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Die Regulierung von Schattenbanken

Bachelorarbeit 2012 42 Seiten

BWL - Bank, Börse, Versicherung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Danksagung

1 Einleitung

2 Einführung in den Schattenbankensektor
2.1 Definition
2.2 Entwicklung des Schattenbankensystems
2.3 Vorteile und Risiken des Schattenbankensystems

3 Die Modellierung des Schattenbankensystems
3.1 Modellstruktur
3.2 Gleichgewicht unter rationalen Erwartungen
3.2.1 Das Modell zum Zeitpunkt t = 0
3.2.2 Das Modell zum Zeitpunkt t = 1 und 2
3.3 Gleichgewicht unter eingeschränkten Erwartungen
3.3.1 Das Modell zum Zeitpunkt t = 0
3.3.2 Das Modell zum Zeitpunkt t = 1 und 2

4 Die Regulierung des Schattenbankensektors
4.1 Anforderungen und Ausgestaltung einer zukünftigen Überwachung
4.2 Anforderungen und Ausgestaltung einer zukünftigen Regulierung
4.2.1 Traditionelle Banken
4.2.2 Verbriefung
4.2.3 Geldmarktfonds
4.2.4 Repotransaktionen

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Tab. 1: Modellablauf

Tab.2: Problemschwerpuukte und Lösungsansätze

Abb. 1: Zins und Wohlstand unter rationalen Erwartungen

Abb. 2: Zins und Wohlstand unter eingeschränkten Erwartungen

Danksagung

Danken möchte ich meinen Eltern und meiner Schwester fur ihre liebevolle Unterstützung all meiner Ideen und Projekte sowie der finanziellen Unterstützung seitens meiner Eltern, die mir mein Studium ermöglicht haben.

Auch möchte ich der Talanx Stiftung im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft für die finanzielle Unterstützung während meines Studiums und meines Auslandsaufenthaltes danken.

1 Einleitung

Die in 2007 beginnende Finanzkrise offenbarte ein Netz von Institutionen, das als Schattenbankensystem bekannt wurde. Getrieben vom immer stärkeren Wettbewerb zwischen Finanzintermediären und gefördert durch neuartige Innovationen, wie der Verbriefung, entwickelte sich dieses System seit Anfang der 70er Jahre weiter.[1] Markenzeichen dieses Systems ist, dass es abseits von bestehenden Regularien oder hoheitlichen Sicherheitsnetzen des regulären Bankensektors agiert. Es stellt sich dar durch Kredit-, Liquiditäts- und Fristentransformation und umfasst Institutionen, wie Geldmarktfonds oder Zweckgesellschaften (Special Purpose Vehicles (SPV)).[2]

Das Financial Stability Board (FSB) verzeichnete die Größe dieses Sektors in 2010 auf nahezu 46 Billionen Euro, was 25-30 % des gesamten Finanzsystems ausmacht und die Hälfte aller Bankaktiva in seine Tätigkeiten involviert.[3] Die Größe dieses Marktes, fehlende Regularien und seine Verbindung mit dem regulären Bankensektor tragen zu einer systemweiten Instabilität bei. Daher sind adäquate Regularien für das Schattenbankensystem zwingend notwendig. Die Herausforderung besteht darin, Kosten und Nutzen der zu installierenden Auflagen abzuwägen. So stellt das System eine wichtige Komponente im kurzfristigen Beschaffen von Liquidität dar und bietet Investoren alternative Anlagemöglichkeiten.[4] Eventuell verschärfende Regularien für das reguläre Bankensystem führen gleichzeitig dazu, Tätigkeiten in neue, unregulierte Bereiche zu verschieben.[5] Beim Finden neuer Richtlinien müssen diese Aspekte daher mit berücksichtigt werden. Fragen, die hier zunächst beantwortet werden müssen, sind: Was versteht man unter dem Schattenbankensektor und wie ist er entstanden? Welche Vor- und Nachteile bietet er und wo liegen systemrelevante Risikokomponenten? Und zuletzt: Wie können Regularien für diesen Sektor aussehen?

