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Kritik in der Krise

Eine Diskussion der Möglichkeit kritischer soziologischer Theorie unter den Vorzeichen der Postmoderne und des Konstruktivismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 28 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Eigenheit soziologischer Erklärungen
2.1 Der Gegenstand des Sozialen und die Schwierigkeit der Erklärung sozialer Phänomene
2.2 Objektivität und Distanz als Ideal des Forschers
2.2.1 Emile Durkheim – Soziales als Dinge
2.2.2 Georg Simmel – Die Figur des Fremden

3. Die kritische Soziologie und das Ethos des aktiven Eingreifens in die Welt
3.1 Max Horkheimer als Gründungsvater der Frankfurter Schule
3.2 Theodor W. Adorno- Kritik durch Dialektik
3.2 Jürgen Habermas - Theorie des kommunikativen Handelns

4. Kritik in der Krise – Konstruktivismus und Postmoderne
4.1 Der Positivismusstreit und die Frage nach Objektivität und Wertfreiheit
4.2 Bedingtheit, Reflexivität und Konstruktivismus. Implikationen für die kritische Theorie
4.3 Systemtheorie und die Beobachtung zweiter Ordnung

5. Möglichkeiten der Kritik. Gegenpositionen
5.1 Pierre Bourdieu - Kritik als Aufdecken symbolischer Herrschaft
5.2 Axel Honneth - Kritik im Begriff der Anerkennung
5.3 Bruno Latour - Kritik durch Konstruktivismus

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Die Gesellschaft wurde, vor allem geprägt durch die Schriften von Hegel und Marx, in der sogenannten kritischen Theorie in das Beobachtungsfeld der kritischen Perspektive gerückt. Mit der soziologischen Analyse von Gesellschaft, Ökonomie, Kultur und anderen Bereichen des sozialen Lebens war nicht nur das Ziel verbunden eine möglichst adäquate Beschreibung und Erklärung sozialer Phänomene zu liefern, sondern auch soziale Defizite aufzuzeigen, die der aktiven Verbesserung bedürften. Die namentlichen Vertreter der Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Jürgen Habermas, verknüpften analytische Soziologie infolge mit einer aufklärerischen Ideologie. Die Möglichkeit und theoretische Tragbarkeit der Kritikführung als soziologischer Gesellschaftsbeobachter provozierte jedoch auch Gegenpositionen, die nicht unwesentlich damit verknüpft waren, dass diese, geprägt durch eine wissenschaftsinterne Reflexion von Theorie, die Untragbarkeit von kritischer Positionierung durch den Forscher betonten.

Im folgenden sollen zwei ausgewählte Strömungen nachgezeichnet werden, welche die Prämissen der kritischen Theorie in den Sozialwissenschaften stark in Frage gestellt haben. Zum einen die Epoche der Postmoderne, die als wissenschaftliche und gesellschaftliche Richtung, die Stabilität, Geltung und Aussagekraft moderner Prinzipien, Methoden und Institutionen in Frage stellt und zu überwinden versucht. Zum anderen die Strömung des (Sozial)Konstruktivismus, die Wissenschaft und damit im speziellen Fall die Soziologie, als konstruktivistische und aussagenkontingente Wissenschaft fasst, da diese nur auf Basis von selektiv gewählten und kulturell geprägten Konstrukten und Begriffen arbeite. Beide Strömungen werden hier als wissenschaftsreflexiv verstanden. Soziologische Theorie wird demnach im internen Wissenschaftsbetrieb stetig in Frage gestellt und modifiziert, womit ihr die Persistenz eines analytischen und gesellschaftsformenden Potentials abgesprochen wird. Dies führt die soziologische Theorie, und speziell die kritische Theorie, in eine Legitimisierungskrise ihres moralischen Impetus.

Um dieses Spannungsverhältnis zwischen Forscher, Theorie und Beobachtung des Gegenstandes zu verdeutlichen, werden in einem ersten Kapitel die Eigenheit soziologischer Erklärungen nachgezeichnet und die, in den Klassikern der Soziologie verorteten, Idealbilder des Forschers bei Emile Durkheim und Georg Simmel skizziert.

Anschließend sollen die kritische Soziologie, und ihre Hauptvertreter der Frankfurter Schule, Adorno, Horkheimer und Habermas kurz vorgestellt werden. In diesem Kapitel wird versucht, Schnittstellen der Theorien in einem Ethos des aktiven Eingreifens in die Welt verdeutlichen.

