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Die Entwicklung der Frauenrechte in der Türkei und die Stellung der Frau in der patriarchalischen Gesellschaft Ostanatoliens

Erklärt am Beispiel der Romanfiguren in Feridun Zaimoglus "Leyla"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 40 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Chronologische Entwicklung der Frauenrechte in der Türkei vom Osmanischen Reich bis heute
2.1.1. Die erste Etappe: Die Reform der Frauenrechte im Osmanischen Reich.
2.1.2. Die zweite Etappe: Das neue Frauenbild der Republik
2.1.3. Die dritte Etappe: Die feministische Bewegung
2.2. Verbrechen gegen Frauen und Formen der Unterdrückung

3. Die Geschlechterrollen betrachtet auf dem Hintergrund der Religion und Tradition
3.1. Die Rolle der Religion im ostanatolischen Geschlechterverhältnis
3.2. Die Rollenverteilung innerhalb der patriarchalischen Familie und Gesellschaft basierend auf der Tradition
3.3. Die Ehre innerhalb des Moralkodex des traditionell islamischen Paradigmas der Türkei

4. Romananalyse
4.1. Zusammenfassung des Romans
4.2. Die Frau in der ostanatolischen Gesellschaft
4.2.1. Die Metapher „ der scheuen Gazelle“
4.2.2. Die Scheu vor dem männlichen Geschlecht als Zeichen der Keuschheit
4.2.3. Die Erziehung von Mädchen in Bezug auf Körper und Sexualität
4.3. Charakteranalysen
4.3.1. Leyla
4.3.1.1. Leylas Kindheit und Pubertät - Ihre Rolle als Tochter und Schwester
4.3.1.2. Leylas Erwachsenenleben - Ihre Rolle als Ehefrau und Mutter
4.3.2. Halid „der Patriarch“ und Leylas Mutter
4.3.3. Die unkonventionellen Frauenfiguren des Romans

5. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll das Geschlechterverhältnis innerhalb der patriarchalischen Gesellschaft Ostanatoliens anhand der Figuren des Romans Leyla von Feridun Zaimoglu erklärt werden. Zaimoglu behandelt in seinem Roman ein Thema, das aus frauenrechtlichen Gründen eine zeit- und ortsunabhängige Wichtigkeit hat, aber auch eine Bedeutung innerhalb des gesellschaftspolitischen Kontexts der Bundesrepublik Deutschland trägt.

Deutschland ist nach dem Zweiten Weltkrieg, ab Mitte der Fünfziger Jahre, zu einem Einwanderungsland geworden. Menschen aus sehr vielen Teilen der Erde leben hierzulande und haben ihr eigene Kultur, Religion und Tradition mitgebracht. Die weitaus größte Gruppe der Migranten bilden die Türkei stämmigen Menschen, die größtenteils aus den östlichen Regionen der Türkei zugewandert sind.

Die, zu der deutschen Mainstream Meinung zum Teil sehr gegensätzliche Einstellung mancher Migranten in Punkto Gleichberechtigung in Geschlechterrollen, führt hierzulande immer wieder zu Konflikten in diversen gesellschaftlichen Bereichen. So gibt es in Deutschland immer noch Fälle von Zwangsheirat und bekannt gewordene Ehrenmorde. Solche Meldungen dienen leider auch dazu, die Klischees in Bezug auf Menschen mit türkischem Migrationshintergrund zu verstärken. Diese Fälle sollten jedoch nicht als eine generelle Charaktereigenschaft einer Ethnie verstanden werden, sondern vor dem Hintergrund der negativen Auswirkungen eines patriarchalischen Systems untersucht werden. Zaimoglus Roman kann dazu dienen, dies, uns manchmal fremde Weltbild ostanatolischer Migranten, besser zu verstehen und eine weniger verurteilende Haltung einzunehmen, sondern ein Hilfsmittel dazu sein, einen anderen, neuen Zugang zu dieser gesellschaftlichen Gruppe zu finden.

