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Söldner aus dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches und deren Einsatz in den Hugenottenkriegen bis 1570

Ein Beitrag zur Militärgeschichte

Bachelorarbeit 2011 48 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Söldnertruppen aus dem Reich
2.1. Schweizer Reisläufer
2.2. Landsknechte
2.3. Schwarze Reiter

3. Die französische Armee zwischen den 1450ern und den 1560ern

4. Finanzierung der hugenottischen Truppen
4.1. Unterstützung von protestantischen Fürsten des Reiches
4.2. Unterstützung durch Elisabeth von England

5. Die Finanzierung des königlichen Heeres
5.1. Unterstützung aus dem Reich
5.2. Hilfe aus anderen kontinentaleuropäischen Territorien

6. Ausgangslage und die Entwicklung zum ersten Hugenottenkrieg
6.1. Der erste Hugenottenkrieg – Die Schlacht von Dreux
6.2. Der zweite Hugenottenkrieg – Die Schlacht von Saint-Denis
6.3. Der dritte Hugenottenkrieg bis zum Juni 1569

7. Wolfgang von Pfalz-Zweibrücken – Ein Fallbeispiel
7.1. Erster Versuch eines Kriegszuges 1562/1563
7.2. Herzog Wolfgangs Feldzug von 1568/1569
7.3. Wolfgangs Truppen nach seinem Tod

8. Gewalt, der Ruf der Söldner und religiöse Konflikte

9. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Während der Hugenottenkriege in Frankreich konnten die Streitparteien, bestehend aus der römisch-katholischen Krone und den calvinistischen Hugenotten, die Last der notwendigen Truppen nicht selbst stemmen. Die königlichen Infanteriekontingente waren klein und eher als Garnisonen mit lokalem Einsatzgebiet gedacht.[1] Die frühneuzeitlichen stehenden Heere etablierten sich auf dem europäischen Kontinent erst ab dem 17. Jahrhundert, zuvor trugen Söldner das Hauptgewicht der Kriege.[2] Von 1562 bis 1598 stritten Katholiken und reformierte Protestanten, die so genannten Hugenotten, in acht Kriegen gleichermaßen um die Macht, als auch für die freie Ausübung ihres Glaubens oder die Vernichtung der jeweils anderen Religion.

Diese Arbeit konzentriert sich auf die ersten drei zwischen 1562 und 1570 ausgefochtenen Bürger- und Religionskriege vor der Bartholomäusnacht zum 24. August 1572.[3] Im Zuge dieser Arbeit soll gezeigt werden, welche Bedeutung Söldner aus dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen in den drei ersten Hugenottenkriegen hatten. Der Schwerpunkt wird dabei auf die drei Söldnergruppen der schweizerischen Reisläufer, der Landsknechte und der schwarzen Reiter gelegt. Die Söldner der Eidgenossen, die zwar de facto zu diesem Zeitpunkt zum Reich eine souveräne Stellung hatten, aber de iure ihre Souveränität erst mit dem Westfälischen Frieden von 1648 erhielten,[4] werden im weiteren Verlauf auch als Teil der Truppen aus dem Reichsgebiet betrachtet. Einsätze der Reisläufer und Landsknechte in den französischen Bürgerkriegen ermöglichen es, die traditionell für die französische Krone arbeitenden Eidgenossen mit den auf beiden n kämpfenden Landsknechten zu vergleichen. Die schwarzen Reiter werden zeigen, wie sich die Taktiken und Militärtechnologien an veränderte Bedingungen auf dem Schlachtfeld oder den finanziellen Möglichkeiten adliger Söldner anpassten.

Die Hintergründe der religiösen und politischen Auseinandersetzungen in Frankreich werden nur am Rande aufgegriffen,[5] ebenso soll diese Arbeit kein Beitrag dazu sein, die Unterschiede und Identitätsstiftung der religiösen Gruppen der Katholiken und der Reformierten darzustellen.[6]

Im ersten Kapitel werden die drei Söldnertypen charakterisiert und unterschieden werden, um sie anschließend in einen Kontext zum Aufbau der französischen Heere im 16. Jahrhundert vor und während der Hugenottenkriege zu bringen. Folgend wird erklärt wie die Hugenotten und die französische Krone die großen Söldnerheere finanzierten und inwiefern diese Unterstützung durch verschiedene kontinentaleuropäische Fürsten erhielten. Eine lückenlose Gesamtsumme der Kriegskosten ist aufgrund der schlechten Quellenlage nicht feststellbar,[7] aber zumindest die Zugangswege zu Geldmitteln können erläutert werden.[8]