Im Hauptteil werden die Begriffe Postmoderne und Konstruktivismus vorgestellt und aufgezeigt, wie diese zu einer theorieimmanenten Krise in der kritischen Theorie geführt haben. Einen Teilpunkt nehmen dabei auch der berühmte Positivismusstreit und die Reflexivität, die ich in der systemtheoretischen Beobachtung zweiter Ordnung darlegen möchte, ein.

Abschließend sollen Gegenpositionen aufgezeigt werden, in denen ausgewählte Theoretiker, Pierre Bourdieu, Axel Honneth und Bruno Latour, die Möglichkeit von Kritik unter diesen postmodernen Vorzeichen bestärken. In einem Fazit werden die wichtigsten Ergebnisse noch einmal zusammengefasst.

2.Die Eigenheit soziologischer Erklärungen

2.1 Der Gegenstand des Sozialen und die Schwierigkeit der Erklärung sozialer Phänomene

Zur Herausarbeitung des spezifischen Gegenstandes der Soziologie ist es notwendig kurz zu rekurrieren, was eigentlich Theorie ist, welche Aufgaben Theorie hat, und wo die speziellen epistemologischen Problemstellungen liegen, Theorie auf das Feld des Sozialen anzuwenden.

Theorien (im Plural!) können im Vorfeld als Systeme von Aussagen verstanden werden, mittels derer die Realität oder ein Ausschnitt der Realität beschrieben oder erklärt werden kann und die ein mögliches prognostisches Potential beinhalten (Astleitner 2011: 21-13, 75). Diese können durch Vorannahmen, Prämissen und Gesetzesaussagen definiert sein und sind dezidiert auf ihren Gegenstandsbereich festgelegt, in dem sie wirksam sind (Astleitner 2011: ebd.). Ihre Aufgaben umfassen die Exploration neuer Phänomene, als Selektionsmechanismen der Wahl von erklärenden Variablen oder zur Validierung von den jeweils genutzten Messinstrumenten (Astleitner 2011: 39-47).

Im Verhältnis zu Alltagstheorien stehen Wissenschaftstheorien darin begründet, aufgrund ihrer Formalität und stetigen kritischen Prüfung und Messung an der empirischen Wirklichkeit, eine besonders geartete Erklärungsvalenz zu liefern (Astleitner 2011: 23ff). Im deduktiv-nomologischen Verständnis, geprägt durch Karl Popper, wird angenommen, dass Erkenntnis nicht sicher erlangt werden kann, weshalb es nicht darum geht, einer Theorie ultimativen Wahrheitswert anzurechnen, sondern sie vielmehr als probabilistische Annäherung an die empirische Wirklichkeit zu verstehen (Astleitner 2011: 20). Theorien sind daher immer idealisiert und unvollständig und müssen stetig unter Einhaltung bestimmter Kriterien geprüft werden (Astleitner 2011: 23ff, 48ff). Die Mannigfaltigkeit von Theorien, deshalb der Plural, liegt also darin begründet, dass sie zum einen nie als ultima ratio gelten können um ein Phänomen zu erklären, zum anderen zeigen sich, gerade in den Sozialwissenschaften, die Gegenstandsbereiche derart heterogen, dass Theorien in verschiedene Arten unterteilt werden, die ihren Fokus auf Personen, Umweltmerkmalen, prozessualen Vorgängen, Systemannahmen, Technologie legen oder als Wissenschafts- bzw. Metatheorien die Geeignetheit von bestimmten Theorien und deren Genese zu diskutieren versuchen (Astleitner 2011: 70-100).

Im Rahmen erkenntnistheoretischer Fragestellungen, die sich vor allem im Rahmen des „Außenproblems“ ergeben, nach welchem die Erkenntnisfähigkeit des Subjekts in Bezug auf dessen zugrundeliegende Außenwelt Bestandteil der Diskussionen ist, lassen sich Konfliktlinien in einem Grundlagenstreit zwischen Empiristen und Rationalisten im 17. und 18. Jhdt. abzeichnen (Meidl 2009: 15-16). Die Frage danach, ob Erkenntnis aus den sinnlichen Erfahrungen im Realen, wie bei David Hume, oder aus metaphysischen apriori-gegebenen Wissen im Idealen, wie bei Spinoza oder Leibniz, sich ableiten lassen könne, mündete in Kants Bestreben, das Subjekt in den Vordergrund zu stellen. Das Potential von Rationalität und die Bedingtheit sinnlicher Erfahrungen im Subjekt, machten ebendieses zum Ausgangspunkt der Frage nach begründetem Wissen (Meidl 2009: 17-23). Die Unsicherheit von absolutem Wissen, auch und gerade in der Soziologie, die immer subjektgebunden thematisiert werden muss, weist der Erkenntnistheorie einen besonderen Platz in der Theoriegenese zu, die nicht von theoretischen und empirischen Wissenschaften entkoppelt werden kann, da sie die Beschränktheit von Erkenntnis metatheoretisch zur Disposition stellt (Meidl 2009: 29).

