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Nachhaltige Stadtentwicklung und der Agenda 21-Prozess in Essen

Vordiplomarbeit 2003 43 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Stadt und Stadtentwicklung aus soziologischer Sicht
1.1 Begriffsklärung Stadt
1.1.1 Quantitative Klassifizierung der Stadt
1.1.2 Qualitative Klassifizierung der Stadt
1.1.3 Stadtforschung und Stadtsoziologie
1.2 Begriffsbestimmung Stadtentwicklung
1.3 Trends der Stadtentwicklung
1.3.1 Identität
1.3.2 Integration
1.3.3 Regionalisierung
1.3.4 Schrumpfende Städte
1.4 Die Bedeutung der Städte für unsere Gesellschaft

2 Nachhaltige Entwicklung
2.1 Begriffsklärung
2.2 Die Entstehung des Leitbildes der nachhaltigen Entwicklung
2.3 Die Dimensionen von Nachhaltigkeit
2.4 Nachhaltigkeit in der Stadtentwicklung

3 Der Agenda 21-Prozess in Essen
3.1 Vorläufer der LA21 in Essen
3.1.1 NRW-Landesprogramm „Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf“
3.1.2 Der Essener Konsens
3.1.3 Grünflächen für Bauland
3.1.4 Klimabündnis und Energiesparprogramm Nachhaltige Stadtentwicklung
3.1.5 Umweltberatung und Umweltforum
3.2 Vorbereitung der LA21 in Essen
3.3 Drei Jahre Agenda-Büro Essen
3.3.1 Zeitplan
3.3.2 Die LA21-Projekte
3.3.3 Agendastadtteil Altendorf
3.3.4 Schwerpunkt Schulen
3.3.5 Leitliniendiskussion
3.3.6 Öffentlichkeitsarbeit und Bürgerpartizipation
3.3.7 Widerstände und Erfolge
3.4 Die Zukunft der LA21 Essen

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

0 Einleitung

In Städten konzentriert sich modernes gesellschaftliches Leben; sie bieten die größten Chancen und Auswahlmöglichkeiten für Individuen, Unternehmen, für die Kultur und Politik. Gleichzeitig bergen sie auch die größten Risiken von nachteiligen Entwicklungen in sich, die aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte viele Bewohner auf einmal betreffen, anders als in dünn besiedelten ländlichen Regionen. Damit Städte auf Dauer lebenswert und als Wohn- und Wirtschaftsstandort attraktiv bleiben, muss ein Gleichgewicht zwischen sozialer, ökonomischer, ökologischer und kultureller Entwicklung hergestellt werden. Eine rein von oben gesteuerte Stadtentwicklungspolitik wird jedoch nicht die Bedürfnisse aller Anspruchsgruppen befriedigen können. Die Beteiligung von Bürgern, Wirtschaft und anderen relevanten gesellschaftlichen Gruppen an der Steuerung des Entwicklungsprozesses ist Voraussetzung dafür, dass zukunftsfähige Wege gemeinsam gefunden und gegangen werden.

Die erwähnten Anforderungen an die Stadtentwicklung sind alle im Konzept der „nachhaltigen Entwicklung“ enthalten. Der Begriff „nachhaltige Entwicklung“ war im Jahr 2002 zwar erst 30 Prozent der Deutschen bekannt (imug 2002), aber eigentlich ist Nachhaltigkeit eine traditionelle Idee: Das Zusammenleben der Generationen, Vorsorge für die Zukunft der Kinder, ein gutes Miteinander mit Nachbarn, Rücksichtnahme auf andere, Respekt vor der Natur:

Nachhaltig ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der heutigen Generation befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.

