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Der Übergang von der manus-Ehe zur manus-freien Ehe

Soziale und privatrechtliche Auswirkungen für die römische Frau

Essay 2012 8 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Die manus-Ehe - in der römischen Republik war diese Form der Eheschließung noch die Regel. Hierbei wurde die Frau durch Ersitzung (usus), confarreatio oder durch Scheinkauf (coemptio) von der Hausgewalt des Vaters (patria potestas) in die Gewalt des Mannes überführt.[1] Dies bedeutete für die Frau einen vollständigen Wechsel der Familienzugehörigkeit. Auch ihr Vermögen (Mitgift oder dos) war nun in Besitz ihres Ehemannes. Zu Beginn der späten Republik vollzog sich jedoch ein Wandel in der römischen Heiratspraxis: Der Übergang von der manus-Ehe in die manus-freie Ehe.[2] Die Wahrnehmung dieser Entwicklung ist auch in den Institutionen des Gaius nachzulesen. Hier beschreibt der römische Jurist die manus-Ehe und stellt daraufhin folgendes fest: „Aber dies ganze Rechtsverhältnis ist zum Teil durch Gesetze aufgehoben, zum Teil auch durch gewohnheitsmäßige Nichtanwendung in Vergessenheit gekommen“.[3] Das grundlegende Thema dieses Essays bildet nun folgende Leitfrage: Welche Auswirkungen hatte der Übergang von der manus-Ehe zur manus-freien Ehe im Hinblick auf die soziale und privatrechtliche Stellung der römischen Frau? Zur Beantwortung dieser Fragestellung sollen zunächst die Ursachen für diese Entwicklung genannt werden. Hierbei wird zudem Bezug auf die allgemeine Bedeutung und Funktion der römischen Ehe genommen. Im Anschluss daran soll nun erarbeitet werden, welche Veränderungen die manus-freie Ehe für die römische Frau zur Folge hatte. Im Rahmen dessen soll diskutiert werden, welche Vor- und Nachteile diese Veränderungen für die römische Frau darstellten, um anhand dieser Ergebnisse die Leitfrage beantworten zu können. Da der Übergang der manus-Ehe zur manus-freien Ehe etwa in der späten Republik und dem frühen Kaisertum stattgefunden hat, wird sich die Untersuchung auf diesen Zeitraum beschränken. Als Quellenbelege sind in diesem Rahmen vor allem die römischen Rechtsquellen, wie zum Beispiel die Institutionen des Gaius, ausschlaggebend. Desweiteren sollen biographische Belege angeführt werden, wie zum Beispiel aus der Biographie des Plutarch über die Heiratspraxis des Cato minor.

Die Ehe ist aus heutiger Sicht eine „mit Eheschließungswillen eingegangene staatlich anerkannte Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau“[4], die Max Kaser zufolge somit „ein Rechtsverhältnis mit bestimmtem Inhalt“[5] darstellt und in den meisten Fällen auf der Grundlage einer Gleichberechtigung zwischen den Ehepartnern basiert.[6] Damit ist der neuzeitliche Begriff der Ehe jedoch gegenüber dem Wesen der römischen Ehe grundverschieden. Die römische Ehe war ein privatrechtlicher Akt. Hierbei genügte die Zustimmung der beiden Brautleute, die meist in Form eines Handschlages bestätigt wurde. Auch die Scheidung war entgegen der heutigen Praxis äußerst einfach: Ein formloser Brief oder die Zurückforderung der Hausschlüssel reichten aus, um die Scheidung zu vollziehen. Die Rückzahlungsbestimmungen der Mitgift (dos) wurden in einem Ehevertrag festgehalten.[7] Gefühle spielten bei der römischen Ehe nur eine untergeordnete Rolle. Vor allem die leidenschaftliche Zuneigung seitens des Mannes sollte möglichst unterbunden werden, da man in der römischen Republik annahm, dass der Mann ansonsten verweichliche oder den Dienst an der res publica außer Acht gelassen hätte.[8] Demzufolge war die römische Ehe vielmehr eine Lebensgemeinschaft, deren Zweck vor allem in der Zeugung legitimer Nachkommen lag, um den Familienerhalt zu sichern. Schon die römische Bezeichnung matrimonium, die ursprünglich auf das Wort mater (Mutter/Mutterschaft) zurückzuführen ist, bestätigt dieses.[9] Als weitere Motive für eine Eheschließung lassen sich politische Allianzen und Vermögenstransfer anführen. Somit sind vor allem das Ansehen und der Erhalt der römischen Familie bei der Eheschließung ausschlaggebend.[10] Vor diesem Hintergrund liegt nach Christiane Kunst die Ursache für die Entstehung der manus-freien Ehe vor allem darin, dass Familienvermögen zu sichern:

„Die Ehe, bei der die Gattin der manus des Mannes unterworfen war, bedeutet ... einen realen Kapitalverlust für die Herkunftsfamilie der Braut. Die Ehe ohne manus des Gatten über die Ehefrau hingegen bot den Vorteil intensiverer Kontrolle der Kapitalströme seitens der Brautfamilie.“[11]

Hierbei spielten vor allem erbrechtliche Bedingungen eine Rolle, die im Verlauf des Essays noch angesprochen werden sollen. Desweiteren ist anzuführen, dass im Laufe der Zeit die rechtliche Stellung der Frau nicht mehr mit der Lebenswirklichkeit übereinstimmte. Die römische Frau teilte mit dem Ehemann den Wohnbereich sowie gesellschaftliche und politische Interessen. So nahmen die Frauen an den Gastmählern ihrer Männer teil, begleiteten diese zu Theaterbesuchen und berieten sie bei Entscheidungen in Familienangelegenheiten. Zudem konnten sie sich weitestgehend frei in der Öffentlichkeit bewegen.[12] Frauen sui iuris verfügten außerdem zum Teil über ein großes Vermögen, das sie durch eigene Geschäfte oder aus Erbschaft erlangen konnten.[13] Nach dem Recht der manus-Ehe hätte dieses Vermögen bei einer Heirat jedoch vollständig dem Ehemann gehört.[14] Marianne Weber führt hierzu an: „Diese faktisch würdigere Stellung der Frau fand nun ... auch in der Rechtsentwicklung ihren Ausdruck, indem der strikte Patriarchalismus der Manus-Ehe nicht mehr ertragen wurde.“[15] Der Übergang zur manus-freien Ehe war die Folge. Doch, welche Auswirkungen hatte diese Entwicklung für die römische Frau? Wurde sie durch die manus-freie Ehe wirklich unabhängiger vom Ehemann und konnte infolgedessen mehr Freiheiten genießen?

Eine entscheidende Veränderung für die römische Frau bestand darin, dass sie in der manus-freien Ehe in der Hausgewalt des Vaters verblieb (patria potestas). Dies hatte zur Folge, dass der Einfluss des Vaters auf seine Tochter zunahm. Im Bezug auf die Ehe hatte er nun das Recht, eine Scheidung auch ohne Einwilligung seiner Tochter durchzuführen.[16] Diese Handlungsmacht bedeutete insofern einen besonderen Vorteil, da, wie bereits im ersten Teil herausgestellt, vor allem politische Allianzen und Vermögenstransfer eine wichtige Rolle bei der Heiratswahl spielten. So ist auch Elke Hartmann der Meinung, dass die Väter die Ulrich Manthe, Darmstadt 2004, S. 75f.).

[...]


[1] Zu den Arten der Eheschließung vgl.: Gai. Inst. 1, 110-111, sowie Jérôme Carcopino: Rom. Leben und Kultur in der Kaiserzeit, Stuttgart 41992, S. 123f.

[2] Vgl. Elke Hartmann: Frauen in der Antike. Weibliche Lebenswelten von Sappho bis Theodora, München 2007, S. 134f.

[3] Gai. Inst. 1, 111: Sed hoc totum ius partim legibus sublatum est, partim ipsa desuetudine obliteratum est. (Diese Quelle und ihre Übersetzung ist entnommen aus: Gaius: Institutionen, ed.

[4] Gerhard Koebler: Etymologisches Rechtswörterbuch, Tübingen 1995, S. 95.

[5] Max Kaser und Rolf Knütel: Römisches Privatrecht. Ein Studienbuch, München 192008, § 58,1,1.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. ebd., sowie Christiane Kunst: Eheallianzen und Ehealltag in Rom, in: Thomas Späth und Beate Wagner-Hasel (Hrsg.): Frauenwelten in der Antike. Geschlechterordnung und weibliche Lebenspraxis. Sonderausgabe, Stuttgart 2006, S. 32-52, hier S. 32f.

[8] Vgl. Hartmann: Frauen in der Antike, S. 140.

[9] Vgl. ebd., S. 134.

[10] Vgl. hierzu auch: Suet. Aug. 62 (politische Allianzbildung) und Plin. ep. 8, 10 (Erhalt der Familie/Nachkommen).

[11] Kunst: Eheallianzen, S. 34.

[12] Vgl. Marianne Weber: Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung, Aaalen 21971, S. 163f.

[13] Vgl. Andrea Rottloff: Lebensbilder römischer Frauen, Mainz am Rhein 2006, S. 71-73 und S. 115.

[14] Vgl. Kaser/Knütel: Privatrecht, § 59,1,2.

[15] Weber: Ehefrau und Mutter, S. 164.

[16] Vgl. Bettina Kreck: Untersuchungen zur politischen und sozialen Rolle der Frau in der späten römischen Republik, Marburg/Lahn 1975, S. 15.

Details

Seiten
8
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656248224
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198180
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Schlagworte
übergang soziale auswirkungen frau

Autor

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Titel: Der Übergang von der manus-Ehe zur manus-freien Ehe