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Frühe Regulationsstörungen im Kontext der Eltern-Kind-Bindung

Welche Möglichkeiten der Unterstützung gibt es für betroffene Familien?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 41 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2.Erkenntnisse der frühen Kindheit
2.1 Das psychologische Konzept der Bindungstheorie
2.1.1 Die besondere Bedeutung der Feinfühligkeit
2.1.2 Bindungssicherheit und ihre Bedeutung für die kindliche Entwicklung
2.2 Das verhaltensbiologische Konzept der frühen Mutter-Kind-Interaktion
2.2.1 Fähigkeiten des Kindes
2.2.2 Intuitive elterliche Fähigkeiten
2.3 Grundlagen der frühkindlichen Regulation
2.3.1 Selbstregulation
2.3.2 System der basalen adaptiven Verhaltensregulation
2.3.3 Engels- und Teufelskreise

3.Frühkindliche Regulationsstörungen
3.1 Erscheinungsformen
3.1.1 Exzessives Schreien
3.1.2 Schlafstörungen
3.1.3 Fütterstörungen
3.2 Entstehungsbedingungen
3.2.1 Pränatale, perinatale und postnatale Risiken
3.2.2 Das kindliche Temperament
3.2.3 Goodness of fit
3.2.4 Auftreten der Störungen in bestimmen Phasen
3.3 Auswirkungen
3.3.1 Auf die Entwicklung des Kindes
3.3.2 Auf die Eltern-Kind-Bindung
3.3.3 Auf die Eltern und die Partnerschaft

4. Behandlungsmöglichkeiten und Unterstützungsansätze bei frühen Regulationsstörungen
4.1 Beratung und Therapie
4.2 familienunterstützende Dienste
4.2.1 familiäre Unterstützung
4.2.2 Notmütterdienst
4.2.3 Familienhilfe/Haushaltshilfe
4.3 stationäre Hilfen
4.3.1 Aufnahme ins Krankenhaus
4.3.2 Mutter-Kind-Kur

5. Schlussbemerkung

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit stellt frühe Regulationsstörungen dar, die der klinischen Entwicklungspsychologie zuzuordnen sind und stellt sie in den Kontext der Bindung, die ein Kind zu seinen Eltern aufbaut. Im beginnenden Kapitel werden Erkenntnisse der frühen Kindheit wie die Bindungstheorie und die frühe Mutter-Kind-Interaktion vorgestellt, die nötig sind, um frühe Regulationsstörungen zu verstehen und richtig einzuordnen. In beiden Konzepten kommt der Feinfühligkeit der Betreuungsperson eine zentrale Bedeutung für den Aufbau einer sicheren Bindung und gelingenden Eltern-Kind-Interaktion zu. Im folgenden Kapitel werden die Grundlagen der frühkindlichen Regulation vorgestellt, die in die Vorstellung der verschiedenen Erscheinungsformen von frühkindlichen Regulationsstörungen münden. Dabei habe ich mich auf die drei häufigsten Störungsbilder exzessives Schreien, Schlafstörungen und Fütterstörungen (ohne Gedeihstörungen) konzentriert. Störungen der emotionalen Verhaltensregulation, die eher bei Kleinkindern vorkommen, werden hier nicht explizit behandelt. Einen breiten Raum nehmen auch die pränatalen, perinatalen und postnatalen Risiken und das kindliche Temperament ein, die zu den Entstehungsbedingungen der frühen Regulationsstörungen beitragen. Das Konzept des „Goodness of fit“ wird vorgestellt und es wird belegt, welche Störungen in welchen Phasen der Entwicklung des Kindes gehäuft auftreten. Anschließend wird der Frage nach den Auswirkungen auf das Familiensystem und das Kind nachgegangen.

Die zentrale Fragestellung bezieht sich darauf, wie betroffenen Familien geholfen werden kann. Welche professionelle, familiäre und organisierte Form der Unterstützung steht den Familien zur Verfügung? Die Langzeitauswirkungen von frühen Regulationsstörungen werden dabei nur am Rande gestreift, es geht vielmehr um Hilfestellung in den akuten Phasen.