Folgend beschäftigt sich die Arbeit mit dem Verlauf der drei Bürgerkriege bis zum Juni 1569. Am Beispiel des Feldzuges von Wolfgang von Pfalz-Zweibrücken, eines Reichsfürsten der sich auf die der Hugenotten stellte und für diese eine Armee aushob, wird im Detail gezeigt, wie Truppen für die Kriege bereitgestellt, nach Frankreich gebracht und dort eingesetzt wurden. Noch vor den ersten größeren Kämpfen seiner Armee starb Herzog Wolfgang, seine Söldner blieben aber im Feld unter der Kontrolle der Hugenotten. Sie bildeten in der Schlacht von Moncontour im Oktober 1569 den Großteil der Armee der Reformierten. Im Zuge dieses Kapitels wird der dritte Hugenottenkrieg mit den Kämpfen bei Moncontour und dem Mitte 1570 folgenden Zug Gaspard II. de Colignys auf Paris thematisch abgeschlossen.

Die bisherige Forschung zum Thema der Arbeit befasst sich überwiegend mit den Söldnern oder den Hugenottenkriegen und kombiniert diese Inhalte nur am Rande. Für Letztere wurden in dieser Abhandlung besonders die englischsprachigen Historiker Benjamin Philip, Robert Jean Knecht und James B. Wood herangezogen, sowie der französischsprachige Forscher Denis Crouzet. Ausführliche Studien zu den Landsknechten betrieb Matthias Rogg, mit besonderen Schwerpunkten auf der medialen Inszenierung der Söldner auf zeitgenössischen Bildern und Drucken. Breit gefächerte Darstellungen der Landsknechte finden sich vor allem in deutscher Sprache, beispielsweise in den Arbeiten von Gerhard Quaas[9] und Reinhard Baumann[10] aus den 1990er-Jahren. Das ältere, eidgenössische Söldnerpendant ist gleichermaßen hauptsächlich von deutschsprachigen Historikern erschlossen worden. Hervor zu heben ist der Sammelband „Schweizer in ‚Fremden Diensten’ – Verherrlicht und verurteilt“ mit Aufsätzen von der Entstehung der Reisläufer bis in die Neuzeit, sowie besonders die Arbeit „Schweizerische Reisläufer – deutsche Landsknechte: eine mörderische Rivalität“ von Peter Mertens.[11]

Schwerer sind dagegen ausführliche Studien zu den schwarzen oder auch deutschen Reitern[12] genannten Pistolieren zu finden, die in Arbeiten zu Söldnern oder den Hugenottenkriegen oft nur kurz erwähnt werden. In der französischen und englischen Forschungsliteratur sind diese Söldner meist als reîtres oder reiters bezeichnet, bei der Suche in zeitgenössischen, französischen Quellen sollte man auf die damals verbreitete Schreibweise rei s tres achten. In den Monographien „Kriegswesen und Kriegsführung im Zeitalter der Landsknechte“ von Siegfried Fiedler[13] und „Renaissance France at War“ von David Potter[14] finden sich kurze Überblicke zu den Pistolieren. Sehr ergiebig ist der Aufsatz „Eminence over Efficancy: Social Status and Cavalry Service in Sixteenth-Century France“, in dem der Historiker Treva Tucker die Pistoliere ausführlich mit anderen Reitereinheiten des frühneuzeitlichen Frankreichs vergleicht.[15] Durch den Mangel an einschlägiger Forschungsliteratur stößt man bei Recherchen schnell auf das Onlineangebot www.kriegsreisende.de des deutschen Historikers Frank Westenfelder. Auf besagter Homepage ist der Artikel „Die schwarzen Reiter – Das Comeback der Kavallerie“[16] veröffentlicht, dem aber Quellen- und Literaturangaben fehlen und der daher hier nicht heran gezogen wird.

