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Zwei finnische Kinder- und Jugendbuchautorinnen auf der Auswahlliste des Deutschen Jugendbuchpreises 1958

Annikki Setälä und Aili Konttinen

Forschungsarbeit 2012 42 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Gliederung

1 Ziele des Deutschen Jugendbuchpreises

2 Deutsche und finnische Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg
2.1 Deutschland
2.2 Finnland
2.3 Ausblick

3 Jugendliteratur nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Finnland
3.1 Deutschland
3.2 Finnland

4 Die Autorin Annikki Setälä
4.1 Der Vater
4.2 Die Mutter, Tante und der angeheiratete Onkel
4.3 Die Tochter Annikki Setälä
4.4 Annikk Setälä im Jahr 2012

5 Annikki Setälä: Irja tauscht Rentiere (Karhunkierros)
5.1 Inhalt
5.2 Struktur des Romans
5.3 Das Thema „Natur“ im Roman
5.4 Das Thema „Liebe“ im Roman
5.5 Rückblick nach 55 Jahren

6 Aili Konttinen

7 Aili Konttinen: Geh nicht fort Inkeri (Inkeri palasi Ruotsista)
7.1 Inhalt
7.2 Struktur des Romans
7.3 Das auktoriale Erzählverhalten

8 Wichtige Protagonisten
8.1 Inkeri
8 2 Inkeris Mutter
8.3 Inkeris Mama
8.4 Inkeris Vater
8.5 Die Pfarrfrau

9 Die Begegnung der beiden Mütter

10 Die Begegnung von Inkeri und Mama

11 Rückblick nach 55 Jahren

12 Thematologie

Im Herbst 2013 werden es 55 Jahre, dass erstmals zwei finnische Kinder- bzw. Jugendbuchautorinnen auf der Auswahlliste des Deutschen Jugendbuchpreises 1958 standen: Annikki Setälä mit „Irja tauscht Rentiere“ und Aili Konttinen mit „Geh nicht fort Inkeri“.

„Von einer Inger war Abschied genommen worden.

Eine Inkeri sollte abgeholt werden. …“[1]

„Wir haben in Finnland dringend Leute nötig, die etwas

von Ackerbau verstehen, besonders da die jungen

Forstmeister leichtfertig alle Wälder zerstören.“[2]

1 Ziele des Deutschen Jugendbuchpreises

Am 29. August 1955 wurde auf Erlass des Bundesministeriums des Inneren der BRD der Deutsche Jugendbuchpreis (heute: Deutscher Jugendliteraturpreis) gestiftet. Diese Aktion ist in einer Linie zu sehen, die sich seit der Gründung der BRD von 1949 in Bezug auf Kinder- und Jugendliteratur abzeichnete: Neue Verlage wurden gegründet, die Internationale Jugendbibliothek entstand 1947 auf Initiative von Jella Lepman und Erich Kästner, ein Jahr später etablierte sich die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlegern und 1955 wurde der Arbeitskreis für Jugendschriftentum (heute: Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V.) ins Leben gerufen, der u.a. den Deutschen Jugendbuchpreis ausrichtete.

Ein Motiv dafür war:

„Die deutsche Jugend solle aus der nationalen Enge und gefährlichen Verranntheit, in die sie die Nationalsozialisten auch literarisch geführt hatten, durch ein internationales Angebot an wertvollen, der Völkerverständigung dienenden Büchern herausgeführt werden.“[3]

Ein weiteres Motiv lag nach Doderer „in der Sorge um den Erhalt der literarischen Bildung der heranwachsenden ersten Nachkriegsgeneration.“[4]

Damit war der Fokus der zu prämierenden Büchern klar vorgegeben:

Die Internationalität sollte beachtet und gleichzeitig ein ansprechend hohes literarisches Niveau gewährleistet sein.

