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Demokratie und Machtpolitik im antiken Athen

Eine Untersuchung des Verhältnisses von Innenpolitik und Außenpolitik im vierten Jahrhundert vor Christus

Hausarbeit 2012 14 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

I. Aufstieg zur Groftmacht

II. Athens Herrschaft uber den Seebund

III. Der Peloponnesische Krieg

IV. Fazit

Einleitung

Die athenische Demokratie im vierten Jahrhundert v. Chr. war die erste demokratische Weltmacht der Geschichte. Die Reformen des Kleisthenes (ca. 508 v. Chr.) wurden von der Burgerschaft getragen und Athen gilt als Wiege der Demokratie. Gleichberechtigung der Burger, offentliche Gesetze und die gemeinsame Beschlussfindung in der Volks- versammlung waren nach Rausch die wichtigsten Elemente des neuen Gemeinwesens[1]. Es gibt zahlreiche Untersuchungen uber die Auspragung der Demokratie, Theater und Philosophie. Spater verlagerte sich der Fokus in der Forschung auf machtpolitische Aspekte und die groGen Kriege.

Einen ahnlichen Ansatz verfolgt diese Arbeit, die sich fragt, in welchem Verhaltnis die innere Verfasstheit des Athener Gemeinwesens mit der Dynamik der attischen Expansion steht. Dazu wird der Zusammenhang zwischen Demokratie im Inneren und auGenpolitischer Planung fuhrender Reprasentanten bzw. Entscheidungsfindung in der Athener Volksversammlung beleuchtet. Wie ist unter diesen Gesichtspunkten die attische Expansion, der delisch-attische Seebund und der Peloponnesische Krieg zu sehen? Dies sind die zentralen Fragen dieser Arbeit. Meier fuhrt dazu an, dass Krieg und Demokratie die Voraussetzung der Dynamik der attischen Expansion waren[2]. Sie starkte nach seiner Auffassung zwar die Demokratie, fuhrte aber haufig zu Kriegen. In die gleiche Kerbe schlagt Bachteler, der am Beispiel Athens seine These zu verifizieren versuchte, dass griechische Demokratien genauso aggressiv waren, wie andere Staatsformen dieser Zeit[3]. In dieser Arbeit wird in Erganzung dazu die These vertreten, dass der Zusammenhang von Machtpolitik und Demokratie im klassischen Athen in einem groGeren Rahmen betrachtet werden muss. Nur im Rahmen der Konkurrenz im gesamten griechischen Siedlungsgebiet und der angrenzenden Territorien werden die Entscheidungen der Athener verstandlich.

Im ersten Abschnitt wird dazu von den Reformen des Kleisthenes ausgehend, das Verhaltnis von innerer Konsolidierung und dem Aufstieg Athens zur GroGmacht skizziert. Im zweiten Abschnitt wird auf Basis der Fragestellung auf den delisch- attischen Seebund und die Art der Herrschaft Athens eingegangen. Der dritte Abschnitt betrachtet den Peloponnesischen Krieg gemaG der Zielsetzung dieser Arbeit. Ziel ist dabei jeweils nicht die Darstellung aller Geschehnisse, sondern lediglich die Betrachtung der fur die Fragestellung relevanten Entwicklungen. Die Ergebnisse werden in einem kurzen Fazit zusammen gefasst.

I. Aufstieg zur GroRmacht

Der Sturz der Tyrannis der Peisistratiden durch die Intervention der Spartaner im Jahr 510 v. Chr. leitete nach Welwei eine neue Epoche ein[4]. Die Reformen des Kleisthenes vollendeten die Demokratie und wurden von einer breiten Burgerschaft getragen. Dank der inneren Konsolidierung und der Starke der neuen Ordnung konnten die Athener einen wichtigen Beitrag zur Abwehr der Perser leisten. Wie Smith erkennt, wurde das Ende der Tyrannis erst durch die Prasenz der spartanischen Truppen ermoglicht, einen groRen Volksaufstand gab es in der gesamten Dauer der Tyrannis nicht[5]. Dennoch hatte die Tyrannis letztendlich dazu beigetragen, dass demokratische Denken in Athen zu starken, die Tyrannis blieb nur ein Zwischenspiel. Die Furcht vor einem neuen Tyrannen wurde in der Folge eines der konstituierenden Elemente der Demokratie in Athen. Daneben sind als Errungenschaften die Neugliederung in Demen, Phylen und Trittyen, die staatliche Administration und Rechtssprechung, offentliche und gemeinsam im Rat und in der Volksversammlung beschlossene Gesetze sowie staatliche Fest und Veranstaltungen zu nennen. AuRerdem wurde bereits unmittelbar nach 510 v. Chr. mit dem militarischen Training der Burgersoldaten begonnen, wie Rausch nachweist[6]. Die Konstituierung des Strategenkollegiums (ca. 500 v. Chr.) sollte die militarische Organisation starken, aber auch vor einem zu machtigen Einzelnen schutzen, wie Welwei erlautert[7]. So sollte eine wehrhafte Demokratie geschaffen werden, wie sie auch heute noch in weiten Kreisen der USA befurwortet wird. Dass die athenische Demokratie nicht so einfach abzuschaffen war, musste nach Smith auch der Sohn des Peisistratos - Hippias - erkennen, als er 490 v. Chr. mit einer persischen Armee in Marathon landete[8]. Wenn er einen triumphalen Einzug in Athen erwartet hatte, wurde er bitter enttauscht, die Demokratie hatte sich verandert und verteidigte sich erfolgreich.

