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Das Böse im Genie – das Geniale im Bösen.

Zum facettenreichen Typus der fiktiven Hauptfigur ‚Jean- Baptiste Grenouille‘ in Patrick Süskinds Roman ≫Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders≪

Hausarbeit 2011 25 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kurz und allgemein: Zum Begriff des Bösen

3. Die zwei Hauptmerkmale Grenouilles: Böse und genial – in kritischer Betrachtung

4. Weitere Facetten Grenouilles
4.1 Gespenstische Seite
4.2 Monströs-missgebildete Seite
4.3 Teuflische Seite
4.4 Vampirhafte Seite
4.5 Täuschung/Verstellung
4.6 Taufname; Tierisches: Zeck und Frosch

5. Persönliches Fazit

Quellen-/Literaturverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

1. Einleitung

Die vorliegende, selbstständige Hausarbeit behandelt in werkimmanenter und rezeptionsästhetischer Methodik das Thema, welche und wie viele Facetten – entsprechend einem Typus – die fiktive Hauptfigur ‚Jean-Baptiste Grenouille‘ aufweist. Diese literarische Gestalt ist der Protagonist im 1985 erschienenen, postmodernen Roman ‚Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders‘ des deutschen Schriftstellers Patrick Süskind (* 1949).

Diese Arbeit soll auch ein kritischer Problemaufriss sein. Eine zentrale Frage wird sein: Ist Grenouille der Böse/eine böse Person in Absolutheit oder hat er ‚lediglich‘ Böses/böse Züge in sich; ist er von Geburt an böse oder machen ihn, streng genommen, erst und nur seine zukünftigen Erfahrungen und Taten im Laufe der Jahre böse? Denn hierin liegen Unterschiede. Des Weiteren wird interessant sein, ob und inwiefern man dem auktorialen Erzähler stellenweise widersprechen kann. Abgesehen von einer theoretisch einführenden, allgemeinen Erklärung zum Begriff des Bösen, werde ich meine Analyse mit den beiden Hauptmerkmalen (böse und genial) beginnen, allerdings in kritischer Betrachtung – und es soll dabei deutlich werden, dass diese zwei Merkmale sich konvergent zueinander verhalten bzw. einen Einfluss aufeinander haben. Auch wird dabei zu klären sein, ob es nicht doch eher Grenouilles geniale Riechfähigkeit und geniales Duftgespür sind, die ihn erst allmählich im Laufe seiner Zeit zu einem Scheusal machen – unter dem Aspekt einer Entwicklung und nicht eines Angeboren-Seins. Der dritte und letzte Punkt des Hauptteils ist die Darstellung weiterer, noch einiger anderer Facetten Grenouilles, einschließlich der, die er in seinem eigenen Namen trägt. Abschließend wird ein persönliches Fazit erfolgen.

Eine detaillierte, vollständige Inhaltsangabe des Romans, biographische Angaben zum Autor und Erläuterungen zur Epoche werden nicht gemacht. Auch werde ich nicht auf die dem Roman zugrunde liegenden Prätexte/auf die Intertextualität an sich eingehen. Von Fachwissenschaftlern/-didaktikern und Kritikern festgestellte Prätexte – nur, um hier informativ kurz doch ein paar genannt zu haben – sind in ‚Das Parfum‘ u. a. Goethes ‚Zauberlehrling‘ und ‚Faust – Erster Teil‘, Eichendorffs ‚Mondnacht‘, Nietzsches ‚Also sprach Zarathustra‘, Grass‘ ‚Die Blechtrommel‘, Wildes ‚Das Bildnis des Dorian Gray‘, Bibelpassagen sowie Fabeln und Märchen (z. B. La Fontaines ‚Die Frösche, die einen König haben wollten‘; Grimms ‚Das Märchen vom Froschkönig‘) (vgl. Buß, 2006, S. 122, 124 – 127).

Die Hausarbeit soll ausschließlich unter dem Aspekt der Themenstellung an passenden Textbeispielen/-stellen, auch mithilfe von Sekundärliteratur, einen kompakten Überblick hinsichtlich der wichtigsten und wesentlichen Merkmale/Facetten von Grenouille bieten.

