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Das Frauenbild in der französischen Literatur der Aufklärung

Hausarbeit 2009 20 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Vorwort

1. La Querelle des Femmes
1.1 Die Entwicklung bis zum 18. Jahrhundert
1.2 La Querelle des Femmes im Siècle des lumières

2. CharlesLouis de Secondat, Baron de la Brède et de Montesquieu
2.1 Kurzbiographie
2.2 Das Frauenbild Montesquieus
2.3 Das Frauenbild in den Lettres persanes

3. Resümee

4. Quellen

0. Vorwort

Seit dem Mittelalter wird die Frau in literarischen Texten gemäß dem Idealbild der tugendhaften Jungfrau Maria als heilige, engelhafte Figur dargestellt. Andererseits ist sie als Eva der Schöpfungsgeschichte die Trägerin der Erbsünde und somit als lasterhaft und wenig intelligent verschrien. Sie ist dem Mann eine Dienerin und nie die ihm gleichberechtigte Partnerin.

Die vorliegende Arbeit soll sich mit dem Frauenbild in der französischen Literatur der Aufklärung beschäftigen und untersuchen, ob das seit dem Mittelalter geprägte Bild der Frau weiterhin bestehen blieb oder sich zugunsten der Frau und deren Gleichberechtigung veränderte.

Bedeutete die Infragestellung althergebrachter Dogmen im religiösen, politisch-sozialen sowie ökonomischen Bereich zugleich ein Überdenken der Rolle der Frau? Wirkte sich das neue égalité - und Toleranzdenken auch auf die Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft sowie auf deren Bild in der französischen Literatur aus? Brachte das Siècle des lumières, wie das Zeitalter der Aufklärung in Frankreich noch bezeichnet wird, auch ein Licht der Hoffnung für die Frauen mit sich?

Zur Beantwortung all dieser Fragen richtet sich das Augenmerk zu Beginn der Arbeit auf die über Jahrhunderte währende Querelle des Femmes[1] - den Streit um die Frauen -, deren Entwicklung bis zum 18. Jahrhundert, deren Entwicklung im 18. Jahrhundert sowie den dabei propagierten Weiblichkeitskonzepten in der französischen Literatur. Im Anschluss daran soll ein Weiblichkeitskonzept - das Frauenbild in den 1721 erschienenen Lettres persanes von Charles-Louis de Secondat, Baron de la Brède et de Montesquieu - näher betrachtet werden.

Ein Resümee wird abschließend die wichtigsten Erkenntnisse dieser Arbeit nochmals aufgreifen und versuchen, die im Vorwort aufgeworfenen Fragen zu beantworten.

1. La Querelle des Femmes

1.1 Die Entwicklung bis zum 18. Jahrhundert

Der Terminus Querelle des Femmes ist eine Schöpfung des 20. Jahrhunderts und bezeichnet einen mehrere Jahrhunderte umfassenden Geschlechterstreit „um die Besetzung eines imaginaire, eines ‚Vorstellungsraums‘ von Männlich und Weiblich, von Geschlechterhierarchien, und um Positionen in den entsprechenden Domänen der jeweils aktuellen Diskussion.“[2] Je nach Epoche variierte die inhaltliche Schwerpunktsetzung. Themen wie die Anthropologie der Geschlechter, das Verhältnis von Geschlecht und Moral, von Geschlecht und Intellekt sowie dem Machtverhältnis zwischen Mann und Frau wurden jedoch in jeder Epoche aufgegriffen.

