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Heinar Kipphardt - Beim Anhören von vier Stücken für Violine und Klavier von Anton von Webern

Ein schizophren konstruiertes Gedicht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 11 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Eine kurze formelle Analyse

3. Anton Weberns Musik im Vergleich zu dem Gedicht

4. Analyse der schizophrenen Aspekte des Gedichts im Vergleich zu Adolf Wölflis „Wiigen=Lied“

5. Bibliographie

1. Einleitung

„Das ideale Gedicht wäre das schweigende Gedicht in lauter Weiß.“ (Kipphardt 302) Dieser Satz gibt einen guten Gesamteindruck von Kipphardts Lyrik in seinen letzten Lebensjahren wieder. Wurden seine frühen Texte eher als „breit, voluminös“ (Kipphardt 299) bezeichnet so wirken sie in späteren Jahren „inhaltlich auf das Wesentliche reduziert, beschnitten - manchmal lakonisch.“ (Kipphardt 299) Heinar Kipphardt war zeitlebens ein Außenseiter. Seine Texte und Werke sind sehr politisch und befassen sich häufig mit der Kriegs-Thematik, zweifellos steht dies in einem biographischen Zusammenhang. Er flüchtete aus dem nationalsozialistischen Deutschland, später aus der DDR. Das Verhältnis zu seinem Vater - welcher im Nationalsozialismus als Marxist galt und in ein KZ interniert wurde - war häufig angespannt, das Verhältnis zur Mutter hingegen war sehr vertraut und innig. Das Gedicht „Beim Anhören von vier Stücken für Violine und Klavier von Anton von Webern“ entstand 1980, zwei Jahre vor seinem Tod. Es ist dementsprechend seiner eher lakonischen, minimalistischen Schreibphase zuzuordnen.

Kipphardt studierte Medizin mit dem Schwerpunkt auf Psychiatrie. Diesen Beruf übte er auch einige Jahre aus, ehe er letztlich Dramaturg, Lyriker und Autor wurde. Schon während seiner Tätigkeit als Psychiater schrieb er einige Gedichte und andere Texte. Besondere Aufmerksamkeit widmete er unter anderem der Schizophrenie. Er trat in Briefkontakt mit Leo Navratil und entwickelte aus diesem Briefwechsel heraus seine literarische Figur, der schizophrene Alexander März. In der Rolle des Alexander verfasste er ebenfalls Gedichte, die letztendlich im Roman „März“ und dem Gedichtband „Angelsbrucker Notizen“ publiziert wurden. Das in dieser Hausarbeit thematisierte Gedicht ist diesen „März-Gedichten“ nicht zuzuordnen und doch stellt sich die Frage: Wieviel Schizophrenie steckt in den Gedichten Kipphardts, die außerhalb seiner Rolle als Alexander März entstanden sind?

2. Eine kurze formelle Analyse

Das Gedicht wirkt wie Anfangs schon erwähnt sehr lakonisch, die Sprache ist nicht sehr metaphorisch, sondern eher beschreibend / berichtend. Es besteht aus drei Strophen mit je unterschiedlicher Verszahl; in der ersten Strophe 10, in der zweiten 6 und in der dritten 7 Verse. Weiterhin ist das Gedicht bis auf eine Ausnahme reimlos, diese Ausnahme scheintjedoch zufällig entstanden zu sein. Es existiert ein Reim in den Versen 6 und 21 („Basalt“ und „bald“). Der vorherrschende Versfuß ist der Daktylus („über den Fahrten des Schlittenkinds“ 3),jedoch finden sich im Gedicht auch Trochäus („Schneelicht“ 2) oder Jambus („das Aas“ 15). Ebenso finden sich männliche („das Aas“ 15) und weibliche („Schneelicht“ 2) Kadenzen. Das Gedicht ist als freirhythmisch zu bezeichnen, was durchaus in Kohärenz mit der Musik steht, welche die Grundlage dieses Textes bildet.

Auch einige rhetorische Figuren sind im Text vorhanden. In Vers 7 gibt es eine Alliteration („gestreifte Gestalten“), Neologismen in den Versen 2 („Schlittenkinds“) und 8 („Flugschnee“). Der „Krebs“ (Vers 14) ist als Metapher zu sehen, im Text ist das Tier beschrieben, jedoch ist der „Krebs“ auch ein musikalisches Stilmittel, welches in Weberns Art zu komponieren eine Rolle spielt. Ein Paradoxon bildet die Phrase „weiß wie Arsen“ (Vers 8), da Arsen grau bis schwarz ist, in bestimmten Verbindungen auch gelb. Des weiteren sind mit den Versen 8 („Der Flugschnee weiß wie Arsen“) und 21 („wie sie verrecken wir bald“) zwei Vergleiche im Text zu finden. In den Versen 13 („im Dunkeln“) und 16 („im schwarzen im brachigen Wasser“) wurden drei synonym gebrauchte Wörter zur Vermeidung von Wortwiederholungen verwendet. Somit ist das Kontingent an rhetorischen Figuren erschöpft, was als Bekräftigung der Lakonie beziehungsweise der Textverdichtung gesehen werden kann.

