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Von Seriellen Verben zu Auxiliaren

Die Grammatikalisierung von Verben in Adamawasprachen

Magisterarbeit 2010 142 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

INHALT:

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN
2.1 Verbserialisierung
2.1.1 HistorischerAbriss
2.1.2 Die „seriellen Parameter" nach Aikhenvald (2006) sowievanStadenundReesink(2008)
2.1.3 SerielleVerbeninder RoleandReferenceGrammar (RRG)
2.2 Auxiliare
2.3 Grammaticalization-chains: von seriellen Verben zu Auxiliaren
2.3.1 FallstudieMundang
2.3.2 Panchronie
2.3.3 Verb-zu-TAM-Ketten

3. KLASSIFIKATION UNDVERBREITUNG DERADAMAWASPRACHEN

4. SERIELLE VERBKONSTRUKTIONEN IN ADAMAWASPRACHEN: EINE BESTANDSAUFNAHME
4.1 DarlegungeinerArgumentationsbasis
4.2 Symmetrische SVC
4.2.1 Vorbemerkung
4.2.2 NarrativeSVC
4.2.3 Motion SVC
4.2.4 Switch-function SVC
4.2.5 Resultative SVC
4.3 Asymmetrische SVC
4.3.1 Vorbemerkung
4.3.2 Valenzerweiternde SVC
4.3.2.1 Direktionale SVC
4.3.2.3 Benefaktiv
4.3.2.2 Dativ
4.3.2.4 Instrumental
4.3.3 Aspektund Modalität
4.3.3.1 Resultativ
4.3.3.2 Iterativ
4.3.3.3 Habituativ
4.3.4 Komparativ
4.3.5 Adverbiale SVC
4.4 Zusammenfassung

5. DIE GRAMMATIKALISIERUNG VON VERBEN ZU AUXILIAREN
5.1 Zwei Strategien zur clause union: Verbserialisierung und Verbkomplementierung
5.2 GrammatikalisierungvonTempus-/Aspektmarkern
5.2.1 Vorbemerkung
5.2.2 Aspekt
5.2.2.1 Resultativ, Perfektiv
5.2.2.2 Progressiv, Habituativ, Repetitiv (und Futur)
5.2.3 Tempus (motion SVC > Futurauxiliar)
5.2.4 Zusammenfassung

6. SCHLUSSBEMERKUNG

Referenzen

Appendix I: Klassifikation der Adamawasprachen

Appendix II: Original-Textbeispiele

Appendix III: RRG-Graphiken

Abbildungen:

1 SVC und ihre Relation zu Grammatikalisierung und Lexikalisierung

2 Nuclear und core juncture in der RRG

3 Nexus-Typen in der RRG

4 Zentrifugale Richtung von Grammatikalisierungsprozessen

5 Gur-Adama wa Klassifikation

Tabellen:

1 Mögliche Korrelationen zwischen den verschiedenen Grammatikalisierungs- prozessen entlang einer Verb-zu-TAM-Kette

2 Einige SVC > AVC Entwicklungen

Abkürzungen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Serielle Verbkonstruktionen und Auxiliarkonstruktionen stehen aufgrund ihrer syntaktischen und semantischen Eigenschaften in einem engen definitorischen Verhältnis. Aus ihrer historischen Entwicklung betrachtet sind serielle Verben, neben Verb-Komplementstrukturen, die häufigste Quelle zur Entstehung von Auxiliarkonstruktionen (Anderson 2006: 11). In einem funktional-kognitiven Ansatz, den ich in dieser Arbeit verfolgen möchte, können serielle Verb­konstruktionen und Auxiliarkonstruktionen als Entwicklungsstufen auf einer Grammatikalisierungsskala, einer sogenannten „grammaticalization-chain" bzw. einer „verb-to-TAM-chain" betrachtet werden, in der jedes Glied dieser „Kette" eine Stufe des Auxiliarisierungsprozesses repräsentiert. Dabei sind die vorheri­gen und die nachfolgenden Funktionen sowie deren sprachliche Realisierungen oft nebeneinander in Gebrauch. Daraus ergibt sich eine überlappende Zwischen­stufe, die durch semantische und/oder syntaktische Ambiguität gekennzeichnet ist (Kuteva 2001: 138).

Das Anliegen dieser Arbeit ist zweigeteilt. Einerseits soll hier ein umfangreiches und möglichst vollständiges Korpus der in den Adamawasprachen verbreiteten Typen serieller Verbkonstruktionen zusammengestellt werden. Dieser soll als Grundlage für weitere Studien in diesen Sprachen dienen. Andererseits versuche ich einen Zusammenhang zwischen den identifizierten seriellen Verbkonstruk­tionen und vorhandenen TAM-Auxiliaren herzustellen. Im Laufe der Untersu­chung von Verbserialisierung im Mundang hat sich herausgestellt, dass in be­stimmten Konstruktionen eine Ambiguität zwischen seriellen Verbkonstruk­tionen und Auxiliarkonstruktionen besteht (Elders 2000), die aufgrund des funktionalen Status des Verbalnomens als Markierung für einen imperfektiven Aspekt entsteht. Biverbale Konstruktionen mit den Verben ,gehen' und ,kommen' analysiert Elders (2000: 351) als serielle Verbkonstruktion, wenn bei­de Verben mit dem Verbalnomensuffix markiert sind und als Auxiliar- konstruktion, wenn die Verben ,gehen' und ,kommen' in Verb1-Position un­markiert sind. Diese Feststellung veranlasst mich dazu, den historischen Zu­sammenhang zwischen Verbserialisierung und Auxiliarkonstruktionen im Rah­men des Auxiliarisierungsmodells der „Verb-zu-TAM-Ketten" von Heine (1993) und Kuteva (2001) zu betrachten. Diesen Ansatz ergänze ich durch das Gram- matikalisierungsmodell „Centrifugal Direction of Grammaticalization" von Matasovic (2008), das im Rahmen der Role and Reference Grammar die Unidi- rektionalität von Grammatikalisierungsprozessen mit Hilfe des Operatoren- skopus erklärt. Die Role and Reference Grammar, wie sie von Foley und Van Valin (1984) und später von Van Valin und LaPolla (1997) entwickelt wurde, hat sich für die Beschreibung von seriellen Verbkonstruktionen als nützliches Hilfsmittel etabliert und dient in vielen Studien zur Verbserialisierung als terminologische Basis um die semantischen und syntaktischen Eigenschaften von seriellen Verbkonstruktionen für den typologischen Vergleich beschreiben zu können.