2. Kurz und allgemein: Zum Begriff des Bösen

Mit dem Bösen ist alles Schlechte gemeint. Es beinhaltet sowohl das eher körperliche Übel, das die Menschen zufällig überfallen kann, als auch das moralische Böse, das von den Menschen bewusst gewollt wird; hiermit in Verbindung steht auch eine bestimmte Unrechtssituation. Egal, ob nun die Bezeichnung ‚Übel‘, ‚Böses‘ oder ‚Unrechtssituation‘, was diese Sache aus sich selbst heraus ist, ist im Grunde nach wie vor unklar – das Wesen an sich lässt sich nicht bestimmen. Die Welt ist voller ‚böser‘ Dinge, aber ‚das Böse‘ scheint nichts zu sein – aus sich selbst heraus kann man es nicht verstehen. Ferner kann man sagen, dass es ‚den Bösen‘ oder einen Grundbestandteil der Welt, der in sich oder vollkommen böse ist, nicht gibt. Vielmehr ist es so, dass eine Person oder Sache mit ‚böse‘ als einer Eigenschaft bzw. als beigefügtem Eigenschaftswort bezeichnet wird. Die Eigenschaft des Bösen kommt z. B. in Ereignissen, Handlungen und deren Wirkungen vor. Von ‚böse‘ wird gesprochen, wenn es durch etwas/jemanden zu Bedrohungen, Auflösen von Ordnungen und Zerstörung von Leben kommt sowie Entwicklungen willkürlich zu Katastrophen gemacht werden. Im Wesentlichen bedeutet ‚das Böse‘, dass Existenz und Leben angegriffen werden und dass es zum Tod tendiert. Nach Augustinus ist es all das, was schadet.[1]

3. Die zwei Hauptmerkmale Grenouilles: Böse und genial – in kritischer Betrachtung

Ohne Umschweife wird der Leser vom auktorialen Erzähler bereits auf der ersten Seite des Romans mit zwei bedeutenden bzw. mit den beiden kennzeichnendsten Eigenschaften der fiktiven Hauptfigur konfrontiert:

„Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier erzählt werden. Er hieß Jean-Baptiste Grenouille, und wenn sein Name im Gegensatz zu den Namen anderer genialer Scheusale, wie etwa de Sades, Saint-Justs, Fouchés, Bonapartes usw., heute in Vergessenheit geraten ist, so sicher nicht deshalb, weil Grenouille diesen berühmteren Finstermännern an Selbstüberhebung, Menschenverachtung, Immoralität, kurz an Gottlosigkeit nachgestanden hätte, sondern weil sich sein Genie und sein einziger Ehrgeiz auf ein Gebiet beschränkte, welches in der Geschichte keine Spuren hinterläßt: auf das flüchtige Reich der Gerüche.“[2]

Dieser Textstelle ist also im Wesentlichen zu entnehmen, dass Grenouille genial und abscheulich zugleich ist (‚abscheulich‘ ist eines der Synonyme für ‚böse‘ bzw. kann es auch als eine Eigenschaft (von vielen) des vielfältigen Bösen angesehen werden); des Weiteren wird er auf eine Stufe gestellt mit z. B. dem Marquis de Sade[3] (1740 – 1814) und ferner wird darüber informiert, dass sein Genie sich auf das Fachgebiet der Gerüche bezieht.

Sein 1. Hauptmerkmal, das Böse, wird aber sogar schon vor der ersten Romanseite kenntlich gemacht, nämlich auf dem Buchcover, genauer gesagt steckt es im Paratext/Untertitel (‚Die Geschichte eines Mörders‘) – und Mord zerstört, vernichtet Leben, er gehört also eindeutig zu einer bösen Handlungsweise – der Leser bekommt dadurch außerdem schon einen Vorgeschmack darauf, was u. a. Inhalt des Buches sein wird.

