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Serenus Zeitbloms und Thomas Manns Zeitkritik: Ein Vergleich

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Zur Entstehung des Doktor Faustus
1. Entstehungszeit und historische Ereignisse
2. Motivation des Autors und mögliche Beweggründe

III. Thomas Mann und Serenus Zeitblom während der Nazi-Diktatur
1. Thomas Manns Rolle als Deutscher
2. Anmerkungen und Ansichten Serenus Zeitbloms zum NS-Regime

IV. Historische Parallelen zwischen Roman und deutscher Geschichte

V. Schlusswort

VI. Literaturverzeichnis und Anhang

I. Einleitung

„Alles drängt und stürzt dem Ende entgegen, in Endes Zeichen steht die Welt, - steht darin wenigstens für uns Deutsche, deren tausendjährige Ge- schichte, widerlegt, ad absurdum geführt, als unselig verfehlt, als Irrweg er- wiesen durch dieses Ergebnis, ins Nichts, in die Verzweiflung, in einen Ban- kerott ohne Beispiel, in eine von donnernden Flammen umtanzte Höllenfahrt mündet.“1

Dieses Zitat aus Thomas Manns Doktor Faustus steht stellvertretend für die bearbeitete Thematik in dieser Arbeit, die sich mit der Zeitkritik im Werk und den Ansichten des Autors vergleichend auseinandersetzt. Die Aussagen der Erzählerfigur Serenus Zeitblom, die im Doktor Faustus Ansichten über die in Deutschland herrschenden Zustände zur Zeit des NS-Regimes und der Ent- stehung des Werks auf kunstvolle Weise wiedergibt, sollen hier mit den per- sönlichen Eindrücken und der Biographie des Autors Thomas Mann vergli- chen werden. Dabei spielt vor allem die Entstehungszeit des Doktor Faustus, also die Zeit des zweiten Weltkriegs, die Motivation Thomas Manns zur Ver- arbeitung der Geschehnisse, seine Rolle als Deutscher, sowohl privat als auch öffentlich, und die Anmerkungen der Erzählerfigur Serenus im Buch Doktor Faustus eine zentrale Rolle. Im Anschluss soll versucht werden, histo- rische Parallelen zwischen den Ereignissen des Romans und dem Verlauf der deutschen Geschichte zu finden und diese anhand einiger Eckpunkte zu skizzieren. Ziel der Arbeit ist es, zu sehen, ob Thomas Mann durch die Erz- ählerfigur Serenus Zeitblom tatsächliche Meinungen und Ansichten mit dem Leser teilt, oder ob Serenus mit seinen Ausführungen lediglich fiktive Stand- punkte vertritt. Im ersten Kapitel wird es im Anschluss an die Einleitung um die Entstehungszeit des Doktor Faustus gehen, welche einen Einblick in die Zeit vermitteln soll, in der Thomas Mann an dem Roman des Doktor Faustus gearbeitet hat und welche historischen und persönlichen Faktoren auf ihn gewirkt haben könnten.

II. Zur Entstehung des Doktor Faustus

1. Entstehungszeit und historische Ereignisse

Der Roman Doktor Faustus ist im Zeitraum 23. Mai 1943 bis 29. Januar 1947 entstanden, wobei das Jahr 1946 von einer längeren Pause aufgrund einer schweren Erkrankung Thomas Manns geprägt war. In einem Brief vom 10. Juli 1944 an Ludwig Lewisohn erwähnt Mann, dass „Doktor Faustus“ einer seiner letzten Romane werden soll und als eine Art Lebensbeichte angese- hen werden kann.2

Die Niederschrift des Romans fiel damals in die Endphase des zweiten Welt- kriegs und die Zerstörung Deutschlands, zudem Mann eine ganz besondere Beziehung hatte, jedoch anders als der Erzähler Serenus Zeitblom zu dieser Zeit selbst nicht im Land war, sondern die Ereignisse aus dem entfernten Ka- lifornien mitverfolgte.