Der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sind die Adamawasprachen, eine Untergruppe der Nord-Volta-Kongo-Sprachen, die in Nigeria, Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und im Tschad gesprochen werden. Die Wahl dieser Sprachfamilie hat vor allem zwei Gründe. Die Adamawasprachen gehö­ren im afrikanischen Kontext zu den am schlechtesten dokumentierten Spra­chen. Bis auf zwei rezente Grammatiken zum Mundang (Elders 2000) und zum Samba Leko (Fabre 2003) gibt es nur wenige Publikationen deren Qualität dem heutigen linguistischen Anspruch gerecht werden. In Anbetracht der stark divergierenden Darstellungsweisen der verschiedenen Autoren sah ich es als Herausforderung, serielle Verbstrukturen in diesen Sprachen ausfindig zu ma­chen, sie miteinander zu vergleichen und von nicht-seriellen Strukturen abzu­grenzen, um somit eine Gesamtdarstellung von seriellen Verbkonstruktionen in den Adamawasprachen für weitere Vergleichsstudien bereitzustellen. Die Ansiedlung des von Herrn Prof. Dr. Kastenholz betreuten Forschungspro­jekts „Grundlagenforschung in den Adamawasprachen" am Mainzer Institut für Ethnologie und Afrikawissenschaften sah ich zudem als Chance aktuelle Sprachdaten in meine Untersuchung mit einbeziehen zu können. Das Auswahlkriterium für die Sprachen, die ich in dieser Studie hinsichtlich ihrer seriellen Verbkonstruktionen untersucht habe war die Verfügbarkeit der Daten. Berücksichtigt wurden die Sprachen Mbum (Hagège 1970), Duru (Bohnhoff 1972, 1991), Longuda (Newman 1976, 1978), Pere (Raen 1981, 1985), Mumuye (Shimizu 1983), Waja (Kleinewillinghöfer 1991), Doyayo (Wiering 1994, Elders 2003), Nzakambay (Ladogana 1992), Kare (Lim 1997), Mundang (Elders 2000) und Samba Leko (Fabre 2003). Aufgrund der unter­schiedlichen sprachwissenschaftlichen Qualitäten dieser Arbeiten[1], ist es an manchen Stellen nicht einfach gewesen eine adäquate Analyse durchzuführen. Ungeachtet dessen sind alle Übersetzungsfehler sowie Ungenauigkeiten in der Analyse mir anzulasten.

Die Arbeit gliedert sich in vier Teile. Den Anfang bildet ein historischer Rück­blick und eine Darstellung der theoretischen Grundlagen im Bereich der seriel­len Verben und Auxiliare (§ 2.1 und § 2.2). In § 2.3.1 soll die Ambiguität zwi­schen Verbserialisierung und Auxiliarkonstruktionen, die in bestimmten Kontex­ten anzutreffen ist, verdeutlicht werden. § 2.3.2 und § 2.3.3 legt die Grundlagen für die in dieser Arbeit verwendeten Grammatikalisierungsmodelle, die dieser Ambiguität gerecht werden (§ 2.3). In § 3 werden die Adamawasprachen geo­graphisch verortet und sprachgenetisch klassifiziert. Der darauf folgende Haupt­teil setzt sich zusammen aus einer Gesamtdarstellung der in den Adamawaspra- chen vorgefundenen symmetrischen und asymmetrischen SVC (§ 4.2 und § 4.3) und dem Versuch einige der vorhandenen TAM-Auxiliare im Rahmen der in § 2.4 definierten Grammatikalisierungsmodelle auf ihren verbalen Ursprung zurückzuführen (§ 5). In der Schlussbemerkung in § 6 werden die in dieser Arbeit gewonnen Erkenntnisse resumiert und ein Ausblick auf weitere Unter­suchungsmöglichkeiten gegeben.

In drei Appendices sind darüber hinaus weitere Informationen zusammenge­stellt. Appendix I beinhaltet eine vorläufige Klassifizierung aller Adamawaspra- chen. In Appendix II sind alle verwendeten Beispielsätze und einige weitere in der Form wiedergegeben, wie sie der jeweilige Autor im Original angegeben hat. Dies dient dazu meine eigenen Übersetzungen und Interlinearisierungen, die ich in englischer Sprache und nach den Leipzig Glossing Rules (Comrie et al. 2008) angefertigt habe, prüfen und nachvollziehen zu können. Appendix III ist eine Sammlung graphischer Darstellungen der Role and Reference Grammar, die die theoretischen Überlegungen in dieser Untersuchung nachvollziehbar ma­chen sollen.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Verbserialisierung

2.1.1 Historischer Abriss

Die Forschung im Bereich der seriellen Verbkonstruktionen (fortan abgekürzt als SVC[2] ) hat ihren Anfang in den Beschreibungen des Missionars der Basler Mission Johann Gottlieb Christaller (1875) zum Twi und des deutschen Afrika­nisten Dietrich Westermann (1907, 1930) zum Ewe genommen. Seither haben Sprachwissenschaftler mit Hilfe unterschiedlichster theoretischer Ansätze in verschiedenen Regionen der Erde SVC entdeckt und beschrieben. Viele dieser Beschreibungen wurden innerhalb diverser Richtungen der Generativen Gram­matik unternommen, zum Beispiel Transformational Grammar (Stewart 1963, Stahlke 1970 und Bamgbose 1974), Phrase Structure Grammar (Schachter 1974 und Lord 1973), Generalised Phrase Structure Grammar (Sebba 1987), Extended Standard Theory (Jansen, Koopman und Muysken 1987) Government and Binding (Baker 1989), um nur einige zu nennen. (Sebba 1987 gibt eine detaillierte Zu­sammenfassung aller generativen Ansätze.) Zwei weitere einflussreiche formale Ansätze sind Déchaîne (1993) und Collins (1997), deren Aufmerksamkeit über­wiegend auf der Argumentstruktur liegt.

Die Forschung zu SVC konzentrierte sich lange Zeit auf afrikanische Sprachen, infolge dessen gibt es eine Vielzahl afrikalinguistischer Publikationen zu SVC, von denen einige hier genannt werden sollten. Einflussreiche Arbeiten waren die bereits genannten generativen Ansätze von Stewart (1963), Stahlke (1970), Bamgbose (1974) und Schachter (1974). Weitere nennenswerte Arbeiten sind Awobuluyi (1973), Oyelaran (1982) und Awoyale (1987) für das Yoruba, Lefebvre (1989) für das Fon, Lord (1993) für Kwasprachen, Gerhardt (1994) für Plateausprachen, Bodomo (1993, 1998) für Dagaare und Akan, König (2003) und Kilian-Hatz (2006) für Khoisan, Voeltz und Mololi (1990) für Ubangi, Reineke (1995) für Gursprachen, Hyman (1971) und Kießling (2004) für Gras- land-Bantoid-Sprachen, Ameka (2006) für das Ewe und Hellwig (2006) für das Goemai (Tschadisch).

