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Die Professionalisierung der "War Dogs"

Die Einsätze von Söldnern im Kongo 1964/1965 und in Sierra Leone 1995/1996 im Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 29 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Afrika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Begriff Soldner

2. Geschichte des Soldnerwesens

3. Kongo
3.1. Ausgangslage
3.2. Rekrutierung und Auftrag
3.3. Ausbildung und Ausrustung
3.4. Militarisches Vorgehen
3.5. Militarischer Erfolg

4. Sierra Leone
4.1. Ausgangslage
4.2. Rekrutierung und Auftrag
4.2.1. Executive Outcomes
4.2.2. Auftrag der Soldner
4.3. Ausbildung und Ausrustung
4.4. Militarisches Vorgehen
4.5. Militarischer Erfolg

5. Professionalisierung der ,,War Dogs“?
5.1. Ausgangslage
5.2. Rekrutierung und Auftrag
5.3. Ausbildung und Ausrustung
5.4. Militarisches Vorgehen
5.5. Militarischer Erfolg
5.6. Ergebnis

Literaturverzeichnis

Selbststandigkeitserklarung

Einleitung

„Write a cheque, end a war.**1

Doug Brooks

Leiter des amerikanischen PMC-Dachverbandes

Nach knapp 200 Jahren weitgehendem Gewaltmonopol des Staates, erscheinen die heutigen Tage wie eine Neuauflage alter Zeiten kauflicher Gewalt: Sicherheits- und Militarfirmen organisieren die Logistik internationaler Friedenseinsatze, gekaufte Soldaten kampfen Seite an Seite mit der regularen Armee - oder gegen sie, je nachdem, wer zahlt. Dabei handelt es sich nicht um abenteuerlustige, verwegene Freischarler, sondern vielmehr um professionell ausgebildete, mit modernsten Waffen ausgerustete Soldner2, die im Auftrag von international handelnden Firmen tatig sind.

Diese Entwicklung ist der Offentlichkeit lange verborgen geblieben. Erst Mitte der 1990er Jahre begannen Medien und Wissenschaft anekdotisch von den „Neuen Soldnem“ zu berichten, und auch heute noch findet das Thema wenig Aufmerksamkeit. Als im Juni 2004 Kampfer der Firma Xe Services, damals noch Blackwater Worldwide, auf dem Nissur-Platz in Bagdad willkurlich 17 Zivilisten toteten und WikiLeaks spater weitere Erschiefiungen von Zivilisten offenbarte,3 gab es erstmals ein Aufhorchen in der Offentlichkeit. Dabei stellt diese Erosion staatlicher Gewaltmonopole, welche besonders in den Landern der so genannten Dritten Welt zu beobachten ist, einen tiefen sicherheitspolitischen Umbruch im internationalen System, aber auch eine Neuausrichtung nationaler Sicherheitsstrategien, dar. Scheinbar konnen private Sicherheits- und Militarfirmen durch straffe Organisation und effektive Strukturen effektiver und kostengunstiger als staatliche Akteure handeln und so moderne, staatliche Armeen wirkungsvoll erganzen oder gar ersetzen, wie es in den hier untersuchten Konflikten der Fall war.

Dabei zieht diese Entwicklung der Privatisierung des Militars einige hochst brisante Fragen sozialpolitischer, ethischer, rechtlicher, wirtschaftlicher und ganz vordergrundig militarischer Art nach sich. Dieser letzteren Frage nimmt sich diese Arbeit an, indem sie die Einsatze von Soldnern im Kongo in den Jahren nach der Unabhangigkeit und wahrend des Burgerkriegs in Sierra Leone vergleicht. Um die Dimensionen und so das Forschungsfeld einzugrenzen, werden die genauen Missionen exakt umrissen: Es handelt sich dabei um die Niederschlagung des Simba-Aufstandes im Kongo durch Mike Hoares Truppen in Diensten Moise Tshombes 1964/1965 und den Einsatz der Firma Executive Outcomes durch die Regierung Sierra Leones 1995/1996 gegen die RUF-Rebellen, wenngleich der Gebrauch von Soldnern in beiden Landern bereits fruher begonnen hatte und erst spater endete.

Zuvorderst wird in Kapitel 1 der Versuch unternommen, den nicht einfachen Begriff des Soldners zu definieren. Dabei ist beabsichtigt, Kriterien zu definieren, welche sowohl professionelle als auch nichtprofessionelle Kampfer sowie auch alle erdenklichen Formen des militarischen Kriegs einschliefien.