Die innere Konsolidierung fuhrte auch zu neuen Zielvorstellungen in der Burgerschaft. Die Befriedigung sozialer und wirtschaftlicher Bedurfnisse war mit den Mitteln innerer Reformen nicht mehr moglich, wie Wirth ausfuhrt[9]. Die logische Folge war die Unterwerfung auswartiger Territorien zugunsten der eigenen Wohlfahrt. Dabei war die Wohlfahrt der Unterworfenen nicht ausgeschlossen. Spater wurde zur Rechtfertigung des athenischen Imperialismus meist der Panhellenismus und die Perserabwehr vorgebracht, dies erscheint jedoch als Propaganda. Vielmehr stellt das Verhalten der Athener die Einordnung in das Machtgefuge des Mittelmeerraumes dar. Dieses erlaubte I. Aufstieg zur Gromacht3 die Vielfalt kleiner heterogener Stadtstaaten schlichtweg nicht mehr. Da es keine anerkannte Ordnungsmacht gab, blieb den Athenern nur die Wahrnehmung der eigenen Interessen. Dies ist nach machtpolitischen Gesichtspunkten vor allem durch die eigene Hegemonie moglich, wie die Staatenwelt des 20. Jahrhunderts ja noch zeigte. Die vielfachen Wechselwirkungen zwischen Innen- und AuGenpolitik bedingten sich gegenseitig und standen in enger Kausalitat.

So war der Kriegserfolg gegen die Chalkider 506 v. Chr. gleich in mehrfacher Hinsicht wichtig fur die junge Demokratie. Zum Einen sicherte der militarische Erfolg den Bestand des kleisthenischen Staates und gab Selbstvertrauen. Zum Anderen stellte die Besiedlung des Chalkidischen Landes die erste Koloniegrundung Athens dar, bei der die Siedler ihren Burgerstatus behielten. Lemnos, Salamis und andere Kolonie- grundungen folgten. Nach Rausch wurden viele Burger zu Hopliten und die Theten, die in der Flotte Dienst taten, wurden zu einem wichtigen Faktor in der Volksversammlung. Fur ihren militarischen Einsatz wollten diese Gruppen auch Resultate sehen: sozialen Aufstieg, Unterhaltung und Wohlstand. Nach Rausch kam es so zu einem Wandel in der AuGenpolitik Athens[10]. Wurde vorher meist auf Diplomatie gesetzt, wurde nun die bewaffnete Auseinandersetzung und die Abschreckung zum wirksamsten Mittel der Athener AuGenpolitik. Da die Athener Burgersoldaten aus eigenem Antrieb kampften, waren sie hoch motiviert und den damals ublichen Soldnerheeren teilweise an Kampfkraft uberlegen. Diese Konstellation findet man in ahnlicher Form in den Freiheitskriegen nach der franzosischen Revolution wieder. Dabei wurde peinlich darauf geachtet, dass die siegreichen Strategen nicht zu machtig wurden, wie das Beispiel des Miltiades zeigte, der 493 und 489 v. Chr. angeklagt wurde und aus der Politik ausscheiden musste. Dabei durfte er noch froh sein, nicht das Leben zu verlieren.

