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Entwicklungspolitische Theorien

Essay 2003 11 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Entwicklungspolitik

Leseprobe

Entwicklungspolitische Theorien

In dem vorliegenden Text soll eine Darstellung der verschiedenen, im Laufe der Zeit modifizierten Entwicklungstheorien und den von ihnen nahegelegten Strategien zur Minderung von „Unterentwicklung“ aufgezeigt werden. Im Folgenden werde ich Begriffe wie „Entwicklung“ etc. in Anführungszeichen gesetzt, da sie im sprachlichen Gebrauch und in der Literatur zwar üblich sind, aber in dieser Form nicht meinem (Werte-)Verständnis entsprechen.

Die betreffenden Theorien werden in chronologischer Folge erläutert: Beginnend mit der Kolonialzeit bis hin zu den „modernen“ Konzepten von Sustainable Development und Zivilgesellschaft. Durch diese Art der Darlegung soll zum einen der historische Charakter von theoretischen Konzeptionen deutlich werden - ihre Beeinflussung vom Zeitgeist -, zum anderen soll aufgezeigt werden, dass neuere entwicklungspolitische Diskurse meist mit einem wissenschaftlichen Paradigmenwechsel einhergehen, und wissenschaftliche Wahrheit in diesem Zusammenhang stets relativ oder temporär, nie aber absolut ist.

Die Kolonialzeit schuf zwar keine eigenen Entwicklungsstrategien im engeren Sinne, lässt sich jedoch als ein Ausgangspunkt, ja vielleicht sogar als eine wesentliche Voraussetzung der später folgenden Modelle bezeichnen, da 1. die Kontakte und Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Kulturen ein bis dato unbekanntes Ausmaß annahmen und 2. wesentliche strukturelle Probleme von „Entwicklungsländern“ in ihrem ehemaligen Status als Kolonie oder aber in den darauf folgenden Dekolonisierungsprozessen begründet liegen.

Nach OSTERHAMMEL ist

Kolonialismus eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungsfähige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen. [2001:21]

Der Anfang der fünfziger Jahre und die damit einhergehenden Dekolonisierungsprozesse lassen sich in soweit als Beginn der Entwicklungspolitik bezeichnen, als dass sich die damit verbundenen Problematiken ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit rückten.

NOHLEN datiert den Beginn der Entwicklungspolitik auf das Jahr 1951, in dem der erste UN-Entwicklungsbericht veröffentlicht wurde. [vgl. 1994: 206]

Hier wurde auch das erste Mal die Formel „Wachstum = Entwicklung“ dargelegt, die in ihrer Ausformulierung, der sogenannten Wachstumstheorie, lange Zeit das theoretische Fundament von Entwicklungspolitik verkörperte. Der wesentliche Faktor oder Gradmesser für den Entwicklungsstand eines Landes ist in diesem Konzept das BSP respektive das Pro-KopfEinkommen.[1] Es wurde davon ausgegangen, dass ein einheitliches Entwicklungsmuster, basierend auf der Konzeption der westlichen Industrienationen, auf alle Länder der Erde, ungeachtet kultureller und sonstiger Differenzen, übertragbar sei [vgl. THIEL 1999: 11]

Entwicklung und Wachstum sind innerhalb dieser Theorie untrennbar miteinander verbunden, was unter anderem darin begründet lag, dass zur entwicklungspolitischen Theoriebildung vorwiegend auf ökonomische Theorien rekurriert wurde: Die Rostowsche Stadientheorie, Außenwirtschaftstheorien nach Smith und Ricardo ( „Theorem der komparativen Kostenvorteile“) und die Wachstumstheorie nach Harrod-Domar seien an dieser Stelle exemplarisch aufgeführt. [vgl. NISSEN 1994:721]

Der entscheidende Grundgedanke innerhalb dieser Konstruktion lautet: Volkswirtschaften, die sich im Stadium der Subsistenzwirtschaft/ Landwirtschaft befinden, dem primären Sektor, benötigen Kapital (vorwiegend in Form von „Entwicklungshilfe“), um wachsen zu können und somit in den sekundären Sektor Eintritt finden zu können. [vgl. WOLL 1996:562 u. 616] NISSEN hierzu:

Eine massive Steigerung des Faktors Kapital wurde als notwendige und zugleich hinreichende Bedingung erachtet, um einen sich selbst tragenden Wachstumsprozess zu initiieren. Dieser Entwicklungsimpuls von oben, der von Kapitalinvestitionen ausgeht, induziert eine Veränderung der technisch-ökonomischen Produktionsstruktur, führt zu einem horizon of rising expectations, die in rational-ökonomische Verhaltensweisen übergehen und schließlich zu einer Veränderung der gesamtensozialökonomischen Struktur führen. [1994: 722]

In diesem Kontext ist auch die Trickle-down-These zu verstehen: Das von außen induzierte, wachstumsfördernde Kapital sickere längerfristig, vorwiegend in Form höherer Pro-KopfEinkommen, zur Masse der Bevölkerung durch, die, durch die damit verbundene Stärkung ihrer Kaufkraft, ihren Lebenstandart erhöhen werde.

[...]


[1] Auch heute noch sind diese beiden Faktoren wesentliche Eckpfeiler bei der (ökonomischen) Bewertung eines Landes dar. Vgl. exemplarisch die Länderanalysen bei http://bmz.de oder http://world-factbook.com

Details

Seiten
11
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638239592
ISBN (Buch)
9783638781725
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v19936
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Inst. für internationale Beziehungen
Note
1,7
Schlagworte
Entwicklungspolitische Theorien

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Titel: Entwicklungspolitische Theorien