Diese erkenntnistheoretischen Prämissen und Streitpunkte prägen bis heute das Selbstverständnis der Soziologie. Ihr eigentümlicher Gegenstandsbereich muss dabei strikt von dem Gegenstandsbereich anderer Wissenschaften, wie den Naturwissenschaften, getrennt werden. Während in den Naturwissenschaften der Gegenstand die relativ objektive, gegebene Welt ist, die anhand von nomothetischen Aussagesystemen in eine theoretische Form integriert werden kann, die universale Gesetzmäßigkeiten, Kausalrichtungen, sowie präskriptive Vermutungen zulässt und durch experimentelle Prüfungen und Versuche die Möglichkeit der systematischen Bestätigung zulässt, sind sozialwissenschaftliche Theorien und Aussagen dadurch geprägt, dass sie eben keinerlei Einheit und Universalität für sich beanspruchen können. Die Objekte der Soziologie sind hier nämlich Subjekte und Kosubjekte, die sich durch Reflexivität auszeichnen. Außerdem, und dies ist ein wichtiger Punkt, zeichnet sich die Theoriebildung in der Soziologie dadurch aus, dass der Forscher in gewisser Weise selbst Bestandteil der sozialen Welt ist, die er untersucht. Theorien und Begrifflichkeiten, die sich auf ein soziales, heterogenes, dynamisches und reflexives Feld beziehen, werden von Akteuren erstellt, die selbst in Gefahr stehen, durch ihre soziale Prägung und instiutionalisierte Ideologie Verzerrungen hervorzurufen. Die kritische Veränderung von wissenschaftlichen Diskursen im Bereich der Sozialwissenschafte,n ist bereits durch eigene Soziolekte und Klassifikationsschemen gekennzeichnet, weshalb Soziologie, im Verhältnis zur Naturwissenschaft, um einiges stärker von der Reflexion ihrer eigenen Aussagensysteme und Konstrukte betroffen ist, als die Naturwissenschaft, der ein geeigneter empirischer Rahmen zur Verfügung steht, um ihren Aussagensystemen stärkere „objektive“ Geltungskraft zu verleihen (Zima 2004: 80ff, Habermas 1982: 73).

2.2 Objektivität und Distanz als Ideal des Forschers

Die scheinbare Unmöglichkeit, das Ziel objektiver Beobachtung in der Soziologie zu erreichen, wurde von Husserl aufgenommen. Mit der Hinterfragung von aprioristischen Voraussetzungen in der Wissenschaft, stellte diese sich gegen einen Objektivismus, mit dem er auch das Leitbild der Vernunft, dass die Wissenschaft prägte, kritisch hinterfragte (Meidl 2009: 60). In seinem phänomenologischen Ansatz wird daher das Subjekt, ähnlich wie bei Kant, in den Vordergrund gestellt, und danach gefragt, wie diese Subjekte eigentlich in ihrer Lebenswelt eingebunden sind, und sich imstande zeigen, jene zu verstehen und zu interpretieren (Meidl 2009: 75). Erst eine genaue hermeneutische Analyse subjektiver Vorbedingungen könne einen Einblick darin geben, wie Fragen der Ontologie im Kontext der Lebenswelt verarbeitet werden, und wie es dadurch im Subjekt dazu komme, mit Prämissen naturalistischer, technizistischer und psychologistischer Herangehensweise Phänomene zu untersuchen, aus denen sich die Vorstellung ergebe, dass die äußere Welt, mithilfe metaphysischer Implikationen eines nomothetischen Wissenschaftsverständnisses, objektiv greifbar zu machen wären. So sei etwa auch der Aspekt der Kausalität keine objektive Beobachtung, sondern ein subjektives Herantragen von Vorstellungen, nach denen die äußere Welt durch entkomplexisierte Gesetzmäßigkeiten adäquat beschrieben werden könne (Meidl 2009: 79).