Eine Vielzahl internationaler Organisationen, darunter auch das Basel Committee on Banking Supervision (BCBS) und das FSB, haben sich dieser Aufgabe verschrieben und eine Task Force[6] zum Stärken der Überwachung und zum Regulieren des Schattenbankensystems gegründet.[7]

Gleichzeitig ergriff bereits die Europäische Union zu Regularien, um den systemischen Risiken entgegenzutreten. [8] Die vorliegende Arbeit knüpft daran an. Und gibt Antworten auf die zuvor gestellten Fragen. Die Arbeit baut sich wie folgt auf:

Das zweite Kapitel führt ins Schattenbankensystem ein, ihre beteiligten Unternehmen und Tätigkeiten. Dabei wird das Schattenbankensystem definiert, seine Entwicklung sowie die Vor- und Nachteile aufgezeigt und auf potenzielle Risiken dieses Sektors hingewiesen. Darüber hinaus zeigt sie Wechselwirkungen mit dem regulären Bankensystem auf.

Kapitel drei zeigt eine Modellierung des Schattenbankensektors. Es wird auf das Modell von Gennaioli et al. (2011) zurückgegriffen. Damit kann gezeigt werden, dass unter rationalen Annahmen der Marktteilnehmer das Schattenbankensystem stabil und wohlfahrtssteigernd ist. Wird hingegen das extreme Risiko [9] der Kredite unterschätzt, so führt die Verbriefung zu einem immer höheren Vernetzen der Intermediären, was bei einem negativen exogenen Schock zum Zusammenbruch des Schattenbankensystems führt. Das Modell begründet hier die Entwicklung einer stetigen Aufsicht und Regulierung des Schattenbankensektors. Dieser Aufgabe widmet sich Kapitel vier. Es stellt Anforderungen an eine zukünftige Überwachung und Regulierung des Systems vor. Eine Regulierungs-Matrix stellt den Problemen Lösungen gegenüber und erläutert sie. Dabei werden auf Vorschläge aus der Literatur zurückgegriffen sowie auf Maßnahmen von der Task-Force und der EU. Kapitel fünf fasst die Arbeit zusammen und gibt einen Ausblick auf künftige Entwicklungen.

2 Einführung in den Schattenbankensektor

2.1 Definition

Das erstmalige Verwenden des Begriffs der Schattenbanken geht auf den Ökonom und Investor Paul McCulley zurück. Dieser definiert das System der Schattenbanken als „the whole alphabet soup of levered up non-bank investment conduits, vehicles and structures'[10] Diese weit gefasste Definition involviert sämtliche Institutionen, die mit der Welt der strukturierten Finanzprodukte zu tun haben, darunter z.B. Zweckgesellschaften wie Special Purpose Vehicles (SPV).[11] Eine detailliertere Eingrenzung liefern Pozsar et al. (2010). Sie unterscheiden das Schattenbankensystem durch zwei grundlegende Merkmale. Zum Einen stehen Schattenbanken keine Staatsgarantien zur Verfügung, noch haben sie Zugang zu öffentlichen Sicherheitsleistungen in Form von Zentralbankgeld oder Staatsgarantien. Zum Anderen sind hauptsächlichjene Institutionen betroffen, die Liquiditäts-, Fristen- und Kredittransformation betreiben. [12] An dieser Definition knüpfen auch das FSB sowie die EU an: „[The shadow banking system is] a system of credit intermediation that involves entities and activities outside the regular banking system, and raises i) systemic risk concerns, in particular by maturity/liquidity transformation, leverage and flawed credit risk transfer, and/or ii) regulatory arbitrage concerns.[13] ” Ein wichtiger Aspekt dieser Defintion liegt darin, dass Schattenbanken abseits des regulären Bankensystems in einem Umfeld ohne oder nur mit wenigen Regularien agieren. Gleichzeitig betont wird der Aspekt des Leverage. Schattenbanken bauen durch die geringe Regulierung einen hohen Fremdkapitalanteil auf und sind dadurch besonders anfällig für negative exogene Schocks. [14]