Seit den 1990er Jahren sind in zunehmenden Maße SVC auch in Sprachen au­ßerhalb des afrikanischen Kontextes beschrieben worden. Vor allem in den Sprachen Ost- und Südostasiens (Bisang 1991, 1992), Ozeaniens (Bisang 1986; Crowley 1987, 2002; Bril und Ozanne-Rivierre 2004), Papua-Neuguineas (Pawley und Lane 1998; Pawley 2008, 2009; Lane 2007; Senft 2008) und Ama­zoniens (Aikhenvald 1999) konnte das Phänomen SVC verortet und beschrieben werden.

2.1.2 Die „seriellen Parameter" nach Aikhenvald (2006) sowie van Staden und Reesink (2008)

Aikhenvald (2006) gibt in Anlehnung an Durie (1997) einen detaillierten Über­blick über die Eigenschaften, die eine SVC aufweisen muss, um als solche analy­siert werden zu können:

A serial verb construction (SVC) is a sequence of verbs which act together as a single predicate, without any overt marker of coordination, subordination, or syntactic dependency of any other sort. Serial verb constructions describe what is conceptualized as a single event. They are monoclausal; their intonational properties are the same as those of a monoverbal clause, and they have just one tense, aspect and polarity value. SVCs may also share core and other arguments.

Each component of an SVC must be able to occur on its own. Within a SVC, the individual verbs may have same, or different, transitivity values. (Aikhenvald 2006: 1)

Auch wenn nicht alle ihrer „seriellen Parameter" für sämtliche Sprachen der Erde zutreffend sind - beispielsweise können in einigen Sprachen serielle Ver­ben unterschiedliche Aspekte oder eine andere Polarität aufweisen, je nach Definition und Betrachtung des Autors (Senft 2008, vgl. Mead und Youngman 2008) -, so hat sich Aikhenvalds Definition dennoch als nützlich erwiesen, um grundsätzlich serielle von nicht-seriellen Strukturen zu unterscheiden.[3] Van Staden und Reesink (2008) fassen die Kenntnisse von SVC in einer Kreolsprache (Ambon Malay), sieben austronesischen Sprachen und neun Papua-Sprachen der Nusantara-Kontaktzone in einer typologischen Studie zusammen.[4] Die Termi­nologie dieser Studie unterscheidet sich von der Aikhenvalds, hat jedoch den Vorteil der strikten Trennung zwischen Bezeichnungen syntaktischer und se­mantischer Eigenschaften von SVC, weshalb diese Studie in dieser Arbeit ebenfalls Berücksichtigung gefunden hat.

Die von Aikhenvald (2006) sowie Van Staden und Reesink (2008) definierten Parameter sollen hier zusammenfassend kurz erläutert werden.

I SVC als einzelnes Prädikat

SVC bilden eine syntaktische Einheit. In nicht-serialisierenden Sprachen werden sie oft mit einem Verb wiedergegeben. Von anderen komplexen Prädikaten und Multi-Verb-Konstruktionen, wie zum Beispiel Konverben, unterscheiden sich SVC dahingehend, dass sie auch eigenständig als einfache Prädikate in der Form vorkommen können, die sie auch als SVC annehmen. Darüber hinaus formen SVC eine Intonationseinheit (vgl. Givón 1990, 1991. Grammatische Kategorien wie Tempus, Aspekt und Negation haben Skopus über die ganze SVC. Dabei kann die entsprechende Markierung an einem Verb erfolgen und die anderen Verben bleiben unmarkiert (single marking bei Aikhenvald 2006; independent serialization bei van Staden und Reesink 2008), oder jedes Verb der Serie wird markiert (concordant marking bei Aikhenvald 2006; dependent serialization bei van Staden und Reesink 2008).

II. Syntaktische Eingliedrigkeit (monoclausality) von SVC

SVC sind syntaktisch eingliedrig, das heißt, sie erlauben keine Markierung von syntaktischer Abhängigkeit zwischen den Komponenten. Dieses Kriterium unter­scheidet sie von anderen komplexen Konstruktionen wie Parataxis und Hypo­taxis. Somit dürfen keine Markierungen von Subordination, wie Subjunktoren und Konjunktionen, in SVC vorhanden sein. Auch Veränderungen im Ton­muster, sofern sie zur Konsekutivsatzmarkierung verwendet werden, schließen eine Analyse als SVC aus (Hyman 1971, Watters 2000).

III. SVC beschreiben ein Ereignis oder mehrere abhängige Sub-Ereignisse SVC beschreiben in der Regel ein Ereignis. Dabei modifiziert ein Verb oft die Semantik des anderen Verbs, oder zwei Verben bilden zusammen eine lexikali- sierte Einheit, um ein Ereignis zu beschreiben, was als compact serialization bezeichnet wird (Pawley 2008, 2009; van Staden und Reesink 2008). Oder zwei oder mehrere Verben bilden eine Handlungs- oder Ereignisabfolge, die zusam­men genommen ein Makro-Ereignis darstellen, was als narrative SVC verstan­
den werden kann (Pawley und Lane 1998; Pawley 2008, 2009; van Staden und Reesink 2008).[5]

Mit den Anfängen der Sprachphilosophie, insbesondere der Vermutung, dass die menschliche Sprache das menschliche Denken beeinflusse, kam die Frage auf, inwieweit die kognitive Wahrnehmung von Ereignissen und überhaupt semanti­scher Konzepte kulturspezifisch seien. Im Zusammenhang mit SVC wurde vermutet, dass sich aufgrund der unterschiedlichen Konzeptualisierung der wahrgenommenen äußerlichen Einflüsse auf den Menschen in vielen Sprachen nicht willkürlich alle Verben in einer SVC verbinden lassen (Von Staden und Reesink 2008).[6] Pawley (1987) vertritt diesen Standpunkt in Hinblick auf die syntaktische Segmentierung semantischer Konzepte.