Die Rolle des lutherischen Herzogs von Pfalz-Zweibrücken in den Hugenottenkriegen ist in der aktuellen Forschungsliteratur nur recht dürftig bearbeitet. Ihm ist ein Kapitel bei Michael Martins „Pfalz und Frankreich“[17] gewidmet, darüber hinaus finden Wolfgang oder zumindest seine Söldner in vielen Monographien zu den Bürgerkriegen spätestens dann Erwähnung, wenn es um die Schlachten bei La Roche-l’Abeille oder Moncontour geht. Sein ablehnendes Verhältnis zum Calvinismus im Reich bei der gleichzeitigen Überzeugung von der Rechtmäßigkeit des Hugenottenaufstandes in Frankreich wird von Matthias Langensteiners Werk zur Politik Christophs von Württemberg, einem der wichtigsten Verbündeten Wolfgangs, detailliert thematisiert.[18]

Ein näherer Blick auf den Pfalzgrafen bietet sich aus zweierlei Gründen an: Am Beispiel Herzog Wolfgangs lässt sich die Schwierigkeit aufzeigen, ein großes Heer gegen den Willen anderer Reichsfürsten, auch protestantischer, auszuheben und sich damit in Schulden zu stürzen. Die Schwierigkeit ausreichende Geldmittel aufzutreiben und die erfolglosen Bestrebungen diese von den Anführern der Hugenotten wieder erstattet zu bekommen, thematisiert die Arbeit von Walther Koch „Die Kriegskosten Herzog Wolfgangs von Pfalz-Zweibrücken und ihre Regulierung“ für den Feldzug von 1568/1569.[19] Der zweite, für diese Abhandlung wichtigere Gesichtspunkt ist der, dass der Herzog nicht nur eine Armee beachtlicher Größe aufstellte, sondern damit (anders als beispielsweise Johann Kasimir von der Pfalz 1568) tatsächlich Soldaten für die bedeutenden Begegnungen des dritten Konfliktes mit einbrachte. Sei es, dass Wolfgang von Pfalz-Zweibrücken früh auf dem Zug starb, aber seine Söldner waren es, welche die Hugenotten nach der Niederlage von Jarnac zur Kriegsführung befähigt hielten.

Edierte Quellen gibt es zu Wolfgangs Kriegszug kaum, trotz der Bedeutung des Herzogs für den Verlauf des dritten französischen Religionskrieges. Zumindest ist jedoch der mit Louis I. de Bourbon, dem Prinzen von Condé und einem Anführer der Hugenotten, geschlossene Hilfsvertrag in einer Abschrift in „Herzog Wolfgangs zu Zweybrücken Kriegs-Verrichtungen“ von Johann Heinrich Buchmann[20] zu finden.

Die allgemeine Quellenlage zu Söldnern aus dem Reich ist weitestgehend gut. So hat beispielsweise Jacques-Auguste de Thou mit „Memoires [sic] de Condé“[21] eine Sammlungen edierter Briefe und Berichte von Zeitzeugen erstellt, die auch einen Blick auf die damalige Sichtweise auf die Söldner zulassen. In Deutscher Übersetzung sind aufschlussreiche Zeitzeugnisse in Julien Coudys „Die Hugenottenkriege in Augenzeugenberichten“ zu finden, wobei es der Sammlung an einer angemessenen Literaturangabe fehlt, mit Hilfe derer die einzelnen Quellen genau zu finden wären.[22] Eine Hürde stellt die zuweilen ungenaue Darstellung der Reiterei in den Überlieferungen dar. Während das Fußvolk meist als Schweizer oder Landsknechte (in französischen Quellen häufig suisses, lansquenets oder allemands) genau tituliert wird, unterscheiden die Quellen bei der Reiterei oft nicht zwischen den schwergepanzerten Lanzenreitern (auch gendarmerie von gens d’arms) und mittelschwerer oder leichter Kavallerie. Zumindest sind die reistres neben der gendarmerie prominent genug, um in den zeitgenössischen Schlachtenbeschreibungen nicht immer als bloßer Teil der Gesamtmenge an Reiterei unter zu gehen.