Der erste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Entwicklung der Frauenrechte in der Türkei. Im darauf folgenden Punkt wird ein Augenmerk auf die religiösen Regeln bezüglich der Stellung von Mann und Frau gelegt, da innerhalb der Diskussionen zum Thema Integration von Migranten aus muslimischen Ländern hierzulande immerzu eine religiös bedingte Diskriminierung und Unterwerfung der Frau zum Thema gemacht wird.

Danach wird die Rollenverteilung innerhalb der patriarchalischen Familie und Gesellschaft erklärt. Die Rolle und Erziehung der ostanatolischen Frau in Bezug auf ihr Geschlecht wird besprochen und die daraus resultierende gesellschaftliche Bedeutung des Ehrbegriffs für Mann und Frau wird erklärt und im Weiteren innerhalb der Figurenanalyse detaillierter diskutiert.

Im zweiten Teil der Arbeit gehe ich nach einer kurzen Inhaltsangabe des Romans, die für ein besseres Verständnis der Analyse notwendig ist, näher auf die Hauptfigur Leyla, ihre Mutter, den Vater und die unkonventionellen Frauenfiguren des Romans ein. Da ich in dieser Arbeit hauptsächlich das Bild der ostanatolischen Frau innerhalb der männerdominierten Gesellschaft bespreche, gehe ich nur auf die Figur des Vaters als Repräsentant seines Standes ein. Zaimoglu kreiert in der Geschichte auch, dem Vater sehr gegensätzlich männliche Charaktere, die zwar gute Menschen sind, jedoch eine eher passive Rolle einnehmen und nicht gegen die Unrechtbehandlung der Frauen in ihrer Umgebung eintreten.

Der Autor des Romans „Leyla“, Feridun Zaimoglu wurde 1964 in der anatolischen Stadt Bolu, in der Türkei geboren. Im Alter von einem Jahr ging er mit seinen Eltern nach Kiel, wo er bis zum heutigen Tag überwiegend lebt und arbeitet.

Zaimoglus Romane und Erzählungen handeln von der Migration und ihren Folgen für die Menschen. Es geht um Integration, Identität, Sprache und Gesellschaft. Kurz um zeigt Zaimoglu, dass es keinen Lebensbereich des Menschen gibt, der von seiner Migrationsgeschichte unberührt bleibt.

In seinem Roman „Leyla“ verschafft Zaimoglu seinen Lesern einen Einblick in die Vorgeschichte der ersten Einwanderergeneration, der Generation seiner Eltern. In diesem Buch, das in der Mitte des letzten Jahrhunderts spielt, lässt er die Frauen zu Wort kommen und erzählt aus der Perspektive eines anatolischen Mädchens. Er porträtiert verschiedene Frauenfiguren, die überwiegend aus Ostanatolien stammen. Einem Gebiet der Türkei, das an Georgien und Armenien grenzt und in dem Religion und Tradition eine große Rolle im alltäglichen Leben spielen. In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk erzählt Zaimoglu, dass er sehr vielen Frauen im Alter von Mitte fünfzig bis Ende sechzig zugehört habe, um seinem Roman eine authentische Atmosphäre zu geben.

Der zeitgeschichtliche Kontext des Romans liegt in einer aus frauenrechtlicher Sicht bewegenden Zeit. Als Einstieg soll nun ein Blick auf die jüngere Geschichte der türkischen Frau geworfen werden.

2. Chronologische Entwicklung der Frauenrechte in der Türkei vom Osmanischen Reich bis heute

„In der türkischen Gesellschaft bestand jahrtausendelang, von den Türkenherrschaften Mittelasiens bis zur Gründung der modernen Türkei im Jahre 1923, ein patriarchisches Kultur- und Rechtssystem“ [1].

Im Folgenden möchte ich einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Frauenrechte in der Türkei geben. Hierbei werde ich mich mit der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und rechtlichen Stellung der Frau beschäftigen.

