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Das Weblog als modernes Tagebuch? Der Wandel der diaristischen Kulturpraxis vom 18. Jahrhundert bis heute

Bachelorarbeit 2011 68 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

A. Einleitung

I
1 DAS TAGEBUCH
1.1. Formale Eigenschaften
1.2. Vom Sinn des Tagebuchführens
1.3. Die Dialogstruktur im Tagebuch
1.4. Selbstdarstellung, Selbststilisierung und Selbstbehauptung
1.5. Das private und literarische Tagebuch
2. Die Genese des Tagebuchs vom 18. bis ins 20. Jahrhundert
2.1. Frühe Formen des Tagebuchs
2.2. Zwischen Religion und erwachenden Selbstbewusstsein - Johann Caspar Lavaters
Geheimes Tagebuch 17
2.3. Rückzug in die eigene Psyche - Friedrich Hebbels Tagebuch als deutsches
Beispiel für ein journal intime des 19.Jahrhunderts
2.4. Schreiben, um zu existieren - Franz Kafkas Tagebücher

II
DAS 7EBLOG
1.1. Was ist ein Weblog?
1.2. Die Entstehung der Blogosphäre
1.3. Kategorien von Weblogs
1.4. Alter und Geschlecht der Blogger
1.5. Motive des Bloggens
1.6. Das Verschwimmen der Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit im Weblog
1.7. Die Potentiale des Weblogs

B. Resümee

C. Bibliographie

1 A. EINLEITUNG

Fremde Tagebücher zu lesen, übt auf die meisten Menschen einen unwiderstehlichen Reiz aus; eine Mischung aus voyeurhaften Vergnügen und Schuldgefühlen. Denn Tagebücher gelten als sehr persönliches Medium seines Verfassers, als das Intimste, das ein Mensch verfassen kann und sind aufgrund dessen nicht für die Augen von neugierigen Mitlesern bestimmt. So die klassische Auffassung über Tagebücher, und die Buchindustrie macht sich Neugier der Leser zunutze und veröffentlicht Tagebücher berühmter Persönlichkeiten oder Menschen, die etwas Außergewöhnliches erlebt haben. Derartige Veröffentlichungen wie jüngst das Tagebuch von Marilyn Monroe finden einen großen Absatz.1

Auch die Tagebücher von Kurt Cobain (1967 -1994), Sänger und Gitarrist der Grungerockband Nirvana, wurden im Jahr 2002 posthum veröffentlicht.

An den Beginn seines Tagebuchs schrieb er eine Mahnung, die wahrscheinlich der eine oder andere Diarist ebenfalls seinem unverschlüsselten Tagebuch voranschickt: „Lies nicht in meinem Tagebuch, wenn ich weg bin.“2

Ungewöhnlich erscheint jedoch der nachfolgende Satz, der einer gewissen Ironie nicht entbehrt: „Ok, ich geh jetzt zur Arbeit. Wenn du heut morgen auswachst, lies bitte mein Tagebuch. Durchwühl meine Sachen und mach dir ein Bild von mir.“3

Die explizite Aufforderung hätte wohl so manchen Schnüffler abgeschreckt; der Eintrag Cobains macht jedoch einen Aspekt der Tagebuchführung deutlich: das Diarium wird nicht nur für sich selbst, sondern auch immer im Hinblick auf eine - auch unerwünschte -Leserschaft hin geführt. Dabei kann es sein, dass der Diarist die Öffentlichkeit ausschließt und sein Tagebuch sorgfältig verschließt oder versteckt, manch einer entwickelt sogar eine Geheimschrift.4 Andere dagegen schreiben ihre Tagebücher bewusst für die Veröffentlichung oder entscheiden zu einem späteren Zeitpunkt, dass diese veröffentlicht werden sollen.

Ende des 20. Jahrhunderts fand die diaristische Kulturpraxis auch Eingang in die öffentliche Sphäre des Internet; in Online-Tagebüchern und Weblogs veröffentlichen Menschen unter anderem private Inhalte und Gedanken, die vordem nur im papierenen Tagebuch notiert wurden, für eine meist persönlich unbekannte Leserschaft.

Ein zweiter Aspekt, der der zweite Satz von Cobains Präambel mit dem Aussage „mach dir ein Bild von mir“ verdeutlicht: Das Lesen eines Tagebuchs scheint geradezu prädestiniert dafür zu sein, das wahre Ich des Verfassers zu erkennen.

Dies speist sich aus der Vorstellung, dass ein Schreibender in einem papierenen Tagebuch ganz er selbst sei und damit ein authentisches Abbild seiner Persönlichkeit liefere. Konträr dazu formierte sich mit der steigenden Popularität des Weblogs zu Beginn des 21. Jahrhunderts das Bild des exhibitionistischen Bloggers, der in öffentlichen Online-Journalen seiner Geltungssucht Ausdruck verleiht und dabei mehr Lüge als Wahrheit in seine Einträge einfließen lässt.

Dieser Geltungsdrang zeigt sich auch in der Aufforderung Cobains in seinen Sachsen zu wühlen und in seinem Tagebuch zu lesen. Mit diesem Appell verknüpft sich eine gewisse Eitelkeit, nach dem Motto: „Lest, wer ich wirklich bin!“ Denn das Tagebuchschreiben hat als alltägliches verschriftlichtes Selbstgespräch unübersehbare egozentrische Züge Das eigene Ich und die Selbstbeobachtung stehen im Zentrum des diaristischen Schreibens und die eigene Persönlichkeit und Erlebnisse werden als so wichtig empfunden, dass sie in regelmäßigen Notierungen thematisiert werden.

Tagebuch und Weblog - in beiden Medien manifestiert sich die diaristische Kulturpraxis, also das Schreiben über sich selbst.

