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Die Bedeutung der Psychomotorik für die sozial-kommunikative Entwicklung des zweisprachigen Kindes

Hausarbeit 2003 28 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Psychomotorik
2.1 Der Kompetenzorientierte Ansatz
2.2 Der Sinnverstehende Ansatz

3. Die soziale Entwicklung des Kindes
3.1 Psychomotorik in der sozialen Entwicklung

4. Die kommunikative Entwicklung des Kindes
4.1 Psychomotorik in der kommunikativen Entwicklung
4.1.1 Elemente einer kommunikations- fördernden Psychomotorik
4.1.2 Psychomotorik mit kommunikations- gestörten Kindern

5. Zweisprachigkeit
5.1 Verschiedene Definitionen und Herangehensweisen
5.2 Spracherwerbstypen und Entwicklungsstufen
5.3 Probleme in der zweisprachigen Erziehung

6. Das Projekt – Psychomotorik in der Gewaltprävention

7. Schlusswort

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zweisprachigkeit ist ein Phänomen unserer Zeit. Nie zuvor gab es so viele Ausländische Familien in Deutschland und nie zuvor gab es so viele Kinder, die zwei- oder sogar mehrsprachig aufwachsen.

Psychomotorik ist (jedenfalls in Deutschland) auch ein Phänomen unserer (und auch der kommenden) Zeit. Sie erlebt einen Boom. Wer hätte gedacht, dass Psychomotorik in Deutschland auch nur annähernd so bedeutend geworden ist, wie sie es beispielsweise in Frankreich seit langem ist?

Aufgrund der „Neuheit“ beider Phänomene gibt es noch wenig Literatur, die sich mit einer Verknüpfung beider Themen beschäftigt. Ich betrachte in der vorliegenden Hausarbeit beide Aspekte unter dem Gesichtspunkt der sozial-kommunikativen Entwicklung des Kindes, die sowohl Hauptthema der Psychomotorik, als auch einer der bedeutendsten Faktoren für die Erforschung der Zweisprachigkeit ist.

Ich werde also zunächst den Blick auf die Psychomotorik richten und zwei wichtige Ansätze beschreiben. Darauf aufbauend wird die soziale Entwicklung des Kindes beschrieben. Die Bedeutung der Psychomotorik für diese Entwicklung folgt im Anschluss. Das nächste Augenmerk geht auf die kommunikative Entwicklung des Kindes und wiederum im Anschluss die Bedeutung der Psychomotorik für diesen Bereich. Im letzten Theorieteil erläutere ich das oben bereits erwähnte Phänomen der Zweisprachigkeit unter dem Gesichtspunkt von Definitionen, Spracherwerbstypen und Entwicklungsstufen. Danach gehe ich auf die Probleme der Zweisprachigkeit ein. Im letzten Kapitel möchte ich ein Projekt der Darmstädter Diesterweg-Schule in Kooperation mit der Fachhochschule Darmstadt vorstellen, anhand dessen ich die Theorie erläutere.

2. Psychomotorik

Zu Beginn möchte ich hier zwei verschiedene Ansätze der Psychomotorik vorstellen. Es handelt sich hierbei zuerst um den Kompetenzorientierten Ansatz, den Renate Zimmer unter Bezug auf den lern- und kompetenztheoretischen Ansatz Schillings beschreibt. Danach erläutere ich den Ansatz der Sinnverstehenden Psychomotorik.

2.1 Kompetenzorientierter Ansatz

Die menschliche Handlungsfähigkeit basiert auf einer Vielzahl an Bewegungs- und Wahrnehmungsmustern. Wahrnehmung und Sichbewegen stehen in Zusammenhang mit den Umweltbedingungen als eine sich selbst regulierende biologische Einheit. Schilling (1975) spricht deshalb von einer Bewegungsentwicklung als Adaptionsprozess des menschlichen Organismus an die Bedingungen der Umwelt. Reifungsvorgänge, Lernprozesse und exogene Einflüsse bestimmen den Entwicklungsfortschritt.