2.1.1. Die erste Etappe: Die Reform der Frauenrechte im Osmanischen Reich

Im Osmanischen Reich wurden Frauen besonders ab dem 16. Jahrhundert starken staatlichen Repressionen ausgesetzt. Die osmanische Führung kontrollierte das Leben der Frauen durch sehr ausführliche Verordnungen, die das tägliche Leben regelten. So hatten Frauen Vorschriften bezüglich ihrer Kleidung und ihres Verhaltens außer Haus und innerhalb der Ehe. [2]

Schulbildung war für einfache Frauen bis zum Ende des 9. Lebensjahres gestattet. Höhere geistliche Schulen, die sogenannten medrese, standen nur Männern offen. [3] Frauen aus reicheren Familien hatten die Möglichkeit ihre Bildung und Erziehung mit Privatlehrern fortzuführen. Die Frauen der Sultansfamilie hatten Sonderrechte. Politische Partizipation und das Ausüben politischer Ämter waren ebenfalls ausschließlich Männerangelegenheit.

Ab 1839 brachten die Tanzimat-Reformen auch einige wichtige Veränderungen für Frauen im Bereich der Bildung, des Erbrechts und des Ehelebens. Ab 1908 gab es unter dem Einfluss der Jungtürken Bemühungen, Frauen mehr Rechte zuzusprechen. [4] Zwei wesentliche Veränderungen waren die Festlegung des Mindestheiratsalters von Frauen auf 17 und Männern auf 18 und dem Recht der Frau darauf, bei der Eheschließung vertraglich zu vereinbaren, dass der Mann keine weitere Frau ehelichen durfte. 1911 wurde das Strafgesetzt bezüglich des Strafmaßes bei Ehebruch, „das bis dahin eindeutig zugunsten des Ehemannes geregelt war“ [5] geändert.

2.1.2. Die zweite Etappe: Das neue Frauenbild der Republik

Nach dem Ende des osmanischen Reiches und der Gründung der türkischen Republik im Jahre 1923 veränderten sich die Frauenrechte grundlegend. Der Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk hatte zwei Ziele für die neu gegründete Republik, nämlich die Errichtung eines unabhängigen, starken Staates und der „Modernisierung“ aller Lebensbereiche. Mustafa Kemal setzte im Sinne des laizistischen Prinzips eine strenge Trennung von Staat und Religion durch.

Im Jahre 1926 löste das neue türkische Zivilgesetzbuch, das das Schweizerische Zivilgesetzbuch zum Vorbild hat, das bis dahin geltende und auf islamisch-theokratische Regelungen basierende Zivilgesetzbuch ab. Nahezu alle Lebensbereiche wurden von den Veränderungen berührt. Für den ehelichen Bereich brachte das neue Gesetz rechtlich gesehen die größte Veränderung. Die Polygamie wurde verboten und die Zivilehe wurde zur einzigen anerkannten Form der Eheschließung. Auch vom Bildungsaspekt her, wurde die Situation der Frauen wesentlich verbessert. Sie erhielten erstmalig Zugang zu höheren Bildungsinstitutionen. [6]

Atatürks Grund für die Betonung des Rechts auf höhere Bildung für die türkische Frau hatte nationalistische Gründe. Er war überzeugt davon, dass eine Modernisierung des Landes nur Hand in Hand mit einer fortschrittlichen Erziehung von Kindern gehen würde. Da für diese Erziehung hauptsächlich die Mütter verantwortlich waren, sollten diese auch eine gute Bildung genießen. Mit Worten des Staatsgründers Atatürk klang dies folgendermaßen:

„For mothers of today it is a must to be equipped with all the good qualities needed in order to bring up knowledgeable children so as to make them active participants in today’s life. This is why our women have to be well informed, experienced, and learned, even more than our men. They have to be so if they really want to be the mothers of the country.” [7]

Jedoch brachte das neue, europäische Zivilrecht den Frauen nicht nur Positives. Das Schweizer Zivilrecht, das eine patriarchalisch geprägte Struktur besitzt, war in einigen Punkten dem 1917 erneuerten Osmanischen Recht unterlegen. Das Mindestheiratsalter der Frauen wurde von 17 auf 14 heruntergesetzt. Frauen durften ihre Berufe nur mit Zustimmung der Väter oder Ehemänner ausüben. Nach der Definition beider Gesetzesbücher war der Mann das Oberhaupt der Familie und hatte demnach auch die Entscheidungsmacht.

