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Entstehung und Wandel der militärischen Koalition Deutschland – Finnland in Kohärenz mit dem Kriegsverlauf an der Ostfront

Seminararbeit 2005 21 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Genese der Koalition
2.1. Erste Schritte zur Militärallianz
2.2. Motive Deutschlands
2.3. Aporie und Kairos Finnlands

3. Die militärische Liaison Deutschland – Finnland

4. Ende der „Waffenbrüderschaft“

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Man muß auf das Rauschen der Fichte hören, unter der man seine Wohnung hat.“

Finnische Volksweisheit1

Als das Deutsche Reich im Sommer 1940 die ersten Fühler nach Finnland ausstreckte, atmete man dort spürbar auf. Man sah sich nach dem Winterkrieg 1939/40 und dem darauf folgenden Moskauer Frieden vom 13. März 1940 weiterhin von der Sowjetunion auf das Äusserste bedroht. Schließlich hatte die Rote Armee durch die Friedensbedingungen quasi einen Fuß in der Haustür Finnlands. Als dann ab Sommer 1940 die UdSSR begann, weitere Forderungen zu stellen, die über den Friedensvertrag von Moskau hinausgingen, schien ein weiterer Krieg mit der Sowjetunion in greifbarer Nähe. Ebenfalls hatten die Erfahrungen im Winterkrieg gezeigt, dass sich Finnland nicht auf die Unterstützung von Seiten der Westmächte verlassen konnte, zumal diese nunmehr selbst um ihr Überleben kämpften. Auch waren die Reserven Suomis, militärisch wie auch wirtschaftlich, nach dem Winterkrieg nahezu erschöpft. Man brauchte also dringend einen Verbündeten, der in der Lage war, den Fortbestand Finnlands zu sichern. In dieser Situation war jede Aussicht auf Hilfe hoch willkommen. Deswegen nahm man auch jede Form der ersten inoffiziellen Kontaktaufnahmen des Deutschen Reiches erfreut zur Kenntniss und bemühte sich, diese nicht abreissen zu lassen. So stimmte die finnische Regierung zum Beispiel der Werbung von Freiwilligen für die SS bereitwillig zu, war es doch ein erstes Mittel der Bindung beider Nationen aneinander. Die Annäherung beider Länder soll Gegenstand des ersten Teiles dieser Arbeit sein, ergänzt durch den inneren Konflikt, den Finnland zu dieser Zeit hegte.

Als der “Fall Barbarossa” dann endgültig beschlossen war, begann man auch in Berlin öffentlich Position für Finnland zu beziehen. In Helsinki dagegen musste man weiter vorsichtig taktieren, da man keine verbindlichen Zusagen Deutschlands vorzuweisen hatte und deshalb auf Gedeih und Verderb der durchaus ambivalenten Finnlandpolitik Hitlers ausgesetzt war.

In der Planung des Russlandfeldzuges wurde von Anfang an mit Finnland als Verbündeten gerechnet. Die militärischen Abstimmungen der beiden Länder gingen dann rasch von statten. Beim späteren Ostfeldzug Deutschlands und seiner Verbündeten, wurde der Beitrag Finnlands, vor allem durch die Finnen selbst, immer als Sonderkrieg, “Fortsetzungskrieg” genannt, proklamiert. Die finnische Regierung ließ sich damit eine Hintertür für einen möglicherweise nötigen Kriegsaustritt offen, was dann später in die Tat umgesetzt wurde.

Die Frage des Sonderkriegs kann man nur zweigeteilt betrachten. Gerade in der Angriffsphase im Sommer und Herbst 1941 nahm er deutliche Züge eines gemeinsamen Krieges an. Zwar im Unterschied zu Rumänien oder Ungarn ohne politisches Bündnis, aber dennoch hörte das finnische Oberkommando auf “das Rauschen der Fichte”, also auf das deutsche Oberkommando der Wehrmacht. Der Oberbefehlshaber der finnischen Streitkräfte Mannerheim bemühte sich, die finnische Kriegsführung an die Wünsche der deutschen Wehrmacht anzupassen. Erst die Frustration über die ausbleibenden Erfolge im Norden und ab 1942 das sich wendende Kriegsglück Deutschlands, veranlasste Mannerheim zum Strategiewechsel. Die militärische Zusammenarbeit sowie der Wandel in der Kriegsführung sollen im zweiten Teil der Seminararbeit beleuchtet werden.