So lautet die die wohl bekannteste Definition von Nachhaltigkeit (aus dem Brundlandt-Bericht von 1987, siehe Kapitel 2.2). Alle Bedürfnisse befriedigen zu wollen scheint ein hoch gegriffenes Ziel, dennoch ist genau dies der Anspruch des Nachhaltigkeitsprinzips, weil es alle Faktoren berücksichtigt, die sich auf unsere Lebensqualität auswirken. Dazu gehören unser soziales Umfeld, unsere wirtschaftliche Situation, der Raum, in dem wir leben, unsere Möglichkeiten, die Gesellschaft mitzugestalten, unsere Bildungschancen sowie Freizeit- und Kultureinrichtungen zur Entspannung und geistigen Erneuerung.

Selten erfahren wir eine ausgewogene Erfüllung all unserer Bedürfnisse im privaten Bereich, und genauso selten gelingt es dem Staat, ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher, sozialpolitischer und ökologischer Entwicklung herzustellen. Dennoch wird menschliches Leben auf Dauer - ob in der Stadt oder auf dem Land nur möglich und menschenwürdig sein, wenn diese Entwicklungen miteinander harmonieren und zukunftsfähig gestaltet werden. Jede Generation muss ihre Aufgaben selbst lösen und darf sie nicht den kommenden Generationen aufbürden. Die heutige Generation ist für die Lebensqualität der zukünftigen Generationen verantwortNachhaltige Stadtentwicklung lich. Dafür sind Visionen, Phantasie und Kreativität, aber auch Änderungs- und Verantwortungsbereitschaft auf allen Seiten notwendig: beim einzelnen Bürger genauso wie bei Unternehmen, Institutionen und Nationen.

Die vorliegende Arbeit behandelt zunächst die zwei Themenkomplexe Stadt/Stadtentwicklung und Nachhaltigkeit, bevor an Essen gezeigt wird, wie der Weg zur Nachhaltigkeit in einer Stadt gefunden und gegangen werden kann.

1 Stadt und Stadtentwicklung aus soziologischer Sicht

1.1 Begriffsklärung Stadt

Weil Städte in unterschiedliche räumliche, zeitliche und soziale Kontexte eingebettet sind und aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden, hat man sich bisher nicht auf eine einheitliche Begriffsbestimmung des Terminus Stadt einigen können. Städte sind der Forschungsgegenstand von Geographen, Architekten, Raumplanern, Politikwissenschaftlern, Historikern, Verwaltungswissenschaftlern und Soziologen.

Aufgrund der Relevanz für die Soziologie soll zunächst der Stadtbegriff Max Webers aufgegriffen werden. Für Weber ist eine Stadt zunächst eine geschlossene Siedlung oder Ortschaft von einer Größe, in der die persönliche Bekanntschaft mit allen Einwohnern, wie es in der Nachbarschaft üblich ist, fehlt. Er weist darauf hin, dass die zwei Merkmale „geschlossen“ und „groß“ in der Vergangenheit nicht auf alle Ortschaften zutrafen, die den Rechsstatus von Städten hatten; gleichzeitig gibt es in anderen Staaten Ortschaften, die der Größe und Geschlossenheit nach seiner Stadtvorstellung entsprechen, rechtlich aber nur als Dörfer gelten. Aufgrund dieser Disparitäten entwickelt Weber einen ökonomischen Stadtbegriff:

„Wir wollen von „Stadt“ im ökonomischen Sinn erst da sprechen, wo die ortsansässige Bevölkerung einen ökonomisch wesentlichen Teil ihres Alltagsbedarfs auf dem örtlichen Markt befriedigt, und zwar zu einem wesentlichen Teil durch Erzeugnisse, welche die ortsansässige und die Bevölkerung des nächsten Umlandes für den Absatz auf dem Markt erzeugt.“ (Weber 1922:514)

Hinzu kommt bei Weber noch der politisch-administrative Begriff der Stadt: Die Stadt ist ein autonomer Verband in Selbstverwaltung und mit besonderen Gemeinderechten.