Ein weiteres Textbeispiel, durch das der Erzähler noch ziemlich am Anfang das Böse in Grenouille transportiert und offenbart, ist das folgende: „Er war von Beginn an ein Scheusal. Er entschied sich für das Leben aus reinem Trotz und aus reiner Boshaftigkeit.“[4] Daraus geht offensichtlich hervor, dass Grenouille von Geburt an bzw. aus natürlicher Veranlagung heraus von Grund auf böse sei. Schaut man sich den sprachlichen Ausdruck des Erzählers an (bei den Textstellen mit Fußnote 2 und 4), so wird deutlich, dass er eben nicht aussagt, an Grenouille seien abscheuliche/böse Züge (im Sinne von: die Eigenschaft ‚böse‘ als eine Eigenschaft von vielen weiteren), sondern er sagt aus, dass Grenouille in seiner ganzen Gestalt absolut abscheulich/ein absolutes Scheusal ist , was man durchaus gleichsetzen kann mit ‚ Der Böse bzw. das vollkommen Böse in Person‘. Man merkt hier schon, dass dies Gliederungspunkt 2 (vgl. Häring), wonach es den Bösen oder ein Weltelement, das in sich oder vollkommen böse ist, nicht gibt, widerspricht – in ‚Das Parfum‘ scheint es das zu geben.

Bei der auktorialen Erzählperspektive muss man sich vor Augen halten, dass im Prinzip fast durchgängig die Stimme des Erzählers spricht.

Der auktoriale Erzähler ist allwissend, indem er die Innensicht in alle agierenden Figuren vermitteln kann, allgegenwärtig in der Erzählwelt ist und den zukünftigen Verlauf des Handlungsgeschehens kennt.[5]

Bei den Textbeispielen mit Fußnote 2 und 4 ist deutlich, dass erst einmal ‚nur‘ die Stimme des Erzählers am Anfang des Romans die Aussage/Behauptung über die Hauptfigur Grenouille macht, dass sie böse sei, d. h. es sind noch keine Textstellen, in denen der Erzähler in indirekter Rede mitteilt, was eine Figur XY denkt oder von sich hält. Ist man als Leser gezwungen, sich auf den auktorialen Erzähler bedingungslos einzulassen und seine Meinung zu teilen? Geschichten werden – wie das üblich ist – retrospektiv und im Präteritum erzählt, aber was kann z. B. die Textstelle mit Fußnote 2 aussagen? ‚Grenouille gehörte zu den abscheulichsten Gestalten‘ – diese Aussage birgt sowohl die Möglichkeit, dass der Erzähler ihm diese Bezeichnung erst aus rückblickender Perspektive während des Erzählens verleiht aufgrund seiner Morde im Jugend-/Erwachsenenalter, aber auch die Möglichkeit, dass er von Beginn seiner Existenz an eine abscheuliche Gestalt war. Schaut man sich die Textstelle mit Fußnote 4 an, scheint die Frage geklärt zu sein (‚von Beginn an ein Scheusal‘, ‚entschied sich für das Leben aus Trotz und Boshaftigkeit‘), d. h. obwohl Grenouille erstmals bzw. ‚erst‘ mit 15 Jahren (folglich im Roman eben noch nicht am Anfang) abgrundtief böse handelt (sein 1. Mord), wird ihm bzw. ihm als Baby vom Erzähler durch die Textstelle/Fußnote 4 schon von Beginn seines irdischen Daseins an die kognitive Fähigkeit zugeschrieben, bewusst und selbstreflektierend zu wissen, dass er abscheulich ist und sich für das Leben aus Trotz und Boshaftigkeit selbst entschieden hatte (und natürlich ist Literatur in ihrer geschlossenen Handlungswelt Fiktion und Überhöhung – in der außerliterarischen, ‚echten‘ Realität ist es sachlich nun mal so, dass Babys dieses Bewusstsein noch nicht haben) – in ‚Das Parfum‘ scheint alles möglich zu sein und der Text verfährt also so, dass in der fiktionalen Realität Grenouille diese Fähigkeit von Geburt an hat oder (etwas kritischer gesehen) ihm wird – nicht im metaphorischen, sondern im wörtlichen Sinne – das Böse vom Erzähler – zumindest am Anfang (?) – doch eher in die Wiege gelegt . Die vorliegende Arbeit soll, wie bereits gesagt, auch einen kritischen Problemaufriss darstellen.

