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Die Bedeutung der Literaturkritik in der Gruppe 47

Seminararbeit 2001 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

A) Vorgeschichte

B)
1. Kritik in der Gruppe 47
1.1. Die Symbiose Kritik – Sprachstil
1.2. Ihre Wirkung auf die Autoren
1.3. Der Förderpreis
2. Der Wandel der Kritik
2.1. Die neue Generation
2.2. Öffentlichkeit und Nur-Kritiker
2.3. Der Sieg der Kritik

C) War der Wandel der Kritik entscheidend für den Niedergang der „Gruppe 47“?

A) Vorgeschichte

Um zu verstehen, warum sich das Wesen und die Bedeutung der Kritik in der Gruppe 47 im Laufe der Zeit geändert hat, ist es hilfreich, den Werdegang der Gruppe zu betrachten. Darum werde ich diesen auch während dieser Arbeit immer wieder schildern. Zu Beginn von einer „Gründung“ zu reden, wäre eigentlich schon zuviel des Guten. Eine der Eigenarten der Gruppe 47 bestand darin, dass sie mit einer schwer nachvollziehbaren Eigendynamik eher geboren wurde und dann über die Vorstellungen der Gründer hinaus gewachsen ist.

Ein Gesamtprozess, der schwer erklärbar ist. Begeisterte, begabte Autoren, Literaten voller ideeller Ziele im Kopf trafen sich fast schon in Abenteuermanier zum Vorlesen unveröffentlichter Manuskripte, zum kritisieren und denken. Sie waren aktiv und lebendig. Und darum konnten sie nicht unter sich bleiben. In einer Zeit, in der Deutschland Literatur neu schreiben musste, wurden sie gebraucht. Qualitätsaufgabe durch mehr Öffentlichkeit versus Stagnation durch Abkapseln? Der Schritt nach draußen war schließlich und endlich einer der Hauptgründe für ihren Zerfall. Aber war es denn ein Zerfall? Die Blütenknospe ist geplatzt und hat ihre Samen in alle Winde verstreut.

Einer der wenigen Faktoren, der sich aus diesem komplexen Gesamtprozess ausgliedern lässt, ist das Wesen der Kritik. Die Form der Kritik fällt auf, sie beeinflusst und modelliert die Sprache und in ihrem Wandel später auch das Verhalten der hoffnungsvollen Autoren.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, den Wandel der Kritik während dem Verlauf der Gruppe 47 darzustellen und ihre Folgen zu untersuchen. Das Hinterfragen von Wort, Sprache, Stil und Form literarischer Schriften, vor allem in einer Zeit eines zumindest vermeintlichen Neuanfangs.

Motiviert von der so genannten „Stunde Null“ nach dem Ende des Krieges, von dem Glauben an einen politischen, sozialen und eben auch literarischen Neuanfang hatten Alfred Andersch und Hans Werner Richter den „Ruf“ neu ins Leben gerufen.

Aus der ehemaligen Zeitschrift für deutsche Kriegsgefangene ist ein Organ der Opposition geworden. Kritik. Kritik an der amerikanischen Besatzungspolitik. Kritik als „demokratische Waffe“[1]. Hier geht es zwar nicht um Literaturkritik. Aber es geht um das kritische Denken, das Äußern der kritischen Gedanken und darum, dazu zu stehen. Denn genau das ist den Deutschen lange Zeit verboten worden. Darum war es nicht selbstverständlich, Kritik zu äußern, und schon gar nicht schriftlich.

Hans Werner Richter schreibt einmal: „Wir lebten weiter im Vakuum, in der gesellschaftspolitischen Leere: ohne Staat, ohne funktionsfähige Wirtschaft, ohne geordnete Gesellschaft. Noch war jede Entwicklung möglich.“[2].

Im Mai 1947 wird der „Ruf“ von der amerikanischen Besatzung wegen „Nihilismus“ verboten. In dem Bestreben, den Kreis der Autoren zusammenzuhalten, lädt Hans Werner Richter sie nach Bannwaldsee bei Füssen in das Haus der Schriftstellerin Ilse Schneider-Lengyel ein und bittet sie, Manuskripte mitzubringen. Das Ziel war „Der Skorpion“, eine neue Zeitschrift, für die noch keine Lizenz gegeben worden war und auch keine erreicht werden sollte. Dennoch brachten alle eingeladenen Autoren, das ehemalige Redaktionsteam des „Ruf“ ihre Skripten mit und lasen sie vor. So begannen die Tagungen der Gruppe 47.

Im ersten Teil von B) werde ich darstellen, inwiefern sich die Kritik auf die Literatur und auf die Autoren ausgewirkt hat. Dazu habe ich mich größtenteils an Hans Werner Richters Schilderungen des Verlaufs der Tagungen und an Herbert Lehnerts Zusammenfassung der Gruppe 47 orientiert.