Institutionen, die unter diese Definition und die von Potzar et al. (2010) fallen, sind demnach alle Zweckgesellschaften, wie Special Purpose Vehicles (SPV[15] ) oder Asset Backed Commercial Paper Conduits (ABCP), Geldmarkt-, Pensions-, Renten- und Hedgefonds sowie Broker-Dealer, Finanzierungsgesellschaften und Wertpapierhäuser, aber auch Versicherer und Rückversicherer. Neben den Transformationsarten ist ein weiteres Merkmal der Schattenbanken deren Finanzierung. Diese erfolgt mittels Wertpapierleih- und Repogeschäften.[16]

2.2 Entwicklung des Schattenbankensystems

Bevor die ersten strukturierten Finanzprodukte die Kapitalmärkte erreichten, zeichnete sich das traditionelle Bankensystem durch eine „originate-to-hold“-Struktur aus.[17] Dabei vertrauten Haushalte ihre Gelder in Form von Depositen solchen Finanzinstituten an, die diese Mittel zur Kreditvergabe an andere Haushalte oder Unternehmen verwendeten.[18] Die ausgegebenen Kredite verblieben dabei als Investment in den Bilanzen der Finanzinstitute. Die Hauptaufgabe der Bank bestand darin, kostengünstig Informationsasymmetrien zwischen Kreditgeber und -nehmer zu reduzieren, um dadurch Marktteilnehmer anzuziehen, die bereit waren, Kredite zu vergeben. Gleichzeitig wurde eine Laufzeittransformation durchgeführt. Während Kreditgeber eine kurze Laufzeit der Kredite bevorzugen, präferieren Kreditnehmer eine längerfristige. Das ist jedoch nur durch eine Vielzahl an Marktteilnehmern möglich, die gleichzeitig ihre Gelder in der Bank einlegen und unterschiedliche Präferenzen im Halten von liquiden Mitteln haben. Dies aber macht eine Bank anfällig für einen sogenannten „Bank Run“. Fordern alle Einleger z.B. aufgrund einer schlechten Nachricht ihr Geld zum gleichen Zeitpunkt zurück, so ist die jeweilige Bank zur Liquidierung ihrer Aktiva gezwungen, um die Nachfrage zu bedienen.[19] Aus diesem Grund wurden schon frühzeitig staatliche Versicherungsleistungen eingerichtet, um den massenhaften Einlagenabzug auf Seiten der Investoren zu vermeiden. [20]

Mit Einführen des ersten Basler Accords (Basel I) wurde eine verstärkte Veränderung in Richtung der Verbriefung, d.h der Auslagerung und dem Weiterverkauf von Kreditforderungen beobachtet. Die neuen Eigenkapitalregelungen - als eine Antwort auf die Finanzkrisen in Lateinamerika - forderten von den Banken bei der Vergabe von Krediten einen bestimmten Kapitalanteil als Rücklage zu bilden.[21] Ein zeitgleich verstärkter Wettbewerb durch Geldmarktfonds und innovative Finanzprodukte, die neue Anlagemöglichkeiten boten, führten bei traditionellen Banken zu rückläufigen Gewinnen.[22] Als Reaktion darauf wurde das traditionelle „originate-to-hold“-Modell nunmehr durch das neue „originate-to-distribute“-Modell abgelöst. Dabei verbleibt die Kreditforderung, wie bei dem traditionellen System, nicht in der Bilanz der Bank, sondern wird mit Hilfe von Zweckgesellschaften gebündelt und im Kapital- und Geldmarkt weiterverkauft. Bei der Verbriefung werden dafür zunächst Aktiva (wie Anleihen, Hypotheken oder Kredite) gebündelt und anschließend in Form einer Kapitalstruktur, sog. Tranchen, gegen diese Aktiva ausgegeben. Die Tranchen werden durch eine unterschiedliche Risikostruktur und einer dementsprechenden Auszahlung gekennzeichnet.[23] Ein Resultat der Verbriefung: die ausgegebenen Tranchen erhalten ein besseres Rating als die durchschnittlich zugrundeliegenden Aktiva. [24] Dieser Prozess der Verbriefung beinhaltet je nach Qualität des Kredites mehrere Schritte.[25] Endprodukte dieser Verbriefung sind beispielsweise Mortgage Backed Securities (MBS), Asset-Backed Securities (ABS) oder Collateralized Debt Obligations (CDO), die erneut verbriefte ABS darstellen.[26] Neben traditionellen Banken wurden nun auch vermehrt Kredite von neuen Institutionen wie Finanzierungsgesellschaften (Beispielsweise Capital One oder New Century) und Broker-Dealern, wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley, ausgegeben. [27] Diese finanzieren sich jedoch nicht direkt über die Einlagen von Investoren, sondern z. B. mithilfe von Geldmarktfonds kurzfristig über Repotransaktionen.