Inzwischen ist Webers historischer Stadtbegriff mit seinen zwei Merkmalen Markt und Verwaltung/Bürgerschaft (bzw. in Webers Worten „oikos“, aus dem Griechischen οικοσ = Hausgemeinschaft) überholt. Städte werden heute nach verschiedenen quantitativen und qualitativen Kriterien klassifiziert, wobei das Verständnis von Stadt als administrative Einheit bestehen bleibt.

1.1.1 Quantitative Klassifizierung der Stadt

Als häufigstes quantitatives Kriterium einer Stadt wird ihre Einwohnerzahl benutzt. Die Abgrenzung von Städten nach Einwohnern fällt in jedem Staat unterschiedlich aus: Gelten in Island schon Siedlungen von 20 Menschen als Städte, ist dies in Griechenland ab 10.000 Einwohnern der Fall, in Japan gar erst ab 50.000. In Deutschland gelten Ortschaften bis 2.000 Einwohner noch nicht als Städte, sondern als Landgemeinden; ab 2.000 Einwohner wird folgende statistische Unterscheidung vorgenommen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Deutschland gibt es z.Z. 3 Millionenstädte: Berlin (3,4 Mio. Einwohner), Hamburg (1,7 Mio.) und München (1,2 Mio), Köln ist mit 962.000 Einwohnern nicht weit davon entfernt. Größere Städte, wie sie vor allem in Entwicklungsländern bestehen und an Zahl weltweit zunehmen, werden folgendermaßen klassifiziert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Seit der Handel nicht mehr als Keimzelle der Stadt gilt, weil Waren- und Informationsaustausch keinen Marktplatz mehr benötigen und der Raum durch Verkehrs- und Informationstechnik schrumpft, nimmt die Bedeutung der Städte ab und die von Städtenetzen, sog. Agglomerationen zu. Eine Agglomeration ist eine „Region mit hoher Bevölkerungs- und Arbeitsplatzdichte, die durch eine Mehrzahl von größeren Zentren geprägt ist, welche räumlich stark verflochten sind.“ (BMVBW 2003:3) Agglomerationen besitzen ein oder mehrere Oberzentren und mehrere Unterzentren, die funktional miteinander verflochten sind. Der „Raumordnungspolitische Orientierungsrahmen“ des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (BMVBW) legt in Deutschland 8 monozentrisch strukturierte Agglomerationsräume fest: Hamburg, Bremen, Hannover, Berlin, Dresden, Stuttgart, Nürnberg und München. Dazu kommen 3 polyzentrisch strukturierte Agglomerationsräume: Halle-Leipzig, Rhein-Ruhr-Gebiet und Rhein-Main-Gebiet. Nicht nur in Deutschland entstehen immer mehr stadtähnliche Verflechtungen, die man nicht mehr als konventionelle Stadt bezeichnen kann und die den herkömmlichen Stadtbegriff in Frage sowie die Zukunftsplanung der Städte vor unbekannte Herausforderungen stellen.

1.1.2 Qualitative Klassifizierung der Stadt

Der bisher erläuterte statistische bzw. quantitative Stadtbegriff lässt keine Aussagen über Funktionen oder Erwerbsstruktur der Ortschaften zu und grenzt daher ländliche von städtischen Siedlungen nicht klar ab. Eine eindeutigere Definition erlaubt der soziogeographische Stadtbegriff, der funktionale, soziale, sozialökonomische und physiognomische Merkmale verbindet (Breßler 2003):

Eine Stadt weist eine gewisse Größe mit hoher Bebauungsdichte, besonders im Stadtkern, und geschlossener Ortsform auf.

Bezogen auf Wohn- und Arbeitsstättendichte, Miet- und Lebenshaltungskosten besteht ein Kern-Rand-Gefälle (zentral-peripherer Gradient).

Die Mehrheit der Bevölkerung geht Tätigkeiten im sekundären (rohstoffverarbeitenden/produzierenden) oder tertiären (Dienstleistungs-) Sektor nach.

Wohn-, Arbeits- und Freizeitbereiche sind in bestimmten Graden voneinander getrennt (funktionale Differenzierung); die Wohngebiete wiederum sind nach sozialen Schichten getrennt (sozialräumliche Differenzierung).

