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Erinnerung an traumatische Ereignisse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 17 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Pie Erinnerung an traumatische Ereignisse

1 Definition

2 Theorien

3 Empirie
3.1 Studie von Porter und Birt - „Is traumatic memory special? A comparison of traumatic memory characteristics with memory for other emotional life experiences” (2000!
3.2 Studie von Schelach und Nachson - „Memory of Auschwitz Survivors“ (2001)
3.3 Studie von Wagenaar und Groeneweg - „The Memory of Concentration Camp Survivors“ (1990)

4 Implikationen für die Praxis

Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Anhand von drei empirischen Studien, davon zwei über die Erinnerung von Konzentrationslagerüberlebenden, soll die Erinnerung an traumatische Ereignisse untersucht werden. Sie versuchen Aufschluss zu geben, ob diese Erfahrungen besser oder schlechter als andere emotionale Ereignisse erinnert werden. Ob wir ein besseres Gedächtnis aufweisen, wenn es sich um Alltagsgeschehnisse oder um einmalig auftretende Events dreht und ob es bei so emotional hoch bedeutsamen Erinnerungen auch zu Vergessen kommt oder ob uns diese Gedächtnisinhalte wirklich für immer erhalten bleiben. Insgesamt zeigen die Studien, eine Tendenz zum besseren Erinnern bei traumatischen Ereignissen, auch wenn manche Dinge vergessen werden. Hinsichtlich der Differenzierung - Routine oder einmalige Begebenheiten - konnten keine Unterschiede in der Erinnerungsleistung gefunden werden. Abschließend sollen noch einige Hinweise für den Umgang mit Betroffenen in der Praxis gegeben werden, wobei sich hier die Schreibtherapie als das Mittel der Wahl herauskristallisiert hat.

Die Erinnerung an traumatische Ereignisse

Traumatische Ereignisse können sehr vielfältig sein, wie z.B. „Erleben von körperlicher und sexualisierter Gewalt, auch in der Kindheit (so genannter sexueller Missbrauch), Vergewaltigung, gewalttätige Angriffe auf die eigene Person, Entführung, Geiselnahme, Terroranschlag, Krieg, Kriegsgefangenschaft, politische Haft, Folterung, Gefangenschaft in einem Konzentrationslager, Natur- oder durch Menschen verursachte Katastrophen, Unfälle oder die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit“ (ICD-10).

Zeuge eines solchen Geschehnisses zu werden bedeutet in der Vorstellung vieler Leute diese schrecklichen Erinnerungen daran ein Leben lang mit sich herumtragen zu müssen, durch den kleinsten Hinweis im Alltag die schrecklichen Bilder in den Kopf zurückkehren zu lassen oder von diesen belastenden Erfahrungen in seinen Träumen verfolgt zu werden.

In dieser Arbeit soll ein zusammenfassender Überblick über die Erinnerung an traumatische Ereignisse gegeben werden, anhand von drei empirischen Studien wird der aktuelle Forschungsstand präsentiert und dabei jeweils verschiedene Theorien auf diesem Gebiet betrachtet. Abschließend soll durch einen kurzen Blick in die Praxis gezeigt werden, wie Opfer solch dramatischer Begegnungen am besten mit ihren Erinnerungen umgehen und mit welcher Methode sie am erfolgreichsten therapiert werden können.

1 Definition

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert ein Trauma als ein „Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß“ (1994, zit. Nach Gschwend, 2004, S.11). Das psychische Trauma ist also ein „vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt“ (Fischer und Riedesser, 1998). Eine mögliche Folge ist die posttraumatische Belastungsstörung die neben der Erschütterung von Selbst- und Weltbild häufig mit einem Gefühl von Hilflosigkeit einhergeht. (vgl. ICD-10)

2 Theorien

Im Moment beherrschen zwei Theorien das Gebiet der traumatischen Gedächtnisforschung. Die Debatte dreht sich schon seit längerer Zeit um die Frage, ob die emotionale Erregung bei traumatischen Erlebnissen die Erinnerung eher begünstigt oder hemmt.

Auf der einen Seite steht das traumatic memory argument. Diese Theorie besagt, dass die Emotionen eine Übererregung auslösen, die eine Aufmerksamkeitsfehllenkung bewirkt, was eine unvollständige und verzerrte Erinnerung zur Folge hat. Nach Ansicht einiger Autoren (Janet, 1925, Hermann, 1992) werden diese Erfahrungen von kognitiven Mechanismen bearbeitet, die keine gute sprachliche Wiedergabe erlauben, da die Erinnerung sich in mehrere Bruchstücke gliedert und vom Sprachzentrum nicht alle Fragmente erreicht werden.