Geldmarktfonds bieten, wie traditionelle Banken, dem Depositar jederzeit die Möglichkeit, seine eingelegten Mittel wieder abzuziehen.[28] Darüber hinaus verfolgen sie das Prinzip eines stabilen Nettoinventarwertes (NAV [29] ). Dies bedeutet, dass der Fondsmanager stets versucht, den Wert jedes ausstehenden Anteils des Fonds bei konstant 1$ zu halten.[30] Das Bewerten der Anteile erfolgt dabei oftmals mittels Restbuchwertmethode.[31]

Repotransaktionen sind vergleichbar mit einer kurzfristigen Einlage. Während Einlagen bei traditionellen Banken durch staatliche Garantien abgesichert sind, erhält der Investor im Rahmen eines Repogeschäfts garantierte Sicherheiten (sog. Collaterals) von der Bank.[32] Dabei verkauft die Bank die Sicherheit an den Investor mit der Verpflichtung, sie nach einem bestimmten Zeitraum zu einem vorher festgelegten Preis zurückzukaufen. Der Rückkaufpreis ist dabei höher als der ursprüngliche Kaufpreis des Investors und kann mit den Zinsen eines regulären Bankkontos verglichen werden. Um die Sicherheit dieser Transaktionen zu steigern, entspricht der ausgegebene Geldbetrag meist nicht dem aktuellen Nennwert der Sicherheit. Diese Differenz wird „Haircut“ genannt. Im Fall, dass die Bank zahlungsunfähig wird, hat der Investor das Recht, die gestellte Sicherheit zu liquidieren.[33]

Ein starkes Wirtschaftswachstum, eine lockere Geldpolitik seitens der US-Zentralbank und stetig ansteigende Häuserpreise verleiteten die Kreditintermediäre dazu, immer weiter Kredite auszugeben, auszulagern und zu verbriefen.[34] Das Volumen des Schattenbankensektors stieg 2007 in den USA auf ein Maximum von 22 Billionen USD, verglichen mit einem Wert von 14 Billionen USD für den traditionellen Bankensektor.[35] Auf internationaler Ebene verzeichnet das FSB einen Anstieg von 27 Billionen USD in 2002 auf 60 Billionen USD in 2007.[36] Dabei wurden zunehmend auch Kredite an Schuldner ohne entsprechende Bonität ausgegeben, sogenannte „ninja“-Kredite (no income, no job, no asset).[37]

