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Die Immobilienkrise in den USA und die Rolle des Federal Reserve Systems

Seminararbeit 2012 23 Seiten

VWL - Geldtheorie, Geldpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bedeutung und Funktion des Federal Reserve System
2.1 Kurze Historic
2.2 Funktion und Aufbau

3 Unabhangigkeit und Einfluss der Politik

4 Von der Dot-Com-Blase bis zur Immobilienkrise
4.1 Platzen der Dot-Com-Blase 2000-2003
4.2 Die Immobilienblase 2003 bis 2008

5 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Die Immobilienblase und die daraus folgende Weltwirtschafskrise in diesem Jahrzehnt erschutterte die Menschheit in ihrem Glauben an die Finanzwelt und gar an das west- liche Wirtschaftssystem. Speziell in den USA war der Glaube an das uneingeschrankte Wachstum verbreitet und eine wachsende Schuldenkultur schuf ungeahnte Moglichkeiten - selbst fur eigentlich Mittellose.

Der grofie Knall kam und mit ihm eine wirtschaftliche Talfahrt, die es seit mindestens 50 Jahren im Westen nicht gegeben hat. Steuerzahler, die vergleichsweise wenig von hoch komplizierten Finanzinstrumenten und diversen riskanten Wetten profitiert haben, mussten letztendlich als Leitsaule unserer Gesellschaften in die Verantwortung treten. Nun muss sich sowohl die private Finanzindustrie, als auch die Politik mit Ursachensuche beschaftigen. Wahrend die meisten Banker in der Offentlichkeit recht gesichtslos sind, wird eine Figur immer wieder in Zusammenhang mit der jetzigen Krise gestellt: Alan Greenspan. Keiner steht so sehr fur die „Politik des leichten Geldes“, fur den Glauben an die Markte, wie der damalige Vorsitzende der amerikanischen Notenbank Federal Reserve System (Fed).

Die Fed als Institution, die irgendwo zwischen Politik und Wirtschaft anzusiedeln ist, gilt in der Offentlichkeit als eine der machtigsten Wirkungskrafte in der US-Wirtschaft. Der Einflussbereich erstreckt sich sogar uber den ganzen Erdball, manche sprechen von „einer Art Welt-Zentralbank‘a, die aber gleichzeitig an US-Interessen ausgerichtet ist.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit soll die Untersuchung der Struktur der Fed selbst und die Klarung ihrer Rolle im Laufe der Immobilienkrise zwischen 2000 und 2008 sein. Es ist nicht Ziel dieser Arbeit finanzwirtschaftliche Vorgange im Detail zu beleuchten und die gesamte Palette der (moglichen) Grunde fur die Krise zu erforschen. Vielmehr sollen auch politische und gesellschaftliche Aspekte bei der Begutachtung eine Rolle spielen.

Dazu wird in Abschnitt 2 ein Uberblick uber die Geschichte, den strukturellen Auf- bau und die Funktionen des Federal Reserve System dargelegt. Um die Frage der Rolle der Fed zu klaren, ist ein Blick auf dessen Unabhangigkeit (Abschnitt 3) von Belang. Nur wer unabhangig agieren kann, kann auch voll schuldfahig sein. Eine Tatsache, die[1] in der gangigen Literatur oft vernachlassigt wird. Letztlich beschreibt Abschnitt 4 die Ereignisse von 2000 bis 2008, also vom Platzen der sogenannten Dot-Com-Blase zum Jahrtausendwechsel bis zum Anfang der eigentlichen Weltwirtschaftskrise, mit Blick auf die Fed.

2 Bedeutung und Funktion des Federal Reserve System

Bevor in Abschnitt 4 die Geschehnisse der Immobilienkrise aufgezeigt werden, ist es fur die Fragestellung der vorliegenden Arbeit wichtig, einen genaueren Blick auf das System der US-amerikanischen Notenbank zu werfen. Danach soll in Abschnitt 3 die insbesondere in Europa populare Frage der Unabhangigkeit analysiert werden.

2.1 Kurze Historie

37,73 Prozent verlor der Dow Jones im Vergleich zum Vorjahr. Vor allem mangelnde Liquiditat und Vertrauen nahmen dem Finanzhandel die Luft zum Atmen. Es war ein bisher nicht gekannter Kurssturz in New York. Die Rede ist von der Panik von 1907[2] in den USA (vgl. Hasenkamp 1908).