2. Söldnertruppen aus dem Reich

Bis zum ausgehenden 17. Jahrhundert darf man nicht das Bild eines Heeres mit einheitlicher Uniform, normierten Waffen und strengen Vorgaben für Haar- und Barttracht erwarten.[23] Die Söldner galten unter Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts als eigenständige soziale Gruppe, da sie eigene Rechte und eine eigene Gerichtsbarkeit hatten, die mit dem Schwur auf ihren Kriegsherrn und den Artikelbrief eingegangen wurden. Damit war auch der Wunsch befriedigt, Söldner einer Kontrolle unterzuordnen, soweit gehend, dass ihre innere Organisation als Vorbildhaft galt.[24] Es existierte noch kein territorial übergreifend anerkanntes Kriegs- oder Völkerrecht. Vorläufer solcher Reglements waren die Artikelbriefe der Söldnerverbände des 15. und 16. Jahrhunderts. Neben der Höhe der Besoldung wurden mit der Zeit auch unerlaubte Gewaltanwendungen in den Artikelbriefen definiert. Sexual- und Tötungsdelikte an außerhalb der eigentlichen Kriegshandlungen stehenden Zivilbevölkerung wurden unter Strafe gestellt. Zudem hatte das Beutemachen zwar weiterhin eine große Bedeutung im Kriegsverlauf, im 16. Jahrhundert wurde dies jedoch strikt vom unrechtmäßigen Plündern getrennt. Beute zu nehmen war immer an einen Befehl gebunden und zeitlich eingegrenzt.[25] Die Soldaten bekamen in der Regel monatlich vier Goldgulden (Florin), die besser bewaffneten Doppelsöldner entsprechend acht Gulden. Reiter bekamen ähnlich den niederen Offizieren wie Fähnrichen zwölf Florin, ein Leutnant erhielt 16 und Hauptleute 20. Die eidgenössischen Söldner erhielten grundsätzlich etwas mehr Lohn als ihre Konkurrenten. Der Verdienst eines normalen Landsknechts war mit vier Florin besser als das Salär eines Gesellen, Knechts oder Lohnarbeiters, aber dafür musste die Ausrüstung auch zuerst selbst erworben werden. Die Beträge blieben für die Landsknechte weitestgehend gleich, selbst bei Wertverschlechterung des Geldes. Die Beute war daher ein großer Antrieb Söldner zu werden. Deren Selbstverständnis nach waren Beute zu machen, Lösegeld für Gefangene zu verlangen und den Besitz des Gegners zu zerstören legale Kriegsmittel.[26]

Lösegeld brachte zuweilen beachtliche Summen ein. Volpert van Derfz, ein für die Hugenotten kämpfender Adliger aus dem Reich, hatte bei der Schlacht von Dreux 1562 Anne de Montmorency gefangen und gegen ein Geldversprechen wieder frei gelassen. Im Mai des Folgejahres schrieb er dem Marschall und Connétable des Königs aber eine Beschwerde in der es hieß: „Je vous ay bien voulu faire entendre que l’on ne m’a faict promesse que de six mil escuz seullement, là où Mons. De Rochefort en bailla neuf mil […] qui n’est si grand Seigneur que vous.“[27]

Für die Hugenotten war jedoch nicht Beute, sondern vor allem die Kontrolle über Städte und Gebiete wichtig. Die militärische Besetzung eines Territoriums bedeutete in der Frühen Neuzeit in erster Linie die Übernahme der rechtmäßigen Herrschaft und Souveränität in besagtem Gebiet, der Aspekt der Fremdbeherrschung fehlte dabei im damaligen Rechtsverständnis bis hinein ins frühe 18. Jahrhundert.[28] Für die Heerführer war eine Eindämmung der Gewalt durch reglementiertes Verhalten der Söldner gegenüber der Bevölkerung wichtig, um aus dem besetzten Gebiet Einnahmen zu erhalten und als rechtmäßige Obrigkeit anerkannt zu werden.[29]

Die Infanteriesöldner waren nicht durch Standesrechte eingeschränkt und konnten aus allen Gesellschaftsschichten kommen, sofern sie sich die Grundausrüstung leisten konnten. Da auch Adlige dort zu finden waren, kann angenommen werden, dass das Dasein eines Infanteristen für Noble ein Kriegserlebnis ohne Ehrverlust darstellte.[30] Eine klare Struktur und verschiedene Soldklassen waren aber vorhanden, wodurch die Doppelsöldner oder Hauptleute, meist adliger Abstammung, klar von anderen Knechten unterschieden wurden.[31] Andererseits zeigen Holzschnitte um 1540 verschiedene Lebensalter eines Mannes und dessen Aufstieg vom normalen Knecht zum Fahnenträger oder gar zum Hauptmann. Aufstieg war entgegen dem normalen Ständesystem auch von ganz unten möglich. Das Söldnerwesen wurde als Weg für Männer propagiert, um sich in ihrer Jugend auszuleben und später einen verantwortungsvollen Hausstand zu führen.[32] Darüber hinaus übte das Soldatenwesen womöglich auch auf die eher sesshaft lebenden Bevölkerungsschichten eine Faszination des Exotischen und Ungezähmten aus, weswegen Drucke von Söldnerbildern überwiegend vom städtischen Bürgertum gekauft wurden.[33]