Givón (1990, 1991) negiert dies und kommt in seiner Comparative study of tem­poral packaging zu dem Ergebnis:

[S]erial verb constructions, as a typological phenomenon, do not represent a dif­ferent cognitive way of segmenting reality. Their significance is not primarily cross-cultural. Rather, they represent a different grammatical-typological way of coding event segments. (1990: 48 [Hervorhebung im Original; H.W.M])

Bohnemeyer et al. (2007) argumentieren, dass das Verhältnis zwischen syn­taktischen Strukturgrößen sowie Intonationseinheiten und der semantischen, konzeptuellen Darstellung sprachspezifisch sei. Um die „konzeptuelle Dichte" bestimmter (Sub-)Ereignisse definieren zu können, führen sie das macro-event property (MEP) ein.

[... T]he macro-event property (MEP), a property of constructions that assesses the event construal they convey - specifically the 'tightness of packaging' of subevents in the construction. A construction has the MEP if temporal operations such as time adverbials, temporal clauses, and tenses necessarily have scope over all subevents encoded by the construction. (Bohnemeyer et al. 2007: 497)

Aufgrund dieser Definition und den ihr zugrunde liegenden Tests zur Ermittlung des MEP haben bestimmte Konstruktionen in verschiedenen Sprachen das MEP oder nicht. Kompakte SVC sind aufgrund ihrer Argumentstruktur und dem Sko- pus der Operatoren über alle, in der Regel juxtaponierten Verben in der Termi­nologie der Role and Reference Grammar (RRG) nukleare SVC und haben das MEP, da sie eine Sequenz grammatisch und semantisch eng verknüpfter Hand­lungsstränge bezeichnen (vgl. Pawley 2008: 172). Narrative SVC bilden dagegen eine episodische Ereignissequenz, deren (Sub-)Ereignisse weniger eng miteinan­der verknüpft sind. Tempus-Operatoren oder Adverbien müssen nicht Skopus über alle Verben haben, daher gilt das MEP nur für einzelne (Sub-)Ereignisse der Konstruktion.

Dies veranlasst Bisang (2009: 807) zu der Kritik, dass Pawley's multi-scene se­quences oder narrative SVC nicht als SVC eingestuft werden sollten: „Pawley's narrative SVCs do not qualify as SVCs if eventhood is taken as a serious definitional criteria."[7]

IV. Argumenten-Struktur

In einer SVC muss üblicherweise mindestens ein Argument, in der Regel das Subjekt, von allen Verben geteilt werden (Eine Ausnahme bilden resultative SVC, vgl. § 4.2.5). Entweder haben alle Verben das gleiche Subjekt, dies ist in jeder Sprache mit SVC die verbreitete Strategie, oder das Objekt des ersten Verbs ist gleichzeitig Subjekt des zweiten Verbs. Diese zweite Art von SVC wird in der Literatur als Pivotalkonstruktion (Bisang 1992: 41f., 191), switch-function SVC (Aikhenvald 2006: 15f.) oder co-dependent SVC (van Staden und Reesink 2008: 25f.) beschrieben. Die Bezeichnung switch-function SVC, wie sie in dieser Arbeit verwendet wird, ist als terminus technicus syntaktisch zu verstehen. Wie sich in § 4.2.3 und § 4.3.1 zeigen wird, lassen sich für Adamawasprachen drei semantisch-funktionale Typen unterscheiden, die mittels einer switch-function SVC konstruiert werden. Zum einen handelt es sich dabei um direktionale Kon­struktionen in denen ein Bewegungsverb in Verb2-Position steht und eine deik­tische Referenz zum ersten Verb liefert. Der zweite, in den meisten serialisie- renden Sprachen sehr verbreitete Typ ist die so genannte cause-effect Konstruk­tion. Hierbei stellt die im zweiten Verb kodierte Verbalhandlung ein Resultat oder eine Auswirkung der im ersten Verb kodierten Verbalhandlung dar. Als dritten Typ, der von Aikhenvald (2006: 18) und Matthews (2006: 73f.) als „in- determinate" eingestuft wird und daher mit Vorsicht bewertet werden muss, ist die so genannte complement clause serialization zu nennen. Hier ist die Grenze zwischen SVC und einer biklausalen Struktur sehr schmal, weshalb nur von Fall zu Fall bewertet werden kann, ob es sich wirklich um eine SVC handelt. Andere switch-function SVC sind die kausative SVC, die nur selten belegte simultaneous ex-periencer SVC und switch-function consecutive SVC. Die Unterscheidung ist nicht immer eindeutig, während cause-effect SVC in der Regel symmetrisch sind,
sind kausative SVC in der Regel asymmetrisch und beinhalten ein kausales Verb aus einer restringierten Verbalklasse, wobei es auch Ausnahmen gibt und die beiden Konzepte sich überlappen. Da diese drei Konstruktionstypen (causative SVC, simultaneous experiencer SVC und switch-function consecutive SVC) in Ada- mawasprachen nicht belegt sind, bleiben sie in dieser Arbeit unberücksichtigt (für eine detaillierte Definition vgl. Aikhenvald 2006: 15ff, Fußnote 8).

V. Symmetrie vs. Asymmetrie

In symmetrischen SVC kommen alle Verben aus einer nicht-restringierten, das heißt offenen Verbklasse, während in asymmetrischen SVC mindestens ein Verb aus einer grammatisch oder semantisch restringierten Klasse stammt. In typi­schen asymmetrischen SVC modifiziert das restringierte Verb die Konstruktion indem es grammatische Funktionen wie Tempus, Aspekt, Modus oder Modalität (§ 4.3.3), Richtung oder Orientierung (§ 4.3.2.1), Valenzerweiterung (§ 4.3.2) oder -reduzierung oder Komparativ (§ 4.3.4) annimmt. Symmetrische SVC for­men in der Regel vier verschiedene semantische Konzepte: Ereignis-Sequenzen (§ 4.2.2, § 4.2.3), cause-effect SVC (§ 4.2.4), SVC der Art und Weise[8] und syn­onyme SVC (vgl. Aikhenvald 2006a: 35f.).