Während das Tagebuch in seiner heutigen Form im 18. Jahrhundert entstand, ist der Weblog mit seinen Wurzeln in den 90er Jahren des 20. Jahrhundert ein noch sehr junges Medium. Vorliegende Arbeit soll die Medialität und den Wandel der diaristischen Kulturpraxis vom Tagebuch zum Weblog zum Thema haben, und dabei folgende Fragen diskutieren: ist das Tagebuch ein monologisches Medium nur für den Verfasser oder gibt es auch Tagebücher, die für ein Lesepublikum geschrieben wurden? Ist das Tagebuch ein rein authentisches Zeugnis seines Autors, ein Abbild seiner selbst, oder kommt es auch in ihm zu Verfälschungen, Selbststilisierungen und Selbstdarstellung? Ist das Tagebuch-Ich eines Autors gleich der historischen Person? Wie und wann entstand das moderne Tagebuch und wie haben sich die Inhalte der Tagebücher im Laufe der Jahrhunderte gewandelt? Kann ein Medium mit so vielfältigen Inhalten wie das Tagebuch als Literatur gelten?

Analog dazu ergeben sich folgende fragen zum Weblog: Wie und warum entstanden diese öffentliche Online-Tagebücher? Lässt sich die Heterogenität der Weblogs kategorisieren? Welchen Einfluss hat die Öffentlichkeit des Internets auf die diaristische Kulturpraxis? Erschöpft sich das Bloggen in reiner Selbstdarstellung oder gewinnen die Online-Journale mit der Öffentlichkeit weitere Potentiale, die einem klassischen Tagebuch verwehrt bleiben?

Der erste Teil der Arbeit widmet sich dem klassischen, papierenen Tagebuch, das zunächst in Punkt 1.1. in seinen formalen Eigenschaften definiert werden soll. Danach stehen inhaltliche Aspekte des Tagebuchs im Mittelpunkt.

Kapitel 1.2. diskutiert, warum Menschen überhaupt Tagebuch führen.

Selbst wenn ein Tagebuch nur für den Verfasser selbst geschrieben wird, kommuniziert dieser mit sich selbst; es entsteht ein Dialog, wie im Kapitel 1.3. zu zeigen sein wird. Punkt 1.4. legt dar, dass Selbstdarstellung, Selbststilisierung und Selbstbehauptung sind nicht erst seit der Entstehung des öffentlichen Online-Tagebuchs aktuell sind, sondern auch im klassischen Tagebuch zu finden sind.

Punkt 1.5. widmet sich den Unterschieden zwischen privaten und literarischen Tagebüchern, die von Schriftstellern geschrieben und einen Anspruch von Artifizialität erfüllen. Kapitel 2 der Arbeit gibt einen kurzen historischen Überblick über die Entwicklung des Tagebuchs vom 18. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert. Die Genese des Diarium, dies wird sich zeigen, ist dabei gleichzeitig auch das Abbild der geistig-seelischen Entwicklung der Menschheit innerhalb von drei Jahrhunderten.

Die inhaltlichen und epochalen Eigenschaften sollen dabei an einem exemplarischen Tagebuch des jeweiligen Jahrhunderts gezeigt werden.

Johann Caspar Lavaters Geheimes Tagebuch fungiert als Beispieldiarium des 18. Jahrhunderts, Friedrich Hebbels Tagebuch als Exempel für das 19. Jahrhundert, Franz Kafkas Diarium vertritt das 20. Jahrhundert.

In den jeweiligen Kapiteln über die Tagebuchautoren soll deren Beziehung und Beweggründe zum diaristischen Schreiben im Mittelpunkt stehen.

Der zweite Teil dieser Arbeit widmet sich der diaristischen Kulturpraxis im Weblog.

Dafür sollen zunächst das Weblog in seinen Eigenschaften definiert und die Entstehung der Blogosphäre skizziert werden.

Kapitel 1.3. und 1.4. widmen sich den Kategorien des Weblogs bzw. dem Alter und Geschlecht der Blogger.

Punkt 1.5. geht den Motiven des Bloggens auf den Grund.

Kapitel 1.6. diskutiert das Verschwimmen der Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit im Weblog und zeigt, welchen Einfluss die öffentliche Sphäre des Internet auf die Form und Art des digitalen Tagebuchs hat.

Eng verknüpft mit dieser Öffentlichkeit sind die vielfältigen Potentiale des Weblogs, die im Kapitel 1.7. erläutert werden sollen.

1 DAS 4AGEBUCH

1.1. Formale Eigenschaften

Das Tagebuch in seinen formalen Eigenschaften zu definieren, erscheint auf den ersten Blick einfach: es ist ein Buch oder manchmal nur ein Heft5, in dem der Schreibende täglich oder mit längeren Unterbrechungen persönliche, private bis hin zu intimen Gedanken, Gefühlen, Beobachtungen und Ereignissen aus seinem alltäglichen Leben notiert.6

Die landläufige Vorstellung ist, dass der Großteil der Diaristen ihre Tagebücher für sich allein schreibt und sie vor Mitlesern ein Leben lang sorgfältig verborgen hält. Dass es jedoch auch Tagebücher gibt, die veröffentlicht oder auf eine Veröffentlichung hin geschrieben wurden, wird diese Arbeit noch zeigen.

Systematisch wird zwischen temporären Diarien und Tagebüchern, die für ein Leben lang konzipiert sind, unterschieden:

In Lebenswerken wird das Schreiben um des Schreibens willen als fester Bestandteil des Tages kultiviert und ist thematisch durchlässig für alles Alltägliche und die Werkstatt, für den Kalender und die Chronik. Temporäre Tagebücher haben in der Regel einen konkreten Anlass und sind auf eine zentrale Lebensfrage gerichtet.7

Zu den temporären Diarien zählen Zeitzeugentagebücher, „die durch ein umwälzendes äußeres Ereignis initiiert sind und die solange Zeugnis ablegen wollen, bis sich die Umstände wieder normalisieren“8, und Reisetagebücher.