Das Interesse für das Thema wurde bei mir durch eigene Betroffenheit geweckt, da ich selbst ein frühgeborenes Baby mit Regulationsstörungen hatte und auf Hilfe angewiesen war. Ich will mit dieser Arbeit einen Einblick in die verschiedenen Prozesse schaffen, die für eine gelingende Eltern-Kind-Interaktion erforderlich sind und darstellen, wie schnell und durch welche Faktoren ein Ungleichgewicht

entstehen kann. Ich beziehe mich dabei explizit auf beide Elternteile, obwohl in den Konzepten mitunter von Mutter-Kind-Bindung oder Mutter-Kind-Interaktion (z.B. 2.2) gesprochen wird. Es ist zwar nach wie vor eine Tatsache, dass meistens die Mutter die Versorgung von Säuglingen übernimmt, die hier vorgestellten Erkenntnisse können jedoch genauso gut Väter betreffen.

2. Erkenntnisse der frühen Kindheit

In diesem Gliederungspunkt werden die entwicklungspsychologischen Grundlagen der Säuglings-und Bindungsforschung vorgestellt. Es sollen die beiden Konzepte der Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth sowie der frühen Eltern-Kind-Interaktionen nach Papoušek & Papoušek beschrieben werden, welche zum Teil auch die Erkenntnisse der Bindungsforschung, insbesondere das Forschungsgebiet der Feinfühligkeit, integriert. Diese Erkenntnisse sind unerlässlich, um die Mechanismen zu verstehen, die zuerst zu Störungen im Eltern-Kind-Kontakt und bei Persistenz zu frühen Regulationsstörungen führen können (Ziegenhain/Fries/Bütow/Derksen 2006).

2.1 Das psychologische Konzept der Bindungstheorie

Der Engländer John Bowlby (1907-1990) war der Begründer der Bindungstheorie. Er stellte als erster die Beziehung von Kindern zu ihren Müttern in einen naturwissenschaftlichen Zusammenhang der Evolutionstheorie. Er verband in der Bindungstheorie ethologisches, entwicklungspsychologisches, systemisches und psychoanalytisches Denken (Brisch 2001).

Für das Überleben von Säuglingen ist es erforderlich, sich an eine erwachsene Person zu binden, die Sicherheit, Schutz und Versorgung gewährleisten kann und als „stärker und weiser“ empfunden wird. Mutter und Kind befinden sich in einem sich wechselseitig bedingenden und selbstregulierenden System. Dieses Bindungssystem ist ein genetisch verankertes motivationales System, das mit dem Explorationsverhalten korrespondiert. Wenn ein Säugling Angst empfindet, sucht er die Nähe der Mutter und stellt sein Explorationsverhalten der Umwelt ein. Das Bindungsverhalten wird also nur bei Angst aktiviert und zeigt sich in Weinen, Rufen, Anklammern und Nachfolgen. Die Bindung entsteht im ersten Lebensjahr zwischen dem Säugling und der primären Bezugsperson, in den meisten Fällen die Mutter. Das Kind kann auch eine Bindung zu wenigen weiteren Personen, wie etwa dem Vater und der Oma, aufbauen, allerdings entwickelt das Kind eine Hierarchie der verschiedenen Bezugspersonen.

Aufgrund der erlebten Interaktion zwischen Mutter und Säugling bildet dieser im ersten Lebensjahr „innere Arbeitsmodelle“ des Verhaltens und der damit verbundenen Affekte aus. Diese inner working models entstehen durch die spezifischen Trennungs- und Wiedervereinigungserlebnisse, die das Kind mit seiner Bezugsperson erlebt hat und machen damit deren Verhalten in Bindungssituationen vorhersagbar (Brisch 2001).

Eine herausragende Funktion bei der Entwicklung der Bindungstheorie hat neben John Bowlby auch die Kanadierin Mary Salter Ainsworth. Sie erkannte, dass es Unterschiede in der Qualität der Bindung gibt. Diese Unterschiede sind abhängig von der Feinfühligkeit der Bindungsperson gegenüber den Signalen des Babys (siehe auch 2.1.1). Feinfühliges Verhalten äußert sich in der Wahrnehmung und richtigen Deutung sowie der angemessenen und prompten Reaktion auf die Äußerungen des Kindes.