Mit dieser Grundlage wird einleitend ein geschichtlicher Abriss gereicht, welcher die Entwicklung des Soldnerwesens darstellen soll und die dargestellten Konflikte in den historischen Rahmen setzt.

Im weiteren Verlauf werden die Konflikte vorerst jeweils dargestellt, indem ein Blick auf die politische Ausgangslage der Lander geworfen wird, so dass sich die Voraussetzungen der Soldnereinsatze ergeben, bevor die Einsatze praziser dargestellt werden.

Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Frage, wie sich die Einsatze in ihren Strukturen und ihrem Vorgehen unterscheiden und inwieweit moderne Firmen wie Executive Outcomes das Soldnerwesen professionalisiert haben und so effektiver wirken konnen als ad hoc zusammengestellte Verbande wie der hier vorgestellten im Kongo. Dabei werden die Einsatze bezuglich vier verschiedener Kriterien untersucht, anhand welcher sich Qualitatsunterschiede feststellen lassen:

1. Die Rekrutierung und der Auftrag, wobei besonderer Wert auf die Zusammenstellung der Soldnerverbande gelegt wird.
2. Die Ausbildung und die Ausrustung, welche ein entscheidendes Kriterium im qualitativen Vergleich darstellen und ahnlich wichtig sind wie
3. das militarische Vorgehen, in dem militarische Strategien, aber auch das Verhalten der Kampfer in Bezug auf die Achtung der Menschenrechte, dargestellt werden.
4. Letztlich muss selbstverstandlich auch der militarische Erfolg einer Prufung unterliegen.

Abschliefiend werden beide Einsatze anhand der vorher erarbeiteten Kriterien verglichen und der Frage nachgegangen, inwieweit eine Professionalisierung und Effektivierung des modernen Soldnerwesens stattgefunden haben. Besonders unter dem Gesichtspunkt, welchen militarischen Erfolg der Einsatz von Soldnern verspricht und ob er eine wirkungsvolle Alternative zu staatlichen Armeen darstellen kann, ist diese Frage hoch interessant.

Forschungsstand

Wenngleich sich das wissenschaftliche Interesse an der Problematik in den letzten Jahren gesteigert hat, stehen die Forschungen und vor allem die Systematisierung der Ergebnisse noch am Anfang. Zwar gibt es einige Fallstudien, die als lehrreiche, wenn auch nur einfuhrende Gesamtdarstellung dienen, aber beinahe exklusiv bleiben P.W. Singers Corporate Warriors (deutsch: Die Kriegs-AGs) sowie David Shearers Private Armies and Military Intervention, erganzt durch das sehr anekdotische War Dogs von Al J. Venter. Weitere Werke beziehen sich uberwiegend auf diese Darstellungen.

Besonders der Konflikt im Kongo bietet zudem nur wenige zuverlassige Primarquellen, sodass hauptsachlich auf Zeugnisse der Kombattanten zuruckgegriffen werden muss, wobei Siegfried „Kongo-“ Muller naturlich besonders das Interesse der deutschen Forschung auf sich zog.

Dagegen sind die Darstellungen des Konfliktes in Sierra Leone vielzahliger, wenngleich die Geheimhaltung durch Executive Outcomes grofie, weifie Flecken bei der Erforschung des Einsatzes zurucklasst.

Wie bei den meisten Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent ist zudem das Jane’s International Defense Review eine ausgezeichnete Quelle. Die leider uberwiegend kostenpflichtige Nutzung, stellt eine ungeheure, inhaltliche Bereicherung dar.

1. Der Begriff Soldner

Es ist unablassig, sich einer Definition des Begriffs des Soldners gewahr zu werden, denn erst eine Abgrenzung zu anderen Kombattanten, wie regularen Soldaten oder Rebellen, macht eine zusatzliche Analyse sinnvoll. Dabei sind diese Abgrenzung und so eine genaue und zutreffende Definition sehr schwierig.

Das Volkerrecht reicht eine Definition fur den Begriff des Soldners in Artikel 47 (2) des 1. Zusatzprotokolls der Genfer Konvention, indem es bestimmt:

Als Soldner gilt

a) wer im Inland oder Ausland zu dem besonderen Zweck angeworben ist, in einem bewaffneten Konflikt zu kampfen,
b) wer tatsachlich unmittelbar an Feindseligkeiten teilnimmt,
c) wer an Feindseligkeiten vor allem aus Streben nach personlichem Gewinn teilnimmt und wer von oder im Namen einer am Konflikt beteiligten Partei tatsachlich die Zusage einer materiellen Vergutung erhalten hat, die wesentlich hoher ist als die den Kombattanten der Streitkrafte dieser Partei in vergleichbarem Rang und mit ahnlichen Aufgaben zugesagte oder gezahlte Vergutung,
d) wer weder Staatsangehoriger einer am Konflikt beteiligten Partei ist noch in einem von einer am Konflikt beteiligten Partei kontrollierten Gebiet ansassig ist,
e) wer nicht Angehoriger der Streitkrafte einer am Konflikt beteiligten Partei ist und
f) wer nicht von einem nicht am Konflikt beteiligten Staat in amtlichem Auftrag als Angehoriger seiner Streitkrafte entsandt worden ist.