Als Anfang 2007 erstmals die Qualität dieser Produkte in Frage gestellt wurde, zogen Investoren ihre Gelder aus Geldmarktfonds ab. Sie waren wiederum gezwungen ihre Aktiva zu liquidieren, um die Nachfrage zu bedienen. Der Abzug der Gelder und der dadurch ausgelöste Wertverlust von strukturierten Produkten führte zu erhöhten Haircuts bei Repotransaktionen. Das Schattenbankensystem stand einem Liquiditätsengpass gegenüber. Damit einhergehend konnten Marktteilnehmer durch die Komplexität der strukturierten Produkte nicht mehr die Solvenz ihrer Geschäftspartner beurteilen. Ein massives Vertrauensproblem entstand und Marktteilnehmer waren nicht mehr gewillt, sich gegenseitig Geld zu leihen. Als Folge brach der Interbankenmarkt vollständig zusammen. [38] Zentralbanken stellten daraufhin Liquidität zur Verfügung, um den Mittelabzug von Geldmarktfonds sowie negative Auswirkungen des Liquiditätsengpasses auf die reale Wirtschaft zu minimieren.[39] Das Schattenbankensystem reduzierte sich im Zuge der Finanzkrise um 4 Billionen USD, wuchs aber bis 2010 wieder auf einen Wert von 60 Billionen USD an.[40]

2.3 Vorteile und Risiken des Schattenbankensystems

Die Entwicklung des Schattenbankensystems wirft natürlich die Frage nach den Vor- und Nachteilen der Verbriefung auf. Damit stellt sich auch im Hinblick auf die folgende Regulierungsdebatte die Frage, welche Wechselwirkungen mit dem traditionellen Bankensystem bestehen und zweitens, wieso eine Krise im Schattenbankensektor auch dort zu Problemen führt. Einer der größten Vorteile der Verbriefung besteht darin, dass durch die Auslagerungen der Kredite aus den Bankbilanzen weniger durch Basel I und II vorgeschriebenes Kapital als Rücklage gehalten werden musste. Man spricht in diesem Kontext auch von einer Regulierungsarbitrage.[41] Durch das Auslagern der Kredite und die geringeren Kapitalanforderungen verfügen die Banken über mehr Mittel, die sie sodann für weitere Investitionen oder Kredite verwenden können. Dies stimuliert in Folge die Wirtschaft. Grundsätzlich besteht die Idee der Verbriefung darin, Kreditrisiken über den Markt zu streuen. Nebenher werden Investoren neue alternative Anlagemöglichkeiten geboten. Durch die Ausgabe der unterschiedlichen Tranchen kann jeder Investor entscheiden, welches Rendite-Risikoverhältnis er tragen kann und möchte.[42] Dadurch soll die Stabilität des gesamten Finanzsystems verbessert werden. So kann das Auslagern von risikobehafteten Aktiva z. B. dem „too-big-to-fail“-Problem entgegenwirken.[43] Auch bieten die ausgegebenen strukturierten Produkte oft höhere Renditen als vergleichbare ebenfalls Triple-A bewertete Staats- und Unternehmensanleihen. Diesen Vorteil nutzen vor allem Geldmarktfonds, die durch bestehende Regularien auf die Investition in Triple-A bewertete Produkte beschränkt sind.[44] Neben diesen Vorteilen birgt das Schattenbankensystem aber auch eine Reihe von Risiken. Eine große Gefahr geht von den einlagenähnlichen Finanzierungsstrukturen (bspw. Repotransaktionen) aus, über die sich eine Schattenbank hauptsächlich kurzfristig finanziert.[45] Repotransaktionen bieten den Nachteil, dass sie eine Prozyklizität des Fremdkapitals erwirken.[46] Dabei werden große Anteile an Fremdkapital akkumuliert, wenn die Preise der Aktiva stabil und die Haircuts gering sind. Auch kann die gestellte Sicherheit vom derzeitigen Inhaber für weitere Repotransaktionen erneut verpfändet werden.[47] Wird nun die Qualität der zugrundegelegten Aktiva in Frage gestellt, entsteht ein enormer Abbau an Fremdkapital. Die steigenden Haircuts können zu einer massenhaften Liquidierung („fire sales“) und dem Einbruch der Marktpreise für diese Aktiva führen. Man spricht hier auch von einem “Run“ auf die Repotransaktionen.[48] Diese Probleme wirken sich gleichzeitig auch auf den traditionellen Bankensektor aus. So investieren Banken in eine Vielzahl strukturierter Produkte. Zwar werden Kreditforderungen verbrieft, bleiben aber über die Investitionen der Banken weiterhin im regulären Bankensektor. Fallen nun die Preise der Aktiva, so hat das ebenfalls negative Folgen auf die Bilanzen der traditionellen Banken.[49]

