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Der Oberdeutsche Präteritumschwund

Zur Beobachtung einer sich verstärkenden Veränderung unseres Tempussystems

Hausarbeit 2010 15 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1.Einleitung

2. Zwei Vergangenheits-Tempora: Perfekt und Präteritum
2.1. Das Perfekt
2.1.1. Bildung
2.1.2. Verwendung
2.2. Präteritum
2.2.1. Bildung
2.2.2. Verwendung
2.3. Unterscheidung Präteritum - Perfekt

3. Der Oberdeutsche Präteritumschwund
3.1. Zeitliche Einordnung
3.2. Geographische Einordnung
3.3. Gründe
3.4. Folgen

4. Schluss

5.Bibliographie

1. Einleitung

Wann benutzt man im Deutschen welche Zeit? - Dies ist eine Frage, die man immer öfter vernehmen kann. Bei Tempora wie dem Präsens tauchen, zumindest im Deutschen, selten Probleme auf. Bei den Vergangenheitsformen kommt dies jedoch öfter vor. Sie werden oft vermischt und keiner weiß sich recht zu helfen, wann man denn nun Perfekt, Präteritum, Plusquamperfekt, etc. einsetzt. Deshalb ist beispielsweise das Präteritum im Gesprochenen nur noch sehr selten zu vernehmen und genau wie alle anderen, zunächst sprachlichen Veränderungen, greift auch diese auf die Schriftsprache über. Daher ist das Thema der vorliegenden Arbeit: Der Oberdeutsche Präteritumschwund.

Zuerst werden Bildung und Verwendung der Vergangenheits-Tempora Perfekt und Präteritum genau erläutert, da sich das Perfekt oftmals an genau den Stellen einschleicht, an denen eigentlich das Präteritum stehen sollte. Dadurch wird sichergestellt, dass der Leser mit den zentralen Begriffen des Themas vertraut ist, bevor die Bedeutungsähnlichkeiten zwischen den beiden Tempora erörtert werden. Meine Analyse der Begriffe stützt sich hauptsächlich auf die Duden- Grammatik aus dem Jahre 2006, eine 1977 erschienene Deutsche Grammatik von Johannes Erben und das Grammatische Kompendium von Wilfried Kürschner von 2008.

Nachdem durch diesen Schritt alle nötigen Grundlagen geschaffen sind, kann nun das Problem des Oberdeutschen Präteritumschwunds dargelegt werden. Zunächst wird eine zeitliche und geographische Einordnung des Schwundes versucht. Hierbei stütze ich mich auf zwei Hauptquellen: einen Aufsatz von Anthony Rowley mit dem Titel „Das Präteritum in den heutigen deutschen Dialekten“ und eine Studie Kaj B. Lindgrens mit dem Titel „Über den Oberdeutschen Präteritumschwund“, in der er sich ausführlich mit dem Thema befasst. Diese Studie wird auch für den weiteren Verlauf meiner Arbeit von großer Bedeutung sein, denn er beschäftigt sich darin auch mit den Gründen und Folgen des Präteritumschwunds, die danach geklärt werden.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit liegt vor allem darin, über den Oberdeutschen Präteritumschwund und seine Bedeutung für die deutsche Sprache aufzuklären.

2. Zwei Vergangenheits-Tempora: Perfekt und Präteritum

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Perfekt“ stammt aus dem Lateinischen. Übersetzt ins Deutsche heißt es „vollendet“. Daher liegt die Vermutung nahe, dass es sich hierbei um ein Geschehen handelt, das bereits abgeschlossen ist und demnach in der Vergangenheit liegt. Neben dem Perfekt gibt es außerdem das Plusquamperfekt (lat. „mehr als vollendet“) und das Imperfekt (lat. „unvollendet“).[1] Im Rahmen dieser Arbeit wird auf das Plusquamperfekt nicht weiter eingegangen, da es nicht von großer Bedeutung dafür ist. Auf Perfekt und Imperfekt[2], bzw. Präteritum jedoch soll nun näher eingegangen werden, da diese im zentralen Fokus stehen werden.

