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Die politische Bedeutung des Gazastreifens während der Al-Aqsa-Intifada

Vor dem Hintergrund des israelischen Abzugs 2005

Studienarbeit 2006 40 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politische Bedeutung des Gazastreifens für die Palästinenser
2.1. Palästinensische Autonomiebehörde und PLO im Gazastreifen
2.2. Wirtschaftliche Lage des Gazastreifens
2.3. Soziale Situation im Gazastreifen
2.3.1. Armut
2.3.2. Flüchtlingsproblematik
2.3.3. Abhängigkeit von internationaler Hilfe
2.3.4. Bildungssituation
2.4. Aktivität radikal-islamischer und nationalistischer Gruppierungen im Gazastreifen

3. Politische Bedeutung des Gazastreifens für Israel
3.1. Der Stellenwert des Territoriums in Verhandlungen des Friedensprozesses / strategische Bedeutung
3.2. Siedlungen im Gazastreifen – Entwicklungen vom Friedensprozess bis zur Räumung 2005
3.3. Der Gazastreifen als Unruheherd während der Al-Aqsa-Intifada / israelische Reaktionen: Gegengewalt und Prävention
3.4. Der Scharon-Plan und die innenpolitischen Folgen

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im August und September 2005 zog die isarelische Armee aus dem Gazastreifen ab. Mit Ausnahme der Zeitspanne von Mitte 1994 bis Ende 2001 (Abzug der Militäreinheiten aus den neu entstandenen palästinensischen Autonomiegebieten, welcher im „Gaza-Jericho-Abkommen“ oder „Oslo I“ von 1993 geregelt wurde) war dieses Territorium seit dem Sechstagekrieg 1967 besetzt. Weiterhin wurden etwa 8000 Siedler aus 21 Siedlungen evakuiert. Isreals Ministerpräsident Ariel Scharon hat somit trotz aller innerisraelischen Proteste und politischem Widerstand seinen Abzugsplan realisiert.

Vor diesem Hintergrund ist es für mich interessant zu untersuchen, welche politische Bedeutung dem Gazastreifen zukommt, vorrangig im Kontext der Al-Aqsa-Intifada, welche seit Ende September 2000 viele Opfer auf beiden Seiten fordert. Hierbei muss auch ein Vergleich zur ersten Intifada (1987 – 1993) gezogen werden um Unterschiede oder Parallellen in Trägerschaft, Zielsetzung und Radikalität des Aufstandes und der israelischen Gegenreaktionen zu erörtern.

Der Beginn dieser zweiten Intifada wird ganz allgemein als das Ende des Friedensprozesses angesehen. Dieser begann 1993 mit der „Prinzipienerklärung über die vorübergehende Selbstverwaltung“ (oder „Oslo-Abkommen“), verzeichnete mit deren Folgeabkommen Fortschritte und scheint mit dem Scheitern der Gespräche zwischen Yasser Arafat, Ehud Barak und Bill Clinton in Camp David im Jahr 2000 sein vorläufiges Ende zu haben. Die Verhandlungen von Scharm al-Sheikh und Taba (beide 2001) vermochten keine Lösung des Konfliktes zu bringen, die Al-Aqsa-Intifada war bereits in vollem Gange.

Die politische Bedeutung des Gazastreifens werde ich aus mehreren Perspektiven untersuchen. Einerseits soll auf die palästinensische Seite eingegangen werden. Hierbei spielen die Anwesenheit der palästinensischen Autonomiebehörde, die wirtschafliche und soziale Situation der Bevölkerung zentrale Rollen. Bei dem Aspekt der sozialen Lage im Gazastreifen können Armut, Flüchtlingsproblematik, Abhängigkeit von internationaler Hilfe und die Bildungssituation nützliche Indikatoren darstellen. Weiterhin sind die Aktivitäten von radikal-islamischen und nationalistischen Gruppierungen im Gazastreifen von Bedeutung, um sich abschließend ein Bild machen zu können, inwieweit die Einflüsse der Al-Aqsa-Intifada auf Wirtschaft und soziale Lage eine Radikalisierung der Bevölkerung zur Folge gehabt haben.