Weiterhin stellen Banken für ihre Zweckgesellschaften sogenannte Reputationskredite bereit. Dabei garantiert die Bank im Falle von Liquiditätsengpässen finanzielle Mittel bereitzustellen und sichert so der Zweckgesellschaft ein besseres Rating. Es ist dabei wichtig, dass ein Reputationskredit nicht in das Rating der kreditgebenden Bank einfließt. Somit kann die Bank, ohne eine Verschlechterung ihres Ratings, der Zweckgesellschaft Liquidität garantieren.[50] Letztlich führt eine hohe Komplexität des Schattenbankensektors zu einer verringerten Transparenz. Dadurch sind potenzielle Risiken schwer zu überblicken und können, wenn sie plötzlich öffentlich werden, zu einer Panik bei Investoren führen, gleichgehend mit dem Abzug finanzieller Mittel.[51] Investoren verlassen sich deshalb oft auf die Bewertungen von Ratingagenturen. Diese stehen jedoch massiv einem Anreizproblem gegenüber, da sie von jenen Unternehmen bezahlt werden, für dessen Produkte sie ein Rating erstellen sollen.[52] Hinzu kommt, dass die getroffenen Annahmen in den verwandten Modellen häufig nicht akkurat die Realität abbilden und für Investoren nicht nachvollziehbar sind.[53] Eine künftige Regulierung muss daher auch die Verbesserung von Ratingmethoden verfolgen. Darüber hinaus fordern die engen Verbindungen zum regulären Bankensektor, der hohe Fremdkapitalanteil, die geringen Sicherheiten und die Komplexität des Schattenbankensektors, unter Berücksichtigung der Vorteile dieses Systems, eine adäquate Regulierung.

3 Die Modellierung des Schattenbankensystems

Um seine systemische Instabilität aufzuzeigen und die Notwendigkeit eines stetigen Überwachens und Regulierens zu begründen, soll eine Modellierung des Schattenbankensektors vorgenommen werden. Dafür wird auf den Ansatz von Gennaioli et al. (2011) zurückgegriffen. Die Komplexität des Modells erlaubt hier nur eine Abstraktion. Detaillierte Ausführungen und Herleitungen sind Gennaioli et al. (2011) zu entnehmen.

3.1 Modellstruktur

Das Modell besteht aus drei Zeitpunkten t = 0,1, 2 und zwei Marktteilnehmern: Investoren und Intermediäre. Die Investoren i sind unendlich risikoavers und erhalten in t = 0 eine Dotation in Höhe von w. Aufgrund ihrer Risikoaversität, bewerten sie ihre zukünftigen Konsumlevels und die Auszahlungen möglicher Projekte anhand ihres schlechtesten Umweltzustandes. Um zu sparen, kaufen Investoren finanzielle Ansprüche von einem der Intermediäre. Intermediäre sind risikoneutral und indifferent, ob sie in t = 0,1 oder 2 konsumieren. Auch sie bekommen eine Dotation in Höhe von wint <1 in t = 0, welche sie zusammen mit den aufgenommenen finanziellen Mitteln der Investoren zur Finanzierung von Projekten in t = 0 verwenden. Diese führen je nach ihrer Art zu unterschiedlichen Rückzahlungen in t = 2. Es gibt zwei Arten von Projekten: Projekt H ist risikolos und führt bei einer Investition von IHj für Intermediär j zu einer sicheren Rückzahlung von RIhj in t = 2. Projekt L ist risikoreich und führt bei einer Investition in Höhe von ILj für Intermediary zu einer Rückzahlung in Höhe von:

AIlj mit Wahrscheinlichkeit πω,

0 mit Wahrscheinlichkeit 1 — πω

mit πω und ω G Ω2. Dabei ist πω der Anteil an Investitionen, die in t = 2 im Umweltzustand ω zu einer Auszahlung führen. Ferner gibt es insgesamt drei Umweltzustände Ω2 = {g, d, r], wobei der Anteil an erfolgreichen Investments wie folgt verteilt ist: πβ > πά > nr. Zustand g („growth“) bezeichnet hierbei eine Wachstumsphase der Wirtschaft, in der eine Vielzahl von Investitionen erfolgreich sind. Analog bezeichnen d ("downturn") und r („recession“) Konstellationen, in denen ein geringerer Anteil an risikoreichen Projekten erfolgreich sind.

[...]


[1] Vgl. Pozsar (2008), S. 13, Deloitte(2012), S. 3.

[2] Vgl. Europäische Kommission (2012), S. 3-4, Deloitte (2012), S. 4-5.

[3] Vgl. Europäische Kommission (2012), S. 5.

[4] Vgl. FSB (2012), S. 1, ICMA (2012a), S. 11.

[5] Vgl. Europäische Kommission (2012), S. 2.

[6] Folgende Institutionen zählen zum Verbund der Task Force: Das FSB, die IOSCO und das BCBS. Vgl. hierzu FSB (2012), S. 3-6.

[7] Vgl. Europäische Kommission (2012), S. 3.

[8] Vgl. Europäische Kommission (2012), S. 8-11.

[9] Gennaioli et al. (2011) sprechen in diesem Zusammenhang vom sogenannten ,tail risk' oder auch extremes Risiko. Das Tail Risk bezeichnet eine Situation, in der die Ränder einer Standardnormalverteilung nicht flach, sondern dick sind. Dies führt zu einer Verzerrung bei der Bewertung von Risiken. Extremsituationen treten folglich häufiger auf als von der Normalverteilung prognostiziert. Vgl. hierzu Maisch (2007).

[10] McCulley (2007), S.2.

[11] Schwarcz (2012), S. 3.

[12] Vgl. Pozsar et al. (2010), Abstract.

[13] Deloitte (2012), S. 4; FSB (2011a), S. 3.

[14] Vgl. Europäische Kommission (2012), S. 6.

[15] Die Definition Special Purpose Vehicle (SPV), sowie Structured Investment Vehicle (SIV) werden des Weiteren reziprok verwendet, vgl. hierzu Gorton et al. (2010), S. 291.

[16] Vgl. Europäische Kommission (2012), S. 4, Pozsar et al. (2010), S. 11-12.

[17] Vgl. Pozsar (2008), S. 13.

[18] Vgl. Pozsar et al. (2010), S. 8, Noeth/Sengupta (2011), S. 8.

[19] Vgl. Noeth/Sengupta (2011), S. 8.

[20] Vgl. Noeth/Sengupta (2011), S. 9.

[21] Vgl. Pozsar (2008), S. 13.

[22] Vgl. Gorton (2009), S. 23.

[23] Vgl. Noeth/Sengupta (2011), S. 10-12.

[24] Vgl. Coval et al. (2009), S. 1.

[25] Vgl. Pozsar et al. (2010), S. 11-12.

[26] Dabei hängt der Typus des strukturierten Finanzproduktes von den zugrundeliegenden Aktiva ab. Vergleiche hierzu Pozsar (2008), S. 22-25. Auf den Prozess der Verbriefung soll im Folgenden nicht weiter eingegangen werden. Eine detaillierte Erläuterung liefert in diesem Zusammenhang Noeth/Sengupta (2011) oder Pozsar et al. (2010). Eine Einführung mit Bezug auf das Rating von strukturierten Produkten bieten Coval et al. (2009).

[27] Vgl. Pozsar (2008), S. 22; Pozsar et al. (2010), S. 11.

[28] Vgl. IOSCO (2012), S. 10.