2.1. Das Perfekt

2.1.1. Bildung

Das im Deutschen verwendete Perfekt besteht in der Regel aus zwei Verben. An erster Stelle steht ein Tempus-Hilfsverb, die finite Form von haben oder sein, an zweiter steht ein Verb im Partizip II. Diese analytische, bzw. zusammengesetzte zweiteilige Vergangenheitsform kann laut Duden der Einfachheit halber auch Präsensperfekt genannt werden, da das an zweiter Stelle stehende Verb, im Gegensatz zu Präteritums- und Futurperfekt, im Tempus Präsens steht.[3] Die Verteilung der beiden Hilfsverben kann sich höchst unterschiedlich gestalten. Sie hängt hauptsächlich von den „syntaktisch-semantischen Eigenschaften (Valenz, Aktionsart, Aktionalität) [des zu bildenden Vollverbs] ab.“[4] Je nach Charakteristik des im Partizip II stehenden Vollverbs wird also individuell entschieden, ob es mit haben oder sein zum Perfekt gebildet wird. Jedoch ist „die Perfektbildung mit haben [...] der Normalfall.“[5] Sie findet bei transitiven Verben, intransitiven Verben, die ein Geschehen in seinem Verlauf ausdrücken, reflexiven Verben und Modalverben statt.[6] Die Perfektbildung mit sein kommt seltener vor, da sie nur bei intransitiven Vorgangsverben mit Zustands- oder Ortsveränderung[7] und in Verbindung mit sein, werden, bleiben zum Einsatz kommt.[8]

Auffällig hierbei ist, dass die oberdeutschen Sprachbenutzer die Verteilung von sein und haben oftmals nicht der Regel entsprechend verwenden:

„Auch Verben der Ruhe wie sitzen, stehen, liegen bilden in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz abweichend von der Hauptregel tendenziell das Perfekt mit sein: Ich bin lange gelegen / gesessen / gestanden. In Norddeutschland hört man der Hauptregel entsprechend regelmäßig haben.“[9]

2.1.2. Verwendung

Das Perfekt wird verwendet, wenn das beschriebene Geschehen zeitlich begrenzt ist[10] und sich in der Vergangenheit befindet.[11] Auch wird es als „einen Vollzug feststellende »Urteilsform«“[12] bezeichnet. Man verwendet es in der Regel „in Gesprächen, in kurzen Mitteilungen, Fragen und ähnlichen Situationen.“[13] Kürschner unterscheidet zwischen drei verschiedenen Arten perfektiver Verben. Diese geben genaue Auskunft darüber, ob es sich um Anfang, Verlauf oder Ende eines Geschehens handelt.[14] Solche, die auf den „Beginn eines Geschehens“ verweisen, auch ingressiv, bzw. inchoativ genannt (Bsp.: erblühen, entbrennen, losrennen,..') und andere, die auf das „Ende eines Geschehens“ verweisen und auch als egressiv, bzw. resultativ bezeichnet werden können (Bsp.: verblühen, aufessen, ausklingen,..). Die dritte Art perfektiver Verben wird dann verwendet, wenn auf ein Geschehen „als sich ohne zeitliche Ausdehnung vollziehend“ verwiesen wird (Bsp.: erblicken, finden, ergreifen,...) und somit auch als punktuell, bzw. momentan bezeichnet werden kann.[15] Demnach kann man also sagen, dass manche Verben selbst das Vergangenheitstempus, in dem sie verwendet werden, anhand ihrer Grundbedeutung bestimmen.

Auch wenn das Präsensperfekt üblicherweise nicht als vorherrschendes Tempus in Erzähltexten steht, so wird es doch gern für Eröffnungs-, bzw. Schlusssätze, wie beispielsweise in Zeitungsberichten, verwendet. Es dient „in erster Linie dazu, vollzogenes Geschehen zu konstatieren, das in Beziehung zur Sprechzeit steht.“[16] Sogenannte „Rahmensätze stellen den Bezug zur Gegenwart her, während der Hauptteil des Textes im Präteritum über Vergangenes weiterberichtet, das mit dem einleitenden Präsensperfekt vorgestellt wurde.“[17]

Aufgrund des Oberdeutschen Präteritumschwunds wird das Präsensperfekt häufig auch für mündliche Erzählungen im Alltag verwendet, was jedoch nicht der Norm entspricht. Der Grund dafür ist, dass das Präteritum, welches im nächsten Punkt erläutert wird, im Prinzip für Erzählungen benutzt werden soll.[18]