Der zweite Teil behandelt dann die Kritik selber, ihren Wandel, mit dem sie sich der Entwicklung ihrer Vertreter angepaßt hat. Und die neue Komponente Öffentlichkeit und öffentliche Kritik, die den Charakter der Gruppe entscheidend verändert hat.

Im letzten Teil C) möchte ich dann ausführen, welche Rolle die Entwicklung der Kritik für den Niedergang der Gruppe 47 hatte. Dabei lässt sich jetzt schon sagen, dass man den Werdegang der Tagungen nicht nur an formaler Kritik messen kann. Viel mehr Komponenten spielen in den Verlauf mit rein: Die beteiligten Menschen und ihre Erlebnisse, Geld und Ruhm.

Ich werde nicht die Kritik an der Gruppe 47 von den nicht eingeladenen oder gegnerisch eingestellten Schriftstellern außerhalb der Gruppe vertiefen. Das wäre ein eigenes Thema.

B)

Hans Werner Richter, der Initiator jenes bedeutungsvollen ersten Treffens, wusste wohl, was ihn erwartet: ungeübte Anfänger, zum Teil talentiert, zum Teil dilettantisch, die nur eines gemeinsam hatten. Etwas bewegen zu wollen. Etwas neu aufbauen zu wollen.

Doch als er nach dem ersten Text zur Kritik bittet, ist selbst er über die Form eben dieser erstaunt: „Und nun beginnt etwas, was keiner in dieser Form erwartet hatte: der Ton der kritischen Äußerungen ist rau, die Sätze kurz, knapp, unmissverständlich. Niemand nimmt ein Blatt vor den Mund. Jedes vorgelesene Wort wird gewogen, ob es noch verwendbar ist, oder vielleicht veraltet, verbraucht in den Jahren der Diktatur, der Zeit der großen Sprachabnutzung. Jeder Satz wird, wie man sagt, abgeklopft.“[3]

Die Intensität der Kritikbegeisterung erstaunt ihn. Heute läßt sich vermuten, was der Auslöser war. Der karge Überlebensdrang in den vorhergegangenen Jahren, das Leben im Krieg und das lang ersehnte Ende des Krieges hatten den Bedarf nach einem bessern Jetzt genährt. Die Autoren wollten Perfektionismus, ein Art davon, die zu ihren Erlebnissen passte.

Ebenso wie diese Erfahrungen die Sprache schon ihre Texte dominierten, unterstützte diese Form der Kritik aus dem Mund selber Schreibender die Entstehung einer der neuen deutschen Literatursprachen. Des basisbezogenen Realismus, auch bezeichnet als „Kahlschlag“ oder „Trümmerliteratur“. Natürlich waren die Autoren auch von ausserdeutschen Einflüssen geprägt. Die neu entstehende Sprachrichtung macht sich in der Weltliteratur bemerkbar. Aber es war eine deutsche Sprachreinigung durch die Kritik, und somit für die deutsche Literatur „neu“.

Kritik wird von den Menschen geäußert, die einen Text hören und beurteilen. Diese Menschen können nur widerspiegeln, was sie erlebt haben. Diese Autoren hatten alle den Krieg erlebt, und lebten in einer Zeit im zerstörten Deutschland, in der es immer in erster Linie um das Lebensnotwendige und Wesentliche gehen musste. Möglichst klar, sachlich und strukturiert sollten die Gedanken wiedergegeben sein, die Zerstörung des Idealismus in den Köpfen der Autoren und ihrer Kritiker liess sie sich nach Ordnung sehnen.

Der Schweizer Allemann sagt über die Mentalität der Deutschen in dieser Zeit: “Dieser Mentalität...war der Bonner Neo-Liberalismus geradezu auf den Leib geschnitten: ihrem Desinteresse an großen, gesellschaftlichen Strukturproblemen, ihrer Konzentration auf das Nächstliegende, ihrem Rückzug aus kollektiven Mythen...“[4]

[...]


[1] Siehe Hans Werner Richter und die Gruppe 47; Mit Beiträgen von Walter Jens, Marcel Reich-Ranicki, Peter Wapnewski, u.a.. Nymphenburger. S. 47

[2] Siehe Hans Werner Richter und die Gruppe 47; Mit Beiträgen von Walter Jens, Marcel Reich-Ranicki, Peter Wapnewski, u.a.. Nymphenburger. S. 73

[3] Siehe Hans Werner Richter und die Gruppe 47; Mit Beiträgen von Walter Jens, Marcel Reich-Ranicki, Peter Wapnewski, u.a.. Nymphenburger. S. 80f

[4] Forster Heinz und Riegel Paul (Hrsg.): Deutsche Literaturgeschichte Band 11, Die Nachkriegszeit 1945-1968, dtv München 1995. S. 22

Details

Seiten
14
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638238212
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v19776
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – NdL
Note
2
Schlagworte
Bedeutung Literaturkritik Gruppe Proseminar Neuere Deutsche Literatur

Autor

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