Popper hingegen versucht das Objektivitätsproblem durch seinen kritischen Rationalismus zu lösen. In diesem wird eine potentielle Rationalismusdogmatik, im negativ konnotierten Sinne erkannt, aber auch gleichzeitig anerkannt, da es sich bei ihr um das (momentan) probateste Mittel handle, um einen an den Naturwissenschaften angelehnten nomothetischen Ansatz zur Erklärung des Sozialen zu verwirklichen (Meidl 2009: 104-106). Wie bereits beschrieben, wendet sich Popper gegen jede Vorstellung einer endgültigen Fähigkeit, allgemeine Gesetze in Natur oder der Welt des Sozialen zu beweisen, weshalb diese Gesetzmäßigkeiten auch nur vorläufigen Hypothesencharakter tragen (Meidl 2009: 113). Stattdessen soll und kann sich die Wissenschaft der Wirklichkeit nur annähern und nicht letztlich vollständige Faktizität beanspruchen. Um geeignete Hypothesen und Theorien im wissenschaftlichen Kontext zu entwerfen, die einen gesetzmäßigen und gültigen Charakter bergen, müssen diese stetig von der wissenschaftlichen Community kritisch geprüft werden. Da ja diese nun nicht verifiziert werden können, soll daher stattdessen mit der Methode des systematischen Falsifikationismus versucht werden, die Theorien und Hypothesen zu widerlegen. Wenn diese sich ab einem gewissen Punkt nicht mehr widerlegen lassen, können sie vorläufig als das temporär gültigste Mittel zur Erfassung der Wirklichkeit gelten, bis sie schließlich irgendwann falsifiziert und durch eine probatere Theorie ersetzt werden (Meidl 2009 115). Popper löst das Objektivitätsproblem also dadurch, nicht von Objektivität der Betrachtung auszugehen, sondern die Annäherungsformen an den (sozialen) Gegenstand wissenschaftlich auf ihre Tauglichkeit hin zu prüfen.

2.2.1 Emile Durkheim – Soziales als Dinge

Exemplarisch als Klassiker der Soziologie versuchte Emile Durkheim soziale Phänomene der objektiven Betrachtung, Beschreibung und Erklärung zugänglich zu machen. In seinen „Regeln der soziologischen Methode“ elaboriert er eine naturwissenschaftlich angelehnte Herangehensweise an die soziale Welt, indem die vorliegenden Phänomene als Dinge betrachtet werden müssen. Ziel müsse es laut Durkheim sein, diese aus einer Begriffswelt herauszulösen und möglichst entbunden vom Subjekt als Dinge der Außenwelt wahrzunehmen. Um eine objektive Annäherung zu erreichen, müssen Vorannahmen, die in Begriffen und Denkkonventionen verborgen liegen, ausgeschaltet werden (Durkheim 2002: 118, 125/126, 128). Damit betont die Regel der soziologischen Methode die Machbarkeit objektiver Betrachtung des Sozialen; dies heißt nun nicht, dass Akteure nicht in soziale Phänomenen eingebunden wären, allerdings sei es trotzdem möglich, durch Reflexion, Feststellung der Dinghaftigkeit der Phänomene und Eliminierung von Alltagsbegriffen zugunsten wissenschaftlicher Kategorien, vom subjektiven Stadium zum objektiven Stadium zu gelangen (Durkheim 2002: 127, 131). Dies bedeute daher auch, dass diese „Dinge“, oder um mit Durkheim zu sprechen soziale Tatbestände, die sich im individuellen Handeln äußern, von eben dieser Manifestwerdung abzukoppeln seien, um sie schließlich losgelöst von subjektiven Verzerrungseffekten zu klassifizieren (Durkheim 2002: 138/139).

Hier konstatiert Durkheim ganz klar, in Anlehnung an die nomothetische Naturwissenschaft, dass der Forscher seine Perspektive kritisch zu adaptieren habe, um sich dem Sozialen objektiv nähern zu können. Diese Vorstellung wird innerhalb eines Passus der „Regeln der soziologischen Methode“ offensichtlich. Dort heißt es „(...) Regeln sollen helfen (eine) Soziologie zu gestalten, die die wesentliche Bedingung eines jeden Lebens in der Gemeinschaft im Geiste der Unordnung erblickt und diesen Geist auf Vernunft und Wahrheit gründen (...)“. Das Soziale realisiere sich als Zustand von funktionierender Ungeordnetheit, in dem der Soziologe seine Aufgabe sehe, diese scheinbare Unordnung mithilfe der objektiven Methode wissenschaftlich zu erforschen und die wirkenden Mechanismen des Sozialen als Dinge (choses) zu katalogisieren (Durkheim 2002: 204).