Die einzelnen Aufzeichnungen sind formal durch Lücken und vor allem durch eine fortlaufende Notiz des jeweiligen Kalenderdatums voneinander abgetrennt:

In jedem Fall bleibt das Tagebuch durch sein schubweises Wachsen ständig zur nächstfolgenden Eintragung hin geöffnet. Soweit es nicht von vornherein auf eine bestimmte Zeitspann, etwa eine Reise, begrenzt wurde, ist es aus der Sicht des Verfassers eigentlich niemals abgeschlossen.9

Günter Oesterle konstatiert, dass das Tagebuch geprägt ist von Intervallen, d.h. durch die Unterbrechung und die Wiederaufnahme des Schreibens10 : „Das Tagebuch lebt von einer eigentümlichen Spannung der Sprunghaftigkeit und Regelmäßigkeit. Das Tagebuchschreiben hat etwas Serielles an sich; der Tagebuchschreiber scheut sich nicht, Alltägliches zu notieren und das zum wiederholten Male.“11 Zwischen den vielen alltäglichen Einträgen treten dadurch umso auffallender die Notate außergewöhnlicher Ereignisse hervor.12

Auch Claus Vogelgesang13 zählt erstens eine „gewisse[...] Aktualität“ und ein „empirische[s] Zeitkontinuum“ zu den Eigenschaften, die mit dem Begriff ‚Tagebuch’ evoziert werden. Damit verbunden ist als zweite Eigenschaft die Vorstellung, dass das Geschriebene mit verifizierbaren und real existenten Sachverhalten übereinstimmt.14 Dritte Eigenschaft des Diariums ist nach Vogelgesang die Vorstellung, dass es private, gar intime Mitteilungen über den Schreiber enthält.15 Und schließlich viertens, „daß das Tagebuch eine sehr lockere und daher leicht rezipierbare Aussageform darstelle - eben weil ihm, da es Aufzeichnungen des Hier und Heute beinhalte, eine anspruchsvolle Formung fehle.“16 Letzteres trifft auf einen Großteil der Tagebücher „normaler“ Menschen zu, insbesondere auf jene (zumeist weiblicher) Jugendliche, die schreibend ihren Alltagsimpressionen im Tagebuch spontanen Ausdruck verleihen, ohne auf Stil oder Stringenz großen Wert zu legen. Dass diese „unbedarfte“ Art der Tagebuchführung auch in Weblogs anzutreffen ist, soll im Laufe dieser Arbeit noch gezeigt werden. Jedoch soll an den Beispielen von Friedrich Hebbels und Franz Kafkas Tagebüchern dargestellt werden, dass es auch Diarien gibt, die als literarisch gelten können.

Die Literaturwissenschaft interessiert sich erst seit einem reichlichen halben Jahrhundert17 für das Tagebuch als eine literarische Form, weil das Tagebuch mit einem engen Literaturbegriff nicht zu fassen ist, „[z]u weit ist seine Auffächerung, zu nuancenreich die Skala seiner Erscheinungsformen. Und die Fülle des Materials selbst ist schier unendlich.“18 Dadurch wurde es entweder „als Möglichkeit des Literarischen gar nicht erwähnt oder schlicht als autobiographische Gebrauchsform angesehen und als vor- oder außerliterarisch abgetan“19. Das literarische Tagebuch im Vergleich zum privaten Tagebuch soll Kapitel 1.5 zum Thema haben. Nach Peter Boerner muss das Tagebuch auch von anderen autobiographischen Gattungen wie dem Brief und der Autobiographie abgegrenzt werden: „Ein Tagebuch ist primär für den Schreiber selbst bestimmt, der Brief dagegen von vornherein an ein Du gerichtet.“20 Dennoch überschneiden sich bestimmte Eigenschaften der beiden Gattungen.21

Die Autobiographie weist die deutlichsten Parallelen zum Tagebuch auf, was vor allem auf das hohe Maß an Subjektivität zurückzuführen ist, mit dem beide Gattungen verfasst werden22 :

Ein wesentlicher Unterschied besteht jedoch darin, daß der Tagebuchschreiber stets unter dem unmittelbaren Eindruck dessen steht, was er erfahren, gesehen und gedacht hat, der Autobiograph dagegen die Fakten seines Lebens schon in ihrer zeitlichen Entwicklung überschaut. [...] Das Tagebuch sieht die Dinge lediglich aus dem erlebnisnahen Moment der Niederschrift und bietet damit weithin ungeformte Gegenwart, die Autobiographie beruht auf der inzwischen gewonnenen Distanz und kann deshalb das Vergangene bereits gestalten.23

Weitere Unterschiede zur Autobiographie liegen in der an früherer Stelle bereits erwähnten uneinheitlichen Komposition und notizenhaften Natur des Tagebuchs.24

1.2 Vom Sinn des Tagebuchführens

Dem Schreiben, auch dem diaristischen, werden sinnstiftende Eigenschaften zugeschrieben, die sogar ein ganzes Leben erfüllen können, so wie bei Franz Kafka. Am 15. August 1914 frohlockt er in seinem Tagebuch, dass durch das Schreiben

habe ich doch einen Sinn bekommen, mein regelmäßiges, leeres, irrsinniges junggesellenmäßiges Leben hat eine Rechtfertigung. Ich kann wieder ein Zwiegespräch mit mir führen und starre nicht so in vollständige Leere. Nur auf diesem Weg gibt es für mich eine Besserung.25

Auch Friedrich Hebbel braucht das Tagebuchführen als eine Art Lebenskompass:

Das ganze Leben ist ein verunglückter Versuch des Individuums, Form zu erlangen; man springt beständig von der einen in die andere hinein und findet jede zu eng oder zu weit, bis man des Experimentierens müde wird und sich von der letzen ersticken oder auseinanderreißen lässt. Ein Tagebuch zeichnet den Weg. Also fortfahren!26

Schreiben wird hier zu einer „Expedition“, einem „Unternehmen ins Ungewisse“, „[e]s zeichnet den Weg des verunglückten Versuchs des Individuums, Form zu erlangen. Es ist auf Erkenntnis allgemein, aber auch auf Selbsterkenntnis aus, deshalb sachlicher und biographischer Natur zugleich.“27

Das Tagebuch wird zum Ort der Bestandsaufnahme, in dem der Orientierungsversuch des Individuums stattfindet.28 Nicht zufällig drängt sich hier die Metapher des Seefahrers auf dem Meer auf, denn nach Vogelgesang ähnelt die „Situation des modernen Autors, des modernen Menschen [...] der Lage von Schiffbrüchigen.“29 Einsamkeit im endlosen Meer ist das Los von Schiffbrüchigen und parallel zur diaristischen Odyssee ist die Einsamkeit auch ein bestimmendes Motiv im Tagebuch.30

