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Medien in Polen - Die polnische Medienlandschaft nach 1989

Seminararbeit 2003 22 Seiten

Kulturwissenschaften - Osteuropa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Die Bedeutung der politischen Ereignisse von 1989/90 für die Medien
2. Die Entwicklung der polnischen Presse
2.1. Der polnische Pressemarkt
2.2. Ausländische Verlage in Polen nach 1989
3. Die Entwicklung des polnischen Hörfunks
4. Fernsehen in Polen
5. Das Internet in Polen
6. Zur Lage der Pressefreiheit in Polen

III. Schluß

Literatur

I. Einleitung

Als die Alleinherrschaft der PZPR in Polen endete, endete gleichzeitig auch eine Ära der Unterdrückung und Kontrolle der Massenmedien. Nach dem Systemwechsel entwickelte sich ein Pressemarkt, wie ihn Polen noch nicht erlebt hatte.

Polen gilt heute als liberale und pluralistische Demokratie. Gleichzeitig wird die Rolle der Medien immer größer: Sie sollen den Menschen grundlegende Werte (etwa Pluralismus) vermitteln, sie informieren und bilden, zur Meinungsbildung beitragen und gleichzeitig die Politik kontrollieren und kritisieren[1].

Das alles war zur Zeit der Alleinherrschaft der PZPR nicht oder nur sehr begrenzt möglich. Die staatliche Verlagsgenossenschaft Ruch war Vertriebsmonopolist und kontrollierte den größten Teil der Zeitungs- und Zeitschriftenauflage[2] (70% der Zeitschriften- und 90% der Tageszeitungsauflage[3]). Vorsichtige Liberalisierungsschritte, wie die Zulassung einer Wochenzeitung der Gewerkschaft Solidarnosc Anfang der Achtziger Jahre, wurden mit Verhängung des Kriegsrechts wieder rückgängig gemacht: Die Tygodnik Solidarnosc wurde verboten, die Zensur wieder verschärft, die früher offiziell herausgegebene kulturelle Presse „systematisch vernichtet“[4].

1989 änderten sich mit dem politischen und gesellschaftlichen System auch die Bedingungen für die Medien grundlegend. Diese Veränderungen, ihre spezifischen Ausformungen in den einzelnen Mediensparten und die Frage der Pressefreiheit sind Gegenstand dieser Arbeit.

II. Hauptteil

1. Die Bedeutung der politischen Ereignisse von 1989/90 für die Medien

Den großen Befreiungsschlag für die polnischen Medien brachten erst die Verhandlungen am „Runden Tisch“ 1989. Die Solidarnosc erreichte hier die Zu- bzw. Wiederzulassung der Gazeta Wyborcza und des Tygodnik Solidarnosc, normale Arbeitsbedingungen für die Untergrundpresse sowie eine Einschränkung der präventiven Zensur[5]. Das System der Lizenzierung von Druckerzeugnissen wich einer einfachen Registrierung[6], was die Gründung einer Zeitung oder Zeitschrift erheblich vereinfachte. Im Bereich der elektronischen Medien eignete man sich lediglich darauf, daß die Solidarnosc wöchentlich Radio- und Fernsehsendungen im Staatsrundfunk ausstrahlen durfte[7]. In Folge wurde der Verlagsgigant Ruch aufgelöst (März 1990)[8] und eine Anzahl neuer Gesetze erlassen, die das Staatsmonopol im Rundfunk abschafften (November 1990), das Verbot der Einfuhr ausländischer Literatur aufhoben (Dezember 1989) und die Zensur beendeten (März 1990), die allerdings schon im Sommer 1989 praktisch von alleine aufgehört hatte, zu existieren[9]. Mit dem Wechsel zur Marktwirtschaft und dem Ende der Allmacht und der Repressalien der PZPR wurden in Polen schließlich die Grundlagen für die Entwicklung freier Medien geschaffen.