Dem Beginn am Doktor Faustus war am 18. Februar 1943 die berühmte Re- de von Reichspropagandaminister Josef Goebbels vorausgegangen, der das deutsche Volk zum totalen Krieg aufgefordert hatte. Im selben Jahr zeichnete sich jedoch eine Tendenz der deutschen Niederlage ab, da der italienische Diktator Benito Mussolini, enger Verbündeter Hitlers, abgesetzt wurde, die Stadt Tripolis an die Alliierten aufgegeben werden musste, die amerikani- schen Bombardements auf deutsche Städte begannen und die Frankfurter Zeitung aufgrund eines Artikels über den verärgerten Adolf Hitler die Veröf- fentlichung einstellen musste. Kultureller Lichtblick war die Erstaufführung des guten Menschen von Sezuan in Zürich, auch wenn Thomas Mann stets davon überzeugt war, dass die Deutschen im Krieg und in der frühen Nach- kriegszeit keine Ressourcen für den Konsum von kulturellem Gut übrig ha- ben.

Eine wesentlich deutlichere Wende des deutschen Untergangs zeichnete sich im Folgejahr 1944 ab, als sich zeigte, dass auch bedeutende Mitglieder wie Oberst Stauffenberg gegen das NS-Regime revoltierten, die teils vernich- tenden Bombardements auf Deutschland zunahmen und am 6. Juni 1944 die Landung der Alliierten in der Normandie begann und schlussendlich zu einer Phase des deutschen Rückzuges in das Landesinnere führten. Eine weitere wichtige Wendung war unter anderem die Eroberung der deutsch-besetzten Stadt Paris im August 1944. Der erste Einmarsch der alliierten Truppen in das deutsche Reich erfolgte wenige Monate später.

Das Ende des zweiten Weltkrieges 1945 war geprägt von einer Vielzahl in- ternationaler politischer Veränderungen, nicht zuletzt der Wiederwahl des 32. US-Amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der aber kurz da- nach im April 1945 starb und sein Nachfolger Harry S. Truman an die Macht kam, was Thomas Mann nicht gefiel. Im Mai musste Deutschland die bedin- gungslose Kapitulation unterzeichnen und der Krieg war offiziell vorbei. Wie später auch im Doktor Faustus nachzulesen ist, lag ein Großteil der deut- schen Städte, und somit auch eine große Menge deutscher Kultur in Schutt und Asche. Dafür wurde der Welt offenbart, was während der Zeit der Hitler- Diktatur innerdeutsch geschah und welche Verbrechen der Diktator mit sei- nen Anhängern an der Menschheit begangen hatte. Die Öffnung der Konzen- trationslager und die Verurteilung der Hauptkriegsverbrecher in den Nürn- berger Prozessen fanden noch im selben Jahr statt.

Die Jahre 1946 bis 1947 waren vor allem geprägt vom Wiederaufbau Deutschlands, den Verhandlungen über die politische Zukunft des Landes und der Aufteilung der Besatzungszonen. Als Thomas Mann den Roman vollendet, helfen die USA den westlichen Deutschen bei der Wiederaufnah- me eines alltäglichen Lebens, der Marschallplan hilft den oftmals Heimat- und Besitzlosen Kriegsgeschädigten in Westeuropa und die Sowjets begin- nen mit der Abgrenzung der östlichen Besatzungszone von dem Rest des Landes.

Die Erstausgabe des Doktor Faustus-Romans erschien 1947 im Bermann- Fischer-Verlag in Stockholm und fasste 772 Seiten. Erst wenig später verleg- te auch das deutsche Verlagshaus Suhrkamp das Buch. Zwischen dem Ver- leger Peter Suhrkamp pflegte Thomas Mann eine enge Briefbeziehung.

2. Motivation des Autors und mögliche Beweggründe

Thomas Mann erwähnte in einem Brief vom 25. Juni 1948 an seinen Freund Peter Suhrkamp, dass Doktor Faustus eine Art Lebensbeichte für ihn ist. Im selben Jahr schrieb er an Paul Amann:

„Zeitblom ist eine Parodie meiner selbst. In Adrians Lebensstimmung ist mehr von meiner eigenen, als man glauben sollte - und glauben soll“3

Die Motivation Manns hinter der Niederschrift des Romans ist auf einer Seite natürlich die Erzählung seiner eigenen Erfahrungen, aber auch die schriftliche Auseinandersetzung mit der Nazi-Diktatur und dem Untergang des deutschen Reiches sowie zwangsläufig des deutschen Volkes. Mann, der sich während der Endphase des zweiten Weltkriegs als US-amerikanischer Staatsbürger in Kalifornien befand, war im Geiste sicherlich in seinem Vaterland und so schreibt Gunilla Bergsten:

„Zum vollen Verständnis der Lage Manns zur Zeit der Entstehung des Doktor Faustus genügt es nicht, nur die Geschicke seines eigenen Lebens, seine im engeren Sinne privaten Erlebnisse und Gefühle, [...], zu berücksichtigen. Wenigstens ebenso grosse Bedeutung hat seine Auffassung von Deutsch- land und den Ereignissen, die sich dort zutrugen. Sowohl der Doktor Faustus wie die Entstehung geben deutliche Beweise seiner leidenschaftlichen An- teilnahme an der deutschen Tragödie, und in beiden Werken wird die Zwie- spältigkeit seines Verhältnisses zum Heimatland offenbar: der Abscheu und das Entsetzen einerseits und die schmerzliche Liebe, das Mitleid und die Verzweiflung andererseits.“4

Hinter der Niederschrift des Doktor Faustus steht also neben der Geschichte des Lebens Leverkühns vor allem die Auseinandersetzung mit Deutschland und dem Regime zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Natürlich ist auch Thomas Manns Biographie ein wichtiger Teil, den es bei der Suche nach den Beweg- gründen zur Arbeit am Doktor Faustus zu berücksichtigen gilt. Nicht umsonst finden sich im Roman zu beinahe jeder Person und jedem Ort ein reales Ä- quivalent, wenn auch nicht immer mit absoluter Sicherheit gesagt werden kann, welches Detail welchem realen Vorbild entspricht. So handelt es sich bei dem oftmals erwähnten, jedoch fiktiven Kaisersaschern tatsächlich um die Stadt Lübeck, in der Mann einen großen Teil seines Lebens verbracht hat. Viele Figuren des Romans haben ebenso reale Vorbilder - als Beispiel sei an dieser Stelle der Dresdner Paul Ehrenberg genannt, welcher im Roman als Rudolf Schwerdtfeger zu identifizieren ist. Thomas Manns eigene Mutter und seine beiden Schwestern Julia und Carla finden sich im Roman als Witwe Rodde und deren Töchter wieder. Zur Zeit des Romans war Manns Mutter in der Tat eine Witwe (sie starb 1923), denn der Vater starb im Alter von 51 Jahren (1891) an Blasenkrebs.

Zusammenfassend bleibt also der Eindruck, dass Thomas Mann im Doktor Faustus einen großen Teil seines eigenen Lebens mit eingebracht hat und sich zeitgleich mit der Situation in seinem Vaterland beschäftigt hat, woraus er einige Ansichten und Urteile über die Geschehnisse in die Aussagen des Erzählers Serenus Zeitblom gelegt hat.

