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Die Priorität der Form im Buch Z der Metaphysik des Aristoteles

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 16 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Verwendung von εί̃δος im griechischen Text

3. Der Begriff des εί̃δος
3.1 Das εί̃δος als Art
3.2 Das εί̃δος als Art-Form
3.3 Das εί̃δος im Bezug zum Werden

4. Die Form-Materie-Unterscheidung
4.1 Die Priorität der Form

5. Die Kritik des Aristoteles an der Ideenlehre des Platons

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Neben Sokrates und Platon war Aristoteles einer der bedeutendsten Naturforscher und Philosoph in der Antike. Der gebürtige Grieche nahm großen Einfluss auf das Denken dieser Zeit und seine Philosophie hat auch in der Nachwelt an Bedeutung nichts verloren. Besonders der von ihm eingeführte Dualismus von Form und Stoff erregte große Beachtung, da er damit die von Platon vorgenommene Trennung von Idee und realen Gegenstand überwinden wollte. In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich mich daher mit dem Formbegriff in der Metaphysik des Aristoteles beschäftigen.

Die Metaphysik (Μετὰ τὰ φυσικά) bezeichnet im Ursprung eine Sammlung aus mehreren Teilstücken und wurden wahrscheinlich von dem Peripatetiker Andronikos von Rhodos editiert. Man nimmt an, dass der Aristoteles Schüler die zum Teil unabhängigen Schriften in 14 Büchern zusammengefasst hat und der Titel benennt nur ihre Position zur Naturwissenschaft: Die Bücher, die der Physik nachgeordnet sind. Aufgrund dieser Zusammenfassung haben die Texte zum Teil einen sehr differenzierten Charakter, dennoch verbindet sie ein gemeinsames Thema: Die Untersuchung des Seienden als Seiendes in einer ersten Philosophie[1]. Die Bücher А bis Ε sind eine Art Einleitung und dienen demnach zur Heranführung an das Thema. Den ersten Hauptteil bilden die so genannten Substanzbücher Z bis Θ. Das Buch I kann als eine Vertiefung der Ontologie betrachtet werden und das ihm folgende elfte Buch K nimmt in der Gliederung eine Art Sonderstellung ein, da es in gekürzter Form bereits Gesagtes und teils auch erst Folgendes thematisiert. Ein zweites Hauptstück ist das Buch Λ, hier entwirft Aristoteles eine Kosmologie und natürliche Theologie. Die beiden letzten Bücher M und N können als Vertiefung des Gesamtthemas verstanden werden[2].

In meiner Hausarbeit werde ich mich vor allem auf das 7. Buch Z beziehen. Es führt am Anfang die Substanz als „erstes Seiendes“ ein, welche „abgetrennt“ und „an sich“ existiert. Aristoteles will den Begriff der ousia (οὺσία)[3] bestimmen und feststellen, was das Wesen/ die Substanz eines Einzeldinges ist und er kommt zu der Feststellung, dass sich ein Konkretum aus Stoff (Materie ΰλη) und Form (εί̃δος) zusammensetzt. Das von Aristoteles gebildete Kunstwort „Was-es-ist-dies-zu-sein“ macht das Wesen eines Dinges aus und nach Z 3 bleibt allein die Form übrig, da der Stoff das Wesenkriterium[4] der Abgetrenntheit nicht erfüllt.

Erst die Form gibt dem Stoff seine Bestimmtheit. Die Form ist demzufolge das, was das Wesen eines Dinges ausmacht, das Ding an sich bzw. seine Was-Bestimmtheit. Dabei muss betont werden, „daß Aristoteles die Form nicht in der heute üblichen Weise zum Inhalt in Beziehung setzt. Form ist für Aristoteles keineswegs nur äußere Gestalt noch gar die Verpackung eines Dinges, die für diese zwar nicht bedeutungslos, aber doch unwesentlich ist.“ (Seidel 1984: 38)

Aristoteles verstand die Form eher in einem künstlerischen Aspekt, daher benutzte er vermehrt Beispiele aus diesem Bereich. Das Material einer Statue ist zwar nicht unwichtig, aber erst durch die Form erhält das Werk sein Dasein und seinen ideellen Reichtum. „Im Kunstwerk ist die Form niemals etwas, was gegenüber dem Inhalt unwesentlich ist, sondern gerade das, was das Wesen in Erscheinung bringt.“ (Seidel 1984: 38)

Und gerade mit dieser Thematik werde ich mich in der vorliegenden Hausarbeit auseinandersetzen. Dabei werde ich zu Beginn den griechischen Text auf die Verwendung von εί̃δος untersuchen und den Aristotelischen Wortgebrauch näher bestimmen, da εί̃δος mehrer Übersetzungsmöglichkeiten bietet. Aus dieser Verwendungsvielfalt ergibt sich auch der zweite Untersuchungspunkt, denn Aristoteles verwendet εί̃δος in verschieden Zusammenhängen und Bedeutungen. In seiner Naturphilosophie beispielsweise gebraucht er εί̃δος im Sinne von Art, im Gegensatz dazu kann man εί̃δος aber auch als Formursache verstehen. Der eigentliche Blickpunkt der Arbeit liegt auf der Beziehung von Form und Materie. Hier soll deutlich werden, warum die Form im Bezug auf den Wesensaspekt eine Priorität vor der Materie genießt. Die Fragestellung lautet dabei: Warum ist die Form mehr ousia als die Materie? Denn Abschluss bildet dann eine kurze zusammengefasste Gegenüberstellung der Meinung von Aristoteles und Platon zu diesem Thema. Der Schwerpunkt ist dabei die unterschiedliche Auffassung und Nutzung von εί̃δος.

2. Die Verwendung von εί̃δος im griechischen Text

Schaut man im Wörterbuch von Gemoll unter εί̃δος nach, finden sich verschiedene Übersetzungsvarianten:

1. Äußeres, Aussehen, Gestalt, Form

2. a) Urbild, Idee, Begriff

b) Art (einer Gattung, eines Verfahren, Beschaffenheit, Zustand)

Da sich das Wort von ὶδεϊν (sehen) ableitet, zielt es ursprünglich auf die sichtbare Gestalt von Dingen. Als erste Bedeutungsebene findet sich dementsprechend die empirische Wahrnehmung: ihre Abgetrenntheit.

In der Metaphysik findet sich das Wort εί̃δος erstmalig im Buch A (983b, 19) und kann unterschiedlich übersetzt werden. Bonitz übersetzt εί̃δος an dieser Stelle mit „Art“, Schwarz dagegen mit „Form“[5]. Geht man vom allgemeinen Wortverständnis aus, versteht man unter „Art“ die Beschaffenheit und unter „Form“ die äußere Erscheinung. An der genannten Stelle scheinen mir aber beide Varianten als möglich.

Schon die erste Stelle, an der εί̃δος auftritt, zeigt aber auch, dass man zwischen Art und Form im Wortsinn unterscheiden muss. Auf diese Differenzierung werde ich aber im Besonderen in Punkt 3.1 und 3.2 eingehen.

Im Buch Z2 verwendet Aristoteles εί̃δος erstmalig als Nominativ Plural εί̃δη (1028b, 20). Schwarz bleibt der Übersetzung mit „Formen“ treu, im Gegensatz dazu übersetzt Bonitz mit „Ideen“. Da εί̃δος hier im Zusammenhang mit Platon erwähnt wird, würde ich eher der Meinung von Bonitz zustimmen. Aber auf den Wortgebrauch von εί̃δος bei Platon werde ich, wie bereits weiter oben angeführt, am Ende dieser Hausarbeit noch mal gesondert eingehen.

Sucht man im Text[6] nach weiteren Stellen wo εί̃δος erscheint bzw. der Übersetzer mit Form oder Art dolmetscht, zeigen sich noch andere Möglichkeiten. In der Deutung von εί̃δος bleibt nur Schwarz der Übersetzung mit „Form“ treu, Bonitz dagegen nutzt verschiedene Interpretationen[7]:

- Form (z. B. 1029a, 6)
- Idee (z. B. 1028b, 20)
- Art (z. B. 1038a, 7)
- Art-Form (z. B. 1036a, 28f).

Als Beispiel möchte ich die Stelle in 1033b, 27 anführen. Bonitz gibt den Genitiv Singular εί̃δει mit „der Art nach“ wieder. Bei diesem Gebrauch wird die Bestimmung im Sinn einer Beschaffenheit und Zugehörigkeit zu etwas anderem ersichtlich. Es steht nicht mehr die äußere Wahrnehmung im Vordergrund, sondern auch andere Merkmale, die die Dinge einer Gattung bestimmen. Schwarz dagegen übersetzt den Genitiv Singular an der genannten Stelle mit „der Form nach“ und drückt damit eine Gleichheit im der empirischen Wahrnehmung aus.

[...]


[1] Den Begriff der ersten Philosophie (πρώτη φιλοσοφία) führt Aristoteles selbst ein, indem er den Gegenstand seiner Wissenschaft so bezeichnet. Sie befasst sich mit „den Ursachen und Prinzipien, vom Seienden, insofern es ein Seiendes ist, und vom unbewegten Beweger, der Gottheit […].“ (Schwarz in: Aristoteles 1991: 12)

[2] Vgl. Wikipedia: „Metaphysik“. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Metaphysik_(Aristoteles) [Stand 09. Juli 2008]

[3] Das griechische Wort οὺσία kann sowohl mit Wesen als auch mit Substanz übersetzt werden. In vielen Übersetzungen werden diese Worte auch synonym verwendet.

[4] Die vier Wesenskriterien nennt Aristoteles zu Beginn des 3. Kapitels von Buch Z (siehe auch Punkt 4.1).

[5] Ich verwende für diese Hausarbeit zwei Übersetzungen. Einmal die von Schwarz (Reclamausgabe) und die von Bonitz (Meier).

In der Übersetzung von Bonitz gibt dieser das Wort „Form“ zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem Substantiv „Stoff“ wieder (988a, 3).

[6] Da ich mich besonders mit dem siebenten Buch der Metaphysik beschäftigen möchte, werde ich im Folgenden nur auf den Gebrauch von εί̃δος in dieser Teilschrift eingehen.

[7] Die in der Literatur gebräuchliche Spaltübersetzung von εί̃δος teils mit „Art“, teils mit „Form“ betrachtet Schmitz als „grob irreführend. […] Die Einheit von Art und Form im konkreten Allgemeinen ist das fruchtbringende gewandelte Erbe der platonischen Idee im Denken des Aristoteles. […] Andererseits ist die spätere Aufsprengung des Eidos in forma und species oft schon so deutlich vorgezeichnet, daß der Übersetzer nicht darum herumkommt, von Art und Form zu sprechen; in der Topik ist das εί̃δος bloß die Art. Ich habe aber auch dann, wenn es ging, die Bedeutungseinheit durch die Rede von Formidee und Artidee festzuhalten gesucht.“ (Schmitz 1985: 7)

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656255284
ISBN (Buch)
9783656255833
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199037
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Philosophie
Note
2
Schlagworte
priorität form buch metaphysik aristoteles

Autor

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Titel: Die Priorität der Form im Buch Z der Metaphysik des Aristoteles