2. Die Entwicklung der polnischen Presse

2.1. Der polnische Pressemarkt

Mit der Auflösung der Ruch wurde das staatliche Pressemonopol aufgehoben. Etwa 70 Publikationen der Ruch wurden Mitarbeiter-Genossenschaften überlassen, 78 wurden verkauft, acht gingen in Staatsbesitz über und für 20 fanden sich keine Käufer[10]. Obwohl die Liquidierungskommission mehrheitlich zugunsten polnischer Bewerber entschied, erstanden auch ausländische Unternehmen wie der französische Konzern Hersant einige Publikationen[11]. Die Verteilung der Titel richtete sich nicht alleine nach der gebotenen Summe, sondern auch nach sozialen und politischen Aspekten. Jede gesellschaftliche Gruppe sollte „ihr Stück vom Kuchen“ bekommen, selbst die PZPR erhielt drei Publikationen[12]. Dieser Pluralismus von oben dauerte allerdings nicht lange an: Die neu gewonnene Freiheit mußten viele Titel mit den Nachteilen der Marktwirtschaft bezahlen. Viele Zeitungen und Zeitschriften gingen pleite, alleine in den ersten vier Monaten des Jahres 1990 mußten über 90 Zeitschriften eingestellt werden[13]. Gleichzeitig gab es „eine erste Explosion neuer Druckmedien, gefolgt vom praktisch sofortigen Kollaps der Mehrheit der neuen Titel“[14]. Auch die ehemals sehr populären, traditionellen kulturellen Wochenschriften existieren praktisch gar nicht mehr, was auf den Bedeutungsverlust der Kultur durch die nun herrschende Meinungsfreiheit zurückzuführen ist[15]. Stattdessen finden kulturelle Themen heute ihren Platz in den Feuilletons überregionaler Tageszeitungen und regionaler Tageszeitungen mit hoher Auflage[16]. Auch der katholisch-liberale Tygodnik Powszechny befaßt sich noch ernsthaft mit kulturellen Themen[17].

Selbst die katholische Kirche erlitt nach 1989 einen Bedeutungsverlust im Pressesektor. Einerseits verschwanden mit dem alten System auch die Subventionen, andererseits verließen viele oppositionelle Journalisten, für die die katholische Presse früher die einzige Arbeitsmöglichkeit dargestellt hatte, diese nun. Das Resultat war eine massive Qualitätsminderung bei den Kichenpublikationen[18], der ein Leserschwund folgte[19].

Wenig später drängten auch ausländische Medienkonzerne auf den polnischen Pressemarkt (s. 2.2.) und etablierten neben dem Kauf von Zeitungs- und Zeitschriftenanteilen vor allem auch neue Zeitschriften.

Mittlerweile hat sich die Lage auf dem polnischen Pressemarkt abgekühlt: „Der Kuchen ist verteilt, die Lage hat sich stabilisiert“[20]. Das Angebot ist vielfältig und groß: 1999 gab es in Polen 46 Tageszeitungen und 5.518 Zeitschriften[21], darüberhinaus gibt es noch Wochenzeitungen sowie in größerem Abstand regelmäßig erscheinende Publikationen und lokale bzw. sublokale Schriften[22]. Insbesondere die Lokalblätter haben an Zahl zugelegt: Gab es 1989 noch 50 Lokalzeitungen, waren es 1997 etwa 1.000[23].

Die wichtigsten überregionalen polnischen Tageszeitungen sind Gazeta Wyborcza (liberal, Polens größte Tageszeitung mit einer Auflage von bis zu 840.000), Super Express (Boulevardblatt), Rzeczpospolita (überparteilich), Zycie (konservativ), Express Wieczorny (überparteilich) und Zycie Warszawy (liberal-konservativ). Zu den meistgelesenen polnischen Tageszeitungen gehören ungewöhnlicherweise auch Regionalzeitungen wie Dziennik Zachodni, Trybuna Slaska oder Gazeta Pomorska[24]. Die wichtigsten Wochenblätter sind Polityka (linksliberal), Wprost (liberal), Tygodnik Powszechny (katholisch-liberal) und Nie (links-antiklerikal-satirisch mit pornographischem Einschlag)[25]. De facto befinden sich alle diese Titel in Privatbesitz. Die große Ausnahme ist die Rzeczpospolita, an der der Staat mit 49 Prozent beteiligt ist[26]. Doch obwohl diese Zeitung der jeweiligen Regierung ein Forum gibt, befindet sie sich nicht notwendigerweise auf deren Linie[27]. Damit scheint auf dem polnischen Medienmarkt Pluralismus zu herrschen. Allerdings ist die Gesamtauflage der Zeitungen in Polen von 1989 bis Ende der 1990er stark gesunken, von ca. 8 Mio. auf ca. 3,5 Mio[28]. Dies geschah vor allem zugunsten des Zeitschriftenmarktes[29].