Der dritte und letzte Teil zeichnet die Ereignisse des Bruches der “Waffenbrüderschaft” nach. Es soll dabei auch der militärische Aspekt des Ausscheiden Finnlands, die Operation “Birke” in Verbindung mit dem sogenannten “Herbstmanöver”, betrachtet werden.

2. Genese der Koalition

2.1. Erste Schritte zur Militärallianz

Nach der Kapitulation Frankreichs und der Besetzung Dänemarks und Norwegens begann die finnische Regierung, behutsam das Verhältnis zu Deutschland zu verbessern und diesem erste politische Tribute zu zollen2. Schließlich hatten sich die Machtverhältnisse in Nord- und Westeuropa, auch begründet durch die militärische Schwäche Großbritanniens, eindeutig zugunsten des Deutschen Reiches verschoben. In diesem Zusammenhang erkannte Finnland den slowakischen Satellitenstaat an und zog seine Vertreter bei der norwegischen Exilregierung sowie beim Völkerbund ab3.

Das deutsche Echo darauf ließ nicht lange auf sich warten. So reiste bereits Ende Juli 1940 Ludwig Weissauer als Beamter des Auswärtigen Amtes nach Finnland und sondierte dort in Gesprächen mit Mannerheim und Ryti, wie sich Finnland verhalten würde, falls es zu einem Krieg Deutschlands gegen die Sowjetunion kommen würde4. Am 21. Juli 1940 gab Hitler die Weisung heraus, das russische Problem in Angriff zu nehmen5. Ab diesem Zeitpunkt verschoben sich die deutschen Interessen von den rein wirtschaftlichen zu den strategischen. War man zuvor einzig und allein um die Nickelvorkommen bemüht, wollte man sich nun zusätzlich einen nördlichen Aufmarschraum gegen die Sowjetunion aufbauen und die Bergwerke im Gebiet Petsamo vor möglichem russischen oder englischen Zugriff sichern („Operation Rentier“)6.

Das durch Görings Emissär Veltjens am 18./19. August 1940 bei Mannerheim geschlossene Abkommen über umfangreiche Waffenlieferungen im Gegenzug für ein Transitrecht deutscher Truppen und ein Optionsrecht Deutschlands auf sämtliche finnische Mineralvorkommen7 war für Finnland ein deutliches Zeichen deutschen Interesses8. Damit war das Vakuum, in welchem sich die finnische Sicherheitspolitik seit dem Hitler-Stalin-Pakt und dem Moskauer Frieden befand, scheinbar durchbrochen9.

Bedeutete doch das „Vorverkaufsrecht auf alle das Großdeutsche Reich interessierende Konzessionen in Finnland“10 für die Regierung Ryti eine Sicherheit gegenüber den Forderungen der Sowjetunion das Gebiet Petsamo betreffend11.

Dem ersten Abkommen folgten im September 1940 weitere. So regelte man den Aufbau einer Landorganisation für die Truppentransporte mit festen Nachschubstellen und Versorgungsdepots und sprach sich über die zu benutzenden Routen sowie über die Art der zu bewegenden Truppenteile ab. Anders als beim finnisch-sowjetischen Transitabkommen vom 6. September 1940 mussten die Deutschen aber ihre Mannschaften und Waffen nicht getrennt transportieren12. Dies unterstrich den freundschaftlichen Charakter des Transitabkommens mit dem Deutschen Reich, im Gegensatz zum Finnisch-Russischen.