Der geordnet scheinende Verband des Söldnerheeres verlor jedoch unter Zeitgenossen dort den ordentlichen Eindruck, wo die Kriegsleute auf Bevölkerungen trafen und aufgrund von Raub, Gewalt und Anderem gefürchtet wurden. Durch ihre Normbrüche wurde die militärische Gesellschaft im Krieg auch zu einer sozialen Gegenordnung zu den Bewohnern der Gegenden, durch die sie zogen.[34]

2.1. Schweizer Reisläufer

Die Bezeichnung des Söldnertyps leitet sich vom Mittelhochdeutschen reisaere ab, was soviel bedeutet wie Krieger oder reise, das unter anderem für Kriegszug oder Heer stehen kann.[35] Bis zum Ende des 13. Jahrhunderts waren die schwergepanzerten Ritter zu Pferd die effizienteste Waffe im Arsenal des mittelalterlichen Militärs. Sie waren durch ihre Schlachtrosse, Rüstungen und Waffen in der Lage, mit ihrer Masse ein zahlenmäßig weit überlegenes Heer an Fußtruppen zu besiegen, das mit Schwertern und kurzen Spießen gegen sie nicht ankam. Aus den Alpen stammendes Fußvolk im Sold der römisch-deutschen Kaiser oder Päpste war bereits seit der Zeit der ersten Bündnisse der alten Eidgenossenschaft zu finden. Im 14. Jahrhundert verloren die ritterlichen Reiteraufgebote gegen die mit Hellebarden und später Langspießen kämpfenden Gewalthaufen zunehmend an Bedeutung. Die schweizerischen Reisläufer ihrerseits verdankten ihren Aufschwung vor allem den nach 1400 folgenden Kriegen in Ober- und Mittelitalien.[36]

Äußerlich erkennbar waren die eidgenössischen Söldner im 16. Jahrhundert im idealtypischen Fall an einem Schweizer Kreuz auf ihrer Kleidung, an den am Hut nach hinten stehenden Federn oder Straußenfederbüscheln und ihrer Hauptwaffe, einem vier bis fünf Meter messenden Langspieß. Als kurze Wehr trugen sie Degen oder Anderthalbhänder. Ihre Gewalthaufen waren meist vier Glieder tief. Sie hielten ihre Langspieße in der Mitte, um damit auch zu fechten, büßten dadurch gleichzeitig aber an Reichweite ein.[37] Über viele Jahrzehnte gehörten die Reisläufer zu den begehrtesten Söldnern des europäischen Kontinents.[38]

Der geschlossene Kampf mit Stangenwaffen war sehr effizient in den damaligen Schlachten, erforderte aber ein hohes Maß an Kraft, Geschick und Disziplin. In einer ngrätschstellung konnten die Eidgenossen mit ihren zum Fechten gehaltenen Langspießen gegnerische Stöße parieren und trotzdem die Formation wahren.[39]