Erste Zeugnisse des Streits um die Frau lassen sich schon in den literarischen Werken des Spätmittelalters (14. Jahrhundert) finden. Aus dieser frühen Phase der Querelle des Femmes sind nur misogyne, d.h. frauenfeindliche Schriften von Männern überliefert, die auch nach 1500 quantitativ vorherrschend blieben. Die erste in die Debatte intervenierende Frau war die franko-italienische Schriftstellerin Christine de Pizan, die mit der Epistre au Dieu d’Amours (1399), dem Korpus ihrer Streitschriften gegen den Roman de la rose (1400-1402) und dem Livre de la Cité des Dames (1404/1405) „ […] die eigentliche Querelle, verstanden als streitbarer Dialog der Geschlechter, beginnen läßt.“[3] In ihren Schriften, die als erster Höhepunkt des Geschlechterstreits gelten, wehrte sich Christine de Pizan gegen die von Männern verfassten frauenfeindlichen Schriften des 14. und des beginnenden 15. Jahrhunderts, um somit die weibliche Ehre vor Verunglimpfungen und Obszönitäten zu schützen. Seitdem setzten sich die Autorinnen der Querelle für die Frau und die männlichen Autoren teils für, teils gegen sie ein. Ein Mann, der sich für die Frau einsetzte, war der französische Autor und Kleriker Martin Le Franc, der mit seinem Werk Champion de Dames (1440-1442) eine umfangreiche Verteidigungsschrift für die Frauen verfasste und darin deren Ausgrenzung aus dem öffentlichen politischen Leben beklagte.

Im weiteren Verlauf der Querelle des Femmes wurde die Ehe in der französischen Literatur zur idealisierten Lebensform für die Frau stilisiert. „Dies war eine Antwort auf misogame (ehefeindliche) Schriften, erschwerte aber auch, andere Frauenrollen in der Gesellschaft als die der Ehefrau und Mutter zu akzeptieren, etwa die der weiblichen Gelehrten, der Schriftstellerin oder Künstlerin im Hauptberuf.“[4] Auch die christliche Moralphilosophie verpflichtete die Frauen auf die Norm und Rolle der mulier domestica und den dazugehörigen ehelichen Aufgaben sowie dem Gehorsam gegenüber dem Ehemann. Die Bildung der Frau diente dabei der religiösen und moralischen Unterweisung mit dem Ziel der Verinnerlichung des untergeordneten Status sowie der hauswirtschaftlichen Pflichten.

Ihren zweiten Höhepunkt erreichte die Querelle des Femmes sodann im Jahr 1622 mit der Veröffentlichung von Marie Le Jars de Gournays Traktat Egalité des hommes et des femmes. Marie Le Jars de Gournay führt in diesem Werk erstmals das Konzept der Gleichheit der Geschlechter in eine Diskussion ein, die zuvor „[…] allein von den beiden Polen Überlegenheit und Unterlegenheit des weiblichen bzw. männlichen Geschlechts bestimmt war.“[5] So schreibt sie bezüglich der Gleichheit zwischen Mann und Frau:

„Wenn man es genau nimmt, ist das menschliche Wesen weder Mann noch Frau: das unterschiedliche Geschlecht ist nicht dazu da, einen Unterschied in der Art herauszubilden, sondern es dient lediglich der Fortpflanzung. Das einzige wesenhafte Merkmal besteht in der vernunftbegabten Seele.“[6]

Als gleichgesinnter Nachfolger Marie Le Jars de Gournays verfasste Poullain[7] de la Barre 1673 De l’Egalité des deux sexes. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die zur Verteidigung der Frau die Tugenden und Verdienste der Frauen quer durch die Geschichte, Mythologie und Religion an Beispielen zu belegen versuchten, unterzog Poullain de la Barre als Anhänger des Cartesianismus[8] alle bisherigen Vorstellungen weiblicher Inferiorität einem methodischen Zweifel. Mittels dieser Methode gelang er schließlich zu der These vom geschlechtslosen Geist. So argumentiert er, dass zwischen Frauen und Männern prinzipiell Gleichheit herrsche, da sie von Natur aus gleichermaßen mit Vernunft begabt sind. Erst die Herausbildung des Rechts des Stärkeren führte zu einer Benachteiligung und Unterdrückung der Frau: „(…) elles (les femmes; L.S.) n’ont été assujetties que par la loy du plus fort et (…) ce n’a pas esté faute de capacité naturelle ni de merite qu‘elles n’ont point partagé avec nous ce qui élève nostre Sexe au dessus du leur.“[9]