Eine Zasur in dieser Expansionsphase stellt der Perserkrieg von 480 v. Chr. dar. Wie Dreher erlautert errangen die Athener den Sieg von Marathon ohne die Spartaner und gewannen dadurch weiter an Selbstvertrauen[11].AuGerdem setzte Athen nun mehr und mehr sein gesamtes Kraftepotential ein und verwendete das Staatsvolk fur den Kriegsdienst. Zum Anderen machte das Ausscheiden Spartas aus der Symmachie Athen zum Wortfuhrer gesamtgriechischer Interessen, wie Wirth erkennt[12]. So diente der 478 neu geschaffene delisch-attische Seebund neben der Perserabwehr vor allem den immanenten athenischen Interessen: eigene Hegemonie, militarische Sicherheit, Sicherung der Handelswege zu Land und zu Wasser, Athen als wirtschaftliches Eine gunstigere Ausgangsposition zur Verwirklichung der Athener Interessen ist kaum vorstellbar. Die neue bipolare Ordnung mit Athen und Sparta als Ordnungsmachten ihrer jeweiligen Bundnisse druckte sich in der zweiten Perserabwehr aus, so errangen die Athener den Sieg in der Seeschlacht bei Salamis, wahrend die Spartaner den Landsieg in Plataiai errangen. Nach Dreher war damit der Aufstieg Athens zur GroRmacht deutlich geworden[13]. Der Wendepunkt in den Beziehungen zu Sparta stellt der erste Peloponnesische Krieg von 462 v. Chr. dar, wie de Souza ausfuhrt[14].

Wie stellt sich in diesem Lichte die Entwicklung der Athener Demokratie dar? Die erste Demokratie expandierte und eroberte, beutete seine Verbundeten aus, erhielt sich seinen Lebensstandard durch Sklaven und Machtpolitik. War die athenische Demokratie gar eine „Diktatur" der Burger wie de Ste. Croix es uberspitzt formuliert[15] ? Das ist wohl zu weit gegriffen und vergisst Athen aus seiner Zeit heraus zu betrachten. Zur Mehrung des Wohlstandes und zur eigenen Sicherheit musste Athen aus damaliger Sicht seine Position starken. Es war umgeben von Oligarchien, die seiner Entwicklung misstrauisch gegenuber standen. Das Athen sich zur Durchsetzung dieser Ziele der gleichen Mittel wie die anderen Staaten bediente, war nur naturlich und schmalert die Errungenschaften im Inneren nicht. Wie Cartledge konstatiert, war die Demokratie eine fundamentale Transformation des politischen Lebens[16]. Die politische Selbst- bestimmung der Burger war eine bahnbrechende Veranderung, vollige Gleich- berechtigung war damals einfach nicht denkbar. AuRerdem stellten die auRenpolitischen Erfolge einen konsolidierenden Faktor fur die Demokratie dar, ohne diese Erfolge ist es ungewiss, ob der kleisthenische Staat weiter bestanden hatte. Auch heute verhalten sich Demokratien unter bestimmten Umstanden aggressiv, wie viele Konflikte der letzten Jahre zeigen. Auch heute gibt es innerhalb der Demokratien einflussreiche Schichten und vor allem die wirtschaftliche Expansion und Ausbeutung anderer wird stillschweigend in Kauf genommen, um den eigenen Lebensstandard zu halten. Betrachtet man also die heutigen Demokratien und ihre Machtpolitik lassen sich einige Parallelen mit der athenischen Demokratie erkennen. AuRerdem beutete Athen seine Verbundeten bis hierhin nicht extensiv aus und achtete in gewissem Umfang deren Interessen und Souveranitat. Im folgenden Abschnitt wird daher die Auspragung des delisch-attischen Seebundes in den folgenden Jahren genauer beleuchtet.

[...]


[1] Rausch, Mario: Isonomia in Athen, S.1.

[2] Meier, Christian: Die Rolle des Krieges im klassischen Griechenland, S.555-605.

[3] Bachteler, Tobias: Explaining the Democratic Peace, S.315-323.

[4] Welwei, Karl-Wilhelm: Das Klassische Athen, S.1.

[5] Smith, J.A.: Athens under the Tyrants, S.88.

[6] Rausch, Mario: Isonomia in Athen, S.255.

[7] Welwei, Karl-Wilhelm: Das Klassische Athen, S.22.

[8] Smith, J.A.: Athens under the Tyrants, S.89.

[9] Wirth, Gerhard: Einleitung, S.4.

[10] Rausch, Mario: Isonomia in Athen, S.294.

[11] Dreher, Martin: Athen und Sparta, S.73.

[12] Wirth, Gerhard: Einleitung, S.6.

[13] Dreher, Martin: Athen und Sparta, S.87.

[14] de Souza, Philip: Essential Histories, S.12.

[15] de Ste. Croix, G.E.M.: Origins of Peloponnesian War, S.45.

[16] Cartledge, Paul: Eine Trilogie uber die Demokratie, S.67.

Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656236238
ISBN (Buch)
9783656238362
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197470
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Seminar für Didaktik der Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
Antike Demokratie Macht Innenpolitik Außenpolitik Dynamik

Autor

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Titel: Demokratie und Machtpolitik im antiken Athen