Auch die israelische Gegenposition wird beleuchtet. Welche Bedeutung erfuhr der Gazastreifen als besetztes Gebiet für Israel? Zentrale Themengebiete werden bei der Erörterung dieses Aspektes der Stellenwert des Territoriums während des Friedensprozesses und dessen strategische Bedeutung sein. Weiterhin sind die israelischen Siedlungen im Gazastreifen zu berücksichtigen. Welche Entwicklungen haben sich in der Zeit zwischen Oslo und endgültiger Räumung ergeben? Die Auswirkungen auf den Friedensprozess und die Al-Aqsa-Intifada erscheinen hierbei als interessant. Ebenso möchte ich israelische Aktivitäten im Gazastreifen während der Al-Aqsa-Intifada untersuchen, worauf ich mich auf Kampfhandlungen und israelische Reaktionen auf palästinensischen Aktionen beschränken werde. Bei der abschließenden Analyse des Rückzugs aus dem Gazastreifen müssen die Auswirkungen auf die israelische Innenpolitik berücksichtigt werden um die Tragweite des sogenannten Scharon-Plans zu erfassen.

Bei allen diesen Themenbereichen muss der Gazastreifen im Vergleich zum Westjordanland betrachtet werden. Seine geographische Lage und dessen Eigenheiten sind von genereller Bedeutung, sowohl für die palästinensische, als auch für die isarelische Seite.

2. Politische Bedeutung des Gazastreifens für die Palästinenser

Der Gazastreifen ist neben dem Westjordanland eines der palästinensischen Territorien, welche im präventiv geführten Sechstagekrieg im Juni 1967 durch Israel besetzt wurden. Seit dieser Zeit haben sich israelische Siedler zur sogenannten „Judaisierung“ der besetzten Gebiete niedergelassen. Für den Gazastreifen traf dies jedoch nur in geringerem Umfang im Vergleich zum Westjordanland zu, da das Gebiet um die Stadt Gaza ohnehin recht kompakt ist, bereits dicht besiedelt und aus israelischer Sicht strategisch relativ unwichtig war (vgl. Herz / Steets 2003: 72). Gerade die isolierte Lage am Mittelmeer und der Grenze zu Ägypten lassen den Gazastreifen jedoch aus palästinensischer Sicht als strategisch wichtig erscheinen. So wurden im Gazastreifen ein Seehafen geplant und ein Flughafen errichtet, welcher widerum Ziel israelischer Zerstörung während der Al-Aqsa-Intifada war. Weiterhin wurde seit der israelischen Besatzung eine wirtschaftliche Abhängigkeit des Gazastreifens und des Westjordanlandes geschaffen, welche auch während dem Friedensprozess nicht beseitigt wurde (vgl. Roy 2004: 89).

Zwei der wesentlichen Grundlagen des Friedensprozesses sollten die Einigung über einen Abbau oder Rückbau von Siedlungen (oder eine Entschädigung der Palästinenser durch israelisches Territorium, sollte der Abbau nicht realisierbar sein), sowie die Gründung eines palästinensischen Staates in den besetzten Gebieten sein. Hierzu wurde die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) institutionalisiert, welche in einer vorgesehenen Interimsphase von fünf Jahren die Staatsgründung vorbereiten und die neu geschaffenen Autonomiegebite verwalten sollte. Eine zentrale Rolle hierbei nahm Yasser Arafat ein, der seit 1967 im Exil gelebt hatte und 1994 erstmalig wieder „palästinensischen“ Boden im Gazastreifen betrat (vgl. Steininger 2003: 60). Als Vorsitzender der PLO sowie Mitbegründer der Fatah galt Arafat als die Leitfigur der palästinensischen Nationalbewegung.