2.2.2 Georg Simmel – Die Figur des Fremden

Simmels Idealbild des Soziologen wird am besten in seiner Figur des „Fremden“ versinnbildlicht. Er beschreibt ihn in seinem Exkurs über den Fremden als den potentiell Wandernden, der „heute kommt und morgen bleibt“ (Loycke 1992: 9). Der Fremde ist damit zwar räumlich fixiert, gleichzeitig gehört er aber nicht vollständig in diesen Raum hinein. Der Raum und die Position des Fremden sind damit nicht kongruent, vielmehr bringt der Fremde eigene Qualitäten mit den Raum hinein, in den er nicht hineingehört. Er erscheint als „der Gast, der bleibt“ (Loycke 1992: 9).

Das grundlegende Charakteristikum erscheint im Umstand, dass der Fremde ein Element der Gruppe sein kann. Beispielhaft nennt Simmel hier den Händler in der Stadt. Die idiosynkratische Eigenschaft der Beweglichkeit lasse den Fremden nun mit jedem einzelnen Element und Akteur in Berührung kommen, allerdings sei er durch seine Objektivität, die sich aus der Ferne und gleichzeitiger Nähe bestimme, mit keinem Bestandteil des sozialen Raumes, in dem er sich bewegt, fest verbunden (Loycke 1992: 10-11). Objektiv sei der Fremde daher, dass er, trotz der Teilnahme am sozialen Leben, sich in der Lage sehe, individuell-subjektive Verzerrungen in der Betrachtung auszuschalten, da er eine beobachtende Distanz einzunehmen imstande ist (Loycke 1992: 12). In den sozialen Verbindungen oder Figurationen sei dieser nur in allgemeiner, aber nicht in spezifisch-individueller Art eingebunden. Daraus ergibt sich, dass der Fremde in der Lage sei, sein Umfeld und auch sich selbst und seine Reaktionen auf das Umfeld quasi aus einer Beobachterperspektive wahrzunehmen, da er sich in keiner der Positionen, in denen er fixiert sei, tatsächlich subjektiv integriert fühle (Loycke 1992: 13, 110/111).

Simmels Bild des Fremden bietet damit soziologischen Grundlagenstoff: der Fremde kann so als archetypische Figur verstanden werden, die sich als „marginal-man“ in einer unscharfen sozialen Welt zurechtfinden muss, wie sie bspw. in der Migrations- und Stadtsoziologie aufgenommen wird. Außerdem kristallisiert sich hier das Porträt eines Forschers heraus, der sich, um soziale Wechselwirkungen möglichst genau beschreiben und erklären zu können, die Position des Fremden in der Welt zu eigen machen muss, in die er ja auch als sozialer Akteur eingebunden ist. Erst durch die Selbstpositionierung als „marginal-man“ ist der Soziologe damit der potentiell objektivere und freiere Beobachter (Loycke 1992: 110/111).

3. Die kritische Theorie und das Ethos des aktiven Eingreifens in die Welt

Im 1924 in Frankfurt am Main eröffneten Institut für Sozialforschung erhielt die Soziologie eine, durch den Marximus beeinflusste, kritische Färbung, namentlich unter den bekanntesten Vertretern Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas, die unter dem Begriff der Frankfurter Schule bekannt wurden, und das Unternehmen starteten, die Soziologie als Kritik und Aufklärungswissenschaft zu etablieren (Walter-Busch 2010: 13). Die kritische Theorie, die 1937 von Horkheimer geprägt wurde, stand ursprünglich für eine bestimmte Form und Lesart des Marximus, mit dessen theoretischen Grundlagen soziale, ökonomische und politische Probleme zu überwunden versucht wurden (Joas/Knöbl 2004: 295). In einer eigenen Selbstverortung und Zielsetzung des Frankfurter Kreises im Jahr 1931 standen vor allem die Gesellschafts- und Wahrheitsbezogenheit, sowie die Loslösung der Wissenschaft von kapitalistischen System- und Sachzwängen im Vordergrund (Bonß/Schindler in Bonß/Honneth 1982: 34/35). Geprägt wurde dieser kritische Impetus, vor allem im deutschen Raum, durch die Geschichte der Aufklärung unter Kant, unter deren Einfluss linke Bewegungen die Verknüpfung des Wahrheitsbegriffs mit marktlich-staatlich fundierten Interessen und Herrschaftsformen unter Generalverdacht stellten (Foucault 1992: 20/22). Der Kritikbegriff war damit auch immer wissenschaftsintern angewandt. Mit Bezugnahme auf Husserls Phänomenologie postulierte Adorno die reflexive, demnach selbstbezogene Kritik, als stetige Aufgabe der epistemischen Wissenschaft, während Horkheimer die Notwendigkeit praktischer Veränderungen zum Banner der kritischen Theorie machte (Meidl 2009: 84/85).