Die durch die hohe Bevölkerungsdichte mögliche Arbeitsteilung und die damit einhergehende Differenzierung und Spezialisierung führen zu wachsender Anonymität, ökonomischer Konkurrenz und einem Sozialverhalten, bei dem Menschen nur noch Ausschnitte ihrer Persönlichkeit zeigen. (Schäfers 1998:373)

Der Alltag polarisiert sich zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, wobei der klassische Ort städtischer Öffentlichkeit die Stadtmitte ist, die symbolische Bedeutung für das „Städtische“ hat. (Schäfers 1998:374)

Städte weisen überdurchschnittliche Anteile von Ein-Personen-Haushalten und Kleinfamilien mit einem Kind auf.

Da städtische Einrichtungen von Bewohnern des Umlands mitbenutzt werden, besitzen Städte gegenüber ländlichen Siedlungen einen Bedeutungsüberschuss („zentrale Orte“). Stadt- und Landbewohner benutzen Verwaltung, Verkehrsflächen, Arbeitsplätze, Bildungs-, Freizeit- und Kultureinrichtungen sowie Einkaufsmöglichkeiten im Stadtgebiet gemeinsam.

Als zentraler Ort mit regem Einpendelverkehr ergibt sich eine hohe Verkehrsbündelung der Stadt. Städte verwalten sich in allen kommunalpolitischen Belangen selbst, nur zu einem Landkreis gehörige Städte werden teilweise von den Ämtern und Behörden des Landkreises mitverwaltet.

Unter folgenden quantitativen und qualitativen Bedingungen wird eine Stadt als Weltstadt (Global City) bezeichnet (Stewig 1983:176):

•-Die Bevölkerung liegt bei über 500.000 Einwohner.
•-In mindestens zwei der Bereiche Industrie/Handwerk/Bergbau, Handel/Verkehr, Verwaltung/Finanzen oder Kultur/Bildung sind je 25 % der Beschäftigten tätig.
•-Durch ihre starken Verflechtungen mit dem Ausland verfügt eine Weltstadt über einen internationalen Funktionsbereich. Weltstädte wie New York, London oder Tokio gelten als globale Steuerungszentralen politischer oder wirtschaftlicher Entscheidungen.
•-Eine Weltstadt besitzt Residenz- und Hauptstadtfunktion.

Wie schon in Bezug auf Agglomerationen angedeutet, verschwindet das Alleinstellungsmerkmal von Städten immer mehr. Vernetzungen mit anderen Städten und dem Land nehmen zu, Gegensätze zwischen Stadt und Land heben sich durch die räumliche Mobilität der modernen Gesellschaft auf (Stadt-Land-Kontinuum). So stellt Strubelt (2000:234) fest, dass es „die Stadt als eigenes gesellschaftliches Konstrukt, das gegenüber dem Land genau abgegrenzt ist, [...] immer weniger zu geben“ scheint.

1.1.3 Stadtforschung und Stadtsoziologie

Die Stadtforschung ist eine junge Wissenschaftsdisziplin, die erst mit der rapiden Zunahme städtischer Siedlungen während der Industrialisierung entstand. Als interdisziplinäre Wissenschaft tangiert sie Geographie, Architektur, Politikwissenschaften, Geschichte und Soziologie. Auch wenn sich die Stadtforschung inzwischen als eigenständige Disziplin herausgebildet hat, bemüht sie sich darum, sich - im Sinne Luhmanns - nicht zu sehr zu spezialisieren oder auszudifferenzieren, indem sie Probleme ausschließlich durch eigene Theorien erklärt, denn langfristig ist eine Abgrenzung von anderen Disziplinen bei der Untersuchung des komplexen Gegenstandes Stadt unproduktiv. (Friedrichs 1995:16)