Der Osloer Friedensprozess brachte prinzipielle Neuerungen für die besetzten Gebiete. Im Zuge der Übertragung von Verwaltungskompetenzen an die neu gegründete Palästinensische Autonomiebehörde wurden die besetzten Gebiete in A-,B- und C-Zonen eingeteilt. Während in den als A-Zonen klassifizierten Territorien Verwaltungs- und Sicherheitsaufgaben an die Palästineneser übergeben wurden, regelte man Fragen der Sicherheit in den B-Zonen gemeinsam. Auch hier hatte die palästinensische Seite die Zivilverwaltung inne. Die C-Zonen hingegen standen unter voller israelischer Kontrolle. In Folge dieser Vereinbarungen wurde der Gazastreifen in drei Verwaltungsbezirke unterteilt. Der Anteil von vollständig autonomen Gebieten (Zone A) war im Gazastreifen im Vergleich zum Westjordanland sehr hoch. So gehörten 80% des Gazastreifens Zone A an, während die verbleibende Fläche als Zone C gekennzeichnet wurde. Land der Zone B fand man im Gazastreifen nicht. In der Westbank hingegen sind nur knapp über 11% des Territoriums als Zone A, 29% als Zone B und 60% als Zone C definiert worden (vgl. Herz / Steets 2003: 128f.). Die Grenzbereiche der Zone A waren in den ersten Tagen nach Ausbruch der Al-Aqsa-Intifada vorrangig Schauplätze der Konfrontation. Die Gewaltspirale wird von Roger Heacock chronologisch zusammengefasst. So hätten israelische Sicherheitskräfte mit scharfer Munition auf Steinewürfe palästinensischer Demonstranten reagiert. Der Tod von Demonstranten habe widerum den Einsatz von Schusswaffen gegen Soldaten und Siedler auf palästinensischer Seite zur Folge gehabt. Verlustreiche Selbstmordattentate im israelischen Kernalnd habe es im Kontext der Al-Aqsa-Intifada jedoch erst gegeben, nachdem die Gewalttätigkeit auf israelischer Seite eskaliert sei (vgl. Heacock 2001: 21f.). Das Bild von einer Radikalisierung der Palästinenser, welche erst durch israelische Militäraktionen ausgelöst wurde, bestätigen auch Dietmar Herz und Julia Steets (vgl. Herz / Steets 2003: 123).

Zweiflesohne ist der Gazastreifen ein Ausgangsort beider Austände der Jahre 1987 und 2000 (vgl. Herz / Steets 2003: 77). Diese Tatsache macht das Gebiet zu einem wichtigen Schauplatz im israelisch-palästinensischen Konflikt.

Das Territorium ist grundlegend von hoher Bedeutung für die palästinensische Bevölkerung und Politik, da der Landstrich unabdingbar Bestandteil des zukünftigen Staates sein soll.

2.1. Palästinensische Autonomiebehörde und PLO im Gazastreifen

Nach Gründung der Palästinensischen Autonomiebehörde (1994) im Zuge des Osloer Friedensprozesses waren viele Aktivisten der PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation) aus Exilländern wie Tunesien in die besetzten Gebiete zurückgekehrt. Dort hatte die PLO seit dem israelischen Einzug in den Libanon 1982 ihre Zentrale unterhalten. Die erste Sizung der PA wurde 1994 in Gaza abgehalten (vgl. Herz / Steets 2003: 130). Seitdem existieren PA und PLO also nebeneinander, mit dem Unterschied, dass die Palästinensische Autonomiebehörde für die Menschen in den besetzten Gebieten, die PLO für Palästinenser weltweit verantwortlich ist (vgl. Herz / Steets 2003: 131). In der verantwortlichen Position für die besetzten Gebiete forderte die PA zum Beispiel die Errichtung eines Flughafens und eines Seehafens, welche die strategische, infrastrukturelle und wirtschaftliche Bedeutung des Gazastreifens generell erhöht hätten (vgl. Herz / Steets 2003: 155).

Viele Positionen in den Einrichtungen der PA wurden von Angehörigen der PLO übernommen, so dass eine klare Trennung von Kompetenzen und Institutionen schwierig ist. Hierbei spielte vor allem Yasser Arafat eine bedeutende Rolle, der von 1969 bis zu seinem Tod Vorsitzender des Exekutivkomittees der PLO einerseits und Vorsitzender der PA andererseits war (vgl. Herz / Steets 2003: 131f.). „Während der Oslo-Periode (1994-2000) begann die PLO faktisch und in der Wahrnehmung der Menschen mit der Palästinensischen Autonomiebehörde zu verschmelzen.“ (Heacock 2001: 24)