Neben dem Schmerz und dem Gefühl des Ausgesetztseins tritt auch eine sorgfältige Beobachtung; Eindrücke und Beobachtungen werden fast wissenschaftlich genau beschrieben31 : „Schreiben als Expedition bedeutet [...] ein gesteigertes Interesse an der Außenwelt.“32 Nach Vogelgesang erfindet der moderne Autor, besonders der des 19. und 20. Jahrhunderts, nicht mehr, er findet vor, das heißt er wird zum Rechercheur, zum Registrator von Bruchstücken der Realität, deren Stoff in der Moderne unüberschaubar geworden ist, und dadurch jede Aussage fragwürdig und begrenzt gültig bleibt.33 In seiner formal losen Form erscheint das Tagebuch angesichts der „Fülle und Geschwindigkeit der Wahrnehmung […] als eine der bestmöglichen Formen von Bestandsaufnahme.“34

Doch was bewegt Menschen dazu, in regelmäßigen Abständen ihre privaten Gedanken, Erlebnisse und Gefühle niederzuschreiben; eine Mühe, zu der sie keine äußeren Umstände zwingen? Oder wie Rüdiger Görner schreibt: „Für wie wichtig muß man sich und seine Alltagserlebnisse eigentlich halten, um sich solcher Disziplin freiwillig zu unterwerfen?“35 Seine Antwort lautet: „Wer Tagebuch schreibt, möchte dem Flugsand der Zeit etwas Greifbares abgewinnen. Und mehr noch: ein Tagebuch führt, wer sich dereinst erinnern will. Eintragungen ins Tagebuch schaffen Anhaltspunkte für ein künftiges Sich-Erinnern.“36 Zudem sieht Boerner den Effekt der Gedächtnisentlastung und das damit verbundene Festhalten von Erinnerungen auf Papier als zentralen Anreiz des Tagebuchschreibens: „Er will festhalten, was heute und hier geschah, will Eindrücke und Regungen fixieren, solange sie noch lebendig sind und dadurch ein Momento schaffen, an Hand dessen er das Gewesene später in seine Vorstellung zurückrufen kann.“37

Für Ralph-Rainer Wuthenow ist das Tagebuch weniger ein „Werk des Erinnerns, sondern eines der Beobachtung, der Reaktion und der Kontrolle“, aber er räumt ein: „[V]ielleicht dient es auch einmal als Magazin für künftiges Erinnern.“38

Für Arno Dusini geht es beim Tagebuchschreiben um das schlichte Bedürfnis, „das eigene Leben mit der Hand aufzuschreiben, es durch die eigene Erfahrungswelt zu brechen und als eine Stimme der universalen Partitur der Lebensgeschichten einzuschreiben.“39 Nach Vogelgesang muss das Tagebuch als eine „grundsätzliche Weise menschlicher Selbstäußerung verstanden werden. Es ist - noch viel mehr - das Sichfinden des Individuums.“40 Der Aspekt der Identitätsbildung spielt in allen Tagebüchern eine große Rolle, insbesondere im Jugendtagebuch.41

Sibylle Schönborn formuliert, dass „[e]rst wer schreibt, [...] sich selbst als differenzierte, sich entwickelnde Person konstituieren, ein Bewußtsein von der eigenen Geschichte herstellen [kann].“42 Auch Boerner betont den Effekt der „bewußten Persönlichkeitsbildung“ durch das schriftliche Bemühen „eigene Wandlungen zu begreifen [...], eigene Schwächen zu überwinden und sich durch die tägliche Zwiesprache mit sich selbst zu vervollkommnen“43. Wilhelm Grenzmann bemerkt, dass Tagebücher größtenteils inmitten von persönlichen Krisenzeiten stünden44 : „Die Hinwendung zum eigenen Ich und die Niederschrift der Erlebnisse in ein Tagebuch sind immer ein Zeichen für das Bedürfnis, bei sich selbst Einkehr zu halten und Tun und Lassen vor dem heimlichsten Richter, dem eigenen Gewissen, zu rechtfertigen und zu verantworten.“45 Grenzmann sieht im Tagebuch außerdem ein Medium der geistigen Autonomie des Individuums, denn Tagebücher sind oft ein Ausbruch aus den gewohnten Bahnen des Denkens und der Ausdruck des Willens, sich selbst unabhängig von anderen zu finden. Das kann zur Absonderung und zur Vereinzelung führen, oft zum vollendeten Widerspruch gegen die allgemeinen Denkgewohnheiten, sei es zur Gesellschaft, zum Staate oder zur Kirche.46

Im Hinblick darauf ist es nicht verwunderlich, dass das Tagebuch als Ausdrucksmittel des Individuums im Zuge der Aufklärung und dem damit verbundenen wachsenden Selbstbewusstsein der Menschen im 18. Jahrhundert entstand und sich ausbreitete, wie im Kapitel 2.2. noch zu zeigen sein wird.

Meines Erachtens liegt ein weiterer, von allen zitierten Autoren unerwähnter Sinn im Führen eines Tagebuchs darin, starke Emotionen aufzuschreiben, damit zu relativieren und abzustreifen. Mit der Verschriftlichung eines Problems kann m.E. bisweilen ein völlig neuer Blickwinkel auf dieses gewonnen werden.

Eine kreative Funktion erfüllt das Tagebuch außerdem als literarische Werkstatt, in der Schriftsteller Ideen, Skizzen zu künftigen Werken oder ganze Erzählungen niederschreiben.47 Im zu Beginn dieses Kapitels erwähnten Zitat, spricht Kafka von einem „Zwiegespräch“48, das er während des Schreibens mit sich selber führe. Dies widerspricht der landläufigen Auffassung, dass Tagebuchschreiben ein Monolog sei.

Jedoch gibt es im Diarium auch Dialogstrukturen, wie das nächste Kapitel zeigen soll.

