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Mutter Theresa - Leben und Werk einer "Ausgesonderten"?

Von modernen Superstars und christlichen Heiligen

Hausarbeit 2009 25 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erscheinungsformen des „Heiligen“ als „Ausgesonderten“

3. Biographie

4. Mutter Teresa eine „Ausgesonderte“?
4.1 Der Aspekt der Abgrenzung
4.2 Bewertung im soziokulturellen Kontext
4.3 Aufgriff von Missständen und Bedürfnissen der Gesellschaft
4.4 Rolle und Funktion
4.5 Ambivalente Züge
4.6 Besondere Fähigkeiten und Kräfte

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Mutter Teresa ist ohne Zweifel einer der bekanntesten Frauen der Zeitgeschichte. Mit ihr werden automatisch Entwicklungshilfe, Sozialdienst, die Ärmsten der Armen und ihr weißer Sari mit den blauen Streifen assoziiert. Nach der Verleihung des Friedensnobelpreises hat sich zunächst wenig an ihrem positiven Image als Ikone der Nächstenliebe und des tiefen Gottesglaubens geändert. Erst als Kritiker, wie Christopher Hitchens mit seiner Sendung „Hells Angels“, an die Öffentlichkeit gehen und das Buch „Komm sei mein Licht! Die geheimen Aufzeichnungen der Heiligen von Kalkutta“ die Gottesferne und Trostlosigkeit von Mutter Teresa beschreiben, kommen erste Zweifel an dem von vielen Biographen vermittelten einheitlichen Bild von Mutter Teresa auf. Wer war Agnes Gonxha Bojaxhiu bzw. Mutter Teresa wirklich? Was machte ihre Persönlichkeit aus? Wie konnte sie ein solch großes Werk in der Welt errichten? Auf diese Fragen möchte ich in meiner Hausarbeit näher eingehen, da die Geschichte von Mutter Teresas’ Persönlichkeit häufig hinter die Geschichte ihres Lebenswerkes und ihrer Ehrungen trat. In meiner Arbeit möchte ich einerseits versuchen ansatzweise ihrem geistlichen Profil gerecht zu werden und andererseits auch ihre Kritiker zu Wort kommen lassen.

Zu dem möchte ich mich als Basis für meine Untersuchung auf die Theorie von Hans-Peter Hasenfratz beziehen und der Frage nachgehen, in wie weit der von ihm aufgestellte Kriterienkatalog des Heiligen als „Ausgesonderten“ auf die selig gesprochene Mutter Teresa zutreffen. Im zweiten Kapitel möchte ich zunächst die Theorie von Hasenfratz erläutern. Darauf folgt im dritten Kapitel die Darstellung der Biographie von Mutter Teresa. An dieser Stelle möchte ich mich hauptsächlich auf ihren Werdegang, ihre Werke und Einrichtungen beziehen und weniger auf ihre Preise und Auszeichnungen dafür. Deshalb ist eine Liste derer lediglich im Anhang aufgeführt. Auf die wichtigsten Verleihungen, pressewirksamsten Reisen und persönlich bedeutsamen Erlebnisse werde ich jedoch in der Biographie eingehen. Anschließend möchte ich im vierten Kapitel die Kriterien von Hasenfratz wieder aufgreifen und auf das Leben und Werk von Mutter Teresa hin anwenden. Abschließend werde ich in einem kurzen Fazit die wichtigsten Ergebnisse meiner Untersuchung zusammenfassen.

2. Erscheinungsformen des „Heiligen“ als „Ausgesonderten“

In der Religionswissenschaft ist es noch nicht gelungen die Gestalt des Heiligen zufrieden- stellend zu definieren, denn die Begriffe ‚heilig’ und ‚das Heilige’ sind zu strittig, um hilfreich bezüglich einer Definition zu sein.[1] Es gibt zu viele komplexe Assoziationen und Vorstellungen, die mit dem Terminus ‚heilig’ in Verbindung gebracht werden können, als dass man seinen semantischen Wert als Begriff bestimmen könnte.[2]