Die PA erhielt Kompetenzen in Bereichen der Verwaltung und der Sicherheit der besetzten Gebiete, in den Zonen der Kategorie A war allein sie verantwortlich. Die einhergehende Gründung palästinensischer Sicherheitsdienste ist auch für einen wesentlichen Unterschied der Al-Aqsa-Intifada im Vergleich zum ersten Aufstand verantwortlich. Im Zeitraum zwischen 1994 und 2000 hatte die PA immerhin insgesamt 107,5 Millionen Dollar der internationalen Unterstützung für den Aufbau des Polizeiapparates investiert (vgl. Strunz / Dorsch 2001: 82). Steffen Hagemann führt an, dass Mitglieder palästinensischer Sicherheitskräfte an Zusammenstößen mit Israelis und an Terroranschlägen aktiv beteiligt gewesen seien. Darüber hinaus nehme der palästinensische Sicherheitsapparat größere Ausmaße an, als dies mit Israel vereinbart worden sei, anstatt 24 000 beschäftige die PA 40 000 Personen in Polizeieinheiten, was den Autonomiegebieten die höchste Polizeipräsenz der Welt einbringe (vgl. Hagemann 2005: 84). Mit Verweis auf eben diese Anzahl von Sicherheitskräften (vgl. Balke 2002: 100) untermauert auch Ralf Balke seine Bewertung der Al-Aqsa-Intifada, die er als Kriegszustand zwischen PA und Israel ansieht (vgl. Balke 2002: 96). Dietmar Herz und Julia Steets hingegen verweisen auf 30 000 bewaffnete Personen in neun verschiedenen Einheiten , welche allesamt direkt Yasser Arafat unterstünden (vgl. Herz / Steets 2003: 138).

Die Tatsache, dass Hagemann die „Force 17“ - Arafats Leibgarde – und ihre nachweisliche Beteiligung bei Terroranschlägen erwähnt, wirkt sich bereichernd auf die Analyse aus, inwieweit PA und ihre Einrichtungen in die Al-Aqsa-Intifada verstrickt sind (vgl. Hagemann 2005: 84). So attestiert er der Al-Aqsa-Intifada einen organisierten Charakter (vgl. Hagemann 2005: 85). Ilka Schröder spricht von logistischer und militärischer Unterstützung von Terroristen seitens Polizei und Geheimdiensten der PA, welche auch Terrorverdächtigen bewusst Gehälter zahle (vgl. Schröder 2005: 147). Berthold Meyer und Hannes Vorhofer kommen in ihrer Analyse aus dem Jahr 2001 noch zu keinem klaren Ergebnis bei der Frage inwieweit der Aufstand organisiert wurde (vgl. Meyer / Vorhofer 2001: 52f.). Sowohl Meyer / Vorhofer, als auch Hagemann und Schröder erwähnen jedoch eine Aussage des palästinensischen Kommunikationsministers, welcher 2001 gesagt habe, dass die Al-Aqsa-Intifada nach dem Scheitern der Verhandlungen von Camp David geplant worden sei (vgl. Meyer / Vorhofer 2001: 52 ; Hagemann 2005: 81; Schröder 2005: 146f.).

Die Präsenz der PA im Gazastreifen und ihre Verwicklung in die Al-Aqsa-Intifada sind bei der Untersuchung der politischen Bedeutung des Territoriums grundlegend wichtig. So war die PA für die Verwaltung von 80% des Gebietes verantwortlich. Weiterhin sind nach Darstellungen von Dietmar Herz und Julia Steets mehr Menschen im kleinen Gazastreifen bei der Autonomiebehörde beschäftigt als im vergleichsweise großen Westjordanland (vgl. Herz / Steets 2003: 157). Ilka Schröder zweifelt daran, dass es möglich sei bei der PA zu arbeiten, ohne gleichzeitig Mitglied der Fatah, der Regierungspartei, zu sein. Die Fatah selbst sei in Terroranschläge auf Israel verwickelt gewesen (vgl. Schröder 2005: 154).