Dieser von Marie Le Jars de Gournay und Poullain de la Barre propagierte Gedanke der Gleichheit der Geschlechter wurde auch in weiten Teilen der Gesellschaft und der Kultur aufgenommen. Dabei kam es aber nicht zu einer Ausbildung einer eigenständigen weiblichen, gleichberechtigten Identität, sondern eher zu einer Angleichung der Frau an den Mann und einer Übernahme männlicher Eigenschaften durch die Frau, sodass Kunst und Literatur des 17. Jahrhunderts vom sogenannten Amazonenmodell beherrscht wurden. Jeanne d’Arc wurde zu einer weiblichen Identifikationsfigur der französischen Literatur. Adelige Frauen wurden als Amazonen dargestellt und „Traktate aus dem Kontext der Geschlechterdebatte wurden mit Gravuren zur Geschichte der Judith auf dem Titelblatt geschmückt.“[10] Auch der Mythos der Größe, der sich im Laufe des 17. Jahrhunderts verbreitete, sowie die zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen trugen zu einer schrittweisen Vermännlichung der Frau bei. Sie wurden zu „Frauen mit männlichem Geist in einem weiblichen Körper.“[11]

Die starke, arbeitsame, kluge, tugendhafte und moralisch willensfeste Frau - die femme forte -, die ihre Unschuld als höchstes Gut der weiblichen Ehre erfolgreich verteidigte, wurde somit zum Leitbild des Adels und des Bürgertums im 17. Jahrhundert.

1.2 La Querelle des Femmes im Siècle des lumières

Mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts - dem Siècle des lumières - und dem Ende der absolutistischen Ära unter Louis XIV begann auch „eine Epoche des Umbruchs, in der das Wesen des Menschen neu reflektiert [wurde].“[12] Der Naturbegriff wurde zum zentralen Terminus des Jahrhunderts und die menschliche Natur zum Hauptuntersuchungsgegenstand. Den Unterschieden der Geschlechter wurde auf weitreichende Art und Weise anthropologische Tiefe verliehen, die Frau wurde normiert und ihre Natur erhielt in dem anthropologischen System eine genau definierte Stelle. Das religiöse Weltbild und das damit in engem Zusammenhang stehende Denken, dass die Frau dem Mann untergeordnet sei, verloren an Gültigkeit. Die gesellschaftliche Rolle der Frau trat stärker in das allgemeine Bewusstsein. Frauen wie Mme de Châtelet, Mme de Graffigny, Mme Riccoboni, Mme de Lambert, Julie de Lespinasse und Mme de Genlis wurden zunehmend in die intellektuelle Öffentlichkeit integriert. Sie führten Salons, in denen sich die geistige Elite traf. Denker der Epoche waren ihre Gesprächs- und Briefpartner. Sie schrieben wissenschaftliche Traktate, Romane sowie Erziehungsprogramme und übersetzten.

Dennoch führte diese scheinbar positive Entwicklung nicht zur gesellschaftlich als auch politisch anerkannten Gleichheit und Gleichberechtigung von Mann und Frau. Das 18. Jahrhundert war im Gegensatz dazu „[…] das Zeitalter der Herausbildung und Dissoziation von Geschlechtscharakteren, […] die Epoche, in der die ideologischen und institutionellen Weichen gestellt wurden für den Ausschluss der Frau […] aus dem öffentlichen Leben.“[13]. Es entstand ein Bild von der weiblichen Natur, das alle Ausgrenzungen der Frau und jegliches Inferioritätsdenken als natürlich denkbar werden lässt. Sozialgeschichtlich lässt sich diese Entwicklung mit der bürgerlichen Produktionsweise erklären, deren Erfordernisse die Frau auf Arbeiten festlegten, „[…] die - außerhalb der gesellschaftlichen Produktion liegend - sie nicht am wissenschaftlich-technischen Fortschritt partizipieren [ließen] und folglich andere Fähigkeiten von ihr [verlangten], als dort gefordert.“[14] Neben der bürgerlichen Produktionsweise verpflichteten auch der neue Stellenwert, der den Kindern zukam sowie der im 18. Jahrhundert weitverbreitete Glaube an einen ökonomischen Fortschritt durch ein demographisches Wachstum die Frau auf die Rolle der Hausfrau und Mutter, welche sich in den privaten Bereich zurückzieht und dem Mann untergeordnet ist.