Hans-Peter Hasenfratz bezeichnet den Heiligen als ‚Ausgesonderten’ und steckt in seinen näheren Ausführungen dazu einen Rahmen ab, in dem das Phänomen und die Gestalt des Heiligen zu verorten ist. Dieser Rahmen umspannt nicht speziell die christliche Vorstellung des Heiligen, sondern möchte diese lediglich in einen allgemein gültigen, empirisch haltbare Beziehung bringen. Der Begriff des Heiligen wird weder als abhängig von der Moral charakterisiert, noch als zwingend auf Gott bezogen. Hasenfratz geht es darum, einen religionsgeschichtlichen Zusammenhang zu formulieren, in dem auch der christliche Heilige seinen Bestimmungsort findet.[3]

Hasenfratz geht zunächst einmal davon aus, dass es in einer traditionellen Gesellschaft eine besondere raum-zeitliche und soziale Strukturierung der Wirklichkeit gibt. Er unterscheidet zwischen dem Bereich des Lebens und der Ordnung, wo der Mensch in Gemeinschaft lebt und dem Bereich des Todes, der sich örtlich, zeitlich und gesellschaftlich außerhalb des Bereichs des Lebens befindet. Wer sich demnach aus der menschlichen Gemeinschaft entfernt, gerät in den lebensfeindlichen Bereich des Chaos.[4] Es ist jedoch auch möglich, dass Tod und Chaos „im Innern der menschlichen Gemeinschaft also mitten im Kosmos, aufbrechen“.[5] Dies ist bei dem Tod eines jeden Menschen der Fall. Durch integrative Rituale soll dem Toten im Falle eines „seligen Todes“ die Möglichkeit gegeben werden, in der Gemeinschaft zu verbleiben.[6] Handelt es sich jedoch um einen „unseligen Tod“, so werden „exterminatorische Rituale“ angewandt.[7] Gleiches gilt für Verhalten, Stand oder Zustand entgegen der gesellschaftlichen Normen. So gelten Straftaten, Armut und Krankheit als das Leben und die Gemeinschaft bedrohend. Die Gesellschaft reagiert mit Ausstoßungsritualen und sozialer Totstellung. Es ist jedoch auch möglich, dass sich der Bereich des Lebens entgegen des Bereichs des Todes ausweitet beispielsweise durch die Gründung einer Stadt inmitten einer öden Wüste. Wer sich in der Zone des Chaos aufhält und dort lebt, partizipiert auch an dessen Kräften und erlangt besondere Fähigkeiten außerhalb der Ordnung. Der Wald und die Wüste, sind jedoch nicht ausschließlich Bereiche des Chaos, sondern auch Orte der Gottesnähe und Gottesbegegnung, wie sich bei Indern und Christen zeigt. So ziehen sich beispielsweise Mönche und Heilige in den Wald zurück, um sich spirituell zu sammeln und von der Gottheit neue Kräfte zu erhalten. Diese freiwillige Absonderung erweitert den Kosmos des Lebens.[8] Ob die Einteilung von Chaos und Kosmos für alle Kulturen gilt, lässt sich mit Hasenfratz nicht sicher sagen.[9] Was aber bedeutet sie bezüglich eines Verständnisses des Heiligen?

Nach Hasenfratz kann der (säkulare) Heilige durch die Tatsache seines ‚Ausgesondertseins’ verständlich gemacht werden. Ausgesondert kann dabei jeder sein, der von der gesellschaftlichen Norm abweicht. Hierzu zählen sowohl politische Führer und Stars, als auch Kriminelle und Kranke.[10] Das Ausgesondertsein von der Gemeinschaft oder innerhalb der Gemeinschaft besitzt einen ambivalenten Charakter: zum einen gewinnt der Ausgesonderte an Macht und zum anderen bedeutet sein Status den sozialen Tod für ihn. Beides definiert sich über normative Bestimmungen der Gemeinschaft, welche die betreffende Person ausgrenzen. Diese Ambivalenz ist empirisch nicht zwingend erforderlich, um etwas als heilig qualifizieren zu können.[11] Es gibt unterschiedliche Formen der Aussonderung: die räumliche Entfernung von einer Gesellschaft, das Verhalten, der Stand oder Zustand entgegen einer gesellschaftlichen Norm. Diese unterschiedlichen Formen der Aussonderung überschneiden sich durch aus und können durch ihre Totstellung des Abgesonderten gerade zum Leben und zur Erweiterung der Gemeinschaft Wesentliches beitragen. So gilt der Arme in machen Gesellschaften bereits als Toter zu Lebzeiten und auf der anderen Seite ist Armut gleichzeitig eine Voraussetzung für die Erfahrung der Nähe Gottes. Ein Mönch trennt sich bewusst von all seinem Besitz und wird empfänglich für die Gnade Gottes als Geschenk. Diese Ambivalenz zeigt sich ebenfalls bezüglich alter Menschen. Auf der einen Seite fallen sie durch ihre geistige und körperliche Schwäche der Gemeinschaft zur Last und werden beispielsweise in Altersheimen ausgegrenzt. Auf der anderen Seite gelten sie jedoch auch als Träger und Vermittler von Traditionen und in manchen Kulturkreisen als besonders weise.[12]