„Ziel des Organismus ist eine totale Ortsungebundenheit (räumliche Unabhängigkeit) und eine optimale Nutzung und Beherrschung der Umweltbedingungen. Der Verlauf des Adaptionsprozesses richtet sich in hohem Maße nach den Anforderungen der Umwelt. Bewegungsentwicklung braucht ein hohes Maß an differenzierten Bewegungsreizen, die bei der bisherigen Kleinkindererziehung nicht genügend Beachtung fand.“ (Schilling 1975, 23)

Ein Kind ist also eingeschränkt handlungsfähig, wenn es nicht über genügend oder genügend variable Wahrnehmungs- und Bewegungsmuster verfügt. Das Ziel einer Bewegungsadaption sieht Schilling folgendermaßen:

„durch ständiges Wiederholen der Bewegungen (Lernen – Üben) die Anpassung an die Umweltbedingungen zunehmend zu verbessern. Auf diesem Weg kommt es zur Ausbildung von Fertigkeiten“ (Schilling 1975, 23).

Dieses Konzept muss also folglich an den Stärken und Interessen des Kindes ansetzen. Bewegungsangebote sollen das Kind zur Eigenaktivität anregen und anregungsreich und strukturiert sein. Dem Kind sollen Erfolgserlebnisse vermittelt werden, somit wird das Selbstwertgefühl durch Bewegung gestärkt. Gleichzeitig fördert es die Identitätsbildung des Kindes, die ein weiteres großes Thema dieses Ansatzes ist, auf die ich aber innerhalb dieses Rahmens nicht weiter eingehen werde. Außerdem sollen viele sensomotorische Erfahrungen ermöglicht werden, die wiederum eine bessere kognitive Leistung zur Folge haben. Dieses Konzept sieht eine Beeinträchtigung der Persönlichkeitsentwicklung als sekundäre Folge einer primären Bewegungsstörung. Mittel zur Durchsetzung der Ziele sind anregungsreiche Fördersituationen, in denen eigenständiges Ausprobieren seitens des Kindes stattfinden kann. Lösungswege können variiert werden; man geht vom Einfachen zum Schweren. Der Therapeut leitet indirekt, während das Kind sich einbringt. So entsteht ein dialogisches Interaktionsmuster, welches das Kind als aktiven Partner sieht.

Jürgen Seewald ordnet dieses Konzept anderen Konzepten zu, die alle die Bewegung als eine Strukturierungsleistung sehen. Volkamer, Rogers und Fischer sind weitere Vertreter dieses Ansatzes.

Kritik an diesem Ansatz bezieht sich immer wieder auf das Fehlen einer Interpretation der Bedeutung einer Bewegung. Der Sinnverstehende Ansatz der Psychomotorik schließt dieses Feld mit ein und sieht somit den individuellen Bewegungsausdruck vor dem Hintergrund der Lebensgeschichte. Seewald ordnet ihn deshalb unter Bewegung als Bedeutungsphänomen ein.

2.2 Der Sinnverstehende Ansatz

Dieser Ansatz arbeitet sinnverstehend und persönlichkeitsorientiert; Bewegung ist Ausdruck der Persönlichkeit, d.h. die Bewegung wird als sinnvolle Äußerung innerhalb eines Lebenskonzeptes gesehen. Der dahinterliegende Sinn kann bewusst, unbewusst, explizit oder implizit sein (vgl. Seewald 1998). Die Bewegung ist Mittel zum Ausdruck des Kindes; in ihr zeigen sich die dominierenden Lebensthemen (vgl. Seewald 1993). Ziel ist die Selbstvergewisserung durch symbolischen Ausdruck des Kindes in Bewegung und Spiel. Weiterhin soll das Kind eine innere Stabilität erlangen. Das Mittel zur Durchsetzung dieser Ziele ist die Inszenierung von Geschichten, Spielen und Landschaften. Innerhalb dieser Settings überträgt das Kind innere Bilder symbolisch in äußere Bilder, d.h. es verarbeitet Erlebnisse und holt sich etwas, was es nicht oder nicht genug bekommen hat. Die Bewegungsgeschichte ist Teil der Lebensgeschichte und zeigt dominierende Lebensthemen.