Diese realgeschichtliche, gesellschaftliche Stellung der Frau als dem Mann inferiore Hausfrau und Mutter sowie deren Natur wurden im Laufe des 18. Jahrhunderts zum allgegenwärtigen Objekt des literarischen und wissenschaftlichen Diskurses, sodass die Querelle des Femmes als Debatte um die Gleichheit der Geschlechter in der Zeit der französischen Aufklärung (1715-1789) wieder aufflammte.

Generell wurden von den Autoren und Wissenschaftlern der Aufklärung zwei gegensätzliche Positionen im Streit um die Frau vertreten. Diejenigen, die sich für die Frau einsetzten, versuchten, mit Hilfe ihrer Schriften den Status der weiblichen intellektuellen, sozialen und juristischen Inferiorität zu verändern. Ein jedoch weitaus größerer Teil der Aufklärer rechtfertigte mit Berufung auf die Komplementarität der Geschlechter und der physiologischen Determination der Frau deren Status und ihre Funktion für die bürgerliche Kernfamilie und die Gesellschaft. Beispielhaft hierfür sind einige Artikel (u.a. FEMME, MARIAGE und SEXE) der Encyclopédie ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers von Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert.

Zunächst drehte sich die aufklärerische Diskussion um die Frage der intellektuellen Kapazität der Frau und deren Teilhabe am menschlichen Fortschritt. Die Streiterinnen und Streiter für die Sache der Frau machten sich das aufklärerische Gleichheitspostulat zu eigen und stützten ihre Forderung nach Anspruch auf Teilhabe am menschlichen Fortschritt mit Argumenten der Aufklärung sowie durch ihre eigene Praxis als Wissenschaftlerin. Desweiteren griffen sie in ihrem Kampf Poullain de la Barres These vom geschlechtslosen Geist wieder auf und spezifizierten sie auf die Rolle der Frau in den Wissenschaften. So publizierte Florent de Puisieux unter anderem das Werk La femme n’est pas inférieure à l‘homme (1750) von einer englischen Autorin, die sich darin dafür ausspricht, dass der Verstand geschlechtslos und somit die Denktätigkeit beider Geschlechter gleich sei. Sie wehrte sich dagegen, die Spezifik des weiblichen Körpers zum beherrschenden Merkmal der Frau zu machen. Wie auch bei den Männern gäbe es schwache und starke Frauen, sodass sich Frauen ebenso gut für viel Kraft erfordernde Arbeiten und zur wissenschaftlichen Tätigkeit eignen wie die Männer. Aus diesem Grund fordert sie, Frauen zu allen öffentlichen Ämtern zuzulassen. Auch Mme d’Epinay unterstützte in zahlreichen Briefen an die Denker der Zeit die Idee der Geschlechtslosigkeit des Geistes und der damit verbundenen intellektuellen Gleichheit zwischen Mann und Frau. Zudem sieht sie eine fundamentale Wichtigkeit von Bildung und Studien für das Glück der Frau, da sich deren Lage nur ändern kann, wenn man sie nicht mehr als Sklavin ihrer Gebärmutter ansieht, sondern als Opfer ihrer Erziehung und Bildung. Denn: „Force physique, caractère, et puissance intellectuelle seraient identiques chez l’homme et la femme, si la société et l’éducation ne se mêlaient pas de les distinguer.“[15] Die Frau wird nach Ansicht Mme d’Epinays nicht als Frau geboren, sondern durch die Gesellschaft und die Erziehung dazu gemacht.

