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Emotionen in spätmittelalterlichen Texten am Beispiel Oswalds von Wolkenstein

Bachelorarbeit 2010 44 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Emotionen und Emotionalität
1. Was sind Emotionen?
2. Emotionen im Mittelalter unter besonderer Berücksichtigung Oswalds
3. Emotionen im 20. und 21. Jahrhundert

III. Biographie und Hintergründe
1. Kurzbiographie Oswalds von Wolkenstein
2. Die Umsetzung historischer Ereignisse in der Lyrik Oswalds
3. Historizität oder Emotionalität?

IV. Exemplarische Liedanalyse
1. Erläuterung der Analysekriterien
2. Kl. 1 Ain anefangk (1421)
3. Kl. 83 Ain jetterin, junk, frisch, frei, fruet (1415/1417)
4. Kl. 51 Ach senleiches leiden (1409/1410)
5. Kl. 116 Zergangen ist meins herzen we (1428/1430)

V.Erstellung eines Emotionsdiagramms
1. Rankingkriterien und Erläuterungen
2. Graphische Aufarbeitung
3. Erläuterungen der einzelnen Punkte
4. Interpretatorische und problematische Aspekte des Verfahrens

VI. Schlusswort

VII. Literaturverzeichnis und Anhang

I. Einleitung

„Man weiß, wie schwer es ist, aus Dichtungen des Mittelalters - meist nur aus spärlichen, rätselhaft verschlüsselten Angaben - Persönlich- keitsbilder ihrer Verfasser zu gewinnen. Dichterische Wirklichkeit und

Lebenswirklichkeit haben sich damals so selten wie heute gedeckt. Ein Walther von der Vogelweide , [...], der Dichter des Nibelungenlie- des - sie treten hinter ihrem Werk in das Dunkel des Unbekannten zurück. Oswalds Lebenswirklichkeit steht in hellem geschichtlichem Licht da. Günstigere Voraussetzungen, einen spätmittelalterlichen Sänger der Liebe - [...] - in seinem Dichten, Singen, Sein und Wirken als Künstler und Menschen kennenzulernen, kann es kaum geben.“1

Dieses Zitat Karl Kurt Kleins verdeutlicht, warum Oswald von Wolkenstein eine der interessantesten Persönlichkeiten für mittelalterliche Textforschung darstellt. Anhand der zahlreichen Schriften und Urkunden ist es bei Oswald anders als bei anderen Dichtern des Mittelalters möglich, bestimmte For- schungsreihen wie die folgende wesentlich exakter durchzuführen. Die Idee zur vorliegenden Arbeit entstand im Zuge der intensiven Auseinan- dersetzung mit Oswalds Lyrik. Das Leben des gebürtigen Tirolers ist eines der am besten dokumentierten seiner Zeit. Dies führt in vielen Fällen der ers- ten Auseinandersetzung mit dieser Thematik jedoch schnell zu einem recht unübersichtlichen Fluss an Information. Doch dank der gut erhaltenen Do- kumente und Lyrik, konnten binnen weniger Tage bestimmte Ereignisse zwi- schen 1376 und 1445 eine Vereinfachung des Lernprozesses herbeiführen. Die Frage, die aus diesem Erfolg resultierte, war, ob man das Leben des Adeligen graphisch verarbeiten könnte.

Eine derartige Grafik ist auch das Endergebnis dieser Arbeit. Das Ziel ist es also, eine Grafik mit einer möglichst genauen Einordnung der Ereignisse im Leben des Tirolers sowie einer eindeutigen Einsicht in den Verlauf der Bio- graphie, zu entwerfen. Speziell in dieser Grafik sollen die Emotionen Os- walds von Wolkenstein im Vordergrund stehen und weniger die Eindrücke Dritter. Für diesen Schwerpunkt werden im Laufe der Arbeit einzelne Felder im Vorfeld genauer beleuchtet.

Zunächst ist die Definition des Begriffs Emotion notwendig. Da Os- walds Leben im späten Mittelalter einzuordnen ist, erfolgt außerdem eine Dif- ferenzierung zwischen Emotionsäußerung und ihrer Wahrnehmung in der heutigen Zeit; sowie dergleichen im Spätmittelalter. Wichtig hierbei ist eine genauere Betrachtung ausgewählter Lieder mit emotionalem Bezug.

Ferner wird nach einem kurzen Überblick über das Leben Oswalds die Frage behandelt, wie Oswald - der immer mit einer recht direkten Art in Verbindung gebracht wird - seine Emotionen in seinen Liedern verarbeitete und - falls er dies tat - codierte.

Eine exemplarische Analyse von ausgesuchten Liedern wird die erarbeiteten Punkte anschließend praktisch vor Augen führen und einen theoretischen Einblick in die Gefühlswelt des Tirolers gewähren. Bei der Analyse wird der Fokus jedoch nicht auf der Metrik ruhen, sondern vielmehr auf den Aussagen der einzelnen Lieder im Hinblick auf die darin enthaltenen Emotionen des Adeligen, sowie den Referenzen zu historischen Ereignissen im Kontext je- ner Lieder.

Anschließend folgt der Versuch, die angesprochene Grafik anhand der ge- wonnenen Einsichten in die Emotionen Oswalds zu entwerfen. Hierfür wird nach der Ausarbeitung bestimmter Kriterien und der Entwicklung eines fikti- ven Rankings der einzelnen Ereignisse, vor allem auch die Problematik einer solchen Grafik beziehungsweise einer solchen Einordnung von Ereignissen angesprochen.

Am Ende meiner Arbeit steht die Beantwortung der Frage, ob und wie Oswald von Wolkenstein seine Emotionen schriftlich verarbeitet hat. Ferner ist es im Anschluss interessant zu sehen, ob Oswald sich anders als seine Vorgänger als Pionier der Gefühlsäußerung erwiesen hat, oder ob er sich an die gleichen Konventionen hielt wie andere Lyriker jener Zeit.

II. Emotionen und Emotionalität

1. Was sind Emotionen?

Eine Einordnung des Begriffes Emotion ist nach aktuellem psychologischen Forschungsstand nicht so einfach, vor allem weil die Menschen jenen Begriff oft mit anderen Gefühlsäußerungen verwechseln und daher keine genaue Eingrenzung im Alltag erkennbar ist. Eine Emotion ist ein komplexer Prozess, der verschiedene bestimmte Merkmale zur eindeutigen Klassifizierung aufweist. Eine so genannte Arbeitsdefinition, also eine Definition welche zur Beschreibung und Abgrenzung des Begriffes Emotion dient, gibt ein Lehrbuch von Meyer, Schützwohl und Reisenzein:

„1. Emotionen sind Vorkommnisse von z.B. Freude, Traurigkeit, Är- ger, Angst, Mitleid, Enttäuschung, Erleichterung, Stolz, Scham, Schuld, Neid sowie von weiteren Arten von Zuständen, die den ge- nannten genügend ähnlich sind. 2. Diese Phänomene haben folgen- de Merkmale gemeinsam: (a) Sie sind aktuelle Zustände von Perso- nen; (b) sie unterscheiden sich nach Art oder Qualität und Intensität [...]; (c) sie sind in der Regel objektgerichtet [...]; (d) Personen, die sich in einem der genannten Zustände befinden, haben normalerwei- se ein charakteristisches Erleben (Erlebensaspekt von Emotionen), und häufig treten auch bestimmte physiologische Veränderungen (physiologischer Aspekt von Emotionen) und Verhaltensweisen (Ver- haltensaspekt von Emotionen) auf.“2

Durch diese Definition wird klar, dass Emotionen immer nur aktuelle Zustän- de von einzelnen Personen darstellen. Das bedeutet, dass als vermeintliche Emotionen wahrgenommene Phänomene, wie etwa eine positive Grundein- stellung eines Menschen, nicht als Emotion, sondern als Eigenschaft ein- zustufen sind. Die Tatsache, dass Emotionen objektgerichtet sind, bedeutet, dass die angesprochenen Objekte jedoch nicht für Außenstehende erkenn- bar sein müssen. Das heißt, wenn Person A in der kommenden Woche eine schwierige Prüfung vor sich hat, so dürfte diese Person die Emotion Angst äußern, obgleich Person B den Grund für diese Emotion nicht fassen kann. Ein Objekt, nämlich die bevorstehende Prüfung, gibt es für Person A aber trotzdem.

Zudem geht aus der Definition hervor, dass Emotionen sich in Qualität und Intensität unterscheiden: Je nach Art der Emotion, also Trauer, Angst oder Freude, etc., nehmen wir die Intensität oftmals verschieden war. Man geht davon aus, dass negative Emotionen direkter wahrgenommen werden als positive, da die Ausschüttung der Hormone ebenfalls direkter wahrgenom- men wird. Ein Beispiel: Schießt Deutschland in einem Länderspiel ein Tor, so dürften alle Fans gleichermaßen von der Emotion Freude betroffen sein. Je- doch merken sie es aufgrund ihres Gemütszustandes nicht, berichten aber später in guter Erinnerung von jenem Moment. Empfindet ein arachnophober Mensch Angst während er kurz vor einem möglichen Kontakt mit einer Spin- ne steht, so nimmt er diese Emotion bewusst wahr. Dies geschieht, da er diesem Zustand so schnell wie möglich entkommen will. Dieses Beispiel er- klärt auch den letzten Teil der Definition, nämlich die Kennzeichnung der be- troffenen Person, was bedeutet: Eine Person, die von einer Emotion betrof- fen ist, äußert diesen Zustand meist über ein charakteristisches Erleben, wie zum Beispiel einem lauten Freudenschrei, eine bestimmte physiologische Veränderung, eine eintretende Hochatmung oder bestimmte Verhaltenswei- sen, beispielsweise die Flucht auf einen Stuhl beim Erblicken einer Maus.

Doch welche Funktion haben Emotionen ? Im Prinzip ist die Beantwortung dieser Frage recht einfach, wenn auch für jeden unterschiedlich. Allgemein geht man davon aus, dass Emotionen dem Menschen unbewusst helfen, in manchen Situationen „das Richtige zu tun“3, obgleich diese Situation im Le- ben des betroffenen Individuums bislang noch nicht vorkam. Die Ähnlichkeit zu Instinkten ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, was Joachim Funke in seinem Onlinekurs bestätigt:

„Damit übernehmen sie eine ähnliche Funktion wie z.B. Instinkte: So wie sich ein Baby instinktiv an seiner Mutter festklammert, so treibt uns unsere Angst dazu, vor einem Tier wegzulaufen. Beides ist glei- chermaßen sinnvoll für das Überleben. Während Instinkte jedoch nur auf ganz bestimmte, sehr eng definiert (sic) Reize aktiviert werden, kann man vor fast allem Angst haben, sogar vor der Angst selbst. [...] Sie fragen sich, welche Funktion es z.B. haben soll, Angst vor der Angst zu haben.“4

Nachdem nun theoretisch geklärt ist, was eine Emotion eigentlich ist, stellt sich natürlich die Frage, wie ein temporärer Gemütszustand einer einzelnen Person mit vermutlich nicht wahrnehmbarem Objekt der Auslösung in einem spätmittelalterlichen Text auffindbar, beziehungsweise analysierbar ist: Unter der Voraussetzung, dass Oswald sich in seinen Texten inszenieren wollte, musste er folglich versuchen, sein Publikum über die emotionale Ebene zu erreichen. Der Autor kann also das Ziel verfolgen, eine Emotion durch den Text weiterzugeben und hoffen, dass er den Rezipienten anschließend wie beabsichtigt erreicht. Natürlich kann es dabei auch zu Missverständnissen kommen, jedoch sollte der biographische Hintergrund dabei helfen, die Situa- tion Oswalds von Wolkenstein objektiv zu analysieren und die konkreten E- motionen herauszufiltern.

Norbert Fries veröffentlichte 2007 eine entsprechende Arbeit zur Kodierung von Emotionen in Texten und stellte fest, dass „[u]nter Rückgriff auf extra-grammatische Kenntnisbereiche [...] lexi- kalisch bzw. grammatisch bzw. text- strukturell determinierte Bedeu- tungen bei vokalen oder schriftlichen Äußerungen (also in Gesprä- chen oder in Texten) in spezifische Interpretationen überführt werden [können], welche auf bestimmte Diskurs- bzw. Text-Referenten bezo- gen sind.“5

Dies bedeutet, es ist auch ohne direkte Nennung von Emotionen möglich, durch bestimmte Merkmale im Text jene zu äußern, beziehungsweise sie an- zudeuten. Eine Tatsache, die bei der Analyse von großem Vorteil sein wird.

2. Emotionen im Mittelalter unter besonderer Berücksichtigung Oswalds

Beschäftigt man sich nun mit Emotionen und deren Äußerung im Mittelalter, so stellt man fest, dass es bei weitem nicht so einfach ist, jene zu fassen, wie in moderneren Texten. Mireille Schneyer schreibt zu Beginn ihres Aufsatzes über Emotionen im Mittelalter:

„Es fällt ungemein schwer, den Begriff Emotion für das Mittelalter zu fassen. Über Texte vermittelt, in Dichtung stilisiert, in Metaphorik re- flektiert, begegnen nur codierte Affekte, die wir nicht aus dem Zu- sammenhang lösen können, in dem sie ihren semantischen Wert erhalten.“6

Die angesprochene Problematik soll uns im Laufe der Arbeit noch häufiger begegnen, jedoch bietet Oswald von Wolkenstein stellenweise weit mehr als jene codierten Schriften, nämlich eine durchweg nüchtern erhaltene Urkun- densammlung, an der man sich im Falle einer Unsicherheit orientieren kann.

Zu den Emotionen im Mittelalter unter besonderer Berücksichtigung Oswalds von Wolkenstein muss aber auch festgehalten werden, dass das Bild, welches wir vom emotionalen Leben des Tirolers erhalten, keinesfalls dem der Allgemeinheit im 14. und 15. Jahrhundert entsprechen muss. Emo- tionen, ähnlich wie die Lebensweisen, unterscheiden sich in dieser Zeit grundlegend zwischen den verschiedenen Schichten. Während die Bauern und das ,einfache Volk‘ lediglich ein sehr schlichtes, teils schlecht dokumen- tiertes und unpopuläres Leben unter ihresgleichen fristeten, galt diese Regel für den Adel dieser Zeit offenbar nicht. Und Oswald, der sich seiner adeligen Herkunft durchaus bewusst war und dieses Leben in meist vollen Zügen zu genießen schien, bildet innerhalb der adeligen Schicht nochmals eine Aus- nahme, da er verschiedenste Phasen des emotionalen Erlebens durchmach- te. Ute Monika Schwob schreibt dazu:

„Der einzelne, sofern er der Oberschicht angehört, hat große Freiheit im Ausleben seiner Gefühle und Leidenschaften. Er kann wilde Freu- den genießen, zum Beispiel hemmungslos seine Lust an Frauen sät- tigen, er kann essen und trinken, was sein Körper faßt [siehe Portrait, Anm. C.B.], er darf maßlos hassen und hat Gelegenheit, zu quälen oder zu zerstören, was zum Feind gehört, solange er der Sieger ist. Gleichzeitig ist er ständig in Gefahr, selbst besiegt und den Gewalttä- tigkeiten anderer ausgeliefert zu sein, etwa gefangengenommen, er- niedrigt, gequält, wenn nicht getötet zu werden.“7

Man sieht also, dass das Leben des Wolkensteiners durchweg erfüllt war von extremen Kontrasten, vergleichbar mit sehr reichen Menschen in der heuti- gen Zeit, die einen anderen Alltag haben als Angehörige der Mittelschicht. Die Lieder und Urkunden des Adeligen geben dabei jene Konstraste sehr gut wieder, da die Lieder selbst meist adelig-höfisch geschrieben wurden, wäh- rend die Urkunden größtenteils sehr trocken und nüchtern von bestimmten Sachverhalten berichten.

Doch auch bei Oswald finden wir ein immer wiederkehrendes Grundmuster, welches zu dieser Zeit aufgrund der enormen Religiosität der Menschen sehr verbreitet war. Denn die Kirche war es, die vorschrieb, dass bestimmte Emo- tionen weniger Beachtung finden sollten als andere, da die emotionale Aus- richtung der Gefühle einem „christlichen Heilsziel“8 zu widmen war. Emotio- nen und Gefühle, welche diesem Ziel nicht entsprachen, wurden als Gefahr für das Seelenheil eingestuft. Für jene Gefühle wurde im Mittelalter ver- nünpftige Kontrolle und Selbstdisziplinierung verlangt, uns besser bekannt als „mâze“9.

Die Lieder Oswalds von Wolkenstein sprechen jedoch zum Teil eine andere Sprache, denn in ihnen wird auch Sünde preisgegeben, selbst wenn er die Strafe dafür bestens kannte10. Aufgrund dieser Lieder und den geäußerten Gefühlen kommt Schwob zu dem Schluss, dass „er [Oswald, Anm. C.B.] die ethische Unterweisung durch die Kirche seiner Zeit verstanden hatte, wenn es um Gefühle geht“11. Er wusste, dass es Gefühle gab, die man im Falle ei- nes Bezugs auf christliche Werte haben sollte und durfte, wie etwa Freude, Liebe, Glück oder Hoffnung, aber auch Gefühle und Emotionen existierten, vor denen man sich hüten sollte, wie etwa Leid, Unglück, Verzweiflung oder Angst.

Bezogen auf Emotionen im Mittelalter haben wir dennoch großes Glück, da Oswald als Pionier gilt, was schriftliche Nachweise real empfundener Emoti- onen im Mittelalter betrifft. Denn Emotionen waren zu dieser Zeit kein Ge- genstand selbstreflektiver Forschung, sondern vielmehr ein Grund mehr für den großen Zuspruch für kirchliche Vorgaben, da man Angst hatte, die Emo- tionen falsch zu deuten. Der Wolkensteiner gilt jedoch als Meister der insze- nierten Selbstdarstellung12, was uns später helfen wird, seine möglichen Empfindungen zu kategorisieren und in der Grafik festzuhalten. Die christliche Ausrichtung des emotionalen Empfindens Oswalds bleibt je- doch Zeit seines Lebens in den angesprochenen Mustern, welche er aus den Vorgaben der Kirche übernahm. In vielen Liedern spielt der „Memento mori“- Gedanke eine sehr große Rolle, weshalb die Einschätzung der Emotionen Oswalds vermutlich an einer instinktiven Deutung vorbei geht. Ferner ist eine direkte Deutung der Gefühle deshalb nicht so einfach, weil der Tiroler diese in seinen Liedern wahrscheinlich in codierter Form hinterließ, sowie die Ur- kunden gänzlich frei davon sind. Schwob schreibt hinsichtlich dieser Proble- matik:

„Nur gelegentlich bricht in persönlichen Briefen, in Vernehmungsprotokollen und sogenannten Kundschaftsbriefen sowie Anschlagzetteln gesprochene Rede und damit überhaupt erst die Möglichkeit zu direkten emotionalen Äußerungen durch.“13

Nebst aller Gläubigkeit und christlicher Maximen versuchte Oswald auch, ein Mensch zu sein, den wir heute als „seiner Zeit voraus“ bezeichnen würden, da er sich durchaus auch mit Dingen beschäftigte, die seitens der Kirche als nichtig angesehen wurden. Zwar sorgte Oswald ein Leben lang dafür, nach dem Tod die Absolution durch die Kirche und die Ruhe im Tod zu erlangen, doch „Es lag ihm fern, vorzugeben, daß sein Gefühlsleben sich auf das Re- ligiöse beschränkte. Seine Handschriften beginnen mit Sünde klagen, Weltabsagen und religiös-didaktischen Liedern, aber sie enthalten überwiegend weltlich gestimmte Lieder.“14

Dies zeigt, dass die Auswahl des Lyrikers zur Analyse mittelalterlicher Emoti- onen in Texten deswegen so interessant ist, da Oswald an einer Schwelle zwischen modernem Menschen und christlich-moralisch erzogenem Adeligen steht, der hin und wieder einen Einblick in die wahren Gefühle des Menschen im Mittelalter erlaubt.

Zwar gibt uns das Oeuvre Oswalds von Wolkenstein keinen Einblick in die Gefühle aller Menschen im Mittelalter, weswegen wir an dieser Stelle das Zi- tat von Mireille Schneyer erneut in Betracht ziehen müssen, aber für eine A- nalyse der Gefühle des Wolkensteiners, sowie einen Einblick in die Welt des adeligen Lebens um 1400 bieten die Schriften Oswalds ausreichend Informa- tionen.

3. Emotionen im 20. und 21. Jahrhundert

Betrachten wir die Entwicklung von Emotionen in den letzten Jahrhunderten, fällt auf, dass die Entwicklung im 20. und 21. Jahrhundert anscheinend ra- send voranschreitet. So rasend, dass ein möglicher Vergleich mit Emotionen, beziehungsweise der Äußerung jener, zwischen Mittelalter und dem Heute ausgesprochen schwierig erscheint. Zwar sind die Emotionen selbst natürlich gleich geblieben, aber gerade im Bereich der Wirkung nach außen und der emotionalen Interaktion zwischen den Menschen hat sich vieles grundlegend geändert.

Im Bereich der direkten menschlichen Kommunikation kam der Umbruch si- cherlich irgendwann nach der Aufklärung, jedoch sind jene Umgangsformen und Äußerungsarten heute auch wieder veraltet. Im Jahr 2010 kleiden sich die Menschen entsprechend ihrer Emotionen (gemeint sind hier verschie- denste Gruppen wie zum Beispiel Emos oder Hippies), reden im Stile der e- motionalen Grundeinstellung und leben durch Körperschmuck ihre innere Gefühlswelt für jeden sichtbar aus. Interessant ist an dieser Stelle vor allem die Tatsache, dass es sich bei diesen Symbolen zu Oswalds Zeiten um Zei- chen für Ständezugehörigkeit, Macht und Überlegenheit handelte, wohinge- gen sie heute nur noch Zugehörigkeit ausdrücken, dies aber stärker beziehungsweise auffallender als je zuvor.

Vergleichen wir den Umgang mit Emotionen in der Literatur, so stellen wir fest, dass es bei Oswald sehr schwierig ist, direkte Emotionen ausfindig zu machen, da sie beinahe alle nur in codierter Form vorliegen, während es in aktueller Literatur, welcher seitens der Literaturwissenschaft kein hoher lite- rarischer Wert beigemessen wird, einen ausgesprochen hohen Anteil direkter Ansprache der Emotionen gibt. Beispielsweise wird in einem Bestseller des letzten Jahres von Jungautorin Charlotte Roche auf beinahe jeder Seite von sexuellen Emotionen und Verhaltensweisen gesprochen. Ein derartiger Um- gang mit Emotionen und Begehren war um 1500 zwar sicherlich vorhanden, aber öffentlich nicht diskutabel waren, da es zu privat erschien.

Man sieht also, dass sich die Emotionen im Laufe der Jahrhunderte ähnlich wie auch das Bild, welches wir von der Kirche haben, stark verändert haben. Zwar sind die grundlegenden Dinge, wie zum Beispiel die Natur des Menschen, gleich geblieben, aber der Umgang mit jenen psychologischen Phänomenen hat sich durchweg verändert.

III. Biographie und Hintergründe

1. Kurzbiographie Oswalds von Wolkenstein

Wie Jürgen Rauter bereits erwähnt, „[wollte] Oswald sich selbst ein Denkmal setzen und nicht vergessen werden.“15 Das macht es der Forschung über den tiroler Adeligen recht einfach, wenn es darum geht, Belege für Oswalds Leben in bestimmten Jahren zu finden und es ermöglicht weitreichende Forschungsfelder zum Leben eines Ritters um 1400.

Oswald von Wolkenstein kam vermutlich in den Jahren 1376 oder 1378 zur Welt, je nach Deutung seines Liedes Kl. 18 wo es heißt: „Ich hab gelebt wol vierzig jar leicht minner zwai mit toben, wüten, tichten, singen, mangerlai.“16 (Kl. 18,99f). Da bislang nicht eindeutig geklärt ist, ob Oswald nun sein Alter mit zwei Jahren subtrahiert angibt, oder ob er von zwei Jahren spricht, wel- che sich grundlegend vom Rest unterscheiden, jedoch vollständig dazugehö- ren, ist eine eindeutige Festlegung bis heute nicht erfolgt. Bereits mit 10 Jah- ren verlässt Oswald sein Heim und verreist als Knappe. Oswald genoss eine höfische Ausbildung und scheint ein sehr intelligenter Mensch gewesen zu sein, da er im stark autobiographischen Lied Kl. 18 von mehreren Sprachen spricht, die er zu dieser Zeit beherrscht17 (Kl. 18,21f). Im Jahre 1400 kehrte Oswald dann erstmals in die Heimat zurück, da sein Vater in diesem Jahr starb. Während Oswald privat vielerlei Hindernisse zu überwinden hatte, konnte er dennoch in den nächsten Jahren Karriere machen.

[...]


1 Müller, Ulrich (Hrsg.): Oswald von Wolkenstein. Darmstadt, 2005, S. 76.

2 Meyer, Wulf-Uwe / Schützwohl, Achim / Reisenzein, Rainer: Einführung in die Emotionspsychologie. Band I. Bern, 1993, S. 22ff.

3 Funke, Joachim: Allgemeine Psychologie Onlinekurs. Universität Heidelberg <http://www.psychologie.uni-heidelberg.de/ae/allg/lehre/wct/e/E12/E1203end.html> (04.05.2010)

4 Funke, Joachim: Allgemeine Psychologie Onlinekurs. Universität Heidelberg <http://www.psychologie.uni-heidelberg.de/ae/allg/lehre/wct/e/E12/E1203end.html> (04.05.2010)

5 Fries, Norbert: Die Kodierung von Emotionen in Texten. Humboldt-Universität zu Berlin <http://www2.hu-berlin.de/linguistik/institut/syntax/docs/fries2007a.pdf> (04.05.2010)

6 Schneyer, Mireille: Imagination und Emotion - Emotionalisierung des sexuellen Begehrensüber die Schrift . In: Jaeger, C. Stephen (Hrsg.): Codierungen von Emotionen im Mittelalter. Berlin, 2003, S. 237f.

7 Schwob, Ute Monika: Emotionen im Hause Wolkenstein - Kunstvolle Aufbereitung in Liedern - Reduktion in Urkunden und Akten. In: Gebhardt, Michael / Siller, Max: Literatur und Sprache in Tirol - Von den Anfängen bis zum 16. Jahrhundert - Akten des 3. Symposiums der Sterzinger Osterspiele (10. - 12. April 1995). Innsbruck, 1996, S.1.

8 Schwob, Ute Monika: Emotionen im Hause Wolkenstein - Kunstvolle Aufbereitung in Liedern - Reduktion in Urkunden und Akten. In: Gebhardt, Michael / Siller, Max: Literatur und Sprache in Tirol - Von den Anfängen bis zum 16. Jahrhundert - Akten des 3. Symposiums der Sterzinger Osterspiele (10. - 12. April 1995). Innsbruck, 1996, S.2.

9 Schwob, Ute Monika: Emotionen im Hause Wolkenstein - Kunstvolle Aufbereitung in Liedern - Reduktion in Urkunden und Akten. In: Gebhardt, Michael / Siller, Max: Literatur und Sprache in Tirol - Von den Anfängen bis zum 16. Jahrhundert - Akten des 3. Symposiums der Sterzinger Osterspiele (10. - 12. April 1995). Innsbruck, 1996, S.2.

10 Vgl. Kl. 1,1

11 Schwob, Ute Monika: Emotionen im Hause Wolkenstein - Kunstvolle Aufbereitung in Liedern - Reduktion in Urkunden und Akten. In: Gebhardt, Michael / Siller, Max: Literatur und Sprache in Tirol - Von den Anfängen bis zum 16. Jahrhundert - Akten des 3. Symposiums der Sterzinger Osterspiele (10. - 12. April 1995). Innsbruck, 1996, S.3.

12 Schwob, Ute Monika: Emotionen im Hause Wolkenstein - Kunstvolle Aufbereitung in Liedern - Reduktion in Urkunden und Akten. In: Gebhardt, Michael / Siller, Max: Literatur und Sprache in Tirol - Von den Anfängen bis zum 16. Jahrhundert - Akten des 3. Symposiums der Sterzinger Osterspiele (10. - 12. April 1995). Innsbruck, 1996, S.4.

13 Schwob, Ute Monika: Emotionen im Hause Wolkenstein - Kunstvolle Aufbereitung in Liedern - Reduktion in Urkunden und Akten. In: Gebhardt, Michael / Siller, Max: Literatur und Sprache in Tirol - Von den Anfängen bis zum 16. Jahrhundert - Akten des 3. Symposiums der Sterzinger Osterspiele (10. - 12. April 1995). Innsbruck, 1996, S.7.

14 Schwob, Ute Monika: Emotionen im Hause Wolkenstein - Kunstvolle Aufbereitung in Liedern - Reduktion in Urkunden und Akten. In: Gebhardt, Michael / Siller, Max: Literatur und Sprache in Tirol - Von den Anfängen bis zum 16. Jahrhundert - Akten des 3. Symposiums der Sterzinger Osterspiele (10. - 12. April 1995). Innsbruck, 1996, S.7.

15 Rauter, Jürgen (Hrsg.): Oswald von Wolkenstein - Literarische Tradition, Variation und Interpretation anhand ausgewählter Lieder. Rom, 2009, S. 15.

16 Wachinger, Burghart (Hrsg.): Oswald von Wolkenstein - Lieder. Stuttgart, 2007, S. 138.

17 Vgl. Wachinger, Burghart (Hrsg.): Oswald von Wolkenstein - Lieder. Stuttgart, 2007, S. 32.

Details

Seiten
44
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656331872
ISBN (Buch)
9783656332275
Dateigröße
4.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199255
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Philosophische Fakultät
Note
1,5
Schlagworte
emotionen texten beispiel oswalds wolkenstein

Autor

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