Berücksichtigt man die Besonderheit der Zweisprachigkeit in Finnland: Finnisch, Schwedisch und nimmt noch Marjaleena Lembcke hinzu, die in Kokkola geboren ist, aber seit vielen Jahren in Deutschland lebt, die deutsche Staatsangehörigkeit hat und in deutscher Sprache schreibt, so ergibt sich folgende Dreiteilung der Literatur, die zumindest auf der Auswahlliste bzw. Nominierungsliste des DJLP steht:

a. Romane mit Finnisch als Originalsprache:

* Geh nicht fort Inkeri (Inkeri palasi Ruotsista) von Aili Konttinen (1958)

* Irja tauscht Rentiere (Karhunkierros) von Annikki Setälä (1958)

* Fangboote klar! (Miesten meri) von Kurt Martti Wallenius (Text) und

Werner Kulle (Illustration) (1960)
* Ari aus Lappland (Poropoika) von Matti A. Pitkänen – Illka Pitkänen

(1984)
* Des chinesischen Kaisers fliegendes Pferd (Kiinan Keisarin lentävä

hevonen) von Irja Rane (1989)

* Tatu und Patu und ihre verrückten Maschinen (Tatun ja Patun oudot kojeet)

von Aino Havukainen und Sami Toivonen (2011)

b. Romane mit Schwedisch als Originalsprache:

* Winter im Mumintal (Trollvinter) von Tove Jansson (1968)

* Herbst im Mumintal (Sent i November) von Tove Jansson (1973)

c. Romane mit Deutsch als Originalsprache:

* Als die Steine noch Vögel waren von Marjaleena Lembcke (1999)

* Liebeslinien von Marjaleena Lembcke (2007)

2 Deutsche und finnische Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg

Aus der Betrachtung beider Länder Deutschland-West (BRD) und Finnland in den späten 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, ergeben sich durchaus politische Gemeinsamkeiten.

Dazu gehören auf alle Fälle ein, beziehungsweise mehrere verlorene Kriege in jüngster Vergangenheit, zerstörte Städte, Abtretungen von Ländern, Flüchtlinge, sowie die Lage an der Grenze zur UdSSR bzw. zu seinen direkten Verbündeten. Hatte Finnland an die UdSSR Teile von Karelien und das Porkkala-Gebiet abtreten müssen, so ist das ehemalige deutsche Staatsgebiet u.a. in zwei Staaten getrennt worden, die unterschiedlichen Ideologien angehörten.

2.1 Deutschland

Im Zentrum der BRD-Politik standen in den Anfangsjahren der Wiederaufbau und die Eingliederung der Flüchtlinge aus dem Osten in das westliche Staatsgebiet. Unterstützt wurde diese Politik vom Marshall-Plan der USA, der große Geldsummen zur Verfügung stellte, um die westlichen Länder und speziell die neu gegründete BRD auf ein wirtschaftliches Niveau zu bringen, das den USA in Folge einen ebenbürtigen Handelspartner ermöglichte. Damit war auch ein geplantes Abhängigkeitsverhältnis zu den USA geschaffen und Bundeskanzler Adenauer (CDU) hatte mit seiner Vertragspolitik die BRD fest in den Westen eingebunden.

2.2 Finnland

Anders sah es für Finnland aus. Hier existierte kein Marshall-Plan, sondern Finnland musste Reparationen an die Sowjetunion in Form von Gütern zahlen. Weiterhin bestand nach dem Einmarsch sowjetischer Soldaten in die Tschechoslowakei 1948 die ständige Befürchtung, dass Finnland ein ähnliches Schicksal erleben würde. Am 27.4.1948 wurden um Helsinki finnische Truppeneinheiten zusammengezogen und im Südhafen ankerten Kanonenboote. Am 29.April dieses Jahres sollte im finnischen Parlament über das finnisch-sowjetische Abkommen abgestimmt werden und man befürchtete gewalttätige kommunistische Demonstrationen. Dieser sog. FZB-Vertrag (Abkommen über F reundschaft, Z usammenarbeit und gegenseitigem B eistand) wurde richtungweisend für die finnische Politik der nächsten Jahrzehnte. Einerseits war Finnland jetzt zur Neutralität verpflichtet und andererseits sollte es eine militärische Kooperation mit der UdSSR geben, aber nur innerhalb des eigenen Territoriums. Damit war Finnland zwar dem Schicksal der sog. Ostblockstaaten wie Polen, Ungarn, DDR…. entgangen, doch war es weiterhin über wirtschaftliche Verträge langfristig an die Sowjetunion gebunden. Dieser FZB-Vertrag „hatte Bestand bis zur Auflösung der UdSSR 1991/92“[5] Im Rahmen dieses Vertragswerkes hat sich Finnland trotzdem konsequent an der nordischen Zusammenarbeit beteiligt, so z.B. ab 1955 als Mitglied des Nordischen Rates. Innenpolitisch hatte Finnland drei Ziele, die konsequent verfolgt wurden:

„1. [die] Mobilisierung der wirtschaftlichen Ressourcen, um die Kriegsreparationen [ca. 500 Millionen US-Dollar] in Form unterschiedlichster Produkte an die Sowjetunion zu zahlen; 2. [die] Neukolonisation von Agrarland und 3. [den] Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten Landes.“[6]

Eine weitere Herausforderung an die finnische Realitätspolitik war das so genannte Flüchtlingsproblem. Menschen aus den verloren gegangenen Gebieten Kareliens mussten in sprachlich ähnlichen Gebieten untergebracht werden. Ebenso musste mit den Bewohnern der Halbinsel Porkkala verfahren werden. Da sie schwedischsprachig waren, siedelte man sie in Nyland an, einem Gebiet östlich von Helsinki. Damit waren sie auch nicht allzu weit von ihrer ursprünglichen Heimat entfernt, die jetzt als Truppenbasis für das sowjetische Militär für 50 Jahre vergeben war. Allerdings blieben die sowjetischen Truppen nur bis 1956.

Anders verfuhr man mit den Menschen aus den karelischen Gebieten. Sie wurden in die Gegenden nördlich von Helsinki geschickt und bekamen über das Landbeschaffungsgesetz (Bodenreform mit Enteignung von Ackerflächen, die größer als 20 Hektar waren und somit auch nicht bewirtschaftet werden konnten) die Möglichkeit, Boden zu günstigen Konditionen zu erwerben.

„230 000 Menschen wurden auf diese Weise von einem Ort zum anderen geschickt, in nur zwei Jahren waren über 100 000 Landbeschaffungsanträge bewilligt worden. […] Die umfassende Neukolonisation habe den vertriebenen Landwirten und ausgemusterten Soldaten Arbeit und Auskommen gegeben. So konnte die Arbeitslosigkeit und damit auch das Konfliktpotential in der finnischen Gesellschaft auf niedrigem Niveau gehalten werden. Das war besonders wichtig, weil die wirtschaftliche Lage nach dem Krieg – verglichen mit

den Ländern Westeuropas, denen der Marschallplan zu schnelleren Wohlstand verhelfen sollte – in Finnland schwierig war.“[7]

Darüber hinaus gab es in Finnland das Problem der so genannten „Kriegskinder“. Darunter versteht man Kinder, die während des Krieges primär nach Schweden in Sicherheit gebracht worden sind, um sie nach dem Krieg wieder zurück zu ihren Eltern nach Finnland zu bringen.

Die Absicht war, Kindern und Familien, die direkt von Kriegshandlungen betroffen waren, zu helfen und zumindest Kinder aus dem Gefahrenbereich zu evakuieren. So hat man über Hilfsorganisationen bereits Kleinkinder in Pflegefamilien nach Schweden geschickt. Nach Irene Virtalas[8] Bericht Om finländska krigsbarn i skönlittersturen von 2004 waren ungefähr 70 000 Kinder mit ihren Eltern und deren Pflegeeltern davon betroffen.

2.3 Ausblick

Bleibt man im Jahr 1958, so zeigt sich für beide Länder, dass die Einbindung in den Westen für die BRD vollzogen und damit eine gewisse Sicherheit vor eventuellen militärischen Übergriffen aus dem Osten gegeben ist. Für Finnland hat der FZB-Vertrag ebenfalls die Zusicherung der Neutralität gewährleistet.

Doch noch sind die Fronten zwischen West und Ost nicht endgültig geklärt. Es fehlen der Bau der Berliner Mauer (1961) und die Kuba-Krise (1962), um die endgültigen Grenzen im Kalten Krieg bis 1989 abzustecken.

3 Jugendliteratur nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Finnland

3.1 Deutschland

In dem Zeitraum – Kriegsende bis 1958 – hat sich in der BRD eine Jugendliteratur etabliert, die einerseits

* aus den Quellen der Weimarer Republik schöpfte (Erich Kästner),
* die „braunen Wurzeln“ des Dritten Reiches mit dem „Hitler-Barden“[9] Hans

Baumann in neuem Gewand (Der Sohn des Columbus 1951, Steppensöhne

1954, Die Barke der Brüder 1956) bediente
* und auch Neues mit z.B. Preußler (Der kleine Wassermann 1956, Die kleine

Hexe 1957), und James Krüss (Der Leuchtturm auf den Hummerklippen

1956, Die glücklichen Inseln hinter dem Winde 1958) schaffen konnte.