Im Gegensatz zu den Autoren, die sich für die Frau einsetzten und sich gegen eine physiologische Determination aussprachen, nahmen die Vertreter männlicher Superioritätsvorstellungen die Spezifik des weiblichen Körpers zum Anlass, um eine geistige und moralische Unterlegenheit der Frau zu behaupten und ihr die Rolle als Hausfrau und Mutter zuzuordnen sowie eine wissenschaftliche Tätigkeit zu verwehren. Antoine-Léonard Thomas (Essai sur le caractère, les mœurs et l’esprit des femmes dans les différents siècles) und Pierre Roussel (Système physique et moral de la femme) zählen zu den Vertretern solcher Überlegungen zur weiblichen Inferiorität. Beide gehen in ihren Werken von der physiologischen Konstitution der Frau aus, um so deren intellektuelle Fähigkeiten zu bestimmen. Ihrer Meinung nach fehlt es der Frau aufgrund der natürlichen Schwäche ihrer Organe an der notwendigen Gründlichkeit und dem Willen zur Anstrengung, um zu den wahren Erkenntnissen vorzudringen. Zudem verfügt die Frau über eine sensiblere und raschere Wahrnehmung als der Mann und ist aus diesem Grund nicht in der Lage, größere Zusammenhänge zu erfassen, da sie von unmittelbaren Sinneseindrücken dominiert wird. Beide, Antoine-Léonard Thomas als auch Pierre Roussel, sehen damit die körperliche Konstitution der Frau und vor allem deren Sinneswahrnehmungen als Hinderungsgrund für bestimmte kognitive Leistungen. Nur der Mann mittels seiner körperlichen und geistigen Beschaffenheit vermag es, zu abstrahieren und größere Zusammenhänge zu verstehen. Die Empfindlichkeit des gesamten weiblichen Organismus führe desweiteren dazu, dass die Frau außerordentlichen Belastungen nicht gewachsen sei. Roussel warnt sogar vor übermäßiger körperlicher Anstrengung und dem noch gefährlicheren kontinuierlichen Studium.

„Bereits bei den Männern führe die »starke Anspannung der geistigen Kräfte« zu einer ungesunden Konzentration der Körpersäfte im Gehirn. Die Folgen seien »vapeurs«, eine Bezeichnung für angebliche Hysterie, d. h. für alle möglichen, nicht diagnostizierbaren, in erster Linie psychosomatischen Krankheiten.[…] Deshalb habe die Natur die Frauen mit einem gesunden Instinkt versehen, der sie mit großer Sicherheit an dem gefährlichen Abgrund der Wissenschaft vorbeiführe.“[16]

Durch das große Phantasievermögen, das Thomas der Frau zubilligt, neigt die Frau außerdem zu einer großen Anfälligkeit gegenüber Irrationalität und Aberglauben: „Les spectres, les enchantemens, les prodiges, tout ce qui sort des loix ordinaires de la nature, sont leur (des femmes; L.S.) ouvrage & leurs délices. Leur ame s’exalte & leur esprit est toujours plus près de l‘enthousiasme.“[17]

1772 kritisierte Denis Diderot in Sur les femmes den Essai sur le caractère, les mœurs et l’esprit des femmes dans les différents siècles von Antoine-Léonard Thomas und dessen neutrale, wissenschaftliche Distanz, die er als Autor zu seinem Gegenstand (den Frauen) einnahm, denn „[d]ie Unberechenbarkeit und Naturgewalt der Frau erlaubte keinen sachlichen Diskurs über sie.“[18] Das Thema Frau kann nach Diderot nur behandelt werden, sofern man über ihre Sexualität schreibt. Er führt jede Lebensäußerung der Frau auf deren Sexualorgane zurück. So bestimmt die Gebärmutter laut Diderot das gesamte Wesen der Frau, ihre Gedanken und ihre Erfahrungen. Sie ist ein leidenschaftliches und emotionales Wesen, das allein von der Gebärmutter geleitet wird. Jegliche weibliche, zivilisatorische Fortentwicklung wird, bedingt durch die Geschlechtlichkeit der Frau, verhindert, sodass die Frau für immer in einem Zustand ursprünglicher Wildheit verbleiben wird und nicht empfänglich für die moralischen Werte der Menschheit sein wird.

Der Streit um die intellektuelle Kapazität der Frau und inwiefern diese zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten befähigt sei, wurde in der späteren Aufklärung durch die Diskussion um das Gefühl und Gemüt der Frau abgelöst. Der Streit um die moralische Kompetenz beider Geschlechter bestimmte die Querelle des Femmes in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Im Zuge dessen wurde Jean-Jacques Rousseaus Konzept des moralischen Geschlechts zum Leitbild des gesamten Frauenstreits.