Infolge dessen wurden cirka 2200 deutsche Militärangehörige dauerhaft in Finnland stationiert. Formal dienten diese zur Unterstützung und Sicherung des Truppentransportes, inoffiziell aber bildeten die Nachschubposten eine ideale Etappenlinie für den späteren Aufmarsch13. Auch ließen Art und Weise der deutschen Lieferungen keinen Zweifel an deren späterer Verwendung. Waren sie doch zu einem großen Teil offensiver Natur und förderten so den Ausbau der „finnischen Operationsbahn“14.

Als dann am 12. und 13. November 1940 bei den Molotow-Gesprächen in Berlin „der Führer […] seinen Regenschirm kräftig über Finnland gehalten“15 hatte, bestand in Helsinki kein Zweifel mehr, dass das eigene Schicksal nun direkt von Deutschland abhing16. Göring übermittelte Mannerheim am 21. November dann die entscheidenden Worte: „Ein befreundetes Finnland […] kann und wird Deutschland niemals untergehen lassen.“17 Ab diesem Zeitpunkt rechnete man in Berlin fest mit einer Beteiligung Finnlands am Ostfeldzug18. So wurde dann bereits in der Weisung Nr. 21 („Fall Barbarossa“) vom 18. Dezember 1940 sowie in der „Aufmarschanweisung Barbarossa“ vom 31. Januar 1941 der Umfang finnischer Mitwirkung festgelegt19, allerdings ohne Verhandlungen mit dem finnischen Oberkommando aufgenommen zu haben20.

[...]


1 Zit. nach: Ryti, R.: Stunden der Entscheidung. Reden des finnischen Staatspräsidenten Risto Ryti. Leipzig, Berlin o. J. [1943]. S. 23.

2 Menger, M.: Deutschland und Finnland im zweiten Weltkrieg. Genesis und Scheitern einer Militärallianz. Berlin 1988. S. 77.

3 Ibid.

4 Ibid., S. 78.

5 Moritz, E.(Hrsg.): Fall Barbarossa. Berlin 1970. S. 70. Zit. nach: Menger, Deutschland und Finnland, S. 79.

6 Menger, Deutschland und Finnland, S. 79f. Vgl. dazu: Schramm, Percy E. (Hrsg.): Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (Wehrmachtführungsstab) (im Folgenden: KTB-OKW). Band 1. Studienausgabe. Augsburg 2002. S. 27.

7 Menger, Deutschland und Finnland, S.80 f.

8 Am 18. Dezember 1940 erklärte Göring dem finnischen Generalmajor Talvela: „In diesem Augenblick [Abschluss des Transitabkommens – B.K.] entschied sich das Schicksal Finnlands. Danach gehörte Finnland wieder zur deutschen Interessensphäre.“ Zit. nach: Menger, Deutschland und Finnland, S.80.

9 Siehe dazu: Ørvik, Nils: Sicherheit auf finnisch. Finnland und die Sowjetunion. Stuttgart-Degerloch 1972. Vgl. dazu: Blücher, Wipert von: Gesandter zwischen Diktatur und Demokratie. Erinnerungen aus den Jahren 1935-1944. Wiesbaden 1951. S. 200 f.

10 ADAP, D, Bd. XI, I, Dok. 139, 140, S. 199 (01. 10. 1940), zit. nach: Ueberschär , G. R.: Die Einbeziehung Skandinaviens in die Planung „Barbarossa“. In: Boog, Horst u.a. (Hrsg.): Der Angriff auf die Sowjetunion. Stuttgart 1983, S. 372.

11 Ueberschär, Einbeziehung Skandinaviens, S. 372 f.

12 Menger, Deutschland und Finnland, S. 81 f.

13 Ibid., S. 83.

14 Ibid., S. 84.

15 Zit. nach: Blücher, Gesandter, S. 205.

16 Menger, Deutschland und Finnland, S. 87.

17 Zit. nach: Ibid.

18 KTB-OKW, Bd. 1, S. 204.

19 Menger, Deutschland und Finnland, S. 88.

20 Ueberschär, Einbeziehung Skandinaviens, S. 381.

Details

Seiten
21
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783656259138
ISBN (Buch)
9783656260103
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199513
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
Schlagworte
2. Weltkrieg Finnland Militärbündnis

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