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Das Mitleid als Grundlage der Moral in Arthur Schopenhauers "Über die Grundlage der Moral"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 15 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Mitleid als Triebfeder
2.1 Der Egoismus als Triebfeder
2.2. Die Herausbildung des Mitleids
2.2.1 Die drei Grund-Triebfedern
2.3 Gerechtigkeit und Menschenliebe als Tugenden
Exkurs: Menschenliebe als weibliche Tugend

3. Mitleid – Ein angeborenes oder ein erworbenes Gefühl?

4. Mitleid – Teilnahme am Gefühl oder Teilen des Gefühls?
4.1 Die Identitätstheorie

5. Schelers Kritik an Schopenhauer

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In allen Zeiten haben die Menschen nach der Grundlage der Moral gesucht. Man fragte sich: Warum handelt der Mensch gut? Waren es bei Aristoteles die Tugenden, die den Menschen zum richtigen Handeln führte, so setzt Kant die Vernunft und Pflicht als Begründung an. Arthur Schopenhauer legte seine Ethik auf der Empirie dar und setzte sich über Kants Utilitarismus hinweg. Nicht der Begriff des Sollens kann das Fundament der Ethik bilden, sondern ihr Zweck liegt im Deuten, Erklären und Zurückführen von Handlungen – folglich in der Welt der Erfahrungen. Er will nur vom Menschen selbst und dessen wirklichen Tun ausgehen, gerade darin sieht Schopenhauer den Sinn der Philosophie: Sie soll am Gegebenen ihren Ausgangspunkt nehmen und sich von dort aus ihren Ziel nähern, welches darin liegt, das Wesen der Welt zu erforschen. Da die Philosophie sich aber nur auf das “Vorhandene“ beziehen kann, darf sie nicht vorschreiben. Sie kann nur betrachten und dementsprechend beschreiben. So muss Ethik nicht richtig sondern wahr sein[1].

In seine Erfahrung nimmt Schopenhauer die Welt vor allem als leidend wahr und das soll nach seiner Annahme nicht sein. Dies bringt ihn zu der Überzeugung: Menschsein heißt anderen zu helfen.

„ Wenn nicht der nächste und unmittelbare Zweck unsers Lebens das Leiden ist; so ist unser Daseyn das Zweckwidrigste auf der Welt. Denn es ist absurd, anzunehmen, daß der endlose, aus der dem Leben wesentlichen Noth entspringende Schmerz, davon die Welt überall voll ist, zwecklos und rein zufällig seyn sollte.“ (Schopenhauer 1977, I. Teilband: 316)

Dieser Pessimismus spielt eine große Rolle in der Ethik Schopenhauers. Die Mitleidsmoral und der sich daraus entwickelnde Grundsatz neminem laede, immo omnes, quantum potes, iuva bilden die Basis. Durch das Mitleid erkennt der Mensch die Identität aller Leidenden. Als einziges echt sittliches Motiv entspringt aus diesem Affekt alle freie Gerechtigkeit und Menschenliebe.

Schopenhauers Mitleidstheorie besagt aber auch, dass jeder egoistisch handelt um seiner eigenen Vorteile willen. Das zeigt sich besonders im Willen zum Leben. Im Gegensatz zu Kant wird die moralische Handlung daher nicht um ihrer selbst vollzogen, sondern die Intensivität des Egoismus liegt ihr zugrunde. Für Schopenhauer liegt das Motiv für eine Handlung im menschlichen Charakter und dementsprechend hat es für ihn keinen Sinn, überhaupt ethische Gesetze aufzustellen.

Der Charakter ist das Produkt von drei Triebfedern, die in einem bestimmten Verhältnis zueinander liegen:

1. Egoismus (will das eigene Wohl - antimoralische Triebfeder)
2. Bosheit (will das fremde Leid - antimoralische Triebfeder)
3. Mitleid (will das fremde Wohl - moralische Triebfeder)

Alle möglichen Handlungsmotive und menschlichen Handlungen führt Schopenhauer darauf zurück. Mit der Triebfeder, die der antimoralischen Triebfeder entgegen wirkt, will ich mich in dieser Hausarbeit näher auseinandersetzen: Dem Mitleid. Es bildet für Schopenhauer die Grundlage der Moral.

Als Basis für das Herausarbeiten von Schopenhauers Ansicht dient mir sein Buch „Über die Grundlagen der Moral“ (1841). Diese akademische Preisschrift lässt sich in zwei Teile untergliedern, wobei sich Teil I mit der Kritik Schopenhauers an Kants Aussagen zur praktischen Vernunft und zu seinem kategorischen Imperativ befasst[2]. In Teil II begründet der Autor seine Ethik und ermittelt die empirischen Triebfedern, welche das Fundament der Ethik bilden. Aus diesem Grund werde ich mich in der vorliegenden Hausarbeit besonders auf Teil II beziehen.

In meiner Ausarbeitung möchte ich mich zu Beginn mit der Entstehung des Mitleides befassen, darauf folgt die Frage, ob es sich um ein angeborenes oder um ein erlerntes Gefühl handelt. Besonderen Raum wird die Fragestellung einnehmen, ob es sich beim Mitgefühl im Sinne Schopenhauers eher um eine Teilnahme am Gefühl des Anderen handelt oder doch vielmehr um das direkte Teiles des leidenden Gefühls. In diesem Punkt werde ich mich ebenfalls mit Schopenhauers Identifikationsbegriff auseinander setzen. Zum Abschluss werde ich eine kritische Stellungsnahme von Max Scheler in dessen Buch „Wesen und Formen der Sympathie“ miteinbeziehen.

2. Mitleid als Triebfeder

Schopenhauer beginnt §. 12. im III. Kapitel des Buches „Über die Grundlagen der Moral“ mit der Aussage, dass künstliche Begriffskombinationen nicht „den wahren Antrieb zur Gerechtigkeit und Menschenliebe enthalten“ (Schopenhauer 2007: 83). Diese Kritik soll verdeutlichen, dass die Ethik einen deskriptiven und nicht präskriptiven Charakter besitzt. Ethische Handlungen sollen unabhängig von der Verstandsbildung sein und leicht verständlich. Hier zeigt sich wieder ein Vorteil in der empirischen Begründung, da sie für jeden, ohne Einsatz der Vernunft, einfach wahrnehmbar ist. Ihr Fundament kann nur die allgemeine Wahrnehmung und die Realität sein. Nur so kann sie wirklich nützlich sein und bleibt nicht nur Theorie.

Im allgemeinen Wortgebrauch versteht man unter dem Begriff Mitleid ein instinktives Miterleiden des Schmerzes und des Leides eines anderen Mensches. Es ist damit ein Gefühl, welches auf den Mitmenschen gerichtet ist und von dessen Leid inspiriert wird, mit dem Ziel zu helfen. Für Schopenhauer, der sich stark am Buddhismus orientiert[3], ist das Mitleid dem Gesamterleben gleichgesetzt, weil Leiden zur Grundsubstanz des Wirklichen gehört[4].

2.1 Der Egoismus als Grundtriebfeder

Im Egoismus sieht Schopenhauer die Haupt- und Grundtriebfeder von Mensch und Tier. Äußern tut sie sich vor allem im „Drang zum Daseyn und Wohlseyn“ (Schopenhauer 2007: 94). Der Mensch besitzt einen starken Willen zum Leben und ordnet diesem alles unter, daher entspringen aller Handlungen aus dem Egoismus. Diese primäre Triebfeder ist allein auf das eigene Wohl ausgerichtet und damit antimoralisch. Das Individuum nimmt nur sich selber wirklich wahr und sieht in den anderen Lebewesen bloße Erscheinungen. Würde dem Egoismus nichts entgegenstehen, lebte der Mensch in der Situation des bellum omnium contra omnes. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass dem Egoismus als Ursprung aller gewöhnlichen nichtmoralischen Handlungen eine sittliche Triebfeder entgegensteht, denn der Mensch erfährt auch Menschenliebe und freiwillige Gerechtigkeit. Aus dieser Sicht kann aber auch abgeleitet werden, dass weder der Verstand noch die Vernunft dem Menschen sittliche Qualifikationen verleihen.[5]

Im principium individuationis zeigt sich der Egoismus, denn als solches nimmt sich der Mensch wahr. Das egoistische Individuum grenzt sich nicht nur räumlich und zeitlich ab, es schreibt seinem Gegenüber auch ein anderes Wesen zu. Durch diese getrennte Wahrnehmung kommt es, dass ein Individuum dem anderen Leid zufügt. Egoismus ist demnach das Verbleiben im Individualprinzip. Erst durch das Mitleid Durchbricht der Mensch “den Schleier der Maya“ und erkennt in seinen Gegenüber sich selbst[6]. Als Zwischenstufe zu dieser Erkenntnis dienen die Tugenden der Menschenliebe und der freiwilligen Gerechtigkeit.

2.2. Die Herausbildung des Mitleids

In der Gerechtigkeit sieht Schopenhauer den Antagonisten des Egoismus, wobei die Menschenliebe dem Übelwollen bzw. der Gehässigkeit opponiert. Diese beiden Wesenszüge stellen die eigentlichen Kardinaltugenden dar, wobei die Menschen-liebe die freiwillige Gerechtigkeit übersteigt, da sie dem Mitleid in Bezug auf das Wohlwollen des anderen näher gestellt ist[7].

Da Schopenhauer seine Ethik empirisch begründen will, stellt er sich in §. 15.[8] die Frage, ob Handlungen aus Menschenliebe und freiwilliger Gerechtigkeit in der Erfahrung vorkommen. Hier sieht er aber das Problem, dass sich in der Wahrnehmung nur die Tat erkennen lässt, das Motiv aber bleibt im Verborgenen. Schopenhauer geht nun davon aus, dass jeder die Erfahrung gemacht hat, dass es Personen gibt, die wahrhaft ehrlich sind. Ihr Antrieb zur Handlung ist der Grundsatz, „dem Anderen sein Recht widerfahren zu lassen“ (Schopenhauer 2007: 101). Allein Handlungen dieser Art besitzen einen eigentlichen moralischen Wert und definieren sich durch die Abwesenheit von aller egoistischen Motivation. Hier stellt sich nun aber die Frage nach dem Beweggrund für solche Handlungen.

[...]


[1] Vgl. Röhr, Mitleid und Einsicht, S. 163f, 166

[2] Wie oben bereits kurz erwähnt, kritisiert Schopenhauer Kants präskriptive Ethik, da ein Sollen und die daraus resultierende Pflicht nicht die Basis einer Ethik sein kann. Schopenhauer begnügt sich mit der Darstellung von dem, was ist und möchte sich nicht anmaßen zu fordern, was sein soll.

[3] Dies zeigt sich insbesondere in dem von Schopenhauer oft verwendeten buddhistischen Grundsatz tat twam asi. Der Buddhismus geht davon aus, dass alle Existenz leidvoll ist und nur durch Erreichen des Nirwanas überwunden werden kann.

[4] Vgl. Artikel „Mitleid“ in: Philosophisches Wörterbuch, S. 485

[5] Vgl. Weiper, Triebfeder und höchstes Gut, S. 122f

[6] Auf diese Thematik werde ich in Punkt 4 noch genauer eingehen.

[7] Vgl. Malter, Der eine Gedanke, S. 91

[8] Allen nicht genauer benannten Angaben zu Kapiteln und Paragraphen beziehen sich auf Schopenhauers Buch „Über die Grundlagen der Moral“.

Details

Seiten
15
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656255291
ISBN (Buch)
9783656255901
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199034
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Philosophie
Note
2
Schlagworte
mitleid grundlage moral arthur schopenhauers über

Autor

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