Stadtsoziologie oder Sozialökologie decken die Zusammenhänge zwischen der sozialen Organisation der Gesellschaft und der räumlichen Organisation der Stadt auf. (Schäfers 1998:329) Z.B. fördert die Arbeitsteilung und die daraus entstehende gegenseitige Abhängigkeit - Durkheims „organische Solidarität“ - die räumliche Konzentration von Arbeitsplätzen; ein wachsendes und heterogenes Angebot an Waren, Dienstleistungen und Einrichtungen begünstigt die räumlich konzentrierte Ansiedlung von heterogenen sozialen Gruppen; in Grundrissen und Ästhetik der Stadt manifestieren sich Machtbeziehungen usw. (Bodenschatz 2000:143)

Ihren Anfang nahm die Stadtsoziologie mit Arbeiten von Charles Booth über Lebensbedingungen in London (1889) und von Adna Weber über das Wachstum von Städten in Nordamerika und Europa. Breite quantitative und qualitative Untersuchungen führte ab 1905 die sozialökologische Fakultät an der Universität Chicago (Chicagoer Schule) durch, die auch den Begriff „Human Ecology“, der im Deutschen dann mit Sozialökologie übersetzt wurde, einführte. Gleichzeitig arbeitete Max Weber an seiner posthum veröffentlichten Schrift „Die Stadt“[1], bei der es sich um eine historische und kulturvergleichende Analyse der Stadt handelt. Bedeutung erlangte die Stadtsoziologie in Deutschland jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Seither wurden die Grundlagen- und die angewandte Forschung ausgebaut und auf die Anforderungen der nachkriegsdeutschen Stadtplanung ausgerichtet. (Friedrichs 1995:15) Mit der Verstädterung der Erde und den einhergehenden Herausforderungen und Chancen wächst die Bedeutung der Stadtsoziologie ständig. Strubelt (2000:235) stellt sie in den „Fokus der zukünftigen Gesellschaften“.

Die Stadtsoziologie untersucht Städte auf verschiedenen Analyse-Ebenen (Friedrichs 1995:22):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der Untersuchung einer Ebene ist stets zu beachten, durch welche tiefer oder höher gelegene Ebene sie beeinflusst wird. Oft ist es ohnehin nötig, für Aussagen über eine Ebene die Untersuchungen einer anderen Ebene heranzuziehen. Z.B. wird das Einkommen und die Schulbildung von Individuen herangezogen, um den sozialen Status eines Stadtteils zu erklären.

1.2 Begriffsbestimmung Stadtentwicklung

Die Entwicklung einer Stadt ist ein komplexer Prozess, dessen Beschreibung nie das Ganze, sondern nur Teilaspekte berücksichtigen kann. Diese Teilaspekte können ökonomischer, ökologischer, technologischer oder sozialer Natur sein. Die soziologische Betrachtung der Stadtentwicklung beschäftigt sich mit der Frage, welche gesellschaftlichen Faktoren den Stadtentwicklungsprozess steuern. Dazu gehören rein demographische Fakto ren wie Geburten- und Sterbequoten, Wanderungen und Altersaufbau genauso wie soziale Normen und ideologische Entwicklungen.

Der Wandel der Stadt in der Moderne wurde vorrangig von technologischen Aspekten geprägt, welche wiederum vor allem die Wirtschaftsstruktur prägt. In der Gegenwart, ist sich die soziologische Stadtforschung einig, hat die ökonomische Dimension den größten Einfluss auf die demographische, politische und fiskalische Entwicklung einer Stadt. (Strubelt 2000:222) Städte sind immer ein Spiegel ihrer gesellschaftlichen, wirtschaftlicher und politischen Gegebenheiten (Fingerhuth 1996:13):

„Die Stadt zeigt sich heute als die Kumulation aller Eingriffe der menschlichen Gesellschaft in die Natur, und ihre Gestalt ergibt sich aus der Summe aller Bedürfnisse und Wertvorstellungen der Gesellschaft.“

Stadtentwicklung ist von äußeren (Umwelt-) und inneren (Struktur-) Bedingungen abhängig, darf also nicht vom nichtstädtischen Umfeld isoliert betrachtet werden (Hamm 1996:183) Z.B. ist die räumliche Bevölkerungsentwicklung (im Gegensatz zur natürlichen Bevölkerungsentwicklung) einer Stadt sowohl extern als auch intern beeinflusst, da sie nicht nur von ihrer eigenen Attraktivität abhängt, sondern auch von der mangelnden Attraktivität außerstädtischer Siedlungen.

