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Grundschule und Migrationshintergrund: Erklärungen für den Bildungs(miss)erfolg

Examensarbeit 2012 74 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Abbildungsverzeichnis

II Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Migrantinnen und Migranten in der Bundesrepublik Deutschland
2.1 Begrifflichkeiten
2.2 Wer sind Migrantenkinder?
2.3. Daten und Fakten

3 Bildungsbeteiligung von Grundschülern mit Migrationshintergrund
3.1 Zusammensetzung der ausländischen Schülerschaft
3.2 Die vorschulische Bildung – Zur Bedeutung des Besuchs vorschulischer Betreuungseinrichtungen
3.3 Der Besuch der Grundschule und der Übertritt von der Primar- in die Sekundarstufe I

4 GrundschülerInnen mit Migrationshintergrund im Blick der Internationalen Studien
4.1 Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU)
4.1.1 Ergebnisse der IGLU 2001
4.1.2 Ergebnisse der IGLU 2006
4.2 Die Trends in International Mathematics and Science Study (TIMSS) 2007 – Grundschule

5 Erklärungen für die Bildungsbenachteiligung von SchülerInnen mit Migrationshintergrund in der Grundschule
5.1 Erklärung der Benachteiligung durch familiale Faktoren
5.1.1 Die Herkunfts- und Lernkultur der Eltern
5.1.2 Unterschichtskultur als defizitäres Sozialisationsumfeld
5.1.3 Humankapitalinvestitionen
5.2 Erklärung der Benachteiligung durch individuelle Merkmale der Migrantenkinder
5.2.1 Zur Rolle der Sprachkenntnisse
5.2.2 Zur Rolle des Geschlechts
5.3 Erklärung der Bildungsbenachteiligung durch Merkmale der Institution Schule
5.3.1 Effekte der Schulform
5.3.2 Effekte der Klassenzusammensetzung
5.3.3 Kompetenzen der Lehrpersonen in den Bereichen Beurteilung und Diagnostik
5.3.4 Erklärung durch institutionelle Diskriminierung

6 Multikulturalität und Mehrsprachigkeit als Chance

7 Zusammenfassung und Fazit

III Bibliographie

IV Erklärung

I Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Personen mit Migrationshintergrund nach Herkunftsländern und Herkunftsgebiet, Mikrozensus 2010, eigene Darstellung nach Daten des Statistischen Bundesamt

Abbildung 2: Übergang von Kindern aus Migrantenfamilien und Kindern aus deutschen Familien von der Grundschule in die Sekundarstufe I im Zeitraum von 1985 bis 2006 nach Schultyp (prozentuale Anteile)

Abbildung 3: Lesekompetenz, mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenz nach Migrationshintergrund, IGLU 2001

Abbildung 4: Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenz von SchülerInnen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund in allen TIMSS-Teilnehmerstaaten (links) und in Deutschland (rechts)

Abbildung 5: Lese-, mathematischen und naturwissenschaftliche Kompetenz nach Migrationshintergrund

II Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Bevölkerung Deutschlands nach detailliertem Migrationsstatus 2010

Tabelle 2: Eckzahlen zur Bevölkerung nach Migrationsstatus, ausgewählten Merkmalen und räumlicher Verteilung

Tabelle 3: Verteilung der Kinder mit und ohne Migrationshintergrund auf die unterschiedlichen Lesekompetenzstufen, IGLU 2006 (Daten in%), I stellt die niedrigste V die höchste Kompetenzstufe dar

1 Einleitung

Der Zusammenhang zwischen den Bildungschancen und der Herkunft wurde in den letzten Jahren in zahlreichen Forschungsbeiträgen thematisiert. In keinem anderen Industrieland hängt der Bildungserfolg der SchülerInnen so stark von der Familie und der Herkunft ab, wie in Deutschland (vgl. Nieswandt 2010:58). Kinder mit Migrationshintergrund gelten im deutschen Schulsystem als die Problemkinder schlechthin und sind in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung geraten (vgl. Neumann et al. 2010:11). Ihre schlechten Schulleistungen sind durch die PISA-Studien und nicht zuletzt durch die IGLU-Studien bestätigt worden.