Aikhenvald (2006: 30 ff.) stellt eine historische Korrelation zwischen asymme­trischen SVC und Grammatikalisierung sowie symmetrischen SVC und Lexikali- sierung fest: „Asymmetrical serial verb constructions tend to undergo grammaticali- zation - the minor verb becomes a grammatical marker. In contrast, symmetrical serial verb constructions tend to become lexicalized and develop ideomatic mea­nings". Als Resultat dieser Tendenz zur Grammatikalisierung geht sie davon aus, dass in den Sprachen der Welt historisch gesehen asymmetrische SVC vor sym-
metrischen SVC entstehen (Aikhenvald 2006: 34). Bisang (2009) stellt diese Sichtweise in Frage und postuliert die entgegengesetzte Annahme, dass die Mehrheit asymmetrischer SVC als Resultat von Grammatikalisierung gesehen werden muss, in der von symmetrischen SVC ausgehend eines der Verben als grammatischer Marker reanalysiert wurde.

In contrast to Aikhenvald's (2006) assumption, processes of grammaticalization do not necessarily start out from asymmetrical SVCs. In fact, languages follow ra­ther the reverse order, that is, the vast majority of asymmetrical SVCs is the result of grammaticalization, most likely from symmetrical SVCs in which one of the component verbs is reanalysed as a grammatical marker. (Bisang 2009: 808f.)

Damit einhergehend sind symmetrische SVC nicht nur als Ausgangspunkt von Grammtikalisierung zu sehen, sie geben ebenfalls den Anstoß für Lexikalisie- rungsprozesse, indem ein Reihe von zwei oder mehreren nicht-restringierter lexikalischer Elemente reanalysiert werden und eine konventionalisierte Form eingehen. In diesem Punkt ist Bisang (2009: 18) mit der Ansicht von Aikhenvald (2006) konform, jedoch äußert er Bedenken bezüglich der Annahme, dass die Verben einer lexikalisierten symmetrischen SVC eine offene Klasse formen.

If an SVC has developed into an idiom-like lexical item, its components can no longer be selected from an unrestricted set of verbs. Quite the contrary, they are maximally restricted as there is exactly one verb for each verbal position in a lexi- calized SVC. (Bisang 2009: 809)

Die folgende Abbildung repräsentiert die Verteilung restringierter und nicht- restringierter Verben in Verbindung mit Grammatikalisierung und Lexikalisie- rung und soll deutlich machen, dass diese beiden Prozesse mit der produktiven Juxtaponierung nicht-restringierter Verben startet.

Productive juxtaposition of verbs (consists only of open-class elements)

Grammaticalized SVCs Lexicalised SVCs

(at least one closed-class element) (both elements maximally restricted)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: SVC und ihre Relation zu Grammatikalisierung und Lexikalisierung (Bisang 2009: 809)

In beiden Fällen von sowohl vollkommen grammatikalisierter als auch voll­kommen lexikalisierter serieller Verben lehnt Bisang (2009: 809) eine Interpre­tation als SVC ab, da mindestens eines der beteiligten Verben seine Eigenschaf­ten als eigenständiges Verb verloren hat. Im Falle von Grammatikalisierung werde ein Verb zu einem Marker einer grammatischen Kategorie und sei nicht länger als Verb zu verstehen. Aus diesem Grund würde Bisang (2009) valenz­erweiternde SVC und Tempus-Aspekt-Modalität-Konstruktionen, wie sie in § 4.3 besprochen werden, unter Umständen als grenzwertig betrachten. Da ich in dieser Arbeit einen panchronen Ansatz à la Heine (1993) und Kuteva (2001) verfolge in dem serielle Verben und Auxiliare nicht als diskrete Kategorien, sondern als Stationen eines Kontinuums verstanden werden, wird hier der seri­elle Status grammatikalisierter SVC akzeptiert, sofern sie ihre verbalen Eigen­schaften beibehalten.

2.1.3 Serielle Verben in der Role and Reference Grammar (RRG)

Ein Meilenstein in der Analyse von SVC ist die Arbeit von Foley und Olson (1985), die seit ihrer Veröffentlichung wegweisend für viele Beschreibungen von SVC war und aufgrund ihrer analytischen Schärfe und seiner Prominenz in den verschiedenen Publikationen auch Einfluss auf diese Arbeit genommen hat. Foley und Olson (1985) analysieren im Rahmen der Role and Reference Grammar (RRG), wie sie von Foley und van Valin (1984) umfassend dargelegt wurde, SVC
im Hinblick auf ihre Argumentstruktur und ihre syntaktosemantischen Grenzen innerhalb der clause. Nach ihrer Definition der layered structure of the clause (LSC), lässt sich ein Satz in drei Schichten gliedern, auf die sich die verschiede­nen Operatoren, wie Tempus, Aspekt und Negation auswirken, die selbst jedoch keine Konstituenten der LSC darstellen.

[...] we view clauses as a complex layering of grammatical units, smaller units within larger. It appears that at least three separate layers are required. Cor­responding to each layer, there exists a set of operators. [...] These operators ha­ve as the domain of their scope their corresponding layer, but, in the manner of operators, are not themselves constituents of that layer. (Foley and Olson 1985: 33)

Diese drei Schichten oder layer sind der Nukleus, in der Regel das Verb, der core, das Verb mit seinen Kernargumenten (in der Terminologie der RRG Actor und Undergoer) und die clause[9], der core mit den Satzteilen die keine Argu­mente des Verbs sind. Die Operatoren haben Skopus über diese layer, beispiels­weise Aspekt über den Nukleus, Negation über Nukleus oder core, Tempus und illokutionäre Kraft über die clause. Im Zuge dieser Definition lassen sich Multi­Verb-Konstruktionen als Kombinationen oder junctures dieser Schichten auf­fassen und Operatoren haben die gesamte juncture in ihrem Skopus. Im Falle einer nuclear juncture würde dies bedeuten, dass jeder nuclear juncture operator den gesamten Nukleus, also alle Verben innerhalb der nuclear juncture in seinem Skopus haben muss. Da ein komplexer Nukleus als eine Einheit aufgefasst wird, werden alle Kernargumente und Operatoren von allen Verben im Nukleus ge­ teilt. In einer core juncture werden dagegen die Argumente von jedem Nukleus unabhängig selektiert und sind nur Kernargumente ihres bestimmten Nukleus.[10] Ein weiteres wichtiges Kriterium der RRG in der Analyse komplexer Sätze sind die so genannten nexus relations. Traditionell wurden zwei Satzverknüpfungs­oder Nexus-Typen angenommen, Koordination und Subordination. In der Analy­se komplexer Sätze, wie beispielsweise Satzketten mit switch-reference- Markierung, wurde diese Dichotomie jedoch problematisch, da switch-reference Konstruktionen scheinbar Eigenschaften beider Nexus-Typen haben. Daher hat die RRG für die Klassifizierung von Nexus-Typen zwei Parameter [ + /- einge­bettet] und [ + /- abhängig] festgelegt. Bei Koordination ist keiner der beiden Satzteile in den anderen eingebettet oder von dem anderen abhängig. Ein sub­ordinierter Satz ist hingegen sowohl in einen übergeordneten Matrixsatz einge­bettet, als auch von diesem abhängig. Um Sprachen mit switch-reference Markie­rung gerecht zu werden, hat man einen dritten Nexus-Typ definiert, in dem zwar beide Satzteile von einander abhängig sind, aber keiner in den anderen eingebettet ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foley & Van Valin (1984: 241)