Da die positive Entwicklung eines Aspektes die negative eines anderen bedeuten kann - durch Bevölkerungszunahme gehen nicht nur die Bauland- und Wohnungsressourcen zurück, sondern auch die Naturressourcen; bei Wirtschaftswachstum sinken zwar die Versorgungs-, steigen aber meist die Entsorgungsprobleme u.ä. - ist Entwicklung nicht von sich aus positiv. Auch sollte Stadtentwicklung nicht nur auf quantitative Expansion, Bedarfsausweitung, Wachstum abzielen, sondern vorallem auf eine qualitative Aufwertung des städtischen Raumes und seiner Lebensbedingungen. Unter diesem Gesichtspunkt kann auch Stadtschrumpfung, ein Phänomen der postindustriellen Phase, Stadtentwicklung bedeuten.

1.3 Trends der Stadtentwicklung

Welche Trends sind in der Entwicklung deutscher Städte gegenwärtig zu beobachten? Diese Leitfrage wurde dem Ideenwettbewerb „Stadt 2030“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) zugrunde gelegt[2]. Prämiert wurden Projektideen, die Städte auf zukünftige Herausforderungen vorbereiten. Die Wettbewerbskategorien sind beispielhaft für die Gebiete, auf denen Handlungsbedarf besteht:

1.3.1 Identität

Aufgrund der zunehmenden Konkurrenz der Städte um Investoren, Konsumenten, Touristen und Einwohner nimmt die Bedeutung einer eigenen Identität zu. Identität und die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt müssen besonders dort gefördert werden, wo aufgrund von Strukturwandel die Einwohner und Politiker noch mental an die alte Ökonomie gebunden sind. Durch behutsame Bemühungen kann die Bevölkerung an ihre „neue“ Stadt gewöhnt werden.

Städte werden immer öfter wie andere Produkte als Marke mit einem attraktiven Image behandelt. Kritiker weisen an der Strategie „Stadt als Marke“ jedoch folgende Mängel auf (Burgstahler 2000):

•-Eine Stadt ist kein Massengut, von dem es Kopien gibt, wie bei Bekleidung, Lebensmitteln etc., sondern jede Stadt ist in sich hoch komplex und nicht als Ganzes beschreibbar. Somit lässt sich eine Stadt auch nicht einheitlich nach außen darstellen.
•-Eine Stadt hat heterogene Zielgruppen - Bürger, Investoren, Touristen - die nicht wie ein Markenprodukt durch ein einheitliches Marketingkonzept vermarktet werden kann.
•-Die Hauptaufgabe einer Stadt besteht in der Daseinsfürsorge für ihre Bürger. Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing unterstützen diese Aufgabe lediglich.

1.3.2 Integration

In den kommenden Jahren werden Ungleichheiten in der Einkommens- und Besitzverteilung zunehmen (Polarisierung); gleichzeitig werden sich Milieus auch dann, wenn sie ähnliche Einkommens- und Besitzverhältnisse aufweisen, stärker voneinander trennen (Heterogenisierung). Stadtentwicklung muss darauf ausgerichtet sein, den negativen Trends einer egoistischen und fragmentierten Gesellschaft entgegenzuwirken. Besonders um die Probleme wirtschaftlicher Krisen zu lösen - Arbeitslosigkeit, Abwanderung von Unternehmen - muss die Vision einer solidarischen, gerechten und integrationsfördernden Stadt verwirklicht werden. Demografische Veränderungen und Migrationen verstärken den Handlungsdruck. Ein wirksames Mittel gegen Segregation bietet die Partizipation, die gleichzeitig die Identifikation fördert.