Darüber hinaus gab es natürlich die Literatur, die bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts gelesen wurde. Dazu gehörten z.B. Autoren und Autorinnen wie Karl May, Else Ury, Daniel Defoe, Johanna Spyri, Sophie Reinheimer oder Magda Trott.

3.2 Finnland

Auch in Finnland existierte eine ähnliche Situation. Da war die klassische Literatur aus dem Ausland: die Engländerin Enid Blyton, die deutschen „Grimms Märchen“, aber auch „Die Schatzinsel“ oder Robinson Crusoe, Übersetzungen von Ivanhoe, Heidi, Tom Sawyer oder Lederstrumpf waren schon im 19. Jahrhundert bekannt.[10] Auch aus der finnischsprachigen Kinder- und Jugendliteratur sind Anni Swan, Mary Marck (= Kersti Bergroth), Helga Nuorpuu, Salme Setälä und ihre Schwester Annikki Setälä, Raili Autila, Aili Konttinen, Rebekka Räsänen oder Friede S. Smith zu nennen. Weiterhin hat Tove Jansson bereits sieben Mumin-Bände geschrieben.

4 Die Autorin Annikki Setälä

Annikki Setälä war die jüngste der insgesamt vier Kinder von Emil Nestor Setälä (1864 – 1935) und seiner Ehefrau Helmi Anni Setälä, geborene Krohn (1871 – 1967). Sie wurde am 29.7.1900 in Helsinki geboren und starb am 10.2.1970 in Rovaniemi.

4.1 Vater

Emil Nestor Setälä war der Sohn eines Pferdezüchters aus Kokemäenjoki, der schon als Kleinkind in die Obhut seiner Tante gebracht wurde, da sein Vater früh verstorben war und seine Mutter sich um den Hof kümmern musste. Bereits während seiner Schulzeit fiel er auf Grund seiner sprachlichen Fähigkeiten auf. Mit 17 hatte er eine finnische Grammatik – Setälän kielioppi - verfasst, die selbst in seiner Schule verwendet worden ist. Das begonnene Jurastudium brach er bald ab und widmete sich dann seinen Fähigkeiten und Interessen entsprechenden Fächern finnische Linguistik und Literatur. Von 1893 bis 1929 war er Professor der finnischen Linguistik und Literatur an der Universität in Helsinki, betrieb vergleichende Forschung der verwandten finnischen Sprachen und gründete das Forschungsinstitut Suomen Suku. Seine politische Karriere brachte ihm Ämter wie z.B. Präsident des Finnischen Senats (1918), Bildungsminister (1925), Außenminister (1925 – 1926) und von 1927 bis 1930 finnischer Botschafter in Dänemark und Ungarn.

4.2 Mutter, Tante und angeheirateter Onkel

Annikki Sätäles Mutter, Helmi Krohn und Tochter des finnischen Literaturwissenschaftlers, war ebenfalls eine bekannte finnische Autorin von Biographien, Memoiren, Märchen und Erzählungen für Kinder. Außerdem übersetzte sie ca. 200 Werke aus dem Deutschen und Englischen ins Finnische. Darunter sind Klassiker wie zum Beispiel Der kleine Lord, Grimms Märchen und Bücher von Kipling. Daneben publizierte sie die Kinderzeitschrift „Pääskynen“ (1907) und war Lektorin im Verlag Otava (1912 – 1919). 1924 erhielt sie für ihr Gesamtwerk den Alexis Kivi Award. Mit ihren Freundinnen Gerda Ryti und Ruth Serlachius widmete sie sich dem Spiritualismus, besuchte 1928 Arthur Conan Doyle in London und gilt als Förderin dieser Geistesströmung in Finnland. Ihr Werk stand immer im Schatten ihrer beiden berühmten Geschwister: Professor Kaarle Krohn und Aino Kallas.

Letztere war Ehefrau des estnischen Diplomaten Oskar Kallas (1868 – 1946). Auch sie war eine bekannte Schriftstellerin, die Novellen, Lyrik, Romane und später auch Dramen verfasste. Kaarle Krohn war Sprachwissenschaftler und Professor für Volkskunde– speziell Volksdichtung. Außerhalb von Finnland wurde er wegen seiner Aufsätze zur internationalen Märchenforschung bekannt. Er verbesserte die geographisch-historische Methode der Folklore-Erforschung. Diese war ursprünglich von seinem Vater Julius Krohn – ebenfalls ein Linguistikprofessor – eingeführt worden. Heute ist diese Methode nach Kaarle Krohn international als Finnish Research Method anerkannt.