1.3. Die Dialogstruktur im Tagebuch

Schreiben bedeutet mit sich selbst in den Dialog zu treten:

Dass die Überführung des Eigensten in die symbolische Ordnung der Schrift bereits die Perspektive verdoppelt, führt viele Diaristinnen und Diaristen zu der Einsicht, dass sie schreibend schon nicht mehr allein mit sich sind, auch wenn sie - anders als die Blogs - gar nicht davon ausgehen (möchten), dass ihr Tagebuch jemals von jemand anderem als von ihnen selbst gelesen wird.49

Christiane Holm sieht eine „unhintergehbare[...] Bühnenhaftigkeit des ‚Sich-Selber-Lesens’ im direkten Vollzug des Schreibens“ und eine „mitlaufende Vorstellung des zukünftigen Wiederlesens“ als Gründe für die dialogische Struktur des Tagebuchs.50 So bezögen sich auch geheime Tagebücher im negativen Sinne auf eine unbefugte Leserschaft, die sie beständig mitdenken.51

Adressaten, die in manchen Tagebüchern angesprochen werden, können vielerlei Gestalt haben: „[D]ie einer göttlich allwissenden Instanz, eines zukünftigen Lese-Ichs, eines fiktiven Gefährten, eines gesichtslosen Publikums, oder [das] Buch [...] selbst [tritt] als Gegenüber auf.“52 Der römische Politiker und philosophische Schriftsteller Seneca (ca. 1 - 65 n. Chr.) konstatierte, man schreibe, um das Geschriebene während des Schreibens selbst zu lesen; dabei erfülle sich ein moralischer Zweck53 : „Es dient der Ausbildung eines sittlichen Habitus und damit letztlich der Selbst-Bildung.“54 In einem Tagebuch trete der Schreibende in Interaktion mit sich selbst, so

Günter Butzer, und definiere sich dadurch immer wieder neu.55 Doch wenn sich der Tagebuchschreiber mit sich selbst unterhält - wer spricht da mit wem?

Marc Aurels [römischer Kaiser, 121 -180 n. Chr.] Antwort lautet: Es spricht das Ich als ein Anderer, als eine Stimme, die sich zugleich innerhalb und außerhalb des Schreibenden befindet und von diesem ‚Nicht-Ort’ aus die Rede determiniert. Denn der Tagebuch-Schreiber unterliegt vor aller kommunikativen Differenzierung eines schreibenden und eines adressierten Ich einer grundlegenden Spaltung, die das zweipolige Selbstgespräch in einen discours á trois , eine Rede zu dritt, überführt.56

Parallel zu Marc Aurels Auffassung, für den die Weltvernunft ( lógos ) jener dritte Anderer war, kann nach Butzer jede Schreibpaxis im Tagebuch aufgefasst werden: Es gibt ein

gespaltenes Selbst, das im Schreiben zur Sprache kommt und sich verändert, um sich neu zu bilden. Der Autor spricht mit einer fremden Stimme, die er sich während des Schreibens erst aneignen muss. Solange dieser Prozess nicht vollendet, solange die fremde Rede nicht zur eigenen geworden ist, wird das Selbstgespräch in Gang gehalten.57

Butzer zufolge schreibe man Tagebuch also nicht allein, egal, ob man nun an Aurels Weltvernunft oder an einen Gott glaubt58, denn:

In dem historischen Moment nun, in dem die Instanz des Dritten vollständig in den Schreibenden (als Leiblichkeit, Sexus und Unbewusstes schlechthin) hinein genommen wird, - und dieser Moment fällt, wie zu sehen war, mit der Entstehung des neuzeitlichen Tagebuchs in eins -, in diesem Moment entäußert sich der Blick eines interpretierenden Beobachters, der teilweise vom Schreibenden selbst okkupiert wird, prinzipiell aber [...] die Instanz der Anderen ist.59

Mit dem Aufkommen des Weblogs sind die dritte Instanz reale Personen, die als Internetbenutzer das Online-Tagebuch eines Schreibenden lesen und gegebenenfalls kommentieren können. Welche Auswirkungen diese Öffentlichkeit auf das digitale Tagebuch hat, ist Thema von Kapitel 1.5 im zweiten Teil dieser Arbeit.

1.4. Selbstdarstellung, Selbststilisierung und Selbstbehauptung

Vogelgesang konstatiert die Selbstdarstellung und die Selbststilisierung als die Gestaltungsprinzipien im Tagebuch, die einhergehen mit der Selbstbehauptung des Schreibers.60 So schreibt Vogelgesang, dass es einem Diarist nicht nur um das nüchterne Notieren von faktischen Dingen gehe, sondern um die eigene Orientierung und das „Bewahren oder Finden des Selbst.“61 Die Relation von Realität und Selbst soll dabei so genau wie möglich ausgearbeitet werden.62

Dabei hilft die Selbstdarstellung als ein Gestaltungsprinzip, das „wesentlich auf das Ich des Schreibers zielt, während das autobiographische Vorgehen in [...] Memoiren und Lebenserinnerungen [...] auf den wechselseitigen Bezug zwischen Ich und Umwelt“63 ausgerichtet ist.

Damit ist auch die Vorstellung verknüpft, dass eine intensive schriftliche Selbstbeobachtung zur Wahrheit führe; das galt insbesondere für die Tagebuchschreiber des 18. Jahrhunderts.64 Zweifel an der menschlichen Fähigkeit das eigene Ich zu erkennen, setzten erst nach Jacques Rousseau ein; sie durchziehen die Tagebücher des 19. und 20. Jahrhunderts.65 Die Selbstdarstellung und die Selbststilisierung gehen nach Vogelgesang einher mit der Fiktionalisierung des Ichs, d.h. das „sprachlich fixierte autobiographische Ich des Tagebuchs ist nie völlig das wahre Ich“66 und nicht identisch mit der historischen Person.67 Meike Heinrich-Korpys konstatiert dagegen, dass im autobiographischen Tagebuch realer Autor und Tagebuch-Schreibender eins seien68 :

Da im Tagebuch der Tagebuchschreiber seine eigenen Erlebnisse, Gedanken und Gefühle niederschreibt, lässt sich das Bewußtsein des Tagebuchs ungebrochen zurückführen auf den realen Autor. Das Tagebuch-Ich ist keine Erfindung, sondern Spiegelbild des realen, identifizierbaren Autors.69

Nicole Seifert indessen betont eine „Diskrepanz zwischen gelebtem und im Tagebuch beschriebenen Leben, die die Diaristen und Diaristinnen selbst im Wiederlesen ihrer Tagebücher feststellen“70, die trotz eines Willens zur Aufrichtigkeit entsteht. Ein Tagebuch wirke stets lebenah und authentisch, da die Ich-Perspektive und die eindeutigen Datierungen dies evozieren.71