Die Aufgabe des Therapeuten ist es, herauszufinden, was das Thema des Kindes ist. Die Erklärung dieses Themas steht stark im Hintergrund. Es geht hauptsächlich um das Verstehen (siehe auch Kapitel 4 dieser Hausarbeit). Der Therapeut soll Spielpartner des Kindes sein, d.h. er soll das Kind sowohl führen, als ihm auch folgen.

Nachteile dieses Konzepts liegen aufgrund der Vielfalt an Deutungs- und Interpretationsmöglichkeiten auf der Hand. Die Wahrscheinlichkeit einer Fehldeutung, bzw. Über- oder Unterinterpretation ist relativ hoch, und die Folgen, die sich daraus ergeben, können schwerwiegend sein. Eine langjährige Ausbildung des Therapeuten ist deswegen von großer Bedeutung und Nutzen.

Natürlich sind die beiden bedeutenden Ansätze hiermit nur ansatzweise erklärt, eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesem Thema ist aber aufgrund des relativ eng gesteckten Rahmens leider nicht möglich. Hiermit soll nur ein kurzer Überblick über beide Herangehensweisen gegeben werden, um spätere Missverständnisse zu vermeiden und um spätere Gedankengänge nachvollziehen zu können.

3. Die soziale Entwicklung des Kindes

Kein Kind wird als soziales oder antisoziales Wesen geboren “ (Hurlock, 1970).

Dieser Satz zeigt, dass der Sozialisationsprozess einerseits bei der Geburt des Kindes gerade erst beginnt und andererseits, wie breit die Möglichkeiten der sozialen Entwicklung ab diesem Zeitpunkt gefächert sind. Zunächst ist das Kind noch nicht einmal ein geselliges Wesen. Doch ab dem Zeitpunkt, wo es auf der Welt ist, zeigt sich das Verlangen mit anderen Menschen zusammen zu sein.

Kinder entwickeln sich in ihrer sozialen Umgebung nicht durch gezielte Erziehungsmaßnahmen oder ein bestimmtes Training, sondern vielmehr durch ihre eigenen Erfahrungen, die sie in ihrem Umfeld und vor allem im Zusammenleben mit anderen machen. In verschiedenen Lebenssituationen lernen sie im Umgang mit anderen Kindern und /oder Erwachsenen sich zu streiten und wieder zu versöhnen, Kompromisse zu schließen, zu teilen, sich unterzuordnen oder sich gezielt durchzusetzen und auch, sich abzulehnen und sich gegenseitig zu akzeptieren.

Diese Entwicklung ist ganz besonders im Kindergartenalter von zentraler Bedeutung. Kinder lernen hier Grundlagen des sozialen Verhaltens, die ihr weiteres Leben beeinflussen. Die hier erlernten Verhaltensmuster prägen die nachfolgenden Lebensabschnitte (vgl. Verlinden/ Haucke, 1990).

3.1 Psychomotorik in der sozialen Entwicklung

Psychomotorik muss also genau an diesem Punkt ansetzen. Sie muss dem Kind ermöglichen soziale Verhaltensweisen zu erproben. Dies kann zum Beispiel in Bewegungsspielen umgesetzt werden. Beim Zuteilen der Spielrollen, Entscheidung über Sieg oder Niederlage, im Spiel oder Umgang mit schwächeren Kindern finden sich viele soziale Interaktionspunkte sowohl mit Spielgefährten als auch mit dem Erwachsenen, in denen das Kind wichtige Erfahrungen sammeln kann. Die Art des Spiels soll dabei dem Alter der Kinder angepasst werden, damit sich kindgerechte spielerische Situationen ergeben.