Dem gegenüber besagt die Theorie des trauma equivalency argument, oder auch trauma superiority argument genannt, dass der traumatische Stress keinen negative Einfluss auf das Gedächtnis hat und die Qualität der Erinnerung sogar erhöhen kann (Shobe und Kihlstrom, 1997). „Verschiede Studien zu gekidnappten Kindern (Terr, 1983), Überlebenden von Schiffsunglücken (Thompson et al., 1997) oder wie später noch beschrieben von Überlebenden aus Konzentrationslagern (Wagenaar und Groeneweg, 1990) behaupten, dass die Erinnerungen in ihrer Klarheit und ihrem Detailreichtum völlig unbeeinträchtigt bleiben.“ (Porter und Birt, 2001)

3 Empirie

3.1 Studie von Porter und Birt - „Is traumatic memory special? A comparison of traumatic memory characteristics with memoryfor other emotional life experiences” (2000)

In Anbetracht der Fragestellung ob traumatische Erinnerungen eine besondere Qualität gegenüber Erinnerungen anderer emotionaler Ereignisse haben wurden 306 Versuchsteilnehmer im Alter von durchschnittlich 21.8 Jahren (76.5 % weiblich) untersucht. Grundlage der Studie sind die beiden unter Punkt zwei erläuterten Theorien. Alle Teilnehmer erhielten zu Beginn den EEQ Fragebogen zu ihren emotionalen Erfahrungen. (Emotional Experiences Questionnaire). Anschließend wurde die Stichprobe geteilt. Eine Hälfte sollte zuerst über ihr traumatischstes und danach über ihr emotional positivstes Erlebnis berichten. Die andere Hälfte verfuhr genau andersherum. Zu beachten war, dass beide Ereignisse im gleichen biographischen Zeitraum, also entweder in der Kindheit oder im Erwachsenenalter liegen sollten. Die Versuchsanordnung für das traumatische Ereignis war wie folgt:

„Bitte nehmen sie sich einige Momente Zeit und denken Sie an ihr traumatischstes Ereignis zurück, dass Siejemals erlebt haben. Wählen Sie ein Einzelereignis im Gegensatz zu einer Reihe von Ereignissen oder einer langwierigen traumatischen Periode. Als nächstes nehmen Sie sich Zeit und berichten Sie alles an das Sie sich erinnern können. Seien sie sicher, dass Sie nichts auslassen. Starten Sie am Anfang und geben Sie eine vollständige Beschreibung des ganzen Ereignisses. Berücksichtigen Sie bitte Ihr Alter zum Zeitpunkt der Begebenheit.“ (Porter undBirt, 2000, S. 104)

Nach Beendigung der Erzählung wurden den Versuchspersonen mehrere Fragen zur Perspektive, der Klarheit, zum Angstgrad oder zu sensorischen Komponenten gestellt, um die Qualität ihrer Erinnerung zu prüfen. Hauptsächlich wurde die Qualitätjedoch durch das MAP, Memory Assessment Procedure (Porter et al., 1999) beurteilt. Die Versuchsteilnehmer werden gefragt, ob sie das Ereignis eine Zeit lang nicht erinnern konnten und wenn dem so war weitere Zusatzfragen, wie lange diese Zeitspanne war, ob sie es einfach vergessen hatten oder es aktiv unterdrückten und wie sie wieder Zugang zu diesen Erinnerungen bekamen. Nachdem die Probanden beide Aufgabenstellungen mit positivem und traumatischem Ereignis beendet hatten, wurden ihnen drei psychologische Skalen vorgelegt.

Die IES, Revised Impact of Event Skale (Horowitz, 1979), ist eine Selbsteinschätzungsskala der subjektiv empfundenen traumatischen Belastung hinsichtlich des einzelnen Ereignisses. Die 15 Items lassen sich in sieben ereignisbezogene Posten und acht Items zur Vermeidung von Erinnerungen und Gedanken an das Ereignis trennen. Der IES kann auf verschiedene Arten ausgewertet werden. In dieser Studie werden die einzelnen Punkte einesjeden Versuchsteilnehmers zu einem Ergebnis addiert.

Die DES, Dissociative Experience Skale (Bernstein und Putnam, 1986; Carlson und Putnam, 1993), dient der Abschätzung der Beziehung zwischen Persönlichkeit und Dissoziation („dem teilweisen oder völligen Verlust der normalen Integration der Erinnerung an die Vergangenheit, des Identitätsbewusstseins, der Wahrnehmung unmittelbarer Empfindungen sowie der Kontrolle von Körperbewegungen“ aus dem ICD-10).

Der NEO-FFI Fragebogen (NEO-Five Factor Inventory) von Costa und McCrae (1992) besteht aus fünf Skalen mit jeweils zwölf Items, die die Beziehung der fünf großen Persönlichkeitsmerkmale nach dem Big-Five Model (Neurotizismus, Extraversion, Verträglichkeit, Offenheit und Gewissenhaftigkeit) und der Qualität der Erinnerung bestimmen sollen.