4.3 Die Tochter Annikki Setälä

In dieser literarischen Umgebung wuchs Annikki Setälä auf. Sie studierte an der Universität von Helsinki Philosophie, das sie – nach Unterbrechungen – 1938 mit dem Bachelor abschloss. Nach dem Krieg besuchte sie Deutschland (1947 bis 1949) und die USA (1953). 1921 heiratete sie den damaligen Förster Jarl Julius Sundqvist und späteren Direktor der Forstverwaltung für die Provinz Lappland. Sie arbeitete u.a. als Sprachenlehrerin in Rovaniemi und Ivalo (1950 bis 1966) und war zugleich Programmdirektorin des Lappländischen Rundfunks von 1951 bis 1956. Bekannt wurde sie in Finnland auf Grund ihrer mehr als 20 Kinder- und Jugendbücher, von denen nur wenige ins Deutsche übertragen worden sind, ihrer Theaterstücke für Kinder und ihres etwa 20-jährigen Engagements als Begründerin und Leiterin des privaten Puppentheaters in Lappland. 1958 wurde ihre Ehe geschieden, doch lebte sie bis zu ihrem Tod 1970 weiter in Rovaniemi.

Ihre Schwester Salme Setälä (1894 – 1980) war ebenfalls eine bekannte finnische Kinder- und Jugendbuchautorin.[11]

4.4 Annikki Setälä im Jahr 2012

Auch wenn Annikki und Salme Setälä heute nur noch bedingt bekannt sind, befasste sich die Landesbibliothek Lappland am 20.2.2012 in verschiedenen Vorträgen unter dem Thema „Wir sind im Schatten – Elissa Aalto und Annikki Setälä“ (Mesten varjossa – Elissa Aalto ja Annikki Setälä) mit den Fragen: Warum ist Alvar Aalto bekannt, aber nicht seine Ehefrau Elissa Aalto, die ebenfalls Architektin war? Warum blieb Annikki Setälä im Norden, obwohl sie in Helsinki eine entsprechende Arbeitsstelle bekommen hätte?

Dass diese Fragen noch unbeantwortet sind und es wohl noch längere Zeit bleiben, geht die Universität von Lappland nach.

Dass dies, angesichts der Weite des Raums und der geringen Bevölkerungsdichte nur Mikro-Geschichten sein werden, ist einleuchtend. Denn nur punktuell haben hier Frauen gesellschaftlich gewirkt, was dann auch nur entsprechend registriert werden kann. Dennoch sind Vernetzungen innerhalb der Regionen und der Gesellschaft jener Zeit zu verspüren.[12]

5 Annikki Setälä: Irja tauscht Rentiere (Karhunkierros)

Dieser Jugendroman, der in Finnland 1956 bei Otava erschienen ist, wurde von Solveig Baltzer 1957 ins Deutsche übersetzt und 1967 von Taro Shioya ins Japanische übertragen. 1958 kam er auf die Auswahlliste des Deutschen Jugendbuchpreises und wurde zumindest in Deutschland noch bis 1974 bei Dressler Berlin verlegt. [13]

5.1 Inhalt

Die Autorin verfolgte mit ihrem Tagebuchroman zwei Ziele:

- den Hinweis auf die schützenswerten Schönheiten der Natur in Lappland
- die Darstellung einer in dieser Landschaft 19-Jährigen, die einerseits einen Selbstfindungsprozess durchlebt und andererseits die Akzeptanz der Zuneigung eines jungen Mannes

Die inzwischen 19-jährige Irja soll ihre Schwester Hilkka im nördlichen Finnland während ihrer Weihnachtsferien unterstützen. Diese ist inzwischen mit dem Forstmeister Antti Kero verheiratet, mit dem sie zwei kleine Kinder hat. Irja studiert im ersten Semester Agronomie in Helsinki und fühlt sich als überzeugte Bewohnerin Lapplands in der südlichen Großstadt fremd. So nimmt sie das Angebot sehr gerne an und besucht ihre Schwester, die noch etwas weiter nördlich als ihre Eltern (Nähe von Rovaniemi) in einem Dorf wohnt.

