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Achill in Mittelalter und Neuzeit

Hausarbeit 2011 22 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Mittelalter
1. Achill in Herborts von Fritslâr „ Liet von Troye
2. Achill in Konrads von Würzburg „ Der Trojanische Krieg

III.Neuzeit
1. Achill in moderner Literatur
2. Achill(es) im Film „ Troja “ (2004)

IV. Schlusswort

V. Literaturverzeichnis und Anhang

I. Einleitung

Der Trojanische Krieg, und somit die Geschichte hinter den Charakteren der beiden Helden Achill und Hector, sind ein zentraler Bestandteil der griechischen Mythologie. Zahlreiche Motive, derer wir uns selbst heute noch alltäglich bedienen, wie zum Beispiel das Trojanische Pferd oder die Achilles-Fer- se, haben sich über die Jahrhunderte in die Alltagssprache vieler Länder eingefunden. Bis heute wird der antike Stoff immer wieder in neuen Rezeptionen verarbeitet, erweitert, reduziert und verändert.

In der vorliegenden Arbeit soll es das Ziel sein, die Verarbeitung der Ge- schichte in zwei vollkommen unterschiedlichen mittelalterlichen Werken, ge- nauer der Rezeption des Herborts von Fritzlâr und der Rezeption des Kon- rads von Würzburg, anhand der Charakterisierung des Helden Achill zu ver- gleichen, und die Erkenntnisse anschließend auf die moderne Literatur und die aktuellste filmische Umsetzung aus dem Jahre 2004 zu beziehen.

Achill, der beste Krieger der Griechen, ist deshalb so interessant für diesen Vergleich, weil keine Rezeption der anderen gleicht, was die Beschreibung der charakterlichen Eigenschaften des Helden betrifft. Im Verlauf der Arbeit werden wir sehen, dass Achill und der mit ihm verbundene Handlungsstrang innerhalb des Trojanischen Krieges die verschiedensten Auslegungen erfah- ren hat und auch die Auswahl der Quellen seitens der Autoren in keinem Fall einem ähnlichen Muster folgt.

Die Frage, warum diese enorme Veränderung der prinzipiell gleichen Hinter- gründe stattgefunden hat, und welches Ziel der Autoren zur Zeit des Verfas- send dazu geführt haben könnten, soll ebenso Gegenstand dieser Arbeit sein. Ob mit der Veränderung der Darstellung von Achill und Hector, der Be- ziehung zu Frauen und somit der Darstellung der Minne, der Freundschaft zwischen Achill und Patroclus oder dem Verlauf der kriegerischen Auseinan- dersetzung zwischen den Griechen und den Trojanern verschiedene Moral- vorstellungen oder Lehren vermittelt werden, wird ebenso Bestandteil der Textarbeit sein.

Der anschließende Vergleich mit der postmodernen filmischen Umsetzung wird im Anschluss weitere Einblicke in die Ansichten der Rezipienten und der Ziele der Autoren in den verschiedenen Epochen gewähren, insbesondere dann, wenn starke Veränderungen der ursprünglichen Überlieferung auftre- ten, die auf die Verfolgung einer bestimmten Absicht hinweisen.

II. Mittelalter

1. Achill in Herborts von Fritzlâr „Liet von Troye“

„Herbort aus Fritzlâr, ein gelehrter Studierter“1, dürfte zwischen 1190 und 1200 sein Werk „Liet von Troye“ verfasst haben. Das 18.458 Verse umfas- sende Troja-Epos handelt von der Vernichtung Trojas durch die Griechen und schließt sich zahlreichen Werken in dieser Zeit an, die ebenfalls den Tro- janischen Krieg als Hauptmotiv nutzen. Das „Liet von Troye“ ist nur in einer einzigen Handschrift überliefert worden und dürfte zur Zeit der Veröffentli- chung nicht so bedeutsam wie etwa der vorher erschienene Eneasroman gewesen sein. Dennoch, und das gilt es im Verlauf der Arbeit zu klären, konnte Herbort sich von seinen Quellen teils deutlich absetzen und schuf in seinem „Liet von Troye“ einen Achill, der in dieser Form neu war.

Dem „Liet von Troye“ dürfte vor allem die altfranzösische Ausführung von Benoît de Sainte-Maure als Quelle gedient haben, auch wenn die Forschung inzwischen davon ausgeht, dass Herbort sich bewusst in vielen Punkten von dieser unterscheidet. Zentrale Teile der Geschichte jedoch, wie etwa die Freundschaft zwischen Achill und Patroclus, ist eng an die Vorlage ange- lehnt. Kraß spricht in diesem Zusammenhang von einer Form der Parteier- greifung für die Griechen wenn er sagt, dass „er [Herbort] die Tendenz [fort- setzt], die griechischen Freunde auf- und Hector abzuwerten.“2 Dabei „greift [Herbort] teils kürzend, teils modifizierend in die Vorlage ein.“3 Zum Beispiel fallen die Schmährede Hectors gegen Patroclus und der zweite Raubversuch weg, aber eine Szene, wo Patroclus‘ Leiche nach Hectors Triumph geschlif- fen wird, wird hinzugefügt. Die Totenklage wird anschließend wieder verkürzt, das Grabmal des Toten jedoch mit einem Epitaph versehen, welches wie folgt lautet:

„ Da stunt vffe gescrieben Daz er in strite was tot bliben So daz nie dehein sin gliche Also menliche Bie siner zite Tot bleip in strite “ 4

Damit möchte Achill vor allem an die männliche Tapferkeit seines Freundes erinnern und bestärkt dadurch erneut die Beziehung zwischen den beiden. Dieser Aufbau einer Beschreibung der Hintergründe für Achills Empfinden sind bei Herbort kein Zufall. Im Verlauf der Analyse wird festzustellen sein, dass Herbort den Charakter seines Achills vor allem deshalb in besonderer Weise formt, damit die Taten des Griechen für den Leser nachvollziehbarer werden und durch diverse Charakterzüge, die der Autor dem Charakter über den Verlauf der Geschichte verleiht, auch erklärbar sind. Der damit entste- hende Dualismus zwischen Hector und Achill, dessen Gefühle uns durch den Text immer wieder vermittelt werden, soll, so Gerhard Knapp, vor allem den episodischen Erzählstil Benoîts durchbrechen und sich inhaltlich immer wei- ter von der altfranzösischen Quelle entfernen.5 Eine Suche nach einem in- haltlichen Kern ist es also, die Herbort mit dieser Form der Rezeption ange- strebt haben könnte. Der angesprochene Dualismus wird uns dabei im Ver- lauf der Geschichte immer wieder begegnen und schließlich in einem furio- sen Finale enden. Im Gegensatz zu Herborts Version, ist Achill in der Vorlage von Benoît zwar der tapferste Krieger der Griechen, kann sich jedoch in ei- nem direkten Vergleich in keiner Situation mit Hector messen. Das führt zum Beispiel auch dazu, dass selbst Achills Zorn über den Tod Patroclus’, ein bei Herbort oft genutztes Mittel zur Erklärung seiner Taten mit enormer Reichwei- te, bei Benoît nur als episodischer Antriebsmotor für den Mord an Hector reicht, jedoch nicht für eine Gesamtdarstellung der Dualität zwischen Hector und Achill. Für Knapp führt diese Ungleichheit der beiden Helden den Verlauf der Geschichte stellenweise sogar ad absurdum, da der Verlust der ritterli- chen Ehre Achills in Benoîts Überlieferung „seltsam unglaubhaft“ wirkt.6

Herbort hingegen arbeitet mit einer völlig neuen Achill-Konzeption, die von Beginn der Geschichte an von einer Gleichwertigkeit Achills mit Hector aus- geht, den Konflikt beider Parteien dabei dem allgemeinen Kampfgeschehen überordnet und das Motiv durch den kompletten Verlauf hindurch verwendet. Dies führt am Ende auch dazu, dass Herborts Achill den trojanischen Helden Hector in einem offenen Kampf bezwingt, und nicht, wie bei der Vorlage, mit- tels eines heimtückischen Mordanschlags. Um dieses Achill-Konzept aufzu- bauen, nutzt Herbort den vollständigen Handlungsstrang. Achill wird oftmals sehr genau beschrieben, sogar seine Waffen erhalten eine gesonderte Be- schreibung. Der Held erfährt durch Herbort also nicht nur eine qualitative Bewertung seiner Person, sondern auch eine quantitative Aufwertung im Text. In „regelrechten descriptiones7 “ wird Achill von Herbort immer wieder ausführlich charakterisiert und betont damit oftmals auch die neue, erst durch ihn eingeführte, kämpferische Überlegenheit des Griechen. Ein gutes Bei- spiel für eine solche Stelle ist während der Vorstellung der Helden zu finden, wo es heißt:

„ Anchilles glichen nie gewan: Er was ein also bederbe man, Im gezeme wol die krone. Starg, kune, schone, Gar ein zeraere;

Im was daz gut unmere, Harte liep die geste. Grozze lide feste Uzzer mazze wol gelidet.

Im hette sin waffen gesmidet Volka der getrwue smit.

Da beginc er wunders gnuc mit. Swenne in sin zorn ane quam, Als ein grimmer ber er bram. So enkonde sinen willen Nieman gestillen. “ 8

Die Beschreibungen Achills und auch die stete Erwähnung seines Zorns (da- zu später), sind ein wesentlicher Bestandteil der Rezeption Herborts. Auch zahlreiche szenische Änderungen, wie etwa der Verlauf des ersten Kampfta- ges, zeigen, dass Herbort seinen Achill nicht aus Benoîts Überlieferung ü- bernommen hat. Einzelkämpfe zwischen Hector und Achill werden bei Her- bort mit besonderer Sorgfalt beschrieben und finden stets große Beachtung des Autors, der diese Begegnungen meist zusätzlich ausschmückt. Bei einer Auseinandersetzung der beiden Kontrahenten legt Herbort den Fokus so sehr auf die beiden Helden, dass er die Begleiter, welche bei Benoît noch in großer Zahl erwähnt werden, vollkommen auslässt und einzig Achill und Hec- tor zu finden sind.

Weitere Begegnungen, zum Beispiel die in der Waffenruhe zwischen der 7. und 8. Schlacht nutzt Herbort, um den Konflikt weiter auszubauen. Der episodische Erzählstil Benoîts ist bei Herbort nicht mehr existent. Vielmehr wird an dieser Stelle erneut deutlich, dass der Gelehrte in seiner Geschichte von Beginn an einen bestimmten Verlauf der Handlung ansteuert, welcher ab dem ersten Vers immer weiter ausgebaut wird. Das bedeutet auch, dass A- chills Zorn, welcher ein überaus wichtiges Element für die Erklärung seiner Taten in Herborts Rezeption bildet, durch diese Begegnungen langsam aufgebaut und später damit erklärt werden kann.

Im gesamten Verlauf der Geschichte wird bei Herbort immer wieder deutlich, dass Achill allein der Grund für die Nöte der Trojaner ist. Achill wird bei Herbort zu einem Helden hochstilisiert, der über den Möglichkeiten normaler Krieger steht. Hector ist Achill zu keiner Zeit überlegen, sondern dient nur als Erzfeind, der jedoch keine wirkliche Gefahr zu sein scheint, sondern vielmehr dazu dient, den Feind genauer zu personifizieren und ihn somit für den Rezipienten fassbarer zu machen. Auch bei der finalen Auseinandersetzung zwischen Hector und Achill wird das erneut deutlich, da das endgültige Versagen von Hector bereits zu Anfang der Szene feststeht.9

Durch die permanente Beschreibung des Konfliktes zwischen den beiden Kontrahenten jedoch, hat Herbort zum Zeitpunkt des Todes von Hector aus Sicht Knapps den Höhepunkt seines Romans erreicht und findet später nur schwer wieder in die Spannungskurve zurück.10 Auffallend ist, dass Herbort mit der beschriebenen Arbeitsweise einen Teil der homerischen Überlieferung wiederaufleben lies, da einzelne Merkmale des Trojastoffes von Herbort auch in der ‘Ilias Latina’ wiedergefunden werden können.

Wie aus den Beobachtungen hervorgeht, hält sich Herbort eng an die Kon- ventionen zur Heldenbeschreibung seiner Zeit. Im höfischen Denken spielt die äußere Erscheinung eines Ritters ‘ bona corporis ’ neben den Tugenden eine große Rolle. In seinem Werk merkt man, dass es Herbort durchaus be- wusst war, wie ein Held geschaffen sein musste, um auch als solcher wahr- genommen zu werden. Nach der Beschreibung seiner kämpferischen Fähig- keiten beschreibt Herbort zum Beispiel nicht nur das Äußere von Achill “ster- ke, kune, schoene”, sondern auch seine Besitztümer “adel, name, richtuom” genau.11 Wie es sich jedoch für einen Ritter gehört, gilt vor allem der Reich- tum Achill nichts. Wichtig ist hierbei, dass Achill über alle Maßen wohlgestal- tet ist und alles an ihm mit normalen Standards nicht zu vergleichen ist. Die bereits erwähnte Beschreibung der besonderen Waffen des griechischen Helden ist Teil der Methodik, einen Helden nach höfischen Ansichten zu schaffen. Dazu zählt auch die Erziehung Achills, jedoch wird diese bei wei- tem nicht so ausgebaut, wie es im Vergleichstext Konrads von Würzburg der Fall ist. Wichtiger, und den Vorstellungen eines perfekten Ritters eigentlich entgegenwirkend, sind Herbort die charakterlichen Schwächen seines A- chills. Der Zorn, die Liebe zu Polixena und die Maßlosigkeit Achills in seinen teils irrationalen Entscheidungen machen es im Verlauf der Geschichte schwer, Achill als leuchtendes Beispiel höfischer Ideale zu werten.

Es ist Herbort sehr daran gelegen, vor allem den Zorn des Achill zu be- schreiben. Dieser Zorn bildete auch schon in der homerischen Überlieferung ein zentrales Motiv der Geschichte und findet sich nach zahlreichen Ab- schwächungen nun in der ursprünglichen Form bei Herbort wieder. Viele Ta- ten Achills sind einzig auf diesem Zorn begründet. Zum Beispiel die Angriffe auf Hector sind stellenweise dem maßlosen Zorn geschuldet.

[...]


1 Vgl. Epilog des „ Liet von Troye

2 Vgl. Kraß, Andreas: Achill und Patroclus. Freundschaft und Tod in den Trojaromanen Be- no î ts de Sainte-Maure, Herborts von Fritzl â r und Konrads von Würzburg. Stuttgart und Wei- mar, 1999, S.66.

3 Vgl. Ebd., S.76.

4 Herbort von Fritzlâr: Liet von Troye. Hg. Karl Frommann. Quedlinburg/Leipzig, 1837, Nachdruck 1966, V. 6099-6104.

5 Vgl. Knapp, Gerhard: Hector und Achill. Die Rezeption des Trojastoffes im deutschen Mit- telalter. Personenbild und struktureller Wandel. Bern und Frankfurt am Main, 1974, S.23f.

6 Vgl. Knapp, Gerhard: Hector und Achill. Die Rezeption des Trojastoffes im deutschen Mit- telalter. Personenbild und struktureller Wandel. Bern und Frankfurt am Main, 1974, S. 25.

7 Vgl. Ebd., S.26.

8 Herbort von Fritzlâr: Liet von Troye. Hg. Karl Frommann. Quedlinburg/Leipzig, 1837, Nachdruck 1966, V. 2977.

9 Vgl. Knapp, Gerhard: Hector und Achill. Die Rezeption des Trojastoffes im deutschen Mit- telalter. Personenbild und struktureller Wandel. Bern und Frankfurt am Main, 1974, S.30.

10 Vgl. Knapp, Gerhard: Hector und Achill. Die Rezeption des Trojastoffes im deutschen Mit- telalter. Personenbild und struktureller Wandel. Bern und Frankfurt am Main, 1974, S.30.

11 Herbort von Fritzlâr: Liet von Troye. Hg. Karl Frommann. Quedlinburg/Leipzig, 1837, Nachdruck 1966, V. 2980ff.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656256700
ISBN (Buch)
9783656259558
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199258
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Philosophische Fakultät
Note
3,0
Schlagworte
achill mittelalter neuzeit
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Titel: Achill in Mittelalter und Neuzeit