Mary S. Ainsworth klassifizierte anhand der von ihr entwickelten „Fremden Situation“ (mehrmalige Trennung von der Mutter) drei verschiedene Kategorien von Bindungsqualität, die später durch eine vierte ergänzt wurde. Diese sind die sichere Bindung (B), die unsicher-vermeidende (A), die ambivalente (C) sowie die unsicher-desorganisierte Bindung (D). Das dabei vom Kind gezeigte Bindungsverhalten lässt Rückschlüsse auf die Bindungsqualität schließen. Eine aktive, wechselseitige Interaktion ist dabei der Schlüssel zu sicheren Bindungen. (Brisch 2001/Dornes 2007/Holmes 2006/Grossmann/Grossmann 2006)

2.1.1 Die besondere Bedeutung der Feinfühligkeit

Die Feinfühligkeit der Bindungspersonen gegenüber den Signalen des Kindes wurde als zentrales Merkmal im Ausbilden der Bindungsrepräsentation (Bindungsqualität, sichere-unsichere Bindung) identifiziert. Unter Feinfühligkeit ist die Qualität elterlichen Interaktionsverhaltens gemeint, das anhand von vier Verhaltensdimensionen bestimmt wird. Die wichtigste Dimension besteht darin, die Äußerungen des Säuglings überhaupt wahrzunehmen, weiterhin sie angemessen und adäquat zu interpretieren, diese aber auch rechtzeitig zu beantworten. Neugeborene haben nur eine kurze Spanne von Aufmerksamkeit und sie fordern die sofortige Einlösung ihrer Bedürfnisse ein. Die Bezugspersonen benötigen also eine niedrige Wahrnehmungsschwelle und sie müssen in angemessenem zeitlichen Abstand darauf reagieren. Diese Zeitspanne verändert sich, je älter das Kind wird. Feinfühliges Verhalten bedeutet auch, die Äußerungen des Säuglings richtig zu interpretieren, also ihn bei Hunger zu füttern oder bei Langeweile mit ihm zu spielen. Die Angemessenheit der elterlichen Reaktion ist auch abhängig vom Alter des Kindes und verändert sich entsprechend.

Die Eltern sollen die Kinder in ihrem Neugier- und Explorationsverhalten unterstützen und sie ermutigen. Die Bindungspersonen können somit eine sichere Basis darstellen, von der aus das Kind neugierig seine Umwelt erkunden, bei Angst aber zu ihnen zurückkehren kann. Mary S. Ainsworth konnte nachweisen, dass hoch ausgeprägte elterliche Feinfühligkeit im ersten Lebensjahr zu einer sicheren Bindung führt.

Feinfühlige Reaktionen führen bei den Kindern zur Beruhigung und Stressreduktion in angsterfüllten und unsicheren Situationen. Die Kinder werden dazu ermutigt, ihre negativen Gefühle offen zu äußern und sich damit an andere zu wenden. Sie erfahren sich dadurch selbst als kompetent im Umgang mit Angst und Unsicherheit.

Wenn Eltern sich dagegen nicht an die erhöhte Irritierbarkeit Ihres Säuglings anpassen können oder zu überstimulierendem Verhalten neigen, kann es in solchen Fällen von mangelnder Feinfühligkeit zu einer Überforderung der Selbstregulation kommen. Das Kind kann dann zu wenig Erfahrungen mit selbstberuhigendem und selbstregulierendem Verhalten machen (Gloger-Tippelt 2008/Ziegenhain/Fries/Bütow/Derksen 2006./Grossmann 2005/Grossmann/Grossmann 2004).