Auf der Reise dorthin lernt sie während einer Pause zwei junge Männer kennen, den Maler Olli Manner und den Arzt Kalle Karhu. Im Spaß bietet Kalle ihr an, „Rentiere tauschen zu wollen“, was einer Verlobung gleichkommt.

Später trifft sie die beiden bei ihrer Schwester wieder, die gute Freunde der Familie Kero sind. Olli ist der Unbekümmerte von beiden, während sich der Arzt immer als unnahbar gibt, aber im Stillen sehr hilfsbereit und musisch begabt ist. Bei gemeinsamen Festen wie Weihnachten, Silvester, Taufe und Ostern lernt Irja die beiden besser kennen, zweifelt aber immer, wem sie ihre Zuneigung schenken soll. Ausflüge in die Natur, Skiwanderungen, die jährliche Rentierscheidung oder das Mittsommerfest zeigen die strenge und doch zerbrechliche Schönheit der lappländischen Natur und ihrer Bewohner. So lernt Irja nebenbei auch das Leben in der Einsamkeit mit seinen Vor- und Nachteilen kennen und schätzen. Erst über eine verunglückte Wette mit ihrer Schwester entdeckt sie ihre echten Gefühle für Kalle Karhu und bietet ihm die gemeinsame Verlobung an.

5.2 Struktur des Romans

Annikki Setälä hat in diesem Fortsetzungsband von „Irja“ (erschienen 1950 bei Cecilie Dressler Verlag Berlin in Deutschland) die Form des Tagebuchromans gewählt. Der Zeitraum der insgesamt 87 Eintragungen reicht von Anfang Dezember bis Ende Juni des nächsten Jahres. Wobei der Schwerpunkt der „Tagebucheinträge“ im Winterhalbjahr liegt. Irja gibt selbst den Grund hierfür an:

„Im Sommer habe ich keine Lust zum Schreiben, deshalb sind die Eintragungen in meinem Tagebuch jetzt so kurz.“[14]

Dieses Schreibverhalten lässt sich auch aus ihrer Persönlichkeit heraus erklären, denn gleich zu Beginn dieses Romans wird Irja als aktives junges Mädchen vorgestellt: „Am liebsten treibe ich Sport, da vergehen traurige Gedanken, die einen manchmal quälen, am leichtesten.“[15]

„Der Briefroman und damit auch der Tagebuchroman wird als eine „Romanform [definiert], die ganz oder teilweise aus einer Sammlung fingierter Briefe oder Tagebucheinträge einer oder mehrerer Personen (Briefwechsel) besteht. Die Briefform ermöglicht Einblicke in die subjektive Gedanken- und Gefühlswelt des Briefschreibers.“[16]

Der mit Sicherheit berühmteste Briefroman ist Goethes Werther. Als Steigerung des persönlichen Schreibens gilt das Tagebuch. Ursprünglich sind es

„Chronologisch angeordnete Aufzeichnungen persönlicher Erlebnisse oder Gedanken. Das T. ist meist in der Ich-Form geschrieben. Es dient dazu, Erlebnisse und Reflexionen festzuhalten und kann dem Autor zur Analyse der eigenen Situation dienen.“[17]

Der Weg zum vorliegenden fiktiven Tagebuchroman führt von den privaten Tagebüchern (vgl. Tagebuch der Anne Frank), die nicht zur Veröffentlichung geschrieben wurden, über Tagebücher, die publiziert werden sollten (vgl. Tagbücher von Max Frisch). Bekannte fiktive Tagebuchromane sind z.B. „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe (1719), „Das Tagebuch der Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf“ (1932), „Die Wand“ von Marlen Haushofer (1963) oder „Stiller“ von Max Frisch (1954).

Auch in der Jugendliteratur wird die Form des Briefromans oder des Tagebuchs genutzt, z.B. bei Astrid Lindgren „Britt-Mari erleichtert ihr Herz“ (1944) oder bei „Berts Katastrophentagebüchern“ von Jacobsson und Olsson ab den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts. Eine moderne Variante des Brief- oder Tagebuchromans ist die Verwendung von e-Mails wie z. B. bei „Sandor slash Ida“ von Sara Kadefors (2001).