Börner vermutet in Tagebüchern gar manche Unwahrheit, eben wegen der mehr oder weniger bewussten Selbststilisierung, die begünstigt „sich eher so zu sehen, wie sie sein möchten als wie sie sind. Ungewollt verfälschen sie dadurch die Darstellung der seelischen Wirklichkeiten.“.72

Die fiktionale Selbstverfremdung ist nach Manfred Jurgensen nicht jedem Tagebuchschreiber bewusst73 :

Bestürzt und verwundert muß er zur Kenntnis nehmen, daß es im Wesen der Sprache überhaupt liegt, nicht bloß Spiegel zu sein. Dokumentarisch-biographische Ich-Beschreibungen verwandeln sich in einen fiktionalen Ich-Charakter, in eine literarische Gestalt, die sprachlich und formal über ein Eigenwesen verfügt.74

Zur Selbststilisierung hinzu kommt die Eitelkeit; beide beeinflussen sich gegenseitig.75 Eitelkeit zeigt sich als Persönlichkeitsteil des Autors vor allem in einer nachträglichen Bearbeitung des zur Veröffentlichung vorgesehenen Tagebuchs.76 Johann Caspar Lavaters und Friedrich Hebbels Tagebücher wurden publiziert, demzufolge sich auch in ihnen Eitelkeit findet, wie Kapitel 2.2. und 2.3. zeigen werden.

Die Selbstdarstellung als Gestaltungsprinzip sieht Vogelgesang eng verknüpft mit dem Bemühen des modernen Autors um Selbstbehauptung seiner Person im Tagebuch.77 In ihm „kämpft der Schreiber um die Bewahrung seiner Person und fragt zugleich nach der Rechtfertigung seines Daseins und seines Tuns.“78 Insbesondere Franz Kafkas Diarien spiegeln diesen Kampf wider; im Kapitel 2.4. soll dies näher erläutert werden.

Tagebücher, die in Exilen, Gefängnissen und Lagern entstanden, sind Orte der Selbstbehauptung, bei der es nicht nur um die Bewahrung der Individualität geht, sondern auch um das nackte Überleben.79 Damit wird das Tagebuch auch ein „Zufluchtsort für eine unverhüllte und ehrliche Bestandsaufnahme der politischen Situationen und Gegebenheiten [...]“80. Hier zeigt sich ein Potential der sozialen, sogar politischen Einmischung des Diariums, welches mit dem öffentlichen Weblog sehr viel stärker in den Vordergrund rückt; siehe dazu auch Kapitel 1.6.

Das Tagebuch impliziert damit nach Vogelgesang auch einen erzieherischen Charakter:

[Ü]ber die individuelle Bedeutung des Diariums für den Autor wird Allgemeingültigkeit angestrebt, denn das Aufzeigen des eigenen Weges erfolgt im Bewußtsein dessen, daß das eigene Erleben exemplarisch ist. [...] Im Tagebuch findet so die Beobachtung der eigenen Entwicklung statt - ein unverkennbar autodidaktisches Moment, neben das, weil der Diarist sich als exemplarischen Menschen betrachtet, ein pädagogisches Moment tritt: der Tagebuchschreiber will erzieherisch wirken, durch das Beispiel, das er selber gibt. Eine gewisse Form von Selbstbewusstsein, von Eitelkeit, wenn man so will, ist damit verbunden.81

Insbesondere die Tagebücher im 18. Jahrhundert beanspruchten für sich einen erzieherischen

Wert, und auch Lavater verfolgt in seinem Tagebuch eine derartige pädagogische Absicht, siehe Kapitel 2.1.

1.5. Das private und das literarische Tagebuch

Nach Boerner82 wird ein Tagebuch literarisch, wenn es das „Stadium einer nicht mehr zufälligen oder beiläufigen, sondern einer beabsichtigten literarischen Produktion“ erreiche und damit die Grenze zwischen Privatem zum Öffentlichen überschreite.

Grenzmann zufolge ändere sich dabei auch die Ausdrucksform, denn es ist etwas anderes, ob man ein Tagebuch nur Aug’ in Auge mit sich selbst oder dem heimlichen Partner des eigenen Inneren führt oder den Blick auf den künftigen Leser gerichtet hält, dessen Urteil bei der Wahl des Wortes, dem Bau der Sätze, bei der Darstellung der Sache mit bestimmend ist und die Einsamkeit des Schreibers aufhebt.83

Auch Meike Heinrich-Korpys84 sieht mit der „Entscheidung zur Veröffentlichung [...] die Selbstrezeptivität des privaten Tagebuchs durchbrochen“, der Charakter des Selbstgesprächs und die Identität von Erzähler und Leser gehen verloren.

Boerner empfindet es jedoch als schwierig, konkrete Unterschiede zwischen einem privaten und literarischen Tagebuch festzumachen, hinsichtlich des Inhalts Tagebücher sogar als unmöglich.85 Bezüglich der formalen Gesichtspunkte, stimmt er mit Grenzmann, der als Kriterien des literarischen Tagebuchs den „’Zwang zu begrifflicher und sprachlicher Fixierung’, beziehungsweise der ‚energische Wille zur kunstvollen Ausgestaltung des Niedergeschriebenen’“86 sieht.

Trotzdem bleiben die Frage, wann ein Tagebuch genau aus der privaten in die literarische Sphäre trete, und die nachträgliche Redigierung eines Originaltagebuchs hinsichtlich Inhalts und Stil als Problemfelder bestehen.87

Jurgensen konstatiert zusätzlich, dass im literarischen Tagebuch die außerliterarische Identität des Schreibers nicht mehr zu erkennen ist, da das Ich zu stark fiktionalisiert wird: „Das Ich gewinnt die Identität eines fiktionalen Charakters, vergleichbar mit Romangestalten oder Rollenfiguren eines Dramas.“88

Fiktionalität steht als Merkmal des literarischen Tagebuchs also in Opposition zum autobiographischen Wahrheitsanspruch des ursprünglichen Tagebuchs.89

Dass im Tagebuch die Grenzen zwischen Fiktionalität und Faktizität verschwimmen, erkennt auch Oesterle:

Das Tagebuch lebt an, von und auf der Grenze von Leben und Schreiben, von Faktum und Fiktion. [...] es hat Anteil an der Lebenswelt und an einer fiktiven Sonder- und partialen Gegenwelt. Daher hat das Tagebuch häufig diese Doppelsichtigkeit von Alltäglichkeit und Artifizialität. Es lebt von einem eigensinnigen Wechsel von Leben und Schreiben.“90

Im Folgenden sollen Friedrich Hebbels und Franz Kafkas Diarien als Beispiele literarischer Tagebücher herangezogen werden.