Wie verfährt der Erzähler weiter? Interessant hierfür ist folgendes Textbeispiel: „Der Schrei nach seiner Geburt, der Schrei unter dem Schlachttisch hervor, mit dem er sich in Erinnerung und seine Mutter aufs Schafott gebracht hatte, […].“[6] Frizen/Spancken (1996) korrespondieren hier mit dem Erzähler, denn auch sie behaupten, dass das Baby Grenouille schuld am Tod der Mutter sei, da sein Schrei ihr Handeln öffentlich mache und so aus dem geplanten Kindsmord ein Muttermord werde, der Grenouilles erste böse Tat sein soll.[7] Dem ist durchaus zu widersprechen. In einer wissenschaftlichen Hausarbeit, die ein eigenes geistiges Produkt sein soll, geht es ja schließlich nicht nur darum, Passagen aus Sekundärliteratur als plausibel und unterstützend hinzunehmen, sondern auch darum, sich mit dieser auch kritisch, weiterführend, korrigierend, ergänzend, aber auch widerlegend auseinanderzusetzen. Und so sage ich: Grenouilles Mutter hat sich selbst aufs Schafott gebracht, denn „[…] weil sie geständig ist und ohne weiteres zugibt, daß sie das Ding bestimmt würde haben verrecken lassen, wie sie es im übrigen schon mit vier anderen getan habe, macht man ihr den Prozeß, verurteilt sie wegen mehrfachen Kindermords und schlägt ihr ein paar Wochen später auf der Place de Grève den Kopf ab.“[8] All das, was sie von sich gibt, sagt sie freiwillig aus bzw. aus sich selbst heraus – es ist richtig, dass die Polizei erst durch den Schrei des Babys auf selbiges aufmerksam wird, aber der Schrei ist nicht ihr Todesurteil, sondern sie redet zu viel. Eine generelle Frage, die vollständig und abschließend noch nicht in diesem Gliederungspunkt beantwortet wird, ist also (siehe Einleitung): Ist Grenouille der Böse/eine böse Person in Absolutheit oder hat er ‚lediglich‘ Böses/böse Züge in sich; ist er von Geburt an böse oder machen ihn, streng genommen, erst und nur seine zukünftigen Erfahrungen und Taten im Laufe der Jahre böse? Das sind immerhin sachliche, wenn auch kleine Unterschiede… Interessant – wie eingangs bereits erwähnt – für mich persönlich wird sein, ob und inwieweit es möglich ist, sich in gewisser Weise dem Einfluss und der Meinung des auktorialen Erzählers zu entziehen, entgegenzusetzen (?)

[...]


[1] Gliederungspunkt 2: Vgl. Häring, Hermann: Das Problem des Bösen in der Theologie. Darmstadt 1985, S. 1 f.

[2] Süskind, Patrick: Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Diogenes Taschenbuch, Zürich 1994, S. 5.

[3] Inhalt seiner Romane, Erzählungen etc. waren detaillierte Beschreibungen von wirklich vollzogenen, sexuellen Perversionen und Grausamkeiten seitens de Sades in Verbindung mit philosophischen Erörterungen. Seiner Meinung nach sollten kriminelle und sexuell ausschweifende Handlungen als natürliche Phänomene angesehen werden. Nach eigenen Angaben galt seine leidenschaftliche Liebe dem Verbrechen und nur selbiges erregte seine Sinne. (Vgl. Köster, Thomas: Sade, Donatien Alphonse François, Marquis de. Microsoft Encarta Enzyklopädie 2006 (DVD).)

[4] Süskind, Patrick: Das Parfum. S. 28.

[5] Vgl. Metzler Lexikon Literatur. Stuttgart 2007, S. 56.

[6] Süskind, Patrick: Das Parfum. S. 28.

[7] Vgl. Frizen, Werner; Spancken, Marilies: Patrick Süskind. Das Parfum. München 1996, S. 73.

[8] Süskind, Patrick: Das Parfum. S. 9.

Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656247807
ISBN (Buch)
9783656248552
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198467
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,0
Schlagworte
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Autor

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Titel: Das Böse im Genie – das Geniale im Bösen.