2.2. Präteritum

2.2.1. Bildung

Das Präteritum ist, im Gegensatz zum analytischen (zusammengesetzten) Perfekt, eine synthetische (einfache) Tempusform, da es kein Hilfsverb zur Bildung benötigt.[19] Dass sich das Tempus verändert, kann man daran festmachen, dass das Verb nun nicht mehr in der „ersten Stammform, der Form des sogenannten Präsens“, sondern in seiner „zweiten Stammform, der Form des Präteritums“ steht.[20] Hierbei ist wichtig, zwischen regelmäßigen und unregelmäßigen, bzw. schwachen und starken Verben zu unterscheiden.[21]

Bei der Bildung der regelmäßigen schwachen Präteritumsverben bleibt der Stamm immer der gleiche. Nur die Endung weist darauf hin, dass es sich um ein anderes Tempus handelt. Die Endungen -te, -test, -tet, -ten werden auch als Präteritumssuffixe, oder t- Endungen bezeichnet, da alle ein t im ersten Teil des Suffix, also vor dem Personalsuffix stehend, enthalten.[22]

Die Präteritumssuffixe starker Verben sind nicht bei allen Personalpronomina vorzuweisen. Bei starken Verben kann man lediglich an der Veränderung des Stammvokals und dem Fehlen der Infinitiv- Endung -en und den der zweiten Stammform entsprechenden Personalendungen feststellen, dass das Verb nun im Präteritum steht. (Bsp.: nehmen -> ich nahm).

Eine weitere Gruppe starker Verben verändert nicht nur ihren Stammvokal, sondern darüber hinaus auch die Konsonanten (Bsp.: ziehen -> ich zog).

[...]


[1] Begriffsübersetzungen siehe Stowasser: perfectus, S.372; imperfectus, S.249; plus quam, S. 387.

[2] Der Begriff „Imperfekt“ wird im Deutschen gewöhnlich nicht mehr verwendet. Er wurde hier lediglich im Rahmen seines lateinischen Ursprungs gebraucht. Im Folgenden wird der Term „Imperfekt“ durch den des „Präteritums“ (lat. das Vorhergegangene) ersetzt.

[3] vgl. Duden (2006): Duden. Die Grammatik. 7., völlig neu erarbeitete und erweiterte Auflage. Hrsg. von der Dudenredaktion, Mannheim u.a.: Dudenverlag. S. 469.

[4] ebd., S. 470.

[5] Kürschner, Wilfried (2008): Grammatisches Kompendium. Systematisches Verzeichnis grammatischer Grundbegriffe. 6., aktualisierte Auflage. Tübingen, Basel: A. Francke Verlag (=UTB1526), S.99.

[6] Duden, 2006, S. 471.

[7] ebd.

[8] Kürschner, 2008, S.99

[9] Duden, 2006, S.472.

[10] vgl. Kürschner, 2008, S.83.

[11] vgl. Duden, 2006, S.519.

[12] Erben, Johannes (1977): Deutsche Grammatik. Ein Leitfaden. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag, S.60.

[13] Schülerduden-Grammatik (1998): Schülerduden: Grammatik. Eine Sprachlehre mit Übungen und Lösungen. 4., aktualisierte und erweiterte Auflage auf Grundlage der neuen Rechtschreibung. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Bearbeitet von Peter Gallmann und Horst Sitta unter Mitarbeit von Roman Looser. Mannheim: Dudenverlag, S.71.

[14] vgl. Kürschner, 2008, S.83.

[15] ebd.

[16] Fleischer, Wolfgang / Michel, Georg / Starke, Günter (1993): Stilistik der deutschen Gegenwartssprache. Frankfurt a. M. u.a.: Verlag Peter Lang GmbH, S.188.

[17] Duden, 2006, S.520.

[18] vgl. ebd.

[19] Kürschner, 2008, S.102.

[20] Erben, 1977, S.55.

[21] Schülerduden, 1998, S.42.

[22] vgl. Duden, 2006, S.444 und Schülerduden, 1998, S.42.

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656241829
ISBN (Buch)
9783656244158
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198149
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1.0
Schlagworte
oberdeutsche präteritumschwund beobachtung veränderung tempussystems

Autor

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