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Der Ausgangspunkt der Denklehre Hans Drieschs in: "Ordnungslehre" (1912)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 15 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

I. Einleitung

Durch die biologische Problematik der frühen Jahre als Forscher auf dem Gebiete der Naturwissenschaft vor grundlegende philosophische Probleme gestellt, widmet sich Hans Driesch ab 1904 der Ausarbeitung seines ersten rein philosophischen Werkes, der „Ordnungslehre“. Drieschs Neubegründung des Vitalismus, dargelegt in der „Philosophie des Organischen“, eines im Jahre 1909 in deutscher Sprache erschienenen naturphilosophischen Werkes, welches Drieschs Tätigkeit an der schottischen Universität Aberdeen dokumentiert, muss seinem Denken eine logische und erkenntnistheoretische Rechtfertigung der auf Aristoteles zurückgehenden Annahme einer besonderen Lebenskraft, vis vitalis, abverlangt haben. Seinen Vitalismus auf harmonisch-äquipotentiellen Systemen fundierend[1], welche die Eigenschaft organischer bzw. embryonaler Teile bezeichnen, das ganze System, dessen Teile sie sind, aus sich selbst erzeugen zu können, was in endgültiger Abkehr vom einstigen Lehrer Ernst Haeckel geschah, der eine von Darwin ausgehende mechanistisch-materialistische Weltsicht bevorzugte, erkannte Driesch umgehend, dass „ohne stete Berührung mit der Erkenntnislehre eine fruchtbare Naturwissenschaft nicht möglich sei.“[2] Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte Driesch nun ein System des nicht-metaphysischen Teiles der Philosophie, unter besonderer Berücksichtigung der Lehre vom Werden, so die umfangreiche Ergänzung zum Titel des Werkes „Ordnungslehre“. Innerhalb seiner Denklehre unternimmt Driesch eine „phänomenologische Untersuchung und Klarstellung der Grundbedeutungen und grundlegenden Beziehungen unseres bewussten Erlebens und ihrer Ordnungen“[3], womit der Weg Drieschs vom Entwicklungsphysiologen zum Philosophen des Organischen schließlich zum rein philosophischen Denker hinführt. Die an dieser Stelle vorgenommene Einteilung in drei Stadien geistigen Fortschreiten, lässt sich auf eines der wichtigsten Ergebnisse von Drieschs Denklehre anwenden, auf das triale System, nämlich: „Ist bewusst erlebte Ichheit ein besonderer Zustand eines Teiles der Seele (psyche), oder ist diese ein besonderes Wesen (nous), so dass der Mensch kein duales, sondern ein triales, aus Materie, Seele und Ichheit bestehendes Wesen wäre?“[4] Erst drei Jahre vor seinem Tode, publiziert Driesch diese vorsichtig formulierte Frage, die dennoch unerlässlich darauf hindeutet, dass ihm der Mensch als dreiteiliges Wesen erscheint. Beschäftigte sich der junge Biologe im Rahmen seiner Experimente an Hydroidpolypen mit der materiellen Seite des Seins, kam er mit der „Philosophie des Organischen“ der Seele - als einer unbewussten, im Sinne von „psyche“ - einen Schritt näher, um sich dann der Ichheit, dem Geiste oder dem Intellekt zuzuwenden. Was Drieschs Arbeit immer fort durchzog, war ihr Anspruch auf Ganzheit. So ist der auf die erste Seite des Werkes gesetzte Leitspruch seiner „Ordnungslehre“ wiederum Ausdruck jenes denkerischen Hintergrundes, wird dort aus Platons Dialog „Parmenides“ zitiert: „Und ganz zermalmt wird notwendig, glaube ich, durch Zerstückelung alles Seiende, was nur irgend jemand in seinem Verstande auffasst“[5].