Aufgrund des eigenen Migrationshintergrunds besteht meinerseits ein ganz besonderes Interesse an der Bildungsbeteiligung und dem Bildungserfolg von Kindern mit Migrationshintergrund. Da es unterschiedliche Bildungserfahrungen in meiner Familie gibt, ist es äußerst interessant, nach den Gründen für diesen Bildungs(miss)erfolg zu suchen.

Im vorliegenden Werk soll nach Erklärungsmodellen für die Bildungsbenachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund in der Grundschule gesucht werden. Dem Buch liegt die These zugrunde, dass Kinder mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem nicht dieselben Chancen für eine erfolgreiche Schulkarriere besitzen, wie Kinder ohne Migrationshintergrund (vgl. Diefenbach 2008). Ausgehend von dieser These sollen Erklärungen für diese Benachteiligung gefunden werden.

Die Untersuchung beginnt mit einer Einführung in die Thematik. Nachdem die für diese Untersuchung relevanten Begrifflichkeiten definiert werden, wird genauer auf die thematisierte Gruppe, nämlich die der Migrantenkinder, näher eingegangen. Anschließend wird eine Übersicht der Zusammensetzung der Bevölkerung (mit Migrationshintergrund) gegeben. Das dritte Kapitel umfasst die Bildungsbeteiligung von SchülerInnen mit Migrationshintergrund. Nachdem ein Überblick über die Zusammensetzung der ausländischen Schülerschaft gegeben wurde, wird auf den Besuch vorschulischer Betreuungseinrichtungen und deren Bedeutung für die Migrantenkinder eingegangen. Darauf folgt eine kritische Betrachtung des Übergangsprozesses von der Grundschule in die Sekundarstufe I. Im Rahmen des vierten Kapitels erfolgt eine Darstellung der Situation und des Leistungsniveaus der SchülerInnen mit Migrationshintergrund in den internationalen Vergleichsstudien. So weit möglich, erfolgt in den einzelnen Betrachtungsaspekten des Schulbesuchs und der Leistungen der SchülerInnen mit Migrationshintergrund ein Vergleich mit SchülerInnen deutscher Herkunft um auf eventuelle Disparitäten und statistische Auffälligkeiten hinzuweisen. Im fünften Kapitel werden schließlich Erklärungsansätze für die Bildungsbenachteiligung der GrundschülerInnen mit Migrationshintergrund geliefert. Die Ursachen für den Bildungs(miss)erfolg von Kindern mit Migrationshintergrund werden zentral in drei Kategorien unterteilt. Die erste beschäftigt sich mit Gründen, die sich auf familiale Faktoren zurückführen lassen. Hierzu gehören Merkmale des sozialen und kulturellen Hintergrunds. Die zweite untersucht die individuellen Merkmale der Migrantenkinder und betrachtet die Rolle des Geschlechts und der Sprachkenntnisse. Ob es eine Koppelung zwischen den individuellen Merkmalen der Migrantenkinder, wie beispielsweise ihrer Herkunft und den schulischen Leistungen gibt, soll exemplarisch an einigen ausgewählten Studien dargestellt werden. Die dritte Kategorie umfasst Erklärungsansätze, die die Gründe für die Benachteiligung in Merkmalen der Schule als Institution suchen. Hier wird auf die Kontextbedingungen des Schulbesuchs eingegangen. Im sechsten Kapitel soll dazu animiert werden, Multikulturalität und Mehrsprachigkeit als Chance zu sehen. Im siebten und letzten Kapitel werden die vorgestellten Daten aus den vorangegangenen Kapiteln zusammengefasst dargestellt und eine abschließende Einschätzung der zukünftigen Entwicklung der Bildungsbeteiligung der SchülerInnen mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem vorgenommen.

2 Migrantinnen und Migranten in der Bundesrepublik Deutschland

2.1 Begrifflichkeiten

Deutschland ist mit einer Population von rund 82 Millionen das bevölkerungsreichste Land der europäischen Union. Etwa ein Fünftel der Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund (vgl. Statistisches Bundesamt 2011a:32).