Dies sind sie auch deshalb, weil sie ihre Tagebücher als Schreibwerkstatt benutzten, d.h. sie entwarfen in ihnen literarische Skizzen späterer Werke.

Vogelgesang91 konstatiert, dass in der Tat die „Zahl der Nur-Tagebuchschreiber [unter den Schriftstellern, Anm. d. Verfassers] gering“ sei und das moderne Tagebuch bewusst vom Autor ins Gesamtwerk integriert werde:

Der passagenweise Werkstattcharakter des Diariums scheint geradezu ein typisches Merkmal zu sein. Damit ist natürlich nicht das rein Merkheft gemeint, das bloße Arbeitsnotizbuch, sondern sehr wohl jenes Diarium, das man zurecht als literarisches Tagebuch bezeichnen kann, das aber zugleich den fließenden Übergang zum eigentlichen Merkbuch als besonderes Charakteristikum des modernen Diariums nachweist.92

Nach Boerner fungiere ein solches Werkstatt-Tagebuch als Speicher von Einfällen, Reflexionen und Stimmungsbildern, es diene zur Vorbereitung und Ausarbeitung künftiger Werke.93 Inwiefern dies bei Hebbel und Kafka der Fall ist, soll in den entsprechenden Kapiteln über die Tagebücher der zwei Autoren erläutert werden.

2. Die Genese des Tagebuchs

2.1. Frühe Formen des Tagebuchs

Vorläufer des modernen Tagebuchs finden sich bereits in der Spätantike, beispielsweise die Aufzeichnungen des römischen Kaisers Marc Aurel (121 - 180 n. Chr.) oder die Bekenntnisse ( Confessiones ) des römischen Philosophen Augustinus (354 - 430 n. Chr.).94

Ein starker Anstieg der Tagebuchschreibung ist jedoch erst mit dem Beginn der Neuzeit95 zu verzeichnen.96

Als Träger von Erinnerung hat das Tagebuch eben diese Funktion mit den Chroniken gemeinsam, die seit der Antike ein wichtiges Arbeitsmittel der Historiographie sind und die seit der Renaissance von Schriftkundigen genutzt wurden, um wichtige persönliche Ereignisse aus dem Familienleben (Geburten, Todesfälle, Feste, Einkäufe, Ernten etc.) festzuhalten.97 Seit Mitte des 16. Jahrhunderts kam eine nach Tagesportionen gegliederte Chronikform auf, das Calendarium Historicum , in dem die meist konfessionell geprägten Ereignisse nicht nach einer historischen Reihenfolge, sondern nach den 365 Tagen eines Jahres geordnet sind.98

Das Calendarium Historicum dürfte nach Ansicht von Christiane Holm99 seine Entstehung dem wenige Jahre zuvor entwickelten Kalender-Buch verdanken, einem Buch mit „erbaulichen und historiographischen Texten“ dessen entscheidendes Merkmal die Leerseiten sind, die Platz für eigene Eintragungen boten. Jedoch sind die Schreibkalender kaum als Tagebücher gelesen worden, da die Einträge meist „ernüchtern und unpersönlich“ sind und von ihrer Gestaltung eher an heutige Terminkalender erinnern.100

Neben dem Kalender ist auch das Rechenbuch ein Vorgänger des modernen Tagebuchs: „Bereits 1559 bezeichnete ein Kaufmann sein Rechenbuch, in dem alle Ein- und Ausgaben verzeichnet werden als ‚Tagbuch’.“101

Der Tag greift jedoch nicht nur als Maßeinheit für die Bilanzierung, sondern auch in der Verortung in unbekannten Orten102 :

So nannte Johannes Kepler 1613 sein folgenreiches Beobachtungsbuch der Gestirne ein ‚Tagebuch’, da die Messungen der Gestirnslaufbahnen im Tagestakt erfolgten. Als Orientierungsparameter auf See findet der Tag im Logbuch bis heute seine topographische Anwendung [...].103

Boerner betont, dass es für die im 15. bis 17. Jahrhundert entstandenen Tagebücher besonders bezeichnend gewesen sei, dass sie auf einen relativ kleinen Kreis von Schreibkundigen beschränkt blieben:

[...]


1 Monroe, Marilyn: Tapfer lieben. Ihre persönlichen Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe. S. Fischer, Frankfurt 2010, 2. Auflage am 5. Oktober 2010, vgl. http://www.amazon.de/Tapfer-lieben-pers%C3%B6nlichen- Aufzeichnungen-Gedichte/dp/3100437020 [04.01.2010]

2 Cobain: Tagebücher, 2002, S. 9

3 ebd. S. 9

4 „In einem kürzlich entdeckten Leipziger Jungentagebuch von 1865 besteht ein mehrzügiges System von Verschlüsselungen und Tilgungen. Der dreizehnjährige Richard Bühle hatte Passagen zu seiner Leidenschaft für einen Mitschüler auf ein Minimum reduziert. Er legte aufwendige Kartographien an, in denen er die zumeist stummen Begegnungen in seiner aus der Stenographie entwickelten Geheimschrift verzeichnete.“, s. Holm, In: Gold [u.a.]: Absolut privat!?, 2008, S. 39