II. Hauptteil

II.1. Grundlegende Bestimmungen der Ordnungslehre

II.1.a) Ein methodischer Solipsismus als Ausgangspunkt

Die Einordnung seiner Ordnungslehre als „System des nicht-metaphysischen Teiles der Philosophie“, nimmt Driesch keineswegs vor, um die Möglichkeit einer Metaphysik zu leugnen, will er diese vielmehr als eine künftige vorbereiten. Tatsächlich folgen in den Jahren 1917 und 1924 zwei zur Metaphysik zählende Werke, wobei das erste mit „Wirklichkeitslehre. Ein metaphysischer Versuch“ und das zweite mit „Metaphysik“ betitelt ist. Es ist also anzunehmen, dass Driesch sich bereits zu Beginn seiner Arbeit an der „Ordnungslehre“ darüber gewiss war, dass ihm diese durchaus als Vorbereitung eines künftigen Auseinandersetzens mit einem überpersönlichen Wirklichen, unter rationalistischen Vorzeichen, erschien. Daher liegt innerhalb der ersten Kapitel der „Ordnungslehre“ die besondere Betonung auf einem streng immanenten Ansatz, den Driesch als „methodischen Solipsismus“ definiert und folgendermaßen begründet: „Dass unsere Ordnungslehre ... nur vom `ich erlebe denkend´ und von nichts anderem ausgehen darf, ist für uns klar. Ohne diesen gleichsam methodischen Solipsismus – der da freilich nicht sagt `Alles IST nur als von mir Erlebtes´, wohl aber ` Jedenfalls IST alles von mir Bedachte ein von mir Erlebtes – ohne ihn wäre schon ihr Ausgang dogmatisch.“[6] In diesem Sinne bezeichnet Driesch nun auch die Philosophie als eine Lehre von einem „bewusst mir gegenüberliegendem Haben“. Ausgang aller Philosophie ist das unmittelbare, bewusste Erleben und damit die Selbstbesinnungslehre. In der Selbstbesinnung, besinnt sich das Ich auf die „letzten unzerlegbaren Weisen, in denen es bewusst erlebt“. Keinesfalls mit der Begrifflichkeit der „inneren Wahrnehmung“ zu vertauschen, bedeutet „Selbstbesinnung“ einen „Zustand meiner“ selbst, welcher sich bewusst auf das Erleben – auf bewusstes Eigen- oder Ich-Erleben – richtet[7]. Driesch rückt diese Auffassung in die Nähe des „Intuitionismus“ des russischen Philosophen Nicolai Losskij, welcher unter dieser Begrifflichkeit die Auffassung der Außenwelt einem unmittelbaren, nicht-reflektierten Vorgang beilegte, der den Ausgang des Denkens bildet.

II.1.b) Die Bedeutung von „Selbstbesinnung“ innerhalb der Ordnungslehre

Die Selbstbesinnungslehre als aller ersten Teil der Philosophie bezeichnend, ergeben sich für Driesch daraus zwei weitere Lehren, die Ordnungslehre und die Erkenntnislehre. Erstere begreift Driesch als Logik bzw. als Vernunftlehre, die jedoch von allen erkenntnistheoretischen Anteilen zu reinigen sei, da sie „fremde“, der Logik nicht zugehörige, „Bestandteile“ darstellten: „Die Ordnungslehre arbeitet in ihrer Gegenstandsschau a priori. Ihr wesentlicher Unterschied zur älteren Logik liegt darin, dass `diese von den Dingen zu den Bedeutungen (Begriffen) geht, während sie von den erlebten Bedeutungen und Bedeutungszusammenhängen zu den Dingen aufsteigt´, also phänomenologisch vorgeht.“[8] Die Wichtigkeit der Erlebtheit, der Erfahrung, wird von Driesch durch die strikte Abgrenzung der Logik von der Erkenntnistheorie unterstrichen, um unter dem Dach dieser neuartig bedachten Logik „Ethik“ und „Ästhetik“ anzusiedeln. Das System der Ordnungslehre zerfällt denn auch nicht in „drei koordinierte, der üblichen Logik, Ethik und Ästhetik entsprechende Teile, sondern sie ist eine `Logik´, in deren System `Ethik´ und `Ästhetik´ an ganz bestimmten Orten eingegliedert sind.“[9] Gemeinhin „normative Lehren“ genannt, handeln die drei letztgenannten Lehren von dem, „was sein soll“ - im Gegensatz zur Psychologie, der Lehre vom „Seelenleben“, die vom „wie es ist“ handelt. In der Annahme, dass Psychologie richtiges und falsches Denken untersuche, schlägt Driesch wiederum den Bogen zur Selbstbesinnung, anhand welcher herausgestellt werden könne, welchen „formalen Bedingungen“ richtiges Denken genügen müsse. Da Driesch seine Ordnungslehre vor allem als Denklehre verstanden wissen will, erläutert er im Rahmen der Definition des Terminus „Ordnen“, dass dieses nichts anderes sei, als ein Vernunft ausdrückendes Denken. Unter Zeitgenossen Drieschs sei das Gebiet der Logik seiner Meinung nach einerseits zu weit gefasst, schließe es nämlich die Erkenntnistheorie mit ein, welche Driesch scharf von der Ordnungslehre absondern möchte; andererseits sei das Betätigungsfeld der „Logik“ zu eng gefasst, wenn die Rede ausschließlich auf eine „Definitions- und Schlusslehre“ gehe. Von der zu eng gefassten Logik soll hier aber nicht weiter gesprochen werden, insofern das Interesse des Autoren der „Ordnungslehre“ doch zu einem späteren Zeitpunkt[10] auf ein An-Sich-Seiendes gerichtet sein wird, auf Objektivität, von der er im Kontext des streng ich-bezogenen Ausgangspunktes seiner Lehre zunächst nichts wissen möchte. Ordnungslehre gehe nicht von Begriffen wie „Wahrheit“, „Allgemeingültigkeit“ oder „Erkennen“ aus. In ihr soll es ausschließlich um „mein Denken“ gehen, und nicht um „das Denken“, da dieses „überhaupt nur eine Einzigkeit“ habe – „mein Denken“[11]. Driesch gliedert die objektive Problematik auf diesem Umwege in die Subjektivität des „Ich erlebe bewusst etwas“ ein, oder besser: Er führt einen für ihn denkerisch notwendigen Gesichtspunkt ein, der den Sachverhalt in einem neuen Licht erscheinen lässt[12]. Im Zusammenhang mit dem Begriff des „Forderns“, den Driesch als Urleistung der Ordnungslehre einstuft, heißt „Denken“, dass das Ich auf Grund eines Vorwissens um Ordnung fordernd ordnet. Die ausschließliche Relevanz der Aussage, dass „Ich für mich in für mich gültiger Form ordne“, führt letzten Endes zur Erschaffung der Ordnungslehre, die hiermit als Sonderergebnis der Selbstbesinnungslehre erscheint, als Ergebnis der Besinnung auf das Wissen des Ich um Endgültigkeitszeichen.