Es stellt sich die Frage, wer als Migrant gilt und wie dieser Status definiert ist. Ausgangspunkt für die Definition der Bezeichnung Migrant ist der Begriff Migration. Dieser stammt von dem lateinischen Wort migratio und bedeutet (Aus)wanderung. Weitere Definitionen laut Duden sind „ Wanderung oder Bewegung bestimmter Gruppen von Tieren oder Menschen “ oder „ Abwanderung in ein anderes Land, in eine andere Gegend, an einen anderen Ort“ [1]. Wie hier ersichtlich wird, gibt es keine einheitliche Definition des Begriffes und auch in den Sozialwissenschaften konnte man sich auf keinen gemeinsamen Konsens einigen (vgl. Diefenbach 2008:17). Das grundlegendste gemeinsame Merkmal aller Definitionen von „ Migration “ ist, dass es sich um Wanderungen von Individuen oder Gruppen von Individuen handelt, die das Ziel verfolgen, den Wohnort dauerhaft zu wechseln (vgl. Han 2000:7). In anderen Definitionen wird der soziokulturelle Aspekt des Wohnortwechsels hervorgehoben. Nach Eisenstadt (1954:1) findet Migration statt, wenn ein Individuum oder eine Gruppe von Individuen von einer Gesellschaft in eine andere wechselt.

Im vorliegenden Werk soll die Bewegung von Personen im Raum - der Wechsel der sozialen Gesellschaft eingeschlossen - als Anhaltspunkt genommen werden.

Nachdem die Bedeutung des Begriffs Migration erläutert wurde, soll auf die Bezeichnung Migrationshintergrund eingegangen werden. Das statistische Bundesamt hat Kriterien festgelegt, welche zur Bestimmung eines Migrationshintergrunds dienen:

1. Es werden nur die Zuwanderungen auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland berücksichtigt die ab 1950 stattgefunden haben.
2. Auch die Nachkommen der Zuwanderer, die bereits in der Bundesrepublik geboren wurden, werden berücksichtigt.
3. Auf eine Gliederung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund nach der Generationsfolge wird verzichtet. Stattdessen findet lediglich eine Differenzierung zwischen Zuwanderern (1. Generation) und die in Deutschland geborenen (2. Generation) statt.
4. Allen Ausländern und Eingebürgerten wird ein Migrationshintergrund unterstellt (vgl. Statistisches Bundesamt 2011a:5f).

Unter Beachtung der genannten Bedingungen wird die folgende Definition für eine Person mit Migrationshintergrund formuliert: Zu den Menschen mit Migrationshintergrund zählen „ alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“ (vgl. Statistisches Bundesamt 2011a:6).

Folglich gilt sowohl eine in Deutschland lebende Person ausländischer Staatsangehörigkeit als auch eine eingebürgerte Person, als Migrant.

2.2 Wer sind Migrantenkinder?

Nachdem die Begriffe Migration und Migrationshintergrund definiert wurden, soll aufgrund des Fokus des vorliegenden Buchs auf Kinder mit Migrationshintergrund, die Vielfalt dieser Begrifflichkeit beschrieben werden.

Wer gilt als Migrantenkind? In der Fachliteratur existieren im Bezug auf Kinder mit Migrationshintergrund sehr unterschiedliche Begriffe, die sich in ihrer Bedeutung überschneiden. In diesem Kapitel soll auf die Verwendung der Begriffe in Bezug auf Kinder in der Fachliteratur eingegangen werden. Nach Diefenbach gibt es eine vorgefasste Vorstellung darüber, wer zu der Kategorie Migrantenkinder gehört, nämlich die Nachkommen der Gastarbeiter, die ab Mitte der 1950er Jahre im Rahmen bilateraler Verträge zwischen Deutschland und Italien, Spanien, Griechenland, Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien nach Deutschland kamen. Allerdings kann dies nicht als Definition festgehalten werden, da die Nachkommen der Aussiedler ebenfalls einen Migrationshintergrund haben. Weiterhin ist fraglich, ob Nachkommen von Gastarbeitern mit deutscher Staatsangehörigkeit, auch als Migrantenkinder gelten sollten. Auch ist unklar, ob Kinder aus gemischten Ehen unter dieser Kategorie fallen (vgl. Diefenbach 2008:17). Es wird ersichtlich, dass eine genaue Definition des Begriffs Migrantenkind unentbehrlich ist.