Das Ausgegrenztsein ist jedoch bloß die grundsätzliche Bezeichnung. Ungesagte aber durchaus bedachte Dimensionen des Heiligen sind auch, das was Christen unter einem Heiligen verstehen, „der im positiven Sinne Ausgezeichnete, der Vorbildhafte“ und die Ausübung einer gesellschaftskritischen Funktion (Anprangerung von sozialen Missständen).[13] Was jedoch als Ausgezeichnet bezeichnet wird, ist abhängig von dem sozialen und gesellschaftlichen Kontext der jeweiligen Zeit. Als Beispiel führt Hasenfratz an dieser Stelle Jeanne d’Arc an, die auf dem Scheiterhaufen als angebliche Hexe ihren Tod fand und heute als Heilige angebetet wird. Die positive oder negative Bewertung ist vom zeitbedingten sozialen Kontext abhängig und kann sich dem entsprechend wandeln. Deshalb ist Ambivalenz nicht eine übernatürliche Eigenschaft von Heiligen, sondern eine stark gefühlsmäßige Reaktion der Gesellschaft und dessen Zuschreibung.[14]

Nach Hasenfratz kann der Ausgegrenzte auch positive Tätigkeiten verrichten und sich beispielsweise karitativ oder erzieherisch engagieren, wie es viele christliche Heilige getan haben. Insbesondere durch die Distanz zur Gemeinschaft kann er sich am Leben und der Ordnung des Kosmos beteiligen. Als Außenseiter kann er sowohl pädagogische Vorbildsfunktion haben, als auch Identifikationsfigur sein. Deshalb ist es nicht zwingend notwendig, dass ein Heiliger ambivalent sein muss, sondern durchaus nur positive Wesenszüge hat. Andererseits bezieht sich die Bezeichnung des Heiligen nicht bloß auf gemeinnützige Funktionen, so gibt es durchaus welche, die in Einsamkeit leben und denen die Gemeinschaft gleichgültig ist. Häufiger ist jedoch der Fall, dass Heilige eine positive Wirkung auf die Gemeinschaft haben, aus der sie herausgetreten oder aber eine neues Fundament für eine neue Gemeinschaftsform legen (wie die Pilgerväter in Amerika).[15]

Nach Hasenfratz übernimmt der Ausgesonderte eine bestimmte Rolle, die er auf seine eigene Art und Weise gestaltet und entwirft, demnach nicht etwas signifikant Neues. So erfüllt beispielsweise der christliche Heilige die bereits gegebenen Gebote in besonderem Maße. Die Gebote sind zwar für jeden Menschen erfüllbar, aber würde es jeder im gleichen Maße wie der Heilige machen, würde sich das negativ auf die Gesellschaft auswirken. Würden beispielsweise alle Menschen ihren Besitz verschenken, würde die ökonomische Basis der Gesellschaft zusammenbrechen. Bestimmte gesellschaftliche Ordnungen müssen eingehalten werden, auch der Ausgesonderte wird nach einer Ordnung bzw. bestimmten Riten ausgegrenzt. So gibt es beispielsweise konkrete Totstellungsriten in Ordensgemeinschaften oder auch rituell durchgeführte Todesstraffen bei Verbrechern. An dieser Stelle vollzieht sich nach Hasenfratz eine Relativierung des Gegensatzes zwischen Kosmos und Chaos, denn selbst die Ausgrenzung in die Unordnung, die Entlassung aus der Gesellschaft, erfolgt ordentlich.[16]