In der Exposition des Romans „Irja tauscht Rentiere“ – etwa die ersten sechs Tagebucheinträge – wird ein Rückblick auf das frühere Leben der Protagonistin erstellt. Gleichzeitig wird ein Motto vorgegeben, das im 65. Tagebucheintrag (Mai) nochmals als Frage reflektiert wird. Irjas Vater schrieb in ihr Tagebuch, das sie als Geburtstagsgeschenk erhalten hatte: „Dein Leben ist ein unbeschriebenes Blatt, fülle es gut. Dein Vater.“[18] Auf der Seite 138 wird dieses Motto wiederholt und Irja überlegt: „Habe ich diese Anfangsblätter gut gefüllt, oder wird nichts davon zurückbleiben?“

Der Hauptteil reicht vom siebten Tagebucheintrag bis zum vierundsiebzigsten Eintrag. Hier wechseln die Themen Natur, Fest- und Feiertage und die Fragen nach Irjas Liebesbeziehung einander ab, beziehungsweise sind ineinander verwoben.

Der Schluss – die restlichen vierzehn Einträge – klärt die Frage nach Irjas Beziehung zu Kalle, wieder eingebunden in die Natur und in das Fest des Mittsommertages.

5.3 Das Thema „Natur“ im Roman

Welche Gründe die Juroren 1958 hatten, um diesen Roman in die Auswahlliste des Deutschen Jugendbuchpreises mit aufzunehmen, kann heute nicht mehr exakt nachvollzogen werden, da schriftliche Aufzeichnungen fehlen.

Doch nimmt man die eingangs erwähnten zwei Kriterien, so wird deutlich: Annikki Setälä führt weit über den „nationalen Tellerrand“ hinaus, in eine Ecke Europas, die damals zwar manchen Deutschen noch aus dem so genannten Winterkrieg schrecklich in Erinnerung ist, doch weist die Autorin auf die Natur und die Bewohner dieser Gegend hin. Die Ausblendung der Kriegsfolgen kann durchaus negativ beurteilt werden, doch im Fokus des Romans liegt nicht die Vergangenheitsbewältigung, sondern der Blick nach vorne – privat und im Sinne einer zu schützenden natürlichen Umwelt.

Schon zu Beginn des Romans wird die Bedeutung der Natur in den Vordergrund gestellt. Irjas Vater (Forstmeister) stellt die höchste Stufe des Glücks – nach einem chinesischen Sprichwort - so dar: „Aber wenn du dein ganzes Leben lang glücklich sein willst, so musst du Gärtner werden.“[19] Und Irja denkt darüber nach:

„Aber bei allen Scherzen spürte ich, daß irgend etwas in mir lebendig wurde. Vielleicht wäre es wirklich gut, Gärtnerin zu werden? Aus Finnland einen Blumengarten zu machen, vor allem aus Lappland, das lohnte bestimmt die Mühe.“[20]

Natürlich darf das nicht wörtlich genommen werden, denn im selben Atemzug fügt Irja hinzu, dass sie sich vielleicht als Schiffsjunge anheuern lassen könnte, um nach Indien zu fahren. Damit wird klar, dass Irjas Berufswünsche noch offen sind. Und als Tochter eines lappländischen Forstmeisters weiß sie um die Unmöglichkeit der Verwandlung Finnlands in einen Garten. Doch taucht dieser Gedanke später nochmals auf, allerdings als spöttische Kritik an der Politik der Waldabholzung und Industrialisierung des Nordens. Irjas Schwager – ebenfalls Forstmeister in Lappland – zieht sie wegen ihres Agronomie-Studiums in Helsinki ironisch auf.

[Irja] „ „Du brauchst nicht darüber zu lachen! Wir haben in Finnland dringend Leute nötig, die etwas von Ackerbau und Landwirtschaft verstehen, besonders da die jungen Forstmeister leichtfertig alle Wälder zerstören.“

[Antti] „Natürlich brauchen wir solche Leute! In Lappland ganz besonders. Die großen Moore sollten endlich kultiviert werden, damit wir nicht mehr so schrecklich von den Mücken geplagt werden. Du hast doch selbstverständlich vor, aus Lappland einen einzigen Blumengarten zu machen, nicht wahr?“

Aber ich sah, daß der Schalk in Anttis Augenwinkeln spielte.“[21]

Mit dieser Ironie wird auch landesunkundigen Lesern die Unmöglichkeit der Umsetzung dieser Idee klar. Das Land ist so groß und so ur-natürlich, dass der Mensch zwar eingreifen und Schäden an der Natur anrichten kann, aber nicht fähig ist, es so umzugestalten , dass kurzfristig aus dieser rauen Landschaft ein blühender Blumengarten wird.

