin die O’Brien- Technik.

Diese beiden Beispiele aus der Leichtathletik führen zu zwei Annahmen. Zum Ersten ist es wenig sinnvoll, auf einer Technik zu beharren, wenn mit einer anderen Technik eine weitaus bessere Leistung zu erzielen ist, zum Anderen gibt es für unterschiedliche physische Dispositionen der Athleten auch unterschiedliche Technikvarianten, mit welchen diese ihr Leistungsmaximum besser ausschöpfen können. Beide Annahmen enthalten somit die Komponente der Individualität, welche bei jeder (sportlichen) Bewegung gegeben ist (Schöllhorn, 1999).

5.1.2 Individualität

Reflektiert man diese Komponente auf traditionelle Lehr- und Lernmethoden, so wiederspräche dies der Annahme, dass es eine Methode und eine Bewegung gibt, welche für alle Schüler die vermeintlich richtige ist. Wäre dies so, dann würde die Verantwortung für resultierende Leistungsunterschiede innerhalb einer Gruppe vom Einflussbereich des Lehrers weg auf die genetische Disposition der Gruppenmitglieder übertragen werden (Schöllhorn, Beckmann, Janssen und Michelbrink, 2009). Ein Schüler wäre also durch seine psychophysischen Eigenschaften mehr oder weniger für eine sportliche Disziplin geeignet, gegeben dem Fall, dass der Erfolg untrennbar mit einer Technik verbunden ist, welche uneingeschränkt als die beste angesehen werden kann. Dieser Gedanke hinkt jedoch, wurden doch beim Kugelstoßen die letzten beiden aufgestellten Weltrekorde mit jeweils unterschiedlichen Techniken erreicht. Ulf Timmermann erreichte mit der Angleittechnik 1988 in Chania eine Weltrekordweite von 23,06m, welche Randy Barnes 1990 in Westwood mit der Drehstoßtechnik auf 23,12m verbesserte (Megede, 2003). Ob die beiden Werfer eine solche Weite auch mit der jeweils anderen Technik erreicht hätten ist fraglich, wählten sie doch diejenige welche dem Anschein nach am ehesten zu ihren individuellen Eigenschaften gepasst hat.

[...]

Details

Seiten
138
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668133792
ISBN (Buch)
9783668133808
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199631
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Note
1,7
Schlagworte
differenziell mental Sportpsychologie Trainingslehre Kugelstoßen Psychologie empirisch Untersuchung diffenrenzielles Training mentales Training differenzielles Lernen

Autoren

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Titel: Vergleich zwischen mentalem Training und differenziellem Lernen in der Disziplin Kugelstoßen