[...]


[1] Der Terminus Querelle des Femmes ist hinsichtlich seiner sprachlichen Gestalt mehrdeutig: In der Nominalkonstruktion kann der Genitiv sowohl einen Genitivus subjectivus (Streit der Frauen) als auch einen Genitivus objectivus (Streit um die Frauen) meinen, und somit können Frauen sowohl Subjekte als auch Objekte der Debatte sein. (vgl. Bock / Zimmermann 1997, S. 10)

In der vorliegenden Arbeit soll die Querelle des Femmes immer als der „Streit um die Frauen“ verstanden werden.

[2] Bock, Gisela / Margarete Zimmermann: „Die Querelle des Femmes in Europa. Eine begriffs- und forschungsgeschichtliche Einführung“, in: ders. (Hgg.): Querelles. Jahrbuch für Frauenforschung 1997. Band 2. Die europäische Querelle des Femmes. Geschlechterdebatten seit dem 15. Jahrhundert. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 1997, S. 16.

[3] Bock, Gisela / Margarete Zimmermann: „Die Querelle des Femmes in Europa. Eine begriffs- und forschungsgeschichtliche Einführung“, a. a. O., S. 20.

[4] Schmale, Wolfgang: Geschichte Frankreichs. Stuttgart: Ullmer, 2000, S. 165.

[5] Grimm, Jürgen (Hrsg.): Französische Literaturgeschichte. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 52006, S. 161.

[6] Marie Le Jars de Gournay: Gleichheit der Männer und Frauen. Zitiert nach: Schmale, Wolfgang: Geschichte Frankreichs. Stuttgart: Ullmer, 2000, S. 165.

[7] In der Sekundärliteratur wird sowohl die Schreibweise Poulain als auch Poullain verwandt.

[8] Cartesianismus : Die Philosophie von René Descartes und seinen Nachfolgern, die durch Selbstgewissheit des Bewusstseins, Leib-Seele-Dualismus und mathematische Rationalität gekennzeichnet ist.

[9] Poullain de la Barre: De l’égalité des deux sexes. Zitiert nach: Steinbrügge, Liselotte: Das moralische Geschlecht. Theorien und literarische Entwürfe über die Natur der Frau in der französischen Aufklärung. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler, 21992, S. 127.

[10] Schmale, Wolfgang: Geschichte Frankreichs. Stuttgart: Ullmer, 2000, S. 165/166.

[11] Schmale, Wolfgang: Geschichte Frankreichs, a. a. O., S. 166.

[12] Steinbrügge, Liselotte: Das moralische Geschlecht. Theorien und literarische Entwürfe über die Natur der Frau in der französischen Aufklärung. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler, 21992, S. 11.

[13] Steinbrügge, Liselotte: Das moralische Geschlecht. Theorien und literarische Entwürfe über die Natur der Frau in der französischen Aufklärung. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler, 21992, S. 11.

[14] Steinbrügge, Liselotte: Das moralische Geschlecht. a.a.O., S. 12.

[15] Badinter, Elisabeth (Hrsg.): Qu’est-ce qu’une femme? Un débat préfacé par Elisabeth Badinter. Paris : P.O.L, 1989, S. 42.

[16] Steinbrügge, Liselotte: Das moralische Geschlecht. Theorien und literarische Entwürfe über die Natur der Frau in der französischen Aufklärung. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler, 21992, S. 51.

[17] Thomas, Antoine-Léonard: Essai sur le caractère, les mœurs et l’esprit des femmes dans les différents siècles. Zitiert nach: Steinbrügge, Liselotte: Das moralische Geschlecht. a.a.O., S. 133.

[18] Steinbrügge, Liselotte: Das moralische Geschlecht. a.a.O., S. 59.

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656248859
ISBN (Buch)
9783656251125
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198529
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Frauenbild Aufklärung Literatur Montesquieu Lettres persanes

Autor

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Titel: Das Frauenbild in der französischen Literatur der Aufklärung