1.3.3 Regionalisierung

Das Stadt-Land-Kontinuum und das gestiegene Selbstbewusstsein des ländlichen Raumes lässt die Bedeutung von Kernstädten immer mehr schwinden. Um diesem Trend gerecht zu werden, ist entweder eine gezielte Kooperation in Netzwerken, wie z.B. die Städteregion Ruhr sie entwickelt, oder eine Ausdehnung bzw. Auflösung der Kommune in eine institutionalisierte Region, wie es in den Regionen Stuttgart oder Hannover der Fall ist. Die erste Lösung ist in Regionen mit gleichwertigen Akteuren vorzuziehen, wo die Konkurrenz untereinander als fruchtbar erlebt wird; die letztere Lösung eignet sich für Regionen mit einem einzigen starken Akteur. Durch die Regionalisierung muss Stadtentwicklung mit Landschaftsentwicklung verknüpft werden.

1.3.4 Schrumpfende Städte

Auch wenn insgesamt die städtische Bevölkerung in Deutschland zunimmt, ist in einigen Städten, besonders in den neuen Bundesländern, die demographische Schrumpfung das zentrale Problem der gegenwärtigen Stadtentwicklung, eine Tatsache, die nicht weiter aus Scham ignoriert werden darf. In Deutschland schrumpfen derzeit 26 Städte mit über 100.000 Einwohnern, darunter auch Städte des Ruhrgebiets. Grund sind der Strukturwandel oder die Wirtschaftsschwäche von bestimmten Regionen, die Binnenwanderungen verursachen, aber auch die niedrige Geburtenrate, die nicht das Sterbedefizit ausgleichen kann. Westdeutsche Städte schrumpfen sehr viel langsamer, da sich hier der Strukturwandel schon seit 20-30 Jahren vollzieht, während er im Osten erst vor rund 10 Jahren eingesetzt hat und zu dramatischeren Auswirkungen führt. So verlor Leipzig von 1989 bis 1998 fast hunderttausend Einwohner; 60.000 Wohnungen stehen leer, und ganze Stadtviertel drohen zu veröden.

Stadtschrumpfung beinhaltet zwei Prozesse: den Verlust von Einwohnern und den Verlust von Wirtschaftskraft. Eine weniger folgenreiche Ausrichtung von Stadtschrumpfung ist die Suburbanisierung, denn Binnennahwanderungen bedrohen lediglich die Wohnraumstruktur; die öffentlichen Einrichtungen und wirtschaftlichen Dienstleistungen einer Stadt werden zum großen Teil weiterhin genutzt.

Seit Beginn der Industrialisierung musste sich städtische Planung nicht mehr mit Stadtschrumpfung auseinandersetzen; vor allem in der Nachkriegszeit war ihr Hauptziel, Defizite abzubauen. Eine Neuorientierung stadtplanerischer Konzepte wird nötig sein, denn die wohl gemeinte Umkehrung von Schrumpfungsprozessen in Wachstumsprozess gilt als unmöglich und kontraproduktiv. Schrumpfung muss als Zukunftsperspektive akzeptiert und kultiviert sowie ihre positiven Effekte und verborgenen Potentiale genutzt werden. So bedeutet Schrumpfung in den meisten Fällen eine ökologische Aufwertung einer Stadt und schafft Raum für mehr Freizeitbereiche. (Lang 2002)