Gemeinsam ist der kritischen Theorie: 1. dass sie den Objektivismus, und damit die optimistische, wissenschaftsgläubige Zukunftssicht des Positivismus, ablehnte. Den Akteuren der Frankfurter Schule zufolge, sei eine wertneutrale Tatsachenwissenschaft nicht nur unmöglich, sondern auch höchst problematisch. Wenn die Wissenschaft nur versuche, die Welt zu beschreiben, unterwerfe diese sich selbst einem herrschaftsstabiliserenden Idiom, nach dem die Dinge unveränderlich so seien, wie sie wahrgenommen würden (Meidl 2009: 62, 86ff).

2. geht damit eine weitläufige Kritik am Vernunftbegriff innerhalb der Wissenschaft einher. Der Begriff der Vernunft wird nicht in einem moralisierenden Fortschrittsgedanken verstanden, sondern als ein Versuch, der Eliminierung der Frage nach Wahrheit zugunsten einer Instrumentalisierbarkeit und damit Beherrschbarkeit der Natur. Innerhalb naturalistischer und positivistischer Semantiken und Methoden würden, laut der kritischen Theorie, technokratische Herrschaftsschablonen unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Wahrheitsfindung stabilisiert (Meidl 2009: 88/89, Joas/Knöbl 2004: 92).

3. wird kritische Theorie oft so verstanden, dass es zu einem Bruch zwischen Teilnehmer und Beobachter käme. Letztere habe, als kritischer Forscher, die Möglichkeit, hinter die Verblendungszusammenhänge von kapitalistischen und technokratischen Sachzwängen zu blicken, und diese durch Reflexivität der Veränderung zugänglich zu machen (Celikates 2009: 27/28). Kritische Theorie kann daher, zusammengefasst, unter der Facette Ideologiekritik, als Kritik an scheinbaren (wissenschaftlichen semantischen) Wahrheiten, beschrieben werden (Celikates 2009: 27).

3.1 Max Horkheimer als Gründungsvater der Frankfurter Schule

Als Galionsfigur und Begründer der kritischen Theorie steht Max Horkheimer für sich. Bereits in seinen früheren Schriften, die sehr essayistisch und novellenartig angelegt sind, schimmert Horkheimers Ablehnung einer arbeitsteilig organisierten und auf Zweckmäßigkeit ausgerichteten Industriegesellschaft durch, die er mit einer Instanz höherer Wahrheit kontrastiert, und so einen Gegenentwurf zur realen, kapitalistischen Sachzwanglogik schafft (Walter-Busch 2010: 42). Seine kritische Ausrichtung mündete schließlich im Forschungsprogramm der Frankfurter Schule, deren Problemfelder in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift für Sozialforschung herausgestellt wurden. Das Ziel war es, mit sozialpsychologischen und marxistisch-orientierten Grundlagen einen Theorieentwurf zu schaffen, um einen geeigneten Rahmen zur Analyse der modernen Gesellschaft zu bieten. Diese zeige sich, laut Horkheimer, von kapitalistischen Logiken und wirtschaftlichen Verstrickungen durchdrungen, wodurch reale Herrschaftsverhältnisse verdeckt blieben, was es nötig mache, diese Verhältnisse aufzudecken um so den Boden für die aktive Veränderung der sozialen Problemlagen zu bieten (Walter-Busch 2010: 47-50).