Das Durchschnittsalter für traumatische Ereignisse wich mit M = 15.36 Jahren nicht signifikant vom Alter beim positiv emotionalen Ereignis ab (M = 15.78 Jahre). Die theoretische Überlegung, dass die emotionalen Erinnerungen durch Kindheitsamnesie negativ beeinflusst werden könnten, kann angesichts von nur sechs Nennungen einer traumatischen Erfahrung vor dem fünften Lebensjahr bei 306 Versuchspersonen vernachlässigt werden. Das geringe Alter hängt allerdings sicherlich mit der sehr jungen Stichprobe zusammen, die unter anderem auch höhere Abweichungen vom Mittelwert von vornherein verhindert. Die quantitativ häufigsten Nennungen eines positiv emotionalen Ereignisses waren der Gewinn eines Preises bzw. Wettkampfs (34.6 %), ein großes Ereignis in einer Beziehung (19.6 %), ein Ausbildungs- oder Schulabschluss (19 %), eine schöne Begebenheit im Urlaub (11.4 %), Zeuge einer Geburt zu werden (2.9 %). Bei den traumatischen Ereignissen waren der Tod einer geliebten Person (26.5 %), ein Unfall (22.5 %), das erfahren physischer Gewalt (10.8 %), Scheitern einer Beziehung oder Scheidung (10.5 %), eine ernsthaft bedrohliche Krankheit (6.5 %) und sexuelle Nötigung bzw. Missbrauch (5.2 %) am häufigsten erwähnt. Das IES Ergebnis lag mit 17.41 (SD = 18.18) wie auch die Einschätzung des Stresslevels von 1 (überhaupt nicht belastend) bis 7 (extrem traumatisch) mit M = 6.30 sehr hoch. 84 % der Teilnehmer wählten auf der letztgenannten Skala mindestens die sechs und über 57 % sogar die Höchstnote sieben.

Für einen Vergleich der positiven und traumatischen Ereignisse wurde eine multivariate Varianzanalyse gerechnet. Die traumatischen Erinnerungen werden häufiger aus einer teilnehmenden Sicht betrachtet, p < 0.05, sie tauchen öfter auf, p < 0.01, beinhalten weniger sensorische Komponenten, p < 0.001, aber mehr Details, p < 0.001 und mehr emotionale Komponenten,p < 0.001.

Eine weitere Varianzanalyse bestätigte die Vermutung, dass sich Unterschiede der Intensität des Traumas bezüglich der Erinnerungsqualität ergeben. Die drei Gruppen, auf Basis der IES Punktzahl aufgeteilt in „niedriges Trauma“, „mittleres Trauma“ und „hohes Trauma“, wurden auf zehn unterschiedliche abhängige Variablen untersucht. Dabei wurde deutlich, dass die Versuchsteilnehmer mit hohem traumatischen Stress öfter über das Ereignis reden, p < 0.05, öfter darüber nachdenken, p < 0.001, ihrer Erinnerung mit mehr emotionalen Komponenten versehen ist,p < 0.05 und einen höheren DES Wert haben, p < 0.001.

Sexuelle traumatische Erfahrungen haben im Gegensatz zu anderen Gewalterfahrungen mehr sensorische Komponenten,p <0.05 und werden lebhafter und klarer erinnert,p < 0.01. Außerdem zeigte sich eine Tendenz zu allgemein höherer Qualität von Erinnerungen bei sexuellem Missbrauch, die mitp = 0.08 das Signifikanzniveau nur knapp verfehlte

Alle Aussagen von Porter und Birt über interpersonelle Unterschiede bezüglich des Geschlechts sind, obwohl in der Varianzanalyse deutlich (p < 0.01, Frauen denken häufiger über das Ereignis nach und berichten mehr Details), empirisch kritisch zu betrachten, da über % der Stichprobe weiblich war. 22 der 306 Versuchspersonen berichteten, dass es eine Zeitspanne gab, in der sie ihr traumatischstes (14) bzw. ihr emotional positivstes (acht) Erlebnis nicht wieder aufrufen konnten. Die Spannweite lag dabei zwischen wenigen Tagen und annähernd zehn Jahren. Sowohl die Gründe der Amnesie (aktives Unterdrücken bis hin zu simplem Vergessen) als auch des Wiedererlangens der Erinnerung („erinnern durch Gespräch mit anderen“ bis zu plötzlichem Erscheinen in den Gedanken) schwanken durch alle Bandbreiten.

Schließlich wurden die Probanden gefragt, ob sie es für möglich halten die Erinnerung an ein traumatisches Ereignis zu unterdrücken. Hier antworteten erstaunliche 85.3 % mit ja und nur 4.9 % mit nein. Die restlichen 9.8 % waren sich unsicher.

Die in dieser Studie aufgezeigte Tatsache, dass die Erinnerung an traumatische Ereignisse in ihrer Klarheit, der Qualität und Detailreichtum den positiv emotionalen Erinnerungen sehr ähnlich sind und sie teilweise sogar übertreffen spricht eindeutig für die Theorie des trauma equivalency/superiority argument. Die Erkenntnis, dass über traumatische Ereignisse häufiger nachgedacht wird, als über andere emotionale Ereignisse, lässt zusätzlich an der Theorie des trauma memory argument zweifeln nach der traumatische Bruchstücke nicht zugänglich sind.

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Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656254836
ISBN (Buch)
9783656255178
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199028
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Psychologie
Note
1
Schlagworte
erinnerung ereignisse

Autor

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Titel: Erinnerung an traumatische Ereignisse