Wie bereits geklärt definieren die Sozialwissenschaften den Begriff Migration als Wanderung von Personen oder Personengruppen. Notwendiger Bestandteil der Definition Migrantenkinder ist, dass eine Zuwanderung nach Deutschland und ein Wechsel der gesellschaftlichen Umgebung in eine andere stattgefunden haben muss. Folglich ist ein Migrantenkind jemand, der aus dem Ausland nach Deutschland gezogen ist.

Nun stellt sich die Frage in welcher Generation die Migration stattgefunden hat bzw. wer war der Migrant nach Deutschland?

Es gibt zwei Auffassungen, wer als Migrantenkind gelten soll:

1. Ein Kind gilt als Migrantenkind, wenn es in einem anderen Land als Deutschland geboren wurde und dann nach Deutschland migriert ist.

Nach dieser Auffassung gilt ein Kind auch als Migrantenkind, wenn ein Elternteil im Ausland geboren und nach Deutschland gezogen ist. Auch Migrantenkind 1. Ordnung genannt.

2. Ein Migrantenkind ist ein Kind, dessen Eltern nicht in Deutschland geboren sind, sondern in einem anderen Land und danach nach Deutschland migriert sind. Folglich ein Kind von Migranten. Diese Kinder werden auch als die zweite Generation bezeichnet. Auch Migrantenkind 2. Ordnung genannt.

Die erste Auffassung ist eindeutig, die Charakterisierung von Migrantenkind im Sinne der zweiten Auffassung birgt dagegen Missverständnisse. Ein Migrantenkind 2. Ordnung muss nicht zwingend auch der zweiten Generation von Migranten angehören, nämlich dann nicht, wenn es in Deutschland geboren wurde und damit das Kriterium der Wanderung nach Deutschland nicht erfüllt (vgl. Diefenbach 2008,20). Die Unterscheidung zwischen Migrantenkinder 1. und 2. Ordnung existiert zwar, sie wird jedoch in der Fachliteratur, in den Schulstatistiken und Studien kaum vorgenommen. Lediglich die neueren Studien (IGLU oder PISA) betrachten beide Gruppen von Kindern, also diejenigen deren beiden Elternteile im Ausland geboren wurden und die, die nur einen im Ausland geborenen Elternteil haben, gleichermaßen und voneinander getrennt. Die Publikationen zu den genannten Studien meinen bei der Bezeichnung „Kinder mit Migrationshintergrund“ diejenigen, die oben als „Migrantenkinder 2. Ordnung“ bezeichnet wurden. Diese Bezeichnung kann ebenso als Sammelbegriff für Migrantenkinder 1. und 2. Ordnung benutzt werden und für Kinder, deren Großeltern, Urgroßeltern und Ururgroßeltern gewandert sind (vgl. Diefenbach 2008:21).

Ein weiteres weit verbreitetes Phänomen ist die häufige selbstverständliche Gleichsetzung von Migranten und Ausländern, was vermutlich auf die restriktiven Einbürgerungsgesetze Deutschlands zurückzuführen ist. Über Jahrzehnte hinweg wurden Migrantenkinder 1. und 2. Ordnung als Ausländer bezeichnet und blieben dies auch, was sich jedoch durch Einbürgerungen[2] von Migrantenkindern, sowie durch Zuwanderung von Aussiedlern mit deutscher Staatsangehörigkeit änderte (vgl. Diefenbach 2008:21).

Es wird deutlich, dass keine der beiden Bezeichnungen alle Kinder mit Migrationshintergrund umfasst. Wenn also im Folgenden der Begriff Migrantenkinder oder Kinder mit Migrationshintergrund verwendet wird, wird es als Sammelbegriff nach der im Kapitel 2.1 formulierten Definition von Migrant verwendet. Mit Kindern mit Migrationshintergrund und Migrantenkinder sind stets Kinder gemeint die mindestens ein im Ausland geborenen Elternteil haben oder selbst im Ausland geboren wurden.