Die Angst um die Zerstörung der Natur und vor zu starker Industrialisierung taucht bei Antti nochmals an Weihnachten auf, als er mit seinem kleinen Sohn und dessen Weihnachtsgeschenk – einem Holzzug – spielt:

„„Ich wünschte, es gäbe hier niemals einen anderen Zug, als diesen aus Holz“, sagte Antti.
Hilkka und ich waren der gleichen Ansicht. Es ist wirklich gut, dass es in der Welt noch ein paar Winkel gibt, wohin nicht jeder so leicht kommen kann. Das Pfeifen eines D-Zuges würde alle Romantik und allen Frieden hier vertreiben.“ [22]

Mögen diese Sätze heute als Natur-Romantik belächelt werden, so ist es Annikki Setälä aber sehr ernst mit der Erhaltung der lappländischen Natur. Immer wieder beschreibt sie – wenn ihre Protagonisten auf Skiwanderungen oder Schlittenfahrten sind – die unnahbaren Schönheiten dieses Landes.

„“Heute haben wir die Sonne zum ersten Mal erblickt. Schon seit einigen Tagen sah man, wenn der Himmel klar war, leuchtende Strahlenbündel hinter dem großen Berg. Wie farbenfrohe Pfeiler erhoben sich diese Lichtgarben über dem Horizont. […] Hilkka hatte Tränen in den Augen. „Ich möchte Gott herzlich danken“, sagte sie. „Jetzt geht es endlich wieder der helleren Zeit entgegen.““[23]

Die Autorin – selbst in Südfinnland geboren – weiß um die dunkle Zeit im Winter, wenn die Sonne nicht mehr über dem Horizont erscheint und es für Wochen dunkel sein kann. Und so sagt Hilkka: „Im Winter scheint es mir immer, als müßte ich mühsam einen hohen Berg erklimmen.“[24]

Andererseits beschreibt Annikki Setälä auch das positive Phänomen der Dunkelheit:

[...]


[1] Konttinen 1972, S. 23

[2] Setälä 1974, S. 29

[3] Doderer, 1996, S. 11

[4] Doderer, 1996, S. 11

[5] Bohn, 2005, S. 227

[6] Bohn, 2005, S. 231

[7] Bohn, 2005, S. 233

[8] Virtala 2004, Web - Bericht Nr. 5

[9] Schreckenberg, 2009

[10] Nach Helmut Müller in Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur, Erster Band, Seite 382ff Hrsg Klaus

Doderer

[11] 4.1. – 4.1.3: Telefonische Informationen von Maria Ihonen, Direktorin des Finnischen Kinderbuchinstituts in

Tampere, am 3.4.2012

[12] Nach: Mervi Autti, University of Lappland Uutiset 2012, 13.1.2012, Luentosarja pohjoisen historiasta Mesten

varjossa – Elissa Aalto ja Annikki Setälä [Zugriff: 4.4.2012 – 20.05 Uhr]

[13] Alle Seitenanzahlen beziehen sich auf die deutsche Ausgabe von 1974, Cecilie Dressler Verlag, Berlin, 19. bis

21. Tausend 1974

[14] Irja tauscht Rentiere, S. 148

[15] Irja tauscht Rentiere, S. 7

[16] May, Yomb, S.28

[17] May, Yomb, S. 140

[18] Irja tauscht Rentiere, S. 6

[19] Irja tauscht Rentiere, S. 9

[20] Irja tauscht Rentiere, S. 9

[21] Irja tauscht Rentiere, S. 29

[22] Irja tauscht Rentiere, S. 53 f

[23] Irja tauscht Rentiere, S. 80

[24] Irja tauscht Rentiere, S. 80

Details

Seiten
42
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656249092
ISBN (Buch)
9783656250586
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198478
Note
Schlagworte
zwei kinder- jugendbuchautorinnen auswahlliste deutschen jugendbuchpreises annikki setälä aili konttinen

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Titel: Zwei finnische Kinder- und Jugendbuchautorinnen auf der Auswahlliste des Deutschen Jugendbuchpreises 1958