2.1.2 Bindungssicherheit und ihre Bedeutung für die kindliche Entwicklung

Wenn die Bindungspersonen feinfühlig reagieren und verfügbar für die Kinder sind, ist der Grundstein gelegt für die Entwicklung einer sicheren Bindung. Diese sichert ihnen vielfältige Entwicklungsvorteile gegenüber unsicher, ambivalent oder desorganisiert gebundenen Kindern. So verfügen sicher gebundene Kinder über höhere soziale und emotionale Kompetenzen, die sich in höherer Frustrationstoleranz, Ausdauer, sozialem Interesse oder auch Enthusiasmus und Begeisterung zeigen. Es besteht ein Zusammenhang von sicherer Bindung mit einer Reihe von Anpassungsvariablen wie der erfolgreichen Bewältigung von Belastungen, der Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls und der Gestaltung von Beziehungen/Freundschaften zu anderen Menschen (Schleiffer 2009/Ziegenhain et. al. 2006).

Interessant für das Thema dieser Arbeit ist, dass sowohl unsichere Bindungen Auswirkungen auf die Selbstregulationskräfte des Kindes haben, wobei die Regulierung subjektiver Unsicherheit und negativer Gefühle innerhalb eines Beziehungskontextes dann schlechter gelingt, aber auch Regulationsstörungen sich negativ auf die Entwicklung einer tragfähigen Bindung auswirken können.

Die Anpassung im Entwicklungsverlauf ist bei unsicher gebundenen Kindern beeinträchtigt und die Frustrationstoleranz ist geringer. Da solche Kinder weniger explorieren, trauen sie sich weniger zu, sie sind gehemmter und verfügen über ein schlechteres Selbstkonzept. In Untersuchungen wurden auch Zusammenhänge zwischen unsicherer Bindungsqualität und psychopathologischen Auffälligkeiten sowie externalisierenden Störungen (aggressives und dissoziales Verhalten) nachgewiesen (Schleiffer 2009).

2.2 Das verhaltensbiologische Konzept der frühen Mutter-Kind-Interaktion

Der Ansatz von Papoušek &Papoušek (1987; 2002) geht von einem evolutionsbiologischen Konzept aus. Dieses besagt, dass die Eltern mit Verhaltensdispositionen ausgestattet sind, die komplementär zu den frühen Interaktionsfähigkeiten der Säuglinge sind. Werdende Mütter sind physiologisch und hormonell darauf eingestellt, auf das noch eingeschränkte Verhaltensrepertoire des Säuglings einzugehen, deshalb spricht man auch von früher Mutter-Kind-Interaktion, wobei diese Fähigkeiten auch bei Vätern vorhanden sind. Die intuitiven Kompetenzen sind kulturübergreifend, finden sich bei Männern und Frauen verschiedenen Alters und auch bei Kindern ab ca. 4 Jahren. Sie sind spontan, also nicht bewusst steuerbar oder rational kontrollierbar. Die Eltern sind intuitiv in der Lage, ihr Verhalten auf die Bedürfnisse und Voraussetzungen des Babys abzustimmen. Dies bedeutet auch, dass die Eltern ihre Verhaltensweisen je nach Entwicklungsstand des Kindes anpassen können. Indem sie das Baby anregen, beruhigen und trösten, geben die Eltern dem Säugling eine auf seine individuellen Fähigkeiten abgestimmte regulatorische Unterstützung. Die Eltern orientieren ihr Kommunikationsverhalten also intuitiv an den integrativen und kommunikativen Bedürfnissen und Fähigkeiten des Babys und unterstützen somit dessen Selbstregulationsfähigkeiten und den gesamten Entwicklungsprozess (Barth 1998/ Gloger-Tippelt 2008/Lohaus/Ball/Lißmann 2004/ /Papoušek 2004/ Ziegenhain et. al. 2006).