In den 20er und 30er Jahren untersuchten Wissenschaftler die Bedeutung der Spannweite sozialer Beziehungen zwischen Kindern in den ersten Lebensjahren. (vgl. Schmidt-Denter, 1994). Hierbei fanden sie heraus, dass bereits diese frühkindlichen Bindungen Auswirkungen auf die soziale Entwicklung der Kinder haben. Zwar sind die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder in diesem Lebensabschnitt nur sehr wenig entwickelt, und eine verbale Kommunikation kann somit nur stark eingeschränkt stattfinden, dennoch haben die Gleichaltrigen einen großen Einfluss auf die Entwicklung. Diese Beeinflussung wird laut Schmidt-Denter (1994) besonders in der zweiten Lebenshälfte des ersten Lebensjahres deutlich:

Die Anwesenheit eines anderen Kindes bleibt auch dann nicht wirkungslos, wenn es zunächst ignoriert oder scheinbar gar nicht wahrgenommen wird. Sehr oft erfolgt z.B. eine Imitation erst später.“

In der sozialen Entwicklung ist der Kontakt zu anderen Kindern folglich sehr wichtig. Vor allem in altersgemischten Gruppen lernen sie, sich gegenseitig zu helfen und sich auf die Fähigkeiten jüngerer oder älterer Kinder einzustellen. Die Beziehungen zwischen altersgleichen Kindern können als symmetrisch, die zwischen nicht-gleichaltrigen als asymmetrisch bezeichnet werden.

In Bewegungsspielen kann das Kind die Grundregeln des Sozialverhaltens erproben. Indem es sich mit anderen Kindern über Spielregeln und -inhalt einigt und dabei stärkere und schwächere Kinder anerkennt, eignet es sich unbewusst soziale Kompetenzen an. Dabei eignet es sich oft die Umgangsformen seiner Mitmenschen an und verinnerlicht diese, ohne dass dies den Beteiligten bewusst ist.

Zimmer (1993) beschreibt 5 Grundqualifikationen sozialen Handelns:

1. Soziale Sensibilität: Hierbei geht es darum, die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu erkennen und sich in die Lage eines anderen hineinversetzen zu können.
2. Regelverständnis: Regeln von einfachen Gruppenspielen sollen verstanden und eingehalten werden; einfache Regeln sollen selbst aufgestellt werden können.
3. Kontakt- und Kooperationsfähigkeit: Hierbei geht es darum, mit anderen in Kontakt zu treten um Beziehungen zu anderen aufzunehmen, andere anzuerkennen, Hilfe anzufordern oder anzubieten und die eigenen Gefühle den anderen verbal mitzuteilen und sich somit auseinander zu setzen.
4. Frustrationstoleranz: Die eigenen Bedürfnisse sollen aufgeschoben werden und zugunsten anderer zurückgestellt werden; der Umgang mit Misserfolgen soll erlernt werden und die Einordnung in die Gruppe stattfinden.
5. Toleranz und Rücksichtnahme: Die Leistungen der anderen sollen akzeptiert werden; genauso die Andersartigkeit (evtl. durch Behinderungen etc.); auf Schwächere Mitspieler Rücksicht nehmen.

Wichtig ist es, diese Liste nicht als „abhakbare“ Lernziele zu sehen. Sie soll nur eine Richtung angeben, die im Hinblick auf soziale Erziehung durch Spiel und Bewegung angestrebt wird. Für eine Psychomotorikstunde bedeutet dies, dass die Leiterin langsam auf diese Ziele hinarbeitet ohne dass es den Druck gibt, am Ende der Stunde einige dieser Ziele bei den Kindern erreicht zu haben.

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Details

Seiten
28
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638239523
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v19927
Institution / Hochschule
Hochschule Darmstadt – Sozialpädagogik
Note
2,0
Schlagworte
Bedeutung Psychomotorik Entwicklung Kindes

Autor

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