Die Panik liefi die Amerikaner zu Beginn des Jahrhunderts verunsichert zuruck und der US-Senat suchte nach Praventionsmafinahmen fur solche Liquiditatsmangel. Man war sich einig, dass das amerikanische Bankensystem nicht mehr zeitgemafi und den schnellen Entwicklungen nicht mehr gewachsen war. Es brauchte ein Instrument, um bei Krisen den Geldfluss flexibler steuern zu konnen. Dazu wurde 1908 die National Mone­tary Commission ins Leben gerufen. Die zugig prasentierten Ergebnisse der Kommission schlugen eine National Reserve Association, die von den Privatbanken dominiert werden sollte, vor. Man kam im Laufe der Untersuchungen zu der Erkenntnis, dass „beinahe alle Lander, die eine Zentralbank besafien, in der Lage waren ihre Geldmenge elastisch zu steuern“ ( Guse 2009, 6).

Dies wollte man auch erreichen, aber der Vorschlag erntete viel Skepsis und wenig Applaus (vgl. Federal Bank of Reserve). Zwar unterstutzen die Banken den Vorschlag, da sie an mehr Effizienz interessiert waren, aber es herrschte eine starke Bewegung der progressives, der Reformer und Zukunftsgerichteten. Diese rekrutierten sich vor allem aus dem Mittelstand, Ladenbesitzern und Bauern.

„In short, the need for financial reform had become most evident just when the progressives were attempting to limit the power of the financial commu­nity. While most bankers were interested in reforming the financial structure of the nation to make it more efficient and centralized, the progressives were interested in reforming the financial structure by making the banking system less powerful^ ( Johnson 2010, 17)

Es bedurfte einiger weiterer Jahre und der Wahl President Woodrow Wilsons, bis im Dezember 1913 der Federal Reserve Act beschlossen wurde. Der Faktor, der fur Wilson entscheidend war, konnte durchgesetzt werden: Das Netzwerk von Privatbanken wur­de einer offentlichen Behorde, dem Federal Reserve Board, unterstellt. Das Board sollte koordinieren, aber auch kontrollieren. Damit sollte gewahrleistet werden, dass kein Mo- nopol der Privatbanken entstehen konnte (vgl. Johnson 2010, 21).

2.2 Funktion und Aufbau

Das Federal Reserve System[3] besteht aus dem Board of Governors, einer Art Vorstand, dem Federal Open Market Committee (FOMC) und letztlich den zwolf Federal Reserve Banks[4], die wiederum 25 Zweigstellen und zahlreiche Mitgliedsbanken haben ( Guse 2009, 6).

Dabei ist das Board of Governors eine zentrale Institution innerhalb des Systems. Der Prasident wahlt sieben Mitglieder mit Zustimmung des Senats fur 14 Jahre ins Amt. Dabei gilt das Rotationsprinzip, nachdem alle zwei Jahre ein Mitglied das Ende der Amtszeit erreicht hat und ausgewechselt wird. Des weiteren hat das Board einen Vorsitzenden und einen Vize-Vorsitzenden[5]. Dieser wird ebenfalls vom Prasidenten furjeweils vier Jahre gewahlt, die Amtszeit des Vorsitzenden ist nicht begrenzt. Allerdings gilt fur den Vorsitzenden und seinen Vize die Mitgliedschaft im Board of Governors als Bedingung. Somit sind maximal 14 Jahre moglich (vgl. Guse 2009, 6 ff.).

Das foderale System der Fed baut auf eine Verteilung der Kontrolle in verschiedene Distrikte, die in verschiedensten Regionen in den USA liegen, auf: Die Federal Reserve Banks. Auch die Governeure (beziehungsweise Mitglieder des Boards) stammen aus den verschiedenen Distrikten verteilt. Dies hat einerseits den Zweck dem „Ostkustenestablis- hment entgegenzuwirken“[6] ( Guse 2009, 7) und andererseits sollen damit wirtschaftliche und geldpolitische Entwicklungen in den einzelnen Regionen besser beobachtet werden konnen. Dabei unterliegt die Art der Umsetzung von Mafinahmen und Aufgaben dem FOMC, der aus den sieben Boardmitgliedern und funf Prasidenten der regionalen Fe­deral Reserve Banks besteht. Fur die eigentliche Umsetzung jeglicher geldpolitischer Mafinahmen ist allerdings das Board of Governors zustandig (vgl. Guse 2009, 9).