2.2.1 Fähigkeiten des Kindes

Säuglinge können in den ersten Lebenstagen und –wochen nicht auf umfangreiche Lernerfahrungen zurückgreifen und doch sind sie in vielfältiger Weise in der Lage, zu kommunizieren und sich auszudrücken. Sie verfügen über die Fähigkeit zur aktiven und zielgerichteten Interaktion und tragen damit zu einer gelingenden Passung zwischen den Voraussetzungen des Kindes und den Vorstellungen der Eltern im Sinne einer gelingenden Entwicklung bei. Das Neugeborene ist mit Fähigkeiten ausgestattet, die es ihm ermöglichen, die Umwelt mit allen Sinnen wahrzunehmen, selbstwirksam zu begreifen und auf sie einzuwirken. Im kommunikativen Austausch mit den Eltern lernt es, seine Erfahrungen mit sich und der Umwelt zu integrieren. Um seine überlebenswichtigen psychobiologischen Grundbedürfnisse zu erfüllen und die erforderlichen Anpassungs- und Entwicklungsaufgaben zu leisten, sendet der Säugling Schlüsselsignale in seinem kindlichen Verhalten aus. Diese Schlüsselsignale beziehen sich aber nicht nur auf das Aussehen, das sogenannte Kindchenschema, sondern auch auf hochwirksame Auslöse- und Rückkoppelungssignale im gesamten Verhalten. Solche Rückkoppelungssignale sind Blickzuwendung, Lächeln, Anschmiegsamkeit oder auch die Töne, die Säuglinge in unnachahmbarer Weise von sich geben (Lohaus/Ball/Lißmann 2004/Papoušek 2001/Ziegenhain et. al. 2006).

2.2.2 Intuitive elterliche Fähigkeiten

Die vorsprachliche Kommunikation gehört zu den intuitiven Verhaltensanpassungen, die auf den Erwerb der Sprache ausgerichtet sind und in denen das Kind in Interaktionen und Zwiegesprächen seine Fähigkeiten zur Selbstwirksamkeit und Selbstregulation einüben kann (Papoušek 1994/Papoušek 2001). Die Bezugspersonen zeigen im Bereich der Mimik, der Stimme, der Gestik und der Sprache intuitives Verhalten. Dies äußert sich beispielsweise in einer höheren Stimmlage und melodischen Stimmführung (Singsang), der Verwendung von Ammensprache, rhythmischen Wiederholungen des mimischen Ausdrucks oder der Regulation von Nähe und Abstand (Ziegenhain et. al. 2006).

Elemente des intuitiven Elternverhaltens sind:

a) Prüfen und Regulieren des Wachheits- und Erregungszustandes des Kindes
b) Herstellen des visuellen Kontaktes
c) Herstellen der Kommunikationssituation
d) Angemessene Stimulation
e) Unterstützung integrativer Prozesse

(Rauh 2002)

Die Bezugspersonen reagieren feinfühlig auf die kindlichen Auslöse- und Rückkoppelungssignale und stimmen sich ab auf dessen Aufnahmebereitschaft, Erregungsniveau, Befindlichkeit oder Ermüdung. Sie gestalten Zwiegespräche und Spielerfahrungen und ermöglichen dem Säugling dadurch einen unterstützenden kontingenten Bezugsrahmen (Papoušek 2001).

Die Eltern versuchen, die positiven Gefühlszustände zu fördern und die negativen möglichst gering zu halten. Die Säuglinge nehmen an den wechselseitigen Gesprächen teil, in dem sie nachahmen, z. B. die Zunge herausstrecken und durch ihr Verhalten zeigen, ob sie ein Wohlgefühl empfinden oder nicht (Barth 2008).

Voraussetzung für die Auslösung und Abstimmung der intuitiven elterlichen Kompetenzen ist neben der Anwesenheit des Säuglings, die Bereitschaft und Fähigkeit der Eltern, sich auf das Baby einzulassen, sich von seinen Signalen leiten zu lassen und sich auf die eigenen genuinen Kompetenzen zu verlassen (Papoušek 2004).

Die intuitiven elterlichen Kompetenzen erfüllen zwei wesentliche Funktionen: sie unterstützen das Baby in seinen Fähigkeiten zur Selbstregulation und sie strukturieren frühe Erfahrungen und regen die sich entwickelnden Fähigkeiten des Kindes an (Ziegenhain et. al. 2006).