Die Polizeipräsenz in diesem kleinen Gebiet muss enorm sein, wenn man der Rechnung Hagemanns folgt und auf die Bevölkerung hochrechnet. Legt man dieser Rechnung eine Bevölkerung von 1,5 Millionen Menschen zugrunde (vgl. Segev 2005: 192) so kommt man auf 30 000 Polizisten. Allein diese Zahl übersteigt jedoch bereits die vereinbarte Anzahl von 24 000, ohne das die Westbank mit einbezogen wurde. Vor diesem Hintergrund müssten entweder Hagemanns oder Segevs Angaben (oder beide) ungenau sein. Die Sicherheitskräfte sind der hochgerüsteten israelischen Armme zwar deutlich unterlegen, spielen aber doch eine ernstzunehmende Rolle. Stellt ihre Beteiligung an Konflikten mit Israels Militär doch einen der wesentlichen Unterschiede zur ersten Intifada dar. Ihre Rolle änderte sich, wie die der PA im Allgemeinen, während der Al-Aqsa-Intifada vom israelischen Partner zu einem Ziel israelischer Militäraktionen (vgl. Herz / Steets 2003: 138).

2.2. Wirtschaftliche Lage des Gazastreifens

Seit Beginn der Al-Aqsa-Intifada im September 2000 hat sich die wirtschaftliche Lage des Gazastreifens zusehens verschlechtert.

Was prinzipiell positiv als vertrauensbildende Maßnahme zu bewerten war, die Einteilung des palästinensischen Territoriums in Zonen abgestufter Autonomie- und Sicherheitsbefugnisse, schadete der Einschätzung von Sara Roy folgend, der Wirtschaft der besetzten Gebiete (vgl. Roy 2004: 89). So wird die erzielte Einigung von ihr als „Gebiets-Kantonisierung“ bezeichnet (vgl. Roy 2004: 92f.), welche sich negativ auf die Entwicklung der palästinensischen Wirtschaft ausgewirkt habe. Auch die Möglichkeit der Abriegelung des Gazastreifens von der Westbank einerseits, von Israel (und somit vom internationalen Markt) andererseits oder die Abschottung einzelner Verwaltungsbezirke in den besetzten Gebieten (Politik des sogenannten Einschlusses durch Israel) habe die bereits existierende Abhängigkeit von Israel nicht verändert. Besonders der Gazastreifen sei im Vergleich zur Westbank effizienter von Israel abgeschnitten worden (vgl. Roy 2004: 90f.).

Die Politik des „Einschlusses“ wurde seit 1993 von Israel strategisch genutzt um zum Beispiel dem eigenen Sicherheitsbedürfnis nach Terrorattentaten (oder auch präventiv) Rechnung zu tragen. Neben der Reisefreiheit der palästinensischen Bevölkerung betreffen diese Maßnahmen den Warenverkehr. Auf dem Höhepunkt der Al-Aqsa-Intifada im Jahr 2001 waren diese Abriegelungen innerhalb des Gazastreifens im direkten Vergleich zum Westjordanland besonders drastisch, in Anlehnung zum UN-Beobachter in Jerusalem berichtet Kenneth Lewan, dass an 342 Tagen Abriegelungen bestanden hätten (vgl. Lewan 2002: 28). „Aufgrund dessen kann mittlerweile nicht mehr von einem einheitlichen palästinensischen Wirtschaftsgebiet die Rede sein.“ (Strunz / Dorsch 2001: 78) In erneuter Anführung der historischen Abhängigkeit von Israel erörtert Sara Roy, dass besonders Gaza negativ von den „Einschlüssen“ betroffen sei (vgl. Roy 2004: 91).