Die Struktur der Fed deutet auf ein hybrides Modell hin. Die privaten Mitgliedsbanken der Federal Reserve Banks sind letztlich Geldgeber und Eigentumer der Fed.[7] Anderer­seits wird das Board vom Prasidenten gewahlt. Also kann man die Fed als ein halb staatliches, halb privatwirtschaftliches System bezeichnen (vgl. Wrobel 2010, 8).

Mit der Grundung der Fed wurde 1913 der Grundsatz der Notenbank im Federal Reserve Act festgelegt. Dessen kompletter Titel lautet:

„An Act To provide for the establishment of Federal reserve banks, to furnish an elastic currency, to afford means of rediscounting commercial paper, to establish a more effective supervision of banking in the United States, and for other purposes.“

Wrobel 2010, 8 ff. hebt hier einen interessanten konzeptionellen Unterschied zur Euro- paischen Zentralbank (EZB) hervor. Wahrend die EZB in erster Linie die Preisstabilitat als Vorgabe hat, liegt die Erreichung eines hohen Beschaftigungsstands in der Verant- wortung der Fed. Dies ist zwar neben Preisstabilitat zu erwahnen, zeigt aber einen eher politischen Aspekt in der Zielsetzung auf. Teil der Aufgaben der Fed sind „maximum employment, stable prices, and moderate long-term interest rates“ ( Federal Reserve Act 1913, Section 2A) zu fordern. Wie sich dies auf die Unabhangigkeit der Fed auswirkt, wird im folgenden Abschnitt behandelt.

3 Unabhangigkeit und Einfluss der Politik

Auf die Frage, wem die Fed gehore, schreibt die Fed selbst, dass man niemandem „geho- re“ und keine private, profitorientierte Institution sei. Weiterhin heifit es in der Selbst- beschreibung man sei independent within the government rather than independent of government^[8]

Die faktischen Eigentumer der Fed sind die privaten Mitgliedsbanken, die per Gesetz drei Prozent ihres Kapitals bei den Federal Banks anlegen mussen. Allerdings ist ihr politischer Einfluss begrenzt. Das FOMC, das die Geldpolitik mafigeblich bestimmt, besteht in der Mehrzahl[9] aus den Governors, die wiederum vom Prasidenten gewahlt werden.

In der Praxis scheint die Definition als Hybrid-Modell oft problematisch zu sein. Im Fruhjahr 2008 stellten zwei Reporter des US-amerikanischen TV-Senders Bloomberg bei der Fed eine Anfrage[10], um Informationen uber das 1,2 Billionen US-Dollar schwere Hilfsprogramm, das die Fed zwischen 2007 bis 2010 in Form von Krediten an Banken verteilt hat, zu erhalten. Sie wollten wissen, welche Unternehmen zu welchen Konditionen dadurch offentlich-finanzierte Gelder erhalten haben. Die Fed lehnte den Antrag ab und begrundete dies damit, dass die betreffenden Unterlagen nicht beim Board, sondern bei der Federal Reserve Bank of New York liegen wurden. Diese wiederum ist keine Behorde (sondern ein Privatunternehmen) und unterliegt nicht dem Auskunftsrecht der US-Burger (vgl. Fleschert 2009, 1 ff.).

Die Idee einer unabhangigen Zentralbank spielt eine wesentliche Rolle, da Politiker und Zentralbanker in der Regel unterschiedliche Prioritaten besitzen. Zentralbanker sind eher konservativ und tendieren zur Angst vor Inflation. Politiker hingegen sind sich zwar der Gefahr der Inflation bewusst, schatzen aber zum Beispiel Wachstum und Beschaftigung als wichtiger ein. Ein Interessenkonflikt ist also vorprogrammiert (vgl. Goodman 1991, 329).

Allgemein hat sich im Westen das Konzept einer unabhangigen Zentralbank durch- gesetzt. Ein entscheidender Punkt, warum Politiker freiwillig einen Teil ihrer Kontrolle uber die Geldpolitik aus der Hand geben, ist die Tatsache, dass die Notenbank langer- fristig handeln kann. Nach dem Motto, „lieber keine Macht, als dass mein Nachfolger sie missbrauchen konnte“, kann eine unabhangige Notenbank uber mehrere Legislatur- perioden konsequent eine bestimmte Geldpolitik verfolgen (vgl. ebenda, 346).