Die Qualität der journalistischen Arbeit ließ zu Beginn der neuen Freiheit noch sehr zu wünschen übrig. 1996 beschreibt Downing die Qualität insbesondere der regionalen und lokalen Zeitungen als „mittelmäßig bis schwach“[30], Godan-Klas schreibt von „einseitigen Geschichten“, in denen Quellen falsch zitiert und wichtige Informationen weggelassen werden[31]. Auch machten sich bis weit in die Neunziger die mit aggressiven Werbestrategien noch unerfahrenen polnischen Journalisten bereitwillig zu Werbetextern, indem sie – insbesondere in der lokalen Presse – zahlreiche Artikel verfaßten, „die eindeutig der Schleichwerbung und weniger der Information zuzurechnen sind“[32]. Auch boten die Medien anfangs oft ein Forum für „Bezichtigungen, Anspielungen und Verleumdungen“, die von Politikern vorgetragen und ungeprüft wiedergegeben wurden, womit sie zur Nachricht wurden und unschuldigen Personen Schaden zufügten[33].

2001 gab es laut Ziemer und Matthes eine „Vielfalt von Tageszeitungen und Wochen- sowie Monatszeitschriften mit einem breiten Meinungsspektrum auf zum Teil hohem Niveau“[34]. Auch Hadamik beschreibt eine zunehmende Professionalisierung der polnischen Medien[35], nachdem die Berichterstattung in den Anfangsjahren, geprägt vom Kampf gegen das alte Regime, eher emotional und kämpferisch als professionell gewesen war[36]. So erklärte die Gazeta Wyborcza nach den Präsidentschaftswahlen 1990, in künftigen Wahlkämpfen nicht mehr Partei ergreifen zu wollen; lediglich klar gekennzeichnete Kommentare gaben die Meinungen der Redakteure wieder[37]. 1996 wurde eine „Medien-Charta“ mit ethischen Grundlagen für Journalisten verabschiedet[38], und das zunehmende Bewußtsein, daß Journalismus ein Ausbildungsberuf ist, führte zu einer Ausweitung und Professionalisierung der Journalistenausbildung[39].

[...]


[1] Schreyer/Schwarzmeyer, S. 143.

[2] Ziemer/Matthes, S. 227.

[3] Hadamik, S. 151.

[4] Klossowicz, S. 251.

[5] Vgl. Hadamik, S. 148.

[6] Vgl. Goban-Klas, S. 25.

[7] Hadamik, S. 148.

[8] Bingen 2001, S. 39.

[9] Hadamik, S. 149.

[10] Vgl. Giorgi, S. 77.

[11] Hadamik, S. 152.

[12] Hadamik, s. 153.

[13] Bingen 2001, S. 39.

[14] Downing, S. 147. Passage vom Autor aus dem Englischen übersetzt.

[15] Hadamik, s. 160.

[16] Klossowicz, S. 252.

[17] Vgl. Kùossowicz, S. 252.

[18] Vgl. Downing, S. 155.

[19] Vgl. Kowol, S. 237.

[20] Gogala, S. 62.

[21] Vgl. Bingen 2001, S. 39.

[22] Vgl. Hadamik, S. 155.

[23] Vgl. Oniszczuk, S. 164.

[24] Vgl. Bingen 1999, S. 160.

[25] Vgl. Bingen 2001, S. 39 f.

[26] Vgl. Hadamik, S. 155.

[27] Vgl. Godan-Klas, S. 26.

[28] Vgl. Ziemer/Matthes, S. 227.

[29] Vgl. Rothe.

[30] Downing, S. 155.

[31] Vgl. Godan-Klas, S. 32.

[32] Zakowski, S. 262.

[33] Vgl. Zakoswki, S. 263.

[34] Ziemer/Matthes, S. 228.

[35] Vgl. Hadamik, S. 164.

[36] Vgl. Hadamik, S. 163.

[37] Vgl. Zakowski, S. 266.

[38] Vgl. Hadamik, S. 163.

[39] Vgl. Grzelewski.

Details

Seiten
22
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638239059
ISBN (Buch)
9783638646321
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v19872
Institution / Hochschule
Universität Passau – Lehrstuhl für Ostmitteleuropastudien
Note
1,0
Schlagworte
Medien Polen Medienlandschaft Proseminar Ausgewählte Fragen Landeskunde Polens

Autor

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