Im weiteren Kontext ist zu erwähnen, dass Palästinenser eine israelische Arbeitserlaubnis benötigen, um im israelischen Kernland einem Beruf nachgehen zu können. Im Zuge der Einschränkungen der Bewegungsfreiheit verloren viele Arbeitnehmer ihre Anstellungen, so dass die Arbeitslosigkeit seit Beginn der Al-Aqsa-Intifada deutlich angestiegen ist. Herbert Strunz und Monique Dorsch erläutern, dass die Arbeitslosenquote der besetzten Gebiete vor dem Osloer Friedensprozess bei etwa 5% lag, in Folge der Abriegelungen während des Friedensprozesses bis auf 50% (1996) anstieg und kurz vor dem Ausbruch der Intifada durchschnittlich 9% betrug, wobei die Quote im Gazastreifen etwa 13,8% war (vgl. Strunz / Dorsch 2001: 82). Durch den Beginn der Al-Aqsa-Intifada und die von Israel eingeleiteten Maßnahmen war Ende des Jahres 2000 ein sprunghafter Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 30% zu beobachten. Hierbei ist zu erwähnen, dass die ohnehin sehr hohe durchschnittliche Arbeitslosenquote der palästinenesischen Bevölkerung insgesamt noch unter der des Gazastreifens liegt. Dietmar Herz und Julia Steets führen an, dass die Arbeitslosenquote im Gazastreifen oftmals doppelt so hoch ist wie die der Westbank und in Krisenzeiten auf die Marke von 60% steigen kann. Ähnlich negativ verhalte es sich mit dem Lohnniveau, welches in Gaza 1999 im Gegensatz zum Westjordanland nur unverhältnismäßig gestiegen sei (vgl. Herz / Steets 2003: 157f.).

Der Ausbruch der Intifada selbst hat einen seiner Hintergründe in der desolaten wirtschaftlichen Lage der besetzten Gebiete (vgl. Roy 2004: 95).

Ungeachtet der beschriebenen desaströsen Situation, wird den besetzten Territorien von Dietmar Herz und Julia Steets eine Reihe von Grundvoraussetzungen für eine positive wirtschaftliche Entwicklung zugeschrieben. So existiere keine Belastung durch Staatsschulden, die Aussicht auf internationale Entwicklungshilfe sei gegeben und die geographische Lage wirke sich begünstigend aus (vgl. Herz / Steets 2003: 161). Gerade der Gazastreifen ist der Westbank geographisch im Vorteil. So liegt das Gebiet am Mittelmeer und verfügte immerhin auch über einen internationalen Flughafen in Grenznähe zu Ägypten. Die Grenze zu Ägypten, also zu den Märkten Afrikas dürfte sich in Friedenszeiten positiv auswirken. Tom Segevs Meinung ist zwar als durchaus subjektiv zu bewerten, doch immerhin charakterisiert er den Gazastreifen als „...einen der schönsten Küstenstreifen des Mittelmeers.“ (Segev 2005: 192), was Touristen anlocken könnte, sollte Frieden und Stabilität Einzug halten.

Es muss jedoch ergänzt werden, dass die palästinensische Wirtschaft generell als relativ rückständig anzusehen ist und jene wenigen positiven Ansätze nichts an der Realität ändern.

Ein Indikator hierfür ist die hohe Bedeutung der Landwirtschaft. So waren zwischen April und Juni 2000 noch fast 30% der palästinensischen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft tätig. Über 16% der Erwerbspersonen des Gazastreifens waren in diesem Zeitraum in Land-, Forst-, Fischereiwirtschaft oder Jagd beschäftigt (im Westjordanland waren es 12,1%). Einen ähnlich hohen Anteil, 25%, hat die Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP), landwirtschaftliche Erzeugnisse stellen einige der wichtigsten (wenigen) Exportgüter dar (vgl. Strunz / Dorsch 2001 84f.). In der Verteilung von Beschäftigten innerhalb des landwirtschaftlichen Sektors und der landwirtschaftlichen Nutzfläche ergibt zeigt sich eine Asymmetrie. So bemerken Herbert Strunz und Monique Dorsch mit Verweis auf die „Palestinian Academic Society for the Study of International Affairs“, dass sich 90% der Nutzfläche im Westjordanland befinden (vgl. Strunz / Dorsch 2001: 85). Im Vergleich zur Westbank sind jedoch im Gazastreifen (wie oben angeführt) mehr Menschen in dieser Branche tätig, obwohl nur 10% der Nutzfläche zur Verfügung stehen. Hier zeigt sich ein Aspekt der wirtschaftlichen Labilität des Gazastreifens im direkten Vergleich zum Westjordanland, welcher neben anderen Faktoren für die hohen Arbeitslosenquoten verantwortlich zu sein scheint.

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Details

Seiten
40
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656258414
ISBN (Buch)
9783656258933
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199286
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Nahost-Konflikt Gaza Israel Palästina Siedlungen Terror Intifada

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Titel: Die politische Bedeutung des Gazastreifens während der Al-Aqsa-Intifada