2.2. Landsknechte

Der Name Landsknecht leitet sich womöglich von Gerichtsboten oder Gendarmen ab, oder stammt wahrscheinlich schlicht von der Bezeichnung als Kriegsknecht von deutschen oder Kaisers Landen. Dieser Söldnertyp wurde im späten 15. Jahrhundert gebildet. Maßgeblich dafür war der damalige König und spätere Kaiser Maximilian I., der nach 1479 eine Heeresreform durchführte. Damals wurden Schweizer und andere, hauptsächlich aus den südlichen Reichsgebieten stammende Söldner angeworben, nach Beispiel der eidgenössischen Reisläufer ausgerüstet und von den Schweizern ausgebildet. Mitte der 1480er-Jahre hatten diese Landsknechte schließlich an Selbstvertrauen gewonnen und kämpften zunehmend ohne schweizerische Hauptleute bzw. traten mit den Reisläufern gar in Konkurrenz.[40] Die Rivalität führte seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts nicht nur vor den Schlachten zu gegenseitige verbalen Beleidigungen, sondern wurde auch in Liedern und Drucken ausgetragen. Dies entwickelte sich zu gegenseitigen Aversionen, die sich in mit großer Härte geführten Kämpfen widerspiegelten und das Gruppengefühl und die Identitätsbildung von eidgenössischen Reisläufern und Landsknechten stärkten. Im Zuge dessen entstanden zwar keine einheitlichen Uniformen, aber unterschiedliche Stile in der Tracht und bei der Waffenwahl.[41] Die Landsknechte trugen zur Erkennung im idealtypischen Fall ein Andreaskreuz auf ihrer Kleidung, oft Kappe mit Ohrenschutz oder Barett samt einer nach vorn gerichteten Feder. Ihre Spieße waren von ähnlicher Länge wie die der Eidgenossen, bei den kurzen Waffen tendierten die Landsknechte aber eher zu Schwertern mit breiter Klinge, teilweise auch Bidenhändern. Der neue Söldnertyp änderte die Gewalthaufentaktik der Schweizer ab und schichtete seine Haufen. Entgegen den Reisläufern hielten die Landsknechte ihre Langspieße weiter hinten, Fechten war dadurch nur bedingt möglich, die Reichweite aber erhöht. Nach fünf bis sechs Gliedern Langspießen folgten Kurzspieße oder Bidenhänder zwei in Gliedern. Diese sollten Gegner in den Nahkampf verwickeln.[42] Wer in der Lage war einen Bidenhänder zu führen, erhielt dafür den doppelten Sold (so genannte Doppelsölder).[43]

Waren die Landsknechte den Schweizern anfangs noch unterlegen weil sie weniger diszipliniert auftraten, die Reisläufer mutiger kämpften oder schneller ihre Schwerpunkte wechselten, so brachte der stärkere Einsatz von Artillerie und Fernschützen bei den Landsknechten zum Beispiel bei der Schlacht 1515 bei Marignano die Wende. Die Schlacht bei Pavia 1525 zwischen französischen Truppen, überwiegend Eidgenossen und Landsknechte, und dem Heer des späteren Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Karl V., hauptsächlich bestehend aus Landsknechten, brach mit dem Habsburger Sieg den Unbesiegbarkeitsmythos der Reisläufer. Dass Landsknechte auf beiden n kämpften war zudem ein Umstand, der bei den Schweizer Söldnern so undenkbar gewesen wäre.[44] Die Landsknechte setzten stärker als die Schweizer auf Reiterei, welcher es immer wieder gelang den Gegnern in die Flanken zu fallen. Aus den Gewalthaufen folgte im Lauf des 16. Jahrhunderts die Unterteilung in Fähnlein zu je 500 Mann, die durch einen Hauptmann geführt wurden. Darüber hinaus gewannen die Feuerwaffen immer mehr an Bedeutung.[45]

Die Rekrutierungsgebiete machten eine Unterscheidung zwischen den Reisläufern und Landsknechten kaum möglich. Die Landsknechte kamen von Gelderland, Oberrhein, der Landschaft Schwaben, Savoyen bis hin und eben auch aus den Kantonen.[46] Nach 1550 versorgten vor allem die Gebiete Holstein, Westfalen oder Niedersachsen die europäischen Konflikte mit den benötigten Söldnern.[47]

[...]


[1] Vgl. Potter, David: Renaissance France at War. Armies, Culture and Society, c. 1480-1560. Woodbridge 2008 (Warfare in History), S. 124-126.

[2] Vgl. Howard, Michael: Der Krieg in der europäischen Geschichte. Vom Mittelalter bis zu den neuen Kriegen der Gegenwart. München 22010 [11981], S. 28.

[3] Vgl. Knecht, Robert Jean: The French Civil Wars, 1562-1598. Harlow 2000.

[4] Vgl. Khan, Daniel-Erasmus: Die deutschen Staatsgrenzen. Tübingen 2004 (Jus Publicum 114), S. 119f.; Stadler, Peter: Der Westfälische Friede und die Eidgenossenschaft. In: Duchhardt, Heinz (Hg.): Der Westfälische Friede. Diplomatie – politische Zäsur – kulturelles Umfeld – Rezeptionsgeschichte. München 1998, S. 369-392, hier S. 389-391.

[5] Hierfür bieten sich an: Roeser, Volker: Politik und religiöse Toleranz vor dem ersten Hugenottenkrieg in Frankreich. Basel/Frankfurt am Main 1985 (Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 153); Diefendorf, Barbara B.: Beneath the Cross. Catholics and Huguenots in Sixteenth-Century Paris. New York/Oxford 1991; Dölemeyer, Barbara: Die Hugenotten. Stuttgart 2006.