2.3. Daten und Fakten

Laut statistischem Bundesamt lebten im Jahr 2010 81,71 Millionen Menschen in Deutschland. Die unten aufgeführte Tabelle (Tabelle 1) verdeutlicht die genauen Zahlen der Bevölkerung nach dem Migrationsstatus. Im Jahr 2010 hatten 15,7 Millionen der 81,7 Millionen hier lebender Menschen einen Migrationshintergrund. Der Anteil der deutschen mit Migrationshintergrund lag bei knapp 10,6%, der Ausländeranteil bei 8,7%. Demnach beläuft sich der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund auf 19,3% an der Gesamtbevölkerung. 13% davon haben eine eigene Migrationserfahrung, d. h. sie sind nach Deutschland zugewandert. Ferner sind 5,2 Millionen der 15,7 Millionen Personen in Deutschland geboren. Es wird ersichtlich, dass fast jeder Fünfte auf eine ausländische Herkunft zurückblickt.

Tabelle 1: Bevölkerung Deutschlands nach detailliertem Migrationsstatus 2010[3]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die unten aufgeführte Grafik (Abbildung 1) zeigt den Anteil der Personen mit Migrationshintergrund an der deutschen Bevölkerung im Jahr 2010 nach den meist vertretenen Herkunftsländern. Personen aus den EU-Staaten haben grüngefärbte Balken, Personen aus europäischen Nicht-EU-Staaten haben gelbe Balken und die Balken der sonstigen Personen mit Migrationshintergrund, deren Herkunft nicht genau zugeordnet werden konnte (z.B.: Aussiedler), sind grau gefärbt. Diese Abbildung verdeutlicht, dass nach wie vor die Menschen aus den ehemaligen Anwerbestaaten den Großteil der ausländischen Wohnbevölkerung Deutschlands ausmachen. Bezogen auf das Jahr 2010 bilden die Türken mit 2 485 000 die größte in Deutschland lebende ethnische Gruppe, gefolgt von den Personen aus Polen mit 1 311 000. Rund 65% der Bevölkerung mit Migrationshintergrund, stammt aus Europa. Das am wenigsten vertretene Herkunftsgebiet ist Amerika mit 398 000 Einwohnern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1:Personen mit Migrationshintergrund nach Herkunftsländern und Herkunftsgebiet, Mikrozensus 2010, eigene Darstellung nach Daten des Statistischen Bundesamts[4]

Die dargestellten Daten veranschaulichen, dass Menschen mit Migrationshintergrund etwa ein Fünftel der deutschen Gesellschaft ausmachen und damit ein großer Bestandteil derer sind. De facto ist die Bundesrepublik ein Einwanderungsland und Migration ist zu einem stabilen Faktor im Bevölkerungsaufbau geworden.

Im Zusammenhang mit der schulischen Bildung von SchülerInnen nichtdeutscher Herkunft ist die Betrachtung des Altersaufbaus der ausländischen Bevölkerung Deutschlands interessant.

Die unten aufgeführte Tabelle 3 zeigt die Unterteilung der Bevölkerung nach Altersgruppen und dem Migrationsstatus bezogen auf das Jahr 2010.

Tabelle 2: Eckzahlen zur Bevölkerung nach Migrationsstatus, ausgewählten Merkmalen und räumlicher Verteilung[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Folgenden sollen die Anteile der einzelnen Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund verdeutlicht werden. Wie aus Tabelle 3 ersichtlich wird, waren im Jahr 2010 insgesamt 4,5 Millionen in Deutschland lebende Personen mit Migrationshintergrund im Alter von 0-20 Jahren, was 28,7% an der gesamten Migrantenbevölkerung ausmacht. Der entsprechende Anteil dieser Altersgruppe an der deutschen Bevölkerung lag bei rund 15,8%. Die Altersgruppe zwischen 20 und 55 Jahren bildete mit etwa 8,2 Millionen Menschen einen Anteil von 52,2% an der Bevölkerung nichtdeutscher Herkunft, der entsprechende Anteil lag bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund bei 47,6%. Die über 55-Jährigen bildeten 19,1% der Bevölkerung mit Migrationshintergrund, der entsprechende Anteil jener ohne Migrationshintergrund entsprach 36,6%.

Da ich mich in diesem Buch auf Grundschulkinder konzentriere sollen die Altersgruppen von 5-10 und 10-15 Jahren genauer betrachtet werden. Die Tabelle zeigt, dass die Anzahl der Migrantenkinder im Alter von 5-10 Jahren bei 1 141 000 liegt, was knapp 1,4 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. 1 123 000 SchülerInnen im Alter von 10-15 Jahren haben einen Migrationshintergrund. Im Vergleich dazu liegt die Anzahl der Kinder im Alter von 5-10 (10-15), die keinen Migrationshintergrund bei 2 377 000 (2 748 000). Außerdem wird deutlich, wie viele der Migrantenkinder einen deutschen Pass haben. 81,3% der hier lebenden 5-10 jährigen und 65,4% der 10-15 jährigen Kinder nichtdeutscher Herkunft haben einen deutschen Pass.