Ihre Werkzeuge fand die, seit 1937 so benannte, kritische Theorie in der Dialektik, angelehnt an Hegel und Marx. Vorherrschend für Horkheimer und auch Adorno war das Verständnis, gesellschaftliche Probleme wie Herrschaft, Ausbeutung, Verelendung und Fragen der Klassenverhältnisse, Profit und Mehrwertgenerierung, dadurch zu lösen, ein dialektisches Bewusstsein des Menschen in der Gegenwart zu fördern, um die Durchdringung der bestehenden Herrschaftsgegensätze durch die Bildung von Thesis und Anthithesis analytisch wieder aufzunehmen (Walter-Busch 2010: 52). Mit einer Betonung des an Marx angelehnten Materialismus von Ökonomie und Produktivkräften, den inneren Widersprüchen und Realitäten kapitalistischer Strukturen, sowie den daraus resultierenden Zwängen und Ungleichheiten, sollten eben diese Machtstrukturen innerhalb der Bürgerlichkeit, bürgerlicher Ideale und wissenschaftlicher Begriffe wie Vernunft und Objektivität reflexiv durchdrungen werden (Walter-Busch 2010: 54-72). Wissenschaft wurde in der kritischen Theorie damit nie als Neutrum verstanden, sondern als Ideologie der Verfügbarmachung der Natur und der Implementierung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in den kapitalistischen Produktions- und Akkumulationsprozess. Reine Erkenntnis sei damit eine Illusion weshalb die kritische Theorie es zur Aufgabe habe, sowohl in Theorie als auch in Praxis den Kampf um eine vernünftige und aufgeklärte Gesellschaft aufzunehmen (Walter-Busch 2010: ebd).

3.2 Theodor W. Adorno – Kritik durch Dialektik

Horkheimers Schriften lassen sich vornehmlich mit der Zusammenarbeit von Theodor W. Adorno verbinden, innerhalb derer, im wohl bekanntesten Gemeinschaftswerk, nämlich die „Dialektik der Aufklärung“, das Modell der Dialektik geprägt, sowie ein kritischer, modernitätsskeptischer, jedoch auch pessimistischer Grundton dominierend wird.

Das Modell der Dialektik versteht Adorno nicht tendenziös als reine dogmatische Schablone. Vielmehr weist er darauf hin, dass System und Einzelheit reziprok sind und somit nur in ihrer Reziprozität, also auch in ihren Widersprüchen und Antithesen zu erkennen seien (Bonacker 2000: 136ff). Soziale Phänomen müssen in der Soziologie in ihrer Vielschichtigkeit aufgedeckt werden (Meidl 2009: 132, Müller-Doohm in Kaesler 2006: 57, Bonacker 2000: 135). Einen besonderen Punkt nimmt hierbei das Verstehen gesellschaftlicher Verhältnisse im Hinblick auf Herrschaft und soziale Ungleichheit ein. Interessant für Adorno und die Kritische Theorie ist demnach prinzipiell die Frage, über welche Mechanismen und Verschleierungsprozesse Herrschaft generiert wird und in der Realiät auftritt, was es notwendig mache, den Einfluss von Makro- auf Mikrostrukturen und vice versa nachzuzeichnen (Müller-Doohm in Kaesler 2006: 58). Mit dem Mittel der Dialektik, die auch als kritisch-reflexives Moment auf sich selbst wirken müsse, wird die innerliche Konsistenz von Sozialtheorien stetig in Frage gestellt, die nur Ausschnitte oder Oberflächenphänomene von Gesellschaften erfassen würden und so nicht in der Lage seien, die gesellschaftliche Ganzheit und die darin implizierten Systemzwänge zu begreifen (Müller-Doohm in Kaesler 2006: 59, Bonacker 2000: 136). Um dies zu erreichen, müssen eigene Erfahrungen gedeutet und begrifflich stets reflexiert werden (Bonacker 2000: 137). Aus dieser Verständnisweise von Soziologie, die sehr stark vom philosophischen Grundstock Adornos geprägt ist, resultiert auch eine fundamentale Kritik an den Methoden der Sozialwissenschaft deren blinder Fleck darin liege, gesellschaftliche Interdependenzen nicht erfassen zu können, und nur darauf ausgerichtet seien, Gesellschaft portionsweise verfügbar zu machen (Bonacker 2000: ebd).

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Details

Seiten
28
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656249320
ISBN (Buch)
9783656253006
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198636
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,3
Schlagworte
kritik krise eine diskussion möglichkeit theorie vorzeichen postmoderne konstruktivismus

Autor

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Titel: Kritik in der Krise