[6] Hierfür lesenswert: Racaut, Luc: Religious polemic and Huguenot self-perception and identity, 1554-1619. In: Mentzer, Raymond/Spicer, Andrew (Hg.): Society and Culture in the Huguenot World 1559-1685. Cambridge 2002, S. 29-43; Lutz, Heinrich: Reformation und Gegenreformation. München 52002 [11979] (Oldenbourg Grundriss der Geschichte 10).

[7] Vgl. Potter: France at War, S. 213.

[8] Informationen zu den verschiedenen kontinentaleuropäischen Münzarten und ihrem Wert: Metz, Rainer: Geld, Währung und Preisentwicklung. Der Niederrheinraum im europäischen Vergleich 1350-1800. Frankfurt am Main 1990 (Schriftreihe des Instituts für Bankhistorische Forschung 14); Kindleberger, Charles P.: A Financial History of Western Europe. London 1984, S. 474f.

[9] Vgl. Quaas, Gerhard: Das Handwerk der Landsknechte. Waffen und Bewaffnung zwischen 1500 und 1600. Osnabrück 1997 (Militärgeschichte und Wehrwissenschaften 3).

[10] Vgl. Baumann, Reinhard: Landsknechte. Ihre Geschichte und Kultur vom späten Mittelalter bis zum Dreißigjährigen Krieg. München 1994.

[11] Vgl. Mertens, Peter: Schweizerische Reisläufer – deutsche Landsknechte. Eine mörderische Rivalität. In: Fuhrer, Hans Rudolf/Eyer, Robert-Peter (Hg.): Schweizer in „Fremden Diensten“. Verherrlicht und verurteilt. Zürich 2006, S. 69-85.

[12] Vgl. Rogg, Matthias: Landsknechte und Reisläufer: Bilder vom Soldaten. Ein Stand in der Kunst des 16. Jahrhunderts. Paderborn u.a. 2002 (Krieg in der Geschichte 5), S. 81.

[13] Vgl. Fiedler, Siegfried: Kriegswesen und Kriegsführung im Zeitalter der Landsknechte. Koblenz 1985 (Heereswesen der Neuzeit 2), S. 216f.

[14] Vgl. Potter: France at War, S. 143-146.

[15] Vgl. Tucker, Treva J.: Eminence over Efficacy. Social Status and Cavalry Service in Sixteenth-Century France. In: The Sixteenth Century Journal 32 (2001) Heft 4, S. 1057-1095.

[16] Vgl. Westenfelder, Frank: Die schwarzen Reiter. Das Comeback der Kavallerie. In: Kriegsreisende [online]. Stand: o. J. URL: http://www.kriegsreisende.de/neuzeit/reiter.htm (abgerufen am 27. Mai 2011).

[17] Vgl. Martin, Michael: Pfalz und Frankreich. Vom Krieg zum Frieden. Leinfelden-Echterdingen 2008, S. 18-25.

[18] Vgl. Langensteiner, Matthias: Land und Luthertum. Die Politik Herzog Christophs von Württemberg (1550-1568). Köln 2008.

[19] Vgl. Koch, Walther: Die Kriegskosten Herzog Wolfgangs von Pfalz-Zweibrücken und ihre Regulierung. In: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 59 (1961), S. 76-105.

[20] Vgl. Buchmann, Johann Heinrich: Herzog Wolfgangs zu Zweybrücken Kriegs-Verrichtungen. Großtheils aus Archival-Nachrichen. Mannheim 1769.

[21] Vgl. de Thou, Jacques-Auguste (Hg.): Memoires de Condé. Servant d’éclaircissement et de Preuves à l’Histoire. Band 4. London/Paris 1743.

[22] Vgl. Coudy, Julien (Hg.): Die Hugenottenkriege in Augenzeugenberichten. München 21980 [1Düsseldorf 1965].

[23] Vgl. Burschel, Peter: Söldner im Nordwestdeutschland des 16. und 17. Jahrhunderts. Sozialgeschichtliche Studien. Göttingen 1994, S. 24f.

[24] Vgl. Huntebrinker, Jan Willem: Geordneter Sozialverband oder Gegenordnung? Zwei Perspektiven auf das Militär im 16. und 17. Jahrhundert. In: Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit 10 (2006) Heft 2, S. 181-199, hier S. 184f., 199.