Unter [+ /- abhängig] ist in erster Linie eine Operatorenabhängigkeit zu ver­stehen, in dem Sinne, dass der Skopus von Operatoren bei Kosubordination über der gesamten clause liegt, während ein subordinierter Satzteil einen eigenen clause darstellt und somit die Operatoren ihren Skopus nur über diesen Satzteil haben. Abb. 2 soll die Nexus-Trichotomie verdeutlichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Nexus-Typen in der RRG (Van Valin & LaPolla, 1997: 454)

Durch Kombination der drei juncture-Typen der layered structure of the clause mit den drei Nexus-Typen kommen Van Valin und LaPolla (1997: 455) auf neun juncture-nexus-Kombinationen (nuclear subordination, nuclear cosubordination, nuclear coordination, core subordination, usw.). Van Valin (2005: 198) ergänzt zwei weitere Kombinationen: Koordination und Subordination auf Satzebene (sentence subordination, sentence coordination). Damit sind alle möglichen kom­plexen Satzverknüpfungsarten festgehalten. Aufgrund der definierten syntakti­schen Eingliedrigkeit (monoclausality) ist eine SVC entweder eine nuclear junctu­re oder eine core juncture. Darüber hinaus besteht zwischen den Verben einer SVC eine Operatoren-Abhängigkeit, ohne dass ein junct in das andere eingebet­tet ist. Insofern gehören SVC zu den juncture-nexus-Typen nuclear cosubordination oder core cosubordination. Wenn in einer nuclear juncture ein nuklearer Operator, wie beispielsweise Aspekt nur Skopus über einen Nukleus hat, liegt mit nuclear coordination ein dritter Typ vor (Van Valin 2005: 202f.).

Dieser kleine Exkurs in die Role and Reference Grammar hat den Nutzen einer Sprachtheorie bei der Beschreibung grammatischer Strukturen verdeutlicht. Als funktional-typologische Grammatiktheorie ist die RRG für die Analyse von SVC ein wichtiges Werkzeug, um die syntaktischen als auch semantischen Grenzen einer SVC zu setzen. Ferner bildet die RRG eine brauchbare terminologische Basis für den typologischen Vergleich.

2.2 Auxiliare

Die Definition eines Auxiliars oder einer Auxiliarkonstruktion (fortan abgekürzt als AVC[11] ) scheint ebenso problematisch zu sein wie die einer SVC. In der Lite­ratur lassen sich nicht nur unterschiedlichste Bezeichnungen für das Konzept „Auxiliar" finden (z.B. auxiliary verb, verbal auxiliary, helping verb oder quasy auxiliary), abhängig von der jeweiligen Theorie findet man auch recht diver­gierende Vorstellungen davon, was genau unter dem Konzept „Auxiliar" zu ver­stehen ist. Für die Definition von Auxiliaren ist vor allem die Frage nach ihren semanto-syntaktischen Eigenschaften von Relevanz und in diesem Zusammen­hang das Problem der Kategorisierung von Auxiliaren in Abgrenzung zu Verben, aus denen sich Auxiliare entwickelt haben.

In § 2.4 wird argumentiert, dass Auxiliare und Verben keine diskreten Katego­rien bilden. Unter Berücksichtigung der Modelle der grammaticalization chains (Heine 1992, Claudi & Hünnemeyer 1991: 220) und der centrifugal theory of grammaticalization (Matasovic 2008) sind Verben und Auxiliare vielmehr auf einer Verb-zu-TAM-Grammatikalisierungsskala anzusiedeln, in der jedes Glied dieser Grammatikalisierungskette eine Stufe des Auxiliarisierungsprozesses repräsentiert, wobei die vorherigen und die nachfolgenden Funktionen sowie deren sprachliche Realisierungen nebeneinander in Gebrauch sind. Daraus er­gibt sich eine überlappende Zwischenstufe, die durch semantische und/oder syntaktische Ambiguität gekennzeichnet ist (Kuteva 2001: 138). Da der Darstel­lung dieser Hypothese ein eigenes Kapitel gewidmet ist, seien im Folgenden die Positionen dargestellt die dieser Ansicht entgegenstehen.

Die vielleicht meist verbreitete Ansicht ist seit der Einführung der Kategorie „AUX" durch Chomsky (1957), dass Auxiliare oder Elemente, die unter der Be- zeichnung „AUX" subsumiert werden können, eine distinkte Kategorie bilden, die von der Kategorie „VERB" und anderen unterschieden werden muss. Vertre­ter dieser autonomy hypothesis sind unter anderem Steele (1978), Akmaijan et al. (1979), Palmer (1979), Steele et al. (1981), Marchese (1986), Ramat (1987) und Puglielli (1987).

Die Position, die der autonomy hypothesis entgegensteht, ist die main-verb hypo­thesis, derzufolge Auxiliare zugrunde liegende Verben sind, die sich von anderen Verben dahingehend unterschieden, dass sie zusätzlich zu dem Merkmal [ + V] das Merkmal [ + Aux] aufweisen. Ross (1969: 77) unterscheidet demnach die englischen Verben have und be von den Verben eat und sing dadurch, dass die ersteren das Merkmal [ + Aux] haben, die letzteren hingegen das Merkmal [-Aux]. Weitere Vertreter dieser Hypothese sind McCawley (1975), Huddleston (1976), Pullum und Wilson (1977) und Pullum (1981). (Für eine detaillierte Darstellung dieser und weiterer Hypothesen vgl. Heine 1993.)

2.3 Grammaticalization-chains: von seriellen Verben zu Auxiliaren

2.3.1 Fallstudie Mundang

Bevor wir das Modell der Grammatikalisierungsketten näher betrachten, möchte ich folgende Aussage von Elders (2000) aus seiner Grammatik zum Mundang zitieren, die unter anderem Anlass dazu gegeben hat, SVC und Auxiliare in die­ser Arbeit als verschiedene Stufen auf einer Grammtakalisierungs-Skala zu be­trachten.