Diese Definition scheint aber zu eng, da sie lediglich fur international oder Befreiungskriege wirkt, nicht aber fur Burgerkriege.4 So scheint es sinnvoll, nach einer eigenen, weiteren Definition zu suchen und sich vorerst der verschiedenen Eigenschaften von Soldnern gewahr zu werden.

Es besteht allgemeine Einigkeit daruber, dass Soldner Personen sind, deren Aufraggeber nicht die Regierung des eigenen Landes ist. Folglich und gleichsam ebenso wichtig ist, dass sie in erster Linie um eines wirtschaftlichen Vorteils Willen kampfen. Diese finanzielle Orientierung unterscheidet einen Soldner im Allgemeinen von einem normalen Kriegsfreiwilligen5 und ebenso von im Ausland kampfenden Rebellen wie beispielsweise kubanischen Guerilla-Kampfer in Zentralafrika oder Lateinamerika in den 1960er Jahren, welche einen meist politischen Zweck verfolgten.6 Darauf aufbauend lieBe sich definieren, dass ein Soldner ein Berufssoldat ist, dessen Tun nicht von der Zugehorigkeit zu einer politischen Gemeinschaft bestimmt ist, sondern vor Allem von Gewinnstreben.7 Dem widersprechen Aussagen wie die Siegfried Mullers, welcher seinen Einsatz in Kongo als wichtigen Beitrag gegen den Kommunismus ansah.8 In solchen Fallen ist es schwer, eine klare Grenze zwischen finanzieller und politischer Motivation zu ziehen, und es bedarf fur jeden Einsatz, wohl fur jeden Kampfer individuell, einer genaueren Prufung. Nichtsdestotrotz bleibt die finanzielle Motivation wohl vorherrschend. Die Loyalitat des Soldners gehort dabei lediglich seinem Auftraggeber, nicht seinem Land, dem Schutz seiner Familie oder seiner Heimat, noch kampfen sie fur eine hohere Macht, welcher er sich verpflichtet fuhlt - die Berufung fuBt vorherrschend auf finanziellen Anreizen.9

Zudem beinhaltet der Beruf des Soldners haufig eine gewisse Hingabe an das Handwerk des Krieges. Wahrend regulare Soldaten oft Kriege verhindern sollen und wollen, sind Soldner zwingend auf den Krieg angewiesen, da dieser ihre Lebensgrundlage darstellt. Demzufolge mussen sie kaum ein moralisches, vielmehr aber ein pragmatisches Verhaltnis zum Krieg entwickeln.10

Zu unterscheiden sind Soldner auch von Legionarstruppen wie den Gurkhas oder den franzosischen Fremdenlegionaren, welche in eine nationale Armee integriert sind und daher dem militarischen Dienstrecht unterstehen, wahrend Soldner eher den Status eines Arbeitnehmers haben und ihren Dienst jederzeit quittieren konnen.

Es ergeben sich also vier wesentliche Merkmale, welche Soldner von regularen Soldaten unterscheiden, wobei diese durch haufig verschwimmende Grenzen nur als Orientierung dienen durfen (das Beispiel Siegfried Mullers zeigt dabei anschaulich die Ungenauigkeiten):

1. Soldner sind meist bewaffnete Teilnehmer eines militarischen Konfliktes.
2. Soldner sind keine Angehorige des Landes in dem sie kampfen.
3. Soldner besitzen kein Dienstverhaltnis zu einer regularen Armee, somit keine Integration in eine nationalstaatliche Struktur, sondern sind vielmehr Arbeitnehmer, welche einer zeitlich, haufig auf den genauen Einsatz, beschrankten Beschaftigung nachgehen.
4. Soldner ziehen ihre Motivation aus finanziellen Vorteilen, sie kampfen nicht fur ein politisches oder religioses Ziel.

2. Geschichte des Soldnerwesens

Das Anheuern fremder Kampfer ist so alt wie der Krieg selbst. Beinahe jedes Grofireich der Geschichte vertraute auch auf auslandische Kontingente.