[29] NAV steht für das engl. Wort „Net Asset Value".

[30] Vgl. Beike/Schlütz (2010), S. 766-767.

[31] Vgl. IOSCO (2012), S. 10. Die „Restbuchwertmethode" oder auch „Methode der fortgeführten Anschaffungskosten" bewertet die Positionen in einer Bilanz durch seine Anschaffungskosten abzgl. der vorgenommenen Abschreibungen; vgl. hierzu Wirtschaftslexikon (2012).

[32] Beispiele für Sicherheiten sind ABS, MBS, CDO oder ABCP. Vgl. hierzu Pozsar (2008), S. 18, 22-25; Poschmann (2012), S. 15.

[33] Vgl. Noeth/Sengupta (2011), S. 10; Gorton/Metrick (2010), S. 2-3; Gorton et al. (2010), S. 276-277.

[34] Vgl. Brunnermeier (2009), S. 77, 82.

[35] Vgl. Pozsar et al. (2012), S. 7-9; Dabei beinhalten die Daten für den Schattenbankensektor alle Verbindlichkeiten, die mit der Verbriefung zusammenhängen sowie alle Geldmarkttransaktionen. Gem. Pozsar et al. (2012) ist diese Messung der Daten anhand der „Flow-of-Funds" Methode nicht fehlerfrei, da nicht alle Transaktionen des Schattenbankensektors erfasst werden. Gleichzeitig stellen die angegebenen Daten nicht das Volumen der bereitgestellten Kredite, sondern eher die Anzahl an Wertpapieren, die sich im Schattenbankensystem befinden, dar.

[36] Vgl. FSB (2011b), S. 8; Daten beinhalten die aggregierten Kapitalflüsse aus Australien, Kanada, Japan, Korea, Großbritannien, die USA sowie der Eurozone. Messung der Daten, auf Basis der „Flow of Funds" Methode.

[37] Vgl. Brunnermeier (2009), S. 77, 82, Dullien et al. (2010), S. 75.

[38] Vgl. Dullien et al. (2010), S. 76.

[39] Vgl. Noeth/Sengupta (2011), S. 11-13, Pozsar (2008), S. 22-25.

[40] Vgl. FSB (2011b), S. 8.

[41] Vgl. Coval et al. (2009), S. 22; Europäische Kommission (2012), S. 6.

[42] Vgl. Schwarcz (2012), S. 12; Brunnermeier (2009), S. 80.

[43] Vgl. ICMA (2012a), S. 11.

[44] Vgl. Brunnermeier(2009), S. 80.

[45] Vgl. ICMA (2012a), S. 12.

[46] Adrian/Shin (2010) erläutern den Zusammenhang zwischen steigenden Aktivapreisen und der dadurch resultierenden Aufnahme von mehr Fremdkapital, was zu prozyklischem Leverage führt.

[47] Vgl. Brunnermeier (2009), S. 79-80; ICMA (2012a), S. 10; Gorton et al. (2010), S. 277.

[48] Vgl. ICMA (2012a), S. 10, Vgl. Gorton/Metrick (2010), S. 1, 4-5.

[49] Vgl. FSB (2011a), S. 4.

[50] Vgl. Brunnermeier (2009), S. 80-81.

[51] Vgl. ICMA (2012a), S. 9.

[52] Vgl. Dullien et al. (2010), S. 76.

[53] Vgl. Coval et al. (2009), S. 19-21.

Details

Seiten
42
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656292302
ISBN (Buch)
9783656293514
Dateigröße
655 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199188
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,3
Schlagworte
Banken Schattenbanken Regulierung Originate-to-hold Originate-to-distribute Dodd-Frank-Act Verbriefung Strukturierte Finanzprodukte CDO ABS Zweckgesellschaften Geldmarktfonds MMMF Repogeschäfte Europäische Aufsichtsbehörde Kapitalpuffer Basel I Basel II Asset Backed Security Collateralized Debt Obligation

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