Si les verbes 'aller' et 'venir' se trouvent comme premier verbe avec un autre ver­be, ils admettent parfois deux analyses: comme auxiliaire ou bien comme premier verbe dans une construction à verbe sériels. (Elders 2000: 351)

Die folgenden Beispiele aus dem Mundang, die Elders zu dem obigen Zitat gibt, sollen die Ambiguität zwischen SVC und AVC verdeutlichen:

Mundang; Elders (2000: 351f.)

Serielle Verbkonstruktion/Auxiliarkonstruktion:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auxiliarkonstruktion:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Beispiel (1) bilden die beiden Verbalnomen gì ,gehen' und ngò] ,schneiden' eine SVC. Das Verb ,gehen' hat in dieser motion serialization Konstruktion (vgl. § 4.2.3) die Funktion einer spatialen Deixis, die der im zweiten Verb kodierten Verbalhandlung des ,Schneidens' eine räumliche Orientierung zuweist.

Beispiel (2) unterscheidet sich vom ersten nur durch den Mittelton anstelle des Tieftons bzw. dem Fehlen des Tieftons, was der gesamten Konstruktion eine perfektive Lesart verleiht. Der Imperfektiv wird in Adamawasprachen mit weni­gen Ausnahmen durch einen tieftonigen Verbstamm oder einem Tiefton auf der letzten Silbe gebildet. Dies ist gleichzeitig die Markierung des Verbalnomens, sofern das Verbalnomensuffix -ni/-ri weggefallen ist.[12] Der Perfektiv bleibt un­markiert. In einer SVC wird die Markierung für den Imperfektiv in der Regel an beiden Verben vorgenommen, welches eine Ambiguität von AVC und SVC in Satz (1) hervorruft. Beispiel (2) sei hingegen laut Elders eindeutig als AVC zu analysieren.

Ein weiteres Unterscheidungskriterium im Mundang ist die Position des Plu- ralklitikums 3PL.[13] In Beispiel (4) wird es dem ersten Verb postponiert, in (3) dem Hauptverb, also dem zweiten Verb, was Elders dazu veranlasst, Satz (3) als AVC und Satz (4) als SVC zu analysieren.

,kommen' als Auxiliar:

Mundang; Elders (2000: 349)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

,kommen' in einer direktionalen SVC:

Mundang; Elders (2000: 504)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ganz zufriedenstellend ist diese Definition meines Erachtens nicht. In den Daten von Elders (2001) findet sich kein Beispiel, in dem das Verb ,kommen' mit dem Pluralklitikum versehen wird. Das könnte bedeuten, dass das Verb ,kommen' generell kein Pluralsuffix annimmt, da es soweit dekategoriesiert ist, dass es Teile der Verbalmorphologie verloren hat. Desweiteren könnte man die Zu­weisung einer zentrifugalen Orientierung in Beispiel (4) ebenfalls als auxiliare Eigenschaft ansehen. Auf der anderen Seite würden beide Konstruktionsarten in der rezenten Literatur als SVC analysiert werden. Bei van Staden & Ressink (2008) würde Satz (3) einer sogenannten motion serialization und Satz (4) einer direction serialization entsprechen (vgl. § 4.2.3 und § 4.3.2.1).

Diese definitorischen Schwierigkeiten veranlassen mich dazu Auxiliare, deren verbale Herkunft ersichtlich ist, nicht als diskrete Kategorien zu sehen, sondern im Sinne von Heine (1993), Kuteva (2001) und Anderson (2006) als Abstufun­gen in einem Kontinuum zwischen Verb und TAM-Marker.

2.3.2 Panchronie

Als Antwort auf die autonomy hypothesis und die main-verb hypothesis wurde eine dritte Position eingenommen, in der darauf hingewiesen wurde, dass es zwi­schen Verben und Auxiliaren keine exakte Grenze gibt durch die sie kategori- siert werden könnten. Sie bilden eher ein Kontinuum oder eine Abstufung (Heine 1993: 9). Charakteristisch für diese Betrachtung ist in erster Linie die Hinzunahme einer diachronen Perspektive. Bolinger (1980: 297) beschreibt die­sen Sachverhalt folgendermaßen: „The historical fact needs to be seen in its syn­chronic frame: the forms are in transition, and exhibit all the refractoriness of their uncertain destiny; they are settled in some parts of their usage, unsettled in others". Obwohl die Erwägung einer panchronen Perspektive schon zu Zeiten Saussures und Hjelmslevs im Diskurs war (Kuteva 2001: 9), wurde diese Idee erst von Bailey (1973), Hagège und Haudricourt (1978) und Christie (1982) wieder aufgegriffen. Kuteva (2001: 7) macht ihren panchronen Standpunkt wie folgt deutlich:

The panchronic approach is not confined to a synchronic static perspective - in contrast to that of many linguists, who in order to avoid what they call the 'ety­mological fallacy' insist on a strict distinction between synchrony and diachrony (cf. Lyons 1977, among many others). On the contrary, auxiliaries are considered panchronically, with the diachronic parameter no less important than the syn- chronic. The phenomenon of complex verb structures developing into auxiliary structures is thus seen as something 'stretching' through time.

2.3.3 Verb-zu-TAM-Ketten

Die Herangehensweise von Kuteva (2001) und Heine (1993) unterscheiden sich von den in § 2.3 erwähnten Ansätzen vor allem durch

i. ) ihre panchrone Perspektive,
ii. ) ihrer Ablehnung notwendiger definitorischer Kriterien sowie
iii. ) der Verwendung des Konzepts der Grammatikalisierungsketten (Kuteva 2001: 7).

Das Modell der Grammatikalisierungsketten stellt eine Weiterentwicklung des overlap models dar, wie es unter anderem von Garcia (1967) und Coates (1983) postuliert wurde. In einem Grammatikalisierungsprozess von einem Quell- zu einem Zielkonzept besteht eine ambigue Zwischenstufe, in der beide Konzepte parallel existieren.