Wrobel sieht als Kern einer unabhangigen Notenbank die Tatsache, dass sich alle Be- teiligten vorab auf eine gemeinsame und langfristige Stabilitatspolitik einigen. Letztlich soll folgendes damit erreicht werden:

„Den Politikern wird im Fall einer unabhangigen Zentralbank das entschei- dende Instrument zur Verfolgung von Phillips-Kurven-Zielen[11] aus der Hand genommen, so dass sie ihre beschaftigungs- und finanzpolitischen Ziele nicht mithilfe der Geldpolitik erreichen und dadurch die Preisniveaustabilitat ge- fahrden konnen.“ ( Wrobel 2010, 7)

Auch rechtlich ist die Unabhangigkeit der Fed wackelig, denn eine klare Rechtsgrund- lage dazu existiert nicht. Unabhangigkeit besteht insofern darin, dass ihre Handlungen nicht vom Prasidenten oder allgemein der Exekutive genehmigt werden mussen. Recht­lich besitzt der Kongress in den USA die Hoheit fur den Staatshaushalt und diesem ist die Fed untergeordnet. Gleichzeitig bedeutet dies aber, dass der Kongress die gesetzli- che Grundlage (den Federal Reserve Act von 1913) theoretisch jederzeit andern kann (vgl. Ruckriegel und Seitz 2002, 1575). Als Gegenbeispiel sei die EZB genannt, deren Aufgaben in den Vertragen von Maastricht (Art. 108) festgelegt wurden. Eine Anderung dieser, bedarf einer Ratifizierung aller EU-Lander. Die Hurde ist hier also ungleich hoher gesetzt (vgl. Wrobel 2010, 8).

Neben der rein strukturellen und institutionellen Bedingungen spielen auch Person- lichkeiten, Kontakte und Ideologien eine gewichtige Rolle beim Verhaltnis der Fed zur Politik und Wirtschaft.

[...]


[1] Korner, A. am 8. November 2010 im Focus: „Der Dollar fallt auf null“ http://www.focus.de/ finanzen/news/wirtschaft-der-dollar-faellt-auf-null_aid_569799.html <abgerufen am 28. Februar 2012>.

[2] Im Englischen unter dem Begriff Panic of 1907 oder auch Bankers’ Panic bekannt.

[3] Streng genommen gibt es also nicht die Fed, sondern nur das Federal Reserve System.

[4] Diese werden auch Distrikt-Notenbanken genannt. Liste der Federal Reserve Banks: Boston, New York, Philadelphia, Cleveland, Atlanta, Chicago, Richmond, St. Louise, Minneapolis, Kansas City, Dallas und San Francisco. Der Hauptsitz ist in Washington D.C. Anzumerken ist hier auch, dass die New Yorker Reserve Bank das einzige permanente Mitglied der FOMC ist, wahrend die anderen regionalen Banken im zwei- und dreijahrigen Rhythmus wechseln.

[5] Diese sind bei den sieben Mitgliedern eingerechnet. Also die zwei Vorsitzenden plus funf Mitglieder.

[6] Damit ist die traditionelle Dominanz New Yorks im Bankensektor gemeint.

[7] Ab einer gewissen Grofie wird eine Privatbank automatisch Mitglied der Fed. Insgesamt sind derzeit etwa 2900 Banken Mitglied. Siehe dazu „How is the Federal Reserve System structured?": http: //www.federalreserve.gov/faqs/about_12593.htm <abgerufen am 1. Marz 2012>.

[8] Selbstbeschreibung der Fed: Who owns the Federal Reserve? http://www.federalreserve.gov/ faqs/about_14986.htm <abgerufen am 10. Marz 2012>.

[9] Sieben Stimmen, wahrend die Mitgliedsbanken nur funfhaben. Siehe dazu auch Factcheck.org: http: //factcheck.org/2008/03/federal-reserve-bank-ownership/ <abgerufen am 5. Marz 2012>.

[10] Die Reporter beriefen sich dabei auf den Freedom of Information Act (FOIA), der jedem US-Burger das Recht einraumt, Zugang zu Dokumenten der Regierung zu bekommen.

[11] Die Phillips-Kurve ist ein okonomisches Modell, dass Zusammenhange zwischen Inflation und Ar- beitslosigkeit erklart. Wie weiter oben erwahnt, ist aber bei einer unabhangigen Zentralbank (wie zum Beispiel der EZB), die Arbeitslosigkeit nicht primar im Aufgabenbereich der Zentralbank zu sehen.

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656236405
ISBN (Buch)
9783656236795
Dateigröße
799 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197546
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,3
Schlagworte
Immobilienkrise Subprime Fed Finanzkrise USA Geldpolitik

Autor

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