[25] Vgl. Meumann, Markus: Herrschaft oder Tyrannis? Zur Legitimität von Gewalt bei militärischer Besetzung. In: Ulbrich, Claudia u.a. (Hg.): Gewalt in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur 5. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im VHD. Berlin 2005 (Historische Forschungen 81), S. 173-187, hier S. 184.

[26] Vgl. Quaas: Das Handwerk der Landsknechte, S. 34f., 38; Baumann: Landsknechte, S. 86-91; Baumann, Reinhard: Das Söldnerwesen im 16. Jahrhundert im bayerischen und süddeutschen Beispiel. Eine gesellschaftsgeschichtliche Untersuchung. München 1978 (Miscellanea Bavarica Monacensia), S. 116.

[27] Derfz, Volpert Van: Lettre de Volpert Van Derfz Gentilhomme Allemand au Connétable de Montmorency. In: de Thou, Jacques-Auguste (Hg.): Memoires de Condé. Servant d’éclaircissement et de Preuves à l’Histoire. Band 4. London/Paris 1743, S. 353, hier S. 353.

[28] Vgl. Meumann: Herrschaft oder Tyrannis, S. 174f.

[29] Vgl. ebd.: S. 185.

[30] Vgl. ebd.: S. 185f.

[31] Vgl. ebd.: S. 187-189.

[32] Vgl. ebd.: S. 196f.

[33] Vgl. Rogg, Matthias: „Zerhauen und zerschnitten, nach adelichen Sitten.“ Herkunft, Entwicklung und Funktion soldatischer Tracht des 16. Jahrhunderts im Spiegel zeitgenössischer Kunst. In: Kroener, Bernhard R./Pröve, Ralf (Hg.): Krieg und Frieden. Militär und Gesellschaft der Frühen Neuzeit. Paderborn u.a. 1996, S. 109-136, hier S. 112.

[34] Vgl. Meumann: Herrschaft oder Tyrannis, S. 191, 193.

[35] Vgl. Hennig, Beate: Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Tübingen 42001 [11999], S. 265.

[36] Vgl. Fuhrer, Hans Rudolf/Eyer, Robert-Peter: „Söldner“. Ein europäisches Phänomen. In: Fuhrer, Hans Rudolf/Eyer, Robert-Peter (Hg.): Schweizer in „Fremden Diensten“. Verherrlicht und verurteilt. Zürich 2006, S. 27-48, hier S. 29, 31f.; Fuhrer, Hans Rudolf/Eyer, Robert-Peter: Grundzüge und Entwicklung des Söldnerwesens in der Eidgenossenschaft vom 14. bis zum 16. Jahrhundert. In: Fuhrer, Hans Rudolf/Eyer, Robert-Peter (Hg.): Schweizer in „Fremden Diensten“. Verherrlicht und verurteilt. Zürich 2006, S. 49-68, hier S. 54-56.

[37] Vgl. Mertens: Schweizerische Reisläufer – deutsche Landsknechte, S. 72f.

[38] Vgl. Rogg, Matthias: Die Ursprünge: Ritter, Söldner, Soldat. Militärgeschichte bis zur Französischen Revolution 1789. In: Neugebauer, Karl-Volker (Hg.): Die Zeit bis 1914. Vom Kriegshaufen zum Massenheer. München ²2009 [12006], S. 1-122, hier S. 15.

[39] Vgl. Rogg: Zerhauen und zerschnitten, S. 126.

[40] Vgl. Mertens: Schweizerische Reisläufer – deutsche Landsknechte, S. 70f.

[41] Vgl. Mertens: Schweizerische Reisläufer – deutsche Landsknechte, S. 79-82; Rogg: Zerhauen und zerschnitten, S. 121f.

[42] Vgl. Mertens: Schweizerische Reisläufer – deutsche Landsknechte, S. 72f.

[43] Vgl. Rogg: Die Ursprünge, S. 20; Rogg: Zerhauen und zerschnitten, S 122-126.

[44] Vgl. Mertens: Schweizerische Reisläufer – deutsche Landsknechte, S. 79-82.

[45] Vgl. ebd.: S. 73-79.

[46] Vgl. Potter: France at War, S. 131.

[47] Vgl. Burschel: Söldner im Nordwestdeutschland, S. 159.

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