[...] the transition from source concept to target concept involves an intermediate stage where both coexist side by side (...). This is a stage of ambiguity since the relevant linguistic form can be understood to refer either to its lexical (or less grammatical) sense or to its more grammaticalized sense. (Heine et al. 1991: 111)

Während vorangehende Modelle wie das der grammaticalization channel (Heine und Reh 1984: 113) stärker auf den Ausgangs- oder Endpunkt des Grammatika- lisierungsprozesses verweisen, liegt bei der Idee der grammaticalization chain eine stärkere Referenz auf der internen Struktur des Prozesses (Heine et al. 1991: 222) bzw. den zugrunde liegenden dynamischen und kontinuierlichen Prozessen. Craig (1991: 455-456) beschreibt in ihrer Fallstudie zum Rama das Konzept folgendermaßen:

The term 'chain' is used to evoke the step-by-step nature of the grammaticaliza- tion process, which is most directly observable in the pairing of two morphemes through a scenario of change, creating links with the internal structure outlined below:

[SOURCE ... pathway ... OUTCOME]

Chaining happens when the outcome of a link becomes the source component of another link [ ... ]. Incorporating the notions of grammaticalization and chaining into the descriptive grammar of a language has the effect of adding both a dy­namic and a diachronic dimension to the task. In the synchronic study of a par­ticular language, the phenomenon of 'chaining' surfaces in morphemes related by polysemy which can be interpreted as traces of links of various chains. (Craig 1991: 455-456)

Im Kontext des Auxiliarisierungsprozesses interessiert sich Heine (1993) für eine ganz bestimmte Art von Grammatikalisierungskette, der Verb-zu-TAM-Kette, in der sich ein zu Anfang verbales/lexikalisches Element zu einem grammatischen Marker für Tempus, Aspekt, oder Modalität entwickelt. Um die diversen Gram- matikalisierungsprozesse im Detail beschreiben zu können unterscheidet Heine (1993: 54ff.) vier Parameter, die sich auf die linguistischen Aspekte Semantik (Desemantisierung), Morphosyntax (Dekategorisierung), Morphophonologie (Klitisierung) und Phonologie (Erosion) beziehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Mögliche Korrelationen zwischen den verschiedenen Grammatikalisierungs- prozessen entlang einer Verb-Zu-TAM-Kette (Heine 1993: 58)

[...]


[1] In vielen Grammatiken ist beispielsweise nur eine unvollständige oder gar keine Interlinear­übersetzung vorhanden.

[2] Ich verwende die englische Abkürzung SVC für den Singular wie auch den Plural. In der deutsch­sprachigen Literatur findet man auch SVK (Sg.) und SVKen (Pl.) (vgl. Gerhardt 1994) doch die engli­sche Abkürzung ist eleganter und hat sich als Standard durchgesetzt.

[3] Für eine kritische Auseinandersetung mit Aikhenvalds Darstellung vgl. Bisang (2009).

[4] Ost-Nusantara ist ein Gebiet in Ost-Indonesien (Flores, Sumba, Timor) Halmahera und West-Papua­Neuguinea (Bird's head)

[5]

Van Staden und Reesink (2008) weisen darauf hin, dass die Bezeichnung „narrative" SVC irreführend sein könnte, da sie zu implizieren scheint, dass „kompakte" SVC keine Funktionen in narrativen Diskursen haben, was natürlich nicht beabsichtigt sein soll. Aufgrund des Mangels eines besseren Begriffs wird die Bezeichnung narrative SVC dennoch beibehalten.

[6] Im Alamblak, einer Sepi-Ramu Sprache Papua-Neuguineas können beispielsweise, laut Bruce (1988) die beiden Konzepte ,auf einen Baum klettern' und ,Sterne betrachten' nicht ohne weiteres in einer SVC verkettet werden, da man die Sterne auch vom Boden aus betrachten kann. Erst wenn man die Konstruktion durch ein Adverb, wie ,klarer sehen' ergänzt, wird die Konstruktion von den Sprechern als grammatisch empfunden.

[7] Auch Aikhenvald (2006: 10, Fußnote 4) äußert Bedenken, ob multi-scene SVC als echte SVC aufgefasst werden können, da sie Intonationspausen zwischen einigen Komponenten der SVC erlauben.

[8] Im Gegensatz zu Aikhenvald 2006: 35f.) werden SVC der Art und Weise oder adverbiale SVC in dieser Arbeit als asymmetrische SVC aufgefasst.

[9] Foley und van Valin (1984) und ebenso Foley und Olson (1985) bezeichnen die clause noch als periphery oder peripheral layer. In späteren Publikationen wird die Bezeichnung clause bevorzugt, und periphery für jene Satzteile verwendet, die nicht mit zur Argumentstruktur des core gehören. An diesen späteren Publikationen wie Van Valin und LaPolla (1997) und Van Valin (2005) orientiert sich die RRG-Terminologie dieser Arbeit.

[10] Ein kurzes Beispiel aus dem Barei (Trans-Neu-Guinea) soll hier zur Verdeutlichung der Definition dienen:

Barai, Southeast Papuan; Olson (1981), in Foley & Van Valin (1984)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Nuclear und core juncture in der RRG

In der core juncture in (ia.) werden die Kernargumente der beiden Nuklei unabhängig voneinander selektiert und sind nur Kernargumente ihrer jeweils bestimmten Nuklei.

Die nuclear juncture in (ib.) verlangt einen einzigen Core für die beiden juxtaponierten Nuklei. Der komplexe Nukleus [fi = isoe] benötigt nur ein einfaches Set von Actor- und Undergoer-Argumenten. Desweitern hat die nuclear juncture in b. einen Intonationsbogen, die core juncture in a. zwei Intonationsbögen, und Adverbien und Negationspartikel können in der nuclear juncture in b. nicht zwischen die beiden Verben treten um diese einzeln zu modifizieren, im Gegensatz zu a., in der jedes Verb der core juncture einzeln negiert oder durch ein Adverb modifiziert werden kann.

[11] Auxiliarkonstruktion oder Englisch auxiliary verb construction wird hier, sowohl im Singular als auch im Plural mit AVC abgekürzt.

[12] Im Mundang bleibt das Verbalnomensuffix -nì erhalten wenn sich das letzte Verb in clause-finaler Position steht, das heißt, wenn kein overtes Objekt folgt.

[13] Im Perfektiv bleibt die 3. Person Singular unmarkiert; für die 3. Person Plural wird dem Verb das Pluralklitikum = ra nachgestellt.

Details

Seiten
142
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656242833
ISBN (Buch)
9783656246411
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198238
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Ethnologie und Afrikawissenschaften
Note
1.3
Schlagworte
Verbserialisierung Auxiliar Linguistik Adamawa Niger-Kongo RRG Role and Reference Grammar Afrikanistik serielle Verben SVC AVC Serialverbconstruction Grammatikalisierung

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Titel: Von Seriellen Verben zu Auxiliaren