Frauen erhielten ab dem Jahre 1930 etappenweise aktives und passives Wahlrecht auf verschiedenen Ebenen. Im Jahre 1934 erlangten sie vollständiges Wahlrecht [8] und ihre Teilhabe am Bildungssystem wurde zu einem der wichtigsten Ziele der kemalistisch-westlich orientierten Bildungspolitik.

Ab den 40er Jahren entstand in den städtischen Regionen der Türkei aufgrund der neuen Frauenpolitik, eine Schicht hochqualifizierter Frauen in Führungspositionen in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Die Veränderungen innerhalb der neuen Türkei gelangten jedoch nicht über die Städte hinaus. [9] „Mehr als die Rahmenbedingungen veränderte der ‚Staatskemalismus‘ auch nicht.“ [10] Die grundlegenden „Aspekte des Geschlechterverhältnisses blieben unberührt.“ [11]

In den 60er und 70er Jahren entstand in der Türkei eine starke links-orientierte Studentenbewegung, die sich zwar hauptsächlich mit dem Klassenkampf beschäftigte, jedoch auch positive Auswirkungen auf die Entwicklung der Frauenrolle hatte. Innerhalb dieses meist marxistisch geprägten Zirkels konnten, die vorwiegend aus Großstädten stammenden Frauen relativ gleichberechtigt an politischen Diskussionen und Aktionen teilnehmen. Das Selbstbewusstsein der Frauen nahm zu und die Frauen bekamen die Gelegenheit sich politisch zu positionieren.

Die politische Zusammenarbeit konnte jedoch auch in vielen linken und gesellschaftskritischen Organisationen nur funktionieren, wenn Frauen ihre sexuelle Identität zurückstellten und verdeckten, um ihren männlichen Mitstreitern die Unsicherheit im Zusammenhang mit ihnen zu nehmen. Frauen mussten für ihre männlichen Kameraden zu einer sexuell nicht begehrenswerten Person werden und nahmen daher oft den Status der Schwester, bacɪ , an. [12]

2.1.3. Die dritte Etappe: Die feministische Bewegung

Die Dritte Phase des türkischen Feminismus hat laut der Sozialwissenschaftlerin Yesilyurt Gündüz die Besonderheit, dass sie von den Frauen selbst ausging und dass ihre Forderungen nicht die kemalistische Idealisierung und Symbolisierung der Frau fortsetzten, sondern die Frau als eigenständige und unabhängige Person sah, die selbst über ihren Körper und ihre Sexualität bestimmen sollte. [13]

Hauptanliegen der türkischen Feministinnen war es, sich gegen männliche Gewalt aufzulehnen und für eine rechtliche Gleichstellung der Geschlechter zu kämpfen. Nach dem Militärputsch im Jahre 1980 wurden von der Militärregierung alle politischen Parteien und Organisationen verboten. Die Frauenbewegung nutzte dieses politische Vakuum aus und begann mit Kampagnen und Kundgebungen auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen. Es bildeten sich immer mehr Gruppen und Frauenvereine, Frauenzeitschriften wurden heraus gebracht.

Eine der ersten großen Aktionen der türkischen Frauenbewegung war eine Unterschriftenaktion mit dem Ziel, von der Politik, die Durchsetzung der UN-Konvention zur Eliminierung jeglicher Form der Diskriminierung gegen Frauen (CEDAW) und die Ergreifung aller dafür notwendigen Maßnahmen, zu fordern.

Ein weiterer Erfolg der türkischen Feministinnen war eine Demonstration von 3000 Frauen am 17.5.1987. Diese Frauen protestierten gegen das Urteil eines Richters, der den Scheidungsantrag einer schwangeren Frau, sich von ihrem gewalttätigen Ehemann zu trennen, nicht genehmigte. Er begründete seine Entscheidung unter anderem mit einem alten türkischen Sprichwort das sinngemäß so viel bedeutet wie die Frau solle nicht ohne Prügel und ihr Bauch nicht ohne Kind verbleiben.