Jedoch kann es Störfaktoren geben, die die intuitiven elterlichen Fähigkeiten beeinträchtigen und so das ausgeklügelte System der gegenseitigen Kommunikation zum Entgleisen bringen. Auf Seiten der Bezugspersonen können dies psychosoziale (z. B. unverarbeitete Traumata), kulturelle oder krankheitsbezogene (z. B. Depressionen) Störfaktoren sein. Erhöhte Anforderungen an die intuitiven elterlichen Kompetenzen werden an die Eltern gestellt, wenn die Auslöse- und Rückkoppelungssignale des Kindes schwer verständlich sind. Dies kann durch Frühgeburt, eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeiten oder auch Behinderungen der Fall sein (Papoušek 1998/Papoušek 2001). In dieser Arbeit sollen die Faktoren näher beleuchtet werden, unter welchen Bedingungen es zu Fehlanpassungen und Störungen des dyadischen Zusammenspiels zwischen Eltern und Kind kommen kann.

2.3 Grundlagen der frühkindlichen Regulation

Schon von Geburt an muss das Neugeborene erste Entwicklungsanforderungen bewältigen. So muss es eigenständig atmen, seinen Temperaturhaushalt regulieren, Nahrung aufnehmen, sich an die Schwerkraft anpassen und einen Schlaf-Wach-Rhythmus entwickeln. Seine weitere Entwicklung erfordert ständige Anpassungsleistungen, die der Säugling mit Hilfe seiner Bezugspersonen bewältigen kann (Ziegenhain et. al. 2006). Lebende Organismen sind an der Aufrechterhaltung eines psychophysiologischen Gleichgewichts orientiert, in dem sie ihr Verhalten in der Auseinandersetzung mit der Umwelt anpassen. Solche Prozesse sollen hier vorgestellt werden (Papoušek 2004).

2.3.1 Selbstregulation

Eine wesentliche Entwicklungsaufgabe in den ersten Lebensmonaten und darüber hinaus ist die Erregungs- und Verhaltensregulation. Die Kinder müssen lernen, ihre Lebensfunktionen wie Schlafen, Wachen, Hunger und Durst, Erregung, Unwohlsein und Wohlgefühl in Balance zu bringen (Pauen/Rauh 2008). Brazelton (2008) unterscheidet die Verhaltenszustände nach dem Grad der Wachheit und Ansprechbarkeit. Eine ergänzende Fähigkeit des Säuglings besteht in seinen Wahrnehmungsfähigkeiten, die auf ein menschliches Gegenüber ausgerichtet sind Weitere Domänen der Selbstregulation sind nach Papoušek (1999) Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Integration von Erfahrung, Bindungssicherheit und Exploration sowie Abhängigkeit und Autonomie. Dazu sind sie aber auf die Unterstützung ihrer Bezugspersonen im Sinne einer Co-Regulation angewiesen. Die frühkindliche Selbstregulation ist biologisch auf eine komplementär angepasste regulatorische Unterstützung seitens der primären Bezugspersonen angelegt und angewiesen (Papoušek 1999).

Säuglinge können sich jedoch stark in ihren Fähigkeiten der Selbstregulation unterscheiden. Diese Unterschiede gehen zurück auf eine individuell unterschiedliche Ausreifung, auf konstitutionell-genetische Bedingungen oder auch vor- oder nachgeburtlich erworbene Vulnerabilität (Papoušek 1999). So wird deutlich, dass Störungen der frühkindlichen Regulationsprozesse nicht nur auf Seiten der Eltern ursächlich sein können, sondern auch, dass manche Säuglinge erhöhte Anforderungen an die intuitiven elterlichen Kompetenzen stellen und es somit immer auf das Zusammenspiel zwischen Eltern und Kind ankommt.

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Details

Seiten
41
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656237556
ISBN (Buch)
9783656239208
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197621
Institution / Hochschule
Katholische Stiftungsfachhochschule München, Abt. Benediktbeuern
Note
1,3
Schlagworte
Frühe Regulationsstörungen Bindungstheorie Mutter-Kind-Interaktion Behandlungsmöglichkeiten Unterstützungsansätze
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Titel: Frühe Regulationsstörungen im Kontext der Eltern-Kind-Bindung