1.4 Die Bedeutung der Städte für unsere Gesellschaft

In Westeuropa waren die mittelalterlichen Städte ein wesentlicher Faktor für das Einsetzen der Modernisierung und ihrer Prozesse Rationalisierung, Differenzierung, Domestizierung und Individualisierung. Während in anderen Kulturen Städte immer Außenposten zentraler Regierungen waren, entstanden westeuropäische Städte als unabhängige Einheiten und setzten sich in ihrer Fortschrittlichkeit von der Feudalität und Tradition ihrer Zeit ab. Die meist von Kaufleuten gegründeten Siedlungen sagten sich mit zunehmendem Wohlstand von der Herrschaft der Feudalherren los und regierten sich fortan selbst: sie wählten eine eigene Stadtregierung, erließen eigene Rechtsregeln, erhoben Steuern und schützten die Stadt durch eine Mauer. In diesen politisch autonomen Städten, geprägt von Freiheit und Wohlstand, erfolgte auch der geistige und wissenschaftliche Fortschritt des Abendlandes. (van der Loo 1992:48)

Noch heute sind Städte die Keimzellen von Innovationen und gesellschaftlichem Wandel, weshalb sie für einige attraktiv, für andere abstoßend sind. Die resultierenden Prozesse sind Landflucht bzw. Verstädterung oder Stadtflucht, wobei weltweit der erstere Prozess, auch Urbanisation genannt, überwiegt: Lebten 1950 weltweit noch 29 % der Bevölkerung in Städten, waren es 2000 schon 51 %. Die Prognose für 2025 beläuft sich auf 61 %. (Fischer 2001:1291) Aufgrund des zunehmenden Bedarfs an Verkehrsfläche und höherer Ansprüche an Wohnraum- und Gewerbegröße nimmt der Flächenverbrauch von Städten unproportional schnell zu.

Vor allem in den Ländern der Dritten Welt stellt die Flucht in die Städte für viele Landbewohner den letzten Ausweg aus einer aussichtslosen wirtschaftlichen Lage und aus der Enge von Tradition und überkommenen Werten dar. Jedoch sind die schnell wachsenden Städte nicht auf einen derartig schnellen Bevölkerungsanstieg vorbereitet, weil es an vorausschauender Planung und an finanziellen Mitteln mangelt. Für viele Landflüchtige endet die Odyssee in den Slums der Vororte, von wo aus sie genauso wenig Zugang zum Reichtum und Angebot der Stadt und ihren Versorgungseinrichtungen haben wie auf dem Lande.

In Deutschland nimmt insgesamt die städtische Bevölkerung zu, einige Städte schrumpfen jedoch (s.o.). Ein Blick in die Statistik offenbart, dass seit 1945 der Anteil der in Großstädten mit über 100.000 Einwohnern lebenden Bevölkerung mit 30 % konstant geblieben ist. Der Grund dafür ist die ausgeprägte Suburbanisierung, d.h. der Zuzug in die Vororte der Kernstadt, die zum städtischen Agglomerationsraum gehören. Die Probleme, die durch Suburbanisierung erzeugt werden - Verkehrs- und Pendlerzunahme, Steuerverluste, Zersiedlung etc.

- veranlassten in Deutschland ab 1970 umfangreiche Eingemeindungen.

Verstädterung zeigt sich nicht nur in der quantitativen Ausdehnung der Städte, sondern auch qualitativ am Lebensstil und an den Verhaltensweisen der Bevölkerung (Schäfers 1998:375):

•-Trennung der privaten Sphäre von anderen Lebensbereichen

•-Wegfall der engen gemeinschaftlichen Bindung, wie sie im Dorf üblich ist und damit Rückgang sozialer Kontrolle

[...]


[1] „Die Stadt“ wurde 1922 als Kapitel von Webers „Wirtschaft und Gesellschaft“ veröffentlicht; siehe Literaturverzeichnis.

[2] Die Angaben des Kapitels „Trends der Stadtentwicklung“ und seiner Unterkapitel sind, soweit nicht anders zitiert, der Online-Dokumentation von „Stadt 2030“ entnommen (www.stadt2030.de) .

Details

Seiten
43
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638239585
Dateigröße
980 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v19935
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Fachbereich 1 - Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Nachhaltige Stadtentwicklung Agenda Essen

Autor

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