[...]


[1] Vgl. Driesch, Hans – Mein System und sein Werdegang. In: Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Leipzig 1923, S. 52: „Harmonisch-äquipotentielle Systeme nennen ich solche in der Embryologie oder bei der Wiederherstellung der gestörten Organisation (Restitution) auftretenden Zellgesamtheiten, für deren organisatorische Leistung es nichts ausmacht, ob man ihnen beliebige Teile nimmt oder ihre Teile verlagert.“

[2] Ebd.

[3] Driesch, Hans – Ordnungslehre. Ein System des nicht-metaphysischen Teiles der Philosophie. Mit besonderer Berücksichtigung der Lehre vom Werden, Jena 1912, S. 9

[4] Driesch, Hans – Alltagsrätsel des Seelenlebens, Stuttgart 1938, S. 35

[5] Platon – Parmenides, In: Eigler, G. (Hg.) Platon. Werke in acht Bänden. Fünfter Band, Darmstadt 1981, S. 165a

[6] Driesch, Hans – Ordnungslehre, Jena 1912, S. 3

[7] ebd., S. 14

[8] Schöndorfer, Ulrich – Hans Drieschs philosophisches Werk. In: Wenzl, Aloys (Hg.) – Hans Driesch. Persönlichkeit und Bedeutung für Biologie und Philosophie von heute, München 1951, S. 52-53

[9] Driesch, a.a.O., S. 4

[10] Im Rahmen seiner „Wirklichkeitslehre. Ein metaphysischer Versuch“ von 1917 und in der „Metaphysik“ von 1924. In beiden Werken postuliert Driesch, obgleich er sich nun ausdrücklich einem Vorhandensein von Überpersönlichkeitszügen widmet – die er u.a. im Hinweis auf das sittliche Bewusstsein im Menschen als sehr wahrscheinlich annimmt -, dass Wirkliches mindestens weitgehend rational sein müsse, also von einer Ordnung, die unserer Ratio zugänglich und von ihr erfassbar sei. Die hier fortwirkende strenge Bedingung der „Ordnungslehre“, dass „ich denkend bewusst etwas erlebe“, eine abgewandelte Form des Cartesischen „Cogito“, übertrifft nun also auch in der „Metaphysik“ Drieschs seine Neigung zur Parapsychologie, welche in den späteren Jahren seines Denkens immer mehr in den Vordergrund rückte. Trotz dieser Nähe zum „Übersinnlichen“, bleibt Driesch zeitlebens klarer Rationalist, die Gefahren irrationaler Abwege erkennend.

[11] ebd.

[12] Vgl. Driesch-Ordnungslehre, S. 332: „Das Denken kennt nur sich und was für es ist; und zwar ganz ausdrücklich mein Denken, anders gesagt: ICH. Die Geschichte der Philosophie pflegt (diese) Art des Begreifens ... als `strengen subjektiven Idealismus´ oder `Solipsismus´ zu bezeichnen. Es ist heutzutage üblich, diese Lehre kurz mit einigen Worten abzutun, indem man sagt, der `Solipsist´ widerlege sich ja selbst, wenn er seine Lehre vortrüge: damit sage er ja doch, dass es etwas anderes als ihn selbst `gebe´, nämlich andere `Iche´. Diese Art, aus dem Solipsismus, besser aus der Lehre vom reinen Für-mich-sein, hinauszukommen, ist nun freilich ..., etwas gar zu rasch. `Andere Menschen´ sind von mir wirklich nur als sich bewegende Körper ... naturerlebt, und es hat doch andererseits, eben wegen der Kenntnis dieses Werdegesetzes, ... gar nichts Widersinniges in sich, dass ich mich mit ihnen `unterhalte´, von ihnen `lerne´, sie `belehre´. Ein `für mich´ aber bleibt das alles. (`Für mich seiend´ bleibt hier alles in reinster Form.)“

Details

Seiten
15
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638239806
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v19963
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Philosophisches Seminar
Note
sehr gut
Schlagworte
Ausgangspunkt Denklehre Hans Drieschs Ordnungslehre Hauptseminar Rationalismus Neuzeit

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