Wie lässt sich jedoch das Ausgesondertsein in einer so vielfältigen Gesellschaft, wie wir sie heut zu Tage haben, verorten? Wie kann der Ausnahmezustand zwischen dem heute Eigenen und Fremden gefunden werden, wo es eine so große Vielfalt an Lebensentwürfen gibt? Wie soll man da auffallen, egal ob positiv oder negativ? Wer würde in der heutigen Gesellschaft als Ausgesonderter gelten?[17]

Zusammenfassend können wir als Kennzeichen für den Ausgesonderten festhalten, dass er sich räumlich, zeitlich oder gesellschaftlich abgrenzt. Er hat eventuell besondere Fähigkeiten und Kräfte und weicht von der gesellschaftlichen Norm ab. Auf Grund seiner Distanz kann er die sozialen und gesellschaftlichen Missstände anprangern. Er übernimmt eine bestimmte Rolle oder Funktion, dessen Bewertung abhängig vom soziokulturellen Kontext ist. Theoretisch wäre es möglich, dass sich alle Menschen so wie er verhalten. Würden es praktisch jedoch alle tun, würde die soziale Ordnung zusammenbrechen. Nachdem ich im Folgenden Kapitel die Biographie von Mutter Teresa dargestellt habe, möchte ich überprüfen, in wie weit die hier genannten Kriterien auf sie zutreffen.

3. Biographie

Agnes Ganxhe Bojaxhiu (sprich: Gondscha Bojadschiu) wird am 27. August 1910 in Skopje geboren. Sie wird Ganxhe, albanisch für Knospe, genannt. Ihre wohlhabende Familie ist albanischer Herkunft und gehört der katholischen Minderheit an.[18] Ihr Vater Kolë Bojaxhiu ist ein begüterter Geschäftsmann und hat einen Abschluss als Apotheker. Er und seine jüngere Frau Drana haben bereits einen zweijährigen Sohn namens Lazar. Die jüngste Tochter Aga wird 1913 geboren. Im Juni 1919 stirbt Kolë Bojaxhiu mit 46 Jahren. Er war Stadtratsmitglied und kämpfte in der Bewegung für die Angliederung Skopjes an Albanien.[19] Es wird vermutet, dass er von der serbischen Polizei vergiftet wurde.[20] Schon in jungen Jahren begleiten die Kinder ihre Mutter in die Kirche und zu den Armen und Kranken der Stadt, welche Drana einmal wöchentlich mit Kleidung und Nahrung versorgt. Agnes sieht in dem Verhalten ihrer Mutter ein Vorbild, half der allein erziehenden Witwe wo sie konnte und kümmert sich gern in ihrer freien Zeit um die Armen.[21]

[...]


[1] M. Bergunder, Art. Heilige/Heiligenverehrung. I. Religionsgeschichtlich, in:RGG (2000) 3, 1539-1540, hier 1539.

[2] A. Dihle, Art. Heilig: in: Reallexikon für Antike und Christentum (1988) XIV, 1-63, hier 1.

[3] Vgl. Hasenfratz: 28-30.

[4] Vgl. a.a.O. 17f.

[5] A.a.O. 18.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Vgl. a.a.O. 18ff.

[9] Vgl. a.a.O. 41.

[10] Vgl. a.a.O. 16f.

[11] Vgl. a.a.O.: 31.

[12] Vgl. a.a.O. 20-25.

[13] A.a.O. 34.

[14] Vgl. a.a.O. 34f.

[15] Vgl. a.a.O. 36-39.

[16] Vgl. a.a.O.42-44.

[17] Vgl. a.a.O. 45.

[18] Vgl. Sammer, Marianne (2003), Mutter Teresa begegnen: 10.

[19] Vgl. Allegri, Renzo, Mutter Teresa. Ein Lebensbild: 171.

[20] Vgl. Sammer (2003): 11.

[21] Vgl. Allegri: 28f.

Details

Seiten
25
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656235897
ISBN (Buch)
9783656237518
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197500
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Schlagworte
mutter theresa leben werk ausgesonderten superstars heiligen

Autor

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