III. Thomas Mann und Serenus Zeitblom während der Nazi-Diktatur

1. Thomas Manns Rolle als Deutscher

Um den Roman und die darin enthaltenen Aussagen über Deutschland, Hit- ler und das Regime zu verstehen, muss man sich zunächst ansehen, wie Thomas Mann sich selbst sah und welche Rolle das Deutschsein in seinem Leben spielte. Fakt ist, dass alleine Manns Biographie bereits zeigt, dass er dem deutschen Volk sehr verbunden war. Aus einer Chronik über Thomas Mann geht hervor, dass er am 6. Juni 1875 in Lübeck geboren5 wurde und dort eine glückliche Kindheit verbracht hat. Seine militärische Laufbahn en- dete nach nur drei Monaten, nachdem Mann im Jahre 1900 wegen dienstun- tauglichkeit (seiner Füße) aus dem Infanterieleibregiment schied.6 Ein Jahr später, 1901, veröffentlichte Mann seinen Roman „Die Buddenbrooks“,7 ein Roman über eine wohlhabende Kaufmannsfamilie, der, obgleich der Ort im Roman keine Erwähnung findet, in Manns Heimatstadt Lübeck spielt. Zur Zeit der Veröffentlichung gab es in den Buchhandlungen sogar eine Liste, die aufzeigte, welche Personen des Romans welche Lübecker Bürger darstell- ten. Viele Betroffene brachen damals mit Mann, da sie sich von dem Roman gekränkt fühlten. Wichtig ist dies, da man bereits im ersten Werk Manns se- hen kann, dass er sich viel mit realen Dingen beschäftigte und in seinen Schriften Auskunft über seine Sicht der Dinge gab. Persönlich entwickelte sich Thomas Mann sehr bürgerlich, auch wenn behauptet wird, er habe Zeit seines Lebens homoerotische Phantasien gehabt. 1905 heiratet er Katharina Pringsheim (Katia) und zeugt mit ihr insgesamt sechs Kinder.8 Mann beginnt später sich zunehmend für die Deutschen und die Politik zu interessieren, veröffentlicht 1918 die „Betrachtungen eines Unpolitischen“, wo er sich auf die Seite der deutschen Kriegshandlungen stellt und seine politischen An- sichten beschreibt.9 Später distanzierte er sich zunehmend von den Aussa- gen in diesem Werk. Als Mitglied der DDP hält er 1922 eine Rede „Von deut- scher Republik“, in der Mann die Demokratie befürwortet.10 Auch in den Fol- gejahren setzt sich Mann als Vertreter der Demokratie ein und hält so 1930, ein Jahr nach der Verleihung des Literaturnobelpreises für sein Erstlings- werk, die „Deutsche Ansprache“, eine Rede vor Sozialdemokraten, Liberalen und Nationalsozialisten, worin er deutlich macht, dass er deutlich gegen das aufkommende Regime ist.11 Aufgrund seiner Einstellung gegen die Nazis und seinem politischen Engagement verliert Mann 1936 seine deutsche Staats- bürgerschaft und die Ehrendoktorwürde der Universität Bonn.12

Am 21. Februar 1938 reist Mann zunächst endgültig in die USA ein und erhält dort zeitnah die amerikanische Staatsbürgerschaft13. Der New York Times sagt Mann zu seiner Einreise:

„It is hard to bear. But what makes it easier is the realization of the poisoned atmosphere in Germany. That makes it easier because it’s actually no loss. Where I am, there is Germany. I carry my German culture in me. I have con- tact with the world and I do not consider myself fallen“14

[...]


1 Mann, Thomas: Doktor Faustus. Frankfurt am Main, 2008, S. 139.

2 Vgl. Brief vom 9. Juli 1944 an Ludwig Lewisohn, zitiert nach Briefe an Ludwig Lewisohn, The American Jewish Archives, Cicinnati (sic), Ohio; vertraulich übermittelt von Dr. Hans Waldmüller, Darmstadt, am 1.4.1967, Kopie in der Thomas-Mann-Sammlung der Universitätsbibliothek Düsseldorf.

3 Vgl. Brief vom 21. Oktober 1948 an Paul Amann, zitiert nach 1957A322a, Archiv der Hansestadt Lübeck, Kopie der Universitätsbibliothek Düsseldorf.

4 Bergsten, Gunilla: Thomas Manns Doktor Faustus - Untersuchungen zu den Quellen und zur Struktur des Romans. Tübingen, 1974, S. 146.

5 Vgl. Bürgin, Hans / Mayer, Hans-Otto: Thomas Mann - Eine Chronik seines Lebens. Frankfurt am Main, 1965, S. 7.

6 Vgl. Ebd., S. 20.

7 Vgl. Ebd., S. 22.

8 Vgl. Bürgin, Hans / Mayer, Hans-Otto: Thomas Mann - Eine Chronik seines Lebens. Frankfurt am Main, 1965, S. 27.

9 Vgl. Ebd., S. 49.

10 Vgl. Ebd., S. 60.

11 Vgl. Ebd., S. 92.

12 Vgl. Ebd., S. 123.

13 Vgl. Ebd. S. 130.

14 Artikel der New York Times, Ausgabe vom 22.02.1938 Vgl. Stein, Hannes: „ Wo ich bin, ist Deutschland “. Welt Online. <http://www.welt.de/die-welt/kultur/article10081285/Wo-ich-bin-ist-Deutschland.html> (15.02.2011)

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656257400
ISBN (Buch)
9783656258087
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199267
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Philosophische Fakultät
Note
2,0
Schlagworte
serenus zeitbloms thomas manns zeitkritik vergleich
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