Die Frauenbewegung machte es sich zur Aufgabe, sexistische Urteile dieser Art, die es zuvor zu hunderten gegeben hatte, offen zu legen. Ihr Ziel war es Frauen gesellschaftlich als Individuen mit gleichen Rechten wie Männer anzuerkennen und die Reduktion ihrer Persönlichkeit auf das Rollenbild der Mutter, Ehefrau und Schwester aufzuheben.

Bis zum Jahre 1999 war es in der Türkei möglich als Frau wegen Ehebruchs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt zu werden. Junge Mädchen, die staatliche Schulen besuchten oder in Waisenheimen lebten, konnten Jungfräulichkeitstest unterzogen werden.

Noch im Jahre 2004 dokumentierte amnesty international in seinem Bericht Frauen k ä mpfen gegen famili ä re Gewalt etliche Vorfälle von Zwangsheirat, Zwangsprostitution, und gerichtlichen Urteilen, wie die Vergewaltigung eines 12-jährigen Mädchens von 18 Regierungsbeamten und Soldaten, die alle ohne Strafe davon kamen. [14]

„Gewalt gegen Frauen wird von den gesellschaftlichen Führern und auf den höchsten Ebenen von Regierung und Justiz weithin toleriert und sogar gut geheißen. Die Behörden führen selten gründliche Ermittlungen nach Anzeigen von Frauen über gewalttätige Angriffe oder nach Morden an Frauen oder scheinbaren Selbstmorden von Frauen durch. Immer noch verringern Gerichte das Strafmaß, wenn Vergewaltiger versprechen, ihr Opfer zu heiraten, trotz der jüngsten Bemühungen, diese Praxis zu beenden.“ [15]

2.2. Verbrechen gegen Frauen und Formen der Unterdrückung

In der Türkei gab und gibt es verschieden Formen von Unterdrückung gegenüber Frauen. Frauen werden von ihren Ehemännern und Familien nicht ausreichend wirtschaftlich versorgt, sie erleben verbale und psychologische Gewalt, werden geschlagen Ein großes Problem in Bezug auf Frauenrechte in der Türkei war bis in die 90’er Jahre die strafrechtliche Verfolgung von gewalttätigen Übergriffen auf Frauen und sogenannten Verbrechen im Namen der „Ehre“.

„Eine Untersuchung der Stiftung Mor Çatı (Lila Dach) zwischen 1990 und 1996 stellte fest, dass von 1259 Frauen 88,2 Prozent in einer gewalttätigen Umgebung lebten. 68 Prozent wurden von ihren Ehemännern geschlagen.“ [16] Erst in den letzten Jahren nahm die Zahl der gemeldeten Übergriffe gegen Frauen in großem Maße zu. Laut einer Untersuchung der Europäischen Union wurden in den letzten zehn Jahren über 1800 Frauen Opfer sogenannter Ehrenmorde in der Türkei.

Der Amnesty International Bericht „Frauen kämpfen gegen familiäre Gewalt“ aus dem Jahre 2004 berichtet Folgendes:

„Verbrechen gegen Frauen im Südosten blieben zum großen Teil unbestraft. Menschenrechtsverletzungen, Einschränkungen der Freiheit der Meinungsäußerung und Straflosigkeit der staatlichen Sicherheitskräfte bestehen weiterhin. In einem Umfeld, in dem die Gewalt staatlicher Akteure und bewaffneter Oppositioneller zum Normalfall wurde, war der Zugang von Frauen zur Justiz wegen Gewalt innerhalb der Familie eng begrenzt, und das ist auch weiterhin der Fall.“ [17]

3. Die Geschlechterrollen betrachtet auf dem Hintergrund der Religion und Tradition

Im Folgenden sollen Familienstruktur und Rollenverteilung in Bezug auf die Religion und Tradition betrachtet werden.

3.1. Die Rolle der Religion im ostanatolischen Geschlechterverhältnis

„Die Männer stehen ein für die Frauen, wegen dem womit Allah die jeweils einen vor den jeweils anderen ausgezeichnet hat, und weil sie (als die wirtschaftlich Unabhängigen) aus ihrem Vermögen (Unterhalt und Versorgung) ausgeben. Darum sind loyale Frauen (Allah gegenüber) ergeben. (Sie sind) diejenigen, welche die Geheimnisse (der Ehe, was nicht öffentlich gemacht wird und Außenstehenden verborgen bleiben soll), gemäß Allahs Weisung bewahren. Und wenn ihr annehmt, dass Frauen (einen Vertrauensbruch begehen, besprecht euch mit Ihnen und (falls keine Veränderung eintritt) zieht euch (zunächst) aus dem Privatbereich zurück (meidet Intimität) und (als letztes) trennt euch von ihnen (adrubuhunna). Wenn sie zur loyalen Haltung zurückkehren, so sucht gegen sie keine Handhabe (um ihnen zu schaden). Wahrlich, Allah ist größer (als alles Vorstellbare). (Erläuterung zu Qur’an, 4:34)“ [18]

Dies ist eine der vielen Übersetzungen bzw. Erläuterungen zum 34. Vers der 4. Sure des Korans, der Sure über die Frauen. Dieser Vers beinhaltet gleich zwei wesentliche Punkte. Hier wird zum einen die Stellung von Mann und Frau erwähnt und zum anderen das Vorgehen bei Konflikten in einem Ehestreit geregelt. Je nach Absicht und Bildungsstand des Übersetzers kann der Text sehr unterschiedlich ausgelegt werden, und ein dementsprechend unterschiedliches Verhalten mit sich ziehen.

[...]


[1] Mehmet Merdan Hekimoglu (2000): Das Gleichberechtigungsprinzip im türkischen Recht: Eine rechtsvergleichende und kritische Betrachtung des Gleichberechtigungsprinzips im türkischen Recht unter Berücksichtigung des deutschen Rechts. Doktorarbeit. 1

[2] Vgl. Sirvan Ekici (1998): Die Stellung der Frau in der türkischen Gesellschaft unter besonderer

Berücksichtigung der politischen Partizipation der Frau. Universität Wien. Diplomarbeit.

[3] Vgl. Ekici 1998

[4] Vgl. Ekici 1998

[5] Hekimoglu 38

[6] Vgl. Zühal Yesilyurt Gündüz (2002): Die Demokratisierung ist weiblich…Die türkische Frauenbewegung und ihr Beitrag zur Demokratisierung der Türkei. Der andere Verlag.

[7] Emel Dogramaci (2000): Women in Turkey and New Millenium. Atatürk Research Center, Ankara. 188ff

[8] Vgl. Hekimoglu 43

[9] Vgl. Friederike Braun (2000): Geschlecht im Türkischen. Otto Harrasowitz Verlag. Kempten. 92/93

[10] Braun 93

[11] Braun 93

[12] Vgl. Gündüz

[13] Vgl. Gündüz

[14] Vgl. Amnesty international (2004): Türkei: Frauen kämpfen gegen familiäre Gewalt.14-15

[15] Amnesty international (2004): Türkei: Frauen kämpfen gegen familiäre Gewalt. 6

[16] Stiftung Lila Dach (1997): Die Zukunft in meinen Händen, (Mor Çatı Kadın Sığınağı Vakfı, Geleceğim Elimde), Istanbul. 34-35

[17] Amnesty international (2004): Türkei: Frauen kämpfen gegen familiäre Gewalt. 16

[18] Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung (Hersg.): Ein einziges Wort und seine grosse Wirkung“. Eine hermeneutische Betrachtungsweise zum Qur’an, Sure 4 Vers 34, mit Blick auf das Geschlechterverhältnis im Islam. S.1

Details

Seiten
40
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656253532
ISBN (Buch)
9783656253761
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198853
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Note
1,0
Schlagworte
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