5 Es gibt jedoch auch sehr ungewöhnliche Tage“bücher“, so beschriftete der Hannoveraner Hans Gröner in den Jahren 1988 und 1989 Holzklötze im Brennholzvorrat mit Tageseinträgen (vgl. Nowak, In: Gold[u.a.]: Absolut privat!?, 2008, S. 130ff.), und Fritz Solmitz, Redakteur der sozialdemokratischen Parteizeitung L ü becker Volksbote, schrieb im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel kurz vor seinem angeblichen Selbstmord auf winziges Zigarettenpapier (s. Möller, In: Gold[u.a.]: Absolut privat!?, 2008, S. 83)

6 vgl. Wuthenow: Europäische Tagebücher, 1990, S. 1

7 Holm, In: Gold [u.a.]: Absolut privat!?, 2008, S. 40

8 ebd. S. 40

9 Boerner: Tagebuch, 1969, S 11

10 vgl. Oesterle, In: Gold [u.a.]: Absolut privat!?, 2008, S. 100

11 ebd. S. 100

12 vgl. ebd. S. 100

13 vgl. Vogelgesang: Studien, 1971, S. 6

14 vgl. ebd. S. 6

15 vgl. ebd. S. 6

16 ebd. S. 6

17 vgl. Holm, In: Gold [u.a.]: Absolut privat!?, 2008, S. 10

18 Vogelgesang: Studien, 1971, S. 5

19 ebd. S. 6

20 Boerner: Tagebuch, 1969, S. 13

21 „ [...], etwa wenn zwei Partner ihre Briefe so regelmäßig wechseln, als ob sie füreinander Tagebuch führen, oder wenn ein Korrespondent sein Tagebuch ganz oder teilweise statt eines Briefes übermittelt.“, s. Boerner (1969), S. 13

22 ebd. S. 13

23 ebd. S. 13

24 vgl. Grenzmann, In: Arends [u.a.]: Wirkendes Wort, 1959, S. 85

25 Kafka: Tagebücher, 1954, S. 422

26 Hebbel: Werke, V. Band, 1967, S. 557

27 Vogelgesang: Studien, 1971, S. 31

28 vgl. Vogelgesang: Studien, 1971, S. 32

29 ebd. S. 34

30 vgl. ebd. 34f.

31 vgl. ebd. S. 36f.

32 ebd. S. 37

33 vgl. ebd. S. 40

34 ebd. S. 41

35 Görner: Das Tagebuch, 1986, S. 11

36 ebd. S. 12

37 Börner: Tagebuch, 1969, S. 16

38 Wuthenow, ebd. S. 16

39 Dusini: Tagebuch, 2005, S. 55f.

40 Vogelgesang: Studien, 1971, S. 26

41 vgl. Spitznagel, In: Gold [u.a]: Absolut privat!?, 2008, S. 104

42 Schönborn: Das Buch der Seele, 1999, S. 2

43 Boerner: Tagebuch, 1969, S. 22

44 vgl. Grenzmann, In: Wirkendes Wort, 1959, S. 85

45 ebd. S. 85

46 ebd. S. 85

47 vgl. Boerner: Tagebuch, 1969, S. 23

48 Kafka: Tagebücher, 1954, S. 422

49 Holm, In: Gold [u.a.]: Absolut privat!?, 2008, S. 30

50 vgl. ebd. S. 31

51 vgl. ebd. S. 31

52 ebd. S. 31

53 vgl. Butzer, In: Gold [u.a.]: Absolut privat!?, 2008, S. 94

54 ebd. S. 94

55 vgl. Butzer, In: Gold [u.a.]: Absolut privat!?, 2008, S. 95

56 ebd. S. 95

57 ebd. S. 95

58 vgl. ebd. S. 96

59 ebd. S. 96

60 vgl. Vogelgesang : Studien, 1971, S. 43, 70 u. 79

61 Vogelgesang : Studien, 1971, S. 43

62 vgl. ebd. S. 43

63 ebd. S. 44

64 vgl. ebd. S. 45f.

65 vgl. ebd. S. 46

66 ebd. S. 70

67 vgl. ebd. S. 70

68 vgl. Heinrich-Korpys, 2003, S. 83

69 ebd. S. 83

70 Seifert, In: Hof [u.a.]: Inszenierte Erfahrung, 2008 S. 41

71 vgl. ebd. S 40

72 Boerner: Tagebuch, 1969, S. 31f

73 vgl. Boerner: Tagebuch, 1969, S. 7

74 Jurgensen ebd. S. 7

75 vgl. Vogelgesang: Studien, 1971, S. 70

76 vgl. ebd., S. 71

77 vgl. ebd. S. 79

78 ebd. S. 79

79 vgl. ebd. S. 89

80 ebd. S. 90

81 Vogelgesang: Studien, 1971, S. 81

82 Boerner: Tagebuch, 1969, S. 26

83 Grenzmann, In: Wirkendes Wort ,1959, S. 86

84 Heinrich-Korpys: Tagebuch und Fiktionalität, 2003, S. 95

85 vgl. ebd. S. 26

86 Börner: Tagebuch, 1969, S. 27

87 vgl. ebd. S.27

88 Jurgensen: Das fiktionale Ich, 1979, S. 32

89 vgl. Heinrich-Korpys: Tagebuch und Fiktionalität, 2003, S. 97

90 Oesterle, In: Gold [u.a.]: Absolut privat!?, S.

91 Vogelgesang: Studien, 1971, S. 102

92 ebd. S. 102

93 vgl. Börner: Tagebuch, 1969, S. 23

94 vgl. Butzer, In: Gold 2008, S. 94

95 definiert nach Helferich als der Zeitraum von Descartes (geboren 1596) bis Hegel (gest. 1831), vgl. Helferich: Geschichte der Philosophie, 2005, S. 158

96 vgl. Boerner: Tagebuch, 1969, S. 40

97 vgl. Holm, In: Gold [u.a.]: Absolut privat!?, 2008, S. 12

98 ebd. S. 12

99 ebd. S. 13

100 vgl. ebd. S.13 101 ebd. S. 15

102 vgl. ebd. S. 18

103 Holm, In: Gold [u.a.]: Absolut privat!?, 2008, S. 18

Details

Seiten
68
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656239505
ISBN (Buch)
9783656239925
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197849
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
tagebuch weblog medialität wandel kulturpraxis

Autor

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Titel: Das Weblog als modernes Tagebuch? Der Wandel der diaristischen Kulturpraxis vom 18. Jahrhundert bis heute