Bereits in der Antike war der Einsatz von Soldnern verbreitet, und eigene Armeen fanden eine Aufwertung durch fremde Kampfer. So nutzten sowohl die griechischen Stadtstaaten als auch das Persische Reich, das Romische Reich sowie die Byzantiner und besonders Karthago Soldner.11Dabei handelte es sich hauptsachlich um spezialisierte Truppen, wie Bogenschutzen oder Reiter. Beruhmte Beispiele stellen die Mamelucken aus Agypten, Hannibals Elefantenarmee oder die Waragergarde im Byzantinischen Reich dar. 12

Mit dem Zusammenbruch des Romischen Reichs entstanden die Armeen des Feudalismus, welche auf ihre Vasallen zuruckgriffen, fur die der Militardienst Teil ihrer Lehnspflichten war. Durch die Ineffizienz dieses Systems - den Lehnsherren standen nur begrenzte und schlecht ausgebildete Kontingente zur Verfugung - wurde der Einsatz von Soldnern attraktiv. Gegen Ende des Mittelalters, mit der Entwicklung des stadtischen Wirtschaftslebens, kamen die Condottieri auf, welche von italienischen Stadtstaaten angeheuert wurden, womit diese die Mobilmachung ihrer eigenen Burger vermeiden konnten. 13 Auch konnte so verhindert werden, dass eigene Untertanen durch ihre Bewaffnung zu viel Macht erhielten. Besonders aber die Erpressbarkeit durch die bewaffneten, erkauften Krafte stellte ein grofies Sicherheitsrisiko der haufig vollig wehrlosen Auftraggeber dar. Dem wurde mit dem Anheuern verschiedener, konkurrierender Condottieri entgegengesteuert.14

Zunehmend setzte sich dieses System in ganz Europa durch. Herrscher trieben nunmehr vermehrt Schildgeld ein anstatt die Gestellung von feudalen Truppen zu verlangen. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts hatten Soldner in Europa die feudalen Armeen fast vollstandig verdrangt. Durch die stetige Unsicherheit des Soldnerberufes schlossen sich viele zu Kompanien zusammen. Diese Gruppen verfolgten das Ziel, gemeinsam nach Auftragen zu suchen und sich in Zeiten der Arbeitslosigkeit gegenseitig zu unterstutzen oder in eigener Verantwortung Stadte zu erpressen.15

[...]


1 Vgl. Brooks, Doug: Write a cheque, end a war. Using private military companies to end African Conflicts. in: Conflict Trends. Heft 1. Mount Edgecombe 2000. S. 33-35.

2 Im Folgenden wird der Begriff Soldner fur Kampfer gemah der Definition aus Kapitel 1 benutzt, wahrend der Begriff Soldat ausschliehlich fur die Angehorigen regularer Armeen benutzt wird.

3 Vgl. WikiLeaks Iraq War Logs Expose US-Backed Iraqi Torture, 15,000 More Civilian Deaths, and Contractors Run Amok. In: Democracy Now 25.10.2010. Weblink: www.democracynow.org/2010/10/25/wikileaks_iraq_war_logs_expose_us.

4 Vgl. Shearer, David; Private Armies and Military Intervention. Oxford 1998. S. 19.

5 Vgl. Mockler, Anthony: The New Mercenary. London 1969. S. xiii.

6 Vgl. Guevara, Ernesto Che: Der Afrikanische Traum. Koln 2000; Guevara: Bolivianisches Tagebuch, Koln 2008.

7 Vgl. Contamine, Phillipe: War in the Middle Ages. New York 1984. S. 99.

8 Vgl. Heynowski, Walther: Scheumann, Gerhard: Der lachende Mann. Potsdam 1966.

9 Vgl. Mockler S. 21.

10 Vgl. Singer, Peter Warren: Die Kriegs-AGs. Frankfurt am Main 2006. S. 79.

11 Vgl. Genz, Christian: Die Privatisierung von Sicherheit und Staat. Hamburg 2009. S. 86.

12 Vgl. Singer S. 48 f.

13 Vgl. Munkler, Herfried: Die Privatisierung des Krieges. in: Zeitschrift fur Politikwissenschaft. 13. Jahrgang Heft 1. Baden-Baden 2003. S. 12.

14 Vgl. Singer S. 51.

15 Vgl. Singer S. 51 f.

Details

Seiten
29
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656248019
ISBN (Buch)
9783656253259
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198378
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Kongo Sierra Leone Söldner Kongo-Müller

Autor

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