Die dargestellten Anteile der einzelnen Altersgruppen an der Gesamtbevölkerungszahl mit Migrationshintergrund verdeutlichen eine demografische Besonderheit der nichtdeutschen Bevölkerung. Die Zusammensetzung der einzelnen Altersgruppen unterscheidet sich deutlich von der deutschen. Die Anteile der Zugwanderten an den Älteren sind geringer, gleichzeitig gibt es mehr Jugendliche und Kinder. Das heißt, die Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist deutlich jünger als die Bevölkerung ohne (vgl. Herwartz-Emden 2007:7). Ebenfalls ist die Geburtenrate regressiv, gleichzeitig ist ein Zuwachs an Jugendlichen mit Migrationshintergrund festzuhalten. Während im Jahr 1991 noch 830 000 Kinder in Deutschland zur Welt kamen, waren es 2010 nur noch 678 000. Dies entspricht einem Rückgang von mehr als 18% (vgl. Statistisches Bundesamt 2012b:6; Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010:5). Laut dem Bildungsbericht 2010 waren 58% der 20,9 Millionen in Deutschland lebender Frauen Mütter. Frauen die aus dem Ausland zugezogen sind haben mit 70% deutlich häufiger Kinder als Frauen, die in Deutschland geboren wurden (56%). Davon haben 70% der zugewanderten Frauen mehr als ein Kind, während 62% der in Deutschland geborener dieser Kategorie zugehören. Somit ist die Fertilität der zugewanderten Frauen höher als die, der in Deutschland geborener (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010:18).

Die genannten Daten geben einen Überblick über die Verteilung der Migranten in Deutschland. Anhand der Zahlen kann prognostiziert werden, dass die Anzahl der Kinder mit Migrationshintergrund stetig zunehmen wird und vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung der Chancengleichheit zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund besonders wichtig.

3 Bildungsbeteiligung von Grundschülern mit Migrationshintergrund

3.1 Zusammensetzung der ausländischen Schülerschaft

Zu Beginn soll kurz auf die Bezeichnung „ausländische Schülerschaft“ in der Kapitelüberschrift, die sofort auffällt, eingegangen werden. Als erstes analytisches Ergebnis kann festgehalten werden, dass die Schulstatistiken allein die Staatsangehörigkeit zur Kategorisierung der SchülerInnen verwendet. Es gibt lediglich zwei Kategorien: Deutsche und Ausländer. SchülerInnen, die eingebürgert wurden oder Aussiedlerfamilien angehören, tauchen in den Statistiken als Deutsche auf. Auf diese Problematik wird im späteren Verlauf des Kapitels nochmals eingegangen.

Im Folgenden soll die Zusammensetzung der ausländischen Schülerschaft dargestellt werden. Gemäß den amtlichen Statistiken, besuchten im Schuljahr 2010/2011 knapp 9 Millionen SchülerInnen die allgemeinbildenden Schulen. Davon waren insgesamt 727 030 SchülerInnen Ausländer, was einem Anteil von 8,3 % an der Gesamtschülerzahl entspricht (vgl. Statistisches Bundesamt 2012a:3). Dieser Anteil, der über dem Anteil der ausländischen Bevölkerung an der deutschen Gesamtbevölkerung liegt, spiegelt die im Kapitel 2.3 dargestellte demografische Besonderheit der ausländischen Wohnbevölkerung wider. Betrachtet man die Herkunft der ausländischen SchülerInnen in ihrer ethnischen Zusammensetzung zeichnen sich die Daten aus Kapitel 2.3 erneut ab. Mit einer Anzahl von 270 516 sind die meisten ausländischen SchülerInnen aus der Türkei. Gefolgt werden diese von italienischen (45 649) und polnischen (25 639) SchülerInnen. In der prozentualen Verteilung der ausländischen SchülerInnen auf die einzelnen Bundesländer zeigt sich ein anderes Bild: Im Vergleich zu den absoluten Zahlen weisen Berlin mit 13,8%, Hamburg mit 12,6% und Bremen mit 12,5% die höchsten Ausländeranteile vor (vgl. Statistisches Bundesamt 2011b:27f).

Aufgrund der Ausrichtung dieses Buches auf den Primarbereich werden die Zahlen der ausländischen SchülerInnen an den Grundschulen genauer betrachtet. Im Schuljahr 2010/2011 wurden die Grundschulen von insgesamt 2,8 Millionen SchülerInnen besucht. Der Anteil der ausländischen SchülerInnen in den Grundschulen lag mit 217 013 bei 7,5%. Bei der Verteilung der ausländischen GrundschülerInnen nach Bundesländern wird deutlich, dass Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern mit Abstand die meisten Ausländerzahlen in den Grundschulen vorweisen (vgl. Statistisches Bundesamt 2011b:13f).

Diese Zahlen sind jedoch mit Problemen behaftet, denn zur Erfassung des Migrationsstatus wird in den Schulstatistiken lediglich nach der Staatsangehörigkeit gefragt. Dieses Merkmal allein ist jedoch begrenzt aussagekräftig. In der Gesamtzahl der ausländischen SchülerInnen sind SchülerInnen aus Aussiedlerfamilien, da sie in der Regel die deutsche Staatsangehörigkeit haben und die eingebürgerten SchülerInnen trotz ihres Migrationshintergrunds nicht differenziert erfasst und tauchen als Deutsche auf. Der Migrationshintergrund ist dadurch nicht mehr erkennbar.

Die Statistiken zum Lernerfolg replizieren somit nur, wie erfolgreich die Ausländer - ohne deutschen Pass - im Vergleich zu ihren deutschen MitschülerInnen im deutschen Bildungssystem sind. Somit ist die soziale Wirklichkeit im deutschen Bildungsbereich unzureichend abgebildet (vgl. Siegert 2008:12). Dies kann zu einer Unterschätzung des Integrationsproblems führen, denn in der Gruppe der SchülerInnen mit deutscher Staatsangehörigkeit gehören auch viele, die die deutsche Sprache nicht bzw. kaum beherrschen. Ebenso kann es zu Unterschätzungen von Integrationsarbeiten und Bildungserfolgen kommen, wenn erfolgreiche MigrantInnen in den Statistiken als Deutsche erfasst werden (vgl. Herwartz-Emden 2007:9).

Für weiterführende Schulstatistiken wäre am Beispiel der Kinder- und Jugendhilfestatistik eine dritte Kategorie empfehlenswert, die Deutsche mit Migrationshintergrund separat darstellt. Der Migrationshintergrund würde nach der Frage erfasst, ob mindestens ein Elternteil ausländischer Herkunft ist. Somit wäre eine bessere und differenziertere Auswertung möglich.

[...]


[1] Vgl.: Duden. Online: http://www.duden.de/rechtschreibung/Migration#Bedeutung1a (Stand: 21.03.2012, 11:54 Uhr)

[2] Nach §4 StAG Absatz (3) erwirbt ein Kind ausländischer Eltern durch die Geburt im Inland die deutsche Staatsangehörigkeit, wenn ein Elternteil seit acht Jahren rechtmäßig seinen gewöhnlichen Aufenthalt im Inland hat und ein unbefristetes Aufenthaltsrecht hat.

[3] Statistisches Bundesamt (2011): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Ergebnisse des Mikrozensus 2010.S.64

[4] Eigene Darstellung. Statistisches Bundesamt (2011): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Ergebnisse des Mikrozensus 2010, S. 64.

[5] Eigene Darstellung Statistisches Bundesamt (2011): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Ergebnisse des Mikrozensus 2010, S.32.

Details

Seiten
74
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656281986
ISBN (Buch)
9783656282969
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199318
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Pädagogik der Elementar- und Primarstufe
Note
1,0
Schlagworte
Migrationshintergrund Grundschule IGLU PISA Bildungsbenachteiligung Bildungsverlierer Diskriminierung

Autor

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Titel: Grundschule und Migrationshintergrund: Erklärungen für den Bildungs(miss)erfolg