Noch verständlicher wird diese „Trockenheit“ der Sprache, wenn man auf die Musik achtet, unter deren Einfluss das Gedicht entstand.

3. Anton Weberns Musik im Vergleich zu dem Gedicht

Anton Webern war ein österreichischer Komponist und Sohn von Karl Freiherr von Webern. Den Namenszusatz „von“ musste er 1919 im Rahmen des Adelsauf­hebungsgesetzes aufgeben. Er lebte von 1883 bis 1945. Seine ersten musikalischen Instruktionen erhielt er von seiner Mutter, einer (laienhaften) Pianistin. Die erste professionelle Musiktheorie-, sowie Piano-Ausbildung bekam er von Edwin Komauer in Klagenfurt Außerdem lernte er das Violoncello-Spiel. Aus dieser Zeit in Klagenfurt entstammen seine ersten zwei Kompositionen für Cello und Klavier. Es folgte 1902 bis 1906 ein Musikwissenschaftenstudium an der Wiener Universität, wo er unter anderen Arnold Schönberg kennen lernte, bei dem er 1904 bis 1908 Unterricht nahm. Eine weitere Bekanntschaft im Zusammenhang mit Schönberg war Alban Berg. Diese Zusammenarbeit führte letztendlich zu einem Durchbruch in der Musik, mit der Entwicklung der „Atonalität“. Die Idee dieser Musik ist es, dass die Töne eines Stückes nicht unbedingt, wie damals üblich in einem melodisch kohärenten Zusammenhang stehen müssen, sondern durchaus dissonant sein können. Zuvor komponierte Webern im eher traditionellen Stil der Spätromantik. Nach dem Ende des Unterrichts arbeitete er an verschiedenen Orten als Kapellmeister, jedoch selten länger als zwei Jahre und ihm wurde aus dieser Zeit nachgesagt, dass er diese Stelle eher halbherzig ausführte. 1910, zwei Jahre nach Schönberg, komponierte Webern seinen Opus 7, betitelt „Vier Stücke für Geige und Klavier“. Seine Musik zu der Zeit wird beschrieben als „höchste Intensität des Ausdrucks in der formal kürzesten, dichtesten Gestalt“. Unter dieser Prämisse steht auch sein Opus 7. Diese Musik stand nun in der Tradition der „Neuen Wiener Schule“ oder auch „Zweiten Wiener Schule“, welche im 2. Weltkrieg als „entartete Musik“ galt. Webern wurde nach der Auswanderung Schönbergs aus Europa (1933), dem Tode Bergs (1933) und der Annexion Österreichs (1938) in eine absolute künstlerische Isolation gedrängt. Er floh zusammen mit seiner Frau nach Mittersill, wo schon deren drei Töchter und Enkelkinder Zuflucht gesucht hatten und wurde 1945 versehentlich von einem US-amerikanischen Soldaten erschossen. (vgl. anton webern.com)

Seine Musik ist kennzeichnend für sein Leben. Er lebte immer sehr zurückgezogen, zwar hatte er Schüler, die bei ihm Musikunterricht nahmen, jedoch lies er im privaten Bereich selten Freundschaften zu. Ebenso isoliert ist seine Musik. Bis heute konnte das Prinzip der „Atonalität“ keinen Einzug in den bürgerlichen Haushalt halten. Sie gilt als Musik der Intellektuellen, der Akademiker. Vielleicht war es die Isolation der Person Weberns als auch die nonkonformistische Art seiner Musik, die Kipphardts Interesse geweckt hatten und ihm Veranlassung zu diesem Gedicht gaben - da Isolation und Nonkonformismus durchaus Merkmale für schizophrene Autoren / Komponisten / Künstler und deren Werke sind - jedoch ist das nicht beweisbar. Fakt ist, dass es Parallelen zwischen Weberns Musik und Kipphardts Lyrik gibt.

Zunächst ein paar Worte zu der Zwölftontechnik, welche als bis heute letzte Konsequenz atonaler Musik gilt. Die Entwicklung der Zwölftontechnik schrieb sich Schönberg alleine zu, mittlerweile ist bekannt, dass Webern, Berg und andere ebenfalls maßgeblich zu der Ausarbeitung beigetragen haben. Die Zwölftontechnik baut auf zwölf Tönen auf, die eine so genannte Grundreihe bilden. Diese zwölf Töne werden auch als chromatische Töne bezeichnet, das heißt sie umfassen alle Grundtöne, welche es in der Musik gibt (c, cis, d, dis, e, f, fis, g, gis, a, ais, h). Hierbei steht ein Ton für alle seine Vertreter, das heißt das cis, steht für alle cis in allen Oktavlagen. Diese werden angeordnet und bilden die Grundreihe, die ohne Rhythmusvorgabe ist und in der kein Ton zweimal vorkommt. Nun kann die Grundreihe in zwölf Varianten gespielt werden, in dem manjeweils einen anderen der zwölf Töne an den Anfang setzt, ohnejedoch die Reihenfolge der Töne an sich zu ändern. Dementsprechend entstehen zwölf Reihen. Außerdem gibt es noch andere Mittel um in Zwölftontechnick zu komponieren, man kann die Grundreihe in Umkehrung (von hinten nach vorne), gespiegelt (auch Krebs genannt) und gespiegelt umgekehrt (Krebs-Umkehrung) spielen. Jede dieser Reihen ist ebenfalls in zwölf Varianten spielbar, es ergeben sich insgesamt 48 unterschiedliche Reihen. Die Variationsmöglichkeiten für ein einziges Stück sind demnach relativ stark begrenzt. Daraus resultiert eine klare Struktur und Konstruiertheit der Stücke in Zwölftontechnik. In diesem Stil ist auch Weberns Opus 7 komponiert (vgl. Berger 2ff).

Im Vergleich mit Kipphardts Text, bemerkt man auch hier eine gewisse Konstruiertheit, hervorgehoben durch das Fehlen von rhetorischen Figuren. Der weitgehende Verzicht auf solche Figuren kann mit der starken Beschränkung auf die zwölf chromatischen Töne verglichen werden. Die Musik ist schmucklos, lakonisch und so ist es auch das Gedicht. Auch eine freie Rhythmik ist sowohl bei Webern als auch Kipphardt klar erkennbar. Der Opus 7 ist über große Strecken mit dunklen, tiefen Tönen komponiert, was sich ebenfalls im Vokabular des Gedichtes findet; „verdunkelter Tann“ (1), „Steinbruch“ (6), „ruhige Tiefen“ (12), „Dunkeln“ (13), „im schwarzen im brachigen“ (16) um nur einige zu nennen. Ein weiteres hervorstechendes Merkmal ist die Kürze der einzelnen vier Stücke im Opus, jedes dauert kaum länger als 1:30 min, auch das schlägt sich in Kipphardts Text nieder, er ist sehr verdichtet und kurz. Zeitlebens war Webern der Natur sehr zugetan, für ihn war Natur und Leben untrennbar miteinander verbunden, ebenso Natur und Kunst. Aus dieser Ansicht heraus versuchte Webern Naturtöne, die er beim Spazieren gehen oder ähnlichen Aktivitäten vernahm in seiner Musik umzusetzen (vgl. Budde 9ff). Auch dies ist im Vergleich mit Kipphardts Text passend, da Kipphardt ebenfalls sehr naturnahe Bilder verwendet und das Gedicht in die Sparte der Naturlyrik eingeordnet werden kann. Zieht man ein Resümee, so muss man zu der Erkenntnis kommen, das dieses Gedicht im Endeffekt aufgrund der freien Rhythmik, Reimlosigkeit, Lakonie und Dichte/Kürze nicht wie ein prototypisches Gedicht wirkt, dabei jedoch sehr präzise und nachvollziehbar den Charakter von Weberns Musik einfängt und darum geht es laut Titel.

Im letzten Teil der Arbeit werde ich mich nun mit dem schizophrenen Charakter des Gedichtes auseinandersetzen beziehungsweise ob und in wieweit dieser vorhanden ist.

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Details

Seiten
11
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656256106
ISBN (Buch)
9783656257172
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198722
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Institut für neuere deutsche Ideen- und Literaturgeschichte
Note
2,0
Schlagworte
Schizophrene Lyrik Schizophrene Dichtung Heinar Kipphardt Adolf Wölfli Anton Webern

Autor

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Titel: Heinar Kipphardt - Beim Anhören von vier Stücken für Violine und Klavier von Anton von Webern