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Rezension Carsten Müller: Wer herrscht in der Sozialen Arbeit?

Oder: eine Re‐Politisierung mittels Gouvernementalitätsdiskurs

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 11 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zusammenfassende Darstellung

2. Methodische Verortung des Textes
2.1. Die strukturelle Ambivalenz Sozialer Arbeit
2.2. Gouvernementalität, der neue Geist des Kapitalismus – oder die Umkehrung der Macht macht was!
2.3. Der Gebrauch der eigenen Kräfte – oder: die Umkehr der Ohnmacht

3. Kritische Diskussion
3.1. Einführung des Lebensweltorientierten Ansatzes von Thiersch
3.2. Gegenüberstellung des Textes von Müller und der Lebensweltorientierung nach Thiersch

4. Persönliche Bewertung

5. Literaturverzeichnis

1. Zusammenfassende Darstellung

Prof. Dr. paed. Carsten Müller, Jahrgang 1968, lehrt seit 2007 an der Fachhochschule Emden/Leer (D) und ist in verschiedensten Praxisprojekten aktiv. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Theorie und Geschichte der Sozialen Arbeit, Sozialpädagogik und demokratische Erziehung sowie professionsspezifische Diskurse der Sozialen Arbeit (vgl. Müller 2011).

Er beschreibt in seinem Text das Spannungsfeld – bei Müller als Ambivalenz bezeichnet – der Sozialen Arbeit und versucht Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man als Professionelle der Sozialen Arbeit damit umgehen kann. Er vertritt die Meinung, dass zuerst eine Akzeptanz, dann eine Nutzung von existierenden Machtverhältnissen zwischen Sozialarbeitenden und ihren KlientInnen nötig ist, um die Ziele der Sozialen Arbeit zu erreichen. Unter Re-Politisierung meint Müller die Anwendung der Macht, welche zusammen mit den KlientInnen der Sozialen Arbeit demokratisch angewendet werden soll.

Der Artikel ist in drei Teilbereiche gegliedert, welche sich argumentativ aufeinander beziehen.

Nach einer kurzen Begriffsbestimmung der Gouvernementalität nach Foucault werden die drei Abschnitte zusammengefasst, bevor der Text mittels des Lebensweltorientierten Ansatzes nach Thiersch kritisch bewertet wird. Zum Schluss der Rezension erfolgt eine persönliche Bewertung.

2. Methodische Verortung des Textes

Der Text könnte man den Professionalisierungstheoretischen Ansätzen zurechnen, da er sich auf „Strukturprobleme professionellen Handelns“ (Füssenhäuser 2011, S.1954) bezieht.[1]

Durch die Verwendung des Begriffs der Gouvernementalität lässt sich jedoch eine klare Zuordnung zu der Denktradition und Analytik von Michel Foucault herstellen. Michael May teilt Foucault und zu den Diskursanalytischen Ansätzen ein, ebenso wie Kessls „Gouvernementalität Sozialer Arbeit“ (May2010, S. 168)

Den Begriff der Gouvernementalität führte Foucault im Zusammenhang mit seinen machtanalytischen Werken ein. Dabei definiert Foucault in seiner Vorlesung zur Gouvernementalität (vgl. Foucault 1994) diesen Begriff wie folgt:

„Unter Gouvernementalität verstehe ich die Gesamtheit, gebildet aus den Institutionen, den Verfahren, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken, die es gestatten, diese recht spezifische und doch komplexe Form der Macht auszuüben, die als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als Hauptwissensform die politische Ökonomie und als wesentliches technisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat.

Zweitens verstehe ich unter Gouvernementalität die Tendenz oder die Kraftlinie, die im gesamten Abendland unablässig und seit sehr langer Zeit zur Vorrangstellung dieses Machttypus, den man als 'Regierung' bezeichnen kann gegenüber allen anderen - Souveränität , Disziplin - geführt und die Entwicklung einer ganzen Reihe spezifischer Regierungsapparate einerseits und einer ganzen Reihe von Wissensformen andererseits zur Folge gehabt hat. Schliesslich glaube ich, dass man unter Gouvernementalität den Vorgang oder eher das Ergebnis des Vorgangs verstehen sollte, durch den der Gerechtigkeitsstaat des Mittelalters, der im 15. Und 16. Jahrhundert zum Verwaltungsstaat geworden ist, sich Schritt für Schritt „gouvernementalisiert“ hat." (Foucault 1994, S. 820f.).

Gouvernementalität bedeutet im weiteren Sinne ein „Analyseraster für die Machtverhältnisse im allgemeinen“ (Foucault 2004, S. 482, zit. nach Kessl 2007, S. 208). Bei Foucault steht der Begriff des Regierens im Mittelpunkt seiner Betrachtung zur Gouvernementalität. „Es geht um die Definition dessen, was man unter Regierung des Staates zu verstehen hat und was wir […] die Regierung in ihrer politischen Form nennen (Foucault 2003, S.797). In seinen späteren Arbeiten zur Gouvernementalität nimmt er weitere Formen von vielfältigen Machtverhältnissen in seinen Blick, so etwa diejenigen zwischen Arzt/Patient, Lehrer/Schüler oder Eltern/Kind (vgl. Foucault 2005, S. 171f.).

2.1. Die strukturelle Ambivalenz Sozialer Arbeit

Zentrale Aussage für den ganzen Text ist Müllers Verortung der Sozialen Arbeit als Gegenstand von Regierung und somit auch von Herrschaft und Macht[2]. Inwiefern die Soziale Arbeit dadurch bestimmt wird – oder diese Tatsache selbst für sie nutzbar machen kann – wird im Verlauf des Textes weiter ausgeführt.

Seine Aussage über das Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und Regierung begründet Müller zum einen auf der strukturellen Ebene – in der rechtlichen, organisatorischen, institutionellen und ökonomischen Abhängigkeit – zum anderen auf der handlungslogischen Ebene, indem die Gesellschaft durch die Soziale Arbeit stabilisiert und reproduziert wird.

Als klassische Ambivalenz der Sozialen Arbeit bezeichnet Müller das Spannungsverhältnis von Hilfe und Kontrolle. Dabei steht das idealisierte Menschenbild des Sozialarbeiters seiner Kontroll- und Disziplinierungsfunktion gegenüber. Diese Doppelrolle der SozialarbeiterInnen mündet in „einer Handlungsohnmacht gegenüber den bestehenden Verhältnissen“ (Müller 2008, S. 37). Durch die am eigenen Leibe der SozialarbeiterInnen erfahrenen Machtverhältnisse, welche sich in den als unzufrieden wahrgenommenen „bestehenden Verhältnissen“ ausdrückt, zeigen sich viele Professionelle gegenüber Herrschaft und Macht kritisch eingestellt. Deshalb wird im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit versucht einen Herrschaftsfreien Raum einzurichten. Müller nennt hier als Beispiele den non-direktiven Sprachstil oder die Forderungen nach Partizipation der KlientInnen.

Des Weiteren nennt Müller drei Beispiele von theoretischen Standpunkten, welche durch das Erschaffen eines herrschaftsfreien Raumes versuchen, diesem Spannungsverhältnis zu entkommen:

- Durch die Alltags- und Lebensweltorientierung sollen bei den KlientInnen widersprüchliche Lebensweisen ausgemacht werden, welche nicht länger zur Lebensbewältigung taugen.
- Durch die anwaltschaftliche Arbeit versucht man, sich auf die Seite der Benachteiligten zu stellen und für oder mit Ihnen für ihr Recht zu streiten oder einzutreten
- Durch die Stigmatisierungs- und Etikettierungstheorie wird versucht auf die Schattenseiten von Hilfen zu kommen, mit dem Ziel, diese zu vermeiden.

Müller akzeptiert diese Versuche der Ambivalenz beizukommen oder diese zu umgehen, fragt jedoch ob dies „unter den heutigen Bedingungen eines neoliberalen Spätkapitalismus noch hinreichend“ (Müller 2008 S. 38) ist.

[...]


[1] Füssenhäuser beschreibt im Handbuch Soziale Arbeit vier verschiedene Theoriepositionen, nach denen sich der Theoriepluralismus der Sozialen Arbeit ordnen lässt: Professionalisierungstheoretische Ansätze, Ökosoziale Soziale Arbeit, Systemtheoretische und system(ist)ische Zugänge und lebenswelt- und bewältigungsorientierte Positionen (vgl. Füssenhäuser 2011)

[2] Die Begriffe Herrschaft und Macht werden innerhalb dieses Textes Synonym zueinander verwendet.

Details

Seiten
11
Jahr
2012
ISBN (Buch)
9783656261100
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199202
Institution / Hochschule
Fachhochschule St. Gallen – Soziale Arbeit
Note
2.0 (de) 5.0 (CH)
Schlagworte
carsten